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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Buch
Hans Bankl, dessen amüsant-hintergründige Geschichten aus der Gerichtsmedizin innerhalb kürzester Zeit einen weiten Kreis begeisterter Leser gefunden haben, lädt diesmal zu einem ebenso unterhaltsamen wie informativen Streifzug durch die Geschichte ein. Dabei interessieren ihn genau jene erstaunlichen Details, die uns die Lehrbücher zur Historie und die Biografien bedeutender Persönlichkeiten vorenthalten. Seien es die unliebsamen Mitbringsel des Amerika-Entdeckers, die Galerie prominenter Gichtkranker oder die Begegnung zwischen dem Dichter Heine, dem Journalisten Karl Marx und dem Fabrikanten Engels.

Autor
Hans Bankl, Jahrgang 1940, wurde mit 31 Jahren der jüngste Pathologie-Dozent Österreichs und ist heute eine international anerkannte Kapazität auf seinem Gebiet. An der Wiener Kunsthochschule unterrichtet er »Anatomie für Künstler«. Über seine 120 wissenschaftlichen Publikationen hinaus hat er sich mit Bestsellern wie »Die kranken Habsburger« und »Im Rücken steckt das Messer« einen Namen gemacht.

Von Hans Bankl
sind im Goldmann Verlag außerdem erschienen:
 
Der Pathologe weiß alles … aber zu spät (15216)
Im Rücken steckt das Messer – Geschichten
aus der Gerichtsmedizin (15203)

Vorwort

Über das Wissen und den Wissenserwerb

Mit dem Wissen ist das so eine Sache. Da wird unterschieden
• zwischen dem, was wir wissen sollten, und dem, was wir wissen müssen,
• zwischen Allgemeinwissen und Spezialkenntnissen und schließlich
• zwischen dem, was zu merken ist, und dem, was wir vergessen können.
Dazu kommt, dass das Wissen je näher es an eine Wissenschaft herankommt, umso kurzlebiger wird. Die Halbwertszeit des Wissens in der Medizin etwa beträgt ungefähr fünf Jahre, d.h. dass nach fünf Jahren nur mehr die Hälfte unserer mühsam erworbenen Kenntnisse brauchbar ist. Das dürfen die Patienten aber nicht erfahren.
Aber alles wird relativiert, wenn man die Dinge praktisch sieht und an das einfache Menschenleben denkt: Was sollten wir wissen? Ganz einfach: die Lottozahlen beim nächsten Superjackpot oder zumindest die Antworten beim Millionenquiz. Da das mit den Lottozahlen jedoch genauso wenig funktioniert wie mit der Wetterprognose, bleibt also nur mehr das Bemühen, richtige Antworten auf gescheite Fragen zu geben. Nur, dazu braucht man etwas, das früher Bildung genannt wurde, dann aber in Vergessenheit geriet. Allgemeinbildung – in Abgrenzung zum beruflichen Fachwissen – erwirbt man durch Neugier und Nachdenken, durch dauerndes Fragen und In-Frage-Stellen. Wer nicht fragt, ist und bleibt dumm und wird auch dumm sterben. Aber das stört ihn dann nicht mehr so sehr.
Wie erwirbt man Wissen? Ganz einfach dadurch, dass man neugierig die Welt betrachtet. In Zeiten der globalen Kommunikation funktioniert dies, wenn es die Gegenwart betrifft, sehr gut. Für die Vergangenheit, aus der wir eigentlich lernen sollten, gelten andere Maßstäbe. Da ist ja schon alles passiert und daher bleibt als der geeignetste Zugang nur die Fragestellung: Warum ist etwas passiert? Welche Konstellation der Ursachen gab es? Was ist geschehen, dass etwas ganz anders als erwartet verlaufen ist? Hier bekommt das merkwürdige Wort »hinterfragen« Berechtigung. Dieses Wort bedeutet »nach den Hintergründen fragen«, und genau das soll es sein.
Wenn wir solche Fragen stellen, werden wir sehen, dass es fast immer Menschen waren, die den Lauf der Geschehnisse beeinflussten und lenkten, selten Naturereignisse. Und nach solchen Menschen, nach solchen Ereignissen fragen wir in diesem Buch. Nicht geordnet im Kalender der Jahrhunderte, sondern blindlings aus der Glücksbox gezogen. Denn haben wir genug solche Bausteine der Geschichte, so werden wir sehen, wie sich teils allmählich, teils überraschend schnell Querverbindungen ergeben und so das Mosaik unserer Kenntnisse immer vollständiger, immer übersichtlicher, immer begreiflicher wird.
Der Erfolg von Rätselshows im Fernsehen kommt nicht von ungefähr, denn Neugierde, d.h. etwas wissen zu wollen, ist eine der Haupttriebfedern des geistig interessierten Menschen. Wenn man dabei noch etwas gewinnen kann – umso besser. Allerdings muss man dazu eine gewisse Grundausstattung an Wissen mitbringen. Ob man dies in der Schule lernt, ist fraglich. Jeder Unterricht nach Plan und Schema ist chronologisch und daher zwangsläufig, alles Zwangsläufige aber ist nicht spannend.
Schulen und Universitäten haben den allgemeinen Bildungsauftrag schon längst leise abgetreten. Es gibt nur mehr Fachschulen und Fachhochschulen. In den unteren Stufen lernen wir lesen und schreiben (trotzdem beträgt die Zahl der Analphabeten in Mitteleuropa in manchen Gebieten bis zu 10 %), in den oberen Stufen lernen wir Spezialitäten, die der Absolvent eines parallelen Schulzweiges schon nicht mehr versteht. Die alten Universitätslehrer arbeiten jetzt nur mehr mit Kopf und Schultern: Ersteren schütteln sie, mit Letzteren wird gezuckt. Die jungen Universitätslehrer haben nichts anderes als ihr Spezialgebiet gelernt, sie schütteln und zucken nicht, sondern kommen sich über die Maßen gut und über alles andere erhaben vor.
Dem spanischen Philosophen José Ortega y Gasset (1883 bis 1955) gelang in seinem Hauptwerk Aufstand der Massen eine treffende Charakteristik des Spezialistentums: »Der Spezialist ist nicht gebildet; denn er kümmert sich um nichts, was nicht in sein Fach schlägt. Aber er ist auch nicht ungebildet; denn er ist ein Mann der Wissenschaft und weiß in seinem Weltausschnitt glänzend Bescheid. Wir werden ihn einen gelehrten Ignoranten nennen müssen, und das ist eine überaus ernste Angelegenheit; denn es besagt, dass er sich in allen Fragen, von denen er nichts versteht, mit der ganzen Anmaßung eines Mannes aufführen wird, der in seinem Spezialgebiet eine Autorität ist.«
Die Universität ist zur »Uni« verkommen. »Unus«, d.h. nur ein Gebiet lernt man dort, »universalis« im Sinne von »allumfassend« gibt es nicht mehr. Vielleicht sind sogar die Studienwechsler und -abbrecher noch am besten dran – ein wenig Jus, ein wenig Psychologie, etwas Publizistik und gut wäre noch eine merkantile Fachrichtung.
Vor langer Zeit gab es noch hin und wieder einen Polyhistor, einen Menschen, mit dem man eigentlich über alles reden konnte, fundiert, kein Partygeschwätz. Diese Leute sind jedoch ausgestorben, es gibt nur mehr Spezialisten und smalltalker. Der Wandel vollzog sich vom Menschen, der von »allem« erstaunlich viel wusste, zu jenem, der von »wenig« eigentlich erstaunlich viel weiß, aber darüber nur mit eigenen Fachkollegen reden kann. Dieses »Wenig« ist gefährlich. Wenn es sich nämlich beispielsweise auf die Gesellschaftskolumnen der Boulevardzeitungen, die Aussprüche unserer Politiker oder die Börsenkurse einschränkt, dann sind solche Leute wahrlich beschränkt.
Geschichte ist keine simple Abfolge von Ereignissen, Geschichte ist das, was die Menschen gestaltet haben. Manche Menschen griffen mehr, manche etwas weniger in den Lauf der Geschichte ein. Geschichte ist nicht die Kenntnis dessen, was einmal war, sondern das Wissen, wie etwas entstanden ist. Einige Menschen sind außergewöhnlich, z.B. an Begabung oder an Fleiß. Diese Menschen bewirken die Geschichte, die sonst eintönig wäre wie die Fortbewegung des Hamsters im Laufrad. Solche Leute nennt man Genies. Der Kulturphilosoph Egon Friedell (1878-1938) hat die Beziehungen zwischen genialen Menschen und den Umständen der Zeit, in der sie lebten, in drei Thesen herausgearbeitet.
 
