»Als stände Christus neben mir«

Gottesdienste in der Literatur Eine Anthologie

Herausgegeben von Axel Dornemann

Axel Dornemann, Dr. phil., Jahrgang 1951. Er studierte Slawistik und Germanistik in Heidelberg und hat zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht, u. a. die erste Bibliographie zu Flucht und Vertreibung in der Literatur, sowie literarische Anthologien, z. B. über erzählte Schulwege.

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© 2014 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Printed in Germany · H 7788

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Das Buch wurde auf alterungsbeständigem Papier gedruckt.

Coverbild: »Kirchgang«, handkolorierter Linolschnitt von Herbert Gurschner (1901–1975), Tirol 1938 © Kunsthandel Widder, Wien Titel: Das Titelzitat »Als stände Christus neben mir« wurde dem auf Seite 69 abgedruckten Prosagedicht »Christus« von Iwan S. Turgenjew entnommen.

Gesamtgestaltung: Thomas Puschmann · fruehbeetgrafik.de, Leipzig Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse GmbH, Leck

ISBN 978-3-374-03961-6

www.eva-leipzig.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Einläutende Worte

Friedrich Nietzsche

Der Gottesdienst der Griechen

Justin

Am Sonntage halten wir alle die Zusammenkunft*

Flamenca

So sind sie alle, die Liebenden*

Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen

Wenn die Kirchen reden könnten*

Abraham a Sancta Clara / Achim von Arnim

Des Antonius von Padua Fischpredigt

Johann Leonhard Rost

Der gesegnete Kirchgang des beständigen Christen

Brüder Grimm

Die himmlische Hochzeit

Annette von Droste-Hülshoff

Der Prediger

Karl Philipp Moritz

Der Sonntag kam heran. Man ging zur Kirche*

Johann Wolfgang von Goethe

Die wandelnde Glocke

Ulrich Bräker

Räisonierendes Baurengespräch über den üßerlichen Gottesdienst*

Iwan S. Turgenjew

Christus

Robert Prutz

Sonntagsfeier

Herman Melville

Die Kanzel leitet die Welt*

Gottfried Keller

Der Kirchenbesuch

Sören Kierkegaard

Die Hausgans

Karl Mayer

Das treue Geleit

Eduard Mörike

Pastoral-Erfahrung

Nikolaj W. Gogol

Betrachtungen über die Heilige Liturgie

Theodor Fontane

In der Kirche

Karl Gerok

Der Kirchgang

George Eliot

Kirchgang

Alphonse Daudet

Die drei stillen Messen

Leo N. Tolstoj

Gotteslästerliche Hexerei der Priester*

Detlev von Liliencron

Dorfkirche im Sommer

Heinrich von Maltzan

Wallfahrt nach Arafa

Oskar Panizza

Die Kirche von Zinsblech

Elisabeth Siewert

Kirchgang

Joachim Ringelnatz

Sonntags

Paul Zech

Kirchgang

Theodore Dreiser

»Seit wann hast du deiner Mutter nicht geschrieben?«*

Boris L. Pasternak

Lara war nicht fromm*

Jaroslav Hašek

Schwejk zelebriert mit dem Feldkuraten die Feldmesse

Oskar Maria Graf

Die Christmette

Kurt Ihlenfeld

Letzte Tage in Schlesien*

Jenny Aloni

Die Synagoge und der Dom

Walter Kempowski

Ernst machen mit dem Christentum*

Kurt Marti

Keine Ostern wie immer

Michael Krüger

Brief

Hanns-Josef Ortheil

Die Zeremonie hatte einen verwandelt*

Philip Roth

Nemesis

Gabriele Wohmann

Herbei nun, ihr Gläubigen

Friedrich Christian Delius

Zwischen Vaterunser und Fritz Walter*

Peter Handke

Frieden holen im Singsangrussisch*

Ricarda Huch

»Siehe, es ist alles neu geworden«*

Autoren- und Quellenverzeichnis

* Überschriften wurden vom Herausgeber formuliert

Einläutende Worte

Seit Urzeiten kommen die Menschen zusammen, um den Göttern zu huldigen, und seit zweitausend Jahren, um christliche Gottesdienste zu feiern. Sehr schnell gesellte sich zum zentralen religiösen Anlass der Versammlung eine säkulare Komponente: Der Kirchgang wurde auch zu einem gesellschaftlichen, öffentlichen Ereignis ähnlich dem Besuch eines Theaters, eines Balles oder sogar einer Sportveranstaltung. Das Irdische hielt Einzug in die Kirche. Spätestens hiermit musste der Gottesdienst den Dichter auf den Plan rufen, gehören doch der persönliche religiöse Glaube des Menschen, der immer auch gleichzeitig in ein soziales Netz eingebunden ist, zu seinen künstlerischen Hauptinteressen. Schon früh machen sie sich dann in der Tat daran, das Geschehen in der Kirche literarisch zu bearbeiten, oder anders ausgedrückt: ihm einen Spiegel vorzuhalten. Wer sich mit ihm befasst, stellt schnell fest, dass Sebastian Brant, einer der größten Dichter seiner Zeit, keine Ausnahme bildet, wenn er bereits Ende des 15. Jahrhunderts in seinem Bestseller, der zeitlosen Fundamentalsatire über das Welttheater, dem Narrenschiff, den unseligen »Lärm in der Kirche« anprangert, den die eitlen, selbst dort vornehmlich Weltlichem verhafteten Gottesdienstbesucher veranstalten. Aber auch die Geistlichkeit kommt nicht ungeschoren davon: »Sollt’ er [Christus] offen Sünd’ austreiben, / Wer würde in der Kirch’ wol bleiben! / Er trieb’ wol oft den Pfarrer aus / Und ließ den Meßner nicht im Haus!« Wie ein roter Faden zieht sich durch die in diesem Buch präsentierten literarischen Gottesdienst-Beschreibungen der Interessenkonflikt zwischen dem lebendigen Leben und der nötigen Ehrlichkeit beim gemeinsamen Bekennen des religiösen Glaubens. Kurz: Es geht einerseits um die menschliche Unvollkommenheit beim Umgang mit dem geglaubten Unbegreiflichen, andererseits um das Bemühen, das Zusammenspiel von Ideal und Wirklichkeit als Selbstverständlichkeit, als Wahrheit zu begreifen und anzuerkennen. In dem einen Gottesdienst schweifen die Gedanken des Besuchers ab oder schläft er ein, im anderen geht die Predigt daneben oder gerät sie zu lang. Am Schluss gehen alle nach Hause und widmen sich, nur zu oft, wieder dem Tagesgeschäft. Definitorisch idealtypische, für alle Teilnehmer am Geschehen ausschließlich zweckgebundene und ungestörte Gottesdienste sind von der ›schönen‹ Literatur nicht zu erwarten, und der Leser wäre ihrer auch schnell überdrüssig. Die realen Pfarrer und Kirchgänger sehen sich zwar einander, doch nur der Schriftsteller kann in die Köpfe und Seelen seiner Helden blicken.

