001

001

Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Für den Meister Yoda der Modelagenten:
 
Bruno J.

Abbildungen:
, ,, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
: privat
: picture-alliance/Sven Simon
: Getty Images/Ethan Miller
: picture-alliance/dpa
Europa-Park
: ullstein bild/Brill
: Stephan Rumpf/SZ Photo
 
 
Trotz intensiver Bemühungen gelang es dem Verlag in einigen Fällen nicht, mit dem Rechteinhaber des jeweiligen Fotos Kontakt aufzunehmen. Der Verlag bittet diesen oder eventuelle Rechtsnachfolger, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Er verpflichtet sich, rechtmäßige Ansprüche nach den üblichen Honorarsätzen zu vergüten.

The Making of: ein Buch
Schön, dass Sie hier sind!
 
Eigentlich sollte hier ein ganz anderes Vorwort stehen. Ein nettes, höfliches »Guten Tag, lieber Leser«-Vorwort, wie man es auch von anderen Büchern kennt. Ich hatte es sogar schon fertig. Ein bisschen langweilig, ehrlich gesagt, dafür sehr förmlich. Aber kurz vor Fertigstellung des Buches stellte ich fest: Ich brauche ein anderes Vorwort. Ich sollte Ihnen so etwas wie eine Gebrauchsanweisung an die Hand geben, damit Sie an diesem Buch richtig viel Freude haben. Und dass das nötig sein könnte, merkte ich daran, dass mir eine bestimmte Frage immer wieder in die Quere kam.
Das liegt daran, dass man so ein Buch nie alleine macht. Sobald der Text fertig ist, lesen anschließend viele Leute drüber, damit möglichst keine Fehler drin sind. Und jedes Mal, wenn jemand von diesen Leuten mit dem Lesen fertig war, kam er oder sie zu mir und sagte:
»Ich hab mal die Namen gegoogelt – die gibt’s ja tatsächlich!«
»Ja sicher«, hab ich jedes Mal gesagt.
»Also nicht nur Heidi Klum und Bruce oder so, sondern auch die andern! Die ganzen Models!«
»Und?«
»Die gibt’s alle wirklich?«
»Sicher doch.«
»Ja, aber – das sind doch alles keine kleinen Fische. Ich hab das mal nachgeguckt, die haben reihenweise für die absoluten Toplabels gearbeitet!!«
»Natürlich. Was dachtest denn du, wen ich vermittelt hätte?«
 
Und weil sich dieser Dialog immer wieder wiederholte, habe ich gedacht, ich sollte es Ihnen besser vorher sagen. Denn Sie kennen mich ja womöglich nur von Sendungen wie Germany’s Next Topmodel und Die Model-WG, und Sie sind vielleicht auch nur vorwiegend mit den Namen unserer TV-Kandidatinnen vertraut. Doch Sie werden im Laufe dieses Buchs viele Blicke hinter die Kulissen werfen können. Ich werde Ihnen Geschichten aus der Branche erzählen, von Agenten, von Designern, von Models und über Models. Und wenn man glaubt, die Namen der Protagonisten und Protagonistinnen wären alle erfunden oder geändert, dann ist das Buch nur der halbe Spaß.
Also, wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf: Lesen Sie mein Buch in der Nähe eines Computers oder Ihres iPhones. Legen Sie sich ein Bookmark auf eines der großen Modelverzeichnisse wie zum Beispiel . Und holen Sie sich alle Gesichter zu den großen und kleinen Geschichten auf den Schirm. Denn diese Menschen gibt es wirklich, sie waren auf den bekanntesten Titelseiten der Welt, sie sind bei den ganz Großen der Branche über den Laufsteg gelaufen. Und das ist kein Werbespruch: Ich rede hier von den Haute-Couture-Shows der ganz Großen in Paris, von »Dior«, von »Givenchy«, von »Yves Saint Laurent« – die absolute Topklasse, die Champions League im Modelbusiness. Weiter nach oben kann man es hier nicht schaffen. Und damit bekommen Sie für Ihr Geld wirklich etwas, was es so in Deutschland noch nie gab: einen exklusiven, informativen Blick hinter die Kulissen des internationalen Modelbusiness.
Und dazu einige Einblicke in mein Leben.
Die Fotos für letztere Abschnitte habe ich allerdings schon für Sie rausgesucht und ins Buch gestellt. Die finden Sie nämlich garantiert nicht im Internet.
