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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 

AUS: GEDICHTE’79-’99
Ich bin ein ersoffener venezianischer Karnevalist.
Es schneit, und ich treibe in einem der vielen Kanäle,
vorbei an schwarzen Palästen, an Mauern und Supermärkten
vorbei.
Nicht eine Fackelzunge wärmt das Wasser. Ich seh die
zerfressenen Pfähle der Stadt. Verspätete Masken huschen
durchs Frühgrau, hektisch noch auf der Suche,
nach übriggebliebener, umherliegender Liebe.
Ich bin ein ersoffener venezianischer Karnevalist.

Reigen aus unreinen Reimen
Poem, verfaßt
im Dorngeäst,
ein Muschelrest
vom Meer, das töst.
Gedankenfloß –
bin ich’s, bist du’s?
Uns unbewußt
treibt, mondgeküßt,
was war, ins Ist.
Spürst du denn nicht, wie
mein Herz auf dich einschlägt?
Sangen in deinem Garten heute nicht Amseln,
die du nie zuvor gesehn hast? Ich sandte sie dir,
mitsamt einer Botschaft – bist du denn taub?
Hast du die graue Wolke nicht bemerkt? Sie
schwebte über deinem Haus als Zeichen, die
ganze Nacht hab ich dafür geraucht. Wie?
Was?
Du liest keine Wolken? Liebst keine Schläge?
Keine Amseln, willst ein Gedicht?
Ich hab an dich gedacht heut nacht.
Hab Stunden damit rumgebracht,
still an dich heut nacht zu denken.
Nicht was du denkst, nein, ganz brav –
Wie feine Herren Kognak schwenken,
 
so rollte ich dich hin und her,
so wiegte ich dich sanft in Schlaf,
so trug ich dich heut nacht zu Grab
in meinem Kopf. Und trank ihn leer.
Du liefst mir kalt den Hals hinab.
 
Wie oft ich meine Schädeldecke
warm um dich gewickelt hab,
zart, damit ich dich nicht wecke,
wenn du zwischen meinen Ohren
lagst, verkrümmt und halb erfroren.
 
Unsre Namen tilgt der Schnee.
Jetzt friere ich und steh im Wind,
hab jede Spur von dir verloren.
Geh einsam durch die Nacht und seh
mir Sterne an … Die näher sind.

Wiedergutmachung
Grabräuber gaben zu Protokoll,
sie hätten die Pharaonengrüfte
geplündert in einer einzigen Nacht,
Edelsteine aus den Geschmeiden
mit Messern gestemmt, das Gold
im Uferfeuer geschmolzen,
hölzerne Sarkophage in
Brand gesteckt und brennend
den Nil nordwärts treiben lassen.
Sei sehr schön gewesen, das.

Die Greisin vom Luxembourg
Sie schreitet wie ein ferner Vorfahr,
der in ihr spukt und schauen will,
durch Gärten, weil sich dort nichts ändert.
 
Was ist, nimmt sie als Schatten wahr,
was war, als Glanz, und lächelt still,
berührt arkane Türen, schlendert
 
mädchenhaft von hier nach dort,
tänzelt, dreht sich, immerfort,
bevor sie fällt. Und liegen bleibt.
In sich gekrümmt wie nie geboren.
 
Ihr Blick jedoch fliegt auf
 
zu jeder Wolke, die vorübertreibt,
und zieht etwas herab, das weder
vorhanden ist, noch ganz verloren.
Vom Winde berauscht
sind Bäume und Röcke
und fordern mit Hochdruck
darunter zu ruhn.
 
Wenn wer uns belauscht,
sind’s neidblasse Böcke,
solln still und geduckt
das Ihrige tun.

Interview
Muß nüchtern sein
und wär so gern
dicht wie ein
Neutronenstern.
 
Ein Wort, das Überschrift
sein könnte für mein Werk?
Nur eins? Bin ich ein Zwerg?
Durst. Na gut, das trifft.
 
Ein Wort, das sich so ganz und gar
mit meinem Wesen nicht verträgt?
Ich habe lange überlegt –
fand keines außer: Minibar.
 
Ein Wort für alles, was ich noch erreichen
möchte? Trunkenheit – wie sie mal war,
Makroskop. Magie, die unertrinkbar
übers Wasser ging und über Leichen.
Die Leute haben ihre
Häute wie Zelte aufgespannt
am Strand, und die Frauen werden
braun, wie angefressne Äpfel braun.
 
In seinem kleinen Zimmer steht der Killer,
es wird dunkel, er denkt über
sein Leben nach.
Aufs Waschbecken gestützt,
zieht er sich die Socken aus.
 
Drüber fliegt das geflügelte Herz.
karg. was bleibt.
ohne alles ein fluß.
man kann darin
einen taucher vermuten.
kann. muß nicht.
machen.
dahingehend
illusionen...
sich
und
anderen.
Fis-Dur für die Tortur
dann gnadenvoll g-moll
schon wandelt sich Groteskes
in lieblich Pittoreskes
 
Blick zurück in stillem Glück.
Blick nach vorn in vollem Zorn.
 
Ich lebte mit der großen Uhr.
Selbst spontane Taten waren
zeitgleich reflektiert und nur
Recherchen für die Memoiren.
Sattle deinen Nacken, Tod,
der Garten ist gemäht.
Zieh den Anker aus der Zeit.
 
Fliegen wir, wie abendrot
ein Rabenflügelschlag verschwindet,
im Horizont, der Raben frißt.
 
Fliegen wir! Es wurde spät.
Hinaus in die Vergangenheit,
wo eins zu allem findet,
und alles mehr wird, als es ist.
Das Taxi kutschiert mich durch eine
im Nachtschnee versinkende Stadt.
Breite, helle Alleen, Gelblichtlaternen,
beschlagene Fenster, der Fahrer hört
Funeralmusik der Tuareg. Summt dazu.
Das Schöne haust im Gestöber. Alles.
 
Ich rauch mich heim von einer Frau,
die gut zu mir war. Als sei ich im
eigenen Leben auf Besuch, mein
Hotel ein Notquartier im Nichts,
soll die Fahrt so weitergehn –
endlos ins Herz der Lichter hinab.
Weggefährte, Streckenposten, Meilenstein,
bißchen was von allem war ich, auf deiner
Wanderung von hier nach dort, blieb
überwunden zurück in einem Kaff, von
dir Phase genannt. Häutung, für die ich
nicht Schlange genug war.
So müßte Wespenhonig schmecken
würden Wespen Nektar sammeln,
süß und giftig wie dein Lächeln,
das langsam aus der Ferne tötet.
Das Leben ist nur einen Traum weit weg.
Ich müßte träumen, daß ich träume, um
in ihren Armen zu erwachen, ohne
Angst, ein Lidschlag könne das beenden.
 
Sie redet, wie ein Blatt vom Baum zur Erde
schaukelt. Lacht, als suchten Stürme unter
allen Blättern das, worauf ein Gott sich
den Sinn des Suchens überhaupt notiert
 
und weggeworfen hat. Es gibt nichts mehr
zu suchen, sie ist hier und sagt: Vergiß,
was nichts zur Sache tut, die Namen, in den
Stamm geritzte Wunden. Alles heilt, sei