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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Buch
Für die Verheißung von Fortschritt nehmen wir offenbar einiges in Kauf, auch die Konsequenzen unseres unbeirrten Fortschreitens: Klimaveränderung, Verlust der Artenvielfalt, andauernde weltpolitische Spannungen, Bevölkerungsexplosion, tief reichende Unzufriedenheit und die zunehmende Auflösung sozialer Bindungen. Welche Mythen, welche Ideen und Vorstellungen haben zu dieser »kranken« Welt geführt? Handeln und denken wir in einseitig männlichen Prinzipien? Was fehlt uns? Dahlkes Antworten versetzen jeden in die Lage, die Krankheitssymptome unserer Zeit zu erkennen und daraus Konsequenzen für ein konstruktiveres Leben zu ziehen. Jeder Einzelne kann etwas tun, um natürlicher zu leben und so seinen kleinen Beitrag zur Gesundung unseres Planeten leisten.

Autor
Dr. med. Ruediger Dahlke, Jahrgang 1951, studierte Medizin in München. Weiterbildung zum Arzt für Naturheilweisen, in Psychotherapie und Homöopathie. Seit 1978 ist er als Reinkarnationstherapeut und Fastenarzt tätig. Als Autor, Vortragender und Seminarleiter ist er eine der prominentesten Persönlichkeiten im Bereich der Psychosomatischen Medizin und Gesundheitsbewegung. In Zusammenarbeit mit seiner Frau Margit leitet er das
Heil-Kunde-Zentrum in Johanniskirchen/Niederbayern.

Fortschrittsmythen gefährden unsere Zukunft
Alles wird besser, wenn wir uns nur genügend anstrengen. So oder ähnlich lautet die Hoffnung vieler Menschen. Es ist auch das Credo, das uns die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik zu vermitteln versuchen: Wenn die Wirtschaft wächst, wird alles gut, und wir gehen einer rosigen Zukunft entgegen; mit einem steigenden Bruttosozialprodukt lassen sich alle notwendigen Verbesserungen finanzieren; der freie Markt wird alle Probleme gleichsam von allein lösen – wenn sich nur alle zusammenreißen und gemeinsam vorwärts streben.
Wohin aber führt dieser Fortschritt? Das fragen sich inzwischen immer mehr Menschen, die erkennen, dass die schneller werdenden Veränderungen nicht in Einklang mit den Interessen einer großen Mehrheit stehen. Der Mythos eines Fortschritts, der uns vor allem Gutes bringen soll, gerät zusehends ins Gerede, und ähnlich ergeht es dem Mythos von den Vorteilen des freien Marktes. Fortschritt und freier Markt schlagen offensichtlich mehr Wunden, als dabei zu helfen, Schwierigkeiten zu überwinden und neue Perspektiven zu öffnen.
Die fortschrittsgläubigen Hoffnungen auf Besserung in allen Bereichen bewahrheiten sich in der Regel nicht, auch wenn sie noch so intensiv beschworen werden. Man müsse sich eben noch mehr anstrengen, bekommen die Zweifler zu hören – nach dem bekannten, von Paul Watzlawick längst als falsch entlarvten Muster des »Immer mehr vom selben«. Die Bereinigung einer verfahrenen Situation lässt sich in der Regel eben nicht mit noch größeren Anstrengungen derselben Art erzwingen. Mit immer mehr vom selben ist bislang kein einziges grundsätzliches Problem gelöst worden. Diese »Strategie« führt höchstens über Eskalation und Zusammenbruch zu einem Neuanfang.
Um mit modernen Mythen aufzuräumen, ist es notwendig, einmal die verschiedenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Phänomene in ihren Auswirkungen auf den Einzelnen und global auf die Menschheit in seelischer, psychosomatischer und auch in sozialer Hinsicht genauer zu betrachten. Für jeden Einzelnen sollten sich letztlich alle Phänomene des Alltagslebens an diesen Bezügen und vor allem an Antworten auf die wesentlichen menschlichen Sinnfragen messen lassen. Dieser Blickwinkel mag vielleicht ungewohnt erscheinen, denn wir leben inzwischen in einer weitgehend entfremdeten Welt, um einen Ausdruck von Karl Marx zu verwenden.
Industrie und Wirtschaft sind ihrer Natur gemäß wenig an den Zusammenhängen zwischen gesellschaftlichen Phänomenen und seelischer Befindlichkeit interessiert. Ihr Ziel sind Zuwachsraten und Gewinne, und da Industrie und Wirtschaft unsere Gesellschaft dominieren, spielen alle anderen Belange und Perspektiven in unserem Leben nur eine untergeordnete Rolle. Die Medien berichten zudem kaum darüber, und was die Medien ignorieren, findet scheinbar auch so gut wie nicht mehr für uns statt.
Dennoch hört man immer wieder vom Paradigmenwechsel. In der Physik und Mathematik hat er längst stattgefunden; in den anderen Disziplinen, vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften, steht er jedoch noch aus. So bestimmt nach wie vor das alte Weltbild der Naturwissenschaften mit seinem Kausalitätsdenken unsere Welt. Diese alten Naturwissenschaften haben uns gelehrt, nach Ursachen immer nur in der Vergangenheit zu suchen. Auswirkungen auf die Zukunft werden in diesem antiquierten Weltbild meist ignoriert, vor allem wenn sie wenig erbaulich sind. Es ist jedoch dringend an der Zeit, die Causa finalis, die auf die Zukunft wirkende Ursache, von der Aristoteles noch spricht, wieder ins Blickfeld zu rücken – auf dem Weg zu jenem neuen Weltbild, das von der Einsicht in Synchronizität geprägt sein wird.
Hilfreich auf diesem Weg ist ein Grundverständnis der gesellschaftlichen und ökologischen Phänomene, wie sie uns heute in aller Deutlichkeit begegnen. Das griechische Wort oikos heißt Heimat. Ökologie wäre demnach eine auf unseren Planeten Erde bezogene Heimatkunde. Nur wenn wir anfangen, die Erde als unsere einzige Heimat zu verstehen und die auf ihr entstandenen Gesellschaften in ihren Regeln zu durchschauen, können wir erkennen, warum die uns ständig gemachten einseitigen Fortschrittshoffnungen gänzlich unrealistisch sind.
Eines meiner Anliegen ist es, in den folgenden Kapiteln zu zeigen, wo die grundsätzlichen Fehler in dem herkömmlichen (Denk-)System stecken und welche modernen Mythen uns immer tiefer in alte und neue Sackgassen manövrieren. So wird hoffentlich klar werden, warum wir die Weichen umstellen müssen, wenn wir uns und unseren Heimatplaneten noch retten wollen.

