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LITERATUR
KOMPAKT

Herausgegeben von Gunter E. Grimm

Tectum

Corinna Schlicht

ARTHUR
SCHNITZLER

Die Autorin

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Dr. Corinna Schlicht studierte Germanistik und Philosophie an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg. Seit 1997 übt sie Lehr- und Forschungstätigkeiten an verschiedenen Universitäten (Duisburg-Essen, Düsseldorf, Nijmegen, Paderborn) in den Bereichen Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik aus. 2003 legte sie eine Dissertation über die pragerdeutsche Schriftstellerin Lenka Reinerová vor. Seit 2009 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin (Studienrätin im Hochschuldienst) an der Universität Duisburg-Essen im Fachbereich Germanistik/Literaturwissenschaft. Sie veröffentlichte u. a. zu Heinrich von Kleist, E.T.A. Hoffmann, Thomas Mann, W.G. Sebald, Terézia Mora, Julia Franck, Tom Tykwer und David Lynch.

Corinna Schlicht

Arthur Schnitzler

Literatur Kompakt – Bd. 3

Reihenkonzept und Herausgeberschaft: Gunter E. Grimm

Projektleitung Verlag: Christina Sieg

Layout: Sabine Manke

© Tectum Verlag Marburg, 2013

ISBN EPUB 978-3-8288-5711-7

(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-2969-5 im Tectum Verlag erschienen.)

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

INHALT

I. Schnitzler. Schriftsteller der Décadence

II. Zeittafel

               Grafik: Wichtige Punkte

III. Leben und Werk

IV. Werkaspekte

               1.   Schnitzlers Grundverständnis von Literatur

               2.   Der Blick nach innen

               3.   Sexualität

               4.   Sprachkritik

               5.   Antisemitismus

               6.   Gestalterische Konsequenzen

V. Analyse ausgewählter Dramen

               1.   Anatol

               2.   Liebelei

               3.   Reigen

               4.   Das weite Land

               5.   Professor Bernhardi

VI. Analyse ausgewählter Prosatexte

               1.   Lieutenant Gustl

               2.   Der Weg ins Freie

               3.   Casanovas Heimfahrt

               4.   Fräulein Else

               5.   Traumnovelle

VII. Wirkung

VIII. Literatur

Glossar

Abbildungsverzeichnis

 

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I. Schnitzler – Schriftsteller der Décadence

Über der Zeit stehn –; nicht ‚mit ihr gehn‘ […], – ist meine Sache.

Arthur Schnitzler in einem Brief
an Olga Schnitzler vom 22.7.1928

Schnitzlers Aktualität

In seinem Buch Schnitzler’s Century hat der Kulturhistoriker Peter Gay die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert nachgezeichnet und diese Epoche zum Zeitalter des Doktors Arthur Schnitzler – so der deutsche Titel – erklärt. Schnitzler gilt Gay allerdings nicht als Paradebeispiel eines Bürgerlichen, sondern vielmehr als genauer Beobachter und Analytiker seiner Zeit. Betrachtet man nämlich seine Novellen, Erzählungen, Romane, Einakter und Schauspiele unter einer kulturhistorischen Perspektive, so lesen sie sich als milieugetreue und scharfsinnige Zeitdokumente. Sie schildern eine Epoche, die unter den Schlagworten Décadence und Fin de Siècle als eine Zeit des Umbruchs, des Niedergangs gar, gekennzeichnet wird.

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Ein Blick in Schnitzlers Biografie macht die vielfältigen politischen, kulturellen und persönlichen Umbrüche deutlich, die sein Werk begleitet haben: Schnitzler wächst als Jude in der österreichischen Doppelmonarchie auf, er erlebt den Untergang des Kaiserreiches, bekommt die Ressentiments gegenüber seiner religiösen Abstammung zu spüren, verfolgt als Mediziner die Entdeckung der menschlichen Psyche, durchlebt als heterosexueller Mann zahlreiche Liebesbeziehungen, kann das bürgerliche Gebot von Monogamie nicht leben, heiratet, lässt sich scheiden, steht mit Literaten seiner Zeit in engem Kontakt, gehört dem Avantgarde-Zirkel des Jung Wiens an, feiert Theatererfolge, erhält Auszeichnungen und Anerkennung, eckt mit seiner Literatur an, entfacht mit ihr Skandale und juristische Konflikte, wird Zeuge zahlreicher politischer Umbrüche, die im Ersten Weltkrieg sowie in der Gründung der Ersten Republik münden, lebt und stirbt in der Großstadt Wien. Ohne einer biografischen Lektürehaltung das Wort reden zu wollen, geht es bei dieser Aufzählung vielmehr um die Themen, Motive und Diskurse, die sich in Schnitzlers Texten verarbeitet und reflektiert finden. Man könnte es auf die Formel bringen: Schnitzler zu lesen, heißt, das kulturelle Klima Europas um 1900 kennenzulernen. Doch ist der Epochenumbruch um 1900 aus heutiger Sicht nicht nur von historischem Interesse. Die literarische Moderne, zu deren prominentesten Vertretern Arthur Schnitzler gehört, bildet kulturelle Erzählmuster, sogenannte Narrative, und Gestaltungsverfahren heraus und widmet sich Themenkomplexen, die bis in das Jetzt hinein wirken.