002

Ein Junge aus Teheran
Ich bin in Teheran geboren. Die ersten sieben Jahre meines Lebens wohnte ich mit meiner Familie in einer schlichten Vier-Zimmer-Mietwohnung in der zweiten Etage einer durchschnittlichen bürgerlichen Wohngegend, ziemlich zentral. Gegenüber lag die Kurdengegend, die damals im Iran zu Zeiten des Schahs die Rolle der Gastarbeiter einnahmen. Ein Schlafzimmer teilten sich meine älteren Brüder Omid, Wafa und ich, eines meine Eltern, eines bewohnte unsere Nanny mit ihrer Tochter. Wir waren nicht reich, nicht arm, ganz normaler bürgerlicher Mittelstand. Wir hatten ein Auto, unser erstes war ein »Paykan«, ein iranisches Modell, aber ich erinnere mich noch gut, wie mein Vater extra nach München gefahren ist, um ein echtes deutsches Auto zu kaufen. Zurück kam er stolz mit einem »Peugeot«, und blöde Nachfragen diesbezüglich waren nicht sehr willkommen.
Wir hatten eine Nanny, weil meine Eltern beide arbeiteten. Meine Mutter war Beamtin bei den Strom- und Wasserwerken, mein Vater war Angestellter im Innenministerium. Die Nanny sprach mit uns nicht persisch, sie sprach aserbaidschanisch, wie jene Hälfte meiner Familie, die aus der Region Täbriz im Norden des Irans stammt.
003
Zwei bleiben auf dem Teppich: Omid (l.) und Wafa in unserer Wohnung in Teheran. Mich gibt’s noch gar nicht.
Diese Region teilen sich Aserbaidschan, die Türkei und eben der Iran, daher ähnelt die Sprache auch dem Türkischen, etwa so wie das Deutsche dem Niederländischen. Unsere Nanny hat mit uns aserbaidschanisch gesprochen, und wir haben ihr auf Persisch geantwortet. Wie mit unseren Eltern auch: Sie haben ebenfalls mit uns nur aserbaidschanisch gesprochen.
Ich bin seit meinem siebten Lebensjahr nicht mehr in Teheran gewesen. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Das haben sich die Mullahs dort für mich ausgedacht. Also nicht speziell für mich, so wichtig bin ich denen nicht. Aber für meine Familie und viele andere Familien. Man trifft heute in aller Welt jede Menge Iraner. Häufig Architekten, Ärzte, Wissenschaftler, Iraner sind ehrgeizig und lesen viel. Das soll nicht arrogant klingen, Sie können ja selbst mal ein bisschen die Augen offen halten, und Sie werden feststellen, dass Iraner im Ausland viel häufiger Häuser errichten oder Schönheitsoperationen durchführen als Falafelbuden aufzumachen. Vielleicht Zufall, mag sein, vielleicht sind auch die ganzen Falafelfalter im Iran geblieben, weil Ayatollah Khomeini den festen Plan hatte, eine Nation von Falafelbudenbesitzern in eine glorreiche Zukunft zu führen – ich weiß es nicht. Ich wollte jedenfalls schon als Kind nicht aussehen wie ein Falafelbudenbesitzer Das weiß ich genau. Denn ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit der Welt der Mode.
Ich war sechs, und ich war mit meiner Mutter unterwegs. Mein erster Schultag stand bevor, und ich brauchte eine Schuluniform. Also gingen wir los und probierten Uniformen durch, und ich erinnere mich, wie wichtig es mir war, dass die Uniform gut aussah. Nur, weil es »Uniform« heißt, bedeutet das nicht, dass es keine Unterschiede gibt. Sie kann schlechter sitzen oder besser, und ich wollte keiner von denen sein, die in ihre Uniform gestopft aussahen wie eine Presswurst oder bei denen alles derart weit war, dass man schon von weitem sehen konnte, dass da das Wachstum bis zur fünften Klasse bereits jetzt mit eingerechnet war. Ich weiß noch ganz genau, dass ich Spaß daran hatte, etwas in dieser Richtung auszusuchen. Ich mochte die Idee von Uniformen, ich habe ja sogar heute noch einen Hang zu Schulterklappen, damals war es wahrscheinlich mehr so eine Art Auszeichnung: Dass man in dem Alter ist, in dem man die kleinstmögliche Form des Erwachsenseins erreicht hat, und das dokumentiert man mittels der Uniform. Grauer Anzug, weißes Hemd, klassische Kombination. Ich bilde mir ein, dass die Uniformoptik schon damals eine Frage der Ästhetik war. Es ist aber auch gut möglich, dass mir diese ganze Schulangelegenheit sowieso unheimlich war und ich instinktiv das suchte, was gute Mode oft ihrem Träger verleiht: Sicherheit. Denn mein erster Schultag war eine Katastrophe. Mein Bruder Wafa denkt heute noch mit Grausen daran.
004
Das ist wahres Stilbewusstsein: Schon mit fünf Jahren trug ich Hemden mit Schulterklappen.
Wafa war schon in der dritten Klasse, und in der dritten Klasse halten sich die Jungs im Iran wie in vielen südlichen oder orientalischen Gegenden praktisch schon für erwachsen. Man ist cool, man ist superstark, der Macker, der Macho, und da kann man es eigentlich nicht so gut brauchen, wenn eine kleine Heulsuse aus der Familie auftaucht. Erstens wegen der Heulsuse an sich, und zweitens, weil dann auch noch Mutti mitkommt. Und in Begleitung von Mutti wirkt niemand besonders machohaft. Außerdem durfte Wafa sich nicht verdünnisieren, er sollte auf jeden Fall dabeibleiben und seinen kleinen Bruder moralisch unterstützen.
