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Verónica de Andrés / Florencia Andrés

Absolutes
Vertrauen

Die Kraft, das Leben glücklich zu gestalten

Aus dem Spanischen von

Sonja Hagemann

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Die argentinische Originalausgabe erschien 2010
unter dem Titel »Confianza total« bei Planeta,
Grupo Editorial Planeta S.A.I.C., Buenos Aires, Argentinien.

Für unsere Familien,
weil sie unser Vertrauen immer gestärkt haben

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe

© 2011 der deutschsprachigen Ausgabe

Kailash Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

© 2010 Grupo Editorial Planeta S.A.I.C.

Lektorat: Anita Hirtreiter

Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN 978-3-641-06330-6
V002

www.kailash-verlag.de

Einleitung

Ich werde oft gefragt, ob ich selbst von jeher Selbstvertrauen hatte … Nein, das war nicht immer so. Meine Kindheit war äußerst schwierig. Mit elf verlor ich meinen über alles geliebten Vater. Einige Jahre später starb auch meine Mutter, ich war noch minderjährig und hatte das Gefühl, völlig allein in der Welt zurückgelassen zu werden. Die Ängste jener Zeit haben tiefe Wunden hinterlassen, Wunden, die ich damals nicht verstand. Heute kann ich erkennen, dass ich hauptsächlich ihretwegen lernen konnte, Hindernisse zu überwinden, und jene innere Stärke fand, die wir absolutes Vertrauen nennen. In jenen Jahren voller Schmerz begann ich meine Berufung im Leben zu entdecken: andere Menschen dabei zu unterstützen, unabhängig von den äußeren Umständen Vertrauen in sich selbst zu haben, und ihnen ein Instrumentarium und Kenntnisse zur Verfügung zu stellen, die ihnen helfen, diese innere Stärke am Leben zu erhalten, die wir alle besitzen, aber manchmal eben vergessen.

Ich ging meine Aufgabe auf verschiedene Arten an. Zunächst einmal studierte und erforschte ich alles, was den Menschen helfen konnte, Selbstbewusstsein zu erlangen, sich zu kennen und zu lieben, mit geringeren Opfern größere Ziele zu erreichen und glücklicher zu werden. Während meiner Forschungsjahre an der Oxford Brookes University konnte ich unwiderlegbar feststellen, was ich schon von klein auf intuitiv wusste: dass die Erfolge im Leben eines Menschen exponentiell zunehmen, wenn man nur sein Selbstvertrauen stärkt. Jahrelang konnte ich daran arbeiten, im Bereich der Erziehung einen Grundstein zu legen, da ich in verschiedenen Teilen der Welt Lehrer ausgebildet habe, und ich konnte außerdem feststellen, dass meine Lehren auch bei Universitätsstudenten des Masterstudiengangs Organisatorisches Coaching funktionierten. Eine ganz besondere Erfahrung war es auch, meine Hilfsmittel Elterngruppen zur Verfügung zu stellen, die fast augenblicklich Veränderungen bei ihren Kindern feststellen konnten. Ohne es geplant zu haben, begann ich meine Erkenntnisse auch in Firmen zu vermitteln, nur um festzustellen, dass hier mit diesen Prinzipien und Ressourcen ebenfalls fantastische Ergebnisse erzielt werden konnten. Mehr als zwanzig Jahre lang bereiste ich die fünf Kontinente und wurde Zeugin eines einzigartigen Phänomens: Alle Menschen, mit denen ich in Berührung kam – von Dozenten in Nigeria bis hin zu Ingenieuren in Schweden –, hielten meine Botschaft für äußerst wertvoll. Am Ende eines Seminars fragte man mich oft: »Wann erscheint denn dein Buch?«

Begonnen habe ich mit diesem Buch bereits vor etwa zehn Jahren – und dann habe ich es wieder weggelegt. Tief in meinem Inneren wusste ich, dass die Zeit noch nicht reif war, dass ich noch nicht über die nötige Lebenserfahrung verfügte, um es fertigzustellen. Heute wird mir klar, dass ich während dieser Pause nicht nur darauf gewartet habe, der Text würde Wurzeln ausbilden, sondern dass in dieser Zeit auch Florencia, meine älteste Tochter, heranwuchs! Und heute ist sie mit ihren jungen dreißig Jahren Koautorin dieses Buches und kann dabei auf ihre Erfahrung als Unternehmensberaterin, Coach, Journalistin, Universitätsdozentin und Projektleiterin zurückblicken. Dieses Buch wurde von unserem Film Confianza total (Absolutes Vertrauen) inspiriert und entstand aus dem Wunsch, die Kraft von Liebe und Vertrauen in alle Welt zu tragen.

Es ist auch das Produkt eines Lernprozesses, der mehr als zwanzig Jahre gedauert hat. Sein Inhalt ist das Ergebnis vieler aufeinanderfolgender persönlicher Forschungsprojekte und beruht darüber hinaus auf dem, was ich von zahlreichen anderen Autoren, Forschern, Professoren, Beratern und Experten für Persönlichkeitsentwicklung, Management und Neurowissenschaften gelernt habe.

Das vorrangige Ziel dieses Buches ist, die Grundsätze und die Hilfsmittel vorzustellen, die Vertrauen schaffen. Wir sprechen hier von praktischen Ideen, die uns dabei helfen, Ängste zu überwinden, einschränkende Ansichten auszusortieren, Selbstbewusstsein zu erlangen, unsere Gefühle intelligent zu nutzen, die Gedanken in eine Richtung zu lenken, die es uns erlaubt, unsere Ziele zu erreichen, die Führungspersönlichkeit zu entdecken, die wir alle in uns tragen, und unsere Träume zu gestalten.