Gewinn- und Verluststrategien

Sein Glück finden

Viele der Konzepte, die unser Leben beherrschen, sind leicht durchschaubar und im wahrsten Sinn des Wortes hoffnungslos. Ein einfaches Beispiel: Die verbreitete Angst vor dem Tod lässt uns hoffen, gar nicht oder jedenfalls möglichst spät zu sterben. Deshalb wollen alle alt und am liebsten uralt werden. Der ebenfalls herrschende Jugendkult schätzt aber das Alter so gering, dass niemand alt sein möchte oder auch nur als alt gelten will. Das heißt aber nichts anderes, als dass alle etwas anstreben, das dann niemand haben will. So entsteht eine klassische Falle, in die wir blind tappen und die das Ende (unseres Lebens) ausgesprochen unglücklich erscheinen lässt. Für jene, deren Wunsch, uralt zu werden, in Erfüllung geht, ist das Ergebnis besonders frustrierend: Sie werden die meiste Zeit ihres Lebens zum alten Eisen gehören. Die steigende Lebenserwartung1 wird so vor allem zur Alterserwartung.
Wir haben hier das Gegenteil dessen, was man neudeutsch als Win-win-Situation bezeichnet, das heißt eine Ausgangsposition, in der alle Beteiligten gewinnen (engl.: to win). Ohne es recht zu bemerken, schaffen wir Situationen, in denen alle nur verlieren können und die wir analog dazu als Lose-lose-Situationen bezeichnen könnten (engl.: to lose = verlieren). Solche Teufelskreise, bei denen alle Parteien zum Schluss unweigerlich verlieren, haben wir inzwischen in großer Zahl entstehen lassen. Bevor wir uns und die Erde daraus befreien können, müssen wir sie zuerst einmal gründlich durchschauen.
Eine ähnliche, nicht minder problematische Lose-lose-Situation ist durch unser (Miss-)Verständnis der Zeit entstanden. Frühzeitig bekommen wir beigebracht, wie wertvoll Zeit ist. In einer materialistischen Gesellschaft ist aber das Wertvollste das Geld, um das sich folglich auch alles dreht. So entsteht die Gleichung Zeit = Geld. Sie wird zumindest während der ersten Lebenshälfte ständig bestätigt. Wir verkaufen zum Beispiel unsere Arbeitszeit für Geld und kaufen uns für Geld die Zeit anderer, etwa im Dienstleistungsbereich. Alles, was gegen die Vorstellung von Zeit = Geld spricht, übersehen wir geflissentlich.
Besonders krass wird das am Lebensende reicher Leute deutlich, wenn diese versuchen, sich nach einer ungünstigen medizinischen Diagnose (Lebens-)Zeit zu kaufen.2 Sie sind sich dieser Möglichkeit oft sehr sicher, denn alle Gleichungen kann man schließlich umdrehen: Wenn Zeit Geld ist, muss Geld auch Zeit sein. Das ist aber nicht der Fall, weil die Gleichung selbst falsch ist. Auch für Millionen Dollar kann man sich zum Schluss keine Zeit kaufen. Mit dem Tod lässt sich nicht handeln, wie der Volksmund weiß. An diesen Missverständnissen und falschen Vorstellungen scheitern aber nicht nur die auf den Tod erkrankten Reichen, sondern auch all jene, die ihr Leben auf später verschieben, also fast alle von uns.
Viele Menschen arbeiten ohne Unterlass für Geld, das sie am Ende nicht mehr ausgeben und auch nicht mitnehmen können, und machen sich das gar nicht oder zu spät bewusst. Fast alle Kulturen kannten und kennen das Problem dieser Überbetonung der materiellen Seite des Lebens. Doch sind es heute allein die Menschen aus dem christlichen Kulturkreis, die über ihr Wirtschaftssystem und dessen Macht das Schicksal der Welt bestimmen. Sie bringen – in letzter Zeit sogar vorsätzlich – zunehmend andere Gesellschaften in ihren Einflussbereich und die betroffenen Menschen wie auch sich selbst in entsprechende Lose-lose-Situationen.
Wer Geld zusammenrafft, kreiert eine Lose-lose-Situation. In einer ursprünglichen Gesellschaft würde ein Mensch, der Vorräte für hundert Winter sammelt, obwohl nur einer vor der Tür steht und seine Nachbarn in diesem Augenblick unter Hunger leiden, als schwer gestört dem Medizinmann übergeben werden. Moderne Mediziner haben ständig solche »Verrückten« vor sich, die in einem entscheidenden Punkt wirklich »irren«. Allerdings werden die Mediziner dort kaum eingreifen; die meisten dürften das Problem nicht einmal durchschauen.
Der Unterschied zwischen den archaischen Menschen und uns »zivilisierten« ist letztlich einfach. Bei archaischen Menschen geht es um konkrete Vorräte, bei uns um Geld, und plötzlich fällt uns der eigene Irrsinn nicht mehr auf. Geld ist überhaupt die treibende Kraft hinter vielen unserer neuzeitlichen Teufelskreise, weshalb wir noch öfter darauf zurückkommen werden.
 
 
Menschen möchten vor allem glücklich sein, und die meisten glauben, dass sie glücklich werden, wenn sie alles bekommen, was sie wollen. Wenn aber die Wünsche zahlreich und groß sind, kann man mit ihrer Verwirklichung sein ganzes Leben verbringen, ohne je glücklich zu werden. Man schafft es dann einfach nicht, alles Gewünschte zu erlangen. Sind die Wünsche bescheidener, kann man sie vielleicht im Lauf des Lebens verwirklichen, um dann allerdings meist zu dem Schluss zu kommen, dass dies allein doch nicht glücklich macht. Ob man es also schafft oder nicht, am Ende landet man immer auf der Verliererseite.
Diese Lose-lose-Situation lässt sich im Prinzip leicht in eine Win-Win-Situation wandeln. Man muss die Gleichung, dass man glücklich wird, wenn man alles Gewünschte bekommt, nur umkehren: Sobald man alles will, was man bekommt, ist man schon glücklich. In dieser einfachen Aussage liegt nach Ansicht fast aller spirituellen Traditionen das Geheimnis des eigenen und zugleich kollektiven Glücks verborgen. Die uns vertraute christliche Version lautet: »Dein Wille geschehe.« Das Himmelreich Gottes liegt nach der Bibel in uns selbst und nicht irgendwo außerhalb. Es hat mit innerem und keineswegs mit äußerem Reichtum zu tun.
Wenn wir aber immer nur außen suchen, können wir die innen liegende Lösung niemals finden. Wir gleichen dann dem durch Anekdoten lehrenden islamischen Weisen Mullah Nasruddin, der einmal seinen verlorenen Hausschlüssel bequemerweise nur dort suchte, wo es hell war, obwohl er ihn ganz woanders, nämlich im tiefsten Dunkel, verloren hatte. Es gibt sicher gute Argumente, lieber nur im Hellen zu suchen. Aber so vernünftig sie auch klingen mögen, bleiben sie doch Rationalisierungen und helfen nicht aus der Lose-lose-Situation heraus. Wir müssen uns also auf neue Wege besinnen, auch wenn es noch so viele Argumente für die alten Pfade geben mag. Wenn wir aus dem Teufelskreis aussteigen und unsere Chance auf Glück ergreifen wollen, haben wir uns auch der dunklen Seite zu stellen.
Um Glück zu verwirklichen, ist ein Wechsel von der reinen Quantitätsebene zur Qualitätsebene notwendig. Glück ist keine Frage der Quantität, sondern vor allem der Qualität. Millionen Menschen, die ihr Glück auf die erste Million, den großen Lottogewinn, die Abzahlung ihres Hauses oder ein beliebiges anderes materielles Ziel vertagen, erleben – allerdings meist (zu) spät -, dass das Glück sich auf diese Weise nicht einfangen lässt. Wollen wir ernst machen mit dem Glück, müssen wir uns also intensiver mit der Qualität beschäftigen – mit der Qualität der Zeit, des Geldes, des Raumes, letztlich aller Dinge und Erfahrungen.