Kontinuitäten

Schnitzlers literarische Gesellschaftsanalysen zeichnen nicht nur ein detailliertes und kritisches Bild des Wiens der Jahrhundertwende. Es zeigt sich, dass sie über ihre Zeitverbundenheit hinaus die Menschen in ihren bis heute vorfindlichen psycho-sozialen Strukturen porträtieren. Mit seiner Themenwahl, seinen psychologischen Studien und Sprachreflexionen widmet er sich den grundlegenden Voraussetzungen, die auch für unsere heutige Gesellschaftsstruktur noch Gültigkeit besitzen. Denn durch seine Doppelexistenz als praktizierender Arzt und Schriftsteller »erwuchs Schnitzler ein Thema, das sein gesamtes Werk durchzieht: das Problem der menschlichen Beziehungen« (Janik/Toulmin 1998, S. 75), dadurch wird er zum Analytiker des abendländischen Menschen und seiner Lebensbedingungen in einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Schnitzlers psychologische Tiefenschau sieht den Menschen als soziales Triebwesen. Dies zeigt sich an seinen literarischen Figuren, die zwischen natürlichen Bedürfnissen und kulturellen Anforderungen aufgerieben werden. Vor allem ihr problematisches Verhältnis zur Sexualität bestimmt ihre schwierigen zwischenmenschlichen Beziehungen.

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Theodor Zasche: Hofball im Redoutensaal, Anfang 20. Jhdt.

Dass Schnitzlers Sicht auf den Menschen durchaus aktuell ist, dokumentiert die Neuverfilmung seiner Traumnovelle durch Stanley Kubrick im Jahr 1999. Kubricks Film Eyes Wide Shut versetzt das Wiener Ehedrama aus dem frühen 20. Jahrhundert in das New York der Jahrtausendwende. Damit wählt er für sein Werk eine Umbruchstimmung, die derjenigen des Fin de Siècle um 1900 nicht unähnlich ist. Kubrick arbeitet äußerst textnah und macht deutlich, wie gut Schnitzlers Novelle noch 70 Jahre später funktioniert. Die in ihr entfalteten Probleme von Monogamie, Eifersucht, verborgenen Sehnsüchten und den Ernüchterungen angesichts eines eher prosaischen Alltagslebens erweisen sich als zeit- und ortlos: Ob 1900 oder 2000, ob Wien oder New York, zumindest für den westlichen Kulturkreis erzählen und gestalten Novelle und Film grundlegende Topoi des bürgerlichen Selbstverständnisses.

Das Subjekt in der Krise: Moderne – Postmoderne

Sinnkrisen der Moderne

Zusammen mit Künstlern wie Gustav Klimt oder Egon Schiele sowie Schriftstellern wie beispielsweise Hugo von Hofmannsthal und Robert Musil gilt Schnitzler als Vertreter der Wiener Moderne. In seinem Drama Paracelsus (1898) resümiert die Titelfigur:

Es war ein Spiel! Was sollt’ es anders sein? / Was ist nicht Spiel, das wir auf Erden treiben, / Und schien es noch so groß so tief zu sein! / Mit wilden Söldnerscharen spielt der eine, / Ein andrer spielt mit tollen Abergläubischen. / Vielleicht mit Sonnen, Sternen irgendwer, – / Mit Menschenseelen spiel ich. Ein Sinn / Wird nur von dem gefunden, der ihn sucht. / Es fließen ineinander Traum und Wachen, / Wahrheit und Lüge. Sicherheit ist nirgends. / Wir wissen nichts von andern, nichts von uns; / Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug (P, S. 215).

Der literarischen Figur ist in den Mund gelegt, was den Zeitgeist der Jahrhundertwende maßgeblich prägt. Das moderne Subjekt steckt in der Krise, denn Sinnfindung bedeutet lediglich die Projektion der eigenen Ideen auf die betrachteten Gegenstände, die man gleichsam in die eigenen Vorstellungen einkleidet. Alles ist ein Spiel, freilich mit bestimmten Regeln, doch sind diese vom Menschen selbst gemacht. Es findet sich somit kein höherer, allumfassender Sinn mehr und der Mensch ist auf sich selbst zurückgeworfen. Schnitzlers Freund und Schriftstellerkollege Hugo von Hofmannsthal hatte wenige Jahre zuvor bereits die negativen Konsequenzen aus dem Wissen um eine an sich sinnlose Welt beschrieben. Wenn nämlich das eigene Handeln keinem höheren Zweck mehr dient, kann aus dem lustvollen Spiel allzu leicht ein depressives Erstarren werden. »Heute scheinen zwei Dinge modern zu sein, die Analyse des Lebens und die Flucht aus dem Leben. […] Wir haben nichts als ein sentimentales Gedächtnis, einen gelähmten Willen, und die unheimliche Gabe der Selbstverdopplung. Wir schauen unserem Leben zu« (Hofmannsthal [1893] 1956, S. 148). An die Stelle eines sinnhaften Handelns ist demnach die zweifelnde Selbstbeobachtung getreten. Die von Hofmannsthal konstatierte Lähmung, die Lebensflucht sowie die Selbstbespiegelung fasst man gemeinhin mit dem Schlagwort Décadence. Es bezeichnet ein Lebensgefühl während der Zeit um 1900, das genauso wie die Bezeichnung Fin de Siècle den Verfall einer vormals bürgerlich-optimistischen Lebensanschauung sowie das Ende des Jahrhunderts betont (und nicht etwa den hoffnungsvollen Aufbruch in eine neue Zeit). Als berühmtes literarisches Beispiel für die Reflexion dieser Endzeitstimmung bürgerlicher Verfasstheit sei an Thomas Manns Roman Buddenbrooks aus dem Jahr 1901 erinnert, der schon im Untertitel Verfall einer Familie seine pessimistische Ausrichtung benennt.