Jahrhunderte nach Brant zeigt sich noch immer das gleiche Bild. Anfang 1901 exkommuniziert die oberste zaristische Kirchenbehörde den weltweit verehrten Schriftsteller, radikalen Gläubigen und Kirchenkritiker Leo Tolstoj. Was war geschehen? In seinen 1899 erschienenen dritten Roman, Auferstehung, hatte er einen als Provokation und Blasphemie gedeuteten Gefängnisgottesdienst eingebaut, der beim Heiligen Synod das Fass zum Überlaufen brachte. – John Updike lässt 1986 in Das Gottesprogramm einen Theologieprofessor (!) auf die Ankündigung seiner Frau, sie gehe jetzt in die Kirche, antworten: »›Warum solltest du etwas derart Lächerliches tun?‹« – Drei Jahre später stellt der große kleine Owen Meany im gleichnamigen Roman John Irvings die herausfordernde These auf, das Problem an der Kirche sei der Gottesdienst. – Einer der bedeutendsten zeitgenössischen deutschsprachigen Pfarrerschriftsteller, der Schweizer Kurt Marti, konfrontiert uns in einer »frommen« Erzählung sogar mit einem so stark am Glauben zweifelnden Geistlichen, dass dieser sich außer Stande sieht, den anstehenden Ostergottesdienst zu feiern! Er sei zu der Überzeugung gelangt, dass Gott am Menschen endgültig gescheitert ist. Und wer wollte nicht die Gewissheit des Erzählers in Walter Kempowskis Roman »Uns geht’s ja noch gold« teilen, dass die guten Vorsätze der Besucher des ersten Gottesdienstes in Rostock nach der Katastrophe von 1945 nur leere Worte sind, wenn er ihnen in den Mund legt: »Nun wolle man noch näher zusammenrücken, Ernst machen mit dem Christentum, nicht falsch Zeugnis reden wider seinen Nächsten. Alle Streitigkeiten begraben, Konkurrenz und Neid«?

Selbstverständlich trifft der Leser auch auf zahlreiche ›positive‹ literarische Gottesdienste. Die Kirche kann Stätte tiefer Frömmigkeit, des Trostes, großer Menschlichkeit, des Gemeinschaftsgefühls, der Freude, der schönen Erinnerung sein, lang vermisste Heimatgefühle spenden oder geradezu Heroisches offenbaren. Der Schriftsteller ist nun aber in erster Linie ein Zweifler und zeigt seine Helden eher in problematischen Situationen denn in unbeschwerten Phasen. Ein ehrliches und realistisches Überblicksurteil zum Bild des Geistlichen in der Literatur kann nur so ausfallen, wie eine jüngste Untersuchung von Gerhard Isermann (2012) betitelt ist: Helden, Zweifler, Versager. Das Pfarrbild in der Literatur. Die Erweiterung der Aufmerksamkeit auf die traditionell wichtigste Tätigkeit des Pfarrers, die Verkündigung des Wortes Gottes von der Kanzel herab im Rahmen des Gottesdienstes, oder, anders ausgedrückt: das Inszenieren und Aufführen eines komplexen Gottesdienst-Stückes mit mehreren Akten, bestätigt das von Isermann (und anderen vor ihm) erzielte Sammelergebnis. Ein Grund mag darin liegen, dass literarische Figuren, die im Dienste einer Institution stehen und sie vertreten, bei den Schriftstellern a priori schlecht wegkommen: Lehrer, Verwaltungsbeamte, Juristen oder Politiker bewegen sich auf der Charakterskala zwischen Tyrann, Sonderling oder lächerlicher Figur, im positiven Fall noch von Bedenken geplagt. Den erzählten Seelsorgern (und natürlich auch dem einzelnen Gottesdienstbesucher, der als soziales Wesen von den anderen wahrgenommen werden will) geht es da nicht besser. Denn der Dichter ist Anwalt der Freiheit des Individuums und hegt Vorbehalte gegenüber jedem, der eine Rolle zu spielen hat. Und da ist es nicht verwunderlich, wenn er alles Rituelle, Institutionelle und Nach-Regeln-Ablaufende, das den Menschen seiner Selbstbestimmung beraubt, als unecht, unwahr offenlegt. Auch das so gefährliche Magische, das dem religiösen Kultus anhaftet, wird von den Literaten oft thematisiert. Der bereits erwähnte Owen Meany bringt es auf den Punkt: »Ein Gottesdienst wird für ein Massenpublikum abgehalten. Immer, wenn mir ein Lied zu gefallen beginnt, plumpsen alle auf die Knie zum Beten. Immer, wenn ich dem Gebet gerade folgen kann, springen alle hoch und fangen an zu singen. Und was hat die blöde Predigt mit Gott zu tun? Wer weiß, was Gott von den aktuellen Ereignissen hält? Wer schert sich darum?« Ob dies eine Anspielung auf Aldous Huxleys Schöne neue Welt von 1932 ist? Bekanntlich hat in dieser Antiutopie die Zeitrechnung nach Henry Ford die unsere, an der Geburt Christi orientierte abgelöst. Der Gottesdienst in jener Welt wird »Eintrachtsandacht« genannt. In ihm geht es einzig um die endgültige Ausrottung des Individuums: »Wenn unser Einzelsein wir lassen, / Ist es des Größern Seins Beginn«, heißt es in der Eintrachtshymne. Einerseits gilt es für den Schriftsteller, diese bedenkliche Entwicklung kritisch zu beobachten, andererseits aber auch, immer wieder das damalige wunderbare Geschehen im Heiligen Land ins Bewusstsein zu rücken und nicht im Weltentrubel in Vergessenheit geraten zu lassen. Pilatus habe bei der befohlenen Kreuzigung Jesu, so Reiner Kunze, den Irrtum begangen, nur an diesen Märtyrer zu denken und nicht an die Schreibenden, »die berichten würden / von jahrtausend zu jahrtausend«. Diese Anthologie erstattet erstmalig und hoffentlich abwechslungsreich und spannend Bericht darüber, wie die literarische Welt eine der grundlegenden Lebensformen und Glaubensbezeugungen der menschlichen Gemeinschaft, den Gottesdienst, sieht und gestaltet.

Zu den wesentlichen äußeren Phasen, Örtlichkeiten und Bestandteilen des erzählten Gesamtkunstwerkes ›Gottesdienst‹ gehören: das Fertigmachen zum Kirchgang, der (meist gemeinschaftliche) Gang zur Kirche, das vom Privathaus so vielfältig sich unterscheidende Kirchengebäude selbst, das Glocken- und später das Orgelspiel, das Einnehmen (eines in früheren Zeiten vorgegebenen) Platzes in der Kirchenbank, die Zeremonie beziehungsweise Liturgie, das Singen der Gemeinde, die mit Spannung erwartete Predigt, die Kollekte, das Nach-Hause-Gehen oder der anschließende Gasthaus-Besuch – und die Liebe. Denn das Kirchengebäude als sakraler Raum war über viele Jahrhunderte der einzig mögliche Treffpunkt für Verliebte in der Öffentlichkeit. Überhaupt wird der Leser mit allen nur erdenklichen Gemütswallungen konfrontiert, was den literarischen Gottesdienst zu einem faszinierenden Schauplatz sowohl gesellschaftlichen als auch individualistischen Denkens, Handelns und Empfindens macht.

