Peter Nathschläger

Der

Mitternachtsdom

Drama

© 2010

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Quickborner Str. 78 – 80,13439 Berlin

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2010

Lektorat: Sabine Lebek, Berlin

Covergestaltung

Tatjana Meletzky

Printed in Germany

ISBN 978-3-86254-116-4

Alle Personen und Namen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen

sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © der Liedtexte:

Hubert von Goisern & Xavier Naidoo

Mein herzlicher Dank für die professionelle Hilfe bei diesem Buchprojekt geht an:

Familie Prugger vom Hotel Herold, und da besonders an

Doris & Albert, sowie an Julian Schrempf und Stefan Rojer

Weiters gilt mein Dank den Mitgliedern des DSFO, des Deutschen Schriftsteller Forums; hier seien besonders Bobbi, Murmel und MosesBob genannt.

Ich danke meinem Freund Richard, und natürlich meinen Eltern, die mir die Fähigkeit zu hoffen und zu glauben mit auf den Weg gegeben haben.

Gewidmet Richard Saganowski,

all den Bergrettern,

deren Namen niemand kennt -

und natürlich den Schneeengeln:

Aus ihnen entstehen Geister & Legenden

VORGESCHICHTE:

AM STEIN

gute reise, gute reise

gute reise wünsch ich dir

und auf die eine oder andre weise

in gedanken bin ich bei dir

(Hubert von Goisern, Xavier Naidoo: Siagst es)

Am Stein

Vor zwei Jahren:

Ende August unternahmen die beiden sechzehnjährigen Sportschüler Andreas Seiler und Martin Thaler eine Tour. Es war nicht ihr erster gemeinsamer Ausflug, wohl aber der bis dahin Wichtigste. In der Schule war vor den Sommerferien der Roman ›Tod am Stein‹ von Peter Gruber durchgenommen worden. Sie kannten die tragischen Ereignisse der Karwoche des Jahres 1954, als zehn Schüler und drei Lehrer auf der Nordseite des Dachsteins ums Leben kamen, aber die sensible und wuchtige Darstellung des Schriftstellers brachte ihnen die außerordentliche Dramatik des Unglücks näher, als die vielen Berichte, die sie von Zeitzeugen gehört hatten.

Jedenfalls beschlossen die zwei Freunde nach der Lektüre von Peter Grubers Buch, eine Art Gedächtnismarsch zu veranstalten und zu Fuß von Obertraun bis zum Heilbronner Kreuz zu wandern, um der Opfer zu gedenken. Sie holten sich die Erlaubnis ihrer Eltern und sammelten ein paar Tage lang mit geradezu detektivischem Eifer alles, was sich über die Unglückswoche im April 1954 finden ließ.

Als Martins Vater fragte, was zum Teufel sie eigentlich da oben wollten, dort sei es ja nicht einmal besonders schön, am Stein oben sei es nur hart und schiach, und für so geübte Kletterer wie sie sei die Landschaft oberhalb der Schönbergalm eher ein Spaziergang, antwortete Martin, dass er hinauf wollte, um zu verstehen. Und um zu beten. Und Andreas würde ihn begleiten, weil er sein Freund sei. Martins Mutter war dazugekommen und hatte mit so etwas wie Stolz im Blick gesagt: „Dann geht, und nehmt ernst, was ihr euch vorgenommen habt.“

Sie hatten von einem freiwilligen Helfer der Bergrettung, der das Archiv betreute, die exakte Route der Verunglückten in Erfahrung gebracht - was eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Die Strecke, die die Schulklasse mit vierzehn bis sechzehnjährigen Jungen und drei Lehrern genommen hatte, war wohlbekannt. Trotzdem erkundigten sie sich vor Antritt ihrer Wanderung, ob es Unstimmigkeiten gäbe in Bezug auf die Route. Sie argwöhnten, dass sich im Lauf der Zeit Ungenauigkeiten und Interpretationen eingeschlichen haben könnten. Aber die verschiedenen Informationen, die sie einholten, beschrieben alle immer wieder die gleiche Route.

Sie packten ihre Bergausrüstungen zusammen, und an einem glasklaren und nach frühem Herbst duftendem Morgen stiegen sie in den Bus, um vom Ort Ramsau um den Dachstein herum nach Obertraun zu fahren.

Schon während der Busfahrt waren sie sehr bewegt von ihrem Vorhaben. Dass sie weder die Ersten, noch die Einzigen waren, die seit dem Unglück im Jahr 1954 die Idee hatten, den gleichen Weg zu gehen wie die Schulklasse, war ihnen vage bewusst gewesen, hatte sie aber nicht weiter gestört. Es war jetzt ihre Mission, sie hatten sich entsprechend ausgerüstet, und selbst wenn sie mehr als fünfzig Jahre später aufstiegen als jene Schüler damals, glaubten sie, ihnen durch diesen Marsch zumindest emotionell nahe sein zu können. Ihnen die Ehre zu erweisen, das war ihr Plan; eine reine, und wie sie überzeugt waren, vollkommen selbstlose Handlung, eingepackt in den Kokon ihrer jugendlichen Freundschaft. Sie waren Halbwüchsige und wild entschlossen, sich auf diesem Marsch nicht nur körperlich zu verausgaben, sondern auch seelisch auf ein Wagnis einzulassen. Andreas sagte, als sie in Obertraun aus dem Bus stiegen:

„Gruselig ist das schon irgendwie, ich meine, den Weg zu gehen und oben zu übernachten. Vielleicht gibt´s da ja noch Geister?“

Martins graugrüne Augen blitzten vergnügt, und seine Stimme war heiser, eine Spur zu laut und zu selbstsicher, als er antwortete:

„Ich sag´s keinem weiter, wenn du dir da oben in die Hose scheißt, du Mädchen. Wennst einen Geist siehst, schrei halt nicht, wie ein Mädchen, du Mädchen.“ Das brachte ihm einen ziemlich heftigen Boxhieb auf die Schulter ein. Martin zog Andreas gerne wegen seiner Dreadlocks auf, die zu einem Schweif zusammengebunden waren.

Sie hatten die Wanderkarten zusammengefaltet, ihre Rucksäcke vorbildlich gepackt; sie waren auf alles vorbereitet: Auf Wind und Wetter, Regen und Schnee, rutschige Felsen und klamme Nebel, sie hatten ihren Weg sorgfältig geplant; und vielleicht bemerkten sie bei dem stundenlangen Aufstieg zum ersten Mal, dass es zwischen ihnen eine merkwürdige und aus Vertrautheit resultierende dunkle Spannung gab, die weit über das gewöhnliche Maß an Freundschaft hinausreichte. Womit sie nicht gerechnet hatten, war die unerklärlich Trauer, die sie packte, als sie von der Schönbergalm Richtung Stein aufstiegen. Zuerst hatten sie sich noch angeregt unterhalten, aber dann verdampfte das, was gesagt werden musste oder wollte, mit dem Schweiß, und sie konzentrierten sich auf ihren Atem und auf ihr Befinden.

Das Wetter war bestens, die Voraussetzungen ideal, und als sie die Touristenströme hinter sich gelassen hatten, die bei der Zwischenstation die Schönbergalm bevölkerten und zwischen Mammuthöhle und Rieseneishöhle hin und her wogten, wähnten sie sich ihrem Ziel näher. Geradezu privilegiert. Der Weg zum Heilbronner Kreuz war wenig begangen, obwohl es einen gut angelegten Karstlehrweg gab, dem sie auch eine Zeit lange folgten. Der Wald aus harzig riechenden Föhren und Fichten um sie war dunkel und tief, und es war still. Sie hörten ihre Schritte und ihren Atem, die Tiere im Wald erzeugten ein eigenes Geräuschpanorama; das leise Rascheln und Getrippel von Eichhörnchen und Füchsen, das wirbelnde Schlagen aufgeschreckter Vögel, das elegante Springen von Rotwild, welches sich tiefer in die Wälder zurückzog. Ab und zu blieben sie stehen und tranken Wasser. Keuchten, blickten sich an und lächelten.

Sie sahen sich gerne an, das taten sie schon seit immer. Für Andreas waren Martins helle, graugrüne Augen in dem schmalen und blassen Gesicht wie schmelzendes Eis, sie anzuschauen war wie ein Bad in einem eisigen Bergsee an einem heißen, schwülen Tag. Martin hatte einmal vor knapp einem Jahr Andreas leicht betrunken und überaus emotionell anvertraut, ihm in die haselnussbraunen Augen zu sehen sei wie eine Art Heimkommen, und sollte er irgendwem erzählen, was er gerade gesagt hatte, dann würde er ihn von da bis Obertraun arschtreten.

In den folgenden Stunden wurde ihr Lächeln seltener und zaghafter. Schließlich blieb es ganz aus. So, als ob sich die Landschaft an die Tragödie erinnern könnte, hüllte sie sich zunehmend in Unschärfe und Dunkelheit.

Zwischendurch blieben sie einmal an einem kristallklaren und eiskalten Bach stehen, zogen sich aus und kühlten sich ab. Martin gab an, in dem er sich flach in das Bachbett legte und prustete. Andreas begnügte sich damit, sich bis zu den Knien in den Bach zu stellen, mit den Händen Wasser zu schöpfen und sich so abzukühlen. Der Bach war so kalt, dass seine Waden krampften. Er war sicher, dass es Martin genauso verkrampfte wie ihn, wusste aber, dass der nie zugeben würde, irgendeine einzige, gottverdammte Schwäche zu haben.

Sie wanderten zwischen merkwürdig geformten Felsbuckeln auf der Karsthochfläche ›Am Stein‹, kamen an messerscharfen Karren vorbei, passierten geheimnisvolle Karsttische, an denen die Auflösung des Kalks durch das Regenwasser besonders deutlich zu erkennen war. Eine archaische und mystische Landschaft, in deren Stille man stets vom Tod umgeben war.