Wir wünschen uns, dass alle, die dieses Buch lesen, sich die dargelegten Konzepte zu eigen machen und die Ideen ausführen, die wir hier niedergeschrieben haben, weil wir wissen, dass sie funktionieren! Wir haben bereits die unglaublichsten Veränderungen miterlebt – wir hatten in unseren Kursen Teilnehmer, die schüchtern waren, am Ende hingegen vor Publikum einen Vortrag halten konnten und dabei vor Selbstbewusstsein strotzten. Wir haben Frauen kennengelernt, denen jegliche Motivation fehlte, die beinahe apathisch wirkten, aber schließlich ihren Enthusiasmus wiederentdeckten und sich an neue Projekte wagten, nachdem sie unsere Prinzipien angewendet hatten. Wir konnten miterleben, wie äußerst talentierte Menschen, die nicht genug Selbstvertrauen hatten, um mit anderen Kontakt aufzunehmen, sich zu außergewöhnlichen Führungspersönlichkeiten entwickelten. Angesehene Ärzte haben uns erzählt: »Ich hätte ja nie gedacht, dass es in einem Kurs dieser Art um so viele wissenschaftliche Erkenntnisse gehen würde und diese mein Leben derart verändern würden.« Wir konnten beobachten, wie gestresste und besorgte Unternehmer das verlorene Gleichgewicht wiedergefunden haben, und entdeckten, wie erfüllend es sein kann, ein Vermächtnis zu hinterlassen. Wir hatten mit Eltern zu tun, die praktisch nicht mehr mit ihren Kindern sprachen und die auf einmal die richtigen Worte zur richtigen Zeit fanden. Wir haben Familien geholfen, die einen schwierigen Moment durchlebten und die, nachdem sie auf unsere Techniken vertrauten, gestärkt aus der Krise hervorgingen. Wir haben festgestellt, dass Menschen, die im Leben alles erreicht hatten und sich dennoch leer fühlten, ein größeres Ziel finden konnten, das ihrem Leben wieder einen Sinn gab und sie mit Glück erfüllte.

Um es auf den Punkt zu bringen: Wir wissen, dass es funktioniert. Deshalb haben wir dieses Buch geschrieben, und wir fordern die Leser auf, es sich zu eigen zu machen. Denn wir glauben, dass es möglich ist, wieder Zugang zu dieser inneren Kraft zu finden, die wir absolutes Vertrauen nennen, und dass dies ganz außergewöhnliche Folgen hat. Wenn sich die Menschen der Herausforderung, ihr Leben zum Besseren zu verändern, ernsthaft und unbeirrbar stellen, dann funktionieren diese Prinzipien und Hilfsmittel immer. Wir glauben daran, da wir es in der Realität miterlebt haben, an vielen echten, konkreten Beispielen. Dieses Buch bietet weitaus mehr als nur Theorie. Es ist das Ergebnis eines langen Weges voller Arbeit und Hingabe. Und jetzt laden wir Sie ein, all das auch zu erfahren und Ihr eigenes Leben zu verändern. Willkommen!

Verónica de Andrés

1

Die beiden Paradigmen,
die die Welt bewegen

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Jeder von uns hat die Wahl,
von Angst oder von Liebe erfüllt zu leben.

Albert Einstein

»Ich mache gerade einen der schlimmsten Momente meines Lebens durch. Ich leide an Angstzuständen, gepaart mit völliger Antriebslosigkeit. Ich fühle mich schon lange, als wäre ich gar nicht mehr ich selbst, nichts macht mir mehr Freude … Wenn ich vor etwas Angst habe, dann ergreife ich die Flucht oder bin wie gelähmt. Ich weiß überhaupt nicht, was Selbstvertrauen heißt, ich glaube schon lange nicht mehr an mich … Ich denke, der Auslöser für das alles war, dass ich vor mir selbst weggelaufen bin.«

Das waren die ersten Worte, die Nuria unter vier Augen an mich richtete. Das war am ersten Tag unseres Kurses »Besser leben durch absolutes Vertrauen«. Sie war nicht einfach eine Teilnehmerin unter vielen. Vom ersten Moment an, als ich dieser Gruppe Individuen gegenübertrat, fiel sie mir auf. Mit ihrem verlorenen Blick, dem gesenkten Kopf und ihrer Weigerung, vor den anderen zu sprechen, zog sie die Blicke auf sich. Ihr ganzes Wesen verströmte Schmerz. Einen Schmerz, der Florencia und mich vor die Frage stellte: Können wir Nuria wirklich dabei helfen, Vertrauen zu gewinnen und besser zu leben?

Die Antwort erhielten wir gegen Ende des Kurses. Sechs Wochen, nachdem Nuria sich als eine Frau gezeigt hat, die im Paradigma der Angst gefangen war, demotiviert, unfähig, eine Beziehung zu anderen aufzubauen, mit angekratztem Selbstbewusstsein … geschah etwas Unglaubliches.

Bei einer unserer Übungen zum Abschluss des Kurses boten wir den Teilnehmern die Möglichkeit, auf die Bühne zu kommen und einen Gegenstand vorzustellen, der für einen erfolgreichen Moment in ihrem Leben stand. Ich hatte den Vorschlag kaum vorgebracht, da wedelte im hinteren Bereich des Zuschauerraums schon jemand heftig mit der Hand. Es war Nuria. Sie stand sofort auf und kam entschlossenen, sicheren Schrittes nach vorne.

