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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Michael Fuchs-Gamböck, Jahrgang 1965, war Ressortleiter »Musik« beim Magazin »Wiener« und ist heute freier Musikjournalist für »Playboy«, »Cosmopolitan«, »Musik Express«, »Marie Claire«, »Hammer«, »Focus« und »AUDIO«. Zusammen mit Thorsten Schatz hat er zahlreiche Musikbiografien veröffentlicht.
 
Thorsten Schatz, Jahrgang 1968, ist freier Musikjournalist und arbeitet als Pop-Historiker. Er schreibt u.a. für das »Jazzpodium« und die »Hannoversche Allgemeine Zeitung« und ist für das Popmagazin »melodie & rhythm« tätig.

Gewidmet meiner Mutter Ingrid, meiner Lebensgefährtin Liliana und meiner Tochter Pauline, ohne die mein Leben um einiges ärmer wäre.
Michael Fuchs-Gamböck
 
 
Für meine beiden Söhne Tim Samuel und Philip, und meine Frau Monika, die mich immer wieder auf die Erde holt.
Thorsten Schatz

Einleitung
Lena Meyer – Landrut: Von null auf hundert zum Superstar
Lena Meyer-Landrut. Ein betulich wirkender Name, hinter dem man bis vor nicht allzu langer Zeit garantiert keinen Popstar vermutet hätte. Schon gar keinen mit Massenappeal. Und doch sorgt seit Anfang des Jahres 2010 – spätestens aber seit dem 29. Mai – eine junge Frau mit diesem Namen in Deutschland (und nicht nur dort!) für Furore. Sie ist die neue »Prinzessin der Herzen«!
Was ist passiert? Wer ist diese Hannoveranerin, die als »Lena für alle« viele Millionen Menschen im Sturm für sich erobert hat? Zuerst einmal hatte sie es geschafft, bei einer mehrwöchigen Castingshow zwischen Februar und März 2010 als Siegerin abzuschneiden und dadurch Deutschlands Vertreterin beim jährlich stattfindenden Eurovision Song Contest, dem größten europäischen Musikwettbewerb, zu werden. Dann flog Lena nach Oslo, wo der Contest 2010 stattfand, und gewann ein zweites Mal – damit hatten nun wirklich nicht viele gerechnet. Aber sie hat sich mit weitem Abstand gegen 24 andere Teilnehmer durchgesetzt.
Bereits vor ihrem mittlerweile legendären Oslo-Auftritt war Lena zumindest in den deutschsprachigen Ländern ein Star: Ihr Siegerlied bei der Castingshow »Unser Star für Oslo« – »Satellite« – machte seinem Titel alle Ehre und katapultierte sich wie ein rasender Raumflugkörper unmittelbar nach Erscheinen am 22. März 2010 sofort auf Position 1 der deutschen Singlecharts. Die beiden Nachfolgesingles »Bee« und »Love Me« sicherten sich in der ersten Woche nach Veröffentlichung Platz 3 und 4 der Charts. Damit war Lena die erste Künstlerin überhaupt, die auf einen Schlag drei Singles in den deutschen Top Ten platzieren konnte. Das war bis dato nicht einmal den Beatles gelungen! Bei so viel Beliebtheit und Anerkennung verwundert es kaum noch, dass Lenas Debütalbum »My Cassette Player« Mitte Mai gleichfalls der direkte Einstieg in die Charts gelang: und zwar von null auf eins.
Wer ist Lena? Zunächst einmal ist ihre öffentliche Gestalt das Produkt einer konzertierten Aktion des Privatsenders ProSieben und der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt NDR. Ersterer hat Stefan Raab, den mächtigen Mann mit Sinn für Talente, Letztere hatte einen maroden »Eurovision Song Contest«-Vorentscheid, den in den vergangenen Jahren kaum noch jemand auf der Mattscheibe sehen wollte. Die beiden Sender taten sich zusammen und casteten die Hoffnung für Oslo. Die Sendung wurde der gehaltvolle Gegenentwurf etwa zu Dieter Bohlens prolliger TV-Show »Deutschland sucht den Superstar« – und war ein immenser Erfolg bei den Zuschauern.
