Mattia Signorini

Die Symphonie
des Augenblicks

Roman

Aus dem Italienischen von
Monika Köpfer

TITELBILD

Die italienische Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel
»La sinfonia del tempo breve« bei Salani Editore,
Mailand.

 

1. Auflage
Deutsche Erstausgabe
© 2010 der deutschsprachigen Ausgabe
Kailash in der Verlagsgruppe
Random House GmbH
© 2009 Adriano Salani Editore S.p.A., dal 1862,
Gruppo editoriale Mauri Spagnol, Milano
Lektorat: Svenja Geithner, München
Umschlaggestaltung: WEISS|WERKSTATT|MÜNCHEN
unter Verwendung eines Motivs von
© TREVILLON IMAGES/Ann Cutting
Satz: Jouve Germany GmbH & Co KG, Kriftel
E-Book-Umsetzung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-641-04063-5

www.kailash-verlag.de

1

Ehe er von dieser Welt ging, trank Signor Green Talbot ein Glas frische Limonade und wandte den Blick zum Fenster seines Zimmers.

»Das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann, ist, in einem Krankenhaus zu sterben«, hatte er vor langer Zeit einmal gesagt.

Damals war er noch keine zwanzig gewesen und im Begriff, mit einer Unmenge von Wechseln das ehemalige Juweliergeschäft Lou Saunders zu kaufen.

»Ich werde meine Schulden in spätestens zwei Jahren zurückzahlen«, versprach er seinen Gläubigern, die ihn ungläubig ansahen.

Und das gelang ihm auch.

Denn Green Talbot war ein außergewöhnlicher Mensch, und hier ist seine Geschichte. Sie beginnt in einem Haus in der Nähe eines Waldes, in England, und endet in einem Krankenhausbett in einem gottverlassenen Nest in Norditalien.

Doch man kann die Anfangsseiten und die letzten Seiten eines Buchs ebenso gut herausreißen, wie Green Talbot als Junge zuweilen bemerkte – ob zu Recht oder zu Unrecht.

Ja, ob zu Recht oder zu Unrecht, jedenfalls sagte er das.

TRANQUILLITY

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2

Der Soldat Gregory Talbot und seine Frau Maria hatten wenige Monate zuvor in der kleinen Kirche von Reverend Barry geheiratet. Nicht so sehr, weil es sie drängte, den Bund der Ehe zu schließen, als vielmehr Marias wachsenden Bauchs wegen. So war das eben damals.

Als Reverend Barry Gregory Talbot zum ersten Mal begegnet war, hatte dieser bewusstlos und dem Tode nahe auf einer Tragbahre gelegen, die nach grüner Verzweiflung stank, und anstelle des rechten Beins hatte er einen verbundenen Stumpf gehabt. Der Pastor erteilte ihm den letzten Segen und wollte ihm mit dem in Olivenöl getränkten Daumen ein Kreuz auf die Stirn malen.

»Gott segne dich und behüte dich«, sagte er.

Doch Gott, oder sein Stellvertreter, hatte offensichtlich keinerlei Absicht, sein Schäfchen zu sich zu rufen, jedenfalls noch nicht. Reverend Barry musste drei Anläufe nehmen. Jedes Mal wenn er den Daumen in das Fläschchen tauchte, perlte das Öl an seinem Finger ab, ohne eine Spur zu hinterlassen.

»Wenn das so weitergeht, sind wir heute Nacht noch nicht fertig«, murrte er.

Nicht gerade ein Gedanke, der einem Kirchenmann ziemte, doch in diesem Feldlazarett warteten Dutzende weitere Soldaten auf die letzte Ölung. Beim dritten Mal schließlich blieb das Öl vollständig an seinem Daumen haften. Doch kaum war er im Begriff, dem Soldaten ein Kreuz auf die reglose Stirn zu zeichnen, kam die Schwester herein.