Dies mag für den Erzähler umso reizvoller sein, als Literatur und Gottesdienst in einem symbiotischen Verhältnis miteinander leben. Ihre gemeinsame Grundlage bildet die Sprache: Die Verkündigung des Wortes Gottes und das Bemühen, es zu verstehen und über die Zeiten immer wieder neu zu interpretieren, stehen für den Mann auf der Kanzel – auf eine Frau bin ich nicht gestoßen! – und für seine Gemeinde im Mittelpunkt der Zeremonie. Die Bibel ist nicht zuletzt ein großes und eines der einflussreichsten Wortkunstwerke, symbolbeladen wie das literarische Kunstwerk. Und für den Schriftsteller ist die Sprache das Handwerkszeug schlechthin, die »härteste Währung« (Reiner Kunze) und ein »sicherer Fallschirm« (Horst Bienek). Nicht selten, man denke nur an die Epoche der Romantik, wurde das dichterische Wort als Gebet begriffen. Goethe sprach sogar vom »Gottesdienstlichen der Kunst«. Zudem folgt die Literatur, und das nicht nur im Schauspiel, wie der Gottesdienst einer festen Dramaturgie, ja, will oder soll der Gottesdienst auch ein kleines Kunstwerk sein mit der Predigt, die selbst künstlerische Ambitionen verfolgt, als Höhepunkt im dritten Akt. Das Beziehungsgeflecht zwischen Literatur und Predigtgottesdienst ist eng. Seit Jahrhunderten nimmt der Pfarrer sprachliche und thematische Anleihen aus literarischen Werken, während andererseits nicht nur die Verfasser ausgesprochen christlicher Literatur unvermindert religiöse Motive, Themen oder Bilder aufgreifen und die Bibel als eine Sprachquelle bemühen. Literat und Seelsorger ringen ununterbrochen um die richtigen Worte.

Die Zeugnisse für und die Untersuchungen über diese gegenseitige Befruchtung füllen ganze Bibliotheken. Ich könnte mir denken, dass dieses Buch in der Bibliothek der Kirchenfrau oder des Kirchenmannes an der Nahtstelle zwischen den Regalen mit dem wissenschaftstheoretischen und historischen Schrifttum über den Gottesdienst und der belletristischen Abteilung seinen Platz findet. Wie in anderen Wissenschaften auch, so hat die Theologie schon längst den hohen Erkenntniswert der Literatur für ihr Fach bekannt. Der Literaturfreund wiederum weiß, wie aufregend es sein kann, eigene Alltagserfahrungen durch künstlerische Formung neu zu sehen. An ihm zieht eine lange Galerie charakterlich unterschiedlichster Pfarrerfiguren vorbei und wir erleben Generationen von Gottesdienstbesuchern mit ihren schönen Empfindungen, Glücksgefühlen, Hoffnungen, aber auch mit ihren wahren und scheinbaren Nöten oder nur Menschlichem, Allzumenschlichem. Die Dichter bringen es fertig, sowohl große historische und politische Ereignisse oder gesellschaftlich markante Zustände als auch bewegende Einzelschicksale wie durch ein Brennglas in die geschlossene Gesellschaft eines Gottesdienstes hinein zu projizieren. Noch beeindruckender aber ist vielleicht die künstlerische Phantasie, mit welcher die Literatur Gottesdienste veranstaltet, denn nur sie kennt seine unzähligen Facetten.

Es war weder der Anspruch dieser Textsammlung, alle historischen Gottesdienstarten zu sämtlichen denkbaren Anlässen zu berücksichtigen, noch ging es darum, die komplexe Geschichte des Gottesdienstes in ihren literarischen Niederschlägen zu dokumentieren. Auch wäre es nicht möglich gewesen, alle Weltreligionen, Sekten oder Freikirchen zu berücksichtigen. Im Zentrum steht der christliche Gottesdienst beider Konfessionen einschließlich der Orthodoxie des östlichen Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart. Drei Beispiele geben einen Eindruck davon, wie die Menschen in der islamischen und der jüdischen Glaubenswelt ihre Religion bekennen. Die Anordnung der Beiträge folgt grob den Geburtsjahren der Autorinnen und Autoren; nur der erste und der letzte Beitrag weichen von dieser Reihung ab.

Manche Texte wurden in der Schreibweise behutsam modernisiert, ohne ihnen die historische Prägung zu nehmen.

Für anregende Gespräche und wertvolle Literaturhinweise danke ich herzlich Kim Apel, Eckart Bräuer, Peter Cornehl, Hans-Jörg Eiding, Christoph Gellner, Reinhart Gronbach, Mark Kirchner und Hartmut Steinecke. Bezeichnenderweise sind die Mehrzahl dieser mir wertvollen Gesprächs- oder Korrespondenzpartner sowohl Literaturfreunde und -kenner als auch Seelsorger.

Der Herausgeber

Friedrich Nietzsche

Der Gottesdienst der Griechen

An der Universität Basel hielt der Philosoph in den Wintersemestern 1875 / 76 und 1877 / 78 die gleichlautende Vorlesung. Einleitend stellte er fest:

Es hat nie einen solchen Gottesdienst gegeben wie den griechischen: er ist durch Schönheit, Pracht, Mannichfaltigkeit, Zusammenhang einzig in der Welt und eins der höchsten Erzeugnisse ihres Geistes. Der »festfeiernde Grieche«, das Subjekt zu jenem Objekt, gehört dazu; man muss sich sehr bemühen, eine solche Erscheinung sich deutlich vor die Seele zu führen, man bekommt so erst einen Maßstab für das, was in religiösen Culten barbarisch ist. Überdies ist man es den Griechen schuldig, sie auch hierin nicht in Stich zu lassen und ihnen ihren einzigen Platz in der Weltgeschichte zu bewahren. Sie haben gerade auf die Entwicklung der gottesdienstlichen Gebräuche eine ungeheure Kraft verwendet, eingerechnet Zeit und Geld; wenn bei den Athenern der sechste Teil des Jahres aus Festtagen bestand, die Tarentiner sogar mehr Festtage hatten als Werkeltage, so ist dies nicht nur ein Zeichen von Üppigkeit und Faulenzerei, es war nicht hinausgeworfene Zeit. Das erfinderische Denken, Vereinigen, Ausdeuten, Umbilden auf diesem Gebiete ist die Grundlage ihrer πόλιζ (polis), ihrer Kunst, ihrer ganzen bezaubernden und weltbeherrschenden Macht gewesen. Nicht als Literatur haben die Griechen die Römer und den Orient sich unterwürfig gemacht, sondern als prachtvolle Erscheinung in Aufzügen, Tempeln, Cultusgerätschaften, überhaupt als festefeiernde Hellenen; ihre »klassische Literatur« mit Chorlied, Tragödie, Komödie ist ja auf dem Boden des Cultus oder als Anhang zu demselben zum guten Teil erwachsen. Es fragt sich, ob eine Zeit wie die unsere, die in Maschinenwesen und Ausbildung des Krieges ihre Stärke hat, ihre Kraft auf eine allgemein nützlichere Weise anlegt.

