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Paddington hilft, wo er kann und andere Geschichten

Michael Bond (1926 – 2017), geboren im englischen Newbury, war Mitarbeiter bei der BBC und später Kameramann beim Fernsehen. Er schrieb Kurzgeschichten, Hörspiele und Drehbücher. 1958 veröffentlichte er sein erstes Paddington-Buch. Dreizehn Bände sind insgesamt erschienen; sie machten ihn zu einem der erfolgreichsten Kinderbuchautoren der Welt.

Zuletzt lebte Michael Bond als freier Autor in London.

Inhalt

Lesetipps

Eine abenteuerliche Bootsfahrt

Zum Ersten … zum Zweiten … zum Dritten!

Für große und kleine Bastler

Paddington im Kino

Ein Ungeheuer in der Küche

Wäschewaschen ist nicht leicht

Der Sommer-Geburtstag

Ein großer Plan

Paddington geht zur Bank

Der Reisepass

Paddington als Helfer in der Not

Das Volksfest

Paddington und der Admiral

Paddington als Rennfahrer

LesetippsGeschichten von kleinen und großen, mutigen und gewitzten Helden. Geliebt und unvergessen: Lieblingsbücher bei Gulliver

Mr. Poppers Pinguine von Richard & Florence Atwater

Geschichten von Paddington von Michael Bond

Paddington hilft, wo er kann und andere Geschichten von Michael Bond

Als die Tiere den Wald verließen von Colin Dann

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Eine abenteuerliche Bootsfahrt

Paddington setzte sich im Bett auf. Er spitzte die Ohren und guckte verwundert um sich. Es war noch früh am Morgen. So früh, dass er gähnen musste. Was hatte ihn aufgeweckt? Es war noch lange nicht Frühstückszeit.

Prüfend schaute sich der kleine Bär im Zimmer um. Aber alles war an seinem Platz wie immer.

Auf dem kleinen Schrank neben dem Bett stand die Fotografie seiner Tante Lucy aus Peru. Daneben stand ein großer Marmeladentopf. An einem Haken hing sein heiß geliebter Hut. An einem zweiten Haken der Mantel.

Nichts fehlte. Aber wo war denn das kleine Köfferchen? Paddington erschrak. Er hob die Bettdecke. Ach, da lag es ja! Jeden Abend versteckte er es sorgsam im Bett. Denn in dem Köfferchen lagen sein Tagebuch und die anderen kleinen Sachen.

Er seufzte erleichtert auf. Nun konnte er noch lange, lange schlafen. Schnell fuhr er mit der Pfote in den Marmeladentopf. Nichts schmeckt besser vor dem Einschlafen als Marmelade. Aber was war das? Der kleine Bär hörte Stimmen aus dem Garten. Die Haustür fiel laut zu. Teller klapperten. War das nicht Mr Browns Stimme?

Paddington steckte die Pfote ins Maul und schleckte die Marmelade ab. Dann sprang er aus dem Bett und lief zum Fenster. Er schaute hinaus. Vor Erstaunen fiel er beinahe auf den Rücken. Das war doch nicht möglich! So früh am Morgen! Er rieb sich die Augen. Er presste die Schnauze an das kühle Glas.

Auf dem Rasen vor dem Haus war die ganze Familie Brown versammelt. Niemand fehlte: Mr und Mrs Brown, Jonathan und Judy. Sie standen um einen großen Korb herum. Mrs Bird, die Haushälterin, kam aus der Küche. Sie trug ein Tablett, auf dem ein Berg knuspriger Brötchen lag. Der kleine Bär kletterte vom Fensterbrett und sauste die Treppe hinunter. Das alles war sehr geheimnisvoll. Und wenn etwas geheimnisvoll war, dann durfte er auf keinen Fall fehlen.

Er purzelte die Treppe hinunter und stürzte atemlos in den Garten.