»Reverend Barry, der Verband muss gewechselt werden.«

Der Pastor stieß einen ungeduldigen Seufzer aus und hob den Blick gen Himmel, oder besser gesagt, zum höchsten Punkt des großen Armeezeltes, das dieselbe grüne Farbe der Verzweiflung hatte wie die Tragbahren.

Als Gregory Talbot wenige Minuten später aufwachte, rief die Schwester den Pastor nochmals zurück.

»Ein Wunder«, sagte sie und sah den Soldaten aus ihren grünen Augen an.

»Von wegen Wunder. Da hat der Teufel seine Finger im Spiel«, platzte Reverend Barry heraus.

Einige Monate später war Gregory Talbot wieder bei Kräften, mehr oder weniger jedenfalls. Ehe er dem Schlachtfeld den Rücken kehrte, erzählte ihm der Pastor die Geschichte von dem Öl, das einfach nicht an seinem Finger hatte haften bleiben wollen.

»Man sieht, dass sich Gott, oder sein Helfer, bereits zu viele Menschen auf die Schultern geladen hatte«, erwiderte Gregory Talbot.

»Vermutlich hat jemand das Öl mit Wasser verdünnt«, brummte der Pastor.

Beim Abschied musste Gregory Talbot Reverend Barry versprechen, ihn in seiner kleinen Kirche in Tranquillity zu besuchen, sobald dieser verdammte Krieg zu Ende wäre.

Und dort heirateten sie dann auch, er und Maria. Als Trauzeuginnen erkoren sie die alte Witwe Shelby aus, die jeden Morgen um acht in der Kirche erschien, um zu beten, sowie Hillary Mark, die Besitzerin des Wurstladens, die zufällig vorbeikam.

»Ihr wollt also heiraten?«, fragte der Pastor.

»Ja, das wollen wir«, bestätigte Gregory Talbot.

Und so vollzog Reverend Barry die Trauzeremonie, mit allem, was dazugehört.

Als sie verheiratet waren, fragte Maria ihren Mann, was er nun zu tun gedenke. Der Krieg hatte all ihre Hoffnungen zerschlagen und einen Strich durch ihre Zukunftspläne gemacht.

Er betrachtete die Häuser von Tranquillity und die schmalen Straßen, die von Gärten mit kurz geschnittenem Rasen gesäumt wurden. Es war noch Winter, doch in dieser Gegend schien sich selbst der Frost Zeit zu lassen.

Sie waren erst seit zwei Tagen hier, und noch kein einziges Mal hatten sie erlebt, dass jemand die Straße entlangeilte, mit lauter Stimme sprach oder mit einem anderen stritt. Jeder Dorfbewohner ging einer würdigen Arbeit nach. Keine Landstreicher waren zu sehen, und in dem einzigen Pub im Ort gab es keine Betrunkenen, die vornüber auf den Tisch sanken.

Plötzlich hörte er, wie jemand nach ihm rief.

»Gregory Talbot?«

Hinter ihnen stand ein Mann in Frack und Zylinder. Sein vorgewölbter Bauch übte einen beträchtlichen Druck auf den einzigen Knopf aus, der noch an seiner Jacke hing und jeden Moment vom Faden zu springen drohte.

»Ich bin Ray Wonder, der Bürgermeister«, sagte der Mann, streckte die Hand aus und verharrte so lange reglos in dieser Position, bis sich Gregory Talbot entschloss, sie zu ergreifen. »Wir haben auf Sie gewartet. Aber Sie sind ja zu zweit.« Sein Blick wanderte zu Marias Bauch. »Das heißt zu dritt. Noch besser«, fügte Bürgermeister Ray Wonder hinzu. »Tranquillity wächst, und Sie sind der lebende Beweis dafür.«

Gregory Talbot wollte etwas erwidern, kam jedoch nicht dazu.