Lena erfreute von Beginn an, trotz einiger offensichtlicher Mängel in ihrer Performance. Die Autodidaktin kann nicht umwerfend gut singen, sie hat einen etwas merkwürdigen englischen Akzent, sie bewegt sich mitunter ungelenk – aber sie ist, wie es Showexperten nennen, »vollkommen präsent«. Das bedeutet: Obwohl der Teenager zwischendurch ins Mikro gluckst, x-beinig dasteht und mit den Armen zappelt, schauen und hören ihr die Leute gerne zu.
Unverfälscht kommt sie daher, in ihrer Unvollkommenheit steckt Echtheit – im Gegensatz zu den vielen anderen gezüchteten sogenannten Superstars, deren Lächeln und Agieren aufgesetzt wirkt. Lena hingegen sagt stets das, was ihr einfällt, selbst wenn es gelegentlich schräg klingt.
Die Niedersächsin offenbart sich auch nicht in den einschlägigen Boulevardblättern, sie beantwortet keine Fragen nach ihrem Privatleben, sie lässt keine Homestorys von sich machen. Das finden viele sympathisch, weil es der jungen Frau offenbar nicht ausschließlich um Berühmtheit geht. Ihr Ziehvater Stefan Raab hat ihr diese PR-Strategie vermacht und dafür gesorgt, dass es vermutlich gerade deshalb von »Morgenmagazin« bis »Tagesthemen« seit Monaten keine Lena-freie Zone mehr gibt. Lena ist inzwischen eine Art singendes Schneewittchen: frech, aber nicht vorlaut. Selbstbewusst, ohne eitel zu sein. Schlau ohne Schlaumeierei, wie der Stern schrieb.
Und Lena ist noch mehr – in erster Linie ist sie natürlich. Während die anderen Kandidaten beim Eurovision Song Contest 2010 eine aufwändige Show nach der anderen auf die Beine stellten und die Bühne mit zahlreichen halbnackten Backgroundtänzern, durchgeknallten Kostümen und spektakulären Pyro-Effekten in Besitz nahmen, sang Lena wie beinahe immer in einem schlichten schwarzen Kleid und bestach alleine durch ihre Ausstrahlung, völlig ohne Show und Effekte. Stattdessen schien sie riesigen Spaß an ihrer Vorführung zu haben. Das war der Knackpunkt, warum sich die Europäer mit weitem Vorsprung für Lena als Siegerin des Musikwettbewerbs entschieden.
Die 1991 geborene Niedersächsin hat nicht nur in diesem Contest triumphiert, der von über 125 Millionen Menschen in ganz Europa an den Bildschirmen mitverfolgt wurde, sie ist auch so etwas wie der Beginn eines neuen Zeitalters in der vom Fernsehen geprägten Gesellschaft. Etliche Zuschauer wehrten sich durch Lenas Wahl indirekt gegen die ewig gleiche Fleischbeschau, wie sie von Lady Gaga, Paris Hilton, Britney Spears und anderen vorgeführt wird. Sie sind auch wegen hochglanzgestylter Formate wie »Germany’s Next Top Model« der Sendungen überdrüssig, die sich ausschließlich um Schönheit und Styling drehen. Dass alles im Fernsehen immer oberflächlicher wird – nein danke!
Lena verkörpert stattdessen das gesteigerte Bedürfnis vieler Menschen nach Authentizität und Ehrlichkeit. Sie macht Karriere als Sängerin und hat dennoch wie nebenbei erfolgreich ihr Abitur bestanden. Sie ist hübsch und trägt ihre körperlichen Reize nicht via ultrakurzer Hot Pants zu Markte. Sie ist der Beweis dafür, dass man nicht halbkriminell oder in einer Hartz-IV-Familie aufgewachsen sein muss, um eine Karriere als Castingstar machen zu können. Lena ist nicht spektakulär. Aber: Lena ist Lena. Und genau das lieben Millionen Fans an ihr und bringen dies mit ihrer Begeisterung für sie zum Ausdruck.
Lena wollte nie Topmodel oder Superstar werden. Sie hat sich durch reinen Zufall bei »Unser Star für Oslo« beworben, hat – einfach so – teilgenommen, kam von Runde zu Runde weiter. Mit einem Mal war sie Siegerin. Fuhr nach Oslo. Und wurde schließlich Europas Sängerinnen-Phänomen Nummer 1.