Organisches und exponentiales Wachstum

Wie uns selbst haben wir auch die Erde in eine Reihe gefährlicher Situationen gebracht. Das ist wenig erstaunlich, wenn man die Parallelität des Mikrokosmos Mensch und des Makrokosmos Erde kennt. Vor allem Wachstumsprobleme und die Illusionen, die mit Wachstumsmodellen verknüpft sind, beschäftigen uns inzwischen auf allen Ebenen.

Das Beispiel Krebs

Wenn wir menschliches Wachstum oder das von Tieren und Pflanzen betrachten, offenbart sich eine gewisse Charakteristik. Zu Anfang ist dieses Wachstum eindrucksvoll schnell und erreicht dann – beim Menschen etwa mit zwanzig Jahren – ein bestimmtes Niveau, das von nun an nur noch aufrechterhalten wird. Es entsteht ein so genanntes Fließgleichgewicht: Statt immer weiter expansiv neue Zellen zu bilden, werden lediglich die ausgefallenen ersetzt. Natürliches organisches Wachstum folgt ausnahmslos diesem Muster.
Es gibt in der Biologie jedoch noch ein weiteres Wachstumsmodell. Hier beginnt alles ganz langsam, wird dann allmählich schneller und erreicht schließlich ein rasendes Tempo. Diese zweite Art des Wachstums verhält sich also völlig konträr zum organischen Wachstum und tritt meist dort auf, wo in der Natur etwas schief geht oder ein Ungleichgewicht zu beheben ist. Auf diese Weise entsteht zum Beispiel eine Lawine. Am Anfang rutscht nur ein wenig Schnee langsam ab, dann folgt immer mehr, und die Situation eskaliert. Riesige Schneemassen donnern schließlich zu Tal. Diese Eigendynamik kann etwas Gewaltsames bekommen und in die Katastrophe führen. Am Beginn stand ein Ungleichgewicht: Schneemassen, die in der gegebenen Lage unhaltbar geworden waren.
Im Körper entwickelt sich nach diesem Muster des so genannten exponentialen Wachstums zum Beispiel Krebs. Auch hier ist – jedenfalls aus Sicht der Archetypischen Medizin3 – ein Ungleichgewicht entstanden, das eines Ausgleichs bedarf. Am Anfang ist es nur eine einzige Zelle, die aus der Art schlägt. Nach der ersten Teilung sind es erst 2 Zellen, dann 4, dann 8, 16, 32, 64, 128, 256, 512, 1024, 2048, 4096, 8192, 16 384, 32 768, 65 536, 131 072, 262 144, 524 288, 1 048 576, 2 097 152, 4 194 304, 8 388 608, 16 777 216, 33 554 432, 67 108 864, 134 217 728, 268 435 456, 536 870 912, 1 073 741 824 usw.
Nach fünf Schritten ist man also erst bei 32 erkrankten Zellen angelangt – alles beginnt sehr langsam. Nach zehn Schritten sind schon über 1000 Zellen betroffen. Aber auch dieser Zellhaufen wäre noch zu klein, um ihn zu sehen oder zu ertasten. Nach weiteren zehn Schritten handelt es sich allerdings schon um mehr als eine Million Zellen. Weitere zehn Schritte führen dann über die Milliardengrenze hinaus. In diesem Tempo geht es wie bei einer Lawine rasend schnell weiter. Hier liegt der Grund, warum Krebs am Anfang leicht übersehen wird, solange er langsam und im Verborgenen wächst. Ist das Wachstum aber bereits eskaliert, kann es oft nicht mehr aufgehalten werden. Nach diesem Konzept exponentialen Wachstums vermehren sich auch Bakterienkulturen, solange sie genug Nahrung finden.
Wie gegensätzlich organisches und exponentiales Wachstum sind, mögen die folgenden zwei Kurven belegen:
002
Organisches Wachstum (Pflanzen, Tiere, Menschen)
003
Exponentiales Wachstum (Lawinen, Bakterien)