»Es gibt eine freie Stelle, wissen Sie? Wir haben sie eigens für Sie freigehalten, wissen Sie?«

Gregory Talbot sollte bald erfahren, dass man niemanden ohne Grund nach Tranquillity einlud und auch keinen so ohne Weiteres wieder ziehen ließ. Unter all den verrückt gewordenen Soldaten, von denen es nur so wimmelte, hatte Reverend Barry ausgerechnet ihn in sein Dorf gerufen. Denn hektische Menschen konnte man in dieser Gegend nicht gebrauchen. Und da kam ihnen der einbeinige Gregory Talbot natürlich gelegen.

Mit Maria bezog er das kleine Haus oben am Hügel und wurde der neue Waldhüter. Die Menschen von Tranquillity fürchteten sich vor dem Wald, so wie sich die meisten vor dem fürchten, was ihnen unbekannt ist. Sie waren überzeugt, dass es dem Waldhüter gelingen würde, den Wald in seine Grenzen zu verweisen.

»Aber ein Wald bewegt sich doch nicht«, sagte Gregory Talbot.

»Man weiß nie«, antwortete Bürgermeister Ray Wonder.

3

So schleppte sich der Waldhüter Gregory Talbot also auf dem ihm verbliebenen Bein zwischen den Bäumen am Waldrand umher.

Hunderte von Lauten mischten und vervielfältigten sich im Laufe eines Tages. Doch für jemanden wie ihn, der nur den Lärm der Menschen kannte, war dieser Wald die reine Stille.

Hin und wieder blieb er an einem dieser Frühlingsmorgen stehen und blickte zum Himmel empor. Sonnenstrahlen stachen wie Nadeln durch die Baumkronen.

Seine Frau ruhte sich zu Hause aus. Als er sie eines Tages stöhnen und seinen Namen rufen hörte, fuhr Gregory Talbot abrupt herum. Er warf den Holzstock weg und hüpfte mit seinem einzigen Bein so flink, als hätte er vier davon, zum Ausgang des Waldes und nach Hause.

Im Zimmer war es dunkel. Maria saß in einem blutüberströmten Sessel und hielt etwas Kleines, Grünes im Arm, das nicht atmete.

Gregory Talbot nahm es ihr wortlos aus den Händen. Er gab ihm eine Ohrfeige, dann noch eine und noch eine, doch es war noch immer grün. Nachdem er es Maria wieder in die Arme gelegt hatte, öffnete er ein Fenster.

Sofort flutete das Licht herein.

Im selben Augenblick schluchzte das grüne Ding und wurde sichtlich heller. Gregory Talbot hob es hoch und sah, dass es ein Junge war.

Sein Sohn hatte den frühen Morgen gewählt, um dieser Welt guten Tag zu sagen.

4

Sie nannten ihn Green. Grün war die Farbe, die sein Vater trug, als er in der Armee diente, grün war das Nichts, als dieser auf eine Mine getreten war, und grün war die Frau, die ihn im Krankenhaus wieder aufgepäppelt und die er dann geheiratet hatte. Grün war auch die Farbe des Waldes.

Green Talbot sprach lange nicht. Doch bereits mit wenigen Monaten begriff er alles, was man zu ihm sagte. Er machte sich verständlich, indem er auf das Gewünschte deutete. Stundenlang konnte er im Eingang des elterlichen Hauses stehen, den Blick zum Waldrand hinab gewandt, um die Bäume zu betrachten. Dabei bewegte er langsam den Kopf in alle Richtungen, als wollte er sämtliche Laute speichern, die an sein Ohr drangen.

Er hörte seinem Vater zu, wenn dieser von Amerika erzählte, wo er für kurze Zeit gelebt hatte, ehe er einberufen wurde:

»Es ist der schönste Flecken Erde, wenn man noch keinen anderen gesehen hat.«

Oder von den Monaten im Krieg:

»Der Schlag möge mich treffen, wenn ich noch einmal eines dieser vermaledeiten Gewehre in die Hand nehme.«

Oder von seiner Mutter:

»Schau, deine Mutter ist ein Engel. Wie sonst sollte man jemanden nennen, der einem das Leben rettet?«

Oder er lauschte dem sanften Knistern des Tabaks in der Pfeife, wenn sein Vater einen Zug nahm, dem Splittern von Holz, wenn dieser Baumstämme spaltete, und seiner Stimme, wenn er ihm vor dem Einschlafen Märchen erzählte.