Alle Blicke waren auf sie gerichtet, als sie das mitgebrachte Objekt anlehnte und langsam das schützende Papier abstreifte, um ein Kunstwerk von atemberaubender Schönheit zum Vorschein zu bringen: ein Gemälde, das eine Wildblume zeigte. An diesem Tag erfuhren wir, dass Nuria Malerin war. Und sie erkannte vielleicht zum ersten Mal selbst, wie zauberhaft ihre Werke waren, denn sie erklärte den Zuhörern: »Die letzten Wochen haben mich dazu ermutigt, dieses Bild zu malen, und das stellt für mich einen großen Erfolg dar. Ich bin Künstlerin, aber ich habe meine Pinsel seit Jahren nicht mehr angerührt, ich dachte, dass ich nie wieder …« Sie konnte den Satz nicht beenden, weil in diesem Moment tosender Beifall aufbrandete und der Raum von Jubelrufen erfüllt war. Nuria stand einfach nur da und sah zu, so als wollte sie sich diesen Augenblick für immer bewahren, und verkündete unter Freudentränen lächelnd: »Ich habe gerade erkannt, wer ich bin.«

Nuria ist es gelungen, ihre Ängste durch die Kraft der Liebe zu verwandeln und so das Vertrauen zu finden, das sie für immer verloren glaubte. Diese Verwandlung vollzog sich nicht über Nacht, sondern nach und nach im Laufe des Kurses. Am Anfang suchte sie zu niemandem Kontakt, und wenn sie einmal sprach, dann mit zitternder und kaum vernehmbarer Stimme. Allmählich kam sie dann aber mit anderen Teilnehmern ins Gespräch und öffnete sich langsam, wie eine scheue Wildblume, die das raue Umfeld fürchtet.

Nuria hat sich verändert. Sie hat begriffen, dass die Welt von zwei starken Kräften geleitet wird, Angst und Liebe, und dass jeder von uns entscheiden kann, welche dieser Kräfte unser Leben prägen soll. Sie hat gelernt, dass jeder von uns über intellektuelles Potenzial verfügt und dass wir es korrekt nutzen können, wenn wir unsere Gedanken prüfen und davon nur die auswählen, die uns neue Möglichkeiten eröffnen. Sie hat verstanden, dass wir unsere Gefühle steuern können, statt uns von ihnen kontrollieren zu lassen, und dass wir positive Emotionen verstärken müssen, um unseren Gesundheitszustand zu verbessern. Sie erkannte, dass man Optimismus und Fröhlichkeit fördern kann, dass das Glück nicht nur ein fernes Ziel ist, sondern die Folge eines gewissen Lebensstils. Und so wurde sie von der Zuschauerin zur Hauptfigur. Sie durchbrach die Mauer der Schüchternheit, öffnete ein Fenster zur Welt und hat es gewagt, vor den Augen aller den ersten Schritt zu gehen, gestärkt vom Wissen, dass man alles schaffen kann, wenn man nur davon überzeugt ist, denn dann verfügt man im entscheidenden Augenblick auch über die nötige Sicherheit.

Jetzt ist auch für uns der Moment gekommen. Der Moment, das Paradigma zu ändern, von der Angst zur Liebe zu wechseln und Wege zum absoluten Vertrauen zu finden, um erfüllter zu leben.

Auf dem Weg zu Glück und Freiheit
sind tausend alte Ängste ein Hindernis.
Liebe kann jedoch die Angst besiegen.

Bertrand Russell

Vertrauen ist das, was wir haben – oder eben nicht haben –, wenn etwas schiefläuft, unsere Pläne nicht aufgehen, wenn unser Schiff im Sturm hin und her geworfen wird. Das Vertrauen, dieser Schatz, den jeder von uns gerne hätte, um seine Träume zu verwirklichen, entsteht durch das Paradigma der Liebe und wird durch das Paradigma der Angst zerstört.

Die beiden Paradigmen, die wir in diesem Kapitel behandeln, sind wie eine Glasscheibe, durch die wir das Leben betrachten. Dieses Glas beeinflusst unsere Wahrnehmung und unsere Erfahrungen, denn wie es Albert Einstein ausdrückte, haben wir wirklich alle »die Wahl, von Angst oder von Liebe erfüllt zu leben«.

Liebe und Angst: eine lebenswichtige Entscheidung

Wenn wir von Liebe sprechen, meinen wir damit jene Lebensenergie, mit der wir alle geboren werden, jene mächtige Kraft, die uns mit dem Leben und anderen Menschen verbindet und mit deren Hilfe wir unsere Ziele erreichen. Diese Kraft der Entfaltung und Schöpfung, die uns nach vorne blicken lässt, selbst wenn einmal nicht alles glattgeht.

Wenn wir von Liebe reden, meinen wir ganz konkrete Dinge: Es geht hier darum, selbst zu wählen, was wir denken, entscheiden und tun, darum, ein proaktives Leben zu führen und unseren Blick auf die Ziele statt auf die Hindernisse zu richten. Wir sprechen von Beharrlichkeit. Es geht uns darum, dass wir unsere Taten, unsere Ziele, unsere Arbeit, unsere persönlichen Beziehungen mit Liebe erfüllen. Wenn wir von Liebe reden, sprechen wir von Gesundheit und Leben.

