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001

Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autor
Widmung
Inschrift
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
 
Copyright

Buch
Julien macht Urlaub auf der paradiesischen Insel Bali. Kurz vor seiner Abreise besucht er spontan einen weisen Heiler, dessen Diagnose sein Leben von einer Sekunde auf die nächste verändert: »Sie sind zwar bei guter Gesundheit, aber Sie sind nicht … glücklich.« Auf unerklärliche, irgendwie magische Art und Weise vermag der Heiler mit Juliens Seelenplan in Kontakt zu treten. Was er ihm als »Heilungsmethode« anbietet, ist die Entdeckung der eigenen Persönlichkeit. Julien lässt sich darauf ein, er verlängert seinen Aufenthalt, und das Abenteuer der Selbstfindung beginnt. Mithilfe von Reflexion, Meditation und verschiedenen Fragestellungen lässt Julien sein bisheriges Leben, seinen Beruf, seine Beziehungen, alles, was für ihn Sinn hatte, Revue passieren. Es gelingt ihm, eine ganz neue Dimension zu entdecken, die Zukunft mit anderen Augen zu betrachten, um am Ende seiner Reise den Schlüssel zu wahrem Glück zu finden.
Laurent Gounelle nimmt den Leser mit in die bezaubernde Atmosphäre der indonesischen Inselwelt und lässt ihn teilhaben an seiner befreienden Reise ins Glück.

Autor
Laurent Gounelle, 1968 geboren, studierte Soziologie und Philosophie an der Universität von Santa Cruz, Kalifornien. Seit 15 Jahren beschäftigt er sich mit Neurowissenschaften, Schamanentum und östlichen Weisheitslehren. Heute unterrichtet er Persönliche Entwicklung an der Universität von Clermont-Ferrand.

Für Zoé, meine Liebe

Wir sind, was wir denken.
Mit unseren Gedanken erbauen wir
unsere Welt.
Buddha

1
Ich wollte nicht von Bali abreisen, ohne ihn getroffen zu haben. Warum, weiß ich nicht. Ich war nicht krank, war sogar immer bei bester Gesundheit gewesen. Ich hatte mich über seine Honorare erkundigt, denn da mein Aufenthalt bald zu Ende ging, war mein Portemonnaie fast leer. Ich wagte nicht einmal mehr, aus der Ferne mein Konto abzufragen. Die Leute, die ihn kannten, hatten mir gesagt: »Du gibst so viel, wie du magst, und schiebst den Geldschein in die kleine Schatulle auf dem Regal.« Gut, das hatte mich beruhigt; trotzdem ängstigte mich ein wenig die Vorstellung, dem Mann, der Gerüchten zufolge den Premierminister Japans behandelt hatte, einen derart geringen Betrag zu überlassen.
Es war schwierig, sein Haus zu finden, abgelegen in einem kleinen Dorf, einige Kilometer entfernt von Ubud im Zentrum der Insel. In diesem Land gibt es aus mir unerfindlichen Gründen praktisch keine Hinweisschilder. Man kann einen Plan zu Rate ziehen, wenn man Orientierungspunkte hat, ansonsten ist er ebenso unnütz wie ein Mobiltelefon in einer Gegend ohne Empfang. Natürlich blieb noch die einfache Lösung: Passanten nach dem Weg fragen. Das hat mir nie Probleme bereitet, auch wenn ich ein Mann bin. Bisweilen scheint es mir nämlich, dass die meisten Männer ihre Virilität zu verlieren meinen, wenn sie sich zu so etwas herablassen müssen. Sie ziehen es vor, sich hinter hartnäckigem Schweigen zu verschanzen, das zu verstehen gibt: »Ich weiß Bescheid«, und tun, als würden sie sich zurechtfinden – bis sie völlig verloren umherirren und ihre Frau ihnen vorhält: »Ich hab dir doch gleich gesagt, dass wir jemanden hätten fragen sollen.«
Das Dumme auf Bali ist nur: Die Leute sind derart freundlich, dass sie immer Ja sagen. Wirklich. Wenn man zu einem Mädchen sagt: »Ich finde Sie sehr hübsch«, schaut es einen mit schönem Lächeln an und erwidert: »Ja«. Und wenn man nach dem Weg fragt, sind sie derart bestrebt, einem zu helfen, dass ihnen das Eingeständnis, dazu nicht in der Lage zu sein, unerträglich erscheint. Also deuten sie, zweifellos aufs Geratewohl, in irgendeine Richtung.