Gründe für die Untergangsstimmung finden sich in den allgemeinen Lebensumständen. Jene Zeit der Jahrhundertwende ist für die Menschen der westlichen Welt von umfassenden Sinnkrisen gekennzeichnet, weil sowohl technische als auch kulturelle Neuerungen das Lebensgefühl der Menschen nachhaltig verändern. Neue Medien wie der Kinofilm, der Ausbau von Stadtbahnen und die ansteigende Zahl von Fuhrwerken und Automobilen beschleunigen die Lebenswirklichkeit der Menschen. Letztere lassen vor allem die Großstädte immer hektischer werden. Allerorts entstehen Fabriken, die die Arbeit des Einzelnen zunehmend zu einem automatisierten und entfremdenden Prozess machen. Die moderne Psychologie verändert das Menschenbild, und auch die politischen Umbrüche, die schließlich zum Ende der Monarchien in Österreich und Deutschland führen, bringen tradierte Weltbilder allmählich ins Wanken. Paracelsus’ Satz »Sicherheit ist nirgends« bringt dies zum Ausdruck und der von Hofmannsthal genannte ‚gelähmte Wille‘ ist die Folge. Die Entstehung einer Massengesellschaft verändert aber auch die Beziehungen der Menschen zueinander, was der Schriftsteller Robert Musil beklagt: »Es ist die Auflösung durch die unübersehbare Zahl, was den Grundunterschied gegen jede andere Zeit bildet, das Alleinsein und Anonymwerden des einzelnen in einer immer wachsenden Menge, welches eine neue geistige Verfassung mit sich bringt, deren Konsequenzen noch unberechenbar bleiben« (Musil [1912] 1978, S. 994). Arthur Schnitzler ist der »Diagnostiker« dieses Umbruchs (Geißler 1986, S. 50). Anders als manche seiner Zeitgenossen schildert er nicht nur die brüchige Verfasstheit der bürgerlichen Gesellschaft des Fin de Siècle, sondern diskutiert auch die Ursachen für diesen Zerfall.

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Illustration zum Tramwayfahrerstreik in Wien-Hernals 1889

Moderne Postmoderne

Paracelsus’ Rede vom Leben als Spiel stellt ein Motiv dar, das auch für die Epoche der sogenannten Postmoderne, also den Zeitraum im ausgehenden 20. Jahrhundert, prägend ist. In diesem Zeitalter der fortschreitenden Globalisierung greifen Philosophie und Literatur den Spielbegriff wieder auf. Das Spiel wird zu einem der Schlagworte der Kunst in der Postmoderne. Es beschreibt die Reaktion auf eine als kontingent, das heißt als willkürlich, vielgestaltig und undurchschaubar erfahrene Wirklichkeit. Der Philosoph Jean-François Lyotard hat dies auf die Formel gebracht, dass »man den Meta-Erzählungen keinen Glauben mehr schenkt« (Lyotard 1999, S. 14). Zu diesen ‚großen Erzählungen‘, die ihre Bedeutung für die Menschen verloren hätten, gehörten beispielsweise die Heilsversprechen von Religion und Aufklärung. Zahlreiche Schlagworte der Sozialwissenschaften im späten 20. Jahrhundert spiegeln diesen Verlust der großen Sinnsysteme wider: So hat der Sozialphilosoph Jürgen Habermas von der ‚neuen Unübersichtlichkeit‘ gesprochen und der Soziologe Richard Sennett die Vorstellung vom ‚flexiblen Menschen‘ geprägt. Zusammen mit dem Abschied von einem verbindlichen Weltbild haben sich auch die Anforderungen an den Menschen radikal gewandelt:

Der Zwang zur Selbst-Verwirklichung, die an den Einzelnen gerichtete Forderung, Baumeister seines ‚eigenen Lebens‘ und seiner Identität zu sein, geht Hand in Hand mit der Einbindung der Individuen in weltweite Zusammenhänge. ‚Globalisierung‘ meint dabei nicht nur ein ökonomisches Phänomen […]. Die über das globale Mediennetz vermittelte neue Vielfalt ermöglicht es, ja zwingt geradezu dazu, die eigene Selbst- und Weltdeutung vor dem Hintergrund vieler anderer Deutungen zu spiegeln und zu relativieren (Eickelpasch/Rademacher 2004, S. 7 und 8).

Entsprechend entwirft die postmoderne Literatur die Spezies der ‚Generation X‘, der ‚Neuen Dandys‘ und der ‚Single-Generation‘. Bei ihnen finden sich jedoch genau jene Phänomene der Langeweile, des Lebensekels und eines Lebens im Als-ob beschrieben und hinterfragt, die schon – wenn auch die Interieurs der Lebensumstände andere waren – den Menschen um 1900 gekennzeichnet hatten. Auch Schnitzlers Figuren wie Anatol, Casanova, Georg von Wergentin aus Der Weg ins Freie oder auch Fräulein Else, Therese oder Frau Berta Garlan kennen das Problem des Selbstentwurfs. Sicher erscheint die Welt um 1900 noch deutlich kleiner, und die Verbindlichkeit von Konventionen ist größer, als dies hundert Jahre später der Fall ist (vor allem für Frauen gibt es die Freiheit der Wahl noch nicht). Doch auch um 1900 stellt das sich rasant ändernde Lebensgefühl der Moderne den Einzelnen, der zunehmend nach Autonomie und Selbstverwirklichung strebt, vor das Problem, das eigene Leben entwerfen zu müssen – auch wenn sich gleichzeitig die Überzeugung durchsetzt, dass ein wirklich selbstbestimmtes Leben gar nicht unbedingt möglich ist. Die vielfältigen Zwänge einer industrialisierten Massengesellschaft und der Zweifel, dass die unübersichtlich gewordene Welt überhaupt noch angemessen begriffen werden kann, arbeiten der planvollen Selbstverwirklichung entgegen.

Das hat zweierlei Ursachen. Zum einen mehrt sich »die Erfahrung, daß die Wahrnehmungen der Wirklichkeit scheinhaft geworden sind. Durch die in diesen Jahren rapide fortschreitende Ausbreitung industrieller Produktionsweisen erfahren die Menschen ihre Arbeit und damit auch sich selbst zunehmend als austauschbar; es ist zweifelhaft, ob das Individuum tatsächlich noch letzter Bezugspunkt alles Wirklichen ist« (Scheible 1976, S. 34). Zum anderen rezipieren und diskutieren zumindest die Intellektuellenkreise die durch Philosophie und Psychologie vollzogene »Wendung zum Subjektiven« (ebd., S. 43). Vor allem die »Parole des Philosophen Ernst Mach (1838–1916), daß das Ich ‚nicht zu retten‘ sei, hatte eine Wirkung, die allenfalls mit Nietzsches ‚Gott ist tot!‘ zu vergleichen wäre« (ebd.).

