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Inhaltsverzeichnis
















DANK

Bei meiner Arbeit habe ich manche Hilfe erfahren, für die ich herzlich Dank sagen möchte, insbesondere den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der konsultierten Archive, Sammlungen und Bibliotheken. Ein besonderer Dank geht an Evelyn Liepsch vom Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar, die mir mit großer Hilfsbereitschaft Franz Liszts umfangreichen Nachlass zur Verfügung stellte.

Die bedeutenden Liszt-Forscher Prof. Dr. Serge Gut und Prof. Dr. Alan Walker teilten mit mir bereitwillig ihr Wissen über Franz Liszt. Herzlichen Dank.

Ich bedanke mich bei Thomas Rathnow und bei Dr. Tobias Winstel vom Siedler Verlag, bei meinem Münchner Lektor Fritz Jensch und bei Ditta Ahmadi, die Texten und Fotos ihr ästhetisches Format verlieh. Barbara Wenner stand mir als Agentin mit Rat und Tat zur Seite. Regina Bouchehri und Dorothee Hütte besorgten die zahllosen Übersetzungen französischsprachiger Zitate. Marie-Luise Adlung und Stephanie Kortyla fertigten Transkriptionen schwer lesbarer Handschriften an. Ihnen allen sei ausdrücklich gedankt.

Darüber hinaus möchte ich mich – aus ganz unterschiedlichen Gründen – bei Cameron Carpenter, Dr. Nicolas Dufetel, Maren Goltz, Dr. Klára Hamburger, Maximilian Lautenschläger, Dr. Elisabeth Maier, Dr. Rosemary Moravec-Hilmar, Dirk Mühlenhaus, Dr. Angelika Pöthe, Judith Schepers, Alexander Seitz und Prof. Dr. Hubert Wolf herzlich bedanken.

Zuletzt gilt mein großer Dank meinen Eltern Ilona und Wilfried Hilmes sowie – last, but not least – Peter Franzek.

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Franz Liszt, Bronzestatue von Alajos Strobl (1907), an der Fassade der Budapester Musikakademie.

NACHSPIEL

Der Doktor Liszt ist die Nacht g’schtorbe‹«, wurde Felix Weingartner in der Früh von seinem schwäbischen Dienstmädchen geweckt. Er kleidete sich an und begab sich zum Trauerhaus, wo bereits reges Treiben herrschte. Bernhard Schnappauf und Miska hatten das Zimmer schwarz drapiert und mit Blumen geschmückt. Der Leichnam war aufgebahrt: Am Kopf des Totenbettes stand bezeichnenderweise eine Wagner-Büste, am Fußende ein Kruzifix. Weingartner: »Die eingefallenen Züge und das von der Waschung noch feuchte, glatt anliegende Haar liessen das Bild eines alten Männchens erscheinen, das nur schwer mit der Vorstellung dessen zu vereinigen war, was in dieser Hülle noch vor kurzem lebendig war und die ›Faust‹- und die ›Dante‹-Symphonie geschaffen hatte.«

Mittlerweile hatte auch Lina die traurige Nachricht von ihrer Vermieterin erfahren. Sie konnte es kaum fassen, hatte sie doch noch vor wenigen Stunden geglaubt, Liszt würde friedlich schlafen. Als sie im Sterbehaus ankam, nahm der Pfarrer gerade die Aussegnung vor. Lina: »Nicht eine von den 3 Enkelinnen oder Siegfried vergoßen eine Thräne, kalt, nicht mit dem geringsten Zug von Wehmuth standen sie um das Todtenbett.« Zudem hatte Cosima Wagner ihrem todkranken Vater – einem Abbé – die Sterbesakramente verweigert, was beim Klerus auf Unverständnis stieß.