Infolgedessen war ich ein bisschen genervt, als ich endlich vor dem Eingang des Gartens stand.
Ich hatte mir – keine Ahnung, warum – ein ziemlich luxuriöses Haus vorgestellt, wie man es manchmal auf Bali sieht, mit von Lotosblüten bedeckten Bassins, im schützenden Schatten der Frangipanis, deren große weiße Blüten einen so betörenden Duft verströmen, dass es fast schamlos wirkt. Dieses Anwesen hingegen bestand aus mehreren miteinander verbundenen Pavillons ohne Wände. Wie der Garten waren sie von großer Schlichtheit, ziemlich schmucklos, ohne deswegen ärmlich zu wirken. Eine junge Frau kam mir entgegen, eingewickelt in ihren Sarong, das schwarze Haar zu einem Knoten hochgesteckt, mit gebräuntem Teint, kleiner, ebenmäßiger Nase und ohne Schlitzaugen – Züge, die mich bei dieser im Herzen Asiens verborgenen Bevölkerung schon immer erstaunt haben.
»Guten Tag, was möchten Sie?«, fragte sie, das Gespräch in eher gebrochenem Englisch beginnend.
Meine Einsneunzig und mein blondes Haar ließen kaum einen Zweifel an meiner abendländischen Herkunft.
»Ich bin gekommen, um Herrn … äh … Meister … Samtyang zu sehen.«
»Er wird eintreffen«, informierte sie mich, um dann zwischen den Sträuchern und der Reihe kleiner Säulen zu verschwinden, welche die Dächer der Pavillons abstützten.
Ich blieb ein wenig verdutzt zurück, darauf wartend, dass Seine Hoheit geruhen würde, den demütigen Besucher zu empfangen. Nach fünf Minuten, die lang genug schienen, um mich zu Überlegungen über die Richtigkeit meines Hierseins zu veranlassen, sah ich, wie ein Mann von mindestens siebzig, vielleicht sogar achtzig Jahren sich näherte. Als Erstes ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich ihm, wäre er mir auf der Straße als Bettler begegnet, sicherlich fünfzig Rupien gegeben hätte. Ich neige dazu, ausschließlich den Alten etwas zu spenden. Ich sage mir, wenn sie in ihrem Alter betteln, haben sie wirklich keine andere Wahl. Der Mann, der langsam in meine Richtung schritt, trug gewiss keine Lumpen, aber seine Kleidung war von einer entwaffnenden Nüchternheit, auf ein Minimum beschränkt und zugleich zeitlos.
Ich schäme mich zu bekennen, dass ich spontan dachte, mich in der Person geirrt zu haben. Es konnte sich nicht um den Heiler handeln, dessen Ruf bis in unsere Breiten reichte. Oder seine Gabe ging einher mit mangelnder Urteilsfähigkeit, und er akzeptierte, dass der Premierminister Japans ihn mit Erdnüssen bezahlte. Er hätte auch ein Marketing-Genie sein können, indem er auf eine leichtgläubige Klientel aus dem Westen abzielte, die – gierig nach Klischees wie dem des Heilers und Asketen, vollkommen losgelöst von materiellen Dingen lebend – am Ende der Sitzung doch zu einer großzügigen Vergütung bereit wäre.
Er begrüßte und empfing mich auf einfache Art, sprach dabei mit viel Sanftmut ein sehr gutes Englisch. Sein strahlender Blick kontrastierte mit den Falten seiner gegerbten Haut. Das rechte Ohr offenbarte eine Missbildung, als wäre ein Teil des Läppchens abgetrennt worden.
