Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14

Charlotte Link

Reiterhof Eulenburg

Mondscheingeflüster

Band 4

BASTEI ENTERTAINMENT

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Die junge Stute hatte schreckgeweitete Augen, aus denen sie unruhig, fast hysterisch, um sich blickte. Sie schwitzte heftig, das Fell am Hals war schwarz vor Nässe. Immer wieder stampfte sie mit den Füßen, ließ ein leises, verzweifeltes Wiehern hören. Ganz offensichtlich litt sie unter heftigen Schmerzen. Wer den unförmig geschwollenen Leib betrachtete, wusste: Die braune Lucia mit dem schönen weißen Stern auf der Stirn hatte eine schlimme Kolik.

In der Eulenburg, dem Ferien-Reiterhof an der Nordsee, brannten in dieser kühlen Aprilnacht alle Lichter. In Windeseile hatte es sich bei den jugendlichen Gästen, die ihre Osterferien hier verbrachten, herumgesprochen, dass eines der Pferde erkrankt war, und natürlich mochte jetzt niemand mehr schlafen. Alle hatten sie hinüber in den Stall gewollt, aber Frau Andresen, die Besitzerin des Hofes, hatte sie sofort abgefangen und zurückgeschickt.

»Bitte, legt euch wieder in eure Betten. Es geht Lucia sehr schlecht, aber sicher dreht sie vollkommen durch, wenn sich plötzlich eine Schar aufgeregter Menschen vor ihrer Box drängelt. Seid vernünftig. Wir tun alles, was wir können. Der Tierarzt muss gleich kommen.«

Im Stall waren jetzt nur Frau Andresen, ihr Sohn Tom und Pat, eines der Mädchen, das hier zu Besuch war. Pat zählte schon zu den Stammgästen, und seit über einem Jahr war sie mit Tom eng befreundet. Sie verstand sehr viel von Pferden und konnte wunderbar mit ihnen umgehen. Jetzt hatte sie eine Hand ganz leicht auf Lucias Nase gelegt und redete leise auf sie ein. Tatsächlich wurde die Stute etwas ruhiger. Aber dann versuchte sie - zum dritten Mal in den vergangenen fünf Minuten -, die Beine einknicken zu lassen und sich hinzulegen. Tom konnte sie gerade noch daran hindern. Lag sie erst, würde es äußerst schwierig sein, sie wieder aufzustellen, er wusste, dass sich ein Pferd mit Kolik niemals und unter keinen Umständen hinlegen darf.

»Wir gehen jetzt doch hinaus«, bestimmte Pat, »und führen sie im Hof herum. Sie muss sich bewegen. Wo ist denn ihr Halfter?«

Frau Andresen gab es ihr. Sie sah blass und verärgert aus.

»Ich werde Klaus gleich morgen früh entlassen«, sagte sie. »Es reicht mir jetzt. Die ganze Zeit schon bringt er hier alles durcheinander, aber das ist jetzt wirklich der Gipfel. Und bezeichnenderweise ist er nicht einmal zur Stelle!«

Klaus war ein junger Mann aus dem nahen Dorf, ein netter, aber vollkommen unzuverlässiger und leichtsinniger Bursche, der keinen Job länger als eine Woche behielt. Seine Mutter hatte sich bei Frau Andresen in der Eulenburg für ihn eingesetzt und tatsächlich erreicht, dass er dort probeweise als Pferdepfleger eingestellt wurde. Seitdem klappte hier nichts mehr. Klaus erschien entweder überhaupt nicht zur Arbeit, oder er tat völlig andere Dinge als die, die ihm aufgetragen waren. Er wollte eigentlich nichts Böses anstellen, aber alles, was man ihm sagte, ging zum einen Ohr hinein, zum anderen hinaus, und er konnte sich nichts merken. Frau Andresen hatte ihm hundertmal gesagt, dass Lucia zu Koliken neigte und nur ganz wenig Gras bekommen durfte, aber bevor er heute auf seinem Motorrad in die Disko abgebraust war, hatte er die ganze Futterkrippe überquellend mit Gras gefüllt, mit frischem Frühlingsgras, das zudem noch feucht war. Wahrscheinlich hatte er es auch noch gut gemeint, denn er liebte Pferde und fütterte sie grundsätzlich zu üppig.