»Auf unseren Paddington ist Verlass!«, riefen alle im Chor. Mrs Bird brummte: »Dieser Bär kann frische Brötchen kilometerweit riechen.«

Judy lachte und drohte dem kleinen Bären mit dem Finger. »Paddington!«, rief sie. »Wir wollten dich überraschen! Deshalb sind wir besonders früh aufgestanden.«

Der kleine Bär schaute die ganze Familie Brown der Reihe nach erstaunt an. Was konnten sie damit gemeint haben, dass auf ihn Verlass sei?

»Nur keine Aufregung, Paddington! Alles ist in Ordnung«, beruhigte ihn Mrs Brown. »Wir machen eine Bootsfahrt auf dem Fluss.«

»Und es gibt einen Wettbewerb«, rief Jonathan und schwenkte eine Angelrute. »Wer den ersten Fisch fängt, erhält einen Preis von Papa.«

Die Augen des kleinen Bären wurden größer und größer. »Eine Bootsfahrt?«, brummte er vergnügt. »Eine Bootsfahrt auf dem Fluss! Ich glaube nicht, dass ich je in einem Boot auf einem Fluss gefahren bin.«

»Umso besser«, sagte Mr Brown und zwirbelte seinen Schnurrbart. »Dann ist es eben deine erste Bootsfahrt. Ein herrlicher Tag. Das Wetter ist prächtig! Wir fahren gleich los. Beeil dich und iss dein Frühstück!«

Das ließ sich der kleine Bär nicht zweimal sagen. Während die Familie den Proviantkorb im Auto verstaute, lief er ins Haus. Gewiss gab es heute wieder eine ganze Menge unerwarteter Abenteuer. Nichts liebte der kleine Bär mehr als Abenteuer.

Auf dem Tisch im Wohnzimmer stand das Frühstück für ihn bereit. Paddington setzte sich hin, nahm einen tüchtigen Schluck Kakao, tunkte ein Brötchen in die Marmelade und stopfte es ins Maul. In dem Augenblick trat Mrs Bird ins Zimmer.

»Hm«, murmelte der kleine Bär mit vollem Maul, »hoffentlich habe ich nie in meinem Leben alles getan. Denn sonst gibt es keine Überraschungen mehr!«

»Hm«, antwortete Mrs Bird streng, »du wirst gleich eine Überraschung erleben, wenn du noch mal ein ganzes Brötchen auf einmal in den Mund stopfst. Und wisch dir die Marmelade ab! Ich habe noch nie jemanden gesehen, der sich beim Essen so verschmiert wie du.«

Paddington schluckte hastig. Er sah sehr beleidigt aus. »Ich wollte mich doch nur beeilen, Mrs Bird«, erklärte er.

Dann lief er ins Badezimmer und fuhr sich mit dem Waschlappen dreimal über die Schnauze. Ach, wie viele wichtige Dinge gab es noch zu tun! Er holte den kleinen Koffer. Dann nahm der kleine Bär den Atlas aus dem Schrank, schlug ihn auf und suchte auf der Landkarte den Fluss. Eine Bootsfahrt auf dem Fluss – das war ja ein richtiges Abenteuer!

Nichts fand der kleine Bär schöner, als in einem vollgepackten Auto durch die Landschaft zu fahren. Mrs Bird schien das anders zu sehen. Sie rückte bestimmt zum vierzigsten Mal ihren Hut zurecht und warf einen düsteren Blick um sich. »Ich weiß wirklich nicht, woran es liegt«, rief sie laut, »aber immer, wenn wir irgendwohin fahren, wird das halbe Haus in das Auto gepackt!«

So unrecht hatte sie nicht. Es war ungemütlich eng im Wagen. Neben dem Riesenkorb mit Proviant standen Jonathans Grammophon und seine Schallplatten. Da gab es Fischernetze, Angelruten, einen zusammenklappbaren Sonnenschirm. Und ganz obenauf lagen die Luftkissen. Für jedes Mitglied der Familie eines.