Sie erreichten das Heilbronner Kreuz am frühen Abend. Der Himmel war elektrisierend blau, zum Westen hin dunkler, kein Lufthauch rührte sich. Die Zirben und Latschen verströmten einen berauschenden, würzig-harzigen Geruch. Sie setzten sich auf große Steine, atmeten durch, keuchten. Sagten lange nichts. Sie nahmen die Plastikbehälter mit den belegten Broten aus ihren Rucksäcken und aßen. Zwischendurch zogen sie sich bis auf die Unterwäsche aus und legten ihre Sachen auf zwei unordentliche Haufen. Irgendwann, als die Sonne schon tief im Westen stand, flüsterte Andreas: „Mich macht das fertig. Die waren so alt wie wir und der Kerl hat sie einfach weiter angetrieben und die wagten nicht, zu widersprechen. Und die sind alle da gestorben und erfroren, und als man sie fand, sahen sie aus wie Greise, weil sie im Todeskampf so gealtert waren. Kannst du dir das vorstellen? Dass man sich so fürchten kann, dass man in wenigen Stunden um zig Jahre altert? Timmi, was machen wir hier? Das ist weder Mission noch ein Spaß! Was tun wir hier? Wir sind doch keine Touristen, die Leichen schauen gehen wollen, oder sich den Kick holen. Wir wissen, was geschehen ist, dass sie alle starben, weil sie erfroren. Ich würd am liebsten schreien, echt!“

Martin sah ihn von unten an, und sein Blick war unerklärlich schwer und bedrückend: „Dann tu´s. Schrei!“

Andreas nickte langsam, schluckte, sah in den Himmel und ballte die Fäuste. Er holte Luft, und dann schrie er, nein, er brüllte mit seiner sich überschlagenden, heiseren Teenagerstimme die Todesstille der karstigen rauen Landschaft an. Er senkte den Blick, sah zu Martin, und flüsterte: „Wir bleiben über Nacht und halten Wache. Und morgen brechen wir auf, sobald die Sonne aufgeht, und gehen runter, gilt´s?“

Martin senkte den Kopf und sagte leise: „Gilt. Ein trauriger Ort, wenn man weiß, warum das Kreuz hier steht. Kein Mensch kann einen solchen Dom errichten.“

Andreas zeigte ein vorsichtiges Grinsen: „Nach dem Brüller geht´s mir um einiges besser.“

Martin nickte, und deutete mit dem Daumen nach oben: „So ein kleiner Brunftschrei dann und wann ...“

„... ist besser wie wichsen.“, vollendete Andreas den Spruch. Sie lachten erleichtert und machten sich daran, Holz für ein kleines Lagerfeuer zusammenzusuchen.

Sie konnten lange nicht einschlafen. Sie lagen auf ihren am moosigen Fels ausgebreiteten Schlafsäcken und blickten zu den Sternen. Sahen ein oder zwei Sternschnuppen, und das Mondlicht war so hell, dass die Latschen und Zirben Schatten warfen. Um sie herum waren emsiges Getrippel und Gekeckere, Geklopfe und Geschnatter. Ab und zu suchten sie Blickkontakt über die Glut des heruntergebrannten Feuers hinweg und lächelten müde.

Irgendwann war Andreas dann doch eingeschlafen. Er träumte davon, dass er den verirrten Jugendlichen, die durch meterdicken Schnee stapften, als Licht, als Idee, als Klang, als Stimme aus der Zukunft erschien und sie zurückführte ins Tal. Jeder Schritt war ein Kampf, ein erschöpftes Betteln um Leben und Gnade, aber er führte sie hinab ins Tal. Er war erfüllt von Sorge und Wut, fühlte sich aufgebracht und verwirrt.

Er wachte auf, weil sich irgendetwas von einem Augenblick auf den anderen verändert hatte. Positionen und Relationen stimmten nicht mehr, die Wirklichkeit hatte sich verschoben. Er öffnete die Augen einen Spalt. Martin kniete neben ihm, hatte die Arme um seinen Oberkörper geschlungen und starrte zum Kreuz. Er flüsterte mit mühsam unterdrückter Stimme: „Was wollt ihr? Was wollt ihr von mir?“ Er sah oder spürte, dass Andreas aufgewacht war, und legte mit gedankenloser Zärtlichkeit die Hand auf den Rücken seines Freundes. Dabei flüsterte er drängend: „Ich kann sie verstehen, Andi. Ich kann sie alle hören. Sie weinen und rufen um Hilfe und ihnen antwortet nichts als der Wind. Wieso kann ich sie hören? Sie weinen und haben solche Angst und dieser Kerl treibt sie weiter und immer weiter fort. Sie sterben gerade jetzt, überall hier. Und später werden sie einen finden, der tot am Boden festgefroren ist, einen Fünfzehnjährigen, der mit seinem Körper den Fotoapparat schützt, damit er nicht kaputt geht und die Welt sehen kann, was geschah - er stirbt jetzt, während der Schneesturm tobt, Andi, hörst du sie nicht?“ Martin konnte nicht mehr weiterreden.