Er forderte mich auf, ihm in den ersten Pavillon zu folgen – unter ein von vier kleinen Säulen getragenes, an eine alte Mauer geschmiegtes Dach, wo sich, der Mauer entlang, das besagte Regal befand, darauf eine Schatulle aus Kampferholz und am Boden eine Matte. Die geöffnete Schatulle quoll über von Schriftstücken, darunter einige Bildtafeln, die das Innere des menschlichen Körpers zeigten und mir in anderer Umgebung Lust gemacht hätten, laut loszulachen, so sehr wichen die Darstellungen vom gegenwärtigen medizinischen Wissen ab.
Bevor ich eintrat, zog ich mir die Schuhe aus, wie es der balinesischen Tradition entspricht.
Der alte Mann fragte, woran ich leide – was mich unversehens auf den Grund meines Hierseins zurückwarf. Was suchte ich eigentlich, da ich nicht krank war? Ich würde einem Mann die Zeit stehlen, dessen Aufrichtigkeit – um nicht zu sagen Rechtschaffenheit – ich zu spüren begann, auch wenn ich noch über keinen Beweis seiner Kompetenz verfügte. Hatte ich nur den Wunsch, dass jemand sich meinem Fall widmet, sich für mich interessiert, mir etwas sagt über MICH und, wer weiß, herausfindet, dass es ein Mittel gibt, durch das es mir noch besser geht? Wenn ich nicht einer Art Intuition gefolgt war … Schließlich hatte man mir erzählt, dass er ein großer Mann sei, und ich empfand ganz einfach das Bedürfnis, ihn zu treffen.
»Ich komme für einen Check-up«, vertraute ich ihm an, errötend bei der Vorstellung, dass es sich hier ja nicht um den jährlichen Arztbesuch handelte und dass meine Bemerkung unpassend war.
»Legen Sie sich dort hin«, sagte er, indem er auf die Matte deutete, ohne jede Reaktion auf die Belanglosigkeit meiner Worte.

2
So begann die erste – und hoffentlich letzte – Foltersitzung meines Lebens. Alles hatte völlig normal begonnen. Ausgestreckt auf dem Rücken liegend, entspannt, vertrauensvoll und halb amüsiert, ließ ich ihn die verschiedenen Zonen meines Körpers sanft abtasten. Zunächst den Kopf, dann den Nacken. Anschließend die Arme der ganzen Länge nach bis in die letzten Glieder der Finger. Es folgten die offenbar klar umrissenen Zonen auf meinem Oberkörper, dann der Bauch. Erleichtert stellte ich fest, dass er vom Bauch direkt zu den Oberschenkeln übergegangen war. Knie, Waden, Fersen, Fußsohlen: Er tastete alles ab, und das störte mich nicht sonderlich.
Schließlich gelangte er zu den Zehen.

3
Ich wusste nicht, dass es möglich ist, einen Menschen derart leiden zu lassen, indem man seinen kleinen linken Zeh zwischen Daumen und Zeigefinger hält. Ich schrie auf und wand mich auf meiner Matte hin und her. Aus der Ferne betrachtet, hätte man den Eindruck gehabt, dass ein Fischer eine 1,90 Meter große Made an seinem Angelhaken befestigt. Zugegeben, ich bin eher überempfindlich, aber was ich da fühlte, übertraf an Intensität alles, was mir bis dahin widerfahren war.
»Sie haben Schmerzen«, sagte er zu mir.
In der Tat. Zwischen zwei Klagelauten presste ich ein Ja hervor. Ich hatte nicht einmal mehr die Kraft, um zu schreien. Er schien von meinem Leiden keineswegs berührt zu sein und bewahrte eine gleichsam neutrale, wohlwollende Haltung. Seine Miene drückte so etwas wie Güte aus, die einen krassen Gegensatz bildete zu der Behandlung, die er mir verabreichte.
»Sie sind unglücklich«, erklärte er, als würde er eine Diagnose stellen.
Ja, in diesem Augenblick war ich unglücklich. Sehr sogar. Ich wusste nicht mehr, ob ich angesichts der Situation, in die ich mich gebracht hatte, weinen oder lachen sollte. Ich glaube, dass ich beides gleichzeitig tat. Niemand versteht es so gut wie ich, auf derartige Ideen zu kommen. Ganz zu schweigen davon, dass ich meinen Tag am Strand hätte verbringen können, um mit den Fischern zu reden und die hübschen Balinesinnen anzuschauen!