Das Beispiel Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum

Viele kennen das exponentiale Wachstum von seiner scheinbar faszinierenden Seite im Rahmen von Schneeballsystemen oder Kettenbriefen. Die besonders Cleveren nennen das heute Multilevel Marketing. Es hat unter seriösen Geschäftsleuten allerdings einen anrüchigen Beigeschmack, denn trotz aller hochtrabenden Namen ist es doch das Muster, nach dem die meisten Katastrophen ablaufen.
Seit wir in vielen unserer Daseinsbereiche die natürlichen Wachstumshemmungen aufgehoben haben, wächst nach diesem Muster leider auch die Erdbevölkerung. Menschen vermehren sich lawinenhaft, wenn ihr Lebensgefüge aus den Fugen geraten ist wie etwa in vielen so genannten Drittweltländern.
Die heute unternommenen Hemmversuche auf der makrokosmischen Ebene der Weltpolitik erinnern deprimierend an die entsprechenden Maßnahmen im Mikrokosmos unseres Körpers, wenn wir mit Zytostatika gegen den Krebs zu Felde ziehen. Oft sind die dabei angerichteten Schäden größer als der erhoffte Nutzen, und die Eskalation ist trotzdem nicht aufzuhalten.
So haben sich auch die meisten Bremsversuche bei der Bevölkerungsexplosion als Verschlimmerungen erwiesen. Die rigide durchgesetzte Einkindfamilie im kommunistischen China führt zu unbeschreiblichen Grausamkeiten vor allem gegenüber »überzähligen« Mädchen, die nicht selten einfach dem Hungertod in so genannten »Waisenhäusern« ausgeliefert werden. Bei weniger brutalen Versuchen werden oft die letzten funktionierenden Familienstrukturen zerstört.
Früher hatten soziale Gruppen oder Lebensgemeinschaften nur eine bestimmte Zahl von Mitgliedern, die relativ konstant blieb. Bis auf den heutigen Tag zeugen letzte ursprüngliche Gemeinschaften wie etwa die der Gurani-Indianer im Amazonas von dieser Möglichkeit natürlicher Selbstregulation. Heute werden solche kleinen Gesellschaften allerdings meist schon mit ihrer Entdeckung aus dem Gleichgewicht gerissen und gehen auf die eine oder andere Art zugrunde. Die reichen Industrienationen bekommen dagegen ihr Bevölkerungswachstum über neue Mechanismen in den Griff und halten es mit geringen Schwankungen relativ stabil, wobei zum Beispiel in Ländern wie Deutschland die Bevölkerungszahl sogar sinkt. Für Gesellschaften der Dritten Welt aber, die ihren Kulturstatus mit ihrem verbindlichen Kult verloren haben und Hals über Kopf in ihnen fremde, wirtschaftsorientierte Gesellschaftssysteme wechseln mussten, gab und gibt es bis heute keine funktionierenden Regelungsmöglichkeiten mehr.
Vor kurzem hat die Weltbevölkerung die 6-Milliarden-Grenze überschritten, und es ist kein Ende des Bevölkerungswachstums abzusehen. Wobei wir erkennen sollten, dass andere Katastrophen hier gegensteuern, wie etwa die Aids-Lawine in Afrika. Noch ist sie kein entscheidender Faktor der Bevölkerungsreduzierung, aber nach dem Lawinenschema könnte sich das schon bald ändern. Denn auch Aids breitet sich nach dem Modell exponentialen Wachstums aus. Doch gleichgültig, ob die Menschheit ihrem lawinenartigen Bevölkerungswachstum irgendwann zum Opfer fällt oder es durch lawinenartig sich ausbreitende Seuchen wie Aids oder durch Katastrophen wie radioaktive Verseuchung gebremst wird, es bleibt für alle eine schreckliche Lose-lose-Situation.
Beunruhigend ist, dass unser gesamtes Wirtschaftssystem letztlich auf dem Konzept exponentialen Wachstums beruht. Was wir bei einem einzelnen Organismus sofort als pervers erkennen würden, hat hier System und Methode. Die Wirtschaft muss immer weiter wachsen, sonst sprechen wir von Krise und Katastrophe. Dabei stellt gerade die ständige Wachstumsforderung langfristig die größte Gefahr und die eigentliche Katastrophe dar.
Bei genauer Betrachtung ist die Wachstumsideologie eine Art Krebsstrategie für den Planeten. Sie unterliegt genau demselben Teufelskreis wie der Krebs, der in seinem ersten Stadium – rein biologisch gesehen – eine Art Erfolgskonzept verwirklicht, das dann allerdings zum Scheitern verurteilt ist. Der große Anfangserfolg der Krebszellen ist die Basis ihres späteren Scheiterns. Dass ungehemmtes Wachstum den betroffenen Organismus ins Verderben reißt, ist uns beim Krebs noch klar. Obwohl die Analogie zur modernen Wirtschaft unübersehbar ist, weigert sich jedoch eine Mehrheit noch immer standhaft, das (an-)zu erkennen. Auch hier sitzen wir in der Falle. Wenn unsere Wirtschaft nicht wächst, löst das sofort Krisenstimmung aus, und in verschiedenen Ländern drohen faschistoide Entwicklungen. Wächst sie aber weiter, rückt die große Katastrophe – entsprechend dem Krebstod – näher.
Am besser überschaubaren Einzelaspekt der Autoindustrie lässt sich das leicht darstellen. Logischerweise muss das Wachstum dieser Branche krisenhaft einbrechen, wenn jeder Mensch auf diesem Planeten sein eigenes Auto besitzt, denn es könnten dann nur noch die Autos ersetzt werden, die defekt sind. Leider wird der Planet jedoch schon vorher an den Nebenwirkungen der Autoproduktion zugrunde gehen. Die Situation entspricht der eines Rauchers: Bevor er an Lungenkrebs sterben wird, mag ihn der Herzinfarkt dahinraffen.
Unter dem Strich bleibt demnach auch der Autoindustrie wieder nur eine Lose-lose-Situation. Wenn sie einfach unbekümmert weiter produziert, wird sie entweder zwingend in eine Absatzkrise schlittern oder – leider der wahrscheinlichere Fall – schon vorher mit dem gesamten System an den eigenen Nebenwirkungen wie etwa der Umweltverschmutzung zugrunde gehen. Ihre große Chance wäre, vorher die Strategie zu ändern und auf umweltfreundliche Autos umzustellen. Dann hätte sie zumindest eine Verschnaufpause, könnte alle alten Modelle ersetzen und etwas zum Überleben unserer Art beitragen. Denn inzwischen ist das Auto zu dem Umweltrisiko schlechthin geworden. Im November 1993 erklärten die Gesundheitsminister der Länder erstmals: »Der motorisierte Straßenverkehr stellt heute das bedeutendste umwelthygienische Problem dar.«4
Nun ist jedes System, das auf exponentiales Wachstum setzt, wie jedes Kettenbriefsystem immer zu Anfang faszinierend und äußerst wirksam. Doch die Letzten beißen die Hunde, das weiß sogar der Volksmund. Jeder Anhänger von Kettenbriefen oder des Multilevel Marketing könnte es auch wissen, nur wird er es aus egoistischen Motiven verdrängen. Bei den für die Erde entscheidenden Themen werden aber nicht nur die Letzten, sondern alle von den Hunden gebissen. Am Krebs könnten wir sehen, wie gefährlich (zu) langes Warten ist. Irgendwann ist die Lawine so gewaltig, dass die Nebenwirkungen der Therapie bereits tödlich werden. So sterben heute viele Menschen gar nicht mehr am Krebs selbst, sondern an den Nebenwirkungen der (Chemo-)Therapie.
Politiker behaupten zwar manchmal, dass sie das Wachstum lenken und überwachen wollen, aber in der Praxis tun sie – egal welcher Couleur – fast alles, um (ungebremstem) Wachstum den Boden zu bereiten, denn nur noch dadurch erhalten sie sich wenigstens die Illusion von Handlungsfreiheit. Ihre Hoffnung ist dabei, dass sie innerhalb des Wachstumssystems etwas retten können, wenn sie nur dafür sorgen, dass die richtigen Dinge produziert werden. Hier läge wohl auch eine mittelfristige Chance; langfristig aber wird es uns nicht erspart bleiben, die Problematik von Grund auf zu durchschauen und anzugehen. Bisher wurden leider alle, die darauf hinwiesen, dass mit diesem System insgesamt etwas nicht stimmt, ignoriert, ausgemustert oder sogar mundtot gemacht.
Ein zusätzliches Problem liegt darin, dass wir in puncto Wachstum auf verschiedensten Ebenen ganz unterschiedliche Maßstäbe anlegen. Während wir das Wachstum in der Wirtschaft, wo es stetig und reibungslos fortschreiten soll, geradezu vergöttern, ignorieren wir konsequent alle Wachstumsherausforderungen des Schicksals auf seelischer Ebene. In der Wirtschaft ist man so wachstumsfixiert, dass man zur Not sogar von Null- oder Minus-Wachstum spricht, Hauptsache Wachstum. Wir wären auf dieser Ebene jedoch längst so weit, dass wir das anfänglich notwendige Plus-Wachstum in ein Null- oder Erhaltungswachstum übergehen lassen sollten, wie das jeder Organismus tut, wenn er erwachsen wird. So gesehen ist unser Wirtschaftssystem sicher noch nicht erwachsen. Es verhält sich wie ein Teenager in seiner Sturm-und-Drang-Zeit, und das nun schon lange über die Zeit hinaus. Die Gefahren für die Welt sind offensichtlich. Nicht mehr zum Stillstand kommendes Wirtschaftswachstum wird zum Krebs.
Ähnlich wird die Verkennung der ständigen Wachstumsaufforderung während des eigenen persönlichen Lebens zur Gefahr. Solange die Wachstumsreize sich wesentlich auf den Körper beziehen, wie es in Kindheit und Jugend der Fall ist, bleibt Krebs ein seltenes Geschehen. Wenn aber das Wachstum auf die Seelenebene wechseln müsste und dort verweigert wird, kommt es häufig dazu, dass der Körper nun wieder als Wachstumsbühne einspringt und Krebssymptome entwickelt.
In Mikrokosmos und Makrokosmos muss also gesundes Wachstum die Ebene wechseln, wenn es sein Ziel erreicht hat. In einer gesunden Gesellschaft müsste ein Wechsel vom materiellen zum kulturellen Wachstum erfolgen, wie auf der persönlichen Ebene ein entsprechender Wechsel vom physischen zum geistig-seelischen Wachstum gefordert ist. Auf beiden Ebenen muss auf die Phase des Wachstums eine Phase der Reifung folgen. Diese Reifeprüfung steht uns – global gesehen – bevor.