Lena hat den Eurovision Song Contest mit weitem Abstand gewonnen. Sie hat sich darüber gefreut, ganz klar. Aber sie ist darüber nicht durchgedreht. Am Tag nach ihrem Sieg wurde sie auf dem Flughafen ihrer Heimatstadt Hannover wie eine Prinzessin empfangen. Mehr als 40 000 Fans jubelten ihr zu. Sie durfte sich in das Goldene Buch der Stadt Hannover eintragen. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff gratulierte ihr höchstpersönlich zum Triumph. Lena lächelte. Es ist dieses unnachahmliche, bescheidene wie wissende Lächeln, das sie einzigartig macht.
»Wenn man jemanden wie Lena einer Plattenfirma oder einem sogenannten Fachmann vorstellen würde, hätte sie in deren Augen kein einziges Attribut von dem, was jemand als genormte Voraussetzung besitzen müsste, damit er ein Star wird«, meint das Mastermind des Musikprojekts Schiller, Christopher von Deylen, über das Wunderkind.
»Lenaismus« heißt das neue Schlagwort in den deutschsprachigen Medien, während die Briten von »Lenamania« sprechen. Die Begeisterung für das Mädchen mit dem sperrigen Nachnamen Meyer-Landrut schlägt europaweit hohe Wellen. Warum die Siegerin des Eurovision Song Contest bei so vielen Menschen gut ankommt, erklärt der Medienexperte Helmut Scherer, Professor für Medienund Kommunikationswissenschaften aus Hannover, folgendermaßen: »Lena ist authentisch, mit ihr kann man sich identifizieren, und das ist heute gefragt.«
Lena selbst gibt sich auf die Frage, wie sie sich die Faszination um ihre Person erklärt, entspannt: »Ich bin immer noch dieselbe Lena, die ich stets war und bleiben werde.« In unruhigen Zeiten wie den unseren ist genau diese innere Ruhe der Grund, warum sie inzwischen der Star für Millionen ist. Lena ist Lena!

Kapitel 1
Vor dem Contest: Lenas Leben in Hannover
Die Stadt Hannover wurde und wird immer wieder als provinziell, als kleinbürgerlich belächelt. Dabei ist die niedersächsische Metropole, in der über eine halbe Million Menschen leben, die Heimatstadt einiger Persönlichkeiten, deren Namen und Werke über die Stadtgrenzen hinaus in der restlichen Bundesrepublik und sogar weltweit bekannt geworden sind. Zum Beispiel ist Emil Berliner zu nennen, der 1851 dort geboren wurde und 1887 sowohl die Schallplatte als auch das Grammophon erfand. Sein Bruder Joseph gründete daraufhin in Hannover die erste Grammophon-Fabrik überhaupt.
Ungefähr zu dieser Zeit, 1889, baute ein gewisser Hermann Bahlsen in der Messestadt »die Hannoversche Cakesfabrik« und seitdem werden unter seinem Namen die bekanntesten Butterkekse auf dem Globus produziert.
Theodor Lessing, ein weiterer berühmter Sohn der Stadt, gründete ein paar Jahre später, 1919, zusammen mit seiner Frau Ada die erste Volkshochschule Deutschlands.
Auch der Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder reiht sich ein in die Liste berühmter Hannoveraner. Er wurde zwar in Mossenberg geboren, war aber von 1990 bis 1998 niedersächsischer Ministerpräsident mit Amtssitz in Hannover und danach bis 2005 der siebte deutsche Bundeskanzler. Er lebt auch nach dem Ende seiner Regierungszeit in der Messestadt.
Doch nicht nur auf dem politischen Sektor hat die Stadt mit dem ältesten Flohmarkt Deutschlands einiges zu bieten. Auch im kulturellen Bereich tummelt sich eine ganze Riege berühmter kulturschaffender Hannoveraner, wie zum Beispiel die Regisseurin Doris Dörrie (»Männer«, »Kirschblüten – Hanami«), der Cartoonist Uli Stein, die Schauspielerin Maria Schrader (»Keiner liebt mich«, »Vorstadtkrokodile«) und ihr Kollege Kai Wiesinger (»Kleine Haie«, »Comedian Harmonists«) sowie der Comedian Oliver Pocher. Hinzu kommen Musiker wie die in Hannover entstandene Techno-Truppe Scooter (»Hyper Hyper«), der Sänger Mark Morrison (sein großer Hit: »Return Of The Mack«) und nicht zu vergessen Klaus Meine, Frontmann der Hardrock-Band Scorpions, die 2010 ihren Abschied aus der Rock-Arena bekanntgaben.