1. Das Genie ist ein Produkt seines Zeitalters.
Hätte Martin Luther nicht im Zeitalter des aufkommenden Buchdrucks gelebt, so wäre die Reformation mangels Publizität untergegangen. Sokrates war das Produkt der griechischen Klassik, Lessing jenes der deutschen Aufklärung. In solchen Menschen verdichtete sich das ganze Zeitalter zu einem leuchtenden Stern.
2. Das Zeitalter ist ein Produkt des Genies.
Niemand kann den genialen Zauberern widerstehen, sie schaffen ihr eigenes Zeitalter. Sie schaffen Krieg, Revolution und Frieden. Sie entdecken neue Länder und neue Maschinen. Das Industriezeitalter und das Atomzeitalter, das Zeitalter des Kopernikus und das Zeitalter Napoleons, ja, auch die Zeit des Dschingis Khan waren Produkte außergewöhnlicher Menschen.
3. Genie und Zeitalter sind nicht miteinander vereinbar.
Die Großen der Weltgeschichte waren immer einsame Sterne. Genies sind unikal, unangepasst und unanpassungsfähig. Sie ragen turmhoch über den Rest der Welt und das Gewimmel von Zeitgenossen hinaus, die sie ohnehin nicht verstehen.
Genies haben oft Sternstunden, wo in einem Augenblick das Entscheidende geschieht. Solche schicksalsträchtigen Augenblicke hat Stefan Zweig (1881-1942) in seinem Buch Sternstunden der Menschheit zusammengestellt. Wir verfolgen hier jedoch breiter den Einfluss außergewöhnlicher Menschen auf ihre Umgebung und Nachwelt, auf die Kulturgeschichte im Allgemeinen. Bildung ist immer ein Dilemma, denn wie wenig wir wissen, erkennen wir spätestens dann, wenn unsere Kinder anfangen zu fragen. Worüber man nicht reden kann, darüber muss man nicht schweigen, man kann darüber nachlesen. Man soll auch nicht vergessen, dass dies im Trend liegt, denn Bildungshunger und Wissensdurst machen nicht dick. Bildung kommt aber nicht vom Lesen allein, sondern vom Nachdenken über das Gelesene. Sonst geht es einem wie Oskar Kokoschka (1886-1980), der gesagt haben soll: »Aus der Schulzeit sind mir nur die Bildungslücken in Erinnerung geblieben.«

Wissen macht Spaß

Dieses Buch möchte Mut machen, Wissen zu erwerben. Den Mut bekommt man durch die Erkenntnis, dass die Großen der Weltgeschichte auch nur Menschen mit vielen Unzulänglichkeiten und Fehlern waren. Niemand braucht sich also zu schämen. Wissen zu erwerben, macht Spaß, wenn man nicht ein Lehrbuch der Geschichte in der Hand hat, sondern ein Geschichtenbuch, das belehrt. Geschichten, die das Leben schrieb, so wie sie jedem von uns passieren können.
Wir haben diese Geschichten in Rätsel verpackt, denn Rätselraten ist unterhaltsam und vor allem merkt man sich ein gelöstes Rätsel besser als ein nur gelesenes Ereignis.
 
Diese Rätsel umfassen entweder
• die ausführliche Darstellung einer oder mehrerer Personen, ihrer Zeit und ihrer Werke und Einflüsse; vor allem die oft erstaunlichen Zusammenhänge der Ereignisse und das Zusammentreffen der handelnden Personen, oder
• die kurze Charakteristik eines Geschehens oder einer Kuriosität, mit den nachfolgenden Fragen: Wer? Was? Wann? Wo? Warum?
Die Themen sind vielfältig, die Fragen ebenfalls. Wer weiß, vielleicht sind einige Antworten für das Millionenquiz darunter. Und auch wenn das gelöste Rätsel nur die persönliche Genugtuung des Wissens oder die Freude der Belehrung und Kenntnisbereicherung bringt, man sollte niemals vergessen: Wissen ist Macht, Nichtwissen ist Ohnmacht. Noch-NichtWissen ist keine Schande und kann behoben werden. Wie sehr man sich vor Umkehrschlüssen hüten muss, zeigt der scherzhaft verdrehte Satz: »Wenn Wissen Macht ist, was macht dann Nichts-Wissen? Nichts-Wissen macht dann auch nichts.« Selbstverständlich beherzigen wir die Mahnung »Jeder Vergleich hinkt«, aber hoffentlich wissen die Mahner auch: »Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich.« So viel zur vergleichenden Geschichtsbetrachtung.
• Woher stammt das geflügelte Wort »Wissen ist Macht«?
Der englische Philosoph, Schriftsteller und Politiker Francis Bacon (1561-1626), ein Zeitgenosse von Elisabeth I., Maria Stuart und König Jakob I., veröffentlichte 1597 Essayes. Religious Meditations in englischer Sprache. Nur der zweite Teil erschien auf Latein und dort steht: »Nam et ipsa scientia potestas est« – »Denn die Wissenschaft selbst ist Macht.« Die zweite Auflage des Buches erschien gänzlich auf Englisch, hier steht: »Knowledge is power« – »Wissen ist Macht«. Bacon erklärte als höchste Aufgabe der Wissenschaft die Naturbeherrschung und war ein Früh-Aufklärer in England. Von ihm stammt noch ein zweites beherzigenswertes Zitat: »Tantum possumus quantum scimus« – »Wir vermögen soviel zu leisten, wie wir wissen.« Könnte man Eigennamen übersetzen, so würde Bacon auf Deutsch übrigens »Speck« lauten.
Achtung: Der Naturforscher Roger Bacon (zw. 1214 und 1220 – etwa 1292), der berühmte »Doctor mirabilis«, war ein ganz anderer und lebte 250 Jahre früher.