Schnitzlers moderne Figuren spiegeln diesen Widerspruch: Sie glauben weder an eine sinngebende transzendente Kraft (Gott) noch an das eigene Vermögen, das Leben autonom gestalten zu können. Stattdessen dominiert ein Gespür für die eigene Vergänglichkeit. Damit entlarvt Schnitzler im ausgehenden 19. Jahrhundert eine zentrale Idee der Aufklärung – nämlich die Vorstellung vom souveränen Individuum, das so etwas wie eine personale Identität herausbilden kann – als bloßes Trugbild. Somit deuten seine impressionistischen Figuren auf die ‚hybriden Identitäten‘ der Postmoderne voraus. Impressionistisch meint hier – abgeleitet von der wörtlich übersetzten ‚Eindruckskunst‘ eines Claude Monets oder Pierre-Auguste Renoirs – eine Wahrnehmung, die von einer rein individuellen Perspektive ausgeht und ganz vom Erleben subjektiver, sinnlicher Eindrücke während eines bestimmten Moments bestimmt ist.

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Pierre-Auguste Renoir: Monet beim Malen in seinem Garten in Argenteuil, 1873

Schnitzlers Entlarvungen

Schnitzlers durchaus kulturkritische Antwort auf die Frage nach den Gründen für die Ohnmacht des modernen Subjekts lautet: Die Ursache liegt in den sozialen Konventionen, die den Triebimpulsen des Menschen entgegenwirken, sie umlenken oder unterdrücken. Schnitzler führt in seinen Texten vor, dass das, was im zeitgenössischen Verständnis als ‚natürliches‘ Begehren des menschlichen Körpers erscheint, tatsächlich kulturell überformt, wenn nicht deformiert ist. Wie aktuell ein solcher Blickwinkel ist, zeigen die Hinweise auf relativ junge Forschungszweige wie die ‚Cultural Studies‘ oder die ‚Queer Studies‘. Letztere legen die kulturellen Grundlagen unserer Vorstellungen von der menschlichen Sexualität offen, indem sie überlieferte sprachliche Muster diskutieren, die den Anschein von Natürlichkeit erzeugen. Wenn Schnitzler etwa im Reigen ein bürgerliches Ehepaar im Gespräch über ihr Liebesleben zeigt, dann entlarvt er genau jene kulturellen Zurichtungen von Sexualität, die den Mann als Mann und die Frau als Frau interagieren lassen. Die ‚Wirklichkeit‘ einer zweigeschlechtlichen, den bürgerlichen Normen entsprechenden Sexualität gibt es nicht schlechthin, sondern sie wird von den Figuren erst sprachlich hergestellt. Das heißt, sie wird von den Akteuren in der Interaktion, in dem wechselseitig aufeinander bezogenen Handeln ‚performiert‘, also zur Aufführung gebracht, wie die Philosophin Judith Butler es formuliert hat.

Konversationsanalysen

Schnitzlers Konversationsanalysen legen offen, dass die kulturellen Narrative, also das Sprechen von geschlechtlicher, sozialer, ethnischer oder religiöser Zuordnung, die Verhältnisse erst erzeugen (und in der Wiederholung festigen), weil es sich um kulturell überlieferte, sprachliche Muster handelt. Schnitzlers Texte zeichnen demnach ein psychologisches, bis heute gültiges Bild vom abendländischen Menschen, der durch sprachlich vermittelte kulturelle Konstanten wie Bürgerlichkeit, Ökonomie, ethnische und religiöse Vorbehalte sowie geschlechtliche Stereotype geprägt ist. Damit stehen seine Texte – ganz im Sinne des Eingangsmottos – »über der Zeit«.

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Arthur Schnitzler, um 1878

II. Zeittafel

1862

15. Mai: Geburt in Wien

1871

Besuch des akademischen Gymnasiums in Wien

1879

8. Juli: Reifeprüfung mit Auszeichnung 30.August bis 15. September: Maturareise nach Amsterdam 21.September: Der Reisebericht Von Amsterdam bis Ymuiden erscheint in der Wiener Medizinische Presse
Im September Beginn des Medizinstudiums an der Universität Wien

1880

13. November: Erste literarische Veröffentlichung – Das Gedicht Liebeslied der Ballerine erscheint in Der Freie Landesbote; in der Folge weitere Veröffentlichungen

1882

1. Oktober: Dienstantritt als Einjährig-Freiwilliger im Wiener Garnisonsspital I, Abschluss: Offiziersprüfung

1885

30. Mai: Promotion
Ab September: Aspirant und Sekundararzt im k. k. Allgemeinen Krankenhaus in Wien und in der Poliklinik, u. a. in den Abteilungen: Innere Medizin, Nervenpathologie, Psychiatrie

1886

Tuberkuloseverdacht
Reise nach Meran, dort Zusammentreffen mit Olga Waissnix

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Plan der Stadt Wien, um 1850

1887

Schnitzler wird Redakteur der vom Vater begründeten Zeitschrift Internationale Klinische Rundschau

1888

Studienaufenthalte in Berlin und London
Auf eigene Kosten Druck des Bühnenmanuskripts Das Abenteuer seines Lebens (Einakter Lustspiel) bei O. F. Eirich, Wien

 

Assistenz bei seinem Vater Johann Schnitzler an der Wiener Poliklinik (bis 1893)
Therapeutische Experimente mit Suggestion und Hypnose