Die Schule hatte am Haupteingang eine große, breite Treppe. Man ging am ersten Schultag hinauf, und oben nahmen dann die Lehrerinnen und Lehrer die Kinder in Empfang und brachten sie zu ihren Klassen. Da entstand natürlich eine Riesentraube wie vor einem Bienenstock, es wimmelte von Eltern, Kindern, Lehrern. Und Wafa stand mitten drin, weil unsere Mutter auf ihn einquakte, er müsse dringend auf mich aufpassen und ein guter großer Bruder sein. Mütter haben praktisch nie auch nur den Hauch eines Gespürs dafür, wann kleine Jungs einen Ruf zu verlieren haben. Aber das Ganze schien wenigstens noch glimpflich abzulaufen. Wafa erzählt heute noch gern, wie die Lehrerin alle neuen Schüler eingesammelt hat, inklusive Klein-Peyman, wie sie in den Klassen verschwanden und unsere Mutter ihm auf dem verwaisten Schulvorplatz nochmal einen gründlichen Vortrag über seine Verantwortung als Älterer hält. Und wie er sich umdreht und gerade in seine Klasse gehen will, geht oben die große Schultür auf, eine kleine Heulboje rennt raus und schreit gellend: »Mamaaaaaaaaa!! Lass mich nicht alleiin!«
Die Heulboje war natürlich ich. Und Wafa hat sich vor seinen Kumpels in Grund und Boden geschämt, denn seinen kleinen Bruder zu begleiten, ist eine Sache – aber wenn der dann auch noch eine derartige Memme ist, du lieber Himmel. Und dass ich ein wenig ängstlich war, ließ sich spätestens dann nicht mehr verbergen, als meine Mutter mich selbst in meine Klasse bringen musste, weil ich heulend an ihrer Hand hing und mich an ihr festklammerte als ginge es um mein Leben. Ich weiß gar nicht mehr, wie sie mich ins Klassenzimmer geschafft haben ohne Mamas Arm abzutrennen, aber irgendwie muss es geklappt haben, schließlich hat sie ihn heute noch immer. Wafa hingegen behauptet seither, einer von uns sei wohl auf der Straße gefunden worden.
Die Lehrer waren richtig streng. Wenn du deine Hausaufgaben nicht gemacht hattest, bist du nach vorne zitiert worden, vor die gesamte Klasse, und dann gab es Schläge mit dem Lineal innen auf die Finger. Also nicht brutal, klar, das war eine Schule, kein Schreckensregiment, aber es war definitiv nicht angenehm. Das war schon was komplett anderes als die gemütliche Atmosphäre daheim, und Sie können mir glauben, man hat sich wirklich bemüht, die Hausaufgaben zu machen.
Wafa und ich haben uns schnell in der Schule zusammengerauft. Es ging ums Überleben. Es ging darum, wie man dem Kantinenessen entgeht. Wir waren schließlich in einer Ganztagsschule, die uns bis vier Uhr nachmittags betreute. Schüler, die in der Nähe wohnten, durften mittags nach Hause, aber Schüler, die weiter weg gewohnt haben oder deren Eltern, wie unsere, arbeiteten, mussten in die Kantine zum Essen. Und das Essen war furchtbar. Unser Ziel lag gegenüber: eine Imbissbude, wo’s so was wie Hot Dogs gab. Das Problem war, den richtigen Schülerausweis zu kriegen – einen, der bescheinigte, dass man zu den Schülern gehörte, die mittags nach Hause durften. Wafa hat daraufhin einen Brief unserer Mutter gefälscht: Wir bräuchten eine Sondergenehmigung, wir sollten trotz der Berufstätigkeit von ihr und ihrem Mann mittags zu Hause essen. Und er scheint sich dabei richtig geschickt angestellt zu haben, denn er bekam den Ausweis. Und weil es unglaubwürdig gewesen wäre, wenn Mama nur den einen Sohn mittags zu Hause sehen will, den anderen aber nicht, musste er notgedrungen dasselbe für mich mitbeantragen. Der Ausweis war eine Goldgrube.
Wir konnten jeden Mittag raus und essen, was wir wollten. Das war für mich immer völlig selbstverständlich. Wie wir das finanziert haben, habe ich erst kürzlich von Wafa erfahren. Bezahlt haben wir durch Lebensmitteltransporte. Die anderen Kinder wollten schließlich auch immer was vom Imbiss mitgebracht bekommen, und wir haben dann eine kleine Transportpauschale erhoben. Ich hab das natürlich nicht ausgetüftelt, ich bin immer nur mampfend nebenhergetappt, das ist auf Wafas Mist gewachsen – manchmal bin ich ganz verblüfft, dass aus ihm kein Kleinkrimineller geworden ist oder ein Autoschieber, sondern ein extrem anständiger Geschäftsführer.