»Ihr Schmerz an dieser Stelle ist das Symptom eines allgemeineren Unbehagens. Wenn ich bei einer anderen Person an derselben Stelle den gleichen Druck ausübe, sollte sie keinen Schmerz verspüren«, bekräftigte er.
Daraufhin ließ er endlich meinen Fuß los, und mit einem Schlag fühlte ich mich als der glücklichste Mensch überhaupt.
»Welchen Beruf üben Sie aus?«
»Ich bin Lehrer.«
Er betrachtete mich einen Moment und entfernte sich dann, wie versonnen, fast besorgt. Mir war ein bisschen, als hätte ich etwas Ungehöriges gesagt oder eine weitere Dummheit begangen. Er blickte flüchtig in die Richtung einer blühenden, nur wenige Schritte entfernten Bougainvillea, anscheinend völlig in Gedanken versunken. Was hätte ich tun sollen? Verschwinden? Husten, um ihn an meine Anwesenheit zu erinnern? Plötzlich kehrte er zurück, riss mich so aus meinen Fragen, nahm neben mir auf dem Boden Platz und sprach, Auge in Auge.
»Was läuft in Ihrem Leben verkehrt? Sie sind bei bester Gesundheit. Was also ist es? Die Arbeit? Die Liebe? Ihre Familie?«
Seine Frage war direkt, und seine Augen fixierten mich, gestatteten mir keine Ausrede, auch wenn seine Stimme und sein Blick wohlwollend waren. Ich fühlte mich verpflichtet, ihm zu antworten, mich einem Mann zu offenbaren, den ich eine Stunde zuvor noch gar nicht gekannt hatte.
»Ich weiß nicht, ja, ich könnte glücklicher sein, so wie jeder andere eben auch.«
»Ich bitte Sie, nicht für die anderen zu antworten, sondern in eigener Sache«, erwiderte er ruhig.
Der da nervt mich allmählich; ich mache, was ich will, und das geht ihn nichts an, dachte ich, während Wut in mir aufzusteigen begann.
»Sagen wir, dass ich glücklicher wäre, wenn ich eine Beziehung hätte.«
Weshalb hatte ich ihm das mitgeteilt? Ich fühlte, wie die Wut sich gegen mich selbst richtete. Ich bin wirklich unfähig, mich der Aufforderung von jemand anderem zu widersetzen. Das ist einfach jämmerlich.
»Und warum haben Sie dann keine Beziehung?«
Gut, an diesem Punkt muss ich eine Entscheidung treffen, sagte ich mir, selbst wenn das nicht meine Stärke ist: Entweder ich unterbreche ihn und ziehe Leine – oder ich spiele das Spiel bis zum Ende weiter.
Ich hörte mich antworten: »Ich hätte gern eine, aber dazu müsste ich zuallererst einer Frau gefallen.«
»Was steht dem im Weg?«
»Nun ja, ich bin zu dünn«, gestand ich, rot vor Scham und vor Wut.

4
Langsam sprechend, fast mit leiser Stimme, dabei Wort für Wort hervorhebend, sagte er zu mir: »Ihr Problem liegt nicht im Körper, sondern im Kopf.«»Ihr
»Nein, nicht im Kopf. Das ist eine Tatsache, ebenso objektiv wie konkret! Sie brauchen mich nur auf eine Waage zu stellen oder den Umfang meiner Brust oder meiner Bizepse zu messen. Dann werden Sie es mit eigenen Augen sehen, und weder das Bandmaß noch die Waage sind voreingenommen. Ich kann sie mit die Waage sind voreingenommen. Ich kann sie mit meinem verdrehten und neurotischen Geist nicht beeinflussen.«
»Darum geht es nicht«, erwiderte er mir geduldig, seine große Ruhe bewahrend.
