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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 

Geleitwort
Der Welt, in der wir leben, geht es jeden Tag schlechter. Gesundheit, Landwirtschaft, ökologische Vielfalt, Entwicklung – überall negative Tendenzen. Weltbank, IWF und Welthandelsorganisation haben versagt. Für die Menschen der Dritten Welt ist die Globalisierung »nur ein Prozess, durch den die Reichen und Mächtigen die Früchte des Wohlstands auf Kosten der Armen und Machtlosen genießen«.
Diese Analyse stammt nicht von mir. Sie stammt aus einem kürzlich in der International Herald Tribune veröffentlichten Beitrag von zwei Mitarbeitern des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos. Eine bemerkenswerte Bankrotterklärung! Denn als 1992 in Rio die größte internationale Konferenz aller Zeiten einberufen wurde, um die Weichen für eine ökologisch nachhaltige und gerechte globale Entwicklung zu stellen, erklärten die Organisationen des transnationalen Big Business: »Wir übernehmen das. Wir sind schon global organisiert. Wir werden eine bessere Welt für alle schaffen, effizienter als schwerfällige nationale Regierungen und schneller als neue globale Regelwerke.«
Unsere Regierungen waren natürlich froh, diese Herausforderung abgeben zu können. Sie taten im Lauf der 90er-Jahre alles, um den Global Players, den Großunternehmen, ihre Arbeit und Planung zu erleichtern. Skepsis und Proteste blieben unbeachtet. Nicht die Agenda 21 von Rio, sondern die Welthandelsorganisation (WTO) wurde durchgesetzt und mit international beispiellosen Machtbefugnissen ausgestattet. Alle Länder mussten sich verpflichten, ihre Gesetzgebung den Regeln der WTO unterzuordnen. Einmal gemachte Zugeständnisse dürfen – etwa nach einem Regierungswechsel – nicht mehr rückgängig gemacht werden, egal wie hoch die sozialen, ökologischen und anderen Kosten sind.
Inzwischen ist dieser Prozess ein Selbstläufer geworden. Der Moloch WTO verlangt die globale Alleinherrschaft. So sollte beim Gipfel in Johannesburg auch die Möglichkeit demokratisch gewählter Regierungen zur Einfuhrkontrolle z. B. von gentechnisch veränderten Lebensmitteln abgeschafft werden. Das in jahrelangen Verhandlungen zustande gekommene Cartagena-Abkommen über Biosicherheit sollte auf Wunsch der USA den Freihandels-Prioritäten untergeordnet werden.
Doch der Mann, der das Cartagena-Abkommen als Verhandlungsleiter der Länder des Südens (einschließlich Chinas) maßgeblich zustande gebracht hatte, der Äthiopier Tewolde Egziabher (002 2000) konnte in letzter Minute die Länder des Südens und die EU überzeugen, die verräterischen Worte zur »Sicherung der WTO-Konsistenz« aus den Umweltverträgen wieder zu streichen.
Der Wahnsinn geht weiter. Jetzt sollen durch das GATS-Abkommen auch Dienstleistungen inklusive Gesundheit und Erziehung weltweit der WTO untergeordnet werden. Das wäre ja noch verständlich, wenn das Modell erfolgreich gewesen wäre und die nach den Wünschen des Big Business neu geordnete globalisierte Weltordnung inzwischen ökologisch nachhaltiger und sozial gerechter wäre – wie sie uns in Rio versprochen haben.
Aber das Gegenteil ist der Fall. Worum es den Global Players tatsächlich geht, sagte Percy Barnevik, Exvorstandspräsident von ABB, letztes Jahr noch Präsidiumsmitglied des WEF (und mittlerweile im Visier der Staatsanwaltschaft): »Ich definiere Globalisierung als die Freiheit unserer Firmengruppe, zu investieren, wo und wann sie will, zu produzieren, was sie will, zu kaufen und zu verkaufen, wo sie will, und alle Einschränkungen durch Arbeitsgesetze oder andere gesellschaftliche Regulierungen so gering wie möglich zu halten.«
Wenn also jetzt sogar das WEF verkündet, es gehe unserer Welt noch immer jeden Tag schlechter, so kann man sich nur wundern über die Frechheit dieser Herren, uns weiterhin ihre Rezepte aufzwingen zu wollen. Hätten sie auch nur einen Funken Anstand, so würden sie jetzt schweigen und nachdenken über den Schaden, den sie angerichtet haben, über die verlorenen Jahre für unsere Welt.
Was muss noch passieren, damit etwas passiert, damit die »Projekte der Hoffnung« der Right-Livelihood-Preisträger sich verbreiten und einen gangbaren Weg zu einer besseren Welt mitschaffen können? Kürzlich sagte mir ein prominenter britischer Bischof, nur noch eine Katastrophe in den reichen Ländern würde die Menschen rechtzeitig aufwecken. Auf meine Frage, an was er konkret denke, antwortete er: »Die Überflutung Londons!«
Ich meine, es gibt bessere Wege. Denn viele Menschen sind schon wach. 87 Prozent der Briten sind z. B. laut einer jüngsten Umfrage der Meinung, dass die lokale und regionale Wirtschaft das Recht haben muss, sich gegen die multinationalen Konzerne zu schützen. Die Blair-Regierung beschwert sich schon über die »Entwicklungs-Skepsis« der Bevölkerung und warnt, diese könne zu einem »Kollaps des Lebensstandards« führen.
Aber viele von uns können mit diesem Standard, der auf Kosten unserer Lebensqualität und Sicherheit geht, immer weniger anfangen. Denn die menschlichen, sozialen und ökologischen Kosten des »Wachstums« werden immer unerträglicher. Die Verschreibung von Medikamenten gegen Depression nimmt in den reichen Ländern rapide zu, auch an Jugendliche und Kinder – in den USA schon an Zweijährige.
Von Regierungen und »Experten« werden wir nur noch als Verbraucher gesehen und vertreten und beschimpft, weil wir nicht zufrieden sind mit unserer historisch einmaligen Freiheit. Aber unsere (kleine) Freiheit als Verbraucher geht auf Kosten unserer Freiheiten als Bürger. Es sollte den Herrschenden zu denken geben, dass auf den großen internationalen Jugendtreffen des letzten Jahrzehnts die derzeitige Weltordnung völlig abgelehnt wird. Ich kenne keine einzige Erklärung eines solchen Treffens, in der nicht »globale Gerechtigkeit« und die Durchsetzung ökologischer Nachhaltigkeit gefordert wird und das Modell der neoliberalen ökonomischen Liberalisierung abgelehnt wird. Die Teilnehmer verlangen Konsumeinschränkungen in den reichen Ländern und die Schaffung »kommerzfreier Räume«. Ein Verbot des Waffenhandels und von Gen-Lebensmitteln sowie die »sofortige Streichung der Auslandsschulden der Entwicklungsländer und die Anerkennung der ökologischen Schulden der Reichen« sind weitere Konstanten solcher Erklärungen.