Manche glauben vielleicht, dass ein Junge, der nicht spricht, nicht ganz richtig im Kopf ist, doch Gregory Talbot und seine Frau Maria wussten es besser. Die Welt war voller Menschen, die unaufhörlich von Dingen sprachen, die niemanden interessierten.

In gewisser Weise war Green Talbot ein Segen.

5

In seinen ersten fünf Lebensjahren lernte Green Talbot so gut, den Menschen zuzuhören, dass es nicht lange dauerte, bis alle mit ihren Problemen zu ihm kamen und ihr Leben vor ihm ausbreiteten.

Für ihn waren die Lebensgeschichten der Leute wie die Märchen, die ihm sein Vater erzählte, nur ein wenig trauriger. Er lernte, dass man nicht immer Fragen stellen muss, und tat es auch nicht.

Binnen kürzester Zeit war er der einzige Bewohner Tranquillitys, der alle Geheimnisse der Menschen in dieser Gegend kannte, ohne je eines zu verraten – sofern es sich denn um ein echtes Geheimnis handelte.

Reverend Barry bemerkte, dass am Samstagnachmittag immer weniger Gläubige zu ihm in die Kirche kamen, um mit ihm zu reden, und dafür umso mehr den Weg zu dem Haus am Waldrand hinaufgingen. Er sah es als Zeichen Gottes und war überzeugt, dass Green Talbot eines Tages seinen Platz einnehmen würde.

Indessen bemerkte Bürgermeister Ray Wonder, dass die Bewohner Tranquillitys immer heiterer wurden und er immer weniger zu tun hatte. Er sah darin einen Wink des Schicksals und war überzeugt, dass Green Talbot eines Tages seinen Platz einnehmen würde.

Hätte man Green Talbot selbst gefragt, so hätte er gesagt, dass die einzige Arbeit, die er später einmal ausüben wollte, die seines Vaters sei.

Im Laufe der Zeit begab sich Gregory Talbot immer seltener in den Wald hinein, sondern verlegte sich darauf, ihn vom Rand aus zu überwachen. Es war, als ginge eine merkwürdige, beunruhigende Präsenz vom Wald aus. So als würden sich die Geräusche vervielfältigen und zugleich verflüchtigen.

Doch das geschah nicht von heute auf morgen, sondern es war ein schleichender Prozess.

Der Frühling kehrte zum fünften Mal wieder. Gregory Talbot und seine Frau hatten sich zum Mittagessen an den Tisch gesetzt, als sie bemerkten, dass Green noch immer stand.

»Setzt du dich nicht?«, fragte seine Mutter.

Und da sprach er zum ersten Mal.

»Zeigt ihr mir den Wald?«

Genau das waren seine Worte.

6

Als Green Talbot zum ersten Mal den Wald erblickte, erschien er ihm als der schönste Ort, an dem er je gewesen war. Nicht, dass er schon viele Orte gesehen hätte. Wie alle anderen Kinder dieser Gemeinde war er noch nie aus Tranquillity hinausgekommen. Am liebsten mochte er den Wurstladen von Hillary Mark mit seinem unverwechselbaren Fleischgeruch, die verschieden geformten Brotlaibe in den Körben des Bäckers Almery und die kleine Kapelle von Reverend Barry. Mit dem Pastor verstand er sich überhaupt sehr gut. Vor allem gefielen Green dessen Geschichten über einen Mann, der durch die Welt zog, um die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Es faszinierte ihn, dass er dies tat, ohne jemandem seine Vorstellungen aufzuzwingen.

Doch im Wald gab es weder Wurstläden noch Brotkörbe, und auch die Geschichten des Pastors waren hier nicht maßgebend.