Bei aller Sympathie für den liebenswerten und leichtsinnigen jungen Mann, das musste ein Ende haben!

Es war Pat gelungen, Lucia das Halfter überzustreifen. Das Pferd zitterte jetzt am ganzen Körper, schien aber Tom und Pat zu vertrauen. Jedenfalls ließ es willig alles mit sich geschehen. Frau Andresen, die die beiden jungen Leute beobachtete, dachte, wie gut sie doch zueinander passen und wie gut sie sich verstehen. Tom war vor wenigen Tagen sechzehn geworden, er sah schon sehr erwachsen aus und benahm sich meistens auch so. Viele der weiblichen Feriengäste verliebten sich in ihn, aber er sah nur Pat. Sie war ein knappes Jahr jünger als er und so zierlich und klein, dass sie ihm gerade bis zur Schulter reichte. Pat ließ sich von niemandem etwas vorschreiben und reagierte mit wütendem Trotz auf jeden Versuch, sie in irgendeiner Form einzuengen oder zu gängeln. Nur Tom konnte manchmal bei ihr etwas erreichen; auf ihre spröde, eigensinnige Art hing sie sehr an ihm. Ihre unverbrüchliche Treue gegenüber Lebewesen, die sie sich einmal auserkoren hatte, wirkte fast rührend. Ob es sich um ihren Hund Tobi handelte, ohne den sie keinen Schritt tat, oder um ihr Pferd Fairytale, das sie immer mit auf die Eulenburg brachte, ob es um Tom ging oder ihre anderen Freunde: Pat hätte sich für jeden von ihnen vierteilen lassen.

Sie führten Lucia auf den Hof. Die Aprilnacht war klar, die Wolken vom Tag hatte der Wind hinweggefegt. Sterne blitzten, der Mond, beinahe voll und unverdeckt, tauchte das Land in ein blassgelbes Licht. Man konnte über die flachen Wiesen bis hin zu den Deichen blicken, hinter denen das Meer lag und auf denen die großen wolligen Winterschafe grasten.

Lucias Hufe klapperten auf dem Kopfsteinpflaster. Sie atmete keuchend, hatte es aber, für den Moment wenigstens, aufgegeben, sich hinlegen zu wollen.

»Kopf hoch, Lucia«, sagte Pat. »Nicht schlappmachen. Wir kriegen das schon!«

Im selben Moment tauchten Scheinwerfer auf, die sich rasch dem Hof näherten. Ein Auto. Der Tierarzt kam endlich.

Oben, in einem der Schlafräume, saßen vier junge Leute beieinander und starrten vor sich hin. Angie und Diane Heller, die beiden Schwestern aus Kiel, die jedes Jahr in die Eulenburg kamen, Chris, Toms bester Freund, dessen Eltern ganz in der Nähe eine Ferienpension betrieben, und natürlich Kathrin, ebenfalls schon zum vierten Mal in der Eulenburg, obwohl sie, wie die anderen fanden, gar nicht hierher gehörte. Kathrin stand kurz vor ihrem sechzehnten Geburtstag. Sie war sehr hübsch, aber ein bisschen hochnäsig, das einzige Kind reicher Eltern, das zu oft von Gleichaltrigen abgeschottet worden war. Nun versuchte sie, ihre Kontaktschwierigkeiten durch wilde Angebereien zu vertuschen, wie Diane einmal altklug bemerkt hatte.

Auch jetzt bemühte sich Kathrin um eine gelassene Miene.

»Ich verstehe nicht, weshalb ihr euch wegen dieses Pferdes so verrückt macht«, sagte sie, »als ob die meisten Pferde nicht schon einmal eine Kolik gehabt hätten. Und sie haben es auch überstanden!«

»Du redest, als hättest du den Pferdeverstand mit Löffeln gefressen«, sagte Angie ärgerlich.

Sie konnte Kathrin am wenigsten leiden und fand, dass diese mindestens einmal pro Woche richtig zurechtgeschüttelt werden musste.

»Es sind schon Pferde an Koliken gestorben«, fügte sie nun hinzu, »auch wenn Fräulein Neunmalklug davon noch nichts gehört hat!«

»Nun, ich …«, begann Kathrin, aber Chris unterbrach sie.