Mrs Brown rutschte unruhig hin und her. Mrs Bird hat eigentlich recht, dachte sie im Stillen. Das Köfferchen des kleinen Bären drückte sie am Rücken. Beugte sie sich nach vorne, so kitzelte sie die Krempe von Paddingtons Hut im Gesicht. Der kleine Bär setzte immer seinen alten Hut auf, wenn er das Haus verließ.

»Ist es noch weit?«, fragte Mrs Brown.

Der kleine Bär hielt den Atlas auf den Knien ausgebreitet. Er warf einen Blick hinein. »Es ist nicht mehr weit«, brummte er. Mit der Pfote fuhr er auf der Karte die Straße nach und verkündete: »Nur noch eine einzige Kurve!«

»Höchste Zeit!«, murmelte Mrs Brown. Sie waren bereits einmal an diesem Morgen in die falsche Richtung gefahren. Paddington hatte auf der Karte einen Flecken aus eingetrockneter Marmelade für den Fluss angesehen.

»Nein, so was«, hatte Mrs Bird gebrummt. »Einer Marmeladenspur nachzufahren! Das kommt davon, weil ein gewisser Jemand die Pfoten nicht gewaschen hat.«

Seither fühlte sich der kleine Bär ein bisschen schuldig. Er steckte den Kopf aus dem Fenster und schnüffelte.

»Wir sind gleich da«, rief er. »Aber es riecht hier so komisch!«

»Was so komisch riecht, ist das Gaswerk«, sagte Mr Brown. »Der Fluss ist auf der anderen Seite, Paddington.«

Gerade in diesem Augenblick fuhren sie um die letzte Kurve. Vor ihnen lag eine weite, in der Sonne glitzernde Wasserfläche.

Die Augen des kleinen Bären glänzten. Während die anderen das Auto ausluden, stand er stumm und tief beeindruckt am Ufer.

Wie viele Boote gab es da! Große und kleine Ruderboote und Motorboote. Noch niemals in seinem Leben hatte er so viele Boote auf einmal gesehen. Am schönsten waren die Segelboote. Die weißen Segel blähten sich im Wind. Mitten im Fluss fuhr ein Dampfer vorbei. Große Wellen liefen zum Ufer. Die Boote am Landungssteg begannen zu schaukeln. Die Menschen auf dem Dampfer lachten und winkten Paddington vergnügt zu.

Der kleine Bär zog höflich den Hut und winkte zurück. »Ich glaube«, seufzte er glücklich, »der Fluss wird mir gut gefallen.«

»Das will ich hoffen, mein Lieber«, antworte Mrs Brown. »Wir machen diesen Ausflug extra wegen dir.«

Sie warf einen besorgten Blick auf die Boote. Als Mr Brown eine Fahrt auf dem Fluss vorgeschlagen hatte, war sie wie alle anderen begeistert gewesen. Jetzt hatte sie ein ganz seltsames Gefühl. Außerdem war sie sicher, dass auch Mrs Bird das gleiche seltsame Gefühl hatte. Aus der Nähe besehen, wirkten die Ruderboote nämlich schrecklich klein.

»Bist du ganz sicher, Henry«, fragte sie, »dass so ein Boot nicht umkippen kann?«

»Umkippen? Aber Mary! Sei ganz ruhig und überlass nur alles mir!«

Mr Brown suchte das schönste Boot aus. »Paddington übernimmt das Steuer«, sagte er.

Der kleine Bär spitzte die Ohren. Was sollte das heißen? Ein Steuer? Wo gab es im Boot ein Steuer?

»Dort! Das Ding mit den zwei Stricken!«, flüsterte ihm Judy zu.

»Besten Dank, Mr Brown!«, rief Paddington und tippte an die Hutkrempe. Er durfte am Steuer sitzen! Mit vor Aufregung funkelnden Augen kletterte er in das Boot und betastete alles mit den Pfoten.