Andreas schüttelte den Kopf. Er hörte nichts außer Martins Stimme und den Wind, der über den Karst und über die flach am Boden geduckten Pflanzen wieselte, und in den gespannten Halteseilen des Heilbronner Kreuzes wimmerte. Er raunte: „Timmi, das ist gruselig. Hör auf mit dem Blödsinn!“

Martin fuhr herum und deutete auf eine Stelle ungefähr sieben Meter südlich des Kreuzes: „Dort ist der Junge mit der Kamera gestorben, Andi. Dort. Und ich höre, wie er um Hilfe fleht. Jetzt wird er immer schwächer, so leise, der Wind frisst seine Stimme weg.“

Er wandte sich Andreas ganz zu und presste die Hände zwischen die Beine: „Ich höre sie alle.“

Andreas lief es kalt über die Unterarme und über den Rücken. Er kannte das Foto, welches der tote, am Boden festgefrorene Junge in der Kamera mit seinem Körper gegen den Schneesturm geschützt hatte. Es zeigte die Schüler, eingemummt in ihre nassen Anoraks, die Kapuzen über die Köpfe gezogen im Hintergrund und einen Lehrer, vermutlich den, der sie voran angetrieben hatte, wie sie sich im Schnee weiter nach oben kämpften, sich mühten, diesen Ort zu erreichen, wo ihr Leben endete und von einem schlichten Kreuz markiert wurde. Man fand sie in merkwürdigen und schauderhaften Stellungen, manche auf den Knien, als ob sie beteten, einige zusammengerollt, wie Embryos, andere wiederum auf dem Rücken liegend, ihr Gesicht pure Erschöpfung und Verzweiflung, schneebedeckt und vereist.

Ein paar Wolken zogen unter dem Mond vorbei und bekamen silberne Ränder. Andreas war aufgestanden und ging langsam um das Kreuz, bemaß die graublaue Felslandschaft mit prüfenden Blicken. Stille und Dunkelheit. Hier war nichts. Trotzdem war es unheimlich.

Er sah, dass Martin sich auf seinen Platz gelegt und eingerollt hatte. Andreas ging zu seinem Lager und streckte sich auf seinem Schlafsack, legte den rechten Arm übers Gesicht.

Martins Atem war ruhiger geworden, und irgendwann, kurz bevor der neue Tag sich im Osten auf die Berge stemmte, fanden sie ein wenig Ruhe.

Nach zwei Stunden Schlaf gähnten sie und streckten sich, standen auf und rollten die Schlafsäcke zusammen. Sie blickten zum Kreuz, dann sahen sie sich an und versuchten einzuschätzen, wie sie sich fühlten. Martin zog sich aus und wechselte Unterwäsche und Socken, ohne sich von Andreas gestört zu fühlen. Sie kannten sich von Kindheit an; man könnte sagen, sie seien nackt in derselben Sandkiste aufgewachsen.

Andreas stellte die Frage halb im Ernst und halb im Scherz: „Hörst du sie noch?“ Er knackte zwei Dosen Red Bull und stellte ihm eine vor die Füße.

Martin zurrte die Riemen fest und schulterte den Rucksack. Dann bückte er sich, nahm die Dose und machte einen guten Schluck, rülpste. Bodennebel mäanderte über die steinigen Hügel hoch. Er prüfte den Sitz der Bergschuhe und antwortete leise: „Nein. Frag nicht so blöd. Und wehe, du quatschst mit wem drüber. Reden bedeutet Arschtritt. Von da bis Obertraun.“ Das sagte er halb im Spaß, aber eben nur halb.

Andreas lachte erleichtert. Martin war wieder ganz der Alte. Sie begannen ihren Abstieg zur Schönbergalm mit einer kleinen Rangelei. Sie stießen und schubsten einander übermütig, dann wurden die Berührungen kraftloser und doch zugleich vertrauter. Sie sahen sich lange in die Augen, als sie einander fest an den Armen gepackt hatten. Sie hörten nur ihren Atem, das leise Schaben ihrer Kleidung, wenn sie sich millimeterweise bewegten. Die Stille im Wind sagte ihnen, dass die Felsen, der scharfe Karst schon vor sehr langer Zeit das Flehen und die Rufe um Hilfe verschluckt hatten. Die Schubserei löste sich in einer kurzen und harten Umarmung auf. Dann gingen sie diszipliniert hintereinander, denn der vom Morgennebel feuchte Stein verlangte ihre ganze Aufmerksamkeit.

Während des Abstiegs erzählte Andreas Martin seinen Traum; dass er als Licht aus der Zukunft erschien, um den verlorenen Jungs und Lehrern den Weg nach Hause zu weisen. Martin lachte nicht, und doch lächelte er irgendwie, als er Andreas auf das Paradoxe seines Traums aufmerksam machte: „Wenn dein Traum wahr werden würde, dann hättest du ihn nie gehabt, verstehst du?“

Andreas nickte und orakelte, dass der fromme Wunsch allein nie genügen würde, um wirklich etwas zu ändern. Beten und Träumen genügen nicht. Außerdem fragte er sich, ohne den Gedanken zu Ende zu denken, ob es nicht ein klein wenig eitel war, sogar eine ziemliche Selbstbeweihräucherung, sich selbst als Licht aus der Zukunft zu sehen, welches Menschen nach Hause führt.