Kolumbus brachte nicht nur die Tomaten

Wie alles begann

Das Zauberwort für die am Ende des 15. Jahrhunderts einsetzende Entdeckerfreude hieß »Indien« und mit Indien war alles Land östlich des islamisch-arabischen Gebietes gemeint. Indien bedeutete Gold, Perlen, Seide, Elfenbein, Gewürze – kurz: unermesslichen Reichtum. Den kleinasiatischen Handelsweg zu Land von Europa nach Indien hatten die Türken mit der Besetzung von Konstantinopel 1453 abgeriegelt. Nun diktierten sie die Preise und dagegen musste Westeuropa etwas unternehmen.
Mit der Landkarte des Florentiner Arztes und Astronomen Toscanelli in der Hand und der richtigen Mischung zwischen Geschäftemacher, Entdecker und Desperado im Blut machte sich der Genuese Christoforo Colombo, der sich in Spanien Cristóbal Colón nannte, auf den Weg. Er wollte nach Cipango, so nannte man damals Japan und vor allem nach Cathay, das war China.
Als der Matrose Juan Rodrigo Bermejo am 12. Oktober 1492 um 2 Uhr morgens mit dem Ruf »Tierra! Tierra!« Land in Sicht meldete, wurde er von Kolumbus um die ausgesetzte Erfolgsprämie betrogen und es kam zur größten Überraschung der Weltgeschichte – eine bisher unbekannt »Neue Welt« war entdeckt.
• Warum heißt das neu entdeckte Land Amerika?
Der florentinische Kaufmann Amerigo Vespucci hatte 1501 in portugiesischen Diensten die Ostküste Brasiliens bereist. In spannenden Reisebeschreibungen berichtete er über seine Beobachtungen in diesem neuen Land und vertrat die Meinung, dass diese Länder mit Asien oder Indien nichts zu tun hätten. Dies erregte in Europa großes Aufsehen, denn bisher hatte es nur Erzählungen und Gerüchte gegeben. Jetzt lagen die Berichte schriftlich vor, die lateinische Version von Vespuccis Reiseabenteuern zur See trug den Titel Americi Navigationes.
1507, ein Jahr nach Kolumbus Tod, machte der Geograf Martin Waldseemüller in seiner Einführung in die Kosmographie den Vorschlag, den neuen Kontinent »das Land des Americus«, also »America«, zu nennen. Ohne Wissen des Vespucci erfolgte diese Namensgebung zunächst für Mittel- und Südamerika, während man sich bei Nordamerika noch einige Zeit nicht sicher war, ob es vielleicht doch zum asiatischen Festland gehörte oder nicht. Die Bezeichnung »Amerika« setzte sich durch, obwohl auch der Alternativvorschlag »Colomba« diskutiert wurde. Letzteres hatte aber keine Chance, da die Erben des Kolumbus mit der spanischen Krone um ihre Ansprüche stritten. Aus diesem Grund hatte das offizielle Spanien kein Interesse, den Namen der Familie Kolumbus mit der Neuen Welt zu verbinden.

Wer war Kolumbus und was haben wir ihm zu verdanken?

»Ich bin in Genua geboren«, ist die einzige Mitteilung über seine Herkunft. Sein Vater soll Wollweber gewesen sein. Er selbst wurde Seemann und kam als 25-Jähriger nach Lissabon, dem damaligen Zentrum für Seefahrt und Entdeckungsreisen. Dort heiratete er Felipa Moniz Perestrello, die ihm den Sohn Diego gebar. Zeitweilig versuchte er sich im sehr lukrativen Zuckergeschäft. 1484 erläuterte er König João II. von Portugal seinen Plan, Indien auf einer Ost-West-Route zu erreichen. Die Portugiesen hatten jedoch gute Mathematiker und Geophysiker, die den Erdumfang und die wahre Distanz zwischen Europa und Asien kannten und daher eine solche Seefahrt für unmöglich erklärten. Kolumbus ging daraufhin nach Spanien, um dort »brevior via ad loca aromatum«, den »kürzeren Weg zu den Gewürz-Orten« anzupreisen. Auch schlug er eine andere Taktik ein: Die Reise sollte nicht ein geografisches Erkundungsunternehmen werden, sondern eine christliche Mission. Mit den materiellen Gewinnen – Gold, Gewürze, Seide, Edelsteine u. dgl. – werde es ermöglicht, einen neuen Kreuzzug auszurüsten zwecks Rückeroberung von Palästina und Jerusalem. Damit brachte er die katholischen Majestäten Ferdinand und Isabella sowie die Kirche auf seine Seite und hatte gewonnen. Seine Distanzberechnungen aber waren und blieben falsch, denn der Pazifische Ozean wie auch der Doppelkontinent Amerika waren unbekannt.
 
