001

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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 

Wir sind die Letzten 1933-1975
Die wir ferner als die ungezählten Sterne
unsere Kreise zogen auf entlegenen Planetenbahnen –
O daß nicht ungehört
uns das Wort, das wir liebten, entgleite.
Vielleicht zeugt irgendwo
auf unzugänglichem Gelände
noch ein Fußabdruck, eine Narbe im Gras
von den Spuren derer, die hier gingen
und eure Lieder sangen.

Die Letzten
Wir sind die Letzten.
Fragt uns aus.
Wir sind zuständig.
Wir tragen den Zettelkasten
mit den Steckbriefen unserer Freunde
wie einen Bauchladen vor uns her.
Forschungsinstitute bewerben sich
um Wäscherechnungen Verschollener,
Museen bewahren die Stichworte unserer Agonie
wie Reliquien unter Glas auf.
Wir, die wir unsre Zeit vertrödelten,
aus begreiflichen Gründen,
sind zu Trödlern des Unbegreiflichen geworden.
Unser Schicksal steht unter Denkmalschutz.
Unser bester Kunde ist das
schlechte Gewissen der Nachwelt.
Greift zu, bedient euch.
Wir sind die Letzten.
Fragt uns aus.
Wir sind zuständig.
1973

Memo
Ein Mann, den manche für weise
hielten, erklärte, nach Auschwitz
wäre kein Gedicht mehr möglich.
Der weise Mann scheint
keine hohe Meinung
von Gedichten gehabt zu haben –
als wären es Seelentröster
für empfindsame Buchhalter
oder bemalte Butzenscheiben,
durch die man die Welt sieht.
Wir glauben, daß Gedichte
überhaupt erst jetzt wieder möglich
geworden sind, insofern nämlich als
nur im Gedicht sich sagen läßt,
was sonst
jeder Beschreibung spottet.

Erinnerung an Berlin
Da war es Sommer, und die Stadt war mein
und bot sich an mit heftiger Gebärde.
Wild flatterte mein Haar von Autobusverdecken,
auf denen rauchend man die Zweige streifte,
mit törichten Gedanken spielend. Weltverbesserungsplänen –
vom Zoo her wehte Raubtierluft. Die ersten
Wadenstrümpfe. Das erste Barthaar, und in
Hauseingängen die ersten Pollutionen. Güterzüge
wie nasse Elephantenrücken. Im Romanischen
die ersten Dichter. Worte schmeckend wie
Würfelzucker. Die ersten Toten und an
Litfaß-Säulen die ersten Ahnungen vom
Untergang: Raubtiermähnen, die brennend
zwischen Häusern niedergingen, geflügelte
Hyänen, Krokodile mit Hoheitszeichen,
Stacheldrahtchimären –
Da war kein Sommer mehr, nur Knochenreste
von Jahreszeiten, nur ein Abschiednehmen
von ausgeleerten Gläsern, Zuschlagen von Türen
und eine Blume aus Eis,
geschenkt von einem blinden D-Zug-Fenster.
1965

Ballade
So kamen wir von den Pässen herunter
in unsern erdfarbenen Mänteln. Hier und dort
fehlte ein Mann, aber es kümmerte uns nicht,
und wir aßen von den Rationen und hörten nicht
auf das Weinen der Frauen. Die Sonne stand
schon ziemlich niedrig. Manchmal fing einer
an, von besseren Tagen zu sprechen, dann
schlugen wir ihn auf den Kopf, bis er stille
wurde. Das Essen mundete uns noch immer,
aber es hatte einen Beigeschmack von Armut und
Gewöhnung, und nichts wunderte uns mehr, nicht
einmal unser eigner Zustand, der in der Tat
ungewöhnlich war. Als sie endlich
zum Sammeln bliesen, standen nur wenige auf,
um dem Ruf zu folgen, die meisten blieben
im Grase liegen und taten, als ob sie
tot wären. Oder waren sie es schon?
1948

An eine Schulklasse

Den Schülern von Butzbach gewidmet

Ihr, die Ihr geboren seid,
um zu vergessen,
was wißt Ihr von den Tollheiten der Menschen?
Die Wiese, auf die Ihr Euch legt,
verrät Euch nicht, wieviele von uns
dort umkamen,
die Hand, die Ihr schüttelt, daß es
eine Mörderhand sein könnte,
die Euren Gruß nicht verdient.
Unser Dasein ist für Euch bereits Legende geworden,
unser Leid ein Gerücht von gestern.
Aber in den Liedern der Vertriebenen
und im Rascheln des Windes,
der ein verbranntes Buch aufblättert,
erzählen wir Euch, was geschah,
als der Hahn zum drittenmal krähte.
1970

Der Kopfpreis
Sie haben einen Preis ausgesetzt
auf meinen Kopf,
damit ich werde wie sie –
kopflos:
die Zeit nicht mehr verstehe,
meine Kinder prügle,
mich in Behandlung begeben muß.
 