1889

Publikationen in Internationale Klinische Rundschau: Erzählung Silvesterbetrachtungen
März/April medizinische Arbeit Über funktionelle Aphonie und deren Behandlung durch Hypnose und Suggestion
Weitere Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften, u. a. in Schöne blaue Donau: Erzählungen Amerika, Der Andere, Mein Freund Ypsilon und Anatol-Einakter: Episode

1890

Mitbegründung des Literatenzirkels Jung Wien: Bekanntschaft u. a. mit Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Hermann Bahr, Peter Altenberg und Richard Beer-Hofmann
Publikationen in Zeitungen und Zeitschriften: Dramatisches Gedicht in einem Aufzug Alkandi’s Lied; Anatol-Einakter Die Frage an das Schicksal, Anatols Hochzeitsmorgen

1891

13. Mai: Uraufführung des Lustspiels Das Abenteuer seines Lebens (Theater in der Josefstadt Wien)

1892

Erster Kontakt mit Karl Kraus
Auf eigene Kosten Druck von sieben der insgesamt zehn Einakter des Anatol-Zyklus (Episode, Frage an das Schicksal, Denksteine, Agonie, Abschiedssouper, Weihnachtseinkäufe, Anatols Hochzeitsmorgen) mit einem Prolog von Hugo von Hofmannsthal (Pseudonym Loris) beim Berliner Verlag des Bibliographischen Bureaus Publikationen in Zeitungen und Zeitschriften: Erzählung Der Sohn: aus den Papieren eines Arztes (später ausgeführt zu dem Roman Therese, 1928)

1893

2. Mai: Tod des Vaters
Arthur Schnitzler verlässt die Poliklinik und eröffnet eine Privatpraxis
1.Dezember: Uraufführung von Das Märchen am Deutschen Volkstheater Wien mit der gefeierten Schauspielerin Adele Sandrock, Beginn einer Beziehung mit ihr

1894

Bekanntschaft mit der Gesangslehrerin Marie Reinhard
Beginn des Briefwechsels mit Georg Brandes, einem dänischen Schriftsteller und Kritiker

1895

Beginn des Briefwechsels mit dem Direktor des Deutschen Theaters (Berlin) Otto Brahm

 

Buchausgabe von Sterben und Generalvertrag mit dem S. Fischer Verlag in Berlin

1896

Buchausgabe von Liebelei bei S. Fischer in Berlin
Anfang Juni bis Ende August: Skandinavienreise: Besuch bei Henrik Ibsen in Christiania (Oslo) und Georg Brandes in Kopenhagen

1897

Marie Reinhard bringt einen toten Jungen zur Welt Olga Waissnix stirbt

1898

Buchausgabe von Freiwild und der Novellensammlung Die Frau des Weisen (Blumen, Ein Abschied, Die Frau des Weisen, Der Ehrentag, Die Toten schweigen) bei S. Fischer in Berlin
Publikationen in Zeitungen und Zeitschriften: Versspiel Paracelsus Juli bis September 1898: Fahrradtour durch Österreich, die Schweiz und Oberitalien, zum Teil gemeinsam mit Hugo von Hofmannsthal

1899

18. März: Tod Marie Reinhards 27.März: Verleihung des Bauernfeld-Preises für Novellen und dramatische Arbeiten 11.Juli: Erste Begegnung mit Olga Gussmann, Schnitzlers späterer Ehefrau

1900

Auf eigene Kosten 200 Exemplare von Reigen als unverkäufliches Manuskript gedruckt und an Freunde verteilt
Publikationen in Zeitungen und Zeitschriften: Novellen Der blinde Geronimo und sein Bruder; in Neue Freie Presse am 25. Dezember (Weihnachtsbeilage): Lieutenant Gustl

1901

14. Juni: Arthur Schnitzler verliert wegen der Veröffentlichung seiner Novelle Lieutenant Gustl seinen Offiziersrang als Oberarzt

1902

Gemeinsam mit Otto Brahm Besuch bei Gerhart Hauptmann Gesamtausgabe des Einakter-Zyklus Lebendige Stunden bei S. Fischer in Berlin
9.August: Geburt des Sohnes Heinrich

1903

17. März: Verleihung des Bauernfeld-Preises für den Zyklus Lebendige Stunden
26. August: Eheschließung mit Olga Gussmann

1904

22. November: Uraufführung des einaktigen Puppenspiels Der tapfere Cassian (zusammen mit dem Einakter Der grüne Kakadu) an Max Reinhardts Kleinem Theater in Berlin; die für denselben Abend vorgesehene Aufführungen des Einakters Das Haus Delorme wird von der Zensur verboten

1906

Reisen nach Berlin; Ferienaufenthalt mit Sohn und Ehefrau in Deutschland und Dänemark

 

Buchausgaben von Zwischenspiel, Der Ruf des Lebens und Marionetten; Drei Einakter bei S. Fischer in Berlin

1907

Reise nach Südtirol

 

Buchausgaben von Dämmerseelen bei S. Fischer in Berlin. Publikationen in Zeitungen und Zeitschriften: Erzählungen Die Geschichte eines Genies, Der tote Gabriel

1908

Reisen nach München und bis nach Südtirol

 

Buchausgabe Der Weg ins Freie bei S. Fischer in Berlin Publikationen in Zeitschriften: Der Weg ins Freie als Fortsetzungsroman in Neue Rundschau, Komtesse Mizzi oder Der Familientag in Neue Freie Presse, Die Verwandlungen des Pierrot in Zeit, Der Tod des Junggesellen in Österreichische Rundschau
15.Januar: Grillparzer-Preis für Zwischenspiel

1909

Schnitzler-Jahr des Deutschen Volkstheaters in Wien
5.Januar: Uraufführung von Komtesse Mizzi oder Der Familientag
16.Januar: Erstaufführung in Österreich von Anatols Hochzeitsmorgen
13.September: Geburt der Tochter Lili
11.Dezember: Erstaufführung in Österreich von Der Ruf des Lebens