Der Arzt Dr. Gerald G. Jampolsky von der Stanford University, Träger des von der American Medical Association vergebenen Preises für herausragende medizinische Leistungen, stellt fest: »Wie wir nach jahrzehntelanger Erfahrung im Bereich der Medizin jetzt wissen, ist zum Ausdruck gebrachte Liebe das stärkste Heilmittel der Welt.« Der Chirurg Dr. Jorge Carvajal von der Universidad de Antioquia erklärt seinerseits, dass siebzig Prozent der Krankheiten des Menschen ihren Ursprung im emotionalen Bewusstsein haben, und versichert, dass wir zum Leben vor allem Liebe brauchen: »Die so oft zitierte, häufig besungene und verdammte Liebe ist eine erneuernde Kraft. Liebe ist wunderbar, weil sie einen Zusammenhalt schafft. In der Liebe ist alles lebendig, wie bei einem Fluss, der sich immer wieder selbst speist. In der Liebe können wir uns selbst erneuern, da sie alles ordnet. Liebe kennt keine unrechtmäßigen Übergriffe, kein Verdrängen, es gibt bei ihr keine Angst, keine Verbitterung, denn wenn du dein Leben durch Liebe in Ordnung bringst, dann ist alles an seinem Platz, und es stellt sich Harmonie ein. Aus der Sicht des Menschen setzen wir sie mit Schwäche gleich, aber die Liebe ist nicht schwach.«

Angst ist stets bereit,
die Dinge schlimmer zu sehen,
als sie wirklich sind.

Titus Livius

Obwohl das im Allgemeinen so angenommen wird, ist Angst nicht immer negativ. Ein Held ist zum Beispiel jemand, der Furcht und Schmerz verspürt, sie überwunden und sich so geändert hat. Angst kann uns jedoch auch einschränken und zu einem Hindernis werden, zu einer zerstörerischen Kraft, die uns bremst und demotiviert oder sogar lähmt. Wie uns Dr. Carvajal erklärt, ist »Angst, die die Abwesenheit von Liebe darstellt, die große Krankheit. Wenn Angst sich festsetzt, schädigt sie Nieren, Nebennieren, Knochen und Lebensenergie«.

Die Früchte der beiden Paradigmen

Liebe

Angst

Flexibilität

Starrheit

Motivation

Demotivation

Optimismus

Pessimismus

Vortrefflichkeit

Perfektionismus

Anstrengung

Aufopferung

Vergebung

Groll

innerer Frieden

Aggressivität

Vertrauen

Mangel an
Vertrauen

Je mehr Zeit wir im Paradigma der Liebe verbringen, desto näher kommen wir dem Glück. Je mehr Zeit wir im Paradigma der Angst verbringen, desto mehr entfernen wir uns davon. Woher wissen wir also, in welchem Paradigma wir die meiste Zeit verbringen? Indem wir betrachten, was wir in unserem Leben erreichen, und vor allem, indem wir uns entscheiden! Dieses Buch will die Botschaft vermitteln, dass wir jeden Tag wählen können, nach welchem Paradigma wir leben wollen.

Flexibilität statt Starrheit

Was bringt es uns, beweglich und flexibel zu sein? Bei einem starken Sturm fallen die starren Bäume als Erstes um. Andere Pflanzen hingegen wiegen sich mit dem heftigen Wind im Takt und überleben, weil sie biegsam sind. Flexibilität ermöglicht es uns, uns besser an die Herausforderungen des Lebens anzupassen. Wer flexibel ist, kann die Widrigkeiten des Lebens schneller und besser überwinden. Flexibilität ist die Grundlage für Resilienz oder Widerstandsfähigkeit, die Fähigkeit eines Menschen, aus schwierigen Situationen gestärkt hervorzugehen.

Flexibilität ermöglicht es uns auch, verschiedene Standpunkte nachzuvollziehen, und befreit uns von dem Wunsch, immer recht haben zu wollen. Sie hilft uns, die Beziehungen zu anderen in den Vordergrund zu stellen, indem sie uns daran erinnert, dass es nicht nur eine einzige Wahrheit gibt, sondern verschiedene Sichtweisen, und lässt uns von ihnen ausgehend einen Berührungspunkt finden. Auf halbem Weg zwischen Ihren und meinen Ansichten können wir uns treffen und einen Kompromiss schließen. Die Starrheit führt allerdings dazu, uns selbst und andere mit übermäßiger Härte zu verurteilen, blockiert unser Einfühlungsvermögen und verstärkt die Überzeugung, dass unsere Wahrheit die einzig richtige ist. Sie macht uns zu Dogmatikern, die absolute Wahrheiten verkünden, lässt uns überheblich werden und entfernt uns von unseren Mitmenschen. Starrheit ist ein Zeichen für einen Mangel an Liebe.

Ein gelenkiger Körper ist ein Synonym für Jugend, ein steifer Körper im Gegensatz dazu ein Zeichen des Alterns. Dasselbe gilt für unseren Verstand. Wer geistig nicht flexibel ist, glaubt, alles schon gelernt zu haben, was er wissen muss, vor allem ältere Menschen, die auf große Lebenserfahrung zurückblicken können. Geistige Flexibilität zeichnet dagegen Menschen aus, die für neue Lernerfahrungen offen sind. Neueste Ergebnisse aus den Neurowissenschaften haben gezeigt, dass dies einen äußerst großen Einfluss auf unser Gehirn hat.

Dr. Elkhonon Goldberg, Neurologe der New York University, Leiter des Instituts für Neuropsychologie und kognitive Funktionen, hebt hervor, dass sich das Gehirn im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Überzeugung mit dem Alter noch weiterentwickeln kann. Jahrelang hatte man angenommen, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt keine neuen Neuronen mehr gebildet werden. Jüngste wissenschaftliche Studien zeigen jedoch, dass sich das Gehirn durch Lernprozesse erneuern kann, die geistige Anstrengung verlangen. Dies wird als Neuroplastizität bezeichnet, die Fähigkeit des Gehirns, sich durch das Erlernen neuer Tätigkeiten weiterzuentwickeln – und nicht nur durch bereits erlernte und verinnerlichte Aufgaben. Die Wissenschaft bestätigt nun, dass im Gehirn eines Menschen bis zu seinem Tod neue Neuronen gebildet werden können und man der allmählichen Zersetzung dieses Organs bis ins Alter hinein entgegenwirken kann, indem man ein intensives Leben führt, das heißt, immer wieder etwas Neues lernt, das zu geistiger Anstrengung zwingt.