Ich frage mich, ob ich auf Dauer auch ins Hot-Dog-Transportgeschäft eingestiegen wäre, als Kompagnon, nicht nur als der, der immer mit vollen Backen kauend nebenherläuft. Aber diese Entscheidung hat uns die Revolution ziemlich brutal abgenommen.

Die Wahnsinnsbranche
Ich arbeite in der hektischsten Branche der Welt. Gut, mit Ausnahme von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei vielleicht. Und mit dem besonderen Unterschied, dass die Hektik im Modelbusiness hausgemacht ist. Wahnsinn im Eigenbau, der darin besteht, dass es nie genug Models gibt – obwohl es eigentlich genug Models gibt. Klingt verwirrend, nicht wahr – ist aber nur logisch. Es ist einfache Mathematik. Ganz simpel. Rechnen Sie mit!
Nehmen wir zum Beispiel an, ein Kunde möchte am Freitag in acht Tagen ein Shooting mit einem Model für sein Produkt machen: eine Creme. Also beauftragt er eine Castingagentur, geeignete Models zu finden. Die Agentur sucht sich nun verschiedene Models zusammen und fragt bei den Modelagenturen an, ob die gewünschten Mädchen am Freitag in einer Woche Zeit haben. Wenn das Model Zeit hat, setzen die Castingagenturen eine Option. Das heißt, das Model nimmt sich am kommenden Freitag nichts vor. Das ist im Grunde dasselbe, wie wenn man sich beim Einkaufen eine Hose zurücklegen lässt, aber nicht weiß, ob man sie tatsächlich kaufen wird. Und weil die Castingagentur dem Kunden nicht nur ein Model vorschlagen will, sondern fünf bis zehn, macht sie dasselbe mit anderen Models und anderen Agenturen noch fünf- bis zehnmal. Und das bedeutet: Am kommenden Freitag ist nicht nur ein Model vorerst mal ausgebucht. Sondern zehn. Und zwar so lange, bis sich der Kunde für eines von ihnen entschieden hat. Dann haben die neun anderen am Freitag wieder frei. Und da liegt der Hase im Pfeffer.
Die Agentur des Models weiß das natürlich. Sie weiß: Eine Option ist zwar schön, aber etwas wert ist sie erst bei einer Zusage. Und in neun von zehn Fällen löst sie sich in Luft auf und weder Model noch Agentur haben auch nur einen müden Cent daran verdient. Währenddessen klingelt das Telefon und jemand anderes fragt für den Freitag nach demselben Model. Diesmal nicht für Creme, sondern für Minikleidchen. Aber das Model ist blockiert. Es hat ja versprochen, sich den Freitag freizuhalten, für den Fall, dass es eine Creme belächeln darf. Und jetzt können Sie natürlich sagen: »Ach, das ist dann halt ein dummer Zufall.« Aber wenn alle für jeden Termin zehnmal so viele Leute anfordern, wie sie eigentlich brauchen, dann ist das kein Zufall mehr. Dann ist das System. In einer Woche finden hundert Shootings statt und tausend Models müssen sich diese Tage freihalten. Darum stehen Sie als guter Agent ständig unter Strom.
Denn Sie haben ja permanent Models an der Hand, die Termine und damit Aufträge zusagen müssen, die sie wahrscheinlich doch nicht kriegen. Und Sie haben ständig Anfragen am Telefon für weitere Termine. Ihr Ziel als Agent ist nun, Ihre Models in möglichst viele (und möglichst aussichtsreiche) Rennen um diese Jobs zu schicken, weil nur so gewährleistet ist, dass sie irgendwann Aufträge auch wirklich bekommen. Damit Ihre Models aber andere Optionen zusagen können, müssen die alten Optionen wegfallen. Der optionierende Kunde muss sich entscheiden.
Diese Entscheidungstermine kennen Sie natürlich. Die Castingagentur war so freundlich, es Ihnen gleich bei der Option mitzuteilen. »Am Freitag ist das Shooting«, sagt sie, »bis Dienstag wird sich der Kunde entscheiden, welches Mädchen es wird.« Es wird Montag und es wird Dienstag und was nicht kommt, ist die Entscheidung. Ohne Entscheidung gibt’s auch keine Freiheit für eine neue Option. Und so gegen Nachmittag rufen Sie dann langsam mal an und fragen was los ist.