Die Herrschenden können mit solchen Forderungen wenig anfangen. Sie sind Gefangene einer Ideologie, die nur zwei Alternativen kennt: ewiges »Wachstum« bis zum menschlichen und ökologischen Zusammenbruch oder »Null-Wachstum«, was innerhalb ihres Denksystems Massenarbeitslosigkeit und Chaos bedeutet. Nur mit materiellen Versprechungen hält man das Volk ruhig und gewinnt man Wahlen. Werte wie Rücksicht, Verzicht und Verantwortung gelten in dieser Weltsicht als Privatsachen.
Wenn unsere Vorfahren so gedacht hätten, wären wir nicht hier – sondern längst ausgestorben. Denn entgegen den Behauptungen der ökonomischen und gentechnischen Deterministen wurde das Überleben der Menschheit durch Kooperation und wechselseitige Verpflichtungen gesichert und nicht durch geistlosen Wettbewerb, uneingeschränkte Habgier und ständige Kämpfe. Doch dieses mangelhafte, beschränkte Verständnis der menschlichen Natur – weitgehend auf selektivem Missdeuten der Schriften von Darwin, Adam Smith und Ricardo beruhend – ist der geistige Unterbau für Entscheidungen im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich.
Für viele Menschen ist es zunehmend unerträglich, in einer Gesellschaft zu leben, deren Werte-Ordnung mit unserer inneren Wahrheit kollidiert. Würde irgendjemand einen armen Afrikaner, der das Geld, das wir ihm geliehen haben, voll zurückgezahlt hat, weiterhin bedrängen und bestrafen, damit er uns – auf Kosten der Gesundheit und Erziehung seiner Kinder – auch Zins und Zinseszins bezahlt? Gerade das tun aber unsere Regierungen und Banken täglich – auch in unserem Namen!
Natürlich fühlen sich unsere gut informierten Kinder und Jugendlichen zunehmend krank in einer Welt, wo Geld vor Leben kommt und man ihnen sagt, es gäbe keine Alternative zu einer Ordnung, in der Zehntausende ihrer Altersgenossen täglich (!) an vermeidbaren Leiden sterben, während die Rüstung boomt und sie selbst gedrängt werden, immer mehr zu konsumieren.
Es wird oft behauptet, wir hätten ein »Wertevakuum«, müssten umdenken und eine »neue« Ethik schaffen. Aber viele Studien belegen eine bemerkenswerte globale Konvergenz gemeinsamer Werte und Werteprioritäten. Nur werden sie nicht respektiert und umgesetzt. Stattdessen versuchen die Nutznießer der jetzigen Ordnung, diese als natürlich darzustellen. Die postmoderne Relativierung aller Werte behauptet, wir seien vor allem individualistische Verbraucher, vereint nur in der ständigen Suche nach dem günstigsten Deal. Eine menschliche Charakterschwäche, die Habgier, wird für natürlich, universell, legitim und heilig erklärt und institutionell verankert wie nie zuvor. Wenn »die Menschen so sind«, hilft auch keine neue Ethik, denn worauf soll sie bauen?
Moral und Ethik sind kulturelle Werte. Eine globale Kultur der Mitmenschlichkeit, der Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und des Respekts vor dem Leben braucht aber nicht neu geschaffen zu werden. Sie ist schon da, sobald wir das Menschen- und Weltbild der Global Players verwerfen. Sie muss »nur« noch institutionell und vertraglich verankert werden, durch globale Standards und Sozialverträge oder durch Institutionen wie einen permanenten Zukunftsrat – damit unsere kulturellen Bürgerwerte eine starke globale Stimme haben.
Vor allem müssen wir zum menschlichen Maß zurückkehren. Menschen machen Fehler, und es ist daher besser, dass wir kleine Fehler machen, sagte der Right-Livelihood-Preisträger Prof. Leopold Kohr, der E. F. Schumacher zu seinem »Small is beautiful« inspirierte. Wir müssen das Recht haben, über das Maß an globaler Integration selbst zu entscheiden. Die vollen Transport- und Produktionskosten der internationalen Großunternehmen müssen in Rechnung gestellt werden, damit die lokalen und regionalen Märkte den kleinen und mittleren Unternehmen erhalten bleiben. Denn sie schaffen über 99 Prozent der weltweiten Arbeitsplätze, und der Gewinn, den sie produzieren, verschwindet nicht in ferne Steuerparadiese. Ihre Interessen müssen daher vorrangig geschützt werden.
Das ist nur ein Beispiel unter vielen. Nach dem totalen Versagen der Global Players müssen wir praktisch jeden Bereich unseres Lebens unter der neuen kulturellen Perspektive reformieren: Energiewende, Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Steuersystem, Geldordnung, Erziehung. Dies und vieles andere mehr muss unter dem Aspekt der Mitmenschlichkeit und des Respekts vor dem Leben (statt Profitmaximierung) neu durchdacht werden. Die Zeit für kleine Schritte ist abgelaufen. Aber für große problem-realistische Schritte lässt es sich in Krisenzeiten leichter mobilisieren. Wir brauchen und haben keine Jahrzehnte mehr. Je länger wir warten, desto größer werden die Kosten, besonders für unsere Kinder und Enkel. Die Grundsteine für eine bessere Welt können in wenigen Jahren gelegt werden, wenn wir es nur wollen.
Einen wichtigen Schritt können wir schon heute tun, nämlich heraustreten aus der uns von den Herrschenden zugewiesenen Rolle als einsame Verbraucher in einer fremden, letztlich sinnlosen, mechanischen Welt, in der nur Konsum (kurzfristig) Erfüllung bringt. Denn auch das ist ein kulturell bedingter Irrtum aus der Propagandaküche der Sozialdarwinisten, mit dem sie ihre Herrschaft rechtfertigen.
Wir sind viel mehr. Wir sind Teile einer lebendigen, intelligenten, kreativen, sinnvollen Welt. Wir leben in einer Zeit beispielloser Verantwortung – denn nie waren die Folgen unserer Entscheidungen geographisch und zeitlich so weitreichend. Daher müssen wir unsere Identität erweitern und uns wieder verbinden mit unserer inneren und äußeren Umwelt. Ein hungernder Mensch weniger ist dann nicht mehr ein Marktteilnehmer von morgen, sondern ein Bruder bzw. eine Schwester mehr. Risiken für zukünftige Generationen können dann nicht mehr zu unserem Vorteil »diskontiert« werden.
Jeder von uns steht täglich an der Grenze, an der wir entscheiden können, ob wir Teil der Lösung oder des Problems sein wollen. Diese neue Grenze ist eine immaterielle, universelle, dramatischere Grenze als die Eroberung ferner Kontinente oder Planeten. Denn es geht um die Wiedereroberung unseres Selbst als Bürger dieser Erde, um das Erwachen aus dem verführerischen Traum des globalen Konsumenten.