Keinen Abschied, sondern einen phänomenalen Einstieg in das Musikbusiness als neuer deutscher Shooting-Star erlebte eine junge Sängerin aus Hannover. Denn sie sorgte 2010 für eine Sensation in der deutschen Musikgeschichte, indem sie nach 28 Jahren Durststrecke den Eurovision Song Contest für die Bundesrepublik gewann: Lena Meyer-Landrut.
Sie wurde am 23. Mai 1991 geboren und trägt einen der beliebtesten weiblichen Vornamen in Deutschland. Er kommt oft in skandinavischen Ländern vor, wurde in Deutschland vor allem durch das gleichnamige Lied der Deutsch-Pop-Band »Pur« im Jahr 1990 populär und war 2008 der vierthäufigste weibliche Vorname.
Lena ist aber gleichzeitig tatsächlich so etwas wie ein »Eurovisions-Name«. Denn es gab schon einmal jemanden mit diesem Vornamen, der bei dem damals noch als »Grand Prix Eurovision de la Chanson« betitelten Sanges-Wettbewerb Deutschland vertrat: Lena Valaitis, die 1981 mit »Johnny Blue« immerhin auf den zweiten Platz kam. Ein Jahr später schaffte die damals 17-jährige Nicole mit »Ein bisschen Frieden« die Spitzenposition. Und nun, 28 Jahre später, hat Lena Meyer-Landrut den Sieg geholt. Für den Contest hatte sie ihren Nachnamen einfach weggelassen, weil er für diejenigen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, schlichtweg zu schwierig auszusprechen ist.
Dabei hat der Name in Deutschland einen guten Klang, insbesondere durch Lenas Großvater, einen in internationalen politischen Kreisen bekannten Diplomaten: Andreas Meyer-Landrut.
Dieser wurde am 31. Mai 1929 in Tallinn, Estland, in eine deutsch-baltische Familie hineingeboren. Anfang des Zweiten Weltkriegs wurde die ehemalige Industriellenfamilie in das von Deutschen besetzte Polen umgesiedelt. Von dort flüchteten sie am Ende des Krieges nach Deutschland, wo Andreas Meyer-Landrut eine glänzende Karriere als Diplomat machen sollte.
Er studierte in Göttingen Soziologie, osteuropäische Geschichte und Slawistik und promovierte 1954 zum Dr. phil. Nur ein Jahr später arbeitete Andreas Meyer-Landrut bereits als Botschafter im Auswärtigen Amt, unter anderem in den Städten Tokio, Brüssel und Brazzaville, der Hauptstadt der afrikanischen Republik Kongo.
Wenig später wurde er wegen seiner diplomatischen Fähigkeiten – und weil er die russische Sprache so hervorragend beherrschte – in die deutsche Botschaft nach Moskau entsandt. Fünf Jahre lang vermittelte er als deutscher Botschafter zwischen der Bundesregierung unter Helmut Kohl und der Sowjet-Führung unter Michail Gorbatschow. Er sorgte so mit dafür, dass sich die politischen Lager in dieser Phase der Annäherung verständigen konnten. Während dieser Zeit setzte sich der Diplomat auch für die Russlanddeutschen ein.
Aber Lenas Großvater hatte noch andere Ämter inne: Er war Staatssekretär des Auswärtigen Amts in Bonn und unter Bundespräsident Richard von Weizsäcker von 1989 bis 1994 Chef des Bundespräsidialamtes. Außerdem wurde Dr. Andreas Meyer-Landrut hochdekoriert: Der Diplomat ist Träger des »Großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband«.
Als diese Beamtenkarriere beendet war, ging er in die Wirtschaft und war bis 2002 für die Niederlassung der DaimlerChrysler AG in Moskau verantwortlich. Er schrieb seine Erlebnisse im sogenannten Kalten Krieg zwischen Ost und West in dem Buch Mit Gott und langen Unterhosen nieder, das 2003 erschien.