Es war bewölkt und windig, die warmen Böen schoben die Wolken vom Tal hoch nach oben. Ab und zu rissen die Nebelfetzen wie Seide, verwirbelten und lösten sich auf. Andreas schickte seine Gedanken stumm durch diese Öffnungen im milchigen Licht und wünschte allen, die jemals hier gehen mochten, eine sichere Heimkehr. Und jemanden an ihrer Seite, der die Stimmen aus der Vergangenheit hören konnte, ohne dabei verrückt zu werden. Auch dies war sehr selbstgefällig, aber er fand, dass er mit diesem Maß an Eitelkeit locker umgehen konnte.

Er kaute eine Weile an der Frage herum, wollte sie stellen, wusste aber nicht, ob es eine so gute Idee war. Martin war jemand, der ziemlich schnell aufbrauste, und Andreas wollte ihn nicht sauer erleben, echt nicht. Und so dauerte es fast eine halbe Stunde, bis er sich ein Herz fasste und ihn fragte: „Martin, jetzt ohne Scheiß, okay?“

„Okay, was?“

Sie blieben auf dem Wanderweg stehen und sahen sich an. Andreas hob die Schultern, ließ sie wieder fallen und sah links an Martins Kopf vorbei: „Hast du oben diese Stimmen gehört? Ich finde das nämlich echt unheimlich. Hast du mich nur verarscht? Oder war da echt was? Ich muss das wissen, und zwar jetzt, sonst werd´ ich noch ganz deppert.“

Martin fuhr ihn an, packte ihn am Revers und zog ihn ganz nahe zu sich heran. Er roch nach Red Bull und mühsam unterdrückter Wut: „Da oben ist etwas. Ich hab´s gehört. Ich hab´s mir nicht eingebildet, klar? Ist das jetzt klar?“

Andreas beeilte sich zu sagen: „Klar, mach mir keine Falten in die Jacke, du Dodel. Ich frag ja nur, weil es, ach Scheiße, es ist so gruselig.“ Martin nickte grimmig und ließ ihn los.

Als sie schließlich die Talstation in Obertraun erreichten, sagte er: „Ich glaube, ich werde sie nie vergessen. Dagegen kann ich nichts tun. Aber wir ... Andi, ich meine ...“

„Na komm schon, was?“

„Ich will Bergretter werden. Ich will in der Lage sein etwas zu tun, wenn Menschen da oben in Not geraten. Und ich könnte mir keinen Besseren als dich vorstellen, das mit mir zu machen.“

Sie marschierten am Ufer des Hallstätter Sees, bis sie eine grüne Lichtung fanden, wo sich niemand aufhielt. Sie gingen vor zum Ufer, ließen die Rucksäcke achtlos fallen, zogen sich aus und sprangen ins Wasser. Im Osten schoben sich dichte Wolkenbänke zusammen, Schulter an Schulter, und böiger Wind kam auf, raute die Oberfläche des Sees. Sie kletterten ans Ufer und ließen sich ins Gras fallen, lagen schwer atmend nebeneinander und schliefen ein.

Am späten Nachmittag erwachten sie, leicht verwirrt, erstaunt, wie viel Sicherheit sie sich gegenseitig gaben, in dem sie einfach nur gemeinsam unterwegs waren. Sie kleideten sich an, schulterten ihre Rucksäcke und gingen zur Postbus-Station.

Als sie in der hintersten Reihe lümmelten und zurück fuhren, war der Entschluss gefasst. Sie würden beide Bergführer werden und darüber hinaus zur Bergrettung gehen.

Damals im Bus stießen sie zum ersten Mal ihre rechten Ellenbogen zusammen; dies wurde ihre Art, etwas zu besiegeln.

Teil 1:

FACKELLAUF

Wer wü nit die stern’ vom himmel hol’n

Wer wü nit gern g’winna,

Dass s’ in aller welt davon erfahr’n

Und lieder davon singen

Aber nit jeder, der amal ganz oben steht,

Woass a wia’s obi geht

(Hubert von Goisern: Helden)


Kapitel 1

Martin Thaler sah zum Berg und flüsterte: „Lieber Gott und gute Engel, lasst mich heut ein guter Führer sein, schützt meine Seilschaft und mich und macht, dass ich mich nicht wie ein Trottel aufführe, weil, die haben auch noch ein hübsches Mädel dabei, Amen!“ Ihm wurde klar, dass er die Lippen bewegte, und presste sie zusammen. Er sah zu Andreas. Sie lächelten einander zu, routiniert und vertraut durch fünfzehn Jahre Freundschaft und Lachen. Sie hatten ihre neuen, teuren Rucksäcke auf dem Boden abgestellt und überblickten vom Hang aus den Parkplatz vor der Talstation der Südwandbahn. Es war zehn Minuten vor sieben Uhr früh, und die beiden Freunde warteten auf ihre Teams. Der schlaksige, stets zappelige Andreas würde mit seiner Seilschaft, einem Ehepaar um die Fünfzig, mit der Dachsteingletscherbahn zur Bergstation fahren, und eine mittlere Gletschertour machen, bis zur Simonyhütte. Das bedeutete, am östlichen Rand des Hallstätter Gletschers nach Norden, am Taubenkogel vorbei bis zum Unteren Eissee, und von dort nach Westen, unterhalb des Gletschers entlang über den Karst bis zur Simonyhütte.