Die Alternativen sind längst da. Die mittlerweile rund hundert Preisträger des Right Livelihood Award haben überall auf dem Planeten Spuren in eine andere Zukunft gelegt und bewiesen, dass aus einem ganzheitlich-ökologischen Weltbild auch eine neue politische, soziale und kulturelle Realität entstehen kann.
Bislang gab es auf dem deutschen Markt noch kein Buch, das den Versuch gemacht hat, die ganze Vielfalt der alternativen Ansätze systematisch aufzuarbeiten und in ihrer Interdependenz darzustellen. Ich freue mich, dass Geseko v. Lüpke nach einer langjährigen Recherche im vorliegenden Buch erstmals die weltanschaulichen Grundlagen, Ideen, Erfolge und Motive der Preisträger des Alternativen Nobelpreises in zusammengefasster Form vorstellt. Die globale Alternativbewegung mag auf den außenstehenden Beobachter manchmal wirken wie ein lose verstreutes Puzzle. Hier jedoch wird deutlich, dass die inhaltliche Vielfalt der Initiativen längst zu einem Mosaik geworden ist, das bei aller berechtigten Sorge Hoffnung macht auf eine andere Zukunft.
 
Salzburg/London, November 2002
JAKOB V. UEXKÜLL

003
Einführung
004

Der Alternative Nobelpreis
An wen werden sich künftige Generationen erinnern, wenn sie zurückblicken auf die Zeit des Jahrtausendwechsels? Welche Geschichten werden Eltern ihren Kindern von den Helden der Vergangenheit erzählen, um ihnen Vorbilder zu geben und sie zu motivieren, für den Schutz der Biosphäre, für Menschenrechte, Frieden und soziale Gerechtigkeit einzutreten? Wer werden sie sein, die Robin Hoods und Jeanne d’Arcs, die Dietrich Bonhoeffers und Sophie Scholls der Zukunft?
Werden es Menschen sein, die heute – weitgehend unbekannt – unter uns leben? Menschen, wie die englische Hausfrau Angie Zelter, die sich eines Tages entschloss, sich nicht länger von den gigantischen Atom-U-Booten im Hafen ihrer schottischen Heimat einschüchtern zu lassen, und kurzerhand begann, die atomare Abrüstung in die eigenen Hände zu nehmen, indem sie mit Schraubenzieher und Drahtschere in das Sperrgebiet eindrang und militärisches Gerät einfach ins Meer warf? Oder werden es moderne Märtyrer sein wie der Nukleartechniker Mordechai Vanunu, der nicht länger schweigen wollte, das Staatsgeheimnis des israelischen Atomwaffenprogramms an die Öffentlichkeit brachte, vom israelischen Geheimdienst verschleppt wurde und seit 16 Jahren in Einzelhaft sitzt? Vielleicht wird man sich auch an jene indischen Frauen erinnern, die es eines Tages einfach nicht mehr ertrugen, dass die alten Bäume rund um ihre Dörfer immer weiter abgeholzt wurden, ihre Arme um die Stämme legten, den anrückenden Waldarbeitern ihr Leben im Tausch für das Leben der Bäume anboten und so schließlich einen Rodungsstopp in allen Himalajastaaten durchsetzten.
Von solchen Menschen wird in diesem Buch die Rede sein: Männern und Frauen, die angesichts der Zerstörungen und Ungerechtigkeiten, der Fehlentwicklungen und Bedrohungen nicht den Kopf in den Sand steckten, sondern genau hinschauten und aktiv wurden. Menschen, die nicht darauf warteten, dass irgendwelche anderen Leute irgendwann sich des Problems annehmen würden. Ganz normale Leute, deren einzige Besonderheit darin bestand, dass sie sich von dem, was sie sahen, tief berühren ließen. So tief, dass es für sie einfacher, besser und gesünder war, etwas für die Veränderung des Unerträglichen zu tun, als weiterhin nur zuzuschauen.
Solche Menschen gibt es überall auf der Welt, in jedem Dorf, jeder Stadt, jedem Land. Menschen, die sich nicht vom No-Future-Pessimismus erdrücken lassen, aber genauso wenig vom naiv blinden Optimismus der Technokraten halten, die für jede Krise ein Patentrezept haben und der allwissenden Wissenschaft für jedes Problem eine technische Lösung zutrauen. Jakob v. Uexküll, der schwedisch-deutsche Menschenrechtler und Umweltschützer, hat für solche Menschen ein neues Wort geprägt. »Es gibt viel zu viele Möglichkeiten, als dass man Pessimist sein kann. Es gibt natürlich auch allzu viele Krisen, als dass man einfach Optimist sein kann. Ich sage immer, ich bin Possibilist, ich sehe die Möglichkeiten.«
Ein Possibilist zu sein heißt, den kritischen Zustand der Welt anzuerkennen und trotzdem das zu tun, was möglich ist. Possibilisten sagen Nein zur Zerstörung der Natur, des Lebens, der Vielfalt, der Zukunft und Ja zu den Hoffnungen und Visionen, die jeder Mensch in sich trägt. Possibilisten gleichen jenen kleinen grünen Sprösslingen, die sich unaufhaltsam einen Weg durch die scheinbar undurchdringlichen Teerdecken der versiegelten Naturflächensuchen und mit ihren Wurzeln irgendwann die dicksten Mauern sprengen können. »Wollen wir denn wirklich als kriminelle Monster in die Geschichtsbücher unserer Enkel eingehen, weil wir ihre Welt zerstört haben, weil wir ihre Möglichkeiten nicht genutzt haben, um eine positive Zukunft zu bauen?«, fragt Jakob v. Uexküll: »Ich glaube das will keiner, und dann wird es Zeit, dass wir etwas tun.«
Und es geschieht längst etwas: Je mehr sich die ökologischen, sozialen und politischen Krisen in den letzten 30 Jahren verschärft haben, desto häufiger hat jener eigenartiger Menschenschlag seine Kreativität entdeckt und sich auf den Weg gemacht, andere Wege in die Zukunft zu suchen. Neue Wege der wirtschaftlichen Entwicklung, des Schutzes der Natur, der Energiegewinnung, der Ermutigung.