Es ist gar nicht auszurechnen, was man der eigentümlichen Neigung der Hellenen verdankt, an den gottesdienstlichen Gebräuchen alle ihre Kraft, ihren Ernst, ihre Erfindungsgabe auszulassen. Original zwar sind sie, im Sinne eines ganz autochthonen und unberührt gebliebenen Cultus, nicht; im Gegenteil, die Elemente ihres Cultus finden wir überall wieder, es ist gar nicht zu sagen, warum nicht die Phönizier oder die Phryger oder die Germanen oder die Römer es hätten ebenso weit bringen können; sie brachten es nicht so weit, weil sie auf dieselben Elemente nicht so viel Geist, so viel Mühe verwendeten. Man sage auch nicht: »Ja, man muss erst Geist haben, um Geist verwenden zu können«; – ich wüsste nicht, warum die Griechen als Ganzes mehr Geist haben sollten als z. B. die Germanen. Aber die anhaltende Energie des Nachdenkens, der gute Wille, sich mit nichts Mittelmässigem genügen zu lassen – das ist hier griechisch: also Charaktereigenschaften. »Wie kamen Sie nur zu Ihren Entdeckungen?« fragte man Newton. Er antwortete: »Dadurch, dass ich immer daran dachte

Justin

Am Sonntage halten wir alle die Zusammenkunft

Der um 165 in Rom gestorbene Märtyrer und Kirchenvater schildert in seiner ersten Apologie den Ablauf der frühchristlichen Gottesdienste.

An dem Tage, den man Sonntag nennt, findet eine Versammlung aller statt, die in Städten oder auf dem Lande wohnen; dabei werden die Denkwürdigkeiten der Apostel1 oder die Schriften der Propheten vorgelesen, solange es angeht.2 Hat der Vorleser aufgehört, so gibt der Vorsteher in einer Ansprache eine Ermahnung und Aufforderung zur Nachahmung all dieses Guten. Darauf erheben wir uns alle zusammen und senden Gebete empor. Und wie schon erwähnt wurde, wenn wir mit dem Gebete zu Ende sind, werden Brot, Wein und Wasser herbeigeholt, der Vorsteher spricht Gebete und Danksagungen mit aller Kraft, und das Volk stimmt ein, indem es das Amen sagt. Darauf findet die Ausspendung statt, jeder erhält seinen Teil von dem Konsekrierten; den Abwesenden aber wird er durch die Diakonen gebracht. Wer aber die Mittel und guten Willen hat, gibt nach seinem Ermessen, was er will,3 und das, was da zusammenkommt, wird bei dem Vorsteher hinterlegt; dieser kommt damit Waisen und Witwen zu Hilfe, solchen, die wegen Krankheit oder aus sonst einem Grunde bedürftig sind, den Gefangenen und den Fremdlingen, die in der Gemeinde anwesend sind, kurz, er ist allen, die in der Stadt sind, ein Fürsorger. Am Sonntage aber halten wir alle gemeinsam die Zusammenkunft, weil er der erste Tag ist, an welchem Gott durch Umwandlung der Finsternis und des Urstoffes die Welt schuf und weil Jesus Christus, unser Erlöser, an diesem Tage von den Toten auferstanden ist. Denn am Tage vor dem Saturnustage kreuzigte man ihn und am Tage nach dem Saturnustage, d. h. am Sonntage, erschien er seinen Aposteln und Jüngern und lehrte sie das, was wir zur Erwägung auch euch vorgelegt haben.

* * *

Flamenca

So sind sie alle, die Liebenden

Der nur fragmentarisch erhaltene altprovenzialische Minneroman aus dem 13. Jahrhundert, dessen Verfasser unbekannt ist, erzählt die Liebesgeschichte des edlen Ritters Guilhem de Nevers und der schönen Flamenca in Bourbon, deren krankhaft eifersüchtiger Ehemann sie gänzlich von der Öffentlichkeit abschirmt, selbst in der Kirche. Bleibt für Guilhem nur eine Annäherung ohne Worte.

Aber Flamenca litt große Pein durch ihren Ehemann. Bald seufzte sie, bald stöhnte sie, Ängste und Folterqualen waren ihr Los, viele Tränen mußte sie trinken. Sie war zugleich verzweifelt und empört. Immerhin erwies ihr Gott eine große Gunst: Sie liebte nicht und sie bekam kein Kind. Hätte sie nämlich geliebt und nichts gehabt, womit sie ihre Sehnsucht stillen konnte, ihre Lage wäre noch weit schlimmer gewesen, meine ich. Niemals hätte sie Liebe gekannt, hätte sie Frau Minne nicht zu ihrem Vergnügen diskret unterrichtet; freilich lehrte sie sie dieses Spiel erst dann, als sie Zeit und Ort für günstig befand. Lange Zeit hindurch aber klagte Flamenca und hielt sich für verloren. Nur an Feier- oder Sonntagen trat sie aus ihrer Tür, aber auch dann konnte weder Ritter noch Klerikus mit ihr sprechen. In der Kirche ließ er sie nämlich nur in einem besonders finsteren Winkel sitzen. An zwei Seiten ragte die Mauer empor; vorne aber hatte er eine hohe, massive Bretterwand errichten lassen, die ihr bis zum Kinn reichte, wenn sie saß, und sie einschloß. Da drinnen war Platz für sie und ihre Fräulein sowie für den Eifersüchtigen, wenn er bei ihnen sitzen wollte. Aber er setzte sich stets draußen hin, abseits, wie ein lauernder Bär oder Panther. Man sah ihm an, welch ein hinterhältiger Mensch er war.

Wenn das Evangelium verlesen wurde, hätte sie einer, der genau hinsah, bei schönem Wetter sehen können, sofern er nahe genug war. Aber bei der Opferfeier ging sie nie nach vorn, da Herr Archimbaut den Pfarrer lieber zu ihr kommen ließ. Glaubt nicht, daß sie dem Geistlichen die Hand küßte, wenn diese nicht wohl behandschuht war. Ihre Weihgabe überreichte sie nicht persönlich, sondern Herr Archimbaut tat es, indem er sie bewachte und ihr nicht erlaubte, ihr Antlitz zu zeigen oder ihre Handschuhe auszuziehen. Daher bekam sie der Pfarrer nie zu Gesicht, weder zu Ostern, noch zu Rogate. Ein Ministrant pflegte ihr den Psalter zum Friedenskuß zu reichen: dieser Junge hätte sie wohl sehen können, hätte er Witz und Verstand gehabt. Nach dem Ite missa est1 ging Herr Archimbaut hinaus, ohne das Mittagsgebet und die Non abzuwarten. Sogleich rief er den Jungfern zu: »Kommt schon, so kommt schon! Ich will jetzt essen gehen, laßt mich nicht warten, wenn ich bitten darf!« Für ihr Gebet ließ er ihnen keine Zeit. So erging es ihnen gut zwei Jahre lang. Ihr Elend, ihr Kummer und Verdruß verschlimmerten sich Tag für Tag. Zugleich verging kein Morgen und kein Abend, an dem Herr Archimbaut nicht jammerte und sich nicht selbst verwünschte. […]