Das Beispiel Geld und Zinsen

Ähnlich wie die Hoffnung auf unbegrenztes materielles Wachstum ist wohl jene andere Hoffnung zu bewerten, dass die Drittweltländer möglichst rasch ihren Entwicklungsrückstand aufholen. Doch das wäre nach dem bisher Gesagten ökologischer Selbstmord. Auch hier erkennen wir wieder eine Lose-lose-Situation.
Allerdings können die Aufholwünsche für die Dritte Welt nicht ernst gemeint sein, denn diese Länder sind nicht einmal imstande, auch nur die Zinsen ihrer Auslandsschulden zu zahlen. Es liegt daran, dass unser gesamtes Geldsystem ebenfalls auf dem Konzept exponentialen Wachstums beruht. Man weiß, dass auf einem Banksparbuch angelegtes Geld niemanden schnell reich werden lässt. Das Kapital wächst nur äußerst langsam. Allerdings kommt mit der Zeit der typische Effekt des Katastrophenwachstums zum Tragen. Man muss nur lange genug warten – allerdings länger, als der Normalbürger Zeit hat -, dann wird das Kapital ins schier Unermessliche wachsen.
Ein berühmtes Beispiel von Margrit Kennedy mag das veranschaulichen: Hätte man zur Zeit von Jesus Christus auch nur einen einzigen Pfennig mit vier Prozent Zinsen angelegt, hätte man sich zwar nach dem ersten Jahrhundert nach Christus dafür nicht viel kaufen können und selbst nach fünfhundert Jahren noch immer kaum etwas. Aber im Jahr 1750 würde man einen Goldklumpen vom Gewicht der ganzen Erde besitzen. Wenn man etwas härter verhandelt und fünf Prozent Zinsen ausgemacht hätte, wäre man »schon« im Jahr 1400 so weit gewesen. Im Jahr 1990 würde man dann bereits 2200 Goldkugeln vom Gewicht der Erde in Besitz haben. Der ungeheure Unterschied, den nur ein Prozentpunkt über längere Zeit ausmacht, wird hier anschaulich.
Das Zinssystem hat sich überhaupt nur bis heute halten können, weil es zwischendurch immer wieder zusammengebrochen ist und dabei viele um ihr Vermögen gebracht hat. Langfristig ist die Zahlung von Zins und Zinseszins einfach nicht möglich, wie unser Beispiel zeigt. Die dabei voraussehbaren Katastrophen führen zu großem Leid. Wir können sie uns ersparen, wenn wir diese Art des Wachstums in allen seinen Aspekten und auf all seinen Ebenen durchschauten.
Allzu weit sind wir zwar auch in Deutschland nicht von der Erkenntnis entfernt, dass Systeme mit exponentialem Wachstum gefährlich sind. Kettenbriefe zu kommerziellen Zwecken sind bei uns immerhin verboten und Schneeballsysteme generell als unseriös verschrien. Aber so genannte Strukturvertriebe oder gar die Zinsen abzuschaffen und die Geldwirtschaft grundlegend zu ändern, das erscheint den meisten völlig undenkbar.5 Es wäre auch sicher nicht fair, einerseits restriktiv vorzugehen, wenn man andererseits bei der allgemeinen Geldwirtschaft das gleiche Prinzip so großzügig toleriert. Insofern werden Strukturvertriebe mit ihrer Hoffnung auf exponentiales Wachstum auch bei uns wohl immer mehr in den Vordergrund rücken, nachdem sie in Japan und in den USA schon großen Anteil am wirtschaftlichen Geschehen haben. Wie lange aber können wir die allgemeine weltweite Zinseszinskatastrophe noch übersehen?
Bevor wir jedoch dieses auf die sichere Katastrophe zielende Wachstum verteufeln, wie es viele Kritiker unseres Geldsystems tun, täten wir besser daran zuzugeben, dass beide Arten von Wachstum natürlich sind. Beide kommen in der Natur vor, und so werden sie auch ihren Sinn haben. Wenn wir uns aus dem Teufelskreis des Zinssystems befreien wollen, müssen wir versuchen, gerade mit Hilfe dieser Art von Wachstum aus dem Dilemma herauszuwachsen, und sozusagen homöopathisch den Teufel mit dem Belzebub austreiben.
Wenn wir heute von engagierten und anerkannten Ökologen wie James Lovelock, der die Gaia-Hypothese vom Lebewesen Erde mitbegründet hat, oder Peter Russell deprimierende Prognosen für unseren Planeten hören, hat das oft damit zu tun, dass sie für die notwendigen Bewusstseinsprozesse nur mit dem organischen Wachstum rechnen. Legten wir aber ein lawinenartiges Wachstumsprogramm zugrunde, hätten wir vielleicht doch noch eine Chance. Immerhin haben wir über ein katastrophales Ungleichgewicht eine Notsituation heraufbeschworen, die auch in der Natur mit solchen durchgreifenden Maßnahmen beantwortet würde. Selbst eine Explosion kann wie jene viel zitierte Lawine auf ihre Art Ausgleich schaffen.