Kein Bericht über die alternativen Ansätze der Possibilisten kann den Anspruch der Vollständigkeit haben. Und doch gibt es seit über zwei Jahrzehnten eine Stiftung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die besten und viel versprechendsten dieser Initiativen für eine nachhaltige, ökologisch verträgliche und gerechte Welt der Zukunft aufzustöbern, bekannt zu machen und zu fördern: die schwedische »Right Livelihood Foundation«, die Jahr für Jahr vier Projekte oder Persönlichkeiten mit dem Right Livelihood Award, dem Preis für die richtige Lebensweise auszeichnet. Einem Preis, der schon nach wenigen Jahren als eine der bedeutendsten Auszeichnungen der Welt galt und allgemein als Alternativer Nobelpreis bezeichnet wird. Dieses Buch über alternative Wege in eine nachhaltige Zukunft basiert auf der Arbeit jener rund hundert Gruppen und Einzelpersonen, die den Alternativen Nobelpreis in den letzten 22 Jahren erhalten haben. (Um dem Leser den Überblick zu erleichtern, wird, wann immer einer der Preisträger Erwähnung findet, in Klammern das Symbol für den Preis -005- zusammen mit dem Jahr der Preisvergabe vermerkt.)
Die Right-Livelihood-Stiftung wurde von Jakob v. Uexküll Ende der 70er-Jahre gegründet. Er hatte an verschiedenen internationalen Konferenzen teilgenommen und mit Erstaunen festgestellt, dass die Kosten der Organisation solcher Begegnungen oft höher waren als die Summe, die für die Bewältigung der besprochenen Probleme bereitstand. Doch am Rande dieser Veranstaltungen begegnete er immer wieder Menschen, die – meist unbeachtet von der Öffentlichkeit – an Projekten arbeiteten, die sehr viel versprechende und praktische Lösungen für den Umgang mit der Umweltzerstörung, dem Verlust an fruchtbaren Böden, sozialen Ungerechtigkeiten, dem Mangel an Menschenrechten oder der Zerstörung indigener Kulturen erprobten.
Er schrieb an die schwedische Nobel-Stiftung und bot sein persönliches Vermögen an, um einen neuen Nobelpreis für die Umwelt zu ermöglichen, mit dem ebensolche Projekte ausgezeichnet werden sollten. Doch der konservative Vorstand der Nobel-Stiftung winkte ab, obwohl erst wenige Jahre zuvor der neue Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften eingeführt worden war: Es bestehe kein Interesse an einem solchen Preis. Jakob v. Uexküll, der von seiner Idee überzeugt war, entschied sich daraufhin, mit einer eigenen Stiftung einen eigenen Preis für die richtige Lebensweise auf den Gebieten der Arbeit für den Frieden, der nachhaltigen Entwicklung, der Erhaltung der Umwelt, der Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit und der Förderung der Menschenrechte auszuschreiben. Als finanzielle Grundlage der Stiftung diente zunächst der Erlös aus dem Verkauf einer Briefmarkensammlung.
1980, im ersten Jahr der Preisverleihung, suchte v. Uexküll die Preisträger noch selbst aus, die improvisierte Zeremonie fand in einer kleinen angemieteten Halle vor 35 geladenen Gästen statt. Schon im nächsten Jahr suchte eine gut besetzte internationale Jury die Hoffnungsträger aus aller Welt aus. 1985 war der Preis schon so berühmt, dass das schwedische Parlament seine Hallen für die Preisvergabe anbot, die jeweils eine Woche vor der Vergabe der Nobelpreise stattfand. Heute ist der Right Livelihood Award weltweit als »Alternativer Nobelpreis« anerkannt, Medien in aller Welt berichten regelmäßig über die Preisträger und ihre Projekte.
Doch längst schon ist der Alternative Nobelpreis mehr als nur die Summe der ausgezeichneten Projekte. Die Visionen und Ideen der Preisträger aus nunmehr 22 Jahren stehen für einen kulturellen Aufbruch in eine ganz andere, nachhaltige Welt. Gemeinsam weisen sie einen Weg aus der Sackgasse, in der die globale industrielle Wachstumsgesellschaft steckt. Sie spiegeln – wie die vielen Flächen eines Kristalls – die längst vorhandene Vielfalt der praktischen und erprobten Möglichkeiten, die schwer geschädigte natürliche Umwelt zu retten und Millionen von Menschen aus Armut, Rechtlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu befreien. Sie folgen keiner festen Ideologie – das wäre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und eines sich zu Tode siegenden Kapitalismus auch keine wirkliche Alternative. Ihre Stärke liegt in der Vielfalt.
»Natürlich ist das, worüber wir reden, komplexer, weil wir eben die Vielfalt des Lebens nicht auslassen«, sagt Jakob v. Uexküll. »Das ist ja das Problem bei der herrschenden Ideologie: Diese Fundamentalisten lassen ja keine Komplexität zu. Es gibt für sie nur ein Modell, nur einen Weg, nur ein wirtschaftliches Modell, und dieses Modell soll zudem noch alle anderen Lebensbereiche kontrollieren. Weil ihr Modell so simpel ist, ist es auch schwierig, Gegenmodelle klar darzustellen. Die Herrschaft des Geldes können sie in zwei Minuten erklären, aber mit der Vielfalt der Alternativen muss man sich ein bisschen gründlicher auseinander setzen.«
Jede dieser »Graswurzelinitiativen« beheimatet zahllose hoch engagierte Aktivisten, die mit offenen Augen durch die Welt gehen, ihre Wunden sehen und sich entschieden haben, die Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen. Das macht sie immer zu Vorbildern und nicht selten zu »Helden der Gegenwart«. Im Sinn haben sie solche Ehren nicht. In den allermeisten Fällen handeln sie, um ein dringendes Problem der Gegenwart zu lösen, das sie erkannt haben und lösen wollen. Doch in allen ist Hoffnung, die der erste Preisträger des Alternativen Nobelpreises, Steven Gaskin (A 1980), zum Ausdruck bringt, wenn er sagt:
»Wenn jemand in der siebten Generation nach uns aus einer lebenswerten, schönen und nachhaltigen Welt auf die heutige Zeit zurückschaut, dann glaube ich, dass dieses zukünftige Wesen all jenen mutigen Leuten zutiefst dankbar sein wird, die heute dafür sorgen, dass er auch übermorgen noch einen so schönen Planeten hat, um darauf zu leben.«

006
Zeiten des Wandels
Eines ist sicher: Wenn unsere Nachfahren in der siebten Generation aus einer gesunden, nachhaltigen und gerechten Welt tatsächlich mit Wohlwollen und Dankbarkeit auf die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts zurückblicken, dann werden sie sich staunend Geschichten von einer Zeit des großen Wandels erzählen.
In jener fernen Zukunft werden sich die Historiker den Kopf darüber zerbrechen, wie es möglich war, dass innerhalb von einem Jahrhundert sich weltweit demokratische Strukturen durchsetzten, die nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) ein großes Mitspracherecht einräumten, um gemeinsam einen großen Teil der politischen Macht und die wirtschaftliche Entwicklung zu dezentralisieren, die Regionen zu stärken und das kulturelle wie politische Selbstbewusstsein der Menschen zu stärken. Friedensforscher werden Bücher schreiben darüber, wie die vielfache atomare Overkill-Kapazität einer hochgerüsteten Welt durch öffentlichen Druck abgebaut, durch regionale Sicherheitsbündnisse ersetzt und mit vertrauensbildenden Maßnahmen auch regionale, ethnische und religiöse Konflikte gelöst wurden. Am meisten aber wird man sich an den tief greifenden kulturellen Wandel jener Zeit erinnern, der dazu führte, dass die Menschen den inneren Wert der Natur erkannten, ihre Mitwelt als großen lebendigen Organismus schützten und am Modell der natürlichen Welt Lebensformen entwickelten, die auf Kooperation, Toleranz, persönlicher Entfaltung, gesundem Wachstum, Solidarität und gegenseitiger Abhängigkeit und Hilfe beruhten.