»Der Bootsverleiher ist beschäftigt!,« erklärte Mr Brown, als er den anderen in das Boot half. »Ich habe ihm gesagt, dass wir ihn nicht brauchen. Es ist kinderleicht, ein Boot vom Steg abzustoßen.«

»Paddington!« Das war die Stimme von Mrs Brown. Mrs Birds neuer Sommerhut schwebte an der Angel über dem Wasser!

»Leg doch endlich die Angelrute weg!«

»Ich wollte wirklich nicht den Hut angeln«, sagte der kleine Bär. »Es war ein Versehen. Ich habe nur die Angelrute ausprobiert. Denn heute muss ich unbedingt einen Fisch fangen.«

»Alles bereit?«, fragte nun Mr Brown. Er setzte sich und packte mit festem Griff die Ruder. »Es geht los. Luvwärts, Paddington!«

»Luv – was?«, schrie der kleine Bär.

»Vielleicht wäre es besser, Henry«, sagte Mrs Brown, »wenn du wie ein gewöhnlicher Mensch reden würdest. Paddington versteht doch deine seemännischen Ausdrücke nicht!«

»Zieh am Steuer!«, rief Mr Brown. »Los, Paddington! Mehr nach links!«

»Du lieber Himmel«, seufzte Mrs Bird. Mit der einen Hand klammerte sie sich an den Bootsrand. Mit der zweiten Hand hielt sie ihren Sonnenhut fest. Die Leute am Ufer starrten bereits auf das Boot der Familie Brown.

Im Heck des Bootes saß der kleine Bär und dachte: So ein Steuer ist doch seltsam. Hinten hängt ein kleines Brett ins Wasser. Und hier sind zwei Stricke, einer rechts und einer links. Was heißt hier eigentlich links? Meinte Mr Brown meine linke Pfote? Oder links von sich aus?

Paddington zog an beiden Stricken. Das ist auf jeden Fall richtig, dachte er und zog mit allen Kräften. Mr Brown legte sich in die Ruder. Alle warteten gespannt darauf, was nun geschehen würde.

Es geschah gar nichts. Das Boot rührte sich nicht vom Fleck.

»Henry«, sagte Mrs Brown nach einer Weile, »wäre es nicht viel einfacher, wenn du zuerst das Boot losbinden würdest?«

»Was!«, schrie Mr Brown. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und warf einen beleidigten Blick über die Schulter zurück. »Hat das noch niemand getan?«

»Ich tu’s schon!«, rief Paddington. Er kletterte auf den Bootsrand.

Alle warteten geduldig, während der kleine Bär den Strick untersuchte, mit dem das Boot am Landungssteg festgebunden war. Einen Knoten aufzuknüpfen, war durchaus nicht einfach. Pfoten sind dafür nicht sehr geeignet.

Schließlich verkündete Paddington stolz, dass es ihm gelungen sei.

Mr Brown legte sich wieder mit aller Kraft in die Riemen. »Leg ab, Paddington! Haltet euch alle fest!«

»Was soll ich tun?«, rief Paddington zurück. Die Ruder klatschten aufs Wasser. Doch niemand verstand, was er gerufen hatte. Das war ja noch viel aufregender, als er es sich vorgestellt hatte. Aber es war alles so verwirrend. Zuerst hatte Mr Brown befohlen, das Seil loszuknüpfen. Und nun schrie er, alle sollten es wieder festhalten?

Paddington schloss die Augen und klammerte sich mit beiden Pfoten an das Halteseil.

Was dann geschah, wusste er später nicht mehr. Gerade noch stand er im Heck des Bootes. Dann war das Boot plötzlich nicht mehr da.

»Henry«, schrie Mrs Brown, als sie ein lautes Platschen hörte. »Um Himmels willen! Paddington ist ins Wasser gefallen!«

»Bär über Bord!«, rief Jonathan. Das Boot schoss vom Landungssteg weg. Mr Brown hatte es mit großer Kraft abgestoßen.

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»Halt dich am Seil fest, Paddington!«, schrie Judy. »Wir kommen!«

»Ich halte mich fest«, gurgelte der kleine Bär, als er wieder aus dem Wasser auftauchte und nach Luft schnappte.