Über sein Privatleben ist bekannt, dass Dr. Andreas Meyer-Landrut zweimal verheiratet war. Seine Ehefrau Nummer eins entstammt dem ungarischen Adelsgeschlecht von Karatsony. Sie brachte zwei Kinder zur Welt: eine Tochter und einen Sohn, der den Namen Ladislas bekam. Dieser wurde 1991 selbst Vater einer Tochter – die er und seine Frau Lena nennen sollten.
Als die Kleine zwei Jahre alt war, verließ Ladislas Meyer-Landrut die Familie, und Lena wuchs bei ihrer Mutter – über die sich die Sängerin komplett ausschweigt – in Hannover auf. Der zur Zeit der Entstehung dieses Buches 48-jährige Vater der Sängerin hatte daraufhin 16 Jahre lang keinen Kontakt mehr zu seiner Tochter. Als sie jedoch als deutsche Eurovisions-Hoffnung in ganz Deutschland und darüber hinaus populär wurde, berichteten die Medien auch über Lenas Vater.
Ladislas Meyer-Landrut lebte während der Contest-Phase in einer kleinen Wohnung in einem Acht-Parteien-Mietshaus in Köln und verdiente seine Brötchen in kommunalen Altenheimen. Ähnlich wie Lena macht er Musik – mit der Band Fairytale. Die bevorzugt jedoch härtere, rockigere Klänge. Dementsprechend hat sich Ladislas Meyer-Landrut auch das Outfit eines Rockers zugelegt: In einem Video von vom 30. Mai 2010 war er stilecht mit schwarzer Lederhose und schwarzen Stiefeletten, zum Pferdeschwanz zurückgebundenem Haar, zwei schwarzen Holz-Piercings und Vollbart zu sehen. Die Haare sind schon von grauen Strähnen durchzogen, seine dunkelbraunen Augen erinnern an Lena.
Die Rockband Fairytale wurde 1993 in Euskirchen gegründet und ist dort keine unbekannte Gruppe, denn sie erhielt den Kulturpreis von Euskirchen und war Gewinner des RPR1-Newcomer-Festivals. Im Sommer 2010 setzte sich die Formation aus der Sängerin Ramona Jakobs, dem Gitarristen Ralf Brand, dem Keyboarder Slaven Czrnik, dem Drummer Nicky Lüssem und einem gewissen Ladislas von Karatsony, der dort seit 2009 unter dem Mädchennamen seiner Mutter Bassist ist, zusammen. Fairytale spielte bereits als Support-Band von bekannten Acts wie Guildo Horn, Brings, In Extremo, Barclay James Harvest sowie der Rock-Legende Asia. Im Oktober 2010 soll ihr siebtes Album erscheinen.
Der Musiker erklärte in der Bild-Zeitung vom 12. Mai 2010, dass er bloß der »Erzeuger« Lenas sei und nicht mit seiner Tochter Verbindung aufnehmen wolle, weil das »komisch« erscheinen würde. Vielleicht hatte er Angst, dass die Öffentlichkeit denken könnte, er wolle vom Ruhm seiner Tochter profitieren. Doch es freute ihn, dass Lena die Abiturprüfungen bestehen wollte, und er war überglücklich, dass sie den Oslo-Wettbewerb für sich entscheiden konnte.
Die Kamera von fing seine Reaktionen und die seiner Band während der Eurovisions-Nacht ein. Sie waren mehr als euphorisch. Alle feuerten sie seine Tochter vor dem Fernseher mit »Lena«-Rufen an. Alle applaudierten begeistert, als klar war, dass die hübsche Sängerin gewonnen hatte. Ihr Vater konnte seine Gefühle kaum in Worten ausdrücken: »Ich bin gar nicht fähig, jetzt einen klaren Gedanken zu finden.« Er schüttelte den Kopf, lächelte glücklich und schien die eine oder andere Träne in den Augen zu haben. Vielleicht dachte er auch daran, was er all die Jahre verpasst hatte: diese Tochter aufwachsen zu sehen, mit ihr zusammen zu sein.