Harvard-Absolvent Dr. Richard Davidson, Leiter des Labors für affektive Neurowissenschaft der University of Wisconsin-Madison, ist einer der größten Experten zum Thema Neuroplastizität, die als eine der wichtigsten Entdeckungen des 20. Jahrhunderts gilt. Seine Untersuchungen, bei denen er Hirnscans benutzt, konnten zeigen, dass Emotionen wie Liebe, Mitgefühl und Glück Fähigkeiten sind, die erlernt werden können. Davidson wurde als Erstem der Mani-Bhaumik-Preis für sein umfassendes Wissen zur Neuroplastizität des Gehirns verliehen.

Motivation statt Demotivation

Wer hat sich noch nie demotiviert gefühlt? Wer hat noch nie dieses Gefühl der Mutlosigkeit und einen Mangel an Enthusiasmus verspürt? Demotivation ist ein weites Feld mit vielen Variablen, sie führt aber unweigerlich dazu, dass uns die Energie fehlt, die wir bräuchten, um auch einmal etwas zu riskieren oder uns neuen Herausforderungen zu stellen. Dr. Martin E.P. Seligman, der Begründer der positiven Psychologie, einem der innovativsten Gebiete in diesem Forschungsbereich, versichert, dass das Motivationsniveau eines Menschen direkt mit dem Niveau seiner Erwartungen zusammenhängt. Wenn die Erwartungen hoch sind, ist auch die Motivation sehr hoch. Bei niedrigen Erwartungen bleibt auch die Motivation niedrig.

Das Wort »Motivation« stammt aus dem lateinischen motio (Bewegung) und der Nachsilbe -ion (Handlung). Häufig führt Angst dazu, dass eine Person sich nicht in Bewegung setzt oder handelt, um zum Beispiel eine neue Arbeit, einen neuen Partner oder einen neuen Freundeskreis zu finden. Angst davor, das Vertraute loszulassen, Angst vor der Ungewissheit, Angst davor, nicht zu finden, was man gesucht hat, Angst, seine Identität zu verlieren, Angst, etwas Neues anzufangen und damit zu scheitern. Die Person beschließt daher, an der bisherigen Stelle zu verharren und die Situation nicht zu verändern, die sie unglücklich macht, für sie jedoch bequem ist.

Laut Daniel Goleman, dem Autor des Bestsellers Emotionale Intelligenz, ist ein Mensch dann am motiviertesten, wenn er eine Tätigkeit findet, bei der er seine Talente und Fähigkeiten voll einbringen kann, die ihn aber auch aus seiner sicheren und bequemen Ecke lockt, um ihn herauszufordern und das Flow-Gefühl zu erzeugen.

Wie uns Mihaly Csikszentmihalyi, Schöpfer des Flow-Konzeptes und Verfasser des Buches Flow. Das Geheimnis des Glücks, erklärt, ist die größte Motivation, die es gibt, das Gefühl des Fließens. Er beschreibt diesen »Flow« als einen Zustand, in dem wir uns einer Aufgabe oder Tätigkeit widmen und dabei so darin aufgehen, derart darin vertieft sind, dass es uns vorkommt, als würde wir sie fast mühelos bewältigen, und wir sogar das Zeitgefühl verlieren. Eine Aktivität zu finden, die dieses »Fließen« in uns auslöst, hängt nicht direkt mit der Tätigkeit an sich zusammen, sondern mit dem mentalen und emotionalen Zustand, in den sie uns versetzt. Deshalb erlebt jeder Mensch den Flow bei völlig unterschiedlichen Gelegenheiten. Ein Herzchirurg erfährt ihn in der Ausübung seines Berufs, wenn ihn die Herausforderung einer Operation das Zeitgefühl verlieren lässt. Obwohl er schon so oft operiert hat, spornt ihn jeder Eingriff wieder neu an, fordert sein Talent und versetzt ihn in den Flow-Zustand. Einen Bergsteiger reizt die Aufgabe, den Gipfel zu erreichen, und er wird während des Aufstiegs sein ganzes Talent für dieses Ziel aufbringen, vermutlich das Zeitgefühl verlieren und den Flow erleben. Dieser Fluss, versichert der Autor, erzeugt »Eustress« und bewirkt, dass das Gehirn Substanzen freisetzt, die die Konzentration fördern, beim Fokussieren helfen und zur faszinierenden Wirkung der Handlung beitragen.

Eine wahre und langfristige Motivationsquelle können wir nur in unserem Inneren finden. Es ist üblich, nach Motivation von außen zu suchen, da man uns von klein auf an ein System gewöhnt hat, das mit Lob und Strafe arbeitet. Dies mag in einigen Situationen funktionieren, kann aber zu einem Problem werden, wenn unsere Motivation anfängt, komplett von äußeren Faktoren abzuhängen: davon, dass uns jemand belohnt, unsere Leistungen anerkennt, uns das Gehalt erhöht … Innere Motivation hängt hingegen von niemand anderem als uns selbst ab.