Doch der Totentanz war noch nicht beendet. Da Cosima ihren Vater nicht in der Villa Wahnfried haben wollte – für den Abend hatte sie zu einem festlichen Souper geladen –, ließ man die Leiche einfach im Haus der Frölichs. Bernhard Schnappauf: »Frau Forstmeister Fröhlich [sic !] sprach ihre Mißbilligung darüber aus, daß die Leiche im Haus aufgebahrt worden sei, ohne daß sie als Hausfrau um Erlaubnis gefragt wurde.« Die Verärgerung der Förstergattin wuchs, als sich vor dem Haus eine große Menschenmenge versammelte : Selbst auf der Bahre war Franz Liszt noch so etwas wie ein Touristenmagnet. »Die Menschen kamen nun in Massen«, notierte Lina, »die Bayreuther brachten 3 u. 4jährige Kinder auf den Armen tragend mit, wenige hatten eine aufrichtige Thräne im Auge, die Meisten trieb ja nur die Neugierde.« Als der Leichnam infolge der sommerlichen Temperaturen zu verwesen begann und Isolde vom Gestank auch noch übel wurde, verlor der Hausherr die Nerven. Man habe noch andere Mieter, fuhr Ludwig Frölich den armen Schnappauf in größter Erregung an, man wolle keinen Seuchenfall in den eigenen vier Wänden und dergleichen mehr. Kurzum: Der Tote müsse weg, notfalls werde er polizeiliche Hilfe in Anspruch nehmen. »Ich eilte sofort zu Frau Cosima«, erinnerte sich Bernhard Schnappauf, »welche noch im Bette lag, setzte diese Dame davon in Kenntnis und erhielt den Auftrag, wenn die Leiche eingesargt und geschlossen sei, dieselbe in das Haus Wahnfried zu transferieren.« Cosima Wagner kleidete sich derweil schnell an und ging ebenfalls zum Haus der Frölichs. Franz Liszts sterbliche Reste wurden schließlich auf einen gewöhnlichen Handkarren geladen: »Frau Cosima trug am Fuß-, ich am Kopfende. Der Sarg wurde nun durch Seitentüre Wahnfrieds in die Halle gebracht, auf ein improvisiertes Gerüst gestellt und mit schwarzem Stoff, von der Zimmerdekoration entnommen, bedeckt.«



Am 3. August 1886 fand auf dem Bayreuther Stadtfriedhof Franz Liszts Beerdigung statt. Dieser Begriff trifft den Charakter des Ereignisses jedoch nur unzureichend, vielmehr war es eine Mischung aus Staatsakt und gesellschaftlichem Spektakel. Um 10 Uhr an diesem Dienstag versammelten sich die engsten Freunde und Familienangehörigen des Verstorbenen in der Villa Wahnfried. Liszts langjährige Freundin Olga von Meyendorff fiel vor Aufregung in Ohnmacht und musste mit einem Glas Rotwein aufgepäppelt werden. Nachdem der Pfarrer eine weitere Segnung vorgenommen hatte, setzte sich der Kondukt langsam in Bewegung. Angeführt wurde er von einer Abteilung der freiwilligen Feuerwehr, der ein imposanter Blumenwagen folgte. Dahinter schritten die Geistlichkeit, drei Kantoren sowie Miska Kreiner, der Liszts zahlreiche Orden auf einem Samtkissen trug. Dann kam der Leichenwagen mit dem goldverzierten Prunksarg. »Wir, seine letzten Schüler und Freunde, trugen das Bahrtuch«, so Felix Weingartner. »Tiefe Wolken hingen trübselig herab, doch fiel nur spärlicher Regen.« Unmittelbar hinter dem Sarg folgte die Familie – Sieg fried Wagner und Henry Thode gingen zu Fuß, Cosima Wagner und ihre Töchter benutzten eine Kutsche. Danach reihten sich Vertreter der deutschen Höfe, der Stadtverwaltung, des Regierungspräsidiums und des Offizierskorps, die Mitwirkenden der Festspiele sowie Tausende Bürger in den Cortège funèbre. Bayreuth trug Trauer. »Sämmtliche Gaslaternen waren angezündet«, berichtete das Bayreuther Tagblatt, »mit schwarzem Flor behangen spendeten sie ein düstergedämpftes Licht, welches noch mehr zur Trauer stimmte.« Eine halbe Stunde später erreichte der Zug den Friedhof. Nach der religiösen Zeremonie hielten Bürgermeister Theodor Muncker sowie Liszts alter Freund Carl Gille ergreifende Ansprachen.