Während Guilhem seine Herrin erwartete, fühlte er starkes Herzklopfen. Fiel ein Schatten auf das Portal der Kirche, meinte er sogleich, es sei Herr Archimbaut, der da kam. Indessen begab sich jedermann an seinen Platz. Als alle in der Kirche waren und das dritte Geläut verstummte, da kam er hintendrein, der wilde Teufel, der sich gehabte, als könne ihm keiner an. Struppig war er, widerwärtig, nichts als ein Spieß fehlte ihm, um den Scheuchen zu gleichen, die der Bergbauer aufstellt, um die Wildsauen zu schrecken. Neben ihm die schöne Flamenca; so wie er war, mußte sie ihn begleiten. Sie hielt sich von ihrem Gemahl möglichst fern, da er ihr zuwider war. Im Torbogen hielt sie kurz an und neigte sich gar demütig: da sah sie Guilhem de Nivers zum ersten Mal, soweit dies möglich war. Unverwandt blickte er sie an und bewegte kein Lid, während ihn Wehmut und Kummer ergriffen, da er nur so wenig von ihr erblickte. »Das ist sie«, sagte Frau Minne zu ihm, »die zu befreien ich meine Erfindungsgabe einsetze, und auch du sollst erfinderisch ans Werk gehen. Aber spähe nicht so zu ihr hinüber, es soll ja niemand etwas merken. Ich will dich lehren, den elenden, neidischen Narren zu täuschen (besser für ihn wäre, es gäbe ihn nicht) und auch für das Gebände sollst du entschädigt werden.« Damit wendete Guilhem den Blick ab, denn seine Herrin betrat ihre Klause und kniete sogleich nieder. Der Priester sang »Asperges me«; beim »Domine« fiel Guilhem ein und sang den Vers bis zum Ende. Nie, glaube ich, hat man in dieser Kirche so schön gesungen. Nun verließ der Priester den Chor. Ein Gemeiner brachte ihm das Weihwasser; damit ging er auf die rechte Seite, zu Herrn Archimbaut, um es ihm zuerst zu reichen. Guilhem und sein Wirt, der ihn unterstützte, waren nun die einzigen Sänger. Zugleich schaute der erstere häufig zu der Bretterwand hinüber und konnte sich gar nicht von seinem Guckloch trennen. Gerade ließ der Pfarrer den Sprengwedel sprühen, eifrig verteilte er das salzige Naß über Flamenca, die ihr Haupt entblößt hatte, dort wo das Haar geteilt war, damit er sie besser benetzen konnte. Weiß, fein und zart war ihre Haut, es leuchtete das prachtvolle Haar. Die Sonne meinte es sehr gut mit ihr, da sie einen ihrer Strahlen ganz genau auf sie fallen ließ. Als Guilhem dies schöne Vorzeichen und den Schatz erblickte, den ihm die Minne verhieß, da lachte und jubelte sein Herz, während er »signum salutis« anstimmte. Sein Gesang gefiel allen, da er eine sehr klare Stimme hatte und ebenso trefflich wie freudig sang. Hätte man gewußt, daß er ein Ritter war, hätte man seinen Gesang noch mehr geschätzt.

Nun stand der Priester vor dem Altar und stimmte leise, gemeinsam mit seinem Ministranten Nicolau (er mochte an die vierzehn Jahre alt sein), das »Confiteor« an. Im Chor gab es nur zwei Sängerknaben, Guilhem und seinen Wirt; als einzige konnten die beiden singen und taten ihr Bestes. Guilhem sang seinen Part vortrefflich, vergaß dabei aber nicht, öfter einen schnellen Blick auf den Verschlag zu werfen. Als der Priester mit der Verlesung des Evangeliums begann, erhob sich die Herrin. Ein Bürger, der ebenfalls aufstand, brachte Guilhem zur Verzweiflung, aber Gott wollte, daß er zur Seite ging. Da erspähte Guilhem seine Herrin, wie sie aufrecht dastand, sich bekreuzigte und dabei mit der Hand die Binde ein wenig hinunterschob, während ihr Daumen die Schließe ihres Mantels vorne hielt. Guilhem wünschte sich, diese Bibellesung solle nie zu Ende gehen, allerdings hätte dies Flamenca nicht lästig fallen dürfen. So schnell war alles vorbei, daß er an das Neujahrsevangelium2 dachte. Am Ende bekreuzigte sich die Herrin von neuem, während Guilhem ihre bloße Hand betrachtete; wobei ihm so zumute war, als berührte sie sein Herz und nähme es mit sich. So holder Schrecken durchfuhr ihn, daß er beinahe hingefallen wäre. So wie ein Mensch, der ins kalte Wasser steigt, bis es ihm zur Brust reicht und er ein Gefühl verspürt, als reiße es ihm Herz, Leber und Lunge heraus, daß er nur » Oi! Oi! « hervorstößt, weil er kein einziges Wort sagen kann, so verhielt es sich auch mit Guilhem. Vor sich erblickte er einen Opferstock, auf dem er bequem knien konnte: Darauf ließ er sich fallen, als ob er betete. Niemandem fiel etwas auf, weil er seine Kapuze nicht zurückgeschlagen hatte. Er tat so, als ob ihn der Kopf schmerzte; auch bei der Lesung entmummte er sich nicht, sondern verharrte auf seinem Schemel, ohne seine Lage zu verändern, bis ihm Nicolau ein Paxtäfelchen3 reichte. Er selbst gab es an seinen Wirt weiter und wandte sich gleich wieder dem Durchguck zu. Indessen ergriff Nicolau ein Brevier, das Psalmen, Hymnen, Bibelsprüche und Gebete, Wechselgesänge und Lesestücke enthielt, und schlug ein Kreuz darüber. Mit diesem Buch brachte er Flamenca die Pax dar. Als sie es küßte, erblickte Guilhem von seinem Guckloch aus (leider war es so klein, daß es der kleine Finger verschlossen hätte) ihren schönen roten Mund. Da ermunterte ihn Frau Minne, unter keinen Umständen je den Mut zu verlieren. In einen guten Hafen ist er eingelaufen: Nie hätte er gedacht, daß er in einem ganzen Jahr so viel von seiner Herrin sehen würde. Seine Augen haben reichen Lohn, sein Herz schwelgt in zärtlichen Gedanken.