Alles Utopie? Keineswegs! Überall auf der Welt arbeiten zahllose Menschen seit Jahren und Jahrzehnten an genau diesen Zielen und haben in kleinem Maßstab große Teile dieser Zukunft bereits verwirklicht. Diese Pioniere, die noch viel zu oft im Verborgenen arbeiten, können längst Lösungen bereitstellen, auf die dann zurückgegriffen werden wird, wenn die Krisen der Gegenwart sich so weit verschärfen, dass auch den optimistischsten Pragmatikern des Status quo die Ideen ausgehen.
»Wir stehen vor einer einmaligen Aufgabe«, sagt Jakob v. Uexküll. »Das gab es noch nie in der Geschichte der Menschheit, dass wir eine Krise hatten, die derartig global war und so viele Gebiete umfasste. Es gibt keine technologischen oder ökonomischen, sondern nur politische und psychologische Blockaden, die uns daran hindern, eine friedliche und umweltgerechte Weltordnung zu schaffen. Diese Blockade können wir überwinden. Es sind durch den Menschen geschaffene Probleme, die durch den Menschen gelöst werden können. Und die Lösungen sind da.«
Nicht auszuschließen ist dabei, dass dieser grundlegende Wandel zu einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Welt erst möglich sein wird nach einer tiefen, existenziellen Krise der Weltwirtschaft und dem weitgehenden Zusammenbruch sozialer, politischer und ökologischer Systeme im 21. Jahrhundert. Durchaus möglich, dass das auf gnadenloser Konkurrenz, uneingeschränktem Profitstreben, persönlichen Vorteilen und Machtgier basierende Weltbild der Gegenwart sich erst zu Tode siegen muss, bevor die Ideen der Pioniere für eine andere Zukunft die breite Öffentlichkeit erreichen. Denn der Wandel, den es braucht, bis die Zukunft nachhaltig wird, ist gewaltig. Darin liegen Gefahr und Chance zugleich: Trotz aller düsteren Prognosen befindet sich die Menschheit mitten in einem evolutionären Umsturz alles Gewohnten, der kaum aufregender und spannender sein könnte.
So stellt Lester Brown, Gründer des Worldwatch Institute, den Wandel der Gegenwart mahnend in eine Reihe mit den großen kulturellen Revolutionen der Menschheitsgeschichte: Nach dem Jahrtausende dauernden Übergang von der Jäger- und Sammlerkultur zur sesshaften Agrarkultur und der Jahrhunderte währenden technischen und industriellen Revolution bleiben uns jetzt nur wenige Jahrzehnte für den großen Wandel zur Nachhaltigkeit, der jeden Bereich unserer Kultur berühren und verändern wird.
»Nachhaltige Entwicklung«, »biologische Diversität«, »Förderung des lokalen Selbstbewusstseins«, »ökologisches Bewusstsein« – all diese Lockrufe des Wandels klingen hohl, weil sie nur wenig Verbindung haben zum kulturellen und politischen Alltagsgeschäft. Es scheint sogar, als wäre nur den wenigsten unserer Politiker wirklich die Dimension des radikalen Wandels bewusst, von dem sie mit ihrem polierten ökologischen Vokabular sprechen. Sie ähneln Reisenden, die sich mit einem kleinen Sprachführer in einem unbekannten Land durchschlagen und gerade einmal in der Lage sind, nach dem Weg zu fragen, dann aber die Antworten, die sie erhalten, nicht verstehen und sich noch weniger nach ihnen richten können.
Es scheint dringend erforderlich, diesem orientierungslosen Gestammel aus einem falsch verstandenen Reiseführer in die Zukunft neue Landkarten und einen tieferen Einblick in die Kultur des Wandels entgegenzusetzen. Und dieses umfassende und praktische Verständnis von Nachhaltigkeit und Ökologie wird nicht in den hochgezüchteten akademischen Denkfabriken der Regierungen entwickelt, sondern häufig an den Orten in der Welt, wo die Auswirkungen der globalen Krise am deutlichsten spürbar sind: Dort, wo die Bodenerosion die Landschaft versteppen lässt, die Verelendung in den Slums der Großstädte zunimmt, die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, die Luftverschmutzung krank macht. Zwischen diesen Praktikern, die am Bodensatz und den »Graswurzeln« des Wandels arbeiten, und den Entscheidungsträgern, die händeringend nach neuen Konzepten suchen, gilt es zu vermitteln und zu dolmetschen, um politische Bedingungen herzustellen, in denen jene viel versprechenden Experimente sich einerseits entwickeln können und andererseits als Modelle bereitstehen.
Doch nicht nur die Entscheidungsträger sind betroffen. Vielmehr befindet sich eine ganze Kultur in jenem »Ausland«, in dem alte Sicherheiten nicht mehr gelten und sich die meisten nicht mehr auskennen: Die Menschen pendeln hin und her zwischen den Mahnungen der einen und den Beschwichtigungen der anderen, sorgen und beruhigen sich, ahnen die heraufziehende Gefahr und stürzen sich aus dem Gefühl der Hilflosigkeit hektisch in die aktuellen Geschäfte des Alltags. Die dunklen Wolken, die wir auf dem Weg in die Zukunft vor uns sehen, verleiten viele dazu, jammernd am Wegesrand sitzen zu bleiben und den hoffnungslosen Zustand der Welt zu beklagen oder sich ohne Visionen abseits des Wegs in den süßen Nebel der oberflächlichen Ablenkung zu stürzen, den die Unterhaltungsindustrie der Spaßgesellschaft mit Milliardensummen bereitstellt.
Beide Reaktionen sind Ausdruck eines tiefen Pessimismus. Und als Optimisten gelten im Gegensatz dazu in der Regel nur jene, die unbekümmert und ohne zu bremsen mitten in das Schlechtwettergebiet hineinlaufen und blind darauf vertrauen, dass die technischen Errungenschaften der Moderne sie vor Blitz und Hagelschlag ausreichend schützen werden. Jene dritte Gruppe der »Possibilisten«, die sich der Gefahren ganz bewusst sind und das Menschenmögliche tun, ist noch in der Minderheit.