Masse und Individuum

Der Massenmensch

Eine weitere Lose-lose-Situation kreieren wir derzeit im Bereich der Optimierung unserer eigenen Art. Fast jeder Mensch möchte etwas Besonderes aus sich machen und seine Einzigartigkeit hervorkehren, denn nur das befriedigt das immer anspruchsvoller und fordernder werdende Ego. So finden wir heute überall ehrgeizige Projekte, mit deren Hilfe Menschen versuchen, an sich zu arbeiten – in einer materiell orientierten Zeit vor allem körperlich verschönernd. Die Ziele sind dabei recht monoton. Die Mehrheit erträumt sich den Körper eines Models oder eines Athleten, der seinen geölten, zurechttrainierten und zurechtoperierten »Luxuskörper« den Kameras präsentiert.
In den USA haben beispielsweise schon bald alle Frauen die gleichen überdimensionierten Kunststoffbälle als Brüste. Oder statt die eigenen im Lauf des Lebens redlich erworbenen individuellen Spuren in Form von Falten und Grübchen stolz zu tragen, setzt frau auf ein pralles Babypopomuster auch im Gesicht. Die plastische Chirurgie arbeitet nach Katalogvorlagen, und so tragen viele das gleiche Modell von Brust oder Nase, scheinbar ohne sich daran zu stören. Das Dumme daran ist nur, dass die angestrebte Uniformität gar nicht befriedigen kann, da wir ja als unverwechselbare, einmalige Individuen anerkannt und geliebt werden wollen.
Mit den heutigen Methoden der Zucht, wie sie bereits in den USA angewandt wird, sollen Intelligenz und Aussehen ebenfalls planbar gemacht werden. Wo sich in Europa die IVF-Spezialisten (In-vitro-Fertilisation = künstliche Laborbefruchtung) noch bemühen (müssen), den Samen des eigenen Vaters so aufzubereiten, dass er vielleicht doch noch eine Befruchtungschance hat, sind die US-Amerikaner hier schon einen Schritt weiter gegangen. Sie suchen sich zunehmend den besten Samen aus dem Angebotskatalog heraus. Olympiasiegeroder Nobelpreisträger-Samen macht einfach mehr her. Da die Unfruchtbarkeitsrate der jungen US-Männer inzwischen die 50-Prozent-Marke überschritten hat, wird hier eine wirklich neue Generation ausgebrütet – zwar noch immer von der eigenen Mutter, aber längst nicht mehr überall aus deren eigenen Eiern. Vereinzelt werden bereits Eier, die mehr Erfolg versprechen, vorgezogen. Die Mutter wird sozusagen zu ihrer eigenen Leihmutter für den sorgfältig geplanten Hochleistungsembryo.
Langfristig betrachtet, wird das jedoch zu einer Vereinheitlichung führen, denn die wenigen Erfolgreichen werden enorm vervielfältigt, das heißt fortgepflanzt, vor allem wenn man erst an die Möglichkeiten des Klonens der »erfolgreicheren« Eier denkt. Das wird schon bald einen erheblichen Druck auch auf all jene ausüben, die solche Eingriffe heute noch von sich weisen. Denn wenn in einer Nachbarschaft die meisten Kinder von einer Generation auf die nächste plötzlich einen IQ von 150 haben, wie es in einigen Gegenden des Silicon-Valley bereits der Fall sein soll, wird die Frage auftauchen, ob frau sich den unterdurchschnittlich begabten Samen des eigenen Mannes oder das eigene vergleichsweise minderqualifizierte Ei überhaupt noch leisten kann.
Wenn darüber hinaus sicher bald begonnen wird, gentechnologisch viele Probleme im Voraus auszuschließen und positive Eigenschaften über Genmanipulation herauszuholen, wird dabei ein (heute noch) geradezu fantastisches Menschengeschlecht herauskommen. Es wird aber eine sehr einförmige Art von Modellathleten sein. Die Vorturner, die wir heute noch in den Medien als etwas Besonderes bestaunen, werden dann überall auf der Bildfläche erscheinen – und gar nicht mehr besonders auffallen. Das wird dann den »misslungenen« Exemplaren, die auf konventionellem Weg gezeugt wurden, vorbehalten sein. Diese (Horror-)Vision ist nicht mehr so weit entfernt und kann wohl nur noch durch eine Katastrophe auf anderer Ebene verhindert werden. Die Gedanken vom Übermenschen und der Herrenrasse sind alt und finden sich beispielsweise in Nietzsches Zarathustra.
Hinzu kommt problemverschärfend, dass unsere Wahrnehmung von Unterschieden lebt. Etwas Schönes lässt sich nur dort erkennen, wo wir es mit weniger Schönem vergleichen können. Um uns reich, groß oder schön zu fühlen, brauchen wir andere, die ärmer, kleiner oder hässlicher sind.6 Wenn wir aber immer gleichförmiger, also alle gleich in Form sind und uns kaum noch unterscheiden, werden wir uns gerade nicht besser fühlen. Wir könnten unser In-Form-Sein gar nicht mehr wahrnehmen, und vor allem wären wir alles andere als einzigartig. Die Erde würde zu einer Art Menschenzoo mit superschönen Intelligenzbestien. Auch hier wird sich also eine Lose-lose-Situation ergeben. Vielerorts arbeiten Wissenschaftler bereits fieberhaft an der Verwirklichung dieser Zukunftsvision. Sie werden – wie immer – Enormes leisten, und wir werden das Ergebnis nicht zu schätzen wissen, denn es wird uns so oder so ärmer und unglücklicher machen, obwohl wir doch reicher und glücklicher werden wollten. In der Schulmedizin können die Forscher das jetzt schon erleben. Sie haben (sich) so viel geleistet; aber statt sich an dem Ergebnis zu freuen, sind die Patienten unzufrieden und stellen immer neue und höhere Ansprüche.
Im gesellschaftlichen Bereich wird die massenhafte Vereinheitlichung ebenfalls immer deutlicher. Das Beispiel der Mode, die ja vorgibt, für den Trend zur Individualität zu stehen, kann das besonders verdeutlichen. Letztlich wird Mode, die den angeblich persönlichen Stil so vieler moderner Menschen bestimmt, heute zum Vehikel der Vereinheitlichung. Es ist entgegen der Vorstellung einer breiten Masse keineswegs kreativ oder originell, sich mit der neuesten Mode zu schmücken. Diese Kreationen mögen jeweils für sich durchaus originell sein, die Käufer bleiben aber immer Kopierer und sind weder originell noch kreativ. Das ist nur einer der Irrtümer der Modeund Markenfans. Verständlich wird er, wenn man den enormen Werbeaufwand betrachtet, den die Industrie betreibt, um Hinz und Kunz Massenwaren als Ausdruck von Exklusivität zu verkaufen. Wirklich große Geschäfte sind immer nur über die Massen(produktion) zu machen.
Der entscheidende Punkt der Vereinheitlichung über Vermasssung liegt aber im wirtschaftlichen Bereich, wo über Konzentrationsprozesse im Rahmen der wirtschaftlichen Globalisierung einzelne Ketten wie der US-Marktführer Wal-Mart mit allen Mitteln auf Marktbeherrschung zielen. Mit über zweitausend Geschäftsniederlassungen allein in den USA kann die Firma über Masseneinkäufe selbst geringste Gewinnspannen in Kauf nehmen, bis sie ihre Konkurrenten abgehängt hat. Dann aber kann sie ihre Produkte zu eigenen Fantasiekonditionen weltweit vermarkten. Tatsächlich erleben wir schon heute, wie man fast alles überall kaufen kann.