Vielleicht kennen Sie das auch: Sie haben einen Chef, und der drückt sich um praktisch alle Entscheidungen. Oder er zögert sie hinaus, weil er auch nicht so genau weiß, was denn nun besser oder schlechter ist, und dann hofft er, dass mit der Zeit eine weise Eingebung kommen wird oder eine schlagartige Erleuchtung. Da sind Kunden oft nicht anders. Das ist dann auch der Castingagentur unangenehm. Andererseits will die ihren Kunden auch nicht auf die Füße treten. Also nerven sich Modelagent und Castingagent erstmal eine schöne Zeit lang gegenseitig. Mit allen Terrorinstrumenten des modernen Büros. Wir rufen uns an, bis der andere schon beim Aufleuchten der Telefonnummer im Display schreiend seinen Schreibtisch räumt. Wir schreiben E-Mails, die sich voneinander vor allem dadurch unterscheiden, dass sie immer kürzer werden und dafür immer mehr Ausrufezeichen beinhalten. Wir benutzen die Worte »dringend«, »Dringend!« und »URGENT!!!«, was dasselbe bedeutet, aber auf Englisch noch viel dringender klingt. Ach so, wir bereichern dieses Spiel natürlich gelegentlich auch um weitere Mitstreiter.
Es muss ja gar nicht immer nur das Dreieck Kunde-Castingagentur-Modelagentur sein, das sich gegenseitig das Leben zur Hölle macht. Es ist bei geschicktem Arrangement auch möglich, dass sich die Mitarbeiter der Modelagentur gegenseitig zerfleischen. Sozusagen Terror im Eigenbau. So war es eine meiner Horroraufgaben, Optionen für US-Models unserer New Yorker Niederlassung für europäische Kunden zu besorgen. Das heißt, der Castingagent ruft bei mir an und will ein US-Model. Ich rufe für ihn bei den US-Kollegen an und will die Option buchen. Aber die Option gibt’s nicht, weil das Model noch in einem anderen Rennen ist. Damit ich das Model meinem Europakunden zusagen kann, müsste der US-Kollege nun wiederum bei seinem Kunden auf eine Entscheidung drängen. Seinen Kunden zu nerven schätzt er so sehr wie Fahrradfahren ohne Sattel. Also tut er’s nicht. Oder wenigstens nicht gleich. Weshalb ich brodelnd am Schreibtisch sitze, weil ich sicher bin, dass die drüben mich hängenlassen. Weil sie glauben, dass ihr Kunde wichtiger wäre als mein Kunde, der bei mir anruft und drängelt. Also rufe ich an und nerve weiter. Ich bin gut im Nerven. Bei »IMG« in New York hat mich niemand Peyman genannt. Die haben mich »Painful« getauft. Weil’s so schmerzhaft war, mit mir zu telefonieren. Weil ich nie Ruhe gegeben habe, wenn ich eine Option wollte. Die Amerikaner sagten gern: »Wir melden uns, wenn wir die Option geben können.« Und sie hofften, dass ich dann brav auf ihren Anruf warten würde. Ich habe nie gewartet. Ich habe genervt. Nerven bringt was.
Inzwischen ruft der Kunde bei mir alle zehn Minuten an. Nicht der Kunde selbst, klar, es ist die arme Sekretärin des Kunden oder der Assistent der Castingagentur, die haben von ihren genervten Chefs irgendwann mal den Auftrag bekommen: »Sie klingeln da jetzt alle zehn Minuten durch. Und geben mir alle fünf Minuten Bericht.« Man hebt ab, man beherrscht sich, ist höflich, speichert die ganze Wut, bis man aufgelegt hat und dann ruft man die Kollegen in New York an und lässt seinen Gefühlen mal schön freien Lauf. Währenddessen kommt eine dritte Anfrage für dasselbe Model rein. Sie beißen erst in Ihre Maus, dann ins Mousepad und dann nagen Sie sich durch die Schreibtischplatte. Wenn Sie Pech haben, arbeiten Sie in einer modernen Agentur und die Schreibtischplatte ist aus Glas. Das ist dann nicht gut für die Zähne. Und zum Schluss, wenn Sie geistig von allen Seiten gut durchgewalkt und mürbgezwiebelt worden sind, dann ruft eines Ihrer Models an und fragt, was denn jetzt mit diesem Superjob ist.
Denn das gibt’s natürlich auch: Dass eines Ihrer Models ganz besonders wild auf einen Auftrag von einer Firma ist. Und wenn dieses Model auch noch eine kleine verwöhnte Göre ist, dann kann die Ihnen das Leben genauso zur Hölle machen wie ein Kunde. Dann ruft das Model ganz ohne Sekretärin selbstständig alle zehn Minuten an. Models können da sehr effizient sein.
 
Bitte?
Stimmt, eine berechtigte Frage:
Warum suchen die Agenturen nicht einfach das passende Model aus und setzen DANN erst den Shootingtermin fest? Die Antwort ist: Weil man irgendwo anfangen muss.