Im Umgang mit der Zukunft ist unsere Kultur gespalten. Mittendrin im Expertenstreit stehen Bürgerinnen und Bürger, die mit weltweit einmaligem Eifer Müll trennen, sich zunehmend ökologisch bewusst ernähren und, glaubt man den Umfragen, trotzdem zu gut 25 Prozent mit einem Gefühl von Hilflosigkeit auf eine nahende Katastrophe warten.
Trotz einer noch nie da gewesenen Datenfülle in tausenden von Expertisen, Untersuchungen und Prognosen ist deshalb der tatsächliche Gesundheitszustand des Planeten Erde eine Glaubenssache geblieben.
Wer bereit ist, sich dem Wissen über den kritischen Zustand der Ökosysteme zu stellen, findet im jährlichen State of the World-Report des Worldwatch-Instituts eine ebenso gut fundierte Datenquelle wie in den meisten jährlichen Umweltberichten der nationalen Regierungen. Hinter den dortigen Zahlenkolonnen und Grafiken verbergen sich eindeutige und weitgehend ungebrochene Trends: Die Weltbevölkerung nimmt weiter zu, der globale Ausstoß an Kohlendioxiden wächst, und die Daten verweisen auf einen langsamen, aber stetigen Anstieg der globalen Temperaturen. Dadurch dehnen sich weltweit in Besorgnis erregendem Maß die Steppen und Wüsten aus, schmelzen Pole und Gletscher, kommt es zu Überschwemmungen und jährlichen »Jahrhundertstürmen«. Der intensiven industriellen Landwirtschaft bestätigen die Statistiken zwar weitere Wachstumsraten, gleichzeitig steht außer Frage, dass durch Monokulturen, Pestizide und chemische Düngung die Qualität der Böden abnimmt, die Erosion zunimmt, die Wasserreserven schrumpfen und jene biologische Vielfalt, die das Ökosystem bislang stabilisierte, deutlich zurückgeht.
Sozial, wirtschaftlich und ökologisch ist die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander gegangen: In der Dritten Welt profitieren primär die lokalen Eliten vom liberalisierten Welthandel, während die Mehrheit der Bevölkerung verarmt, in die Elendsgebiete der Metropolen zieht und die Regierbarkeit immer schwerer macht. Der wirtschaftliche Druck und die soziale Verelendung führen zu einem Verbrauch der natürlichen Ressourcen, der weit größer ist, als es die Ökosysteme ausgleichen können. Wirtschaftliche Ungleichheit, pure Not und eine verbreitete Hoffnungslosigkeit angesichts irrealer Wohlstandsträume erhöhen allerorten das soziale Konfliktpotenzial, das sich in ethnischen und religiösen Gewalttaten entlädt oder zu terroristischen Anschlägen gegen die vermeintlich Schuldigen führt.
All diese Informationen und Daten können wir tagtäglich unseren Zeitungen und Nachrichtensendungen entnehmen. Doch sie haben in ihrer Komplexität längst eine Dimension erreicht, die nicht mehr aufklärt, sondern lähmt. Die Tatsache, dass die durchaus aufrichtigen Bemühungen der politischen Entscheidungsträger, die Probleme zu bewältigen, außer gewissen Korrekturen an den Symptomen den Trend nicht gewendet haben, führt bei der Mehrheit der Bürger zu einem zunehmenden politischen Desinteresse und politischer Apathie, oder sie verstärkt die Tendenz, angesichts der Dimensionen der Krise den eigenen kurzfristigen Vorteil zu suchen.
So ist eine widersprüchliche Situation entstanden: Die gegenwärtige Weltlage ist von einer sehr polaren Entwicklung gekennzeichnet. Einerseits scheinen sich die Zeichen der Zerstörung und Desintegration zu mehren, andererseits bringt die globale Krise unzählige kreative Impulse in aller Welt hervor.
Der Zwang zur Aufklärung angesichts aller schlechten, aber leicht vermittelbaren Nachrichten überdeckt die Wahrnehmung und Analyse aller guten, aber meist komplizierten und komplexen Alternativen. Dabei ist beides für den Wandel der Gesellschaft gleich wichtig: Die unerschrockene Anerkennung einer Realität der Zerstörung ebenso wie die Würdigung und Förderung aller kreativen Ansätze, die aus der Krise entstehen.
Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 hat sich die Weltlage vordergründig weiter verschärft. Die Arbeit an einer nachhaltigen Zukunft – Klimaschutz, Biodiversität, Umweltschutz, nachhaltiges Wirtschaften – ist in den Hintergrund getreten, der Kampf gegen den Terrorismus steht im Vordergrund. Die Rüstungsetats steigen, schärfere Gesetze zur inneren Sicherheit schränken Freiheitsrechte ein, die westlichen Gesellschaften entwickeln eine neue Festungsmentalität.
Während die Attentate eigentlich zeigten, dass die globalisierte Welt auf vielen Ebenen vernetzter, voneinander abhängig und verletzlicher geworden ist, reagierten die westlichen Zivilisationen, die bislang die Globalisierung vorantrieben, mit vermehrter Isolation, Schutzmaßnahmen und militärischen Gegenschlägen. Nach einer kurzen Phase des Selbstzweifels und Fragen nach der eigenen Verantwortung siegte auf der politischen Ebene das Trauma der eigenen Verletzlichkeit. Im Glauben an die Haltbarkeit eines Schutzwalls aus strikter Kontrolle und mehr innerer Sicherheit setzten die Regierungen auf die Illusion einer Politik, welche die alten Verhältnisse bewahren könnte – unabhängig von der Mahnung der meisten Beobachter, dass dieses Beharren auf dem Status quo langfristig nur zu weiteren Anschlägen führen wird.
Gleichzeitig – und häufig vergessen – vollzieht sich der aktuelle »Feldzug gegen die Achse des Bösen« im angeblichen »Kampf der Kulturen« auf dem Hintergrund einer viel größeren Krise, die moralisch kaum weniger fragwürdig als der Terror ist: Geht es dabei doch um nicht weniger als die langfristige Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen für künftige Generationen. Diese globale Krise gleicht durchaus einem unerklärten weltweiten Krieg der Ökonomie gegen die Natur, gegen die biologische Vielfalt und den inhärenten Wert alles Lebendigen.