Am folgenden Tag fand in der katholischen Kirche ein Trauergottesdienst statt. Auf Wunsch Cosima Wagners improvisierte Anton Bruckner, der sich seit dem 24. Juli zu den Festspielen in Bayreuth aufhielt, auf der Orgel. »Die Kirche war voll von Künstlern«, notierte Lina Ramann in ihr Tagebuch, »man athmete auf, als er begann – man erwartete Hochkünstlerisches, Lisztwürdiges. Leider nein!« Bruckner improvisierte – geschmacklos genug – über ein Thema aus Richard Wagners Parsifal. Sein Spiel war »monoton, endlos, ermüdend«, so Ramann. »Von Lisztschülern, die ihm ihre Enttäuschung nicht vorenthielten, befragt: warum er nicht ein oder zwei Themen Liszt’s seinem Vortrag unterbreitet habe? – entgegnete er: er kenne leider kein Thema von Liszt, sie hätten ihm eines geben sollen.« War das schon unwürdig genug, sang der Kirchenchor irgendwelche einfältigen Gelegenheitskompositionen, und drei Priester näselten sich durch das nicht enden wollende Hochamt.

Die Enttäuschung über den peinlichen Gottesdienst war insbesondere unter den zahlreichen Freunden und Schülern des Verstorbenen riesengroß. Lina Ramann und die anderen konnten es kaum glauben, dass die Familie Wagner der Trauerfeier fernblieb: »›Besuch des Requiems oder Empfang des deutschen Kronprinzen, der gerade zu den Festspielen eintraf ?‹ hieß die Alternative, vor der sie stand.« Die Wagners zeigten kein äußeres Zeichen der Trauer – ganz im Gegenteil: »Es war, als wolle man mit Absicht betonen«, vermutete Felix Weingartner, »dass das Hinscheiden Franz Liszts nicht wichtig genug sei, um die Glorie der Festspiele vorübergehend mit einem Trauerschleier abzudämpfen.« Nichts durfte die Inszenierung von Richard Wagners Vermächtnis stören. Und so ging das Bayreuther Leben wie gewohnt weiter. Bereits am Tag der Totenmesse bat Frau Wagner wieder zu einer Soiree in die Villa Wahnfried. Da wandte sich selbst ihr Lieblingsdirigent Felix Mottl angewidert ab: »Wahnfried. Essen. In der Halle noch der Todtengeruch der Leiche Liszts!«



Die pietätlosen Umstände der Beisetzung riefen Zeitgenossen auf den Plan, die dem Wagner-Clan und Bayreuth ohnehin kritisch gegenüberstanden. Man wunderte sich, warum Liszt in einer Stadt, in der er nie gelebt hatte und gewissermaßen »zufällig« gestorben war, seine letzte Ruhestätte finden sollte. Die Antwort war trivial: weil Cosima Wagner es so wollte. Familiäre Gründe standen für sie dabei allenfalls in zweiter Reihe. Die Festspielleiterin betrachtete den berühmten Toten als eine Art Reliquie oder, um es überspitzt zu formulieren: als eine Trophäe. Bayreuth war das Epizentrum des Wagner-Kults, und Liszts Grab ließ sich – so ihr Kalkül – gut in das örtliche Verehrungsgewerbe integrieren; Liszt war ein weiterer Diamant in Richard Wagners Krone.

Bei der Durchsetzung ihrer Ziele nutzte Cosima Wagner geschickt eine gewisse Konfusion aus, die hinsichtlich des Letzten Willens ihres Vaters herrschte, an der dieser nicht ganz unschuldig gewesen war. Fehlte in seinem Testament aus dem Jahre 1861 noch jeder Hinweis auf seinen Begräbnisort, hatte er in den Jahren danach sich widersprechende Devisen ausgegeben: 1863 wollte er dereinst in Rom begraben werden, drei Jahre später nannte er Blandines Grab auf dem Cimetière marin in Saint-Tropez. Darüber hinaus brachte er Tivoli wie auch Ungarn ins Gespräch. Ende November 1869 hieß es schließlich in einem Brief an die Fürstin: »Ich will keinen andern Platz für meine Leiche, als den Friedhof, der in Gebrauch ist, wo ich sterben werde, noch eine andere kirchliche Zeremonie, als eine Still-Messe (kein gesungenes Requiem) in der Pfarrkirche.«