Die Passatwinde blasen seit jeher gleichmäßig von Ost bis Nordost und trieben so die Schiffe des Kolumbus mit einer Geschwindigkeit von etwa 12 Knoten, d.h. 22 Kilometer pro Stunde, über den Atlantik. Am 3. August 1492 hatten sie den Festlandhafen Palos (in der Nähe von Cádiz) verlassen, das eigentliche Abenteuer aber begann erst am 9. September, als sie ihre letzte Zwischenstation, die Kanarischen Inseln, im Osten aus den Augen verloren. Das Flaggschiff »Santa Maria« befehligte Kolumbus selbst, Kapitän der »Pinta« war der Reedereibesitzer Martin Alonso Pinzón, sein Bruder Vincente Yanez Pinzón führte die »Niña«. Die Schiffe sollen 25 bis 35 Meter lang und etwa 10 Meter breit gewesen sein. Wichtige Mitreisende waren ein königlicher Notar zur Inbesitznahme fremder Territorien, ein königlicher Buchhalter zur Beaufsichtigung der Beute und Luis de Torres, ein »converso«, ein getaufter Jude, der Hebräisch, Aramäisch und Arabisch sprach.
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Nach 33 Tagen Westfahrt erreichte die Flotte des Kolumbus eine kleine Koralleninsel im Bereiche der Bahamas, die er »San Salvador«, also »Heiliger Erlöser«, taufte. Die Reisedauer entsprach der von ihm berechneten Distanz zu den indischen Ländern und festigte seinen geografischen Irrtum. Bis zu seinem Tod erkannte Kolumbus nicht, was er entdeckt hatte und wo er tatsächlich gelandet war.
Die Insulaner, welche die Mannen des Kolumbus zuerst sahen, wussten nicht, was ihnen bevorstand. In Samt und Pluderhosen gekleidet, mit Eisenhelmen und Fahnen zelebrierten die Ankömmlinge ein Ritual, mit dem sie die Insel, welche die Eingeborenen »Guanahani« nannten, für Kastilien und Aragon in Besitz nahmen. Heute wissen wir, dass jene Einwohner von Venezuela aus über Trinidad die kleinen Antillen besiedelt hatten und von Fischerei, Jagd und Feldanbau lebten. Sie waren in Stämmen organisiert, nannten sich »Taino« und bemalten ihre nackten Körper bunt. Eine weitere Ironie der Geschichte war, dass die Spanier ständig nach Cipango fragten (damals wie heute wird die Zentralregion von Haiti Cibao genannt). Die Insulaner zeigten nach Süden und die Spanier fuhren weiter. Also kreuzte Kolumbus durch die Karibik und suchte nach den großen Städten und Goldschätzen, von denen Marco Polo berichtet hatte. Aber er fand nur Fischerhütten und keine Spur von Goldminen. Die gab es dort auch nicht, denn er segelte an der Nordküste von Kuba und Haiti entlang. Aber er hatte Glück, die Stammeshäuptlinge der »Indios« und deren Frauen trugen einfachen Goldschmuck, der sofort gegen spanischen Krimskrams eingetauscht wurde.
Wie schätzte Kolumbus nun die »Entdeckten« ein? Darüber gibt sein Bordbuch Aufschluss.
»Sie gehen nackend einher.« Es war für Kolumbus unfassbar, als er statt Untertanen des Großen Khans nackte Menschen antraf. Kleidung war doch, nach der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies, ein Zeichen menschlicher Kultur. Daher kam es zu Diskussionen, ob die Indios überhaupt Menschen seien.
»Sie kennen keine ernst zu nehmenden Waffen.« In militärischer Hinsicht waren die Indios für die hoch gerüsteten Spanier kein Problem. Auch entstand das Klischee der glücklichen und zufriedenen Wilden.
»Sie müssen gewiss treue und kluge Diener sein.« Die Ureinwohner wurden sofort als Untergebene bzw. Sklaven angesehen. Daran hat sich nicht viel geändert. Heute leben in den USA etwa 1,5 Millionen Indianer in Reservaten, und das in ihrem ehemals eigenen Land.
»Sie sind leicht zum Christentum zu bekehren.« Die Missionierung der katholischen Kirche spielte eine maßgebende Rolle beim Genozid an der einheimischen Bevölkerung. Nicht mit der Bibel, sondern mit dem Schwert wurde das Christentum zwangsverbreitet.
• Welche lebensbedrohende Substanz wurde im Zuge der Entdeckungsfahrten des Kolumbus nach Europa gebracht?
Die Spanier konnten zunächst wenig mit den fremdartigen, kleingeschnittenen Blättern anfangen, welche die Eingeborenen in zylinderförmigen Rollen rauchten. »Tobako« wurden diese Rauchröhrchen genannt; es waren in Maisblätter eingewickelte Tabakschnitten. Die Handlung des Rauchens wurde ursprünglich für Rituale und Zaubereien verwendet, die Indianer am Festland rauchten Pfeifen, die später von den Franzosen »Calumet« genannt wurden. Zentrales Symbol des Rauchkultes war die Friedenspfeife, überdies hatte man die Möglichkeit mit dem großen Geist Manitou in Verbindung zu treten – man blies den Rauch in die vier Himmelsrichtungen.
In Europa wurde der Tabak als Heil- und Genussmittel angesehen, ein fataler Irrtum. Das Tabakrauchen ist die gefährlichste Atemluftverschmutzung mit den schwersten gesundheitsschädigenden Folgen. Schön wäre es, aber kaum einer rafft sich auf, etwas zu tun: »In unserer heutigen Gesellschaft ist Zigarettenrauchen die einzige leicht verhütbare Krankheits- und Todesursache und derzeit das wichtigste Problem des öffentlichen Gesundheitswesens.« Doch es gibt Interessenkonflikte: Im Gesundheitsministerium denkt man an die Lungenkranken, die Krebspatienten, die Arteriosklerotiker und berechnet die Kosten, die durch Raucherkrankheiten entstehen. Im Finanzministerium denkt man an die Tabaksteuer und plant die Einnahmen fix in das Budget ein.
• Gab es ein Ei des Kolumbus?
Einige Jahre nach dem Tod des Kolumbus schrieb ihm der italienische Schriftsteller Girolamo Benzoni die Geschichte mit dem Ei zu. Es soll bei einer festlichen Tafel gewesen sein, als die Frage auftauchte, wie man ein Ei auf einem der beiden Enden aufstellen könne. Als keiner eine Antwort wusste, soll Kolumbus das Ei mit der Spitze auf die Tischplatte geknallt und damit eingedrückt haben. So blieb es stehen.
Diese Geschichte hat mit Kolumbus in Wahrheit nichts zu tun, sondern existierte schon viel früher. Bereits der berühmte Florentiner Baumeister Filippo Brunelleschi (1377-1446) soll seinen Auftraggebern mit diesem »Eiertrick« die Konstruktion der Domkuppel in Florenz erklärt haben. Er hat dort ja eine frei tragende Überwölbung ohne Stützgerüst erreicht – eben eine Kuppel wie eine Eierschale.