Martins Aufgabe war es, mit einer vierköpfigen Familie den Steinerweg die Dachsteinsüdwand aufsteigen. Die Eltern waren etwa fünfunddreißig, die Tochter war siebzehn, der Sohn dreizehn Jahre alt.

Andreas wippte auf den Zehenballen, spuckte aus und fragte: „Hast du die Leute schon gesehen?“

Martin schüttelte den Kopf und antwortete: „Nein, ja, ging alles über Marios Website. Eine Familie aus Wien. Er ist irgend so ein Manager. Schaut ganz sportlich aus, aber irgendwie wie ein Arsch. Eine Frau, zwei Kinder. Das Mädchen ist hübsch.“

Martin sah Andreas zu, der sich vorgebeugt hatte, um die Schnürbänder der Trekkingschuhe fest zu binden. Die Bergstiefel für die Klettereisen hatte er noch im Rucksack, bei den Teleskopwanderstöcken. Es gehörte zu seinen Angewohnheiten, sich immer erst direkt vor Beginn des Einstiegs die richtigen Stiefel anzuziehen. Martin sagte: „Überleg dir endlich mal die Schuhe mit den Klettverschlüssen zu kaufen, Mammut oder so - die sind echt besser. Mit den Schnürern hauts dich wirklich noch mal auf die Nase.“ Andreas schüttelte den Kopf und grinste: „Nein nein, ich bin altmodisch. Ah ja, hast du übrigens diesen einen Mix fertiggemacht? Das hat sich gestern ja gar nicht so schlecht angehört. Weltuntergangshiphop, hä?“

Martin schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern, als ob es ihm egal wäre, dass er das Musikstück nicht fertigstellen konnte.

Andreas wusste natürlich, dass es seinen Freund zutiefst wurmte, wie ihn seine Eltern gängelten, auch, was seine Zeiten am PC betraf. Martin mischte folkloristisch klingende Musiksamples mit Technobeats ab. Gestern hatte er daran gearbeitet, lange und getragene Harmonien von Berghörnern zu sampeln und abzumischen. Das mutete ebenso schräg wie gut an, und war manchmal sogar wirklich hitverdächtig. Sein Werk von gestern wirkte wie ein Soundtrack; die Harmonien waren schwermütig und beinahe dramatisch, der Beat, den Martin aus einem Musikprogramm anpasste, klang mehr nach Rock als nach Pop oder Hip-Hop. Andreas holte sich immer wieder mal zwanzig oder dreißig Minuten von Martins Mischungen und hörte sie sich an, wenn er frühmorgens auf der Mautstraße zur Talstation joggte. Was für ihn ein erweitertes Warmlaufen war, stellte für die meisten anderen Menschen bereits das Ende des körperlich Leistbaren dar. Es gab nicht viele Leute, die wussten, dass das Laufen Andreas sehr oft in eine merkwürdige, beinahe spirituelle Ekstase versetzte, aus der er sich nur mit großer Willenskraft lösen konnte, oder indem er sich tiefer in die Wälder zurückzog und selbst befriedigte; er vermutete, dass Martin es wusste. Manchmal, wenn er die Mautstraße hoch lief, eine steile Serpentinenstraße, hatte er das Gefühl, er könnte immer weiter laufen, weiter und höher, nicht um die Südwand hochzuklettern, sondern um sie hochzulaufen! Er musste sich zusammenreißen, um in langsamen Trab zu wechseln, auszulaufen und stehenzubleiben. Die knisternde Klarheit, mit der er sich selbst und die Welt um ihn dann wahrnahm, war sinnlich und lasziv.

„Ha, da kommen sie.“ Von der jetzt noch leeren Mautstraße rollten zwei große Jeeps auf den Parkplatz. Die Platzanweiser der Planai Seilbahngesellschaft hatten um diese Zeit noch nicht viel zu tun. Der Touristenstrom würde erst gegen neun Uhr früh losgehen, und um diese Zeit wollte Andreas schon am Gletscher sein, und Martin den steilen Teil des Steinerwegs beginnen.

Andreas kicherte kindisch und erfreut: „Jeeps, war ja eh klar. Audis und sündteure Ausrüstung in Modefarben, WUHUSAAA!“ Er lachte hell und hielt Martin die Hand zum Einschlagen hin, und das Zusammenklatschen ihrer Handflächen hallte über den Parkplatz. Sie hoben die Ellenbogen und stießen sie zusammen.

Martin sah auf den ersten Blick, dass sein Freund die bessere Partie gezogen hatte. Das ältere Ehepaar sah rüstig und bestens gelaunt aus. Sie waren keine Modebergsteiger, sie sahen aus als wüssten sie, wie man in den Fels greift und sich Halt verschafft. Martins Partie bestand aus einem genervten, sehr schlanken Vater in einer teuren aber nicht wirklich guten Ausrüstung, einer übermüdeten Mutter und zwei Kindern im Teenageralter, die der gerade anfahrenden Seilbahngondel sehnsuchtsvoll nachsahen.