Extrinsische Motivation – Ziele, Absichten, Lob und Strafe – führt oft dazu, dass wir mit Begriffen arbeiten, die ein Muss, einen Zwang ausdrücken. Und so beginnen wir, eine innere Stimme zu hören, die uns »ich muss«, »ich soll«, »ich müsste doch eigentlich« zuflüstert. Wenn wir in unserem Inneren die intrinsische Motivation entdecken – einen Weg finden, so oft wie möglich den Flow zu erleben –, dann handeln wir aus freien Stücken, weil wir es so wollen. Und wir beginnen, »ich möchte«, »ich kann«, »ich würde gerne« zu denken.

Es ist interessant zu sehen, wie wir uns durch unseren inneren Monolog selbst motivieren oder demotivieren können. Worte haben Macht, vor allem solche, die wir an uns selbst richten. Wenn man die Motivation wiederfinden will, ist es daher äußerst wichtig, sich vom Altbekannten zu lösen, etwas zu finden, das uns begeistert, unserem inneren Dialog zu lauschen – und Worte zu benutzen, die uns stimulieren.

Im tiefsten Winter erkannte ich schließlich,
dass in mir ein unbesiegbarer Sommer herrscht.

Albert Camus

Optimismus statt Pessimismus

Wie Winston Churchill sagte, sieht der Pessimist in jeder Gelegenheit nur die Schwierigkeit, und der Optimist in jeder Schwierigkeit eine Gelegenheit. Pessimismus ist das, was uns bei unserer Entwicklung am häufigsten bremst, da er schon im Voraus von einem negativen Resultat ausgeht. Er zeigt sich in der Überzeugung, dass es nicht gut laufen wird, dass wir keinen Erfolg haben werden, außer vielleicht durch puren Zufall. Pessimismus kann aus der Angst vor Enttäuschungen entstehen und auch ein Ausdruck mangelnden Vertrauens in sich selbst und andere sein.

Pessimismus ist viel mehr als nur eine negative Haltung: Er bringt uns dazu, unseren Geist mit negativen Bildern zu füttern, und macht uns anfälliger für das, wovor wir uns fürchten. Warum? Die Erklärung dafür liefert uns die Neurologie. Unser Gehirn besitzt einen inneren Mechanismus, der alle äußeren Einflüsse filtert und nur einige davon zu uns durchlässt. Daher ist unsere Wahrnehmung selektiv. Dieser Mechanismus lässt uns leicht vor allem das wahrnehmen, auf das wir uns vorher mental eingestellt haben. Unser Gehirn wird alles dafür tun, genau das zu entdecken, was wir uns bereits einmal ausgemalt haben. Daher ist der Pessimismus wie ein Magnet, der alles Notwendige anzieht, damit unsere Ängste und Albträume wahr werden, während er gleichzeitig andere Möglichkeiten ablehnt, die zwar auch existieren, die wir aber nicht erkennen können. Kurz gesagt ziehen wir also genau das an, was wir uns vorstellen.

Optimismus ist hingegen die Tendenz zu erwarten, dass die Zukunft Positives mit sich bringt. Ein Optimist ist kein Dummkopf oder Naivling, der Schwierigkeiten nicht wahrnimmt, sondern vielmehr jemand, der sie erkennt und dafür eine Lösung ersinnt. Und das ermöglicht ihm weiterzumachen.

Kann man Optimismus lernen? Seligman, der sich selbst als »Pessimist von Geburt an« bezeichnet, fand durch eine Studie heraus, dass man die Haltung optimistischer und pessimistischer Menschen umkehren kann und dass Optimismus erlernbar ist. Wenn ein Mensch, der sich selbst als »geborenen Pessimisten« charakterisiert, heute als weltweit wichtigster Experte für Optimismus gilt, können wir wohl guten Gewissens sagen, dass man negative Züge oder Tendenzen durchaus beeinflussen kann. Optimismus ist eine Haltung, die sich entwickeln lässt und die uns dabei hilft, uns den Herausforderungen des Lebens zu stellen.

Wenn wir immer nur darauf warten,
glücklich zu werden, sind wir es nie.

Blaise Pascal

Vortrefflichkeit statt Perfektionismus

Was ist so schlimm daran, Perfektionist zu sein? Jedes Mal, wenn wir uns die Perfektion zum Ziel setzen, resultiert daraus für uns und alle anderen »garantiertes Unglücklichsein«, denn nur Gott ist perfekt. Liebe ist nicht auf Perfektion aus, sondern auf Vortrefflichkeit.

Der größte Unterschied zwischen einem Perfektionisten und einem Menschen, der Herausragendes anstrebt, liegt in ihrer Reaktion auf Fehler. Der Perfektionist leidet unter jedem Fehler, den er begeht, er fühlt sich schlecht, weil er ihn als Zeichen seines Scheiterns ansieht. Und das macht ihm zu schaffen. Das Gleiche passiert, wenn jemand in seinem Umfeld einen Fehler macht: Ihm geht es dabei schlecht.

Wer hingegen Vortrefflichkeit anstrebt, strengt sich an, um sein Bestes zu geben, nimmt Fehlern gegenüber aber eine ganz andere Haltung ein. Er sieht sie als notwendig, um sein Ziel zu erreichen. Jedes Mal, wenn er etwas falsch macht oder jemandem in seinem Umfeld ein Fehler unterläuft, überlegt er, was er daraus lernen kann, statt sich mit der Frage zu quälen, wie das bloß passieren konnte.