»Jetzt streitet nicht. Es ist schon nach Mitternacht, und ich glaube, keiner von uns hat jetzt Lust auf einen Krach!«

»Du kannst ja gehen«, sagte Kathrin sofort. »Um diese Zeit hast du ohnehin nichts in unserem Schlafzimmer zu suchen!«

Chris hatte schon den ganzen Tag mit seinen Freunden verbracht, war mit ihnen geritten und später am Meer spazieren gegangen. Sie hatten sich aufgeregt und voller Vorfreude über die Fuchsjagd unterhalten, die am nächsten Tag stattfinden sollte: keine richtige Fuchsjagd natürlich, sondern eine Schnitzeljagd zu Pferd, bei der es darum ging, den als ersten gestarteten Reiter aufzustöbern und ihm das Band zu entreißen, das er an seinem Arm befestigt trug - den Fuchsschwanz.

Ohne auf Kathrins Worte einzugehen, sagte Chris nun: »Die Fuchsjagd morgen können wir wahrscheinlich vergessen. Außerdem hätten wir sowieso keinen Spaß daran, wenn eines der Pferde so krank ist!«

»Oder gestorben ist«, setzte Angie düster hinzu.

Ein paar Minuten schwiegen alle.

»Jetzt haben wir in all den Ferien schon so viel erlebt«, sagte Diane schließlich, »aber noch nie etwas richtig Trauriges. Wenn Lucia stirbt, dann sind das die ersten schrecklichen Ferien!«

Sie hatten wirklich schon eine Menge erlebt. Immer wenn sie zusammenkamen, Angie und Diane, Pat, Tom und Chris und notgedrungen auch Kathrin, stolperten sie in irgendeine verrückte und gefährliche Geschichte. Eine Diebesbande hatten sie schon zur Strecke gebracht und einer zwielichtigen Familie das Handwerk gelegt, die vor keinem Mittel zurückschreckte, um in den Besitz eines vermeintlichen Schatzes zu gelangen. Und im letzten Sommer, auf Teneriffa, waren sie skrupellosen Tierfängern in die Quere gekommen, die mit Papageien, Elfenbein und Raubkatzenfellen handelten. Damals hatten sie ganz schön in der Klemme gesessen und waren erst in letzter Sekunde davongekommen. Aber Diane hatte recht: Etwas richtig Trauriges war nie passiert.

Tobi, Pats Hund, der bei Angie auf dem Bett lag, hob den Kopf und bellte leise. Die trübe Stimmung schien ihn angesteckt zu haben. Er war ein gewaltiger Hund geworden, grau-braun-schwarz gefärbt, zottelig und von undefinierbarer Rasse. Um den Hals herum verdichtete sich sein Fell zu einer dicken Krause, wie bei einem Löwen. Seine großen weißen Pfoten lagen wie unschuldig gefaltet übereinander.

Angie kraulte ihn unter dem Kinn. »Ja, du wunderst dich, wo Pat ist. Du kannst jetzt nicht zu ihr, das würde Lucia nervös machen. Verstehst du?«

Tobi verstand nicht, sah Angie aber aufmerksam an. Kathrin schüttelte ihre soeben frisch gelackten Nägel.

»Ich finde nicht, dass wir in unseren Ferien schon so viel erlebt haben«, sagte sie. »Als ich an Weihnachten mit meinen Eltern in New York war, habe ich weiß Gott ein ganz anderes Abenteuer durchgestanden, das kann ich euch sagen!«

»Wir sind überzeugt davon«, spottete Angie, »und zweifellos spielte ein ungeheuer attraktiver junger Mann die Hauptrolle, und er war unsterblich in dich verliebt!«

»Ja, Ted war ziemlich verliebt in mich. Und er sieht sehr gut aus, auch wenn's dich totärgert, Angie. Er ist schon einundzwanzig.«

»Wahnsinn! Ich platze gleich vor Neid!«

»Du weißt nicht, was Liebe ist. Ihr alle wisst es nicht. Ihr wisst auch nichts von Romantik und von … Leidenschaft.«