»Schneller, Henry«, rief Mrs Brown voller Angst. Sie versuchte, mit dem Sonnenschirm nach Paddington zu angeln.

»Paddington kann doch nicht schwimmen«, stieß Judy hervor.

»Was sagst du?«, rief der kleine Bär, der im Wasser umherplantschte.

»Sie hat gesagt, du kannst nicht schwimmen«, rief Mr Brown.

Da bekam der kleine Bär einen fürchterlichen Schrecken. Was Judy gesagt hatte, stimmte wirklich: Er konnte nicht schwimmen. Verzweifelt streckte er die Pfoten in die Luft. Ein gurgelnder Laut folgte. Im nächsten Augenblick war der kleine Bär im Wasser verschwunden.

»Du bist schuld daran, Henry«, jammerte Mrs Brown. »Warum musst du auch so dumme Sachen sagen. Paddington schwamm schön obenauf, bis du ihm gesagt hast, er könne nicht schwimmen.«

»Immer soll ich an allem schuld sein!«, murmelte Mr Brown. Er warf seiner Frau einen vorwurfsvollen Blick zu.

»Kein Grund zur Aufregung«, verkündete Jonathan. »Jemand hat ihm einen Rettungsring zugeworfen.«

Als die Browns endlich den Landungssteg erreichten, war Paddington längst in Sicherheit. Mit geschlossenen Augen lag er auf dem Boden. Rings um ihn drängten sich Menschen. Alle starrten den kleinen Bären an und gaben gute Ratschläge. Neben dem kleinen Bären kniete der Bootsverleiher. Er zog Paddingtons Pfoten kräftig vor und dann wieder zurück. Auf diese Weise half er ihm beim Atmen. Der kleine Bär atmete nämlich nur ganz schwach. Entweder kam das vom vielen Wasser, das er geschluckt hatte, oder vom ausgestandenen Schrecken.

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»Dem Himmel sei Dank, es ist ihm nichts geschehen!«, rief Mrs Brown.

»Was sollte ihm schon geschehen sein?«, fragte der Bootsverleiher. »Das Wasser ist ja dort gar nicht tief. Es reichte ihm höchstens bis zur Schnauze. Aber der Bursche hat eine ganze Menge Wasser geschluckt. Hielt das Maul offen, als er unterging, so was!«

Judy beugte sich über den kleinen Bären und betrachtete ihn ängstlich. »Er will was sagen«, meinte sie.

»Grrr«, gurgelte Paddington und richtete sich auf.

»Na, bleib lieber noch ein bisschen liegen, kleiner Bär«, sagte der Bootsverleiher. Er legte Paddington wieder auf den Rücken.

»Grrr«, gurgelte Paddington noch einmal. »Grrr-mein-grrr-Hut!«

»Was sagt der da?«, fragte der Verleiher plötzlich. »Ist das etwa ein ausländischer Bär?« Er wandte sich an Mr Brown. »Jedes Jahr kommen mehr Fremde hierher.«

»Ich bin kein ausländischer Bär«, ächzte Paddington beleidigt, als er wieder zu Atem gekommen war. »Ich stamme zwar aus Peru, aber jetzt lebe ich in London. Ich habe nur gesagt, dass ich meinen Hut verloren habe.«

»Ach, du liebe Güte«, jammerte Mrs Brown. »Hast du das gehört, Henry? Paddington hat seinen ›kostbaren‹ Hut verloren.«

Die Mitglieder der Familie Brown sahen einander betrübt an. Um die Wahrheit zu sagen: Dieser Hut war abscheulich. Wie oft hatte ihm Mrs Brown schon gesagt, der Hut müsse aus dem Haus! Es war nämlich ein sehr alter Hut. Ein schäbiger Hut! Doch jedes Mal, wenn sie ausgingen, bestand der kleine Bär darauf, diesen alten Deckel aufzusetzen. Trotzdem konnte sich niemand Paddington ohne diesen Hut vorstellen.