Stattdessen zogen ihn die Bäume in ihren Bann, die so hoch waren, dass sie ihm den Blick auf den Himmel verstellten, und die unzähligen verschiedenen Laute, auf die er sich keinen Reim machen konnte.

»Das sind die Vögel des Waldes«, erklärte ihm sein Vater.

»Was sagen sie?«

»Was immer sie auch sagen – es muss erst noch einer geboren werden, der sie versteht.«

»Eines Tages werde ich mit ihnen sprechen!«, erwiderte Green.

Sein Vater sah ihn an, wie man einen Verrückten ansieht. Dann sah er ihn an, wie man ein Kind ansieht.

»Ja, ja, eines Tages«, murmelte er.

Seit Green Talbot zu sprechen angefangen hatte, ließen sich die Einwohner von Tranquillity immer seltener in dem Haus auf dem Hügel blicken. Und so lernte Green, dass die Menschen es mögen, wenn man ihnen zuhört, doch dass sie umso weniger gern schweigen und selbst zuhören.

Seit er den Wald entdeckt hatte, begleitete er seinen Vater zur Arbeit. Er beobachtete, wie dieser reglos und schweigend stehen blieb, und betrachtete mit ihm die Bäume.

»Hast du nicht auch das Gefühl, dass dieser Wald etwas Merkwürdiges an sich hat?«, fragte eines Tages sein Vater.

»Ab und zu schon, doch.«

Sein Vater blickte immer wieder nach oben, als rechnete er jeden Moment damit, dass etwas geschah.

Am folgenden Tag besuchten sie den Gottesdienst von Reverend Barry, denn die kleine Kathy Almery, die Tochter von Hillary Mark und dem Bäcker Almery, sollte getauft werden.

Kathy hatte an einem Herbsttag das Licht der Welt erblickt, als sich bereits die ersten Blätter rötlich verfärbten und ein kräftiger Wind wehte. Es wurden nicht viele Kinder geboren in Tranquillity, und daher war diese Taufe ein Ereignis.

Die Dorfbewohner hatten ein Festessen im Freien vorbereitet, das an einem langen Tisch vor einer Scheune stattfinden sollte. Es machte nichts, dass der Winter bereits vor der Tür stand. Die Menschen saßen, eingemummt in Wolljacken, um den Tisch und feierten. Inmitten der Festlichkeiten stand Bürgermeister Ray Wonder auf und erhob seinen Becher mit Rotwein.

»Lasst uns auf die kleine Kathy Almery anstoßen. Tranquillity wächst, und sie ist der Beweis dafür.«

In den Jahren darauf wuchs Kathy zu einem der hübschesten Mädchen heran, die man in England seit langem gesehen hatte. Die blonden Haare zu zwei dicken Zöpfen geflochten, half sie ihrer Mutter im Wurstladen. Die Kunden begrüßte sie mit »Guten Tag, die Herrschaften«, und wenn sie das Geschäft verließen, sagte sie: »Auf Wiedersehen, die Herrschaften«. Bisweilen beobachtete sie ihren Vater heimlich beim Kneten des Brotteigs. Am liebsten mochte sie den warmen Geruch, der den Laden den ganzen Morgen über erfüllte.

Währenddessen ging Green Talbot Tag für Tag in einer blauen Uniform, die ihm zu groß war, zur Schule, begleitet von seiner Mutter. Nur zwölf Schüler besuchten die Grundschule von Tranquillity. Sie lernten lesen, schreiben und rechnen. Außerdem lehrte man sie, ohne Eile zu leben.

Green hörte gern seiner Lehrerin Lil Sommers zu, wenn sie ihnen das Alphabet beibrachte. Es bereitete ihm Vergnügen, Buchstaben zusammenzufügen und Wörter zu bilden. Das erste Wort, das er schrieb, war Wald. Und das zweite Maria.