Die Rückkehr des Kolumbus

Im März 1493 kehrte Kolumbus nach Spanien zurück und er brachte einiges mit. Sechs Indios und etliche Papageien führte er König Ferdinand und Königin Isabella vor, er zeigte exotische Früchte und Gegenstände und vor allem ein bisschen Gold. Nur wegen des Goldes wurden weitere Expeditionen ausgerüstet und die Europäer zogen einen regen Pendelverkehr auf.
 
Und was wurde da alles auf die Reise geschickt?
• Nach Westen – Pferde und Schießpulver, Pocken, Masern und Diphtherie sowie nicht zu vergessen der Alkohol, das später so berüchtigte Feuerwasser.
• Nach Osten – Mais, Kartoffeln und Tomaten, Tabak, Cocablätter und Hängematten sowie eine Geschlechtskrankheit.
Natürlich kam es ziemlich früh zu sexuellen Kontakten zwischen den Matrosen und den Indianerfrauen. Stolz wurde berichtet, dass »ein Spanier sich der Schätze des Landes und seiner Frauen nach Belieben erfreuen konnte, ohne dafür zahlen zu müssen«. Wie das so zuging, berichtete der Matrose Michele de Cueno, der ein Mädchen gefangen und mit Bewilligung von Admiral Kolumbus zu seiner Sklavin gemacht hatte: »Ich nahm sie in meine Kabine. Da sie nackt war, verspürte ich Lust, mich mit ihr zu vergnügen. Als ich daranging, meine Wünsche auszuführen, mochte sie dies nicht leiden und kratzte mich so heftig mit ihren Fingernägeln, dass ich wünschte, ich hätte gar nicht erst angefangen. Schließlich nahm ich einen Strick und schlug sie, dass sie in den unerhörtesten Tönen zu schreien begann. Daraufhin kamen wir zu einer Übereinkunft, und zwar so, dass man glauben hätte mögen, sie wäre in einer Schule für Dirnen erzogen worden.«
Die Spur der ersten Amerika-Fahrer verliert sich auf wenig heroischen Wegen: diejenigen, die etwas Brauchbares mitgebracht hatten, wurden Händler und Wirte; die anderen verdingten sich als Soldaten, wurden also Söldner, der Rest blieb Matrosen. Entscheidend aber ist, dass eine mobile Gesellschaft entstanden war: Personen mit regen zwischenmenschlichen Kontakten, die rasch von einem Ort zum nächsten wechseln – das sind die Voraussetzungen für jegliche Seuchenausbreitung.
Was die eingeschleppte Krankheit betrifft, so wurde unter den Begleitern des Kolumbus sogar ein Patient Nr. 1 namhaft gemacht: Der erste Kranke soll Martin Alonzo Pinzón, der Kommandant der »Pinta«, gewesen sein. Wie auch immer sich das im Detail zugetragen haben mag, fest steht, dass eine große Epidemie Europa von 1495 bis 1530 überschwemmte.
• Welche Krankheit hat sich nach der Rückkehr der Mannschaft des Kolumbus in Europa explosionsartig ausgebreitet?