Sie haben einen Preis ausgesetzt
auf meinen Kopf,
damit ich jasage, ohne zu nicken,
brülle, ohne den Mund zu bewegen,
nicht mein letztes Hemd hergebe
für die Armen, weil das unpraktisch
ist und von Mangel an Lebenserfahrung
zeugt.
 
Sie haben einen Preis ausgesetzt
auf meinen Kopf,
damit ich aufhöre, ihn
in Sachen zu stecken, die mich
nichts angehen, und abwarte,
bis man sich höheren Ortes
dorthin faßt, wo früher
ein Kopf war, und mir den meinen
mit dem Ausdruck des Bedauerns
zurückschickt.

Aufreibend ist es …
Aufreibend ist es und beschwerlich,
sich zu verweigern dem Herkömmlichen,
Entscheidungen zu durchschauen, die nur
Nuancen sind derselben
Ratlosigkeit.
 
O die Wahrheit zu wissen, bevor sie
allgemein wird,
ertragen die lange Schweigepflicht,
bis alle aussprechen,
was dir zu sagen
so schwer fiel,
bis die Wahrheit in aller Munde ist
und dadurch
schon wieder fragwürdig geworden ist
und beinahe falsch.

Verlust der Größe
Dem Nagel befehlen, sich dem Holz anzuvertrauen?
Der Beichte, das Ohr des Priesters zu erreichen?
Die kolossale Weite anweisen, sich mit der Nähe auszusöhnen?
O weiße Frau Chrysantheme, wie beugst du dein altes Haupt
trauernd
über die verwaisten Beete.

Als der letzte Mensch gestorben war
Als der letzte Mensch gestorben war,
hielten die Flüsse in ihrem Lauf inne,
und die Bäume entlaubten sich.
Frauen brachten Mißgeburten zur Welt.
Die Stadt San Francisco wurde von einem
Erdbeben heimgesucht, bei dem die Hälfte
der Bevölkerung umkam und der Rest
auswandern mußte.
 
Als der letzte Mensch gestorben war,
geschah nicht viel, was nicht schon
vorher geschehen wäre. Die Leute gingen
ihrem trügerischen Gewerbe nach. Kinder
erhoben sich gegen ihre Eltern. Regierungen
wurden gestürzt und neue gewählt,
die durch Lautsprecher ein besseres Leben
verkündeten. Der Krieg, der schon so lange
angedauert hatte, verschlimmerte sich,
und die Anwendung von Atomwaffen, die ihn
beenden sollten, wurde erwogen.
 
Als der letzte Mensch gestorben war,
wußte kaum einer, daß er gelebt hatte.
Nur manchmal erinnerte sich ein spielendes
Kind einer Hand, die sich auf seinen
Scheitel gelegt hatte, und ein Mann
sah von seiner Zeitung auf und sagte:
es muß alles anders werden – alles.

Morgenandacht
Unabhängig vom Stand der Sonne
und der Dow Jones Industrials,
zwischen Erwachen und Zähneputzen,
ziehe ich, auf dem Bauche liegend,
langsam den Kopf aus der Schlinge,
erst das eine Ohr, dann das andere,
stecke zuweilen auch einen Finger
dazwischen oder die ganze Hand,
damit ich nicht ersticke,
wenn sie zupfen und zerren,
zupfen und zerren
am Ho-Chi-Minh-Trail, in Belfast,
Biafra und Bangladesch.
 
Aufgebahrt im Katafalk
meines modisch gestreiften Bettzeugs,
durchlöchert von den Geierbissen der Nacht,
lausche ich den Meldungen
von dem Zustand dieses Planeten,
überprüfe die Dringlichkeit
des Überlebenmüssens,
die Frist, die mir noch bleibt
bis zur nächsten Morgenandacht,
wenn sie zupfen und zerren,
zupfen und zerren
am Ho-Chi-Minh-Trail, in Belfast,
Biafra und Bangladesch.