 
Weil nicht jedes Model vom Kaliber Laetitia Casta ist. Dann ab dieser Größenordnung dreht sich tatsächlich alles um den Star. Für Stars von diesem Kaliber räumen dann auch Fotografen mal ihren Terminkalender um, aber eben nicht für Lieschen Normalmodel. Und daher hilft es Ihnen als Werbekunde nichts, ein Dreamteam aus Fotograf, Hairstylist, Model, Make-up-Artist zusammenzustellen, wenn der nächste Tag, an dem die alle zusammen Zeit haben, im Dezember ist, und zwar im Dezember 2015. Bis dahin taugt Ihre wunderbare Creme höchstens noch als Schmiermittel für Fahrradketten. Also müssen Sie erst den Tag festlegen und dann die beste Crew finden, die an diesem Tag Zeit hat. Deswegen müssen sich Castingagenten und Modelagenten und Assistenten und Fotoredakteure und Sekretärinnen die Finger wund tippen und die Ohren taub telefonieren. Jeden verdammten Tag aufs Neue.

The Making of: Mode
Was ist Mode? Was gut aussieht? Was modern ist? Und wer legt das fest? Die Modenschauen? Die Modezeitschriften? Eine Mischung aus allem und von allem wieder nichts. Und obwohl es Magazine ohne Ende gibt, die Mode abbilden, bekommen die meisten Menschen von der richtigen Mode nicht viel mit. Dazu gehören leider vermutlich auch Sie.
Gehen wir’s doch mal systematisch durch. Ich möchte wetten, Sie sehen das Ganze ungefähr so: Es gibt in Paris, Mailand, New York und London Modewochen, bei denen die Prêt-à-porter-Shows und die Haute-Couture-Shows stattfinden. Die Presse und das Fernsehen berichten darüber, dann sehen Sie Reportagen über das, was grade angesagt ist. Und die Magazine machen dann große Fotostrecken mit den besten Entwürfen und zeigen Ihnen, ob man in diesem Frühjahr eher Enges oder Weites trägt oder Buntes oder Graues.
Davon stimmt so gut wie nichts. Das Zutreffendste sind noch die Bilder von den Laufstegen: Sie sehen Models, die tatsächlich gelaufen sind und die Entwürfe, die sie tatsächlich getragen haben. Wahrscheinlich waren Ihnen die Entwürfe zu abstrakt, zu bizarr, gucken Sie trotzdem genau hin – näher werden Sie der aktuellen Mode vermutlich nie mehr kommen. Ab diesem Moment wird die Mode zum Produkt der Modelobby. Ab diesem Moment dreht jeder ein wenig an der Wahrheit.
Denn welche Mode in den großen Magazinen und Stilbibeln abgebildet wird, entscheiden nun die Redakteure. Sie wählen aus, mit welchen Kleidern oder Röcken sie die neuen Trends illustrieren. In diesem Herbst sind nilgrüne Blusen chic? Die Redakteurin entscheidet, welche Bluse sie ihrem Model anzieht. Und weil die Modeindustrie das weiß, bemüht sie sich, diesen Redakteuren bei ihrer schweren Entscheidung möglichst gut zu helfen.
An Weihnachten sieht man das besonders gut. Moderedaktionen stehen häufig voller Kartons, weil sie so viele Kleider für Shootings bestellen. Um Weihnachten herum wird der Platz überall doppelt eng, weil sich da zusätzlich die Geschenkkartons türmen. Das sind Geschenke, die richtig teuer werden können. Da geht’s nicht um eine Flasche Wein oder ein Tütchen mit Keksen. Wir reden von Geschenken, bei denen Kollegen neidisch werden, weil sie nicht Moderedakteur geworden sind.
Wenn Sie nun in einer Modestrecke all die kleinen Fotohinweise durchlesen, stellen Sie schnell fest, dass immer dieselben Marken dort auftauchen. Und Sie brauchen nicht anzunehmen, dass durch einen außergewöhnlichen Zufall ausgerechnet diese Handvoll Marken immer das beste Kleidungsstück herstellt. Sie als Leser oder Leserin kriegen immer dieselben Marken gezeigt, weil die Beteiligten das so wollen. Sie sehen nicht die beste oder schönste Mode. Sondern Sie sehen, welcher Redakteur am besten mit welcher Marke, welches Magazin am besten mit welcher Marke zusammenarbeitet. Garniert mit aktuellen Schnitten.
Das muss natürlich nicht nur mit Geld und Geschenken zu tun haben. Viel sympathischer, viel eleganter für alle ist es beispielsweise, den richtigen Leuten zu schmeicheln. Moderedakteure interessieren sich ja meistens nicht zufällig für Mode, sie wären vielleicht selbst gerne Designer geworden, sie halten sich für ausgesprochen kompetent. Als Designer können Sie nun diese Moderedakteure ködern, indem Sie sie ein bisschen wie ihresgleichen behandeln. Sie sagen ihnen, für wie wichtig Sie ihre Meinung halten, dass Sie ihre Artikel gerne lesen, ihre Strecken so unglaublich geschmackvoll und elegant finden, dass Sie denken, dass der jeweilige Redakteur mehr von Mode versteht als die ganzen anderen Wichtigtuer. Redakteure hören das gern, und wenn Sie es geschickt machen, ist Ihre Mode künftig viel öfter im Blatt.