»Ich hatte ihn noch auf dem Kopf, als ich ins Wasser fiel«, klagte Paddington. Er fuhr sich mit der Tatze über den Kopf: Der Hut war weg.

»Herrje«, sagte Jonathan. »Er ist bestimmt untergegangen. Er hatte so viele Löcher.«

»Untergegangen!«, rief der kleine Bär verzweifelt. Er rannte zum Landungssteg und starrte in das trübe Wasser. »Aber er kann doch nicht untergegangen sein, mein Hut!«

»Solange wir Paddington kennen«, erklärte Mrs Brown dem Bootsverleiher, »hat er diesen komischen Hut getragen. Er ist nämlich ein Geschenk seines Onkels.«

»Meines Onkels aus Südamerika«, rief der kleine Bär, »aus dem dunkelsten Peru!«

»Aus dem dunkelsten Peru!«, wiederholte der Bootsverleiher. »Dann ist es am besten, wir verständigen die Wasserpolizei.«

»Ich will keine Wasserpolizei«, sagte der kleine Bär, »ich will meinen Hut!«

»Weiß Gott, wo dieser kostbare Hut schon ist«, sagte der Bootsverleiher. »Die Strömung ist hier sehr stark. Vielleicht hat es ihn längst über die Schleuse geschwemmt.« Er zeigte auf ein dunkles Gebäude in der Ferne, das mitten im Fluss stand.

»Über die Schleuse geschwemmt?«, wiederholte der kleine Bär ganz langsam. Was sollte das wieder bedeuten?

Der Bootsverleiher nickte. »Ja, ja, so wird es sein«, sagte er gefühllos. Er schien nicht zu begreifen, was dieser Hut für den kleinen Bären bedeutete. »Wenn ihn nicht bereits einer der Wirbel im Strom verschluckt hat.«

»Mein Hut!«, rief der kleine Bär. Er warf dem Mann einen wilden Bärenblick zu. »Von einem Wirbel verschluckt?«

»Komm, Paddington«, sagte Mrs Brown. »Wenn wir uns beeilen, können wir vielleicht deinen Hut noch retten.«

Alle rannten den Fluss entlang zur Schleuse. Voran der kleine Bär mit grimmigem Gesicht; Wasser rann aus seinem tropfnassen Pelz. Hinter ihm Mr und Mrs Brown. Es folgten Mrs Bird und die beiden Kinder, der Bootsverleiher und eine Schar neugieriger Ausflügler.

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Als sie zur Schleuse kamen, standen bereits mehrere Männer auf der Mauer und starrten ins Wasser.

»Ich habe gehört, Ihnen sei ein wertvoller Hund ins Wasser gefallen«, sagte der Schleusenwärter zu Mr Brown. »Ein Hund aus Persien.«

»Ein Hund aus Persien?« Mr Brown kratzte sich am Kopf. »Es handelt sich um einen Hut! Und der Hut stammt aus Peru und nicht aus Persien.«

»Er gehört diesem jungen Herrn da«, erklärte der Bootsverleiher und zeigte auf Paddington. »Der Hut ist ein kostbares Familienerbstück.«

»Ein Bär? Ein Hut? Ein Familienerbstück?« Der Schleusenwärter warf einen sonderbaren Blick auf Paddington. »Höchst seltsam! Wirklich höchst seltsam! Ist mir in meinem Leben noch nie vorgekommen!«

»Mein Hut ist aber ein Familienerbstück«, erklärte der kleine Bär mit fester Stimme. »Es ist eine sehr seltene Hutsorte. Außerdem liegt ein Marmeladenbrot darin. Ich habe es hineingelegt für den Fall, dass ich hungrig werde.«

»Ein Marmeladenbrot?« Der Schleusenwärter machte ein ganz verdutztes Gesicht. »Ein Marmeladenbrot in einem Hut, der ein Familienerbstück ist, noch dazu aus einer Bärenfamilie aus Peru! Einen Augenblick – haben wir nicht gerade vorhin so einen elenden Lappen aus dem Wasser gefischt? So etwas Formloses, Braunes … sieht aus wie … wie …« Er runzelte die Stirn und schien angestrengt nachzudenken. Aber ihm fiel nichts ein, mit dem man den Fund hätte vergleichen können.