Gruß aus der Ferne
Ihr, die ich mit meinem inneren Auge erblicke,
wie in Bleikammern sitzt ihr
um den halbgedeckten Tisch,
eßt gesäuerte Brote
und trinkt den Wein des Vergessens.
Meiner gedenkend, schleicht sich mitunter
eine Träne in das ohnehin gesalzene Mahl.
Aber das Leben geht weiter, sagt ihr.
 
Ich, den ihr mit eurem inneren Auge erblickt,
bin über Nacht abhanden gekommen.
Liebenswert, wie ich nun einmal bin,
habe ich mich dem chemischen Tod
durch die Flucht entzogen und euch somit
um den Nachruf gebracht, den ihr mir,
vorbehaltlich besserer Zeiten, schreiben
wolltet, wozu es jedoch nicht kam,
was ihr mir hiermit verzeihen mögt.
Denn das Leben geht weiter, sage ich.
 
Zum Zeichen, daß ich noch da bin,
schicke ich euch von Zeit zu Zeit
Vermischtes aus der Neuen Welt zum Abdruck,
blank gescheuerte Prosa, wie man sie heute
nur noch selten findet, dennoch brauchbar, weil
unterrichtend und der kritischen Stellungnahme
nicht entbehrend, Brosamen
vom Tisch der Sprache, die ich mir
in der Erinnerung zusammenknete
und dem menschlichen Genuß
wieder zugänglich mache.
Denn das Leben geht weiter, sage ich.

Ich aber sage euch …
Und doch sage ich euch:
sie sind wunderbar gewesen.
 
Nicht so wie ihr glaubt:
Sie waren oft ängstlich und verzagt,
ungewaschen und mit Strohhalmen bedeckt.
In geborgten Schuhen gingen sie umher
und aßen aus Schüsseln, die nicht ihnen gehörten.
Im Gesicht des andern erkannten
sie ihr eigenes Elend und haßten es.
Sie stritten oft miteinander
und verzankten sich,
und doch sage ich euch:
Sie sind wunderbar gewesen.
 
Nein, sie waren keine Helden.
Sie »dachten« nicht an Widerstand.
Er dachte an sie und wählte seine Leute.
Ist Überleben eine Leistung,
auf die man sich berufen darf?
Das Notwendige tun im Augenblick der Gefahr
eine Ruhmestat?
Manche, die nicht dabei waren,
haben es als unzureichend empfunden.
 
Ich aber sage euch:
Sie sind wunderbar gewesen.
Der Mond über den Baracken
war ihr Mond allein.
Die Meister des Abendlandes auf den Lippen
bereiteten sie sich
kartoffelschälend
auf das Ende vor.
 
Sie haben die Meere bezwungen
im Bunker der Schiffe
und die großen Boulevards
im Rausch ihrer Ergriffenheit.
Sie sahen die Sonne in den tausend Fenstern
Manhattans gespiegelt bei der Einfahrt,
und die schwarzen Schwäne der Limmat
schnäbelten ihnen Liebe zu.
Sie haben Französisch gelernt, Englisch,
Spanisch, Chinesisch, Hebräisch,
sie haben Bücher geschrieben und Bilder gemalt,
gute und schlechte,
und vielleicht wird nicht mehr
von ihnen bleiben als eben dies:
daß sie da waren und warnten
und Zeugnis ablegten
und Gesänge sangen
unter vielen Himmeln:
Peace, Pace, La Paix, Schalom – Friede.

Klostergut Fremersberg
Der tigergelb gefleckte Herbst
Steht steil am Hang und laubbedeckt.
Weinstöcke bilden mir Spalier,
Der ungesehen Einkehr hält.
 
Es ist so still hier wie noch nie.
Ich setze mich zu kurzer Rast,
Und langsam atmet aus mein Ich
Ein Herz, das voller Fremde war.
 
Aus einem Schornstein kommt noch Rauch.
Hier sitzt ein Gast bei Tisch und speist.
Die Luft ist sonderbar und weich
Und wie mein Herz, das weiterreist.
1962

Aus »Die hellen Nächte«, New York 1942

Hurrikanwarnung
Vernagelt die Fenster, tut Pech auf die Dächer,
Hängt eure Seelen im Rauchfang auf.
Schiffe in Not, ein Mann ging verloren,
Verstopft euch die Ohren,
Der Hurrikan kommt.
 