Die venerische Seuche

Das lateinische Eigenschaftswort »venerius« bedeutet »der Venus geweiht« und man meinte damit »geschlechtlich«. Venerische Erkrankungen sind Geschlechtskrankheiten, zu denen auch die Syphilis gehört, eine noch heute in ungeahntem Ausmaß verbreitete Seuche und für Generationen von Medizinern der »Star« unter den Geschlechtskrankheiten. Über 50 Millionen Menschen auf der Welt haben Syphilis, d.h. etwa einer unter 120. Die Krankheit ist in Mitteleuropa völlig zu Unrecht verdrängt und vergessen, denn es gibt in Europa kaum einen Menschen, von dessen 4.000 Ahnen, die er innerhalb der letzten vier Jahrhunderte gehabt hat, nicht zumindest einige an dieser Krankheit gelitten haben – so sehr uns dieser Gedanke auch stören mag.
Die Syphilis ist eine junge Krankheit, in Europa kennen wir sie als Seuche seit 500 Jahren – eine historisch gesehen völlig unbedeutende Zeitspanne. Es steht außer Zweifel, dass sich die Syphilis erst ab dem Jahre 1495, also nach der Rückkehr des Kolumbus, epidemieartig ausgebreitet hat. Aber nicht nur die Frage, auf welchem Weg die Syphilis nach Europa gekommen ist, hat Mediziner und Historiker beschäftigt, sondern auch die Frage, inwieweit diese Krankheit Geschichte gemacht hat. Wer von den großen Akteuren der Weltgeschichte hat daran gelitten? Es waren Päpste, Könige und andere ihrer staatsmännischen Kollegen, aber auch Künstler, Dichter, Philosophen, von denen wir einigen jetzt gleich begegnen werden.
Dass es die Syphilis überhaupt noch gibt, ist traurig, denn die Krankheit könnte schon längst ausgerottet sein – einige dutzend Tonnen Penicillin würden ausreichen. Das medizinische Potenzial zum »overkill« wäre aufzutreiben, aber da die Sache keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Vorteil bringt, engagiert sich niemand dafür.
Der Ursprung der Krankheit lässt sich exakt rekonstruieren. 1493 feierte man in Spanien die heimgekehrten »Westindienfahrer« und im gleichen Jahr beschloss König Karl VIII. von Frankreich, seine Erbansprüche auf das Königreich Neapel mit Waffengewalt durchzusetzen. Diese beiden Ereignisse waren für die Auslösung der ersten Syphilis-Epidemie verantwortlich. Karl VIII. marschierte mit einem internationalen Söldnerheer von 30.000 Mann los, König Ferdinand von Neapel warb zur Verteidigung ebenfalls Söldner an, darunter auch Matrosen aus Barcelona, dem Heimkehrhafen des Kolumbus. Im Tross beider Heere befanden sich zahlreiche Maketenderinnen und Prostituierte, um die rauen Landsknechte bei Laune und Kampfkraft zu halten. Ende Januar 1495 gelangten die Truppen Karls vor Neapel an, König Ferdinand floh und ließ 1.000 Mann zur Verteidigung zurück. Es kommt zur Belagerung, der Proviant ist knapp und daher wird der ganze überflüssige Anhang – Schlossgesinde, Soldatenhuren und die Frauen der Spanier – in das französische Lager geschickt. Nach dreiwöchiger Belagerung geben die Eingeschlossenen auf, kapitulieren und treten sofort in die Dienste des französischen Königs.
Enger und intensiver konnte die Durchmischung der Leute gar nicht sein. Und da brach die Krankheit aus und befiel in kürzester Zeit immer mehr Soldaten, zu deren Gefolge nach damaligem Kriegsbrauch wie gesagt immer auch eine Menge Frauen gehörten. Der verseuchte Heerhaufen zog nach Norden und wurde von den Truppen Kaiser Maximilians I. geschlagen und zerstreut. Da fast alle an diesem Krieg Beteiligten von der neuen Krankheit angesteckt waren, breitete sich diese über ganz Europa aus. Karl VIII., der Franzosenkönig, wurde nur 27 Jahre alt. Eigentlich war er eine völlig unbedeutende Figur in der Geschichte. Trotzdem wurde sein Namen unsterblich: Mit dem »langen Marsch« auf Neapel und wieder zurück begann der Ausbruch der Syphilis in Europa.
Wenn schon nicht wahr, dann gut erfunden ist die Anekdote, dass Jahrhunderte nach dem neapolitanischen Feldzug in der Pariser Kirche Notre Dame ein Herr auf Knien und im Gebet versunken vor dem Porträt Karls VIII. verharrte. Von einem anderen Kirchenbesucher gefragt, weshalb er seine Gebete denn an einen verstorbenen weltlichen Fürsten statt an einen Heiligen richte, antwortete er: »Sehen Sie, ich bin Dermatologe, und niemand hat so viel zur Blüte meines Berufes beigetragen wie dieser Herrscher, denn ihm und seinen Taten verdanken wir die Syphilis.« Und Voltaire, der die Seuche an mehreren Stellen seines Werkes erwähnt, schrieb die bissigen Zeilen: »Als die Franzosen tollköpfig nach Italien gingen, gewannen sie leichtfertig Genua und Neapel und die Syphilis. Dann wurden sie überall verjagt und man nahm ihnen Genua und Neapel weg, aber sie verloren nicht alles, denn die Syphilis ist ihnen geblieben.«
Seit der Rückkehr von der ersten Reise des Kolumbus bis zum Ausbruch der Epidemie waren genau zwei Jahre vergangen. Ist es innerhalb von zwei Jahren überhaupt möglich, dass eine durch Einzelfälle eingeschleppte Seuche eine große Verbreitung erreicht? Und wie! Wenn wir von nur einer erkrankten Person ausgehen und annehmen, dass dieselbe im Laufe eines Monats drei weitere Leute ansteckt und diese wiederum je drei und so fort, dann gelangt man nach Ablauf nur eines Jahres zu der erklecklichen Anzahl von 531.441 Infizierten (312) zurückgehend auf den Patienten Nr. 1.
Bei seiner ersten Reise verlangte Kolumbus von seinen Leuten unter massiven Strafandrohungen sexuelle Abstinenz gegenüber den Frauen der Eingeborenen. Dies geschah, um die gewünschte Bekehrung der Indios zum Christentum nicht durch Ausschweifungen zu gefährden. Solange Kolumbus dies beaufsichtigen konnte, hat es anscheinend funktioniert. Aber dann kam der Ausreißer des Martin Alonso Pinzón: Am 21. November 1492 war die »Pinta« samt Besatzung verschwunden, man befand sich gerade an der Nordküste von Kuba. Pinzón hatte eine Alleinfahrt angetreten und dabei waren sie natürlich nicht der Aufsicht und den Regeln des Kolumbus unterworfen. Erst am 6. Januar tauchte die »Pinta« wieder auf. Was in der Zwischenzeit alles geschehen war, ist nicht überliefert. Am 15. März 1493 war die erste Reise des Kolumbus zu Ende, zwei Schiffe und ein Großteil der Mannschaft kehrten nach Spanien zurück. Kolumbus wurde gefeiert, Martin Alonso Pinzón war krank und starb kurze Zeit später. Obwohl die Natur seiner Erkrankung völlig unklar ist, wird er in der Überlieferung immer als Syphilis-Patient Nr. 1 in Europa bezeichnet. Es ist zumindest eine gute Geschichte. Eines aber ist sicher: Nach der langen Enthaltsamkeit auf See stürzten sich die Heimkehrer in die Bordelle der Hafenstädte und auf einmal gab es eine neue Krankheit. Dies bestätigen auch Ärzte der damaligen Zeit, die in Barcelona erkrankte Seeleute behandelten: »Der göttlichen Gerechtigkeit gefiel es, uns eine bisher unbekannte neue Krankheit zu schicken, die 1493 in der Stadt Barcelona auftauchte. Diese Stadt wurde zuerst angesteckt, danach ganz Europa und schließlich die ganze bewohnte Welt.«