Im schlimmsten Fall können Sie auch einfach mit Gewalt vorgehen: Sie drohen mit Entzug der Anzeigenseiten. Anzeigen sind teuer, versprochene Anzeigen nicht zu schalten ist extrem schmerzhaft für Magazinmacher. Entsprechend hilfsbereit sind viele Redaktionen schon im Voraus, und wenn Sie ein guter Anzeigenkunde sind, entdecken Sie normalerweise Ihre Produkte schnell auch ohne großes eigenes Zutun in den redaktionellen Seiten. So tauchen also beispielsweise auf der Doppelseite »Die schönsten Handtaschen zu Weihnachten« nicht die schönsten Handtaschen der Welt auf, die die Redaktion nach sechs Monaten weltweiter Suche gefunden hat. Wenn Sie Glück haben, sind zwei Handtaschen dabei, die überhaupt eine Redakteurin selbst ausgesucht hat. Zuerst wird im Angebot der Werbekunden geguckt, was die so an neuen Handtaschen haben. Und dann, wenn man so zwölf, 13 zusammen hat und die Redakteurin noch Lust an ihrem Job, dann stellt sie Ihnen vielleicht noch eine kleine Handtasche von einem unbekannten Designer daneben, die sie persönlich mag und außergewöhnlich findet.
Sie fragen sich jetzt vielleicht, wo man denn dann die richtige, echte, unverfälschte Mode findet. Tja, dafür müssen Sie sich andere Zeitschriften suchen, kleinere. Es gibt beispielsweise welche in London. Die befassen sich wirklich mit den Trends, sie sind zu klein, als dass es sich für die großen Modekonzerne lohnen würde, sie zu »kaufen« – und sie befassen sich selbst zu leidenschaftlich mit dem Thema, als dass sie sich kaufen lassen würden. Dazed & Confused ist so ein Heft oder auch Wallpaper, in großen Bahnhofsbuchhandlungen oder an Flughäfen kriegt man die sicher. Wer da mal reinschaut, erlebt einen Kulturschock, und ich gebe zu: Für mich sind die immer etwas zu extravagant. Aber wenn Sie mal wissen wollen, wie Mode aussähe, wenn sie nicht durch verschiedene Machtschichten, Geldströme, Geschenke und Eitelkeiten gefiltert würde, dann müssen Sie hier mal einen Blick hineinwerfen.

Verfolgt
1977/78 änderte sich die Stimmung im Iran. Warum, bekam ich nicht so richtig mit, aber ich merkte, dass sich meine Eltern Sorgen machten. Es war ihnen nicht mehr egal, wo man spielte oder wie lang, sie wollten immer öfter wissen, wann man sich wo aufhielt. Es war, als ginge man an der Hand seiner Mutter spazieren, und plötzlich merkt man, dass sie fester zugreift. Aber nicht ruckartig, sondern man merkt, dass der Griff langsam fester wird.
Tatsächlich hatte es bereits seit einem Jahr immer wieder Unruhen gegeben. Menschen protestierten gegen die Regierung des Schahs, und das alles andere als friedlich. Und das war der Grund, weshalb unsere Eltern uns nicht mehr auf die Straße lassen mochten. Ich weiß noch, dass diese riesigen Menschenmengen, die sich durch die Straßen wälzten, mir komisch vorkamen. Aber als Kind nimmt man ja vieles hin, was merkwürdig ist. Und es ereignete sich allerhand Merkwürdiges.
Die Menschen zogen sich anders an. Mit dem Beginn der Demonstrationen gingen die Frauen auf einmal tief verschleiert auf die Straße. Und das waren Frauen, die normalerweise nicht verschleiert waren. Unsere Bekannten, Menschen aus unserem Freundeskreis, sogar Verwandte, die wir bei uns ganz normal westlich gekleidet im Wohnzimmer hatten sitzen sehen, liefen auf einmal tiefschwarz vermummt durch die Gegend. Man hätte es für eine Art Karneval halten können, aber da war auch nicht der Hauch von Ironie dabei, es war eine bitterernste Sache, und die Menschen, die das machten, wirkten zu allem entschlossen. Wafa erinnert sich noch, dass er unsere Mutter gefragt hat, warum diese Schleier jetzt überall aufkämen, aber eine einleuchtende Antwort hat er nie bekommen.