Den Grund, warum er die Familie verlassen hatte, deutete er im Interview mit der Bild vom 12. Mai 2010 an. Man wird diese Andeutungen wohl so interpretieren können, dass die Eltern sich scheiden ließen, auch weil es vielleicht öfters zu mitunter lautstarken Meinungsverschiedenheiten kam, denn er sagte: »Da kann das Kind nichts für, wenn der Papa bellt und die Mama miaut.« Vielleicht passten die beiden einfach nicht zueinander, waren wie viele andere Paare zu konträr. Hätte Ladislas Meyer-Landrut ansonsten das Bild von Hund und Katze gewählt?
Nachdem Lenas Vater in die Öffentlichkeit getreten war, gab es dazu etliche sehr gegensätzliche Kommentare im Internet, wie zum Beispiel auf den Seiten von .
Dort schrieb etwa ein »Lena-Fan« am 13. Mai 2010 erbost: »Was für ein verantwortungsloser Vater, die arme Lena tut mir leid. Und dann auch noch an die Presse damit zu gehen. Aber Lena ist ein gutes Beispiel dafür, dass starke Frauen (auch) ohne Väter entstehen.« Und einen Tag zuvor schrieb »wibi40« verständnisvoll: »Solche Situationen gibt es sicher öfter, als wir glauben. Ich kann ihn durchaus verstehen und respektiere seine Haltung.«
»Thomas1710« ging sogar noch weiter und zollte Lenas Vater für die Entscheidung Respekt, seine Tochter in ihrer populären Phase nicht zu kontaktieren: »Ich kann nicht beurteilen und werten, warum er 16 Jahre lang keinen Kontakt zu seiner Tochter hatte. Aber die meisten Menschen würden im Moment des Ruhms versuchen, daraus etwas zu machen. Respekt vor der Konsequenz!«
Daraufhin antwortete »MS« scharf: »Respekt davor, dass er seiner Tochter (und der ganzen Nation) über die Medien ausrichtet, dass er nix von ihr wissen will? Respektabel wäre gewesen, wenn er es abgelehnt hätte, mit der Bild zu sprechen!«
Nach dem Eurovisionssieg war dann alles anders. Ladislas Meyer-Landrut bot – wieder über die Medien – seiner Tochter einen Neuanfang an, sprich: Sie könne jederzeit mit ihm in Kontakt treten, wenn sie das wolle. Er spielte ihr also den Ball zu, die Verbindung wiederaufzunehmen: »Ich habe die Tür aufgestoßen – hindurchgehen muss sie selbst.« Das sagte Lenas Vater dem Starmagazin In Anfang Juni 2010. Vor dem Wettbewerb habe er kein Treffen gewollt, erklärte der Musiker, weil sie das vielleicht so verunsichert hätte, dass sie ihren Oslo-Auftritt nicht sonderlich gut absolviert und am Ende den Wettbewerb nicht gewonnen hätte.
Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, ob Lena sein Angebot annehmen wird oder nicht. Nicht wenige Scheidungskinder haben ja das Bedürfnis, mehr darüber zu erfahren, wie der getrennt lebende Elternteil eigentlich ist. Ob dies auch auf Lena zutrifft, geht die Öffentlichkeit nichts an.
Lena wuchs in Hannover als Einzelkind heran, in der Nähe von Köln hat sie noch zwei Halbbrüder. Ende Mai 2010 wurden außerdem zwei Großcousinen der Sängerin ausfindig gemacht, die damals 18-Jährige Isabel und ihre ein Jahr jüngere Schwester Konstanze Meyer-Landrut aus Billerbeck. Die Musik ihrer berühmten Verwandten hören die beiden zwar gern, bevorzugen ansonsten aber eher klassische Musik. Isabel spielt Bratsche, Konstanze übt sich auf dem Klavier und dem Cello. Dass sie überhaupt mit Lena verwandt sind, die eine Cousine zweiten Grades ist, darauf brachten sie ihre Lehrer und Mitschüler. Nun wollen sie den Oslo-Star natürlich auch gern mal kennenlernen. Und die Chancen dafür stehen gut, in der Presse wird gerätselt, ob im Herbst 2010 ein großes Treffen der Familie stattfinden könnte.