Als Nicolau wieder im Chor Platz genommen hatte, überlegte Guilhem, wie er des Buches habhaft werden konnte. Auf der Suche nach einem Vorwand, es an sich zu nehmen, sagte er: »Mein Freund, gibt es hier drinnen Tabellen und Kalender? Wüßte ich, auf welches Datum im Juni Pfingsten fällt, wäre mir dies sehr angenehm.« – »Gewiß, Herr«, sagte der Ministrant und gab ihm das Buch. Guilhem lag nichts daran, daß man ihm die Mondphasen oder die Epaktenzahl4 erläuterte; Blatt für Blatt wendete er um und wünschte, jedes zu küssen, um das eine zu treffen. Freilich hätte es im geheimen sein müssen, ohne daß es der neben ihm sitzende Wirt sah. Schließlich fiel ihm ein passender Trick ein, und er sagte bei sich selber: »Ich tue wohl gut daran, zu lehren, damit ich selbst belehrt werde.« Hierauf zu jenem: »Mein Klerikus, an welcher Stelle lasset Ihr wohl den Friedenskuß geben? Eigentlich solltet Ihr ja nach Möglichkeit den Psalter wählen.« – »So halte ich es auch, Herr; gerade ließ ich diese Stelle küssen!« Und damit zeigte er ihm die Seite und den Ort. Mehr wollte Guilhem nicht wissen. Gleich versank er in sein Gebet und küßte das Blatt über tausendmal. Es war ihm, als wäre die ganze Welt sein und nichts könne ihm mehr schiefgehen. Hätte er seine Augen teilen können, so daß eines durch die Öffnung guckte, während das andere die Buchseite betrachtete, er wäre glücklich gewesen; aber er war es ja ohnehin.

Lange blieb er so in seinem Grübeln versunken und weidete sich schweigend an seinem Traum, bis er den Priester »Ite missa est« sagen hörte. Man kann sich denken, daß ihn dies gewaltig störte. Gleich strebte Herr Archimbaut hinaus, da er nicht wollte, daß sich Leute an ihn herandrängten. Flamenca und ihre anmutigen, klugen Jungfräulein (für beide war es Zeit, einen Mann zu suchen, da die jüngere schon die Fünfzehn überschritten hatte) hatten keine Zeit, länger sitzenzubleiben und zu beten. So gingen sie fort; Guilhem blieb da und wartete auf den Pfarrer, der das Mittagsgebet begonnen hatte. Als er merkte, daß er damit fertig war, ging er auf ihn zu, grüßte ihn höflich und sagte: »Herr, gewährt mir bitte eine Gunst als Willkommensgruß und wollet heute bei mir speisen. Wenn es Euch recht ist, sollt Ihr von nun an immer mit uns essen.« Auch der Wirt sagte: »Tut es, Herr, Ihr werdet es nicht zu bereuen haben.« Der Pfarrer war ein kluger Mann und freute sich, wenn er Gelegenheit hatte, in guter Gesellschaft zu weilen. Daher nahm er sogleich an. Guilhem dankte ihm sehr herzlich, und der Priester erwiderte den Dank. Hierauf kehrten sie nach Hause zurück und fanden dort das Mahl bereitet. Aber davon will ich euch nicht mehr sagen, als daß sie gut und reichlich speisten. […]

Die Knappen kümmerten sich um das Essen, während Guilhem und sein Wirt zur Kirche gingen, um zu Gott zu beten. Aber ihre Gebete waren nicht verschwistert, obgleich sie an denselben Vater gerichtet waren; sieht man vom gemeinsamen Namen ab, waren sie von sehr verschiedener Art. Guilhem paßte gut auf und setzte sich wieder an denselben Ort wie am Vortag. Gerade erst hatte er den Pfarrer freundlich begrüßt, da drehte er sich schon um und hielt nach der Eintretenden Ausschau. Bevor die Terz5 vollendet war, kam Herr Archimbaut (Oh, daß solch wilder Treiber eine so schöne Frau führen darf!). Guilhem streckte den Hals zum Durchguck, so wie ein Geier nach dem Rebhuhn späht. Er wußte zwar nicht genau, was er sang, aber während er hinüberschielte, übersprang er keinen einzigen Psalmvers. Da widerfuhr ihm großes Glück: Seine Blicke waren nicht vergeblich, da Flamenca diesmal länger als zuvor unter dem Tor stehen blieb, um zu beten. Sie zog ihren Handschuh von der rechten Hand, und als sie husten mußte, schob sie das Gebände hinunter, so daß sich Guilhem am Anblick ihres ganzen Mundes erfreuen konnte. Mit den Augen küßte und streichelte er sie, geleitete sie bis zu seinem Durchguck. Nie, so schien es Guilhem, war ein Montag für ihn so schön gewesen. Es dauerte nicht lange, und die Sonne sandte einen Strahl dorthin, wo jene andere Sonne sich betend vor Gott neigte. Wäre das Gebände nicht wie ein lästiges Wölkchen davor gewesen, es hätte keines anderen Sonnenstrahls bedurft, und jenes Strahlen, das von Flamencas Antlitz ausging, hätte allein den Kirchenwinkel zum Leuchten gebracht; natürlich hatte sie selbst keine Ahnung von alledem.

Guilhem hatte sein Brevier zur Hand und befleißigte sich, mit dem Mund dem Blatt zu folgen und das Auge an den Durchguck seiner Sehnsucht zu heften. Er wünschte, die ganze Messe möge aus dem Evangelium bestehen, oder aus dem Agnus, da sich Flamenca, deretwegen er hier war, während dieser Handlungen erhob. Er hätte viel darum gegeben, wäre die Bretterwand, die seinen Blick von seiner Herrin trennte, anderswo gewesen, oder hätte sie das Gebände an einer anderen Stelle getragen, oder hätte man das Zeug in einem Riesenfeuer verbrannt. Als Nicolau das Buch zum Kuß reichen sollte, gedachte Guilhem ihn zu belehren, auf welcher Seite er es aufschlagen sollte, damit er selbst die Stelle leichter finden konnte, und sprach: »Mein Freund, ich will Euch zeigen, wo Ihr das Buch aufschlagen sollt, wenn ich nicht mehr hier bin, denn durch mich sollt Ihr etwas lernen: Lasset stets den Friedenskuß bei ›Fiat pax in virtute‹6 geben. Ich will Euch aber nicht gehen lassen, bevor ich Euch nicht den Grund hierfür gesagt habe: Als David den ganzen Psalter verfaßt hatte, wies er nämlich den Salomon an, jeden Tag diesen Spruch zu küssen; solange aber Salomon regierte, ruhte sein Reich in tiefem Frieden.« Nicolau entgegnete: »Ich glaube Euch, Herr, und will immer so verfahren.« Darauf Guilhem: »Haltet es wie auch immer, aber bringt mir das Buch zurück; es stehen nämlich noch viele Gebete drinnen, die ich lernen möchte, wenn es Euch recht ist.«

Als Nicolau mit Hilfe der ihm angegebenen Seite die Pax dargebracht hatte, gab er dem am Durchguck harrenden Guilhem das Buch zurück. Kaum hatte Guilhem den Psalter, ging ihm vor Freude das Herz auf. In seiner Kapuze verborgen, berührte er mit dem Buch seine Stirn, seine Augen, sein Kinn, das ganze Gesicht; zugleich spähte er durch sein Guckloch zu ihr hinüber, um deretwillen er das alles tat. Oft glaubt der Liebende nämlich, jenes andere Herz errate seinen Wunsch und leide nicht minder als er selbst. Wäre Frau Minne gerecht, so gäbe es nur Herzen von ein und derselben Art: Aber die Gerechtigkeit der Liebe ist so beschaffen, daß sie weder Maß noch Recht respektiert. Scharf paßte Guilhem auf, um herauszufinden, ob Zeit für ein Wort blieb, während sich Nicolau befleißigte, die Pax darzubringen und Flamenca das Buch berührte, indem sie ihm gar demutsvoll das Haupt entgegenneigte und es mit ihrem schönen Munde küßte. Er hatte den Eindruck, daß es möglich sein mußte, ein Wort zu sagen, bevor Nicolau das Buch zurückzog.