»Leicht gesagt …«
»Ihr Problem hat nichts mit Ihrem Körperbau zu tun, sondern damit, wie er Ihrer Meinung nach von den Frauen wahrgenommen wird. In Wahrheit beruht der Erfolg oder Misserfolg beim anderen Geschlecht kaum auf unserer äußeren Erscheinung.«
»Wenn ich das meiner Nachbarin sage, die hundertzwanzig Kilo wiegt und eine Kartoffelnase hat, drückt sie mir ihren Triple Big Mac ins Gesicht, und zwar so lange, bis mir der Ketchup in die Stirnhöhle steigt.«
»Haben Sie nie Menschen gesehen, deren Äußeres vom Schönheitsideal weit entfernt ist und die trotzdem einen Partner haben, der eher gut aussieht?«
»Doch, natürlich.«
»Die meisten Leute, die das gleiche Problem haben wie Sie, sind äußerlich übrigens völlig ›normal‹ – mit kleinen Mängeln, auf die sie sich dann kaprizieren: zu schmale Lippen, zu lange Ohren, ein bisschen Fettpolster an den Oberschenkeln und am Gesäß, ein leichtes Doppelkinn, eine zu breite oder zu zierliche Nase. Sie finden sich ein bisschen zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn, und sie reden sich ein, dass das wirklich stimmt. Wenn sie einem Menschen begegnen, der sie lieben könnte, haben sie nur eine Obsession: ihren Makel. Sie sind überzeugt, ihm deswegen nicht zu gefallen. Und wissen Sie was?«
»Was?«
»Sie haben recht! Wenn man sich hässlich findet, finden die anderen einen auch hässlich. Ich bin sicher, dass die Frauen Sie zu dünn finden.«
»Holla …«
»Die anderen sehen uns so, wie wir uns selbst sehen. Welche Schauspielerin mögen Sie am liebsten?«
»Nicole Kidman.«
»Wie finden Sie sie?«
»Hervorragende Schauspielerin, eine der besten ihrer Generation. Ich verehre sie.«
»Nein, ich meine, was das Äußere anbelangt.«
»Großartig, wunderbar – ein echtes Klasseweib.«
»Sie haben sie doch bestimmt in Eyes Wide Shut von Stanley Kubrick gesehen.«
»Schauen Sie sich etwa amerikanische Filme an? Haben Sie in Ihrem Pavillon einen Satellitenempfänger?«
»Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, gibt es da eine Szene, in der man Nicole Kidman splitternackt sieht, in Gesellschaft von Tom Cruise, der ihren Ehemann spielt.«
»Sie haben ein gutes Gedächtnis.«
»Gehen Sie in den Videoklub von Kuta und lassen Sie sich Eyes Wide Shut vorführen. Dort gibt es Kabinen für Leute, die keinen Videorekorder haben. Sobald Sie zu dieser Szene kommen, halten Sie den Film an und schauen ganz genau hin.«
»Das wird mich nicht viel Mühe kosten.«
»Vergessen Sie für einige Augenblicke, dass es sich um Nicole Kidman handelt. Stellen Sie sich vor, es sei eine Unbekannte, und betrachten Sie objektiv ihren Körper.«
»Sehr gern …«
»Sie werden feststellen, dass sie gut aussieht, dass sie einen schönen Körper hat, der trotzdem nicht perfekt ist. Ihre Pobacken sind hübsch, aber sie könnten praller sein und etwas stärker hervortreten. Ihre Brüste sind nicht schlecht, doch sie könnten voller, anmutiger geschwungen sein, ein bisschen weiter oben ansetzen und sich mehr heben. Zudem werden Sie bemerken, dass ihre Gesichtszüge ebenmäßig und fein sind, aber auch nicht von außergewöhnlicher Schönheit.«