Er ging zu ihnen und sagte mit breitem Lächeln: „Schön, dass ihr da seid. Habt´s euch ordentlich die Wadeln g´schmiert?“ Er blinzelte der Tochter zu und stellte erstaunt fest, dass sie ganz offensichtlich schon hier und jetzt mit ihm flirten wollte. Sie sagte heiter: „Deine schauen ja ganz schön trainiert aus.“ Sie musterte ihn mit mädchenhaftem Interesse. Die Mutter verdrehte mit dem Hauch eines Lächelns die Augen und streckte sich, um ihre Brüste zur Geltung zu bringen. Martin senkte den Blick und tat so, als ob er an seinem Rucksack herumfummeln musste, irgendwelche Schlaufen festziehen, oder so; es war ja immer irgendetwas furchtbar Wichtiges zu tun. Er sah noch einmal zu ihr, versuchte dabei aber, sich nichts anmerken zu lassen und murrte mit einem schiefen und aufgesetzten Lächeln:

„Ich hab das Abzeichen für Stufe vier. Ich hab Unterarme wie Popeye, der Seemann.“

Martin funkte per Gedanken SOS. Denn hier hatte er es nicht nur mit einem Mädchen zu tun, dessen Selbstbewusstsein er vielleicht noch irgendwie attraktiv finden könnte, sondern auch noch mit einer Mutter, die aussah, als ob sie nach zig Jahren Ehe mit einem blassen Angestellten zehrende Lust verspürte, sich mal ordentlich von einem achtzehnjährigen Bergführer durchs Bett scheuchen zu lassen. Immerhin starrte sie ihm unverblümt auf den Schoß, um abschätzen zu können, wie es da unten um ihn bestellt war. Jedenfalls sah sie nicht dorthin, um herauszufinden, von welcher Marke seine Softshellhose war.

Er scharrte im Kies und wartete, bis der Vater seinen Rucksack geschultert hatte und von sich aus seine Familie antrieb. Und das tat er: „Na? Alle fertig? Haha, der Berg wartet nicht ewig auf uns, haha.“ Martin rang sich ein Lächeln ab. Der Vater sagte zu ihm gewandt: „Ich bin Paul, brauchst nicht Doktor Hardtner zu mir sagen. Und du bist der Martin, ja? In die Berge sind wir ja alle perdu.“

Martin nickte steif und abweisend. Die Tour gefiel ihm nicht. Das Spiel mit Akademikertitel war seit je her dumm, war seine Devise. Am Berg duzten sich die Leute, nannten sich beim Vornamen und wünschten sich einen guten Berg. Martin dachte feixend: Dich mach ich auch noch katholisch, Herr Doktor.

„Na dann, Bergführerlehrling, geht´s los? Wie, du hast schon Stufe vier erreicht? Wie viele gibt´s denn?“

Er verschränkte in einer unbewussten Geste der Ablehnung die Arme vor der Brust - er blinzelte irritiert, denn er konnte aus der Frage kein höfliches Interesse heraushören; es klang wie der Wunsch eines Süchtigen, sich zu messen. Er antwortete: „Die Skala geht bis Schwierigkeitsstufe elf. Eine Zwölfte ist angedacht, muss aber genauso wie die Stufen acht bis elf erst ausformuliert werden. Die Höchste ist also die Sieben. Wir gehen zuerst von hier zur Südwandhütte. Dort ist ein Stützpunkt der Bergwacht, der Bergretter und dort befindet sich dann auch der Einstieg zum Steinerweg. Wir nehmen von dort die Strecke über das Salzburgerband. Die Felsqualität ist dort wesentlich besser, die Haken sitzen stabiler und man findet guten Halt.“

Der Weg zur Südwandhütte bot einen großartigen Blick auf die Südwand, und Martin spürte mit dem antrainierten Sinn eines erfahrenen Tourengehers und Trotz seiner Jugend, dass seine Seilschaft erhebliche Zweifel hatte, ob sie es schaffen würde.

Sie blieben oft stehen und taten so, als ob sie die Landschaft bewunderten, in Wirklichkeit aber rangen sie um Atem und massierten sich die Schenkel. Martin beobachtete sie aufmerksam und mit wachsender Sorge. Als sie weiter gingen, drosselte er von sich aus das Tempo und ordnete immer wieder kleine Pausen an, vorgeblich, um den Sitz der Ausrüstung und Kleidung zu kontrollieren.

Sie schafften den Weg von der Talstation der Gletscherbahn zur Südwandhütte in knapp fünfundvierzig Minuten. Es war perfektes Bergwetter: windstill, siebzehn Grad Celsius und ein erschütternd tiefblauer Himmel, auf dem der liebe Gott ein paar Wattebäuschchen verteilt hatte.