Mit ihrer weitläufigen Verwandtschaft hatte Lena offenbar nichts zu tun, als sie in Misburg-Anderten, am östlichen Rand der Stadt, aufwuchs. Der Stadtteil Hannovers mit insgesamt fast 32 000 Einwohnern wirkt ruhig, bürgerlich, viele Eigenheimsiedlungen sind dort zu finden, die Häuser sehen gepflegt aus, nichts Außergewöhnliches stört das Straßenbild.
In dieser Umgebung ist Lenas völlig normale Wohnung in einem zweistöckigen Backsteinhaus zu finden. Knapp einen Kilometer davon entfernt liegt der Kindergarten »St. Martin«, in den sie immer von ihrer Großmutter Johanna gebracht wurde. In dieser katholischen Einrichtung sang Lena ihre ersten Lieder. Man erinnert sich dort an die Kleine, die schon immer sehr selbstbewusst gewesen sein soll, ansonsten aber goldig – was man beides genauso von der erwachsenen Sängerin sagen kann.
Lena soll, wie viele andere Kinder auch, früher zurückhaltend gewesen sein, zumindest glaubte sich der Friseur Florian Resech, der seinen Salon ein paar Kilometer von Anderten entfernt hat, in der Bild-Zeitung vom 28. März 2010 so zu erinnern. Er erlebte die damals ungefähr neunjährige Lena, als sie zusammen mit der Frau Mama zum Haareschneiden zu ihm kam, als »noch schüchtern«, sie sei aber »immer eine ganz Liebe« gewesen. Kürzen durfte er damals nur die Spitzen, weil sie wie die meisten Mädchen nicht auf ihre langen Haare verzichten wollte.
Damals muss Lena noch zur Grundschule gegangen sein. Danach kam sie auf die »Käthe-Kollwitz-Schule«, ein Gymnasium ein paar Kilometer von Anderten entfernt, das sie nach der zehnten Klasse wieder verließ, um auf die Integrierte Gesamtschule (IGS) Roderbruch zu wechseln, die etwas näher an ihrer Wohnung liegt.
In dieser speziellen Schulform werden Schüler mit Haupt-, Real- und Gymnasialempfehlung gemeinsam unterrichtet. Je nach Talent und Fähigkeiten ist dort jeder Schulabschluss bis zum Abitur möglich.
Lena stieg in den Sekundarbereich II für die Jahrgänge 11 bis 13 ein und schaffte es bis zum Abitur.
Die Schule hat es durch die anhaltende Lenamanie zur wohl bekanntesten Lehrinstitution Hannovers geschafft. In der IGS Roderbruch, in der sich Schüler und Lehrer vertrauensvoll duzen, kannte Lena durch ihre Teilnahme bei »Unser Star für Oslo« so ziemlich jeder. Alle drückten ihr die Daumen, aber es wurde während der Shows kein großes Aufheben darüber gemacht. Der Unterrichtsbetrieb lief normal weiter.
In ihrer Schule ist sie als »lebenslustig und unkonventionell« bekannt gewesen, wie es laut der Bild-Zeitung vom 15. März 2010 der damalige Schulleiter Bernd Steinkamp ausdrückte.
Sie war nach eigenen Aussagen eine ganz durchschnittliche Schülerin. Mathematik und Physik konnte sie nicht leiden, und damit ging es ihr wohl wie vielen ihrer Fans, die noch die Schulbank drücken. Mehr anfangen konnte sie offensichtlich mit ihren Leistungskursen Biologie, Sport, Geschichte. In diesen drei Fächern absolvierte sie Mitte April 2010 ihre schriftlichen Abiturprüfungen. Hinzu kam Englisch, ein Fach, dessen Nachwirkungen später heftig diskutiert wurden. Denn die Medien mokierten sich über ihre eigenartige Aussprache: eine Art Cockney-Englisch, das man auch von den britischen Sängerinnen Kate Nash oder Lily Allen kennt. Lenas Fans waren von diesem ganz eigenen Stil begeistert.
Bei den Abiturprüfungen gab es für Lena keine Sonderregelungen, trotz Eurovision-Wettbewerb. Doch sie bewältigte die Paukerei neben den Vorbereitungen für Oslo – und schaffte die Prüfungen, bei denen es zum Beispiel beim Sport im praktischen Teil um eine Tanzeinlage ging. Danach sah die Sängerin ihrer letzten, der mündlichen Prüfung in Deutsch, locker entgegen, denn dafür musste die Abiturientin nicht mehr ganz so viel lernen. Ihre Note verriet sie in einem Interview für den Mediendienst Teleschau im Mai 2010: Es waren zehn Punkte, was eine Zwei minus bedeutet.