»Worauf wollen Sie hinaus?«
»Es gibt Zehntausende von Frauen, die genauso schön sind wie Nicole Kidman. Sie begegnen ihnen tagtäglich auf der Straße, ohne sie überhaupt wahrzunehmen. Nicole Kidmans eigentliche Stärke liegt anderswo.«
»Ah ja?«
»Wahrscheinlich hat sie die Gewissheit, wunderbar zu sein. Sie ist ganz bestimmt davon überzeugt, dass alle Männer sie begehren und dass alle Frauen sie bewundern oder beneiden. Vermutlich sieht sie sich als eine der schönsten Frauen der Welt. Daran glaubt sie so fest, dass die anderen sie genauso sehen.«
»2006 wurde sie von der britischen Zeitschrift Eve zu einer der fünf schönsten Frauen der Welt gewählt.«
»Na bitte. Und wie erklären Sie sich das?«
»Dass die anderen dazu neigen, uns so zu sehen, wie wir selbst uns sehen?«
»Ja. – Sie werden nun eine Erfahrung machen. Einen Moment lang werden Sie sich etwas vorstellen. Egal, ob es wahr oder falsch ist. Bilden Sie sich jedenfalls ein, es sei wahr. Sind Sie bereit?«
»Hier, auf der Stelle?«
»Ja, sofort. Sie können die Augen schließen, wenn Sie sich so leichter tun.«
»Okay, ich bin bereit.«
»Stellen Sie sich vor, dass Sie sich sehr schön finden. Sie sind davon überzeugt, eine enorme Wirkung auf Frauen auszuüben. Sie gehen über den Strand von Kuta, inmitten der Australierinnen, die gerade Urlaub machen. Wie fühlen Sie sich?«
»Sehr, sehr gut. Eine wahre Wonne.«
»Beschreiben Sie mir Ihren Gang, Ihre Haltung. Ich erinnere Sie daran, dass Sie sich sehr schön finden.«
»Ich habe einen … wie soll ich sagen? … ziemlich sicheren Gang und bin völlig entspannt.«
»Beschreiben Sie mir Ihr Gesicht.«
»Ich halte den Kopf aufrecht, schaue vor mich, ein leichtes, natürliches Lächeln um die Lippen. Ich bin locker und zugleich selbstsicher.«
»Gut. Stellen Sie sich vor, wie die Frauen Sie sehen.«
»Ja, das ist klar, ich habe … wie soll ich sagen? … eine bestimmte Wirkung …«
»Wie denken diese Frauen über den Umfang Ihrer Bizepse und Ihrer Brust?«
»Hm … darauf achten sie eigentlich gar nicht.«
»Sie können die Augen wieder öffnen. Den Frauen gefällt das, was Sie ausstrahlen, nichts weiter. Und diese Ausstrahlung kommt direkt aus dem Bild, das Sie sich von Ihrer Person machen. Welche Vorstellung auch immer man von sich hat, ob positiv oder negativ – man verhält sich ihr gemäß. Man bringt sie den anderen gegenüber ständig zum Ausdruck, und obwohl sie ursprünglich eine Hervorbringung des Geistes ist, wird diese Vorstellung zur Wirklichkeit – zunächst für die anderen, dann für einen selbst.«
»Schon möglich. Das erscheint mir irgendwie einleuchtend, gleichzeitig aber noch ein bisschen abstrakt.«
»Es wird Ihnen mit der Zeit immer klarer werden. Ich beabsichtige, Ihnen anhand verschiedener Beispiele zu zeigen, dass praktisch alles, was Sie erleben, seine Ursache darin hat, was Sie sich vorstellen oder woran Sie glauben.«
Ich fragte mich allmählich, auf was ich mich da eingelassen hatte. Daher konnte ich nicht einmal ahnen, dass unser Gespräch und der damit verbundene Gedankenaustausch meine gesamte Existenz ebenso grundlegend wie nachhaltig verändern würde.