Schließlich war die Messe zu Ende. Erhobenen Hauptes schritt Herr Archimbaut als erster hinaus, hinter ihm ging Flamenca, die weder von Spielleuten, noch von anderem Gefolge umsummt wurde, sieht man von jenen ab, die gewöhnlich bei ihr weilten und ihr beim An- und Auskleiden zu Diensten waren, nämlich Alis und Margarida. […]

Als mit Macht […] die Glocken erschallten, kam die ganze Gemeinde zur Messe. Hinter dem dichtesten Gedränge erschien Herr Archimbaut, wie gewöhnlich, als allerletzter. Wäre es nach ihm gegangen, es hätte weder Sonn- noch Feiertage gegeben. Sein Kopf sah aus wie der jener Teufel, welche die Maler mit gesträubter Mähne darstellen. Niemand konnte es Flamenca verdenken, daß sie nicht so tat, als wäre sie von seiner Liebe beglückt gewesen, würde sich doch jede Dame beim Anblick eines solchen Unholds fürchten. Nichtsdestoweniger folgte sie ihm nach und ging in ihren Verschlag hinein. Guilhem hat das genau beobachtet, meine ich, galt ihr doch seine ganze Aufmerksamkeit (sollte jemand an meinem Meinen zweifeln, so würde ich ihm auch nichts glauben, selbst wenn er mir sein Wort gäbe). Ganz genau wußte Guilhem, was er zu tun hatte; er kannte die Oratio ebensogut wie die Opferfeier und die Kommunion. Der Pfarrer hielt diesmal keine Predigt und kündigte für die kommende Woche keinen Feiertag an. Mit seiner klaren, starken Stimme sang Guilhem beim Agnus Dei kräftig mit. Hierauf nahm er, so wie es seine Aufgabe war, das Paxtäfelchen und reichte es sogleich seinem Wirt, der im Chor saß. Dieser behielt es nicht für sich, sondern gab es von seinem Chorplatz aus an die Bürger draußen weiter, so daß es in der Kirche die Runde machte. Sodann holte sich Guilhem sein Buch; er ließ sich dabei aber so lange Zeit, daß Herr Archimbaut den Friedenskuß bereits gegeben hatte, bevor er vor der Klause anlangte, in der sein Glück verborgen war. Um nichts in der Welt hätte er Herrn Archimbaut küssen mögen, ja nicht einmal das Paxbuch wollte er ihm reichen. Als er den Chor verließ (Gott helfe ihm!), war er so außer sich, wie nie zuvor in seinem Leben. Blick und Antlitz hielt er gesenkt, schaute weder nach links noch nach rechts und ging rasch auf Flamenca zu. Er war fest entschlossen, nun zu seiner Herrin zu sprechen, wenigstens ein einziges Wort. Dabei verließ er sich ganz auf die Liebe und sagte sich: »Wenn Frau Minne meinem Sehnen heute nicht irgendeinen Hoffnungsschimmer beschert, so will ich ihr nie mehr vertrauen. So Gott will, werde ich aber ans Ziel gelangen. Die Liebe versagt nicht in der Bedrängnis. Nur die große Sehnsucht, die in meinem Herzen brennt, läßt mich glauben, daß sie mich zu lange warten läßt.« So sind sie alle, die Liebenden.

Und dann stand Guilhem vor seiner Herrin. Als sie den Psalter küßte, flüsterte er ihr zu: »Oh weh!« Er sagte es gerade laut genug, daß sie es sehr gut verstehen konnte; demütig geneigt ging er sodann weiter, wobei er das Gefühl hatte, einen großen Erfolg errungen zu haben. Hätte er im Turnier hundert Ritter niedergeworfen und hundert Schlachtrosse gewonnen, seine Freude wäre nicht so vollkommen gewesen, denn nichts auf der Welt ergötzt den höfischen Liebenden so sehr wie die Freude, die von der Herrin seines Herzens kommt.

(Der Herausgeber kann berichten, dass Flamenca und Guilhem zusammenkommen werden.)

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Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen

Wenn die Kirchen reden könnten

Der zeitweilige Begleiter des »Simplicissimus Teutsch« (1669) durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges, Olivier, führt den zögerlichen Romanhelden in eine Kirche, wo er Diebesgut hortet, und legt ihm seine Sicht auf die verderbte Geistlichkeit und die weltlich durchtriebenen Kirchgänger dar.

