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Inhaltsverzeichnis
 
 

Erst ich ein Stück, dann du
Patricia Schröder
3 Hexengeschichten
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Der verzauberte Hexenspiegel
An diesem Frühsommermorgen herrschte helle Aufregung im Hexental Billeblix, denn das große Sommersonnenwendefest stand kurz bevor. Hexen, Zauberer und Gaukler aus dem ganzen Land wollten zusammenkommen, um ihre Künste vorzuführen und den längsten Tag im Jahr gebührend zu feiern. Und diesmal sollte das Ganze in Billeblix stattfinden. Luzie war schrecklich aufgeregt. Sie war gerade einhundertundelf Jahre alt geworden und hatte noch nie ein solches Fest erlebt. Bisher waren ihre Mutter, Tante Flora und Oma Orakula immer allein vereist und Luzie hatte mit den anderen Kindern in der Hexenschule zurückbleiben müssen. Aber jetzt, da das Fest bei ihnen im Tal abgehalten wurde, würde Luzie endlich mitfeiern können. Das Dumme war nur: Sie besaß noch keinen richtigen Hexenhut, und deshalb bestürmte sie gleich zum Frühstück ihre Tante. „Liebe, liebe Flora! Kannst du mir bitte einen Hexenhut anfertigen?“
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„Aber natürlich, Liebes, aber natürlich!“, rief Tante Flora.
 
Das sagte sie häufig, denn sie hörte selten richtig zu, weil sie immer sehr mit ihren eigenen Dingen beschäftigt war. Trotzdem konnte Luzie ihre Tante gut leiden, denn sie war sehr hübsch und sehr begabt. „Ich möchte nämlich wie eine richtige Hexe aussehen, wenn ich auf das Fest gehe“, erklärte sie ihr, und wieder sagte tante Flora: Aber natürlich, Liebes, aber natürlich.“
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„Du gehst ganz bestimmt nicht
auf das Fest“, sagte Hexe Bambura.
„Du bist noch viel zu klein.“
Bambura war Luzies Mutter
und sie war furchtbar streng.
 
„Außerdem hat deine liebe Tante gar nicht richtig zugehört“, brummte sie und warf ihrer Schwester Flora einen finsteren Blick zu.
„Wie meistens“, sagte Oma Orakula und seufzte tief. Luzie war das vollkommen egal. Wenn sie schon wieder nicht auf das Sommersonnenwendfest durfte, würde sie durchdrehen, Mamas Hexenkochtopf bis zum Rand vollheulen oder sterben – oder alles zusammen!
 
„Und ich gehe doch dahin!“, rief sie
und stampfte zornig mit dem Fuß auf.
„Nein, nein, nein!“
Bambura schüttelte heftig ihren Kopf.
„Du machst einen Schulausflug.
So wie alle anderen Kinder auch.“
 
Luzie starrte ihre Mutter entsetzt an. „A-aber …“, fing sie an zu stammeln. Nur mit Mühe und Not konnte sie die Tränen zurückdrängen. Wenn sie jetzt schon weinte, hielt Mama sie garantiert erst recht für zu jung für ein solches Ereignis. „Wieso denn?“
„Himmel noch mal!“, brauste Bambura auf. „Das habe ich dir doch nun weiß Gott schon oft genug erklärt. Es ist ein Fest für Erwachsene. Die meisten Tricks, die dort gezeigt werden, sind viel zu gefährlich für euch Kinder.“
„Aber natürlich, Liebes, aber natürlich“, sagte Tante Flora, während sie einen prüfenden Blick in ihren Handspiegel warf und an ihrer neuen Rüschenbluse herumzupfte.
Bambura verdrehte die Augen. „Wenn du auch nur ein einziges Mal deine Ohren richtig aufsperren würdest …“, zischte sie und machte eine schwungvolle Geste mit ihrem Zauberstab.
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Augenblicklich flogen die Türen und Schubladen des Küchenschranks auf, Teller, Tassen, Messer und Löffel sprangen heraus und platzierten sich auf dem Tisch. „Aber natürlich, Liebes, aber natürlich“, flötete Flora, während sie verzückt in ihren Spiegel schaute. Plötzlich spitzte sie die Lippen und herzte und küsste ihr Spiegelbild voller Inbrunst. Dann fasste sie sich an die Brust, sank in den Sessel zurück und verdrehte selig lächelnd die Augen.
Oma Orakula und Bambura starrten Flora an, als ob sie von allen guten Hexengeistern verlassen wäre. „Hauptsache, sie vergisst ihre Künste nicht“, meinte Oma Orakula. „Nur sie kann Majorin, den großen Zauberer aus dem Burgenland, übertrumpfen. Ich habe meinen Kochtopf und die ganze Kräutersammlung auf sie gesetzt.“
Bambura kräuselte die Lippen. „Und ich die Kellerkröte. Und meine Hexenehre natürlich“, fügte sie seufzend hinzu.
Luzie sah ihre Mutter und ihre Oma kopfschüttelnd an. Wie konnten die beiden nur so etwas Albernes tun! Sie selbst würde niemals auf die Idee kommen, ihre wertvollsten Sachen zu verwetten. Das seltsame Benehmen ihrer Tante verwunderte sie allerdings weitaus mehr. So bescheuert hatte Flora sich ja noch nie aufgeführt.
 
Eingebildete Schnepfe!, dachte Luzie.
Aber dann kam ihr eine Idee!
Leise kicherte sie in sich hinein.
Du wirst mir helfen, liebe Tante, dachte sie.
Hastig schlang sie
ihr Spinnenbrot hinunter
und sprang vom Stuhl auf.
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„Haaalt!“, rief ihre Mutter. Sie hielt Luzie am Handgelenk fest. „Wo willst du denn jetzt wieder hin? Hast du überhaupt schon aufgegessen?“
„Aber natürlich, Liebes, aber natürlich“, erwiderte Flora. „Dich habe ich nicht gefragt“, brummte Bambura und wandte sich wieder ihrer Tochter zu.
„Ich bin pappsatt“, beeilte Luzie sich, zu antworten. „Diese Spinnen stopfen immer so.“Sie setzte ein wehleidiges Gesicht auf. „Wenn ich zu viel davon esse, wird mir schlecht und ich muss mich übergeben.“
„Schon gut, schon gut“, sagte Bambura. „Und was hast du jetzt vor? Doch hoffentlich keinen Unsinn!“
 
„Aber nein!“, rief Luzie erbost.
„Ich mache doch keinen Unsinn!
Ich muss noch für die Schule lernen.“
 
Zum Glück gab sich Bambura damit zufrieden. Sie ließ ihre Tochter los, und Luzie flitzte so schnell ihre Beine sie tragen konnten die Treppe hinauf in ihr Zimmer, das sich ganz oben im Rundturm des Hauses befand. Sie drückte die Tür zu, legte den Riegel vor und verschnaufte kurz, bevor sie sich auf ihr Regal stürzte.
 
Luzie besaß viele Bücher.
Lesebücher, Tierbücher,
Geschichtenbücher
und Bücher über Zaubertränke,
aber nur ein einziges
über Zaubersprüche.
„Lass mich raus!“, krähte Rabe Rolfi.
Er hockte in einem Käfig.
 
Es war ein großer Käfig und er stand direkt am Fenster, sodass Rolfi einen fantastischen Blick über das ganze Hexental hatte, dennoch ließ er missmutig die Flügel hängen. Der Rabe konnte es nun einmal nicht leiden, wenn er Gitterstäbe vor dem Schnabel hatte.
„Warum sollte ich das tun?“, fragte Luzie, während sie an ihrem Regal entlangging und den Zeigefinger suchend über die Buchrücken gleiten ließ. „Du machst doch ohnehin nichts als Scherereien.“
„Mach ich gar nicht!“, protestierte Rolfi. „Ich bin der liebste und netteste Rabe der Welt.“
„Ja, und der Unnützeste“, brummte Luzie. Sie stoppte, denn endlich hatte sie gefunden, was sie suchte: das Zaubersprüchebuch!
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Sie zog es heraus und schlug es auf.
Die meisten Sprüche waren
in normaler Schrift gedruckt.
Die geheimen Sprüche aber
waren in Geheimschrift geschrieben.
„Ich bin sogar sehr nützlich“, krähte Rolfi.
 
„Hahaha, das wüsste ich aber“, erwiderte Luzie. „Ständig kackst du auf den Boden und überall fliegen deine dussligen schwarzen Federn herum.“
„Meine Federn sind nicht dusslig, meine Federn sind Zauberfedern“, behauptete Rolfi und reckte stolz die Brust heraus.