Löscht aus alle Lichter, zertretet die Feuer,
Zählt euer Geld und laßt keinen herein.
Wenn du nicht mehr bist, wer stopft die Münder,
Es geht um die Kinder,
Der Hurrikan kommt.
 
Seid schlau wie der Esel und dumm wie die Schlange,
Freßt Disteln und lobt ihren sanften Geschmack.
Der Himmel stürzt ein, doch trifft es nicht jeden,
Ein paar überleben,
Vielleicht bist du dabei.

Exil
Es ist so gar nichts mehr dazu zu sagen.
Der Staub verweht.
Ich habe meinen Kragen hochgeschlagen.
Es ist schon spät.
 
Die Winde kreischt. Sie haben ihn begraben.
Es ist so gar nichts mehr dazu zu sagen.
Zu spät.

Café Flore
Über mir der Himmel
Und Picasso am Nebentisch.
Prominentengetümmel,
Avantgarde mit Plüsch.
 
Abendblätter-Desaster.
Allez-y à Berlin.
Bäume auf kochendem Pflaster.
Boulevard St. Germain.
 
Obdachlose Talente.
Exhibition d’amour.
Fern auf dem Kontinente
Läuft eine blutige Spur.

Kalenderblatt
Es hat sich heut nicht viel ereignet. Ich stand
sehr früh schon auf, besah den Himmel, nahm etwas
zu mir und beschloß, was ich geschrieben hatte,
zu zerreißen. Dann zählte ich mein Geld. Um zwei
gelang mir eine Zeile, die mich freute. Ich mußte
mich beeilen. Ein Freund lud mich zum Mittag ein.
Ich wartete bis vier und überlegte, ob ich mir eine
Luftpostmarke kaufen sollte oder ein Stück Brot.
(Ein Hilferuf nach Übersee war schon seit langem
fällig.) Ich ging in mein Hotel zurück, aß eine
Suppe, die Madame mir brachte und später
auf die Rechnung setzte, was mich kränkte.
Am Abend fand ein Vortrag statt, den ich mir schenkte.
Ich borgte mir von P. fünf Zigaretten, besorgte mir die
Marke, schrieb den Brief und warf ihn an der Ecke in den
Kasten, der schon fast voll war – wird man je ihn leeren?
Dann schrieb ich weiter, ohne aufzuhören,
ging spät zu Bett und las die Zeitung, rauchend.
Die Lage ist ja wirklich nicht erfreulich.
Es hat sich heut bei mir nicht viel ereignet.

Die hölzernen Kreuze
An jenem Abend, der kein Abend war,
Nur eine Pause zwischen Abfahrzeiten
Und Schlaf und Müdigkeit und Heimwärtswollen,
An jenem Abend, als du von mir gingst,
Stand ich, allein, ich weiß nicht, wie es kam,
Auf jenem Acker, der kein Acker war,
Nur Kreuze, nichts als Kreuze, irgendwo,
Zwei Stunden von Paris, am Rande
Der kleinen Stadt, die keine Stadt mehr war,
Nur Tod und Schweigen und zerstörte Häuser –
Noch immer stand ich, stand und sah sie liegen,
Zehntausend Tote, die man aufgelesen
An jenem Morgen, der kein Morgen war,
Nur eine Pause zwischen Angriffszeiten –
Und schämte mich, daß ich noch stand und ging
Und atmete und liebte und mich fühlte
Und nicht mich hinwarf, wo ich hingehörte,
Dort, neben sie, bestürzt von meiner Schuld,
Noch da zu sein und lärmend, schwatzend, kauend,
Die Frist zu leben, für die jene starben.