Cosima Wagner, die diesen Brief aber nicht kennen konnte, berief sich auf Liszts Butler Miska. Dieser hatte ihr noch am Todestag eilfertig versichert, dass es der Wunsch seines Herrn gewesen sei, in seinem Sterbeort begraben zu werden. Miska erwies Liszt damit einen Bärendienst, denn jene Anordnung datiert aus einer Zeit, in der Liszts Familienverhältnisse völlig andere waren. Ende 1869 waren Cosima und Hans von Bülow noch nicht geschieden, Liszts Beziehungen zu seiner Tochter und zu Wagner waren noch nicht so sehr belastet, und der bizarre Bayreuther Wagner-Kult war noch nicht begründet. 17 Jahre später lässt seine Klage »Wäre ich nur anderswo krank geworden« vermuten, dass er sich mit Bayreuth als Ort seiner letzten Ruhe nicht einverstanden gezeigt hätte. Doch warum traf er in seinen letzten Lebenstagen keine entsprechenden Anordnungen? Der Grund ist so banal wie menschlich: weil der rapide körperliche Verfall dies nicht mehr zuließ.

In den nun folgenden Monaten mangelte es nicht an Initiativen, Franz Liszt aus Bayreuth wegzuschaffen. Während Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach die Bestattung seines prominenten Bürgers in Weimar wünschte, forderte Carolyne von Sayn-Wittgenstein die Überführung nach Ungarn. Madame la Princesse hatte bereits im Vorjahr befürchtet, dass Liszt etwas Schlimmes zustoßen könnte. In ihrem holprigen Deutsch schrieb sie im Oktober 1885 an den Theologen Ignaz von Döllinger: »Liszt ist nach München mit einem Einfall seiner Krankheit angekommen. In seinem Alter, trotz seiner starken, aber verbrauchten Constitution, kann Alles gefährlich sein. Ich kenne Niemand in München wirklich Katholisches. Ich komme also an S. Verehrten, ihn zu bitten, ihm einen intelligenten Geistlichen unter irgend einem Bewand zu schicken. Begeisterung für seine religiöse Musik wäre das beste.« Sie bewies geradezu hellseherische Fähigkeiten: »Sollte einen Unglück vorkommen, so möchte ich erinnern, dass er in Pest zu den Terzianern vom H. Franziskusorden gehört und seinen Willen oft dort geäußert ist in die franziskanische Kutte begraben zu sein. […] Sein Wille ist auch um 5 Uhr in der Früh, wie ein armer Franziskaner begraben zu sein – ohne allen Pomp und Feier. Ich würde mich nie verzeihen, wenn diesen testamentarisch geäußerten schönen Wunsch nicht erfüllt wäre.«

Das war im Oktober 1885. Als die Fürstin im Sommer des folgenden Jahres von Liszts Tod erfuhr, erlitt sie einen Schlaganfall; sie sollte ihr Bett nie wieder verlassen. Die 67-Jährige empfand es als Schmach, dass der Mann, mit dem sie nahezu 40 Jahre ihres Lebens geteilt hatte, ausgerechnet in Bayreuth seine letzte Ruhe finden sollte. Als man ihr die Bayreuther Zeitungen jener Wochen zusandte, reagierte sie entsetzt: »Denken Sie sich, daß darin nicht ein einziges Mal der Erkrankung Liszts Erwähnung getan ist: wie in einem Badeort, wo man Krankheit und Tod verheimlicht, um bei den Badegästen keine peinlichen Empfindungen wachzurufen.« Und weiter: »Dann verheimlicht oder verdunkelt man die Tatsache, daß er Katholik war. Jeder Leser kann meinen, daß er in diesem Atheistennest von irgendeinem freigeistigen protestantischen Pfarrer beerdigt worden sei! Aus der Nummer vom 11. August können Sie ersehen, daß die, welche drei Jahre lang ihren eigenen Vater nicht sehen wollte zehn Tage später in der Kneipe ›Zum Frohsinn‹ weilte!«