Anstrengung statt Opfer

Muss man sich aufopfern, um im Leben etwas zu erreichen? Ein Mensch opfert sich auf, wenn er für einen bestimmten Zweck – seine Arbeit oder Familie – alles geben will und sich dabei selbst vergisst. Er denkt ständig an die beruflichen Ziele, die er erreichen muss, an seine Kunden, seine Patienten, seine Schüler, seine Kinder, seine Eltern, seine Frau … Er denkt an alles, vergisst darüber aber sich selbst. Er kennt bei seiner Anstrengung keine Grenzen und verliert im Leben das Gleichgewicht. Und wenn man die Balance verliert, muss dafür jemand zahlen: die Person, die sich aufopfert – und damit ihre Gesundheit oder ihre Gemütsverfassung aufs Spiel setzt –, und/oder diejenigen in ihrem Umfeld.

Die Personen, die am meisten Gefahr laufen, dem Opfersyndrom zu erliegen, sind paradoxerweise gerade besonders verantwortungsbewusste Menschen. Diese Tendenz scheint dem Glauben zu entspringen, dass man nur etwas erreichen kann, wenn man dafür auch Opfer bringt. Und daraus entsteht das, was man in der Berufswelt heute als »Burnout-Syndrom« bezeichnet, ein Zustand der Erschöpfung oder Müdigkeit, der sich meistens bei solchen Menschen einstellt, die sich bei ihrer Arbeit besonders einsetzen. Es ist das Ergebnis zu großer beruflicher Belastungen oder resultiert aus dem Fehlen eines Ausgleichs in anderen Lebensbereichen.

Und welche Alternative gibt es zu dieser Opferphilosophie? Anstrengung gepaart mit Erholungsphasen, wie uns die anerkannte Unternehmensberaterin Annie McKee erklärt. Wer sich anstrengt, will seine Ziele erreichen, aber auf ausgeglichene Art und Weise, ohne sich selbst dabei zu vergessen, und behält immer im Hinterkopf, dass sein Leben aus vielen verschiedenen und gleich wichtigen Komponenten besteht. Wer sich aufopfert, gerät aus dem Gleichgewicht und hat keine Zeit und Energie mehr für andere wichtige Bereiche seines Lebens.

Vergebung statt Groll

Dr. Jampolsky stellt fest, dass Vergebung der Schlüssel zum Glücklichsein ist, ein Vehikel, durch das wir unsere Wahrnehmung verändern und uns von Ängsten, Vorurteilen und Kränkungen freimachen können. In seinem Buch Verzeihen ist die größte Heilung erklärt er, dass uns heute wissenschaftliche Beweise dafür vorliegen, wie sehr Groll und die Weigerung zu verzeihen unsere Gesundheit und unser Immunsystem beeinträchtigen und sogar jedes einzelne Organ unseres Körpers schädigen können. Einige körperliche Symptome, die damit zusammenhängen können, sind Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Geschwüre, Depressionen, chronische Müdigkeit, Gereiztheit, Schlaflosigkeit und dauerhaftes Unglücklichsein.

»Es gibt Dinge, die kann ich einfach nicht verzeihen«, diesen Satz hören wir häufig. Ein Mensch, der nicht verzeiht, wird halsstarrig, verurteilt andere und nimmt die Herausforderungen des Lebens als potenzielle Bedrohung wahr. Wer nachtragend ist, verspürt einen nicht geklärten emotionalen Schmerz, der es ihm unmöglich macht, seine Wunden zu versorgen. Ein Herz, das verzeiht, verseucht die Gegenwart nicht mit unverarbeiteten, schmerzhaften Erfahrungen der Vergangenheit. Verzeihen bedeutet, sich nicht mehr zu wünschen, dass die Vergangenheit anders wäre. Zu verzeihen und uns selbst zu verzeihen öffnet Grenzen in unserem Herzen, es macht uns zum Menschen, es lässt uns erkennen, dass wir nicht perfekt sind und auch wir Fehler begehen, dass auch wir auf Vergebung angewiesen sind.

Zu vergeben bedeutet nicht, ein Urteil über das Verhalten des anderen abzugeben oder es gutzuheißen, sondern vom Zorn abzulassen. Zu vergeben bedeutet auch nicht, sich ausnutzen zu lassen. Der Versöhnung eine Tür zu öffnen heißt auf keinen Fall, sich klein zu machen und Misshandlungen zuzulassen. Wer liebevoll Grenzen setzen kann, zeigt sich damit als gesunde Persönlichkeit.

Alles besiegt die Liebe.

Vergil

Innerer Frieden statt Aggressivität

Man sagt, dass Gewalt ein Ausdruck nicht befriedigter Bedürfnisse ist. Diese Gewalt kann körperlich oder verbal sein oder sich durch die Haltung eines Menschen ausdrücken: Gleichgültigkeit und sogar langes Schweigen können genauso aggressiv sein wie Geschrei. Wenn wir Angst haben, fällt es uns schwer, unseren Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Dies führt zu Aggressivität, die gegen uns selbst gerichtet sein kann – wir implodieren und werden vielleicht sogar krank – oder gegen unsere Mitmenschen – wir explodieren und sind auf andere wütend.

Wie sollen wir in einer so brutalen Welt inneren Frieden finden? Eine Möglichkeit besteht darin zu lernen, unseren Bedürfnissen und Gefühlen auf friedliche Art und Weise Ausdruck zu verleihen. Wir tendieren dazu, andere sehr schnell zu verurteilen, und liegen damit meistens falsch. Wenn man inneren Frieden finden will, gilt es, darauf achtzugeben, wie man über andere denkt, da unsere Ansichten über sie meist äußerst negativ sind. Um inneren Frieden zu finden, brauche ich Vertrauen und muss mich von dem Drang befreien, andere und alles, was mir zustößt, kontrollieren zu wollen. Innerer Frieden erwächst aus Liebe, erfüllt uns stets mit einem Gefühl des Fließens, lässt uns präsent und lebendig sein, im Hier und Jetzt verwurzelt.