Elegie auf das Jahr 39

1

Völker sehe ich, Männer ihr Antlitz verhüllen,
sehe Erhabenes fallen und Schreckliches sich überstürzen,
Herrscher von mächtigen Reichen, zu Vasallen erniedrigt,
Präsidenten in Büßergewändern, Kinder und Mönche
begraben unter spanischen Trümmern,
Räder in anrollenden Wogen über Europa,
Hornissenschwärme,
Unterwerfung diktierend den bereits Unterworfenen,
die Todesgeschwader des »Friedens«,
Lüge und Mord als Tugend und Verrat als Treue verkleidet,
da dies alles so ist, warum schweigen dann die Gerechten,
bricht kein Schrei von den Lippen der angstvoll harrenden
Menge?
Ach, den Heutigen ist nur das Heute noch wichtig.
Grübelnd sitzen die Männer in dunklen Stuben,
schütteln die Köpfe und spähen hinaus in die Dämmerung:
»Geht es vorbei, das Schlimme, wird es uns diesmal verschonen?
Einen Tag nur, oder gar zwei? Das übrige wird sich schon
finden.«

2

Aber die Liebenden gehen umher mit verschränkten Armen.
Stürmischer scheint ihnen das Meer, berauschter der Himmel,
und am Abend die Straßen noch nie so von Schritten beseelt.
Ach, so nah ist der Tod, und so hell sind die Nächte,
und die Tage im Juli, sind sie nicht länger als sonst?
Treibt nicht die Stadt mit tausend betörenden Lichtern
schöner denn je im Wolkenlosen dahin?
Hebt dein Fuß sich nicht auch zum Tanze der andern?
Schwebst du nicht, trunken wie sie, durch festlich beflaggte
Arkaden,
steigt nicht Verschüttetes auf, verdrängt nicht Jubel die Klage,
wenn zum Geknatter der Schüsse die hölzernen Pferde sich
drehen
und der Quatorze Juillet im Bastillesturm seiner Freude
dich von einer zur andern reicht und wieder zu ihr bis zum
Morgen?

3

Ja, der Sommer ist groß, und groß ist der Abschied der
Liebenden.
Laß uns noch einmal am Ufer des dunklen Stroms ernst
beieinander sein und den Wein, den du liebst, in langsamen
Zügen, den herben, trinken, gute Gespräche führen und, ach,
den noch atmenden Mund feiern, bevor man uns fortführt
und die Sirenen heulen zum Untergang aller Schiffe.
Denn die Stunde, sie kommt und findet uns nicht mehr als
Liebende.

Apokalypse
Ach, nun ist er da, der furchtbare,
doch uns befreiende Krieg.
Die Lichter der Städte verlöschen.
Gelb hängt der Mond über der Böschung,
und die kuhwarmen Wiesen
sind mit Geziefer bedeckt,
das den Tag scheut.
 
Wende den Blick nicht ab,
halte dich wach im Entsetzen.
Einmal wird man dich rufen,
und du wirst sagen, was du
gesehen hast. Ausspeien
wirst du, was in dir ist,
und mit Fingern, die nicht mehr
die deinen sind, wirst du
auf ihn weisen, der vor uns
stehen wird und den wir
zu richten haben wie noch keiner
gerichtet wurde.
 
Und vielleicht, wenn der große
Zorn vorüber ist – daß auch du
wieder fühlen wirst,
ein Gesicht dich wärmt
und eine noch nicht gestorbene
Sonne.

Die Schafe
Geh’ nicht weiter den Weg,
Geh’ ihn nicht ganz bis zum Tor,
Sieh’ nicht hinweg über den Zaun
Auf die Wiese,
Wo die Schafe weiden
Und die Wäsche zum Trocknen ausgelegt ist -
 
Denn vor dem Tor steht ein Posten,
Und die Wiese ist nur für die Schafe da.
 
Du aber stehst hinter dem Zaun,
Einen Tag um den andern,
Und wartest, bis der Abend kommt
Und man die Schafe hereinholt.

Die Entlassung
Die Papiere sind ausgestellt,
du brauchst sie nur in Empfang zu nehmen.
Sei dankbar, man hat sich
höheren Orts für dich verwendet,
das solltest du anerkennen.
Wo ist der Blechnapf, den du
gestern verborgt hast?
Du könntest ihn eigentlich dalassen,
auch den Shawl und das Messer,
die andern haben es jetzt nötiger.
Nimm nicht zu lange Abschied.
Die Hände, die sich dir entgegenstrecken,
könnten dich zurückhalten.
Warum zögerst du noch?
Warum setzt du den Fuß nicht über die Schwelle?
Fürchtest du dich vor der Stille,
die hinter dem Zaun beginnt?
Der Soldat, der dich zur Bahn bringt,
steht schon an der Tür und wartet.