1910

Umzug in Schnitzlers neues Haus in der Sternwartestraße 71 im Stadtbezirk Währing (18) in Wien

 

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Grafik: Wichtige Punkte

 

1911

Reisen nach München, Mailand und Genua Vorlesungsreise nach Prag, Dresden, Berlin, Hamburg und München Buchausgabe von Das weite Land. Tragikomödie in fünf Akten bei S. Fischer in Berlin

 

Publikationen in Zeitungen und Zeitschriften: Erzählungen Die dreifache Warnung, Der Mörder, Die Hirtenflöte und Das Tagebuch der Redegonda
9.September: Tod der Mutter
14.Oktober: Uraufführung von Das weite Land; die Aufführung findet zeitgleich an neun deutschsprachigen Bühnen statt

1912

Zum 50. Geburtstag Arthur Schnitzlers erscheinen bei S. Fischer in Berlin Gesammelte Werke in zwei Abteilungen: Die erzählenden Schriften in drei Bänden und Die Theaterstücke in vier Bänden
Weitere Buchausgaben bei S. Fischer: Novellensammlung Masken und Wunder (Die Hirtenflöte, Der Tod des Junggesellen, Der Mörder, Der tote Gabriel, Das Tagebuch der Redegonda, Die dreifache Warnung) und Professor Bernhardi. Komödie in fünf Akten
Reisen nach Triest, Venedig, Brioni und Berlin
28.November: Uraufführung von Professor Bernhardi amKleinen Theater in Berlin (nach Verboten in Wien und Budapest) Tod Otto Brahms

1913

Reisen nach Budapest, Italien, die Schweiz und München Buchausgabe von Frau Beate und ihr Sohn bei S. Fischer in Berlin
Publikationen in Zeitschriften: in Neue Rundschau: Frau Beate und ihr Sohn

1914

22. Januar: Erstaufführung des Stummfilms Elskovsleg (Liebelei) in Kopenhagen (Regie: Holger Madsen)
27.März: Verleihung des Raimund-Preises für Der junge Medardus

1915

Ferienreisen in Österreich
Buchausgabe von Komödie der Worte bei S. Fischer in Berlin

1916

Reisen zum damaligen Dichtertreffpunkt Altaussee

1917

Buchausgaben von Doktor Gräsler, Badearzt und von Fink und Fliederbusch bei S. Fischer in Berlin
Publikationen in Zeitschriften: Doktor Gräsler, Badearzt als Fortsetzungsnovelle in 31 Teilen im Berliner Tageblatt

1918

Ende des Ersten Weltkriegs: Zusammenbruch der Monarchie und Gründung der Ersten Republik
Publikationen in Zeitschriften: Casanovas Heimfahrt als Fortsetzungserzählung in Neue Rundschau
Buchausgabe von Casanovas Heimfahrt bei S. Fischer in Berlin
21.Dezember (Nach Abschaffung der Zensur): Erstaufführung von Professor Bernhardi am Volkstheater in Wien

1920

8. Oktober: Verleihung des Volkstheaterpreises für Professor Bernhardi
23.Dezember: Uraufführung von Reigen am Kleinen Schauspielhaus in Berlin

1921

1. Januar: Erster Reigen-Prozess vor der 6. Zivilkammer des Landgerichts III in Berlin
1.Februar: Erstaufführung von Reigen an den Kammerspielen des Volkstheaters in Wien
17.Februar: Polizeiliches Verbot weiterer Aufführungen von Reigen in Wien
22.Februar: Organisierter Skandal in Berlin während einer Reigen-Aufführung
26.Juni: Scheidung von Olga Schnitzler
11.September: Premiere des Stummfilms The Affairs of Anatol (USA, Regie: Cecil B. de Mille)
September: Zweiter Reigen-Prozess in Berlin
8.November: Freispruch aller Beschuldigten
30.November: Aufhebung des Aufführungsverbotes von Reigen in Wien

1922

Bei S. Fischer in Berlin werden anlässlich des 60. Geburtstags Schnitzlers die Gesammelten Werke ergänzt: Erzählende Schriften um den 4. Band (Frau Beate und ihre Sohn; Dr. Gräsler, Badearzt und Casanovas Heimfahrt); Theaterstücke um den 5. Band (Professor Bernhardi,

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Karte von Österreich-Ungarn aus dem Jahr 1899

1922 Forts.

Komödie der Worte, Fink und Fliederbusch, Die Schwestern oder Casanova in Spa)
Vorlesungsreise nach Holland
Schnitzler untersagt dem S. Fischer Verlag, weitere Aufführungsrechte von Reigen zu vergeben
15.Mai: Sigmund Freuds Brief zum 60. Geburtstag.

1923

Beginn der Beziehung zu Clara Katharina Pollaczek
Vorlesungsreise nach Kopenhagen und Stockholm
Reisen nach Salzburg, Baden-Baden und in die Schweiz
5.Oktober: Premiere des Stummfilms Der junge Medardus in Wien (Regie: Michael Kertész)

1924

Reise in die Schweiz
Publikationen in Zeitschriften: Fräulein Else in Neue Rundschau (als Vorabdruck), Szenen aus Komödie der Verführung in Neue Freie Presse. Buchausgabe von Fräulein Else bei Paul Zsolnay in Berlin/Wien/Leipzig
Buchausgabe von Komödie der Verführung bei S. Fischer in Berlin Novellensammlung Die dreifache Warnung (Die Frau des Weisen, Der blinde Geronimo und sein Bruder) bei Philipp Reclam Junior in Leipzig