Nachhaltigkeit? Der englische Ausdruck sustainable müsste eigentlich mit »sich selbst erhaltend« übersetzt werden – und davon ist die moderne westliche Industriekultur fraglos weit entfernt. In einer solchen Gesamtlage Alternativen zu entwickeln, darf sich nicht auf jährliche UN-Vollversammlungen oder Umweltkonferenzen im 10-Jahres-Rhythmus beschränken. Neue Lösungsansätze müssen nicht nur die Wurzeln unseres Weltbildes und unseres Umgangs mit der Natur infrage stellen, sondern auch viele Themenbereiche miteinander vernetzen, die bislang als getrennt galten: die neuen ethisch-philosophischen und verantwortungsvollen wissenschaftlichen Ansätze, die Friedens- und Konfliktforschung, die Nord-Süd-Problematik, den Schutz der Umwelt und des Lebens, die Wirtschafts- und Energiepolitik, die Menschenrechts- und Demokratisierungsfragen, die Gesundheits- und Erziehungspolitik, den Schutz indigenen Wissens und traditioneller Kulturen. Denn schon die Skizze einer alternativen Zukunft zeigt eine enorme Komplexität:
Der alternative Ansatz, der seit rund 30 Jahren weltweit ohne ideologisches Fundament aus der Praxis heraus entwickelt wird, sucht nach vielfältigen und doch kombinierten Lösungen für eine nachhaltige Welt auf dem ganzen Globus. Es ist eine Bewegung aus vielen Jas und einem Nein: Der westliche Entwicklungsweg, der die natürlichen Ressourcen viel zu schnell verbraucht und die großen Unterschiede zwischen Arm und Reich nicht hat aufheben können, wird von ihren Vordenkern und Pionieren abgelehnt.
Statt eines globalisierten Marktes, der nach einem Modell weltweit gleiche Produkte für eine uniforme Welt produziert, setzen sie auf viele regional eigenständige Entwicklungswege, die den jeweiligen kulturellen Traditionen, den örtlichen Ressourcen, unterschiedlichen klimatischen Verhältnissen und Kulturen angepasst sind. Statt einer globalen Monokultur geht es ihnen um kulturelle Vielfalt und die Betonung der Unterschiede.
Um solch einen Weg durchzusetzen, müssen die hierarchischen Strukturen auf der Welt von unten verändert werden. Gegen die wachsende Zentralisierung plädieren die alternativen Ansätze für eine radikale Dezentralisierung; statt autoritär »von oben« gesagt zu bekommen, was zu tun ist, um auf dem Weltmarkt konkurrieren zu können, bauen sie auf basisdemokratische, horizontale und kooperative Strukturen und eine Rückbesinnung auf lokale Traditionen und Märkte. Damit geraten sie häufig in Konflikt mit den lokalen politischen Eliten, welche die bisherigen vertikalen Strukturen für den eigenen Machterhalt und ihren bislang guten ökonomischen Gewinn zementieren wollen. Deshalb ist dieser Ansatz auch nicht denkbar ohne die Garantie der grundlegenden Menschenrechte, freier Meinungsäußerung, Organisationsfreiheit, politischer Freiheit.
Ressourcenverschwendung und Artensterben haben die internationale Alternativbewegung gezwungen, auf der Suche nach Lösungen die alten ideologischen Konzepte über Bord zu werfen. Als Gegner gelten nicht mehr »das Kapital« und die Unterdrückung durch regionale Potentaten, sondern die Globalisierung, der man sich durch eine weltweite Koalition lokaler Alternativprojekte entgegenstemmen will. In der regionalen Vielfalt der Lösungen, die in selbstbestimmten Bürgerbewegungen wieder entdeckt wird, wenn die kulturelle Identität gestärkt wird, werden die Antworten gesehen.
Dezentrale Strukturen zu stärken bedeutet zudem, eine zentralistische und monopolisierte Energieversorgung zu bekämpfen, die mit hohem Einsatz von nicht erneuerbaren Energieträgern nicht nur die Natur zerstört, sondern auch Abhängigkeiten schafft. Statt als Ausweg teure Risikotechnologien zu entwickeln, die für hunderttausende von Jahren künftige Generationen gefährden, setzt man für einen nachhaltigen Weg in die Zukunft auf dezentrale, regenerative Energien in kleinem Maßstab, die lokale Unabhängigkeit schaffen und die Ressourcen schonen: Solarenergie, Wind- und Wasserkraft, Biogas und Energieeinsparung durch Recycling.
Mit der Bewahrung kultureller Vielfalt geht auch die Bewahrung biologischer Vielfalt einher: Denn eine Vielzahl von Agrarkulturen mit lokal gezüchteten Pflanzen erhält auch die biologische Vielfalt. Statt auf Stärke durch globale Gleichheit zu bauen, vertraut man – wie die Natur – auf die Stabilität, die durch Vielfalt und gegenseitige Abhängigkeit entsteht.
Schließlich braucht all das eine neue Ethik, die nicht im ewigen quantitativen Wirtschaftswachstum die Lösung sieht, sondern in stabiler Lebensqualität, die das Kleine schätzt und deshalb im Konsum auf Verzicht setzt. Statt primär materielle Werte zu verfolgen, geht es um die Förderung geistiger Werte: Solidarität, Mitgefühl, Kooperation. Sie sollen die psychologische Basis bieten für eine Wiederentdeckung der einmaligen Potenziale in jedem Menschen und in jeder Kultur. Aus der Anerkennung gegenseitiger Abhängigkeit und dem Vertrauen auf die kreative Vielfalt soll eine Synergie von Lösungen entstehen, die sich gegenseitig stärken und inspirieren.
All dieser Wandel ist nicht möglich auf der Basis herkömmlicher Organisationsstrukturen. Kein Parteiprogramm könnte eine solche Vision fassen und als Wählerauftrag allein umsetzen. Eine solche kulturelle Neuorientierung muss unterhalb der administrativen Ebenen geschehen und von engagierten Individuen ausgehen, die mit neuen Lebensstilen in einem »gesunden Egoismus« ihre persönliche Not wenden wollen und sich pragmatisch mit anderen Betroffenen und Gleichgesinnten zusammentun. »Wir müssen nicht nur den Status quo der so genannten institutionalisierten Gewalt verändern«, sagte die Mitbegründerin der Grünen und alternative Nobelpreisträgerin Petra Kelly (0071982), »wir müssen auch uns selbst von Grund auf ändern, bevor wir das soziale und politische Leben verändern können.«1
Nichts anderes ist letztlich am Anfang aller sozialen Bewegungen geschehen, die sich in den letzten Jahrzehnten im Großen für Frieden, Umwelt, alternative Energieformen, soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung und im Kleinen für Initiativ-Kindergärten, Frauenhäuser, Dorferneuerungen, biologischen Landbau und lokale Tauschringe engagiert haben. Politik kann im großen Maßstab auf diesen Wandel erst reagieren, wenn er sich an der Basis schon vollzogen hat.
Sämtliche der hier vorgestellten Initiativen berufen sich auf friedliche Formen des Widerstands. Sie sehen sich in der Tradition von Vorbildern wie Mahatma Gandhi und Martin Luther King jr. Passiver Widerstand, ziviler Ungehorsam, Boykotte, Demonstrationen und Blockaden, gepaart mit kreativen kulturellen Aktionen, einer vielfältigen Öffentlichkeitsarbeit und medienwirksamen symbolischen Aktionen sind die primären Mittel des Widerstands. Statt auf traditionelle Organisationsformen zu setzen, nutzten die Initiativen gerade in den letzten Jahren mit großem Geschick die neuen Medien und bauen wirksame Netzwerke im Internet. Damit sind sie weniger verletzbar durch die klassischen Methoden staatlicher Kontrolle und Repression. Sie gleichen einem Wesen mit vielen Köpfen, das ohne ideologische Streitereien aus einem Geist handelt, aber nicht einfach enthauptet werden kann.