»Das hört sich ganz nach Paddingtons Hut an«, sagte Mrs Bird.

»Herbert«, rief der Schleusenwärter einem Jungen zu, der in der Nähe stand. »Schau doch nach, ob das … das komische Ding noch da ist.« Er wandte sich an Mr Brown. »Das könnte so etwas wie ein Familienerbstück sein. Es sieht nämlich aus, als wäre es schon hundert Jahre alt.«

Nach wenigen Minuten kam der Junge wieder aus dem Haus. Er trug einen Korb in der Hand.

»Da!«, sagte der Schleusenwärter. »Wir haben es aufgehoben, weil es ein gar so komisches Ding ist.«

Der kleine Bär schaute in den Korb. «Das ist gar kein komisches Ding, das ist mein Hut!«, erklärte er.

Alle atmeten erleichtert auf. »Gott sei Dank!«, rief Mrs Bird und sprach damit der ganzen Familie Brown aus dem Herzen.

Der Schleusenwärter guckte in den Korb. »Da ist ja ein Fisch im Hut!«, rief er.

»Was? Ein Fisch! In meinem Hut?« Der kleine Bär beugte sich über den Korb.

»Ja, ein Fisch«, antwortete der Mann. »Wahrscheinlich hat er dein Marmeladenbrot gefressen oder er ist durch eines der Löcher in den Hut hineingeschwommen.«

»So etwas!«, rief Jonathan. »Tatsächlich, im Hut ist ein Fisch!«

»Das heißt, Paddington hat den Wettbewerb gewonnen«, sagte Judy. »Er hat den ersten Fisch gefangen.«

Der Schleusenwärter schüttelte den Kopf. Was für ein seltsamer Wettbewerb! Aber dann sagte er gutmütig: »Ich werde dir ein leeres Marmeladenglas für den Fisch bringen, kleiner Bär. Denn du willst sicher dieses komische Ding wieder aufsetzen.«

Paddington warf ihm einen wilden Bärenblick zu. Der Schleusenwärter erschrak beinahe. Er eilte davon, um nach einem Marmeladenglas zu suchen.

»Das kannst du haben«, sagte er, als er zurückkam.

»Danke, das ist sehr nett von Ihnen«, antwortete der kleine Bär höflich und hielt dem Mann die Pfote hin.

»Gern geschehen!«, sagte der Wärter. »Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass wir ein kostbares Bärenfamilienerbstück aus dem Fluss retten. Das werde ich nicht so bald vergessen.«

»Weiß Gott«, stöhnte Mr Brown, »auch ich werde den Tag nicht so bald vergessen.« Sie hatten wieder im Boot Platz genommen. Mr Brown hatte die Ruder eingezogen und das Boot glitt gemächlich flussabwärts. »Aber jedenfalls habe ich mich schon lange nicht mehr so gut unterhalten.«

Die Sonne blinkte auf den Wellen. Alle lagen faul im Boot, blickten auf das glitzernde Wasser und hörten der leisen Musik zu. Es war ein wunderschöner Tag!

Der kleine Bär hielt mit einer Pfote seinen Hut fest. Mit der anderen Pfote tippte er in das Himbeermarmeladenglas. Langsam schleckte er sie ab. Die Marmelade war so süß und schmeckte so köstlich. Auch Paddington fand den Tag wunderbar. Er hatte ja seinen Hut wieder. Und in dem leeren Glas schwamm vergnügt sein Fisch.

»Vielleicht«, sagte der kleine Bär, »ist es der schönste Tag in meinem Leben überhaupt!«

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Zum Ersten … zum Zweiten … zum Dritten!