Er hatte angefangen, heimlich, ohne dass sein Vater davon wusste, in den Wald zu gehen. Ihm fiel auf, dass der Wald immer dichter wurde, je tiefer er in ihn eindrang, und dass sich dort die Distelfinken unterhielten. Eine Zeit lang sprach er in der Sprache der Menschen zu ihnen, ohne je eine Antwort zu erhalten. Eines Nachmittags dann versuchte er immer wieder, ihre Laute nachzuahmen, bis er schließlich ein »Tu-uiiit« zustande brachte, das sich wie ein Pfeifen anhörte.

Und siehe da, von oben kam die Antwort: »Herzlich willkommen!«

So lernte er zwei Dinge. Dass nicht alle Lebewesen dieselbe Sprache sprechen. Und dass die Distelfinken wohlerzogene Vögel sind. Er fand, das war genug für einen Nachmittag.

7

Doch eines Tages wagte er sich so tief in den Wald hinein, dass er die Orientierung verlor. Hier war das Gras gelb. Auch fiel ihm auf, dass die Erde an manchen Stellen wie aufgewühlt aussah. Er versuchte, die Distelfinken herbeizurufen, erhielt jedoch keine Antwort. Noch nie hatte er eine solche Stille vernommen. Und zum ersten Mal hatte er auch diese unbehagliche Empfindung, ähnlich einem Kältegefühl, die er bald mit dem Wort Angst benennen lernen sollte.

Nie zuvor war einer so weit vorgedrungen – weder sein Vater, noch Bürgermeister Ray Wonder, noch der frühere Waldhüter.

Er lauschte gespannt, wie es seine Art war, und machte in der Ferne Laute aus, die er nicht kannte. Es war, als würde der Wind, der zuvor von den Bäumen abgehalten worden war, hier ungebremst zwischen den Stängeln eines Grases hindurchfegen, das sehr viel höher war als das, was er kannte. Das andere Ende des Waldes konnte nicht mehr weit sein. Was würde er dahinter vorfinden?

Er war unschlüssig, ob er weitergehen oder lieber umdrehen sollte. Die Sonne war bereits hinter dem Horizont versunken, und binnen weniger Minuten wäre auch das letzte Abendlicht erloschen.

Da sah er sie.

Zwei gelbe Augen, die in der Dunkelheit näher kamen. Sie waren unverwandt auf ihn gerichtet, und das Knacken von Zweigen wurde mit jedem Moment lauter. Dann hörte er eine Art Knurren, einen tiefen, schauerlichen Laut.

Er stand wie versteinert, unfähig, sich zu bewegen. Die gelben Augen funkelten zornig.

Plötzlich hörte er in weiter Ferne seinen Namen rufen.

Ohne weiter nachzudenken, drehte sich Green um und floh, so schnell er konnte, die Augen schreckgeweitet. Er spürte, wie ihm die Lungen brannten, doch er hielt nicht an. Zum ersten Mal in seinem Leben rannte er dieser fernen Stimme entgegen, diesem dünnen »Green, Green«, bis sein Name immer deutlicher zu vernehmen war. Mit einem Mal stieß er gegen etwas Hartes und stürzte.

Es war das Bein seines Vaters.

Bürgermeister Ray Wonder rief alle Bewohner zu einer Versammlung zusammen und forderte Green auf, von seinem Erlebnis zu erzählen. Alle saßen stumm da. Einige hielten sich die Hand vor den Mund und hatten die Lider gesenkt.

»Das, was heute geschehen ist«, sagte der Bürgermeister, »lässt keinen Zweifel mehr offen. Der alte Waldhüter hat uns ja gewarnt.«

Am nächsten Tag wurde an jeder Haustür eine Verordnung befestigt.

 

Auf Anweisung von Bürgermeister
Ray Wonder und Reverend Barry ist es
sämtlichen Einwohnern untersagt,
aus irgendeinem wie auch immer gearteten
Grund in den Wald einzudringe
n
oder durch auffälliges Verhalte
n
die Bestie zu reizen
.

 

Für Bürgermeister Ray Wonder und Reverend Barry gab es nur eine Erklärung für das, was Green Talbot widerfahren war. Die Vorsehung hatte abermals ein Zeichen des Teufels gesandt, das ihnen eine Warnung sein sollte.