Am Morgen gegen Tag sagte Olivier: »Auf, Simplici, wir wollen in Gottes Namen hinaus, zu sehen, was etwan zu bekommen sein möchte.« »Ach Gott«, gedacht ich, »soll ich dann nun in deinem hochheiligen Namen auf die Rauberei gehen? und bin hiebevor, nachdem ich von meinem Einsiedel kam, nit so kühn gewesen, ohne Erstaunen zuzuhören, wenn einer zum andern sagte: ›Komm, Bruder, wir wollen in Gottes Namen ein Maß Wein miteinander saufen‹; weil ich’s vor eine doppelte Sünd hielte, wenn einer in deinem Namen sich vollsöffe. O himmlischer Vatter, wie hab ich mich verändert! O getreuer Gott, was wird endlich aus mir werden, wenn ich nicht wieder umkehre? Ach hemme meinen Lauf, der mich so richtig zur Höllen bringt, da ich nit Buß tue!« Mit dergleichen Worten und Gedanken folgete ich Olivier in ein Dorf, darinnen kein lebendige Kreatur war; da stiegen wir des fernen Aussehens halber auf den Kirchturn; auf demselben hatte er die Strümpf und Schuh verborgen, die er mir den Abend zuvor versprochen, darneben zwei Leib Brod, etlich Stück gesotten dörr Fleisch, und ein Fäßlein halb voll Wein im Vorrat, mit welchem er sich allein gern acht Tag hätte behelfen können. Indem ich nun meine Verehrung anzoge, erzählt er mir, daß er an diesem Ort pflege aufzupassen, wenn er eine gute Beut zu holen gedächte, deswegen er sich dann so wohl proviantiert, mit dem Anhang, daß er noch etlich solcher Örter hätte, die mit Speis und Trank versehen wären, damit wenn Bläsi an einem Ort nicht zu Haus wäre, er ihn am andern finden könnte. Ich mußte zwar seine Klugheit loben, gab ihm aber zu verstehen, daß es doch nicht schön stünde, ein so heiligen Ort, der Gott gewidmet sei, dergestalt zu beflecken. »Was«, sagte er, »beflecken? die Kirchen, da sie reden könnten, würden gestehen, daß sie dasjenige, was ich in ihnen begehe, gegen denen Lastern, so hiebevor in ihnen begangen worden, noch vor gar gering aufnehmen müßten; wie mancher und wie manche meinst du wohl, die sint Erbauung dieser Kirch hereingetretten seien, unter dem Schein, Gott zu dienen, da sie doch nur herkommen, ihre neue Kleider, ihre schöne Gestalt, ihre Präeminenz1 und sonst so etwas sehen zu lassen? da kommt einer zur Kirchen wie ein Pfau, und stellt sich doch vorm Altar, als ob er den Heiligen die Füß abbeten wollte; dort stehet einer in einem Eck zu seufzen wie der Zöllner im Tempel, welche Seufzer aber nur zu seiner Liebsten gehen, in deren Angesicht er seine Augen weidet, um derentwillen er sich auch eingestellt. Ein ander kommt vor, oder wenns wohl gerät, in die Kirch mit einem Gebund Brief, wie einer, der ein Brandsteur sammlet, mehr seine Zinsleut zu mahnen, als zu beten; hätte er aber nit gewußt, daß seine Debitores zur Kirch kommen müßten, so wäre er fein daheim über seinen Registern sitzen blieben: Ja es geschicht zuzeiten, wenn teils Obrigkeiten einer Gemeind im Dorf etwas anzudeuten2 hat, so muß es der Bott am Sonntag bei der Kirchen tun, daher sich mancher Bauer vor der Kirch ärger als ein armer Sünder vor dem Richthaus förchtet: Meinest du nicht, es werden auch von denjenigen in die Kirch begraben, die Schwerd, Galgen, Feuer und Rad verdient hätten? Mancher könnte seine Buhlerei nicht zu End bringen, da ihm die Kirch nit beförderlich wäre; ist etwas zu verkaufen oder zu verleihen, so wirds an teils Orten an die Kirchtür geschlagen; wenn mancher Wucherer die ganze Woche keine Zeit nimmt, seiner Schinderei nachzusinnen, so sitzt er unter währendem Gottesdienst in der Kirch, und dichtet, wie der Judenspieß zu führen seie; da sitzen sie hier und dort unter der Meß und Predigt miteinander zu diskuriern, gerad als ob die Kirch nur zu dem End gebauet wäre; da werden denn oft Sachen beratschlagt, deren man an Privatörtern nicht gedenken dörfte; teils sitzen dort, und schlafen, als ob sie es verdingt hätten; etliche tun nichts anders als Leut ausrichten3, und sagen: ›Ach wie hat der Pfarrer diesen oder jenen so artlich in seiner Predigt getroffen!‹ Andere geben fleißig Achtung auf des Pfarrers Vorbringen, aber nit zu dem End, daß sie sich daraus bessern, sondern damit sie ihren Seelsorger, wenn er nur im geringsten anstößt (wie sie es verstehen) durchziehen und tadeln möchten; ich geschweig hier derjenigen Historien, so ich gelesen, was vor Buhlschaften durch Kupplerei in den Kirchen hin und wieder ihren Anfang und End genommen, so fällt mir auch, was ich von dieser Materi noch zu reden hätte, jetzt nicht alles ein: Dies mußt du doch noch wissen, daß die Menschen nit allein in ihrem Leben die Kirchen mit Lastern beschmitzen4, sondern auch nach ihrem Tod dieselbe mit Eitelkeit und Torheit erfüllen; sobald du in eine Kirche kommest, so wirst du an den Grabsteinen und Epitaphien sehen, wie diejenige noch prangen, die doch die Würm schon längst gefressen; siehest du dann in die Höhe, so kommen dir mehr Schild, Helm, Waffen, Degen, Fahnen, Stiefeln, Sporn und dergleichen Ding ins Gesicht, als in mancher Rüstkammer, daß also kein Wunder, daß sich die Bauern diesen Krieg über an etlichen Orten aus den Kirchen, wie aus Festungen, um das Ihrige gewehrt: Warum sollte mir nicht erlaubt sein, mir sage ich, als einem Soldaten, daß ich mein Handwerk in der Kirchen treibe? da doch hiebevor zween geistliche Vätter in einer Kirch nur des Vorsitzes halber ein solch Blutbad angestellt, daß die Kirch mehr einem Schlachthaus der Metzger, als heiligen Ort gleichgesehen5: Ich zwar ließe es noch unterwegen, wenn man nur den Gottesdienst zu verrichten herkäme, da ich doch ein Weltmensch bin; jene aber, als Geistliche, respektierten doch die hohe Majestät des Römischen Kaisers nicht. Warum sollte mir verbotten sein, meine Nahrung vermittelst der Kirche zu suchen, da sich doch sonst so viel Menschen von derselben ernähren? Ists billich, daß mancher Reicher um ein Stück Geld in die Kirche begraben wird, sein und seiner Freundschaft Hoffart zu bezeugen, und daß hingegen der Arme (der doch so wohl ein Christ als jener, ja vielleicht ein frömmerer Mensch gewesen) so nichts zu geben hat, außerhalb in einem Winkel verscharret werden muß; es ist ein Ding, wie mans macht; wenn ich hätte gewußt, daß du Bedenken trügest, in der Kirch aufzupassen, so hätte ich mich bedacht, dir anderst zu antworten; indessen nimm ein Weil mit diesem vorlieb, bis ich dich einmal anders berede.«

Ich hätte dem Olivier gern geantwort, daß solches auch liederliche Leut wären, so wohl als er, welche die Kirchen verunehren, und daß dieselbige ihren Lohn schon drum finden würden; weil ich ihm aber ohnedas nicht traute, und ungern noch einmal mit ihm gestritten hätte[, ließ ich ihn recht haben]. Hernach begehrte er, ich wollte ihm erzählen, wie mirs ergangen, sint wir vor Wittstock voneinander kommen, und dann warum ich Narrnkleider angehabt, als ich im Magdeburgischen Läger angelangt? Weil ich aber wegen Halsschmerzen gar zu unlustig, entschuldigte ich mich, mit Bitt, er wollte mir doch zuvor seinen Lebenslauf erzählen, der vielleicht possierliche Schnitz6 in sich hielte; dies sagte er mir zu, und fieng sein ruchlos Leben nachfolgendergestalt an zu erzählen.

* * *

Abraham a Sancta Clara / Achim von Arnim

Des Antonius von Padua Fischpredigt

Antonius zur Predig

Die Kirche findt ledig,

Er geht zu den Flüssen

Und predigt den Fischen;

Sie schlag’n mit den Schwänzen,

Im Sonnenschein glänzen.

Die Karpfen mit Rogen

Sind all’ hierher zogen,