Massennahrung

In Hinsicht einer massenhaften Vereinheitlichung droht auch von der Gentechnologie eine große und bisher unterschätzte Gefahr. Ob es gesundheitsschädlich ist, wenn wir gentechnisch veränderten Mais oder entsprechendes Soja essen, lässt sich bis heute noch gar nicht sagen, sicher ist aber, dass wir für die sich schon jetzt abzeichnende Verarmung der Arten bitter bezahlen werden. Bald wird es nur noch wenige Arten von Mais geben. Zu der schon unglaublichen Unverfrorenheit, mit der wir bis heute Pflanzen- und Tierarten durch Raubbau an den letzten Urwäldern ausrotten, wird die indirekte Ausrottung durch die Bevorzugung einiger Hochleistungsarten kommen. Das aber macht diese dann massenhaft verbreiteten Arten und mit ihnen auch uns selbst viel empfänglicher für Seuchen und andere biologische Katastrophen.
Einen betrüblichen Anfang dieser Entwicklung haben wir bereits auf einer vergleichsweise noch harmlosen Ebene, indem wir Obst und Gemüse bestimmten Normen unterwerfen und diese dann überall auf der Welt durchsetzen. In Europa gibt es schon jetzt fast nur noch Äpfel, die den EU-Normen entsprechen. Solche Normen zielen jedoch nur auf Äußerlichkeiten wie Größe und keinesfalls auf Geschmack. Einen guten Apfel macht aber sein Geschmack aus. Auch die Normierungstendenz führt bereits zu einer Vereinheitlichung und Verarmung, die außer einigen großen, hoch industrialisierten landwirtschaftlichen Produktionsgesellschaften niemandem nutzen, aber vielen schaden wird.
Natürlich barg Zucht schon immer diese Gefahr in sich, aber aufgrund der überschaubaren Geschwindigkeit der Prozesse und der erzwungenen Anpassung an die Möglichkeiten der Natur muss sie rückwirkend als harmlos gelten, verglichen mit den Möglichkeiten, die uns durch die neuen Techniken wie Klonen und Gentechnologie ins Haus stehen.
Die Konkurrenz unter den Nahrungsmittelkonzernen – als wesentlicher Vorteil der Marktwirtschaft gepriesen – senkte im übrigen die Preise drastisch, aber leider auch die Qualität der Nahrung. Der Druck der weiterverarbeitenden Industrie auf die Bauern brachte ihnen Einkommensverluste, sodass sie alles daran setzen mussten, billiger zu produzieren. Der einzige Ausweg schien Massenproduktion zu sein.
Heute erschüttern uns die entsetzlichen Bilder aus riesigen Tierproduktionsfabriken. Ob man an Hühnerfarmen oder Schweinemästereien denkt, das Elend der leidenden Kreaturen ist kaum mehr zu überbieten. Sensiblere Menschen gehen davon aus, dass sie dieses Elend, das die Tiere während ihres erbärmlichen Daseins und dann besonders kurz vor ihrem Ende erleben müssen, zusammen mit deren Fleisch aufnehmen, und werden schon aus diesem Grund Vegetarier.
Durch Rinderwahnsinn und Schweinepest wissen wir heute, dass noch ganz andere Gefahren drohen. Das langsame Sterben an der Creutzfeldt-Jacob-Krankheit, die eine Folge von BSE sein soll, gehört jedenfalls zu den grauenhaftesten Siechtumsprozessen, die Menschen erleiden können, und stellt selbst die bisherigen Geißeln Krebs und Aids in den Schatten.
Letztlich geht auch diese Seuche auf die Vermassung zurück. Würden die Bauern noch wie in vergangenen Jahrhunderten ihre Futtermittel ausschließlich selbst produzieren, wäre das Problem nie aufgetaucht. Es war der Gedanke, für Tausende von Bauern zentral und billig in riesigen Mengen Futter herzustellen, der in die Sackgasse führte. Doch wenn der Hersteller die Abnehmer und erst recht die Konsumenten gar nicht mehr kennt, kann es eben leichter passieren, dass der so genannte Kostendruck zu unverantwortlichen Einsparungsmaßnahmen führt. So wurde das Tiermehl nicht mehr hoch genug erhitzt, tierisches Eiweiß gelangte ins Futter der Rinder und lieferte – soweit wir heute vermuten müssen – die Basis für BSE. Reine Pflanzenfresser wurden zu widernatürlichem Verzehr ihrer Artgenossen gezwungen, und nun scheint die Natur ihre Rechnung zu präsentieren. Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, erklärte schon 1920, dass Tiere, die man mit ihrem eigenen Fleisch füttere, verrückt würden. Wir haben bei der Massentierhaltung ein Beispiel für die Perversion unseres Wirtschaftssystem, in dem es nur noch um Kostensenkung und letztlich Profit geht.
Die so genannten Ursachenketten bis zur Katastrophe faszinieren die Politiker, weil man – sobald man einen speziellen Schuldigen gefunden hat – das ganze System als unproblematisch einstufen und alles beim Alten belassen kann. Insofern lenken diese Schuldzuweisungen vom eigentlichen Problem ab, das aber ist das System der Massenproduktion im Allgemeinen und hier im Speziellen von Futtermitteln. Diese birgt auch in der Landwirtschaft neben dem Vorteil der Verbilligung der Produkte vor allem Gefahren. Beim Anbau riesiger Flächen mit Monokulturen werden die Schädlinge zu einer extremen Bedrohung. Deshalb müssen in Massen Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt werden, die dann wieder in die Endprodukte eingehen und die Gesundheit der Verbraucher untergraben.
Im Tierreich lässt sich beobachten, wie Ansammlungen vieler Individuen den Ausbruch von Panik und Seuchen erleichtern. Das ist auch der Grund, warum Tierproduzenten, wie man die Bauern heute schon nennen muss, ihre Bestände mit Impfungen, prophylaktischen Gaben von Antibiotika und sogar von Tranquilizern und Hormonen traktieren. Dass das durch Verbote erschwert wird, stört in der Regel wenig, zumal sich viele Tierärzte und schließlich sogar Politiker in die Kette der Sachzwang-Verbrecher einfügen. Wenn so etwas dann auffliegt, wird zur Not und widerwillig einmal ein unhaltbar gewordener Politiker ausgetauscht, das System aber bleibt bestehen.
Da es aber das kranke System der Massentierhaltung ist, das seinerseits krank macht – zuerst die Tiere und in Folge die Menschen -, müsste sich hier etwas Grundsätzliches ändern. Die harte Bestrafung der Schuldigen, so sie überhaupt stattfindet, bringt dagegen wenig, wie wir wissen. Abschreckung ist kein besonders wirksames Konzept der Verbrechensverhinderung, nicht einmal die Todesstrafe zeigt diesbezüglich Wirkung. Aber man muss obendrein davon ausgehen, dass keiner der Tierärzte, die sich mit unverantwortlichen Antibiotika-Lieferungen an Schweinehalter strafbar machten, wirklich die Erlaubnis zur Berufsausübung verliert. Solche starken Worte benutzen Politiker nur in einer Krisensituation, um die Gemüter zu beruhigen und um dann umso sicherer alles beim Alten lassen zu können.
Und es hat wiederum auch keinen Sinn, auf Politiker zu projizieren, wir haben sie mehrheitlich gewählt und verdienen sie genau so. Erst wenn immer mehr Menschen die minderwertige Nahrung aus der Massenproduktion verweigern und bereit sind, deutlich mehr Geld für vertretbare Lebensmittel auszugeben, die diesen Namen wirklich verdienen, kann sich etwas grundsätzlich ändern. Mit der Abstimmung alle vier Jahre haben wir wenig Chancen, aber wir stimmen täglich mit unseren Füßen ab, ob wir in den Supermarkt oder zum Naturkostladen oder gleich direkt zum Biobauern gehen.