1925

Vorlesungs- und Ferienreise mit Tochter Lili durch Süddeutschland und die Schweiz
Reisen nach Berlin, Baden-Baden, Italien, die Schweiz und Südtirol
Publikationen in Zeitschriften: Traumnovelle in Die Dame (als Vorabdruck Dezember 1925 bis März 1926), Die Frau des Richters in Vossische Zeitung
Buchausgabe von Die Frau des Richters bei Propyläen in Berlin
16.November: Tod Marie Glümers

1926

Reisen mit Tochter Lili nach Berlin, Triest, Neapel, Lissabon, Gran Canaria, Lissabon, Hamburg
Sommerferien in der Schweiz
Buchausgaben von Der Gang zum Weiher und Traumnovelle bei S. Fischer in Berlin
21.Juni: Verleihung des Burgtheaterringes vom Journalisten- und Schriftstellerverein Concordia
27.Dezember: Letztes Zusammentreffen mit Sigmund Freud in Berlin

1927

Aufenthalte in Berlin
Tod von Georg Brandes
Reise mit Tochter Lili nach Venedig
Publikationen in Zeitschriften: Spiel im Morgengrauen in Berliner Illustrierte Zeitung (als Fortsetzungserzählung 5. Dezember 1926 bis 9. Januar 1927)
Buchausgaben von Spiel im Morgengrauen und Der Geist in Wort und der Geist in der Tat. Vorläufige Bemerkungen zu zwei Diagrammen bei S. Fischer in Berlin sowie Buch der Sprüche und Bedenken. Aphorismen und Fragmente bei Phaidon in Wien
15.März: Premiere des Stummfilms Liebelei in Berlin (Regie: Jakob Julius und Luise Fleck) 30.Juni: Lili Schnitzler heiratet den italienischen Hauptmann Arnoldo Capellini

1928

Kreuzfahrt mit Tochter Lili und dem Schwiegersohn nach Triest, Korfu, Korinth, Konstantinopel, Rhodos und Venedig Ergänzung von Gesammelte Werke um zwei Bände bei S. Fischer in Berlin: Erzählende Schriften Bd. 5: Erstausgabe des Romans Therese; Bd. 6: Fräulein Else, Die Frau des Richters und Traumnovelle
21.Februar: Premiere des Stummfilms Freiwild in Berlin (Regie: Holger Madsen)
26.Juli: Suizid der Tochter Lili in Venedig
Im Sommer Aufenthalte in Venedig zum Begräbnis der Tochter
Aufenthalt in Hohenschwangau mit Olga, Sohn Heinrich und dessen Frau sowie Lilis Ehemann

1929

7. März: Erstaufführung des Stummfilms Fräulein Else in Berlin (Regie: Paul Czinner, Elisabeth Bergner in der Titelrolle und Albert Steinrück als Dorsday)
15.Juli: Tod Hugo von Hofmannsthals

1930

Ferien in St. Moritz. Kuraufenthalte in Marienbad. Reise nach Berlin
Buchausgabe von Im Spiel der Sommerlüfte bei S. Fischer in Berlin

1931

Buchausgaben von Flucht in die Finsternis und Traum und Schicksal (Traumnovelle, Spiel im Morgengrauen, Frau Beate und ihr Sohn, Der blinde Geronimo und sein Bruder, Die Hirtenflöte, Die Fremde, Das Schicksal des Freiherrn von Leisenbohg) bei S. Fischer in Berlin

 

Publikationen in Zeitschriften: Flucht in die Finsternis in Vossische Zeitung (als Vorabdruck vom 13. bis 30. Mai) und in Neues Wiener Tagblatt ( als Nachdruck im Juli und August)
14.Februar: Uraufführung von Der Gang zum Weiher, Schnitzlers letztem Theaterstück, am Burgtheater in Wien
19.September: Premiere des Tonfilms Daybreak (Spiel im Morgengrauen, USA, Regie: Jacques Feyder)
21.Oktober: Nach einer Gehirnblutung stirbt Arthur Schnitzler in Wien

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Grab Arthur Schnitzlers auf dem Wiener Zentralfriedhof

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Arthur Schnitzler (Mitte) mit Geschwistern Julius und Gisela, um 1870

III. Leben und Werk

Ich bin mir bewusst kein Künstler ersten Ranges zu sein. Wenn ich trotzdem manchmal mit unverhältnismässiger Ausführlichkeit auf frühere unreife Arbeiten eingehe, so bedeutet das keineswegs eine falsche Einschätzung dieser Arbeiten oder meines künstlerischen Schaffens im Allgemeinen. Aber mein Schaffen ist nun einmal das wesentlichste Element meines Daseins und wenn auch die Geschichte mancher meiner Werke nicht in die Literaturgeschichte gehören mag, zur Geschichte meines Lebens gehört sie gewiss und darauf kommt es hier an (zit. nach Lindgren 2002, S. 104).

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Emil Rabending: Luise und Johann Schnitzler mit Sohn Arthur, 1862

Herkunft

Was ist aber die Geschichte seines Lebens? Arthur Schnitzler wird als ältester Sohn der jüdischen Eheleute Luise, geborene Markbreiter, und des Laryngologen (medizinisches Spezialgebiet der Kehlkopferkrankungen) und späteren Universitätsprofessors und Direktors der Allgemeinen Wiener Poliklinik Dr. Johann Schnitzler am 15. Mai 1862 in Wien geboren. Ihm folgen am 13. Juli 1865 sein Bruder Julius (gest. 1939) und am 20. Dezember 1867 seine Schwester Gisela (gest. 1953). Sein Elternhaus gehört zu jener Gruppe jüdischer Familien, die sich aus dem provinziellen Kleinbürgertum, dem sie entstammen, herauswagen, indem sie einerseits ihren Lebensraum in die Hauptstadt der katholisch geprägten Habsburgermonarchie verlagern und andererseits über eine akademische Ausbildung sozial aufsteigen. In dem assimilierten, bürgerlich-liberalen Haus der Schnitzlers wird der jüdische Glaube kaum mehr praktiziert. Doch führt die in Österreich stetig anwachsende Judenfeindlichkeit dazu, dass sich die Schnitzlers zunehmend fremd und ungewollt in ihrer Heimat fühlen.