Das war riskant, Kathrin wusste, das Wort »Leidenschaft« würde Angies Spott neue Nahrung geben. Aber sie konnte es sich nicht verkneifen. Sie fühlte sich sehr erwachsen seit dem Erlebnis mit Ted, das es tatsächlich gegeben hatte und von dem sie ihrer Mutter nichts erzählt hatte. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie gar nicht das Bedürfnis gehabt, ihre Mutter einzuweihen. Zum ersten Mal sehnte sie sich danach, mit einer Gleichaltrigen zu reden - das war noch nie vorgekommen. Aber hier lag Kathrins Problem. Es gab keine Freundin, die ihr mit erwartungsvollen Augen und glühenden Wangen gegenübergesessen und sie gedrängt hätte: »Los, erzähl! Was hat er gesagt? Was hast du gesagt? Und dann, wie ging es dann weiter?«

»Leidenschaft!« Angie lachte laut und erbarmungslos. »Sag nur, Kathrin, du weißt, was Leidenschaft ist!«

»Ihr seid zu albern. Mit euch kann man über so etwas nicht reden.« Kathrin pustete kräftig auf ihre Fingernägel.

»Aber abgesehen von der Geschichte mit Ted habe ich auch ein richtiges Abenteuer erlebt.«

»Ach ja? Wahrscheinlich hat dir irgendein Kerl in der Subway die Handtasche geklaut!«

»Nein. Glaubst du, ich wäre so blöd und würde mir die Handtasche stehlen lassen? Es ging um etwas ganz anderes. Um … Heroin.«

Einen Moment lang schwiegen alle.

Dann fragte Diane atemlos: »Ehrlich?«

Kathrin nickte. »Natürlich. Ich erfinde doch hier keine Geschichten. Ich war in wirklich brenzligen Situationen, und das alles hätte leicht schiefgehen können.«

»Wissen deine Eltern davon?«

»Klar. Sie haben ja noch mitbekommen, wie Ted entführt wurde. Aber sie haben keine Ahnung, dass Ted und ich … na, ihr wisst schon!«

»Wie kommt es, dass du uns von dieser atemberaubenden Story bisher nichts erzählt hast?«, fragte Angie. »So viel Bescheidenheit sieht dir überhaupt nicht ähnlich. Normalerweise hättest du alles in den ersten fünf Minuten hier auf der Eulenburg herausgesprudelt!«

Tatsächlich war Kathrin die ganze Zeit dicht davor gewesen, die Geschichte zu erzählen, die ihre Gedanken Tag und Nacht erfüllte. Aber immer wieder hatte sie es aufgeschoben. Nein, es gibt eine noch bessere Gelegenheit. Sie müssen mir wirklich alle richtig und ganz lange zuhören!

Immer, wenn sie gerade hatte ansetzen wollen, war ihr klar geworden, dass die Freunde schon wieder mit etwas ganz anderem beschäftigt waren oder ungeduldig hin- und herzappelten, weil sie schon wieder tausend andere Dinge interessierten. Vielleicht war jetzt der Moment gekommen?

»Wenn ihr wollt«, sagte Kathrin, »erzähle ich euch alles. Es ist eine ziemlich verwickelte Geschichte, und …«

Sie kam nicht weiter. Die Tür ging auf, Pat steckte ihren rotlockigen Kopf ins Zimmer.

»Der Tierarzt war jetzt da und hat Lucia eine Spritze gegeben. Es geht ihr etwas besser, aber sie darf die Nacht über nicht allein bleiben. Tom und ich haben beschlossen, dass wir Wache halten. Falls ihr uns Gesellschaft leisten wollt.«

Was für eine Frage! Schon waren sie alle auf den Beinen, griffen nach ihren Gummistiefeln und Jacken. Eine durchwachte Nacht im Pferdestall würden sie sich bestimmt nicht entgehen lassen. Zu ihrem geheimen Ärger schien auch Kathrin entschlossen, mit ihnen zu kommen, und keiner brachte es fertig, sie zurückzuweisen. Es sah Kathrin eigentlich kein bisschen ähnlich, sich freiwillig eine Nacht um die Ohren zu schlagen, jedenfalls nicht in einem Stall zwischen Heu und Stroh, höchstens in einer Disko. Doch Kathrin brannte inzwischen darauf, ihre Geschichte loszuwerden, nun, da sie schon beinahe zum Zug gekommen wäre. Die Gelegenheit schien ihr günstig. In Mantel und Schal gehüllt folgte sie den anderen. Hund Tobi, von Pat eindringlich ermahnt, sich gesittet zu benehmen, tapste hinterher.