Um in einem aggressiven Umfeld, das uns so häufig umgibt, Frieden zu stiften, müssen wir an den Frieden denken, der von uns selbst ausgeht. Nur wenn wir selbst inneren Frieden gefunden haben, können wir versuchen, Harmonie in unserem Umfeld zu schaffen.

Deine Aufgabe ist nicht, die Liebe zu suchen,
sondern in deinem Inneren die Barrieren
zu suchen und zu finden,
die du gegen sie errichtet hast.

Rumi

Eine alte Legende der Cherokee erzählt, dass sich ein greiser Mann und sein Enkelsohn eines Abends zusammensetzten, um über das Leben zu sprechen. Der Großvater erzählte seinem Enkel, dass in unserem Inneren zwei Kräfte walten, die einen ewigen Kampf austragen. Um dem Jungen das Konzept verständlich zu machen, erklärte er: »Jeder von uns trägt von Geburt an zwei Wölfe in sich. Einer der beiden ist voller Liebe, dankbar, fröhlich, ein guter Kamerad, ruhig und voller Vertrauen. Der andere Wolf hat Angst, ist gewalttätig, misstrauisch und nachtragend und will sich immer mit anderen messen.«

»Und welcher Wolf gewinnt?«, fragte das Kind. »Der, den du fütterst«, antwortete sein Großvater.

Vom Paradigma der Angst zum Paradigma der Liebe

Wie stellen Sie sich Ihr Leben vor? Wie oft haben wir uns ge-sagt: »Ja, so bin ich eben, was soll man da machen?« Nein! Auch wenn es schwer zu glauben ist, ist unser Charakter nicht festgelegt. Wir können uns ändern, uns von dem befreien, was uns einschränkt, und neue Dinge lernen, die wir brauchen, um besser zu leben.

Die Früchte der Angst entspringen zahlreichen verschiedenen Ursachen: unserer Geschichte, unserer Kultur, unserem Körper und der Art und Weise, wie wir unser Leben erzählen. Unabhängig von ihrem Ursprung ist es wichtig zu wissen, dass diese Folgen nicht unantastbar sind. Die Grundidee besteht darin zu beobachten, was für Tendenzen wir haben, zu wissen, dass wir ablegen können, was wir nicht mehr brauchen, und es durch etwas ersetzen können, das neu und gut für unser Leben ist. Je bewusster wir uns solcher Dinge sind, desto mehr Auswahlmöglichkeiten haben wir.

Also, welches Paradigma soll den größten Teil Ihres Lebens bestimmen?

Übung

Warum Vergebung gut für uns ist

Es wird erzählt, dass ein Schüler seinen Lehrer aufsuchte, um mit ihm über Vergebung und Groll zu sprechen.

»Meister, ich verstehe diese Konzepte nicht.«

Da sagte ihm sein Lehrer:

»Ich möchte, dass du von heute an einen Sack Kartoffeln auf dem Rücken trägst.«

»Einen Sack Kartoffeln?«, fragte der Schüler verwundert.

»Ja, eine Kartoffel für jedes Mal, als du im Herzen nicht verzeihen konntest. Nimm für jeden Menschen oder jedes Thema, der oder das dich verbittert, eine Kartoffel, wickele sie in Plastikfolie ein und klebe ein Etikett mit Namen und Datum darauf.«

Der Lehrer trug ihm auf, diesen Sack eine Woche lang überallhin mitzunehmen. Er sollte ihn sich nachts neben das Bett stellen und ihn sich morgens auf die Schultern laden wie einen Rucksack. Im Laufe der Woche fingen die Kartoffeln natürlich an zu faulen, der Gestank wurde unerträglich, und das Gewicht ebenso. Der Schüler hielt es nicht mehr aus und suchte wieder seinen Lehrer auf.

»Ich kann dieses Gewicht nicht mehr tragen. Das ist doch nicht auszuhalten.«

Da antwortete ihm der Lehrer:

»Genau das Gleiche passiert, wenn du nicht verzeihst.«

Jetzt gehen Sie in sich, lassen Sie Ihr Leben Revue passieren, nehmen Sie Ihre persönliche Haltung unter die Lupe und beantworten Sie diese Fragen:

– Was bedeutet für Sie die Geschichte, die Sie gerade gelesen haben?

– Denken Sie an die Menschen, denen Sie etwas verzeihen müssten. Stellen Sie sich vor, dass Sie für jeden von ihnen einen Stein tragen und dieses Gewicht überallhin mitnehmen … Wer sind diese Menschen? Wie viele sind es? Wenn Sie noch eine Rechnung mit sich selbst offen haben, vergessen Sie nicht, auch sich selbst auf die Liste zu schreiben.

– Wie viele Steine wollen Sie in Ihrem Geist und Herzen mit sich herumtragen?

– Gibt es jemanden, den Sie um Vergebung bitten möchten?

– Was möchten Sie mit dieser Gewissenserforschung anfangen? Wir stellen Ihnen hier drei wichtige Fragen:

– Sind Sie dazu bereit, jemandem zu verzeihen?

– Wollen Sie das auch wirklich tun?

– Wann werden Sie es tun?

2

Ein Leben ohne Angst

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Liebe vertreibt die Angst, doch genauso vertreibt Angst auch die Liebe.
Angst vertreibt ebenso Intelligenz, Güte und jeden Gedanken
an Schönheit und Wahrheit.
Was bleibt, ist dumpfe oder vorgeblich amüsante Verzweiflung.
Und am Ende vertreibt Angst selbst die
Menschlichkeit des Menschen.

Aldous Huxley