Die vielen Namen der Syphilis

Tatsache ist, die Syphilis war da und breitete sich gewaltig aus. Kurios gestaltete sich allerdings die vielfältige Namensgebung. Die Syphilis war mit Sicherheit eine kriegsgeborene Seuche und mit dem französischen Heer verbunden, weshalb die erste Namensgebung als »Franzosenkrankheit« bzw. »morbus gallicus« gar nicht so falsch war. Das aber beleidigte das französische Nationalgefühl und so entstanden weitere Namen. Jede Nation versuchte, dem Nachbarvolk die vermeintliche Schuld am Ausbruch des Übels zuzuschreiben. Das übrige Italien sprach vom »Mal de Naples« (»Übel von Neapel«), die Portugiesen von einem »Mal de Castilla« (»Übel von Kastilien«), die Polen nannten sie »Deutsche Krankheit«, die Russen die »Polnische« und die Orientalen nannten das Übel »portugiesisch«. Charmant waren lediglich die Chinesen: Als die Krankheit nach 1500 in Kanton ausbrach, gaben sie ihr den Namen »Pfirsichblüten-ähnlicher Ausschlag«. Der Name »Franzosenkrankheit« hielt sich am hartnäckigsten, aber das konnte die »Grande Nation« nicht auf sich sitzen lassen. Und so wurde in der lateinischen Fachsprache der Mediziner zunächst »Morbus venereus«, die Krankheit der Venus, die Krankheit der Lust, eingeführt, woraus dann schlicht »Lues«, die Seuche, wurde.
Der erst viel später gebräuchliche Name »Syphilis« geht auf ein Gedicht des Arztes, Astronomen und Dichters Girolamo Fracastoro (ca. 1478-1553) zurück. In diesem Gedicht wird der Hirte Syphilus wegen Gotteslästerung zur Strafe von der neuen Krankheit befallen: »Und nach ihm benennt die Menschheit heute noch die gleiche Seuche. Es empfängt von ihm die Krankheit nun den Namen Syphilis.« Die Lustseuche hat damit zwei offizielle Namen, die kein Volk diskriminieren: Syphilis und Lues.
Man muss dabei immer bedenken, dass das Wesen einer Infektion bzw. die Krankheitserreger damals noch nicht bekannt waren. Zur Frage der Ursache der Syphilis wurde eine für die damalige Zeit typische, abenteuerlich-komplizierte Theorie entworfen. Die Krankheiten der Geschlechtsorgane waren immer schon an das Sternzeichen des Skorpions gebunden. Für das Ende des 15. Jahrhunderts wurde eine Vereinigung der großen Planeten Saturn und Jupiter im Hause des Skorpions geweissagt und davon ausgehend Kriege und Seuchen prophezeit; diese Prophezeiung fand durch die neue Krankheit eine glänzende Bestätigung und allgemeine Anerkennung. Eine Sterndeuterei ähnlich jener, die viele Jahrhunderte zuvor schon beim »Stern vom Bethlehem« angewendet wurde. Der spanische Arzt Juan Almenar sah die Sache etwas differenzierter: »Bei den meisten Menschen entsteht die Syphilis durch einen unreinen Beischlaf, nur bei den Geistlichen durch den Einfluss der Gestirne oder verdorbene Luft.«
Über die neue Krankheit wurde zwar viel geschrieben, aber nur wenig dagegen getan. Die Befallenen wurden, ähnlich wie die Leprösen, ausgegrenzt: Den Gastwirten war es verboten, Syphilitiker zu beherbergen; Barbieren und Chirurgen war es untersagt, sie zu behandeln. Da die Kranken häufig aus einem bestimmten, gesellschaftlich geächteten Personenkreis kamen – Landsknechte und Veteranen, Deserteure und Vagabunden, Prostituierte und Zuhälter -, hausten sie unter Brücken, in Höhlen, im Wald oder in anderen desolaten Verhältnissen. Behandelt wurde die Syphilis durch Einreiben mit einer Quecksilberschmiere. Die gebildeten Mediziner hielten solche Behandlungen für unter ihrer Würde und so kam das Quecksilber in die Hände der Bader – der Ausdruck »Quacksalber« erinnert noch heute daran.
Da das Quecksilber schwere Vergiftungen hervorrief, wurde eine andere Behandlungsmethode, das Guaiak-Holz, eingeführt. Guaiak ist ein zentralamerikanischer Baum, dessen geschnitzeltes, abgekochtes Holz als Sud getrunken oder in die Hautwunden getropft wurde. Aus diesem Grund wurde vom spanischen Hof angeordnet, jedes aus der Neuen Welt zurückkehrende Schiff habe eine bestimmte Menge dieses wundertätigen Holzes mitzubringen. Das Handelshaus der Fugger hatte das Import-Monopol für das Holz. Als der große Paracelsus 1530 in einer Schrift neuerlich die Quecksilber-Schmierkur empfahl, wurde das Buch nach kurzer Zeit verboten. Nicht zu Unrecht kann man dahinter eine Intervention der Fugger aus Augsburg vermuten, die um ihre Handelspannen fürchteten. Schon im 16. Jahrhundert waren die Pharma-Industrie und der Medikamentenhandel lukrative Geschäfte und sollten nicht gestört werden.
Es erschienen damals auch Anleitungen zur Selbstbehandlung, um die Patienten von den Medizinern, die ohnehin nicht helfen konnten, wegzubringen. Über solche Bücher brauchen wir uns nicht zu wundern, werden doch noch heute die Schriften von Alternativ-Medizinern, Kräuter-Heilkundigen und Gesundheitsjournalisten eifrig gekauft bzw. finden die Aussagen dieser Leute im TV ein höchst interessiertes Publikum.

Berühmte Patienten

Obwohl die Syphilis anfänglich vor allem eine Soldatenkrankheit war, verschonte sie auch die höhere Gesellschaft, die Wohlhabenden, Intellektuellen, Künstler und Politiker nicht. Eine Liste der, von »Amors vergiftetem Pfeil« getroffenen berühmten Syphilitiker reicht vom Beginn des 15. bis zum Endes des 19. Jahrhunderts.
Tragisch und deletär war es, wenn das Zentralnervensystem befallen wurde: Eine syphilitische Entzündung des Stirnhirns führt zur Progressiven Paralyse, einer Geisteskrankheit mit zunächst Wahnvorstellungen und dann völliger Verblödung. Bei Betroffensein des Rückenmarkes kommt es zur Tabes mit Störungen der Bewegungskoordination, Schmerzen und Lähmungen.
Die im Folgenden angeführten Personen haben zwar alle an Syphilis gelitten, aber keineswegs alle sind daran gestorben. Denn es ist bei dieser Krankheit erstaunlich, dass es bei fast zwei Drittel aller Infizierten zu keinen schweren oder tödlichen Komplikationen kommt. Sie bleiben allerdings meist infektiös und sorgen für die Ausbreitung der Lues.

Päpste

Alexander VI.: Der Spanier Rodrigo de Borja (1431-1503) wurde 1492 zum Papst gewählt, seine Kinder Cesare und Lucrezia trugen schon den italienischen Namen Borgia. Vater und Sohn litten an der Syphilis.
Julius II.: Der kriegerische Guiliano della Rovere (1443 bis 1513), Papstwahl 1503, war der Auftraggeber Michelangelos zur Ausgestaltung der Sixtinischen Kapelle. An Karfreitagen konnte er sich nicht einmal nach altem Brauch den Fuß küssen lassen, da dieser »totus ex morbo gallico ulcerosus«, völlig von Geschwüren der Franzosenkrankheit zerfressen war.
Leo X.: Giovanni de Medici (1475-1521), Sohn Lorenzos des Prächtigen aus Florenz, wurde mit 13 Jahren der jüngste Kardinal, den es je gab. Sein Hauptinteresse galt dem Weiterbau der Peterskirche, der ungeheure Geldsummen verschlang. Daher verkaufte Leo X. Ämter, Rittertitel und Ablässe. Letzteres brachte einen begabten jungen Theologen in Sachsen auf kritische Gedanken gegenüber der katholischen Kirche – es war Martin Luther.

Humanisten

Erasmus von Rotterdam (1469-1536) erklärte: »Man hätte das Heil der ganzen Welt bewahren können, wenn man die ersten Syphilitiker verbrannt hätte.« Vierhundert Jahre nach seinem Tod wurde 1928 die Gruft in Basel geöffnet und am Skelett zweifelsfrei syphilitische Veränderungen festgestellt.
Ulrich von Hutten (1488-1523) starb mit 35 Jahren an den Folgen der Syphilis. Der streitbare Publizist lebte zuletzt vereinsamt auf der Insel Ufenau im Zürichsee. »Er hinterließ nichts von Wert. Bücher besaß er keine, an Hausrat nichts außer einer Feder.«

Könige

Heinrich VIII. von England (1491-1547) infizierte sich schon als junger Prinz. Wieweit die Krankheit seine skrupellose Regierungsweise und Lebensart beeinflusst hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.
Franz I. (1494-1547), König der Franzosen. Die Syphilis bekam er als Racheakt: Die Frau eines Pariser Rechtsanwaltes war seine Mätresse. Als der Ehemann dies erfuhr, infizierte er sich selbst absichtlich in einem Pariser Bordell, steckte dann seine Frau an und so wanderte die Syphilis zum König.