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Arthur Schnitzler, um 1868

Sein Leben verbringt Arthur Schnitzler – von einigen Urlaubsreisen abgesehen – ausschließlich in jener Stadt, die seine Biografie und sein Schreiben nachhaltig geprägt hat. Schnitzler wird in die späten Jahre der Donaumonarchie hineingeboren, die kulturgeschichtlich unter den Schlagworten Décadence und Fin de Siècle gefasst werden. Es sind die letzten Amtsjahre der Regentschaft des Kaisers Franz Joseph I. und seiner Ehefrau Elisabeth (Sissi). In seinen Texten bleibt er jener Zeit auch nach dem Untergang der Monarchie 1918 stets verhaftet. Zwar bedauert er ihr Ende keineswegs, insofern fehlt seinen Texten jede Nostalgie, doch erkennt er in der Atmosphäre der Doppelmonarchie die kulturelle Prägung seiner Generation, der er in seinen Dramen und Erzählungen auf der Spur ist (vgl. Kap. III).

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Akademisches Gymnasium in Wien, 1867

Werdegang

Von 1871 bis 1879 besucht er das Akademische Gymnasium in Wien. Nach der Matura, die er mit Auszeichnung ablegt, folgt Schnitzler – wie später auch sein Bruder Julius – zunächst den beruflichen Wünschen seines Vaters und durchläuft so die notwendigen Stationen einer Medizinerkarriere. Gemeinsam mit seinem Vater reist er nach Amsterdam (30. August bis 15. September 1879), wohin Johann Schnitzler seinen Sohn auf einen Medizinkongress mitnimmt. Seine Eindrücke hat der junge Arthur Schnitzler in einem Reisebericht verarbeitet, der seine erste Veröffentlichung darstellt: Am 21. September 1879 erscheinen Schnitzlers Impressionen in der Wiener Medizinischen Presse unter dem Titel Von Amsterdam bis Ymuiden. Im September 1879 beginnt er sein Medizinstudium an der Universität Wien, das er 1885 mit der Promotion abschließt. Während seiner Studienzeit tritt er ab Oktober 1882 für ein Jahr den obligatorischen Dienst als Freiwilliger im Wiener Garnisonsspital I mit dem Status eines militärärztlichen Eleven an, den er erfolgreich mit der Offiziersprüfung beendet. Aufgrund der großen Anzahl an Juden bekommen die Eleven dieser militärischen Einrichtung den Spitznamen ‚Mosesdragoner‘.

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Kaier Franz Joseph I.

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Kaiserin Elisabeth

Porträts von Franz Xaver Winterhalter, 1865

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Josef Loewy: Schnitzler als Freiwilliger, 1882

Doppelexistenz: Arzt und Schriftsteller

In seine Studienzeit fallen auch seine ersten literarischen Gehversuche. Im November 1880 veröffentlicht er, obwohl die schriftstellerischen Ambitionen seines Sohnes Johann Schnitzler zunehmend missfallen, in der Münchner Zeitschrift Der Freie Landesbote das Gedicht Liebeslied der Ballerine. Und nur zwei Tage später publiziert dieselbe Zeitung Schnitzlers Aufsatz Über den Patriotismus. Doch steht die medizinische Arbeit noch klar im Zentrum seines Lebens. So arbeitet er ab September 1885 als Aspirant und Sekundararzt im k. k. Allgemeinen Krankenhaus in Wien und in der Poliklinik, u. a. in den Abteilungen Innere Medizin, Nervenpathologie und Psychiatrie. Nach einem Tuberkuloseverdacht im Jahr 1886 reist Arthur Schnitzler zu einem Kuraufenthalt nach Meran, wo er mit der verheirateten Wirtin des Kurhotels in Reichenau, Olga Waissnix, die ebenfalls wegen eines Lungenleidens in Behandlung ist, eine innige, platonische Freundschaft beginnt. Sie bleibt bis zu ihrem frühen Tod seine Vertraute und eine ihn in seinem Künstlertum bestärkende Stimme. Es finden sich ab diesem Jahr regelmäßige Veröffentlichungen von Gedichten und Prosa, zum Teil unter dem Pseudonym Anatol. Sein Vater erkennt das literarische Geschick seines Sohnes und bestellt ihn 1887 zum Redakteur der von ihm selbst begründeten Zeitschrift Internationale Klinische Rundschau. Es folgen 1888 Studienaufenthalte in Berlin und London. Parallel widmet sich Schnitzler aber – gegen den Willen des Vaters – weiterhin seinen literarischen Ambitionen. Auf eigene Kosten lässt er etwa das Bühnenmanuskript des Einakter-Lustspiels Das Abenteuer seines Lebens bei O. F. Eirich in Wien drucken.

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Fritz Knozer: Olga Waissnix, um 1896

Die enge medizinische Zusammenarbeit mit seinem Vater setzt Arthur Schnitzler fort, als er 1888 dessen medizinischer Assistent an der Wiener Poliklinik wird. Besonders prägend in dieser Zeit ist für den jungen Arzt, der mit seiner Berufung als Mediziner hadert, das sowohl an der Universität wie auch in der Poliklinik, der sein Vater vorsteht, herrschende antisemitische Klima. Bis 1893 dauert diese Ausbildungsphase, während der Schnitzler auch therapeutische Experimente mit Suggestion und Hypnose durchführt, die in seiner einzigen medizinischen Publikation Über funktionelle Aphonie und deren Behandlung durch Hypnose und SuggestionSchönen blauen DonauAmerikaSilvesterbetrachtungenDer AndereMein Freund YpsilonEpisode.