»Die« – das war Cosima Wagner. Zwar setzte die Fürstin alle Hebel in Bewegung, um Liszt aus dem »Atheistennest« wegzuschaffen, doch Frau Wagner erwies sich als hartnäckige Gegnerin. Selbst als Großherzog Carl Alexander vehement Einspruch gegen Bayreuth als Ruhestätte einlegte, blieb sie hart. Ohne Carolynes Namen zu nennen, erwiderte Cosima kühl, dass sie nun einmal mehr Vertrauen in Miskas Aussage setze. Das war deutlich. Der Kampf um Franz Liszts Grab war zweifellos auch der Kampf zweier starker Frauen. Vielleicht wollte Cosima Wagner sich so an ihrer alten Gegnerin rächen und der Fürstin all das heimzahlen, was sie ihr als junges Mädchen angetan hatte.

Carolyne von Sayn-Wittgenstein überlebte Franz Liszt nur um gut sieben Monate – sie starb am 8. März 1887 in Rom. Carolynes Tochter Marie schilderte die letzten Tage ihrer Mutter: »Am ersten Tag redete sie noch mit einer gewissen Lebhaftigkeit. Ich fand sie recht kurzatmig, Gesicht und Hände waren stark angeschwollen, aber nichts ließ ein so nahes Ende ahnen. Ihr Arzt gab mir zu verstehen, die Krankheit würde leidvoll und lang sein. Bereits am nächsten Tag kam heftiges Fieber auf, das sie dann innerhalb von wenigen Tagen dahinraffte. Sie spürte nicht, dass sie im Sterben lag. Ihr Tod war sanft, sie verschied um ein Uhr morgens während ihres Schlafes, ohne jeglichen Todeskampf.« Carolyne von Sayn-Wittgenstein wurde auf dem Campo Santo Teutonico in Rom beigesetzt.

Carolynes Ende ließ Cosima nicht kalt. »Der Tod von der Fürstin hat mir einen grossen Eindruck gemacht«, gestand sie einem Vertrauten. »Das Leben dieser Frau hat mir viel Leiden verursacht, aber grosse Empfindungen erweckt u. eigenartigste Erfahrungen zugeführt. « Frau Wagner hatte den Machtkampf gewonnen. Die Fürstin sei »vollständig gescheitert«, schrieb sie ihrer Tochter Daniela. »Ich glaube bestimmt, dass die Niederlage bezügl. der Ueberführung Grosspapa’s ihr einen Stoss versetzt hat, wovon sie sich nicht erholen konnte. Sie musste sich ergeben und starb.«



Seit Franz Liszts Tod sind nun 125 Jahre vergangen. Es bleibt das farbig schillernde Bild eines faszinierenden Menschen, der, aus kleinsten Verhältnissen kommend, ganz Europa eroberte. Liszt war ein genialer Pianist, ein großer Komponist und ein echter Superstar. Gekrönte Häupter hofierten ihn, Damen knieten huldigend vor ihm nieder, andere verloren den Verstand. Es gab Jahre, in denen eine hochgradig ansteckende Lisztomanie durch Europa schwappte.

Seine Persönlichkeit wirkt widersprüchlich: Er war hochfahrend, eitel und besaß großes schauspielerisches Talent, verdiente Unsummen und lebte gerne auf großem Fuß, spendete aber zur gleichen Zeit erhebliche Beträge für wohltätige Zwecke und war im Grunde ein bescheidener Mensch. Er war tiefreligiös und erhielt sogar die Niederen Weihen, scherte sich aber zeitlebens nicht um so etwas wie Sexualmoral. Er war ein Frauenheld mit legendären Affären.

Wie passen alle diese Gegensätze zusammen? Man hat manchmal das Gefühl, dass sich der »echte Liszt« hinter Masken ver - steckte. War das kokette Getue des jungen Snobs im Paris der 1830er-Jahre nicht ebenso eine Verkleidung wie 40 Jahre später der Rock des katholischen Abbé? Aber was, wenn der vermeintlich »echte Liszt« gar nicht existierte, wenn es gerade diese scheinbar unauflösbaren Widersprüche waren, die seine Persönlichkeit ausmachten ?

Franz Liszt sagte einmal: »Im Leben muß man sich entscheiden, ob man das Zeitwort ›haben‹ oder das Zeitwort ›sein‹ konjugiert.« Er hatte sich eindeutig für die zweite Alternative entschieden.