Bildende Künstler

Benvenuto Cellini (1500-1571), der geniale Bildhauer und Goldschmied, schildert in seiner Selbstbiografie, von wem er die Syphilis bekam: »Ich war eben neunundzwanzig Jahre alt und hatte eine Magd zu mir ins Haus genommen, von der größten Schönheit und Anmut … und ich brachte die meisten Nächte mit ihr zu… mehr als vier Monate blieb die Krankheit verborgen, alsdann zeigte sie sich mit Gewalt auf einmal … mit roten Bläschen, so groß wie Pfennige.«
Edouard Manet (1832-1883), der Wegbereiter des Impressionismus in der französischen Malerei, erkrankte mit 46 Jahren an einer Tabes dorsalis. Dies ist eine syphilitische Rückenmarksdegeneration, die etwa zehn bis zwanzig Jahre nach der Infektion auftritt. Sein Leiden dauerte fünf Jahre; er war an den Rollstuhl gefesselt und schließlich musste ihm ein Bein amputiert werden.
Hans Makart (1840-1884), der Malerfürst der Wiener Ringstraßenzeit und der Décadence des Fin de siècle, war ein Superstar seiner Zeit und dementsprechend von den Damen umschwärmt. Mit einer Körpergröße von 158 cm war er noch kleiner als Richard Wagner. Drei Jahre vor seinem Tod begann die Krankheit, die schließlich in einer Progressiven Paralyse endete.
Paul Gaugin (1848-1903), der Börsenmakler, gab mit 35 Jahren seinen Beruf auf, verließ seine Familie und wurde Künstler. Als einer der ersten Aussteiger landete er schließlich auf Tahiti, mitten im Pazifischen Ozean. Jahrelang an Syphilis leidend, starb er schließlich infolge einer Tuberkulose.

Philosophen

Arthur Schopenhauer (1788-1860) wurde mit Quecksilber-Medikamenten behandelt, die entsprechenden Rezepte sind erhalten. Da bei keiner anderen Krankheit Quecksilberpräparate verwendet wurden, ist eine Syphilis-Infektion sehr wahrscheinlich.
Friedrich Nietzsche (1844-1900) dämmerte mehr als zehn Jahre lang infolge einer Progressiven Paralyse geistig dahin. Wann er sich angesteckt hat, ist völlig ungewiss, aber auch unwesentlich, denn die Paralyse steht fest und ohne Syphilis gibt es keine Paralyse.

Ein Arzt

Ignaz Philipp Semmelweis (1818-1865) starb mit 47 Jahren in der Landesirrenanstalt in Wien. Dorthin kam er wegen einer akut aufgetretenen Paralyse, erschwert durch eine eitrige Allgemeininfektion ausgehend von einer Fingerverletzung. Über die Obduktion von Semmelweis liegen zwei völlig unterschiedliche Protokolle vor. In der Urschrift sind die syphilitischen Veränderungen beschrieben, als Eintragung in der Krankengeschichte steht nur: »Blutfülle des Gehirns, Hirnatrophie sowie akute Rückenmarksentzündung.« Diese Variante diente der Verschleierung der Syphilis, denn man wollte offenbar nicht, dass vom »Retter der Mütter« eine Geschlechtskrankheit bekannt würde.

Dichter

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776-1822) hieß mit seinem dritten Vornamen eigentlich Wilhelm. Aus Verehrung für Mozart änderte er mit 28 Jahren Wilhelm auf Amadeus und so entstanden die berühmten Initialen E.T.A. Sein exzessives Trinken führte zu einer Leberzirrhose, eine Syphilis-Infektion brachte schließlich die Tabes.
Heinrich Heine (1797-1856) war die letzten acht Jahre seines Lebens ans Bett gefesselt, seine »Matrazengruft«. Morphium war seine einzige Hilfe. Am 13. Februar 1856 sagte er, an seinen Memoiren arbeitend: »Ich habe nur mehr vier Tage Arbeit, dann ist mein Werk vollendet.« Vier Tage später starb er an den Folgen einer syphilitischen Rückenmarkserkrankung.
Nikolaus Lenau (1802-1850), eigentlich Nikolaus Franz Niembsch, Edler von Strehlenau, verbrachte die letzten sechs Jahre seines Lebens im Irrenhaus, denn Kranken- oder Pflegeanstalten für neurologische Fälle gab es damals noch nicht.
Charles Baudelaire (1821-1867) führte ein Künstlerleben in der Pariser Halbwelt. Opium, Haschisch und Alkohol war die Drogenmischung, ohne die er nicht leben konnte. In einem »Notizbuch der Liebe« notierte er Adressen und Vorzüge jener Dirnen, die er für besuchenswert hielt. Er färbte sich die Haare grün und hatte deutlich schizophrene Züge. Die Symptome der Syphilis begannen fünf Jahre vor seinem Tod. Mit 19 Jahren verfasste er für sich eine Grabinschrift:
»Hier ruht, der allzu sehr den Dirnen sich ergab und in des Maulwurfs Reich drum musste früh hinab.«
Gustave Flaubert (1821-1880), der mit seinem Roman Madame Bovary einen Welterfolg schrieb, war Alkoholiker, nahm Haschisch und litt an Syphilis. Gestorben ist er an einem Schlaganfall.
Guy de Maupassant (1850-1893) wurde von seinen Schriftstellerkollegen wenig schmeichelhaft charakterisiert: »Sein Gesicht ist das eines Preisboxers, seine Sexualität die eines Stieres.« Ein Selbstmordversuch missglückte, er starb in völliger geistiger Umnachtung an Paralyse.

Musiker

Niccolò Paganini (1782-1840), der »Teufelsgeiger«, konnte die Frauen »bis zur Raserei bezaubern«, denn auch damals gab es schon »Groupies«. Dabei war er von »dämonischer Hässlichkeit« – spindeldürr, ein Gesicht wie ein Raubvogel, lange, dünne Arme, schwächlicher Körper, vorzeitig gealtert. Aber schließlich ist beispielsweise Mick Jagger auch keine klassische Schönheit. Zuerst holte sich Paganini eine Syphilis-Infektion, später erkrankte er an Tuberkulose.