Sie folgten den Schildern Richtung Klettersteig Johann, stiegen jedoch nicht in den Marboden ab, sondern blieben auf dem Weg auf gleichbleibender Höhe. Zwischendurch machten sie kurze Pausen um Wasser zu trinken, sahen immer wieder hinüber zur Südwand. Dabei erzählte Martin: „Ich und mein Freund, der Andi, wir werden wahrscheinlich, also sicher dabei sein, wenn übermorgen die Gratbeleuchtung gemacht wird. Wegen der Hundertjahrfeier. Erstbesteigung des Steinerwegs.“ Er erzählte weiter, dass sie hoffen, dass sie ganz hinaufsteigen dürfen, um die obersten Magnesiumfackeln zu halten: „Es muss ein Traum sein, in der Nacht da oben zu stehen, hinunterzublicken auf all die hellen Fackeln und noch weiter zu blicken, bis hinunter auf das Hochplateau Ramsau.“

Sie setzten ihre Tour fort und Martin verlor bis zum Einstieg in die erste Rissverschneidung vollends den Glauben daran, mit der Familie wirklich den ganzen Weg zu schaffen. Einerseits wollte er die Tour zu einem guten Ende bringen, andererseits wusste er aber auch, dass es keinen Sinn hatte, mit Leuten auf einen Berg zu steigen, die in Wirklichkeit gar nicht auf einen Berg klettern wollten, sondern nur darüber redeten, es zu wollen. Die Fotos machten, um sie zu Hause herzuzeigen; sonnenbraun mit strahlendem Siegerlächeln und teuren Gletscherbrillen auf der Nase. Abgesehen davon konnte er in keinem Fall riskieren, dass sie in Bergnot gerieten, weil einer aus der Familie einfach nicht mehr weiterkonnte: Muskelkrampf, Erschöpfung, Atemnot ...

Martin presste die Fingernägel in die Handinnenflächen und schüttelte die bitteren Gedanken ab. Er flüsterte tonlos: „Wir schaffen es nicht. Nicht mal bis zum ersten Überhang.“

Und er behielt recht: Sie hatten es bis zum Überhang geschafft. Für Martin stellte diese Stelle kein wirkliches Hindernis dar. Dank seiner Ausbildung und dank der Tatsache, dass er seit seiner Kindheit auf Berge stieg, begegnete er der Südwand völlig angstlos, aber mit Respekt, manchmal auch mit stummen Gebeten. Er ließ Paul den Vortritt und zeigte ihm die in den Fels geschlagenen Versicherungen. Paul hakte sich ein und begann den Aufstieg. Was zuerst noch bedächtig und sicher aussah, mutete nach fünf Metern zunehmend zittrig an, Paul kämpfte in der Wand um Halt, während er den Karabiner ausklinkte und über der Versicherung ins Drahtseil hängte. Martin rief ihm von unten zu: „Links Paul, greif in die Verschneidung, da ist ein kleines Sims, guter Halt, hast du´s?“

Paul schüttelte den Kopf und fluchte leise; es klang wie ein wutbebendes Keuchen. Martin verdrehte die Augen, aber so, dass es niemand sah. Er setzte mehrmals an, etwas zu sagen, und sein Gesichtsausdruck verriet, dass er mit sich kämpfte. Pauls Frau trat von hinten an ihn heran und legte vertraulich ihren Arm um seine Hüfte. Sie sagte trocken: „Das wird nichts.“

Martin löste sich elegant aus der Umarmung, darum bemüht, sie nicht vor den Kopf zu stoßen und antwortete so überzeugend, dass er es fast selbst glaubte: „Hochdruck. Da saugts die Luft wie durch einen Kamin über die Wand hoch. Man kriegt viel schwerer Luft.“

Paul blieb in der Wand, verkrampfte sich und sah nervös nach unten: „Das sagst du uns erst jetzt? Ich bin Nichtraucher und komme mir vor, als ob ich zehn Schachteln Zigaretten geraucht hätte. Ich komme wieder runter. Das schafft meine Frau niemals, wenn ich mich schon so plage. Und die Kinder schon gar nicht.“

Martin lächelte spöttisch den Boden an und wartete, bis Paul wieder neben ihm im Einstieg stand. Er nickte ihm zu und sagte ernst: „Das nächste Mal. Momentan drückts die Luft zu stark rauf, da plagen selbst wir alten Bergfüchse uns wie nicht gscheit.“

Martin fühlte sich nichtsdestotrotz ausgelaugt und enttäuscht. Als sie den Parkplatz der Talstation erreichten, hatte sich die Gereiztheit verlaufen wie Farbe von einem Pinsel, der in klares Wasser getaucht wird. Und sie sahen ihr Auto nicht mehr. Der Parkplatz war gestopft voll. Ein glänzend, buckeliger See aus Blech. Ein Gletscher aus Hügeln und Glanzlack und Glas. Die Leute warteten in Viererreihen vor dem Gebäude der Station - die Schlange war fast fünfzig Meter lang. Die Südwandbahn fuhr im Zehnminutentakt.

Paul lud Martin ein, mit ihnen die Mautstraße nach unten zu fahren, aber er lehnte ab. Er sagte, er hätte sein Motorrad auf dem Parkplatz der Pension Wildschütz abgestellt und wollte jetzt den Forstweg über die Brandalm nehmen, um sich ein wenig zu entspannen. Mit einem bedeutungsvollen Blick zur Tochter