Anfang Juni wurde Lena schließlich das Abiturzeugnis überreicht. Auch das hatte sie also geschafft. Doch schon zuvor in Oslo machte die Sängerin klar, dass es genauso gut hätte danebengehen können. Aber in diesem Fall hätte sie immerhin ihr Fach-Abitur in der Tasche gehabt, und das hätte ihr allemal gereicht. Die Prüfungen, so teilte sie mit, hätte sie nicht wiederholt – weil sie einfach keine Lust mehr auf Schule hatte.
Denn etwas anderes spielt in Lenas Leben eine enorm wichtige Rolle: die Musik, das Tanzen und die Schauspielerei. Die Liebe zur Show entdeckte sie schon im Kindergartenalter, und diese Leidenschaft sollte sie nicht mehr loslassen …

Kapitel 2
Lenas erste Schritte in die Welt des Show-Business
Lenas Welt ist die Bühne, mit allem, was man darauf anstellen kann. Dieser Eindruck drängt sich unweigerlich auf, wenn man sie bei ihren Auftritten beobachtet. Wie bei Pressekonferenzen und in Interviews wirkt sie auch auf der Bühne natürlich, emotional und immer so, als würde ihr das alles großen Spaß machen. Natürlich gehört ein bisschen Lampenfieber beim Singen vor einem Millionenpublikum mit dazu, dennoch ist ganz offensichtlich: Lena gehört ins Rampenlicht, denn sie hat ein enormes Talent als Sängerin und Show-Act. Und sie besitzt – als Fan von Anke Engelke und Helge Schneider – auch die dazugehörige Portion Humor, wie man in Interviews stets aufs Neue feststellen kann.
Lena wollte schon früh auf die Bühne, sie wollte singen oder schauspielern und damit beim Publikum Emotionen hervorrufen, wie sie in einem Artikel der Wochenzeitung Die Zeit vom 21. Mai 2010 erklärte: »Ich wollte etwas von mir zeigen, ein Gefühl transportieren, Menschen berühren.«
Am Anfang stand jedoch die Begeisterung für das Tanzen. Diese Leidenschaft hat Lena, seit sie fünf war. Sie begann ganz klassisch mit Ballett, dann probierte sie Jazz-Dance und Show-Dance. Seit Ende 2008 übte sie bis zu dreimal die Woche ein paar Stunden mit ihrer Trainerin Miri Link in der Showtanz-Crew »Link2 Dance«. Dabei kam sie manchmal auf abgedrehte Ideen: zum Beispiel einfach auf einen Tisch zu klettern und von dort oben eine Rede zu halten. Aber sie verstellte sich nie und blieb immer sie selbst, witzig und eigenwillig.
Das Persönliche, Eigene ist beim Show-Tanz ja gerade auch gefragt. Denn er ist eine Mischung aus HipHop, Jazz- und Ausdruckstanz, bei dem es darum geht, die individuellen Gefühle der Tanzenden auszudrücken.
Schaut man sich Lenas Bewegungen bei ihren Auftritten bei den Vorentscheidungen zum Eurovision Song Contest oder beim Wettbewerb in Oslo selbst an, hat sie genau das beibehalten: diese Individualität, einen ganz eigenen, natürlichen Tanzstil, der unverwechselbar nur von ihr kommt.
Zum Üben hatte Lena auch außerhalb ihrer Tanz-Crew-Stunden reichlich Gelegenheit, wenn sie in Hannover ihre Lieblingsclubs unsicher machte. Einer davon, das Café Glocksee, gehört zum alternativen »Unabhängigen Jugendzentrum Glocksee« (UJZ), das 1972 von einer Bürgerinitiative im hannoverschen Arbeiterstadtteil Linden gegründet wurde. Es wird, wie der Name deutlich macht, unabhängig von jeglicher Verbandsund Kommunalpolitik betrieben. Das UJZ umfasst auch das »Indiego Glocksee«, ein alternatives Veranstaltungskollektiv, in dem Konzerte, Theater, Schülerpartys und andere Events stattfinden.