Am nächsten Morgen, kaum war die Sonne aufgegangen, eilte der kleine Bär zu Mr Gruber, seinem besten Freund. Er wollte ihm alles über die Bootsfahrt erzählen. Als Mr Gruber die Geschichte hörte, lachte er, bis ihm Tränen in die Augen traten. »Du meine Güte, Paddington«, sagte er, »so etwas kann nur dir passieren! Da hätte ich dabei sein wollen.«

Mr Gruber besaß einen Antiquitätenladen in der Portobello Road. Die Portobello Road lag ganz in der Nähe des Hauses der Familie Brown. Jeden Vormittag wanderte der kleine Bär mit seinem Einkaufswägelchen zum Portobello-Markt. Wenn er fertig war mit Einkaufen, besuchte er noch Mr Gruber. Dann saßen die beiden zusammen, aßen knusprige Brötchen oder Kuchen und tranken Kakao. Vor vielen Jahren war Mr Gruber einmal in Südamerika gewesen. Der kleine Bär fand es herrlich, dass es jemanden gab, mit dem er über das dunkelste Peru reden konnte. Manchmal half der kleine Bär auch im Laden.

Auf der Portobello Road gab es viele Geschäfte. Keines aber war so schön wie der Laden von Mr Gruber. Das Schaufenster war angefüllt mit bunten Gläsern, Kupferkannen und altem Zinngeschirr. Die merkwürdigsten Bilder konnte man bei Mr Gruber bewundern. Auch gab es Porzellantassen, alte Pendeluhren und Krüge. Von weit und breit kamen Leute und kauften bei Mr Gruber ein.

Aber heute saßen der kleine Bär und Mr Gruber allein beieinander, tranken Kakao und aßen Brötchen. Schließlich konnte Paddington beim besten Willen keinen Bissen mehr hinunterbringen, zwölf Brötchen hatte er verzehrt, nun streckte er sich in seinem Korbsessel.

Die Sonne schien ihm warm aufs Fell. Weil es ein so schöner Morgen war, hatte Mr Gruber die Stühle auf den Gehsteig gestellt. So konnte der kleine Bär alle Leute betrachten, die vorbeigingen. Ganz zufällig warf er nun einen Blick ins Schaufenster. Es war fast leer. Der kleine Bär machte große Augen.

»Ja, mein Lieber«, sagte Mr Gruber. »Während du dich auf dem Fluss vergnügt hast, hatte ich viel Arbeit. Ein großer Reisebus blieb vor meinem Geschäft stehen. Die Leute haben fast alles gekauft, was ich hatte.«

Der kleine Bär schaute Mr Gruber bestürzt an. All die schönen und seltsamen Dinge sollten fort sein?

»Das ist aber sehr schade!«, sagte er traurig.

Mr Gruber lachte. »Das ist gar nicht schade. Ich habe ein gutes Geschäft gemacht. Heute Nachmittag gehe ich zu einer Versteigerung und kann wieder viele schöne alte Sachen kaufen.«

»Eine Versteigerung?« Die Augen des kleinen Bären wurden vor Erstaunen kugelrund. »Was ist denn das?«

Mr Gruber dachte einen Augenblick nach. »Ja«, sagte er, »eine Versteigerung … nun, Paddington, dort wird alles Mögliche verkauft. Und derjenige, der am meisten bietet, erhält es …«

»Das verstehe ich nicht«, murmelte der kleine Bär.

»Ja … nun … das ist ein bisschen schwierig zu erklären.« Mr Gruber nahm die Brille ab, putzte sie und hustete. »Vielleicht kommst du einfach mit mir, Paddington, dann siehst du selbst, was eine Versteigerung ist.«

»O ja, bitte, Mr Gruber!«, rief der kleine Bär. Seine Augen glitzerten vor Aufregung. »O ja, ich möchte auf die Ver-ver… Versteinerung.«

»Versteigerung heißt das!«, sagte Mr Gruber.