Gesundheit und Großkliniken

Wenn in einem kleinen Landkrankenhaus der Strom ausfällt und damit auch der Lift, müssen die Schwestern beim Essenausteilen einige Treppen steigen, und alles würde sich ein wenig verzögern. Aber es wird noch immer etwas zu essen geben. Passierte dasselbe in einem Großkrankenhaus, müssten die Patienten (ver-)hungern. Ein solches hypothetisches Szenario mag anschaulich machen, dass überdimensionierte Einrichtungen zwar von Rationalisierungsmöglichkeiten profitieren, aber auch verletzlich und anfällig sind.
Im Gesundheits- und Klinikbereich gibt es aber noch viel gewichtigere Argumente, die gegen eine übertriebene Konzentration und Technisierung sprechen. US-Forscher stellten in einschlägigen Untersuchungen fest, dass die Genesungszeit deutlich verkürzt wird, wenn die Rekonvaleszenten aus ihren Krankenzimmern auf natürliche, das Auge erfreuende Landschaften blicken. Schauen sie dagegen auf »blühende Industrielandschaften«, um ein gut gemeintes Wort des deutschen Exkanzlers Kohl zu benutzen, ist es viel schlechter um ihre Genesung bestellt – sie dauert messbar länger. Wir brauchen offenbar lebendige Naturbilder, die unsere Seele nähren, um heil zu werden. Das Aufhängen von Naturpostern dürfte hier durchaus nicht die Lösung sein, sonst wäre die Panoramatapete im deutschen Partykeller schon ein Heilfaktor. So gut die Fotografien von Wasserfällen und Almwiesen gemeint sein mögen, die Feng-Shui-Anhänger überall aufhängen, echte Natur ist für die Seele nicht zu ersetzen.
Gerade wenn ein Mensch krank ist, braucht er eine heimelige Atmosphäre, damit seine in Aufruhr geratene Seele sich beruhigen kann. Diese gewähren weder die mit Hightech verstopften modernen Intensivmedizinpaläste, noch können Großkliniken mit ihrer Großstadtatmosphäre hier hilfreich sein. Verirrte, in Tränen aufgelöste Patienten sind in modernen Großkliniken keine Seltenheit. Sie haben nicht nur für einen Moment die Orientierung verloren; sie fühlen sich oft grundsätzlich verloren. Gesundheitsfabriken erweisen sich immer mehr als Krankenstädte, die aus sich heraus nicht gesund, sondern eher krank machen.
Die Menschen auf dem Land waren seelisch viel besser dran, als sie noch in ihr Krankenhaus gehen konnten, das ihnen schon vorher von Besuchen kranker Angehöriger vertraut war. Es lag in ihrer Nähe, und sie kannten die Schwestern und Ärzte, weil sie aus ihrer Gegend waren. Heute müssen sie stattdessen in eine riesige anonyme Gesundheitsfabrik (ver-)reisen, was an sich schon beunruhigt. Die fremde Umgebung macht Angst. Angst aber ist einer der schädlichsten Faktoren in der Medizin und steht jeder Heilung im Weg.
Früher war außerdem der Übergang vom Krankenhaus im eigenen Umfeld zurück ins tägliche häusliche Leben viel leichter. Der Wechsel aus der Gesundheitsfabrik, wo man schnell zu einer Nummer oder der sprichwörtlichen »Niere von Zimmer 26« wird, misslingt oft. Ein schlechter Übergang ist aber schon die Quelle neuer Probleme.
Wieder war es der Kostendruck, der die Argumente lieferte, die kleinen Krankenhäuser auf dem Land gegen den Widerstand der Bevölkerung zu schließen. In den medizinischen Großfabriken bleibt das menschliche Element genauso leicht auf der Strecke wie in Großkonzernen. Niemand dürfte Zweifel daran haben, dass in einem Familienbetrieb mit zwanzig Angestellten eine menschlichere und vertrautere Atmosphäre herrscht als in einer Konzerndependance mit mehreren hundert Angestellten. Warum sollte das in der Medizin anders sein? Sobald wir einmal anfangen, die Auswirkungen der Vermassung auf die menschliche Seele eingehender zu studieren, werden wir auch belegen können, was die meisten Betroffenen längst spüren, dass nämlich überdimensionale Gesundheitsfabriken ausgesprochen kontraproduktiv und der Gesundheit abträglich sind.
In der Zeit vor der Antibiotika-Ära war man dieser Einsicht schon recht nahe. Durch die Keimverseuchung waren die großen alten Kliniken zu Orten des Todes geworden. Sie schadeten mehr, als dass sie nutzten. Aus schierer Verzweiflung schloss man ganze Krankenhäuser auf der Flucht vor dem so genannten Genius epidemicus. In unserer Zeit ist es der Hospitalismus, jene Tendenz zur Resistenzentwicklung unter den Keimen, die durch kritiklose, übertriebene Antibiotikagaben heraufbeschworen wurde. Das Wort Hospitalismus verrät noch, dass es sich hier um eine Krankheit des Hospitals handelt. Und diese könnte sich zu einer der ganz großen Geißeln der Zukunft auswachsen.
Immer wieder berichten Entwicklungshelfer, wie sie unter hygienisch völlig unzureichenden Verhältnissen in Dschungel- oder Wüstengegenden operiert hätten, ohne Probleme mit Infektionen zu bekommen. Das liegt an der in diesem Fall extremen Dezentralisierung und dem dadurch verminderten Risiko der Ansteckung, von Resistenzentwicklungen ganz zu schweigen. Seuchen sind fast immer Massenphänomene. Pest, Cholera und Pocken leb(t)en davon, dass Menschen in Massen auf dichtem Raum in schlechten Verhältnissen zusammenleb (t)en. Natürlich gibt es spezielle Ursachenketten, und wir wissen heute, dass die Pest über die Rattenflöhe übertragen wird. Aber die Ratten haben wiederum nur eine Chance in Ballungsräumen, wo es an Hygiene mangelt. Ganz ähnlich ist es bei der Cholera. Wo wenige Menschen in einem weiten freien Land weit verstreut leben, brauchen sie nicht einmal Toiletten mit Wasserspülung. Wo aber große Massen von Menschen sich in Großstädten gegenseitig auf der Pelle sitzen, sind Kanalisation und äußerste Hygiene notwendig, oder es drohen Seuchen.