Pariser Sonette

1

Im Fieber kam ich an, die Fahrt war lang,
Ich sah Paris, das nicht Paris mehr war,
Ich fuhr zu mir, die rue de Vaugirard
War totenstill, ich fühlte mich sehr krank.
 
Die gute Alte nahm mich in Empfang.
Sie freute sich, daß ich entlassen war,
Und zählte jedes neue graue Haar,
»Quel drôle de guerre«, sprach sie, ich aß und trank
 
Und legte mich zu Bett und hatte Fieber,
Und jemand kam und nannte meinen Namen
Und trat zu mir und beugte sich herüber -
 
Ich sah die Dächer von Paris im Fensterrahmen
Und hörte Worte, die mich nicht mehr trafen,
Und wollte nichts als schlafen, schlafen, schlafen.
1939

Pariser Sonette

2

Die Lichter sind verlöscht, als trauerten die Leute
um etwas, das sie beinah schon vergaßen.
Kein Laut, kein Lachen in den dunklen Gassen,
und Nacht ist um mich, wo ich bin und schreite.
 
So viele gaben einst mir das Geleite;
jetzt irrt mein Fuß durch echolose Straßen
mit umgestürzten Tischen auf Caféterrassen
und Türen ohne Haus, durch die ich schweigend schreite.
 
Es hat der Krieg die letzten Helligkeiten
aus dieser Welt, die sich nicht will, vertrieben.
Von allen Dingen, die mir noch geblieben,
 
geht nur mein Schatten mit mir durch die Zeiten,
und schreitend spür ich, wie bald hier, bald drüben,
mich andre Schatten durch die Nacht begleiten.

Pariser Sonette

3

Zum letztenmal seh’ ich die schöne Stadt,
Der Traum ist aus – man will uns nicht mehr haben,
Wir werden jetzt nach Süden umgeladen,
Fünfte Kolonne, steht im Mittagsblatt.
 
Vorn, neben dem Chauffeur, sitzt ein Soldat,
Wir fahren langsam, Wagen hinter Wagen,
Vorbei an Bistros, wo an Sommertagen
Man stehend den Pernod getrunken hat.
 
Die Leute auf den Straßen schauen nieder,
Wir sind nicht schön und fürchten uns vor Blicken
Und haben lange Bärte wie Verbrecher.
 
Zum letztenmal sehn wir die alten Dächer,
Arc de Triomphe, Concorde, die Seinebrücken,
Adieu, Paris, wir sehn uns nicht mehr wieder.

Lagergedicht
Es ist dasselbe Stroh, dieselbe Suppe,
Derselbe Graben und dieselbe Hacke,
Es ist dieselbe Luft in der Baracke,
Nur bist du jetzt in einer andern Gruppe.
 
Die Posten stehen wieder an den Zäunen,
Und alles ist, wie’s immer hier gewesen,
Du gehst umher, du möchtest etwas lesen
Und läßt dich ratlos in der Sonne bräunen.
 
Was draußen vorgeht, dringt nicht zu uns Toten,
Und keine Zeitung kommt in dieses Lager,
Gerüchte gehen um, die Kost ist mager,
Auch schreiben darfst du nicht, das ist verboten.
 
Es ist für dich nicht mehr der rechte Ort,
Im Gras verglimmt die letzte Cigarette,
Nachts huschen Ratten um die Lagerstätte,
Der Krieg ist schon ganz nah – wir müssen fort.

Die Ballade vom Zusammenbruch

1

Als Frankreich schon verloren schien,
und der Krieg war noch nicht ganz aus,
da sagte man uns, jetzt könnt ihr fliehn,
und ließ aus dem Camp uns heraus.
 
Und wir liefen durch das französische Land,
wohin, das wußten wir nicht,
zu beiden Seiten die Menge stand
und spuckte uns ins Gesicht.
 
Wir kamen durch Dörfer im Morgengrauen,
die Häuser standen verlassen,
wir sahen in endlosen Karawanen sich stauen
das fliehende Volk auf den Straßen.
 
Wir sahen Klaviere vorüberziehen
und Matratzen auf Kinderwagen,
wir sahen Armeen neben uns fliehen,
nach Süden, hörten wir sagen.
 
Wir schliefen in Wäldern und auf Chausseen,
wir schliefen auf Kisten und Bänken,
wir liefen im Schlaf, und wir schliefen im Gehn,
und an Frieden war nicht zu denken.

2