Die politische Macht dieser Bewegung kommt nicht aus den Gewehrläufen, sondern aus einem starken Selbstbewusstsein, das sich auf kulturelle Verwurzelung, ethisch-spirituelle Werte, einen starken Naturbezug, stabile soziale Kontakte und persönliche Visionen stützen kann, die möglichst praktisch vorgelebt werden. Dadurch wird der Widerstand weniger offensichtlich, ohne weniger wirkungsvoll zu sein. Er verteilt sich vielmehr auf viele verschiedene Ebenen, die einzeln ganz unterschiedlich wirken, aber doch alle eng miteinander verbunden wirken.

Die drei Ebenen des Wandels

Im Wesentlichen findet die historische Wende gleichzeitig auf drei Ebenen statt2: Dabei handelt es sich erstens um Aktionen, welche die Umweltzerstörung bremsen und den ökologischen und sozialen Zusammenbruch der industriellen Wachstumsgesellschaft hinausschieben. Zweitens wird der kulturelle Wandel von einer sorgfältigen Analyse der strukturellen Wurzeln der Fehlentwicklung geprägt, wobei gleichzeitig an der Entwicklung von strukturellen Alternativen gearbeitet wird. Drittens geht es um einen grundlegenden Wandel in unserer Wahrnehmung, unserem Weltbild und unseren Werten. Jeder, der sich dem Wandel für eine nachhaltige Zukunft verpflichtet fühlt, ist auf einer oder allen dieser drei Ebenen aktiv. Für die in diesem Buch vorgestellten Träger des Alternativen Nobelpreises gilt dies in besonderem Maße. Sie decken die drei Ebenen in exemplarischer Weise ab.
Die vordergründigste Ebene ist fraglos die des öffentlichen politischen Widerstands gegen alle Formen der Zerstörung von natürlichen Lebensgrundlagen. Sie vollzieht sich innerhalb und außerhalb der Parteien, in Bürgerinitiativen und Verbänden, auf Demonstrationen, in den NGOs und Initiativen und arbeitet mit allen Methoden des zivilen Ungehorsams, mit öffentlichen Kampagnen, Lobbyismus und dem Aufbau politischer Gegenkräfte. Ihre hohe Bedeutung liegt darin, die für einen grundlegenden Wandel dringend benötigte Zeit zu gewinnen. Sie umfasst ein enormes Themenspektrum. Da geht es um die öffentliche Auseinandersetzung mit den ökologischen Schäden und umweltzerstörenden Technologien ebenso wie um die Durchsetzung strengerer Grenzwerte und konsequenter Umweltgesetze. Dazu gehören Bürgerinitiativen, welche die Machenschaften großer Unternehmen beobachten, genauso wie Aktivisten, die mit den Methoden des zivilen Widerstands außerhalb der Parlamente protestieren und mahnen.
Zahlreiche der im Folgenden vorgestellten Initiativen arbeiten auf dieser öffentlich sichtbaren politischen Ebene. Ihre Bedeutung für den Wandel ist enorm und ihre Arbeit schon deshalb unverzichtbar, weil sie die Beschränkungen und Mängel des vorherrschenden Systems ständig herausarbeiten und seine schlimmsten Folgen lindern.
 
Die zweite Ebene besteht in der Aufdeckung der zerstörenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen und der Suche nach funktionierenden Alternativen, auf deren Grundlage die Gesellschaften evolutionär umgebaut werden können. Hier geht es darum, nicht nur die Gesetzmäßigkeiten der internationalen Wirtschafts- und Geldpolitik durchschaubar zu machen, sondern auch die dahinter liegenden Mythen zu hinterfragen und kleine zukunftsfähige Gegenmodelle zu entwickeln.
Das verborgene Potenzial dieser Entwicklung wurde zum Beispiel deutlich, als bei den Anti-Globalisierungs-Protesten in Seattle und Washington D.C., plötzlich wie aus dem Nichts eine breite Oppositionsbewegung auftauchte, deren einzelne Glieder schwach schienen, in der Vernetzung mithilfe des Internets aber die Kraft hatten, ein internationales Gipfeltreffen der Industriestaaten zu kippen.
Auch auf dieser Ebene ist die Arbeit für einen Wandel außerordentlich vielfältig. Hierzu gehören zahlreiche Ansätze von unterschiedlichsten Initiativen, sich in die als undurchschaubar geltenden Regeln globaler Wirtschaftssysteme, der Geld- und Finanzpolitik, der Mechanismen industrieller Landwirtschaft, der Energiepolitik oder der modernen Gentechnik einzuarbeiten. Anstatt sich weiterhin als hilfloses Opfer anonymer Mächte zu fühlen, entsteht damit erst die Fähigkeit, wirklich tragfähige Alternativen zu erdenken, neue Wertmaßstäbe und Qualitätskriterien zu entwickeln, und der Mut, Gegenmodelle auch praktisch zu erproben.
All das sind nicht nur Projekte und Programme, sondern es findet längst statt – nicht nur im kleinen dörflichen Maßstab, sondern immer öfter durch NGOs, die hunderttausende oder gar Millionen von Mitgliedern im Rücken haben. Durch sie wird von unten ein Wandel initiiert, der nicht auf entsprechende staatliche Reformprogramme wartet.
Diese zahlreichen neuen Institutionen, Verbände und Initiativen können jedoch nur in der Gesellschaft Wurzeln schlagen und langfristig wirken, wenn sie auf der Basis stabiler Werte handeln. Ihre Strukturen und Absichten müssen ein nachhaltiges Weltbild spiegeln, das auf einem neuen Verhältnis zwischen Mensch und Natur aufbaut. Mit anderen Worten: Ihr Erfolg verlangt einen grundlegenden Wandel in unserer Wahrnehmung und unseren Weltbildern. Und darum geht es auf der dritten Ebene des Wandels.
 
Die dritte Ebene ist die Arbeit an der Wahrnehmung und dem Bewusstsein der Menschen. Hier geht es um die Veränderung unseres Weltbildes: von einer materialistischen, mechanistischen, konkurrenzbetonten und wachstumsorientierten zu einer kooperativen, partnerschaftlichen und ganzheitlichen Sichtweise. Auf dieser – sehr breiten – Ebene entscheidet sich letztendlich, ob der Umbau gelingen wird. Dieser Wandel ist nicht in Parteien, Verbänden und Initiativen zu organisieren, doch er kann aus den Einsichten und Erfahrungen entstehen, die während der politischen und ökologischen Arbeit gemacht werden.