Als die Bestie fast ein Vierteljahrhundert zuvor zum ersten Mal gesichtet worden war, war Tranquillity noch nicht die Kleinstadt gewesen, die sie nun war. Damals herrschten noch freiere Sitten, und ihre Bewohner waren noch nicht so strikten Bestimmungen unterworfen. Zu jener Zeit wurde Ray Wonder, damals noch ein junger Mann, Bürgermeister.

Im Laufe eines Jahres zog in das Haus auf dem Hügel dreimal ein neuer Waldhüter ein. Alle verschwanden von einem Tag auf den anderen, ohne dass man den Grund kannte. Im Ort war man ratlos. Der junge Reverend Barry hatte schließlich eine Erklärung parat: Gott hatte dem Städtchen eine Warnung wegen der fortschreitenden Sittenlosigkeit zukommen lassen. Neue Anstands- und Verhaltensregeln mussten her.

Der junge Pastor hielt Betstunden ab, und jede Art unbedachten Handelns, das gleich wessen Unmut, ob im Himmel oder auf Erden, hätte erregen können, wurde untersagt. Laute Unterhaltungen und Alkoholkonsum wurden verboten, und Verliebten war es nicht länger erlaubt, sich vor der Hochzeit ein Stelldichein zu geben.

Doch offensichtlich genügte das alles nicht.

Auf Greens Bericht hin dehnte man die Betstunden aus, und Gregory Talbot wurde beauftragt, die Bestie zur Beschwichtigung mit Futter zu versorgen. Fortan legte er jeden ersten Sonntag im Monat Futtergaben am Waldrand ab.

Was Green Talbot betraf, so mied er fast ein Jahr lang den Waldweg, den er damals gegangen war. Und seine Gebete sprach er hin und wieder in der Sprache der Distelfinken.

8

Green Talbot hatte eine große Schwäche, und das war seine Neugierde, etwas, was den meisten Menschen in Tranquillity unbekannt war.

Schon bald begann er sich im Unterricht bei Lil Sommers zu langweilen. Inzwischen füllte er ganze Seiten mit Sätzen, doch das Schreiben bereitete ihm nicht mehr so viel Spaß wie früher. Also begann er, die Reihenfolge der Sätze zu verändern, doch Lorbeeren handelte er sich damit keine ein. Als er zum ersten Mal eine Hausaufgabe ablieferte, die zur Hälfte aus Sätzen wie folgendem bestand:

Gelernt in der Schule bin ich gewesen heute und wieder habe nichts

und zur Hälfte aus Lautfolgen wie diesen:

Ftu-iiit frii-uiuiu tu-i-iiit,

 

bestellte die Lehrerin Lil Sommers umgehend seine Mutter zu sich.

»Ist mit Ihrem Sohn alles in Ordnung?«

»Wie meinen Sie das?«

»Er hat einen Aufsatz abgeliefert, der keinerlei Sinn ergibt.«

Greens Mutter versuchte, den Text zu lesen. Doch sie wurde ebenso wenig schlau daraus.

»Er ergibt keinen Sinn.«

»Das sagte ich Ihnen ja.«

»Ich verstehe das nicht.«

»In zwei Monaten findet die Prüfung für den Grundschulabschluss statt.«

»In zwei Monaten.«

»So etwas darf nicht mehr vorkommen.«

»Machen Sie sich keine Sorgen«, versicherte Greens Mutter. »Es wird nicht wieder vorkommen.«

Zu Hause musste sich Green zur Strafe in eine Ecke stellen. Außerdem wurde er zu Hausarrest verurteilt, bis seine Schulnoten wieder so gut waren wie einst.

Doch sein Leben änderte sich dadurch kaum. Seit Bürgermeister Ray Wonder und Reverend Barry den Bewohnern noch strengere Verhaltensregeln auferlegt hatten, durften die Kinder das Haus ohnehin nur zur Schule oder sonntags zur Kirche verlassen.