Es gab noch etwas, was wir nicht begriffen hatten: Man denkt ja gerade als Kind immer, dass Revolutionen von armen Leuten ausgehen. Von Menschen, die nichts zu essen haben, die keine Arbeit finden, Menschen, die verzweifelt sind. Aber schon damals fiel uns auf, dass viele, die mitdemonstrierten, aus wohlhabenderen Schichten stammten als wir. Im Iran ist der Familienbegriff ja weiter gefasst als in Deutschland, insofern war die Familie einfach größer, man kannte die Verhältnisse von mehr Menschen. Und wir wussten: Das waren keine Leute aus Mietshäusern wie unserem, das waren viele Leute aus dem Norden von Teheran, wo man eigene Häuser hatte und einen Swimmingpool, und wo man seine Kinder nach London oder Paris schickte, damit sie dort studieren konnten. Das waren keine hungernden Armen, das waren die Reichen. Das waren hochrangige Beamte, das waren Richter, einer der Leibärzte vom Schah war sogar darunter, die marschierten da alle mit.
Wafa und ich, wir erinnern uns noch an den Tag, als Khomeini in Teheran ankam. Wir waren zu Besuch in der Villa eines wohlhabenden Verwandten und saßen dort vor dem Fernseher. Kaum war er aus dem Flieger ausgestiegen, ging ein Raunen durch den Raum, dass jetzt alles besser würde und was für ein toller Typ dieser Khomeini doch sei. Für uns ging das einfach nicht zusammen: Wie konnte man für eine Regierung arbeiten und deren Gegner bejubeln? Mussten diese Leute nicht dem Schah nachtrauern? Vielleicht war das nur in unserem Bekanntenkreis so auffällig, aber für uns, für Wafa und mich, wirkt es noch immer, als hätten unter der Schah-Regierung erstaunlich viele das Gefühl gehabt, sie kämen zu kurz.
Wafa hat früher als ich geahnt, dass wir durch die Revolution Ärger bekommen würden. Wafa erzählt noch heute, dass direkt vom ersten Tag des Machtwechsels an die Revolutionswächter durch die Straßen gingen und die Menschen mit Kalaschnikows erschossen. Und er hat das nicht nur gehört, er hat das gesehen. Aber auch ich erinnere mich an die Schüsse. Wenn man nachts im Bett lag, hörte man sie. Nicht Geschützlärm aus der Ferne, sondern aus den Vierteln der Nachbarschaft. Einzelne Schüsse, ganze Salven. Es gab permanent Schießereien. Und nicht nur in unserem Viertel, denn wir hatten seit Beginn der Revolution in vielen Vierteln gewohnt. Wir waren auf der Flucht.
An dem Tag, als der Schah abdankte, packten meine Eltern die Koffer. Sie schoben uns ins Auto und dann fuhren wir zu Verwandten nach Norden. In jedem Fernseher, den wir zu sehen bekamen, waren die Übertragungen der Revolutionsgerichte zu sehen. Minister, hohe Beamte wurden abgeurteilt und hingerichtet. Und wir tauchten unter. Wir haben uns bei Verwandten versteckt, schliefen dort ein paar Nächte auf dem Fußboden oder Matratzen, doch wenn wir sie nicht gefährden wollten, durften wir nicht zu lange bleiben. Spitzel und Denunzianten gab es überall, nicht hauptberuflich wie bei der Stasi, aber eben Menschen, die sich beim neuen Regime einschmeicheln wollten. Und es durfte nicht auffallen, dass bei diesem oder jenem in der Wohnung auf einmal zwei Erwachsene und drei Kinder mehr wohnten. Irgendwann, nachdem wir uns bereits in der gesamten näheren Umgebung von Teheran versteckt hatten, beschlossen wir, zu den Schwestern meiner Eltern nach Täbris zu fliehen, 1000 Kilometer weiter in Richtung Norden. Dort solle es nicht ganz so extrem sein wie in Teheran, hieß es.
Also fuhren wir los, voller Angst, weil es dort oben zwar vielleicht ruhiger war, aber der Weg dorthin voller Kontrollposten. Nicht, dass man uns hätte erkennen können, mein Vater war ja kein berühmter Minister, aber es konnte immer passieren, dass ein Revolutionswächter schlecht gelaunt war oder nervös mit dem Finger am Abzug war oder dass ihm deine Nase nicht passte. Wir kamen trotzdem heil in Täbris an.
Unsere Tanten lebten in einer Sackgasse, etwa 200 Meter weit voneinander entfernt. Das Auto versteckten wir bei der jüngeren Schwester in der Garage, mein Vater blieb bei ihr; bei meiner älteren Tante versteckte sich meine Mutter mit uns Kindern. Der Grund dafür war nicht Platzmangel, sondern wirklich Angst: Wenn mein Vater erwischt wurde, sollte nicht die ganze Familie verhaftet werden. Wir blieben dort einige Wochen, und wir konnten unseren Eltern die Sorgen regelrecht vom Gesicht ablesen. Tagsüber kam die Familie bei der älteren Schwester zusammen, beratschlagte, aber wir kamen zu keiner vernünftigen Lösung. Und eines Abends, als es später geworden war als sonst, bestand meine ältere Tante darauf, dass mein Vater die Nacht diesmal bei uns verbrachte. Das hat ihm vermutlich das Leben gerettet.