»Stellen Sie sich vor«, fuhr er fort, »Sie seien davon überzeugt, ein ziemlich uninteressanter Mensch zu sein, der die anderen langweilt, sobald er den Mund aufmacht.«
»Das vorhergehende Spiel war mir lieber …«
»Dieses hier dauert nur zwei Minuten. Stellen Sie sich vor, es bestehe für Sie kein Zweifel daran, dass sich die Leute in Ihrer Gesellschaft langweilen. Versuchen Sie genau zu fühlen, was es bedeutet, das zu glauben. Gelingt es Ihnen?«
»Ja, das ist schrecklich …«
»Bleiben Sie in diesem Zustand, richten Sie Ihre Gedanken weiterhin darauf, und stellen Sie sich jetzt vor, mit Kollegen oder Freunden zu Mittag zu essen. Beschreiben Sie mir die Mahlzeit.«
»Meine Kollegen reden viel, erzählen von ihren Ferien, und ich sage kaum etwas.«
»Während Sie noch immer in diesem Zustand sind, geben Sie sich jetzt einen Ruck und erzählen den anderen eine kleine Anekdote aus Ihren Ferien.«
»Lassen Sie mir ein wenig Zeit. Ich stelle mir die Szene vor … Okay, das ist nicht besonders wirkungsvoll. Man hört mir nicht wirklich zu.«
»Das ist normal. Fest davon überzeugt, nicht interessant zu sein, drücken Sie sich so aus, dass Ihre Schilderungen nur wenig Interesse erregen.«
»Stimmt.«
»Da Sie unbewusst Angst haben, Ihre Kollegen zu langweilen, werden Sie, ohne sich darüber im Klaren zu sein, vielleicht schnell sprechen, den Bericht herunterleiern, um ihnen nicht zu viel Zeit zu rauben und sie nicht zu ermüden. Deshalb erzielen Sie keinerlei Wirkung, und Ihre Anekdote verliert an Reiz. Sie spüren es und sagen sich: ›Ich bin eine totale Null, wenn ich Geschichten erzähle.‹ Folglich werden Sie immer schlechter, und zwangsläufig wird einer Ihrer Kollegen wieder das Wort ergreifen und auf ein anderes Thema zu sprechen kommen. Am Ende des Essens hat dann jeder vergessen, dass Sie geredet haben.«
»Das ist hart …«
»Wenn man von einer Sache überzeugt ist, wird sie zur Wirklichkeit, zu unserer Wirklichkeit.«
Diese Beweisführung brachte mich ziemlich durcheinander.
»Gut, einverstanden, doch warum sollte jemand von so etwas wie der eigenen Langweiligkeit überzeugt sein?«
»Das ist zweifellos nicht Ihr Problem, aber das gewisser Personen. Jeder glaubt in Bezug auf sich an Dinge, die ihm eigen sind. Es handelte sich lediglich um ein Beispiel.
Um nun bei dieser Hypothese zu bleiben, stellen Sie sich vor, vom Gegenteil überzeugt zu sein: Sie haben die Gewissheit, bei den Leuten Interesse hervorzurufen und durch Ihre Ausführungen eine Wirkung auf sie auszuüben. Sobald Sie beim Mittagessen unter Kollegen das Wort ergreifen, sind Sie fest überzeugt, dass Ihre Anekdote ins Schwarze treffen wird: Sie werden die anderen zum Lachen bringen, überraschen oder einfach nur ihre Aufmerksamkeit fesseln. Getragen von dieser Überzeugung, stellen Sie sich vor, in welcher Weise Sie das Wort ergreifen. Die erwartete Wirkung gedanklich vorwegnehmend, geben Sie sich genügend Zeit, das Gespräch auf Ihr Thema zu lenken und die Stimme der Situation anzupassen. Sie gestatten sich – jeweils an der richtigen Stelle – einige Momente des Schweigens, um die Spannung zu steigern. Und wissen Sie was? Die anderen werden Ihnen förmlich an den Lippen hängen.«
»Gut, ich verstehe, dass das, was man glaubt, Wirklichkeit wird; dennoch geht mir eine Frage durch den Kopf.«
»Welche?«
»Wie kommt es, dass man Dinge über sich zu glauben beginnt, ganz gleich, ob sie nun positiv oder negativ sind?«
»Dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Zuerst sind da die Meinungen, die andere über uns äußern. Wenn sie aus diesem oder jenem Grund unser Vertrauen genießen, glauben wir wohl, was sie über uns sagen.«
»Unsere Eltern zum Beispiel?«
»Natürlich beginnt das im Allgemeinen bei unseren Eltern oder bei den Personen, die uns großziehen. Ein kleines Kind lernt enorm viel von seinen Eltern und hat – wenigstens bis zu einem bestimmten Alter – die Neigung, alles zu akzeptieren, was sie ihm mitteilen. Solche Botschaften prägen sich ihm ein. Es verinnerlicht sie.«
»Können Sie das nicht an einem Beispiel verdeutlichen?«