Es ging Lucia eindeutig besser, wenn sie auch noch immer unruhig wirkte und ab und zu leise und schmerzerfüllt schnaubte. Aber das panische Flackern, das zuvor ihre Augen erfüllt hatte, war verschwunden, und sie versuchte nicht mehr ständig, sich hinzulegen.

Pat kraulte sie sanft hinter den Ohren. »Gute Lucia, jetzt wird alles besser, du wirst sehen. Das Schlimmste hast du überstanden. Außerdem sind wir alle bei dir!«

Damit nicht alle Pferde nervös wurden, hatten sie nicht die Deckenbeleuchtung eingeschaltet, sondern ließen nur zwei alte Stalllaternen brennen. In dem leise flackernden Licht setzten sie sich auf die herumliegenden Strohhaufen, einer von ihnen sollte Lucia stets im Auge haben.

»Endlich fühle ich mich wieder richtig gut«, sagte Angie »mit euch zusammen und mit zwei Dutzend Pferden! Das ist besser als alles andere!«

»Ich war richtig traurig, dass ihr an Weihnachten nicht hier sein konntet«, sagte Pat. »Es war schön mit Tom zusammen, aber ihr habt mir gefehlt!«

Tom drückte ihre Hand.

Diane seufzte. »Wir wären auch lieber hierhergekommen. Aber diesmal hätten unsere Eltern nicht mitgespielt.«

Angies und Dianes Eltern hatten großes Verständnis für die Pferdeleidenschaft ihrer Töchter, ebenso für deren Vernarrtheit in die Eulenburg und das weite grüne Land am Meer, aber sie hatten darauf bestanden, einmal wieder Urlaub als komplette Familie zu machen. So war ein Skikurs für sie alle in der Schweiz gebucht worden, der den Mädchen auch viel Spaß machte, aber natürlich nicht zu vergleichen war mit der Eulenburg.

»Ich war auch nicht hier«, berichtete Chris. »Mich haben sie nach England geschickt für einen Sprachkurs, weil ich in der Schule mit Englisch einfach nicht zurechtkomme. Es war ganz lustig, aber ziemlich anstrengend, weil wir jeden Tag Unterricht hatten, und die Lehrerin war ein Biest. Immerhin fällt mir Englisch jetzt etwas leichter.«

Weihnachtsferien … England … das ging schon in die richtige Richtung. Kathrin saß auf dem Sprung. O Gott, was würden die anderen staunen.

»Ich war zu Weihnachten in New York«, erzählte sie mit gleichmütiger Stimme. »Mein Vater hatte geschäftlich dort zu tun, und wir dachten, wir könnten uns eigentlich zusammen eine schöne Zeit machen.«

Angie grinste. »Richtig! Unsere liebe Kathrin hatte ja noch gar keine Gelegenheit, ihre atemberaubenden Geschichten loszuwerden. Ihr müsst wissen, Tom und Pat, dass Kathrin manches erlebt hat, wovon wir anderen nur träumen. Ein paar heiße Liebesnächte nämlich mit …«

»Ich habe nichts von heißen Liebesnächten gesagt!«, verteidigte sich Kathrin sofort.

»… und nebenbei brachte sie noch eine Bande von Dealern zur Strecke«, fuhr Angie ungerührt fort. »Hättet ihr das von ihr gedacht?«

»Du übertreibst«, sagte Kathrin ärgerlich. »Ich habe die Dealer nicht allein zur Strecke gebracht. Aber ich kann schon sagen, dass ohne mein Zutun sicher nicht so schnell …«

»Natürlich nicht, Kathrin!«

»Davon sind wir überzeugt!«

»Das ganze hieß ›Kathrins Einsatz in Manhattan‹!«

»Du hast sicher auch ein paar von ihnen umgenietet, Kathrin, gib's zu! Uns kannst du alles sagen!«

Kathrin wurde ganz rot vor Ärger. Typisch, Angie und Pat versuchten wieder einmal, alles ins Lächerliche zu ziehen. Aber ihr dummes Gekichere würde ihnen schon noch vergehen!

»Ich hätte euch gern davon erzählt, weil es wirklich eine ganz spannende Geschichte ist«, sagte Kathrin hoheitsvoll, »aber ich fürchte, ihr seid einfach zu kindisch.«

»Dann behalt es doch für dich«, gab Angie zurück. Sie war überzeugt, dass Kathrin, wie meistens, maßlos übertrieb.

»Jetzt lasst sie doch erzählen«, sagte Chris gutmütig. Ihm tat Kathrin immer ein bisschen leid. »Also, schieß los!«

»Ich weiß nicht … wenn ihr mir dann doch kein Wort glaubt …«

»Los, wir glauben dir ja!« Tom nickte ihr aufmunternd zu. »Erzähl mal. Es ging wirklich um Rauschgift?«

Kathrin zierte sich noch ein paar Minuten, tat so, als müsse sie erst noch die richtige Sitzhaltung finden, dann aber konnte nichts mehr sie zurückhalten.

»Also, wie gesagt, wir flogen kurz vor Weihnachten nach New York«, begann sie. »Mein Vater hatte ein paar Termine dort. Natürlich haben wir im ›Plaza‹ gewohnt. Das ist das feinste Hotel in New York!«

Das stimmte nicht ganz, aber das wussten die anderen nicht - trotzdem waren sie keineswegs so beeindruckt, wie Kathrin gehofft hatte.

»Natürlich im feinsten Hotel«, bestätigte Pat tiefernst. Kathrin ignorierte den Einwurf.

»Am ersten Feiertag waren wir zu einer großen Party bei Freunden meiner Eltern eingeladen. Sie wohnen am Riverside Park in einem großen, alten Haus. Sie sind ungeheuer reich …«

Alle grinsten sich an. Kathrin konnte nun einmal nicht anders, sie musste ständig das Geld erwähnen, das andere Leute verdienten.

»Nun, Jane und Bob - das sind die Freunde meiner Eltern - haben einen Sohn. Ted. Er ist einundzwanzig.«

»Er sieht fantastisch aus«, fügte Angie hinzu, »und ich nehme an, für seine jungen Jahre verfügt auch er schon über eine ganze Menge Geld!«

Kathrin wirkte gekränkt. »Wenn ihr nicht wollt, dass ich euch alles erzähle …«

»Jetzt sei nicht gleich wieder eingeschnappt. Mach weiter!«

»Also, es war bei dieser Party. Plötzlich wurde mein Vater ans Telefon gerufen …«

 

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Kathrin hatte vorher lange überlegt, was sie zu dem Fest anziehen sollte. Eher elegant oder sexy? Sie hatte ihren Vater so lange bearbeitet, bis er ihr Geld gab, damit sie sich eigens für diesen Anlass etwas kaufen konnte. Mit mehreren hundert Dollar war sie durch die großen Kaufhäuser von Manhattan gezogen, hatte sich in aller Ausführlichkeit bei »Macy's« und »Bloomingdale« umgesehen. Schließlich entschied sie, dass es wichtig war, älter zu scheinen als läppische fünfzehn, und kaufte ein elegantes Kostüm aus dunkelgrünem Samt. Zu dem kurzen, engen Rock gehörte eine lange, leicht taillierte Jacke, und selbstverständlich nahm sie auch noch die dunkelgrünen Wildlederschuhe mit, die die Verkäuferin ihr zeigte.

Dazu würde sie ihre neue Tasche um die Schulter hängen, die sie von ihrer Mutter zu Weihnachten bekommen hatte. Mami hatte sich die gleiche gekauft, eine schöne große Tasche, in die eine Menge hineinpasste und die trotzdem so elegant war, dass man sie auch am Abend benutzen konnte. Sie war aus schwarzem Samt mit grünen, blauen und roten Motiven aus kleinen Perlen, Federn und Seide und oben mit einer Goldschnalle zu verschließen. Wer genau hinsah, bemerkte, dass die Stickerei zum Teil Tiere darstellte, Vögel, Schmetterlinge und Schlangen. Kathrin war sehr stolz auf diese auffallend schöne Tasche. »Insgesamt sehe ich nicht aus wie fünfzehn, sondern wie achtzehn!«, hatte sie gedacht.

Dann allerdings, auf der Party, war ihre Euphorie schon in der ersten halben Stunde verflogen, und sie fing an, sich elend zu fühlen. Mindestens hundert fremde Menschen waren um sie herum, und keiner kümmerte sich um sie. Niemand sprach Deutsch, und es fiel Kathrin schwer, einer im halsbrecherischen Tempo geführten Unterhaltung auf Amerikanisch zu folgen. So stand sie in ihrem schönen, neuen Kostüm da und langweilte sich zu Tode. Schließlich gab sie es auf, so zu tun, als amüsiere sie sich blendend, trat an eines der hohen Fenster und schaute hinaus. Im Schein der Bogenlaterne konnte sie den verschneiten Vorgarten des Hauses sehen, dann die Straße, den Riverside Drive, auf dem an diesem Abend kaum etwas los war. Dahinter floss der Hudson, aber der Fluss war verhüllt von Dunkelheit. Ganz leicht hatte es wieder zu schneien begonnen. Kathrin sehnte sich auf einmal nach der Ruhe ihres Hotelzimmers. Sie war ein fünfzehnjähriges Mädchen, daran änderten die schicksten Klamotten nichts, und niemand nahm sie für voll. Was tat sie hier noch?

»Bist du Kathrin?«, fragte jemand neben ihr. »Kathrin aus Deutschland?«

Die Worte kamen mit stark amerikanischem Akzent, aber es waren wenigstens deutsche Worte! Kathrin drehte sich um. Der junge Mann, der neben ihr stand, musterte sie aufmerksam. Er hatte dunkles Haar und schöne graugrüne Augen. Er trug Jeans und darüber ein schwarzes, elegantes Jackett, mit lässig aufgekrempelten Ärmeln, sodass man das leuchtend blaue Seidenfutter sehen konnte. Dazu passte seine Krawatte, die er locker umgebunden hatte.

»Ja …« Das klang etwas krächzend. Kathrin räusperte sich. »Ja. Ich bin Kathrin.«

»Ich bin Ted. Der Sohn von Jane und Bob. Gefällt dir unsere Party?«

Kathrin war versucht zu schwindeln und »Ja, ganz toll!« zu sagen, aber sie hatte das Gefühl, er werde sie ohnehin durchschauen, und so antwortete sie ehrlich: »Ich weiß nicht … ich kenne niemanden hier, und ich scheine allen ziemlich gleichgültig zu sein.«

Ted verzog das Gesicht. »Typisch. Die würden es nicht einmal merken, wenn neben ihnen einer das Zeitliche segnete, das kannst du mir glauben!«

Kathrin war erstaunt. »Wenn du die Leute nicht magst«, sagte sie, »warum bist du dann zu der Party gekommen?«

»Ich wohne schließlich hier. Außerdem … ist das schon meine Welt!«

»Ja, aber du hättest doch auch woanders hingehen können. In … eine Disko … oder ein Theater … oder ich weiß nicht …«

Kathrin kam sich auf einmal ziemlich blöd vor. Aber Ted sah sie sehr aufmerksam an.

»Daran habe ich gar nicht gedacht. Ich glaube, ich wollte meine Eltern nicht ärgern. Allerdings nehme ich an, es würde ihnen absolut nicht auffallen, wenn ich nicht hier wäre. Wie ist es? Wollen wir uns abseilen?«

Damit hatte Kathrin nicht gerechnet. Der unerwartete Vorschlag von Ted brachte sie ins Stottern.

»Ich weiß nicht … ich müsste meine Eltern fragen …« Oh, lieber Himmel! Jetzt hast du dich endgültig als kleines Mädchen entlarvt!

Ted grinste. »Wenn du erst deine Eltern fragen musst, können wir es wohl vergessen. Höchstwahrscheinlich wären sie nicht einverstanden!«

Kathrin biss sich auf die Lippen und nannte sich insgeheim eine dumme Kuh, und feige war sie obendrein. Denn wenn sie ganz ehrlich war, hatte sie das mit ihren Eltern erst einmal gesagt, um Zeit zu gewinnen. Sie fand Ted ungeheuer aufregend, aber gerade das schüchterte sie ein. Sicher war er auch wesentlich älter als sie.

»Bleib hier stehen«, sagte er jetzt. »Wenn wir also schon weiterhin an diesem langweiligen Fest teilnehmen, organisiere ich uns wenigstens etwas Anständiges zu trinken. Du magst doch Champagner?«

»Ja, klar …«

Er drehte sich schon um, wandte sich aber doch noch einmal zu ihr. »Wie alt bist du eigentlich?«

»Achtzehn.«

Die Lüge war ihr einfach so herausgerutscht, und sie erstarrte im nächsten Moment vor Schreck. Wie albern von ihr! Er würde nur allzu leicht und allzu schnell herausfinden, dass das nicht stimmte! Aber sie konnte es nicht mehr ändern, und offenbar schien er es sofort zu glauben.

»Aha. Ich werde im März zweiundzwanzig. Bis gleich!«

In seinem Fall stimmt das sicher, dachte Kathrin. Sie schaute Ted nach, wie er zwischen den vielen Leuten verschwand. Plötzlich nahm sie alles ganz deutlich wahr: das leise Klirren der Gläser, das Lachen und die durcheinanderschwirrenden Stimmen, den Geruch vieler verschiedener Parfüms, das Aufblitzen von Schmuck, die eleganten Bewegungen, mit denen sich weiß befrackte Kellner zwischen den Gästen hindurchschlängelten und dabei Tabletts voller Gläser balancierten … Irgendwo am anderen Ende des Raumes erspähte sie ihren Vater. Er wurde soeben von einem der Kellner angesprochen, der ihm bedeutete, mit ihm zu kommen. Kathrin runzelte die Stirn. War irgendetwas passiert?

Ted tauchte wieder auf, zwei Gläser mit Champagner in den Händen. »Bitte sehr!« Er reichte ihr eines, zog dann eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche. »Rauchst du?«

»Nein, ich … ich gewöhne es mir gerade ab …«

Das klang schick, fand Kathrin. Und überzeugend. Jedermann war heutzutage dabei, sich irgendetwas abzugewöhnen. Und Ted musste wirklich nicht wissen, dass sie in ihrem ganzen Leben erst eine Zigarette geraucht und sich dabei fürchterlich verschluckt hatte.

»Woher kannst du so gut Deutsch?«, fragte sie.

Ted deutete eine leichte Verbeugung an. »Danke für die Blumen. Mein Vater hat drei Jahre lang in Deutschland gelebt. In Bonn. Zwei Jahre davon waren Mum und ich auch drüben, und ich wurde auf eine deutsche Schule geschickt. Damals war mein Akzent besser. Aber inzwischen … « Er machte eine wegwerfende Handbewegung, die zeigen sollte, er sei jetzt nicht sehr zufrieden damit.

Kathrin widersprach sofort eifrig. »Nein, nein. Du bist sehr gut, ehrlich. Du hast kaum einen Akzent!«

Ted zündete sich eine Zigarette an. »Sag mal, Kathrin, hättest du vielleicht Lust, morgen Abend mit mir auszugehen? Ich wette, von den wirklich interessanten Seiten New Yorks hast du noch nichts gesehen. Ich könnte dir so einiges zeigen!«

Diesmal ließ sich Kathrin nicht von ihrem eigenen Schrecken überrumpeln. »Klar. Gern. Wo wollen wir uns treffen?«

Während sie sprach, beobachtete sie, wie ihr Vater in den Raum zurückkehrte. Er trat auf ihre Mutter zu, löste sie aus der Gruppe, in der sie gerade stand und sich unterhielt, und flüsterte mit ihr. Etwas stimmte da ganz und gar nicht.

»Wo wohnst du hier in New York?«, fragte Ted.

»Im ›Plaza‹.«

»Okay. Dann hole ich dich morgen Abend um sieben Uhr im ›Plaza‹ ab. Einverstanden?«

»Ja. Sicher.«

Sie hatte das Gefühl, dass sie wie eine einfallslose Sprechpuppe dastand und nur »Ja« und »Nein« und »Sicher« sagte. Hoffentlich verlor Ted nicht gleich das Interesse an ihr! Während sie an ihrem Champagner nippte, überlegte sie verzweifelt, was sie sagen könnte, um eine richtig spritzige Unterhaltung in Gang zu bringen. Sie war beinahe erleichtert, als sie bemerkte, wie ihre Mutter ihr zuwinkte und ein »Komm doch mal gerade her« mit den Lippen formte.