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Inhaltsverzeichnis
 
 

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Geheimniskrämerei
Mirella saß mit ihren Freundinnen Lalina und Sike auf dem großen Korallenriff, das sich gegenüber der Nixenschule befand. Hier verbrachten die Meermädchen ihre Pausen. Sie spielten mit den Fischen, Muscheln und Krebsen oder errichteten auf dem Meeresboden prächtige Sandburgen. Mirella, Sike und Lalina waren in der vierten Nixenklasse und gehörten damit zu den ältesten Kindern an der Schule. Das Burgenbauen überließen sie mittlerweile den Meerjungen und den kleineren Nixen. Sie selbst hatten andere – wichtigere – Dinge zu tun.
Lalina und Sike verbrachten ihre freie Zeit am liebsten damit, ihre langen Haare zu kämmen und ihre prächtigen Schwänze zu reinigen.
 
„Heiliger Neptun!“, stöhnte Sike.
„Zwischen meinen Schuppen sind hundert und eine Million Sandkörner. – Mindestens!“
„Und meine Schuppen werden an den Rändern schon ganz grün“, jammerte Lalina.
 
Mirella schwieg. Ihr war es egal, wenn ihre Schuppen grüne Ränder bekamen. Das fand sie sogar ganz hübsch. Und die Sandkörnchen wurden durch die Schwanzbewegungen doch ganz von alleine wieder herausgespült.
Mirella war sehr sportlich. Sie hatte beim Schnellspurt schon viele Perlmuttmedaillen gewonnen und im Kunstschwimmen war sie seit Monaten unschlagbar.
„Seht mal hier“, sagte Lalina. Sie streckte ihre Hand aus und deutete auf einen winzigen Muschelring, den sie am kleinen Finger trug. Er schillerte in allen Regenbogenfarben.
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„Oh!“, rief Sike. „Wo hast du den denn her?“
„Die Muschel hab ich gefunden“,
erzählte Lalina.
„Und Mama hat mir einen Ring
daraus gemacht.“
„Toll!“staunte Sike.
„Ja, gaaanz toll!“, ertönte eine Stimme
hinter ihnen.
Sie gehörte Raja, einer Nixe
mit großen grünen Augen.
Ihre langen schwarzen Locken
waren mit blauen Perlen geschmückt.
 
Raja war eine Klassenkameradin von Mirella, Lalina und Sike. Sie thronte in einem Büschel Seeanemonen und warf einen abfälligen Blick auf Lalinas Hand.
„Ein Muschelring!“, rief sie. „Das ist ja absolut sensationell! Wirklich außergewöhnlich!“Lachend warf sie den Kopf zurück. „Deine Mami ist ja eine echte Basteltante!“
 
„Du bist doch bloß neidisch“, sagte Sike.
„Ja klar“, spottete Raja. „Ausgerechnet ich!“
Sie spielte mit der Perlenkette,
die sie sich dreimal um den Hals
geschlungen hatte.
 
Angeberin!, dachte Mirella wütend.
Immer musste Raja die Beste, die Schönste und die Reichste sein! Noch nie hatte sie gejubelt, wenn Mirella eine Medaille gewann. Und noch nie war sie stolz auf eine besondere Leistung eines Mitschülers gewesen. Im Gegenteil: Während sich Mirella, Lalina, Sike und alle übrigen Meerkinder mit ihren Klassenkameraden freuten, wenn ihnen etwas Tolles gelang, hockte Raja immer nur da und machte ein obergriesgrämiges Gesicht.
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„Wollt ihr gar nicht wissen, woher ich diese tolle Kette habe?“, fragte sie nun.
„Nö“, sagte Mirella. „Das interessiert mich überhaupt nicht.“Ihre Freundinnen Lalina und Sike nickten. Zuerst jedenfalls. Dann jedoch fingen sie an herumzudrucksen.
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„Na jaaa …“, sagte Sike zögernd.
Verlegen strich sie
über ihren Schuppenschwanz.
„Vielleicht …“, meinte Lalina und wickelte
sich eine ihrer blonden Haarsträhnen
um den Finger.
In Mirella stieg Zorn auf.
„Was denn jetzt?“, fragte Raja ungeduldig.
 
„Du könntest es uns ja einfach erzählen“, sagte Sike schnell. Mirella kniff ihr warnend in den Arm, doch Sike meinte nur:
„Wieso denn nicht? Was ist schon dabei?“
„Außerdem sieht die Kette doch wirklich hübsch aus“, sagte Lalina.
Raja reckte ihr spitzes Kinn hervor und lächelte süß.
„Es ist ein ganz besonderer Ort, an dem meine Mutter und ich diese wundervollen Perlen gefunden haben“, säuselte sie und klimperte geheimnisvoll mit ihren langen schwarzen Wimpern.
Lalina und Sike machten große Augen und auch Mirellas Interesse war geweckt. Sie versuchte sich jedoch nichts anmerken zu lassen und spielte gelangweilt mit einem kleinen Krebs.
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„Ich weiß nicht, ob ich es euch wirklich verraten soll“, sagte Raja. „Immerhin haben meine Mutter und ich diesen Ort gefunden und wir möchten natürlich nicht, dass gleich alle dorthin schwimmen und sich Perlen, Ringe und Broschen holen.“
 
Sike riss ihre Augen weit auf.
„Sind dort etwa noch mehr Schätze?“,
rief sie.
Raja stöhnte gelangweilt.
„Ja, was denkst du denn?“, sagte sie.
„Und wo?“, fragte Lalina.
Sie wedelte aufgeregt
mit ihrer Flosse hin und her.
„Hast du nicht richtig zugehört?“, erwiderte Mirella ungeduldig. „Das verrät Raja uns nicht. Denn natürlich will sie die ganzen Klunker nur für sich behalten.“
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Rajas grüne Augen wurden so schmal wie Austernschlitze. „Du hast es erfasst“, zischte sie böse. „Für mich und meine Mutter. Davon abgesehen wärst du ohnehin die Allerletzte, die ich in ein solches Geheimnis einweihen würde.“
Sike und Lalina sahen sich erschrocken an.
„Das brauchst du auch gar nicht“, sagte Mirella. „Es gibt nicht viele Orte, an denen man Perlenketten, Ringe und Broschen finden kann. Glaub bloß nicht, dass ich nicht weiß, wo das ist.“
Raja stemmte die Hände auf ihre Hüften. Sie bog sich weit nach hinten und fing lauthals an zu lachen. Unzählige Blubberblasen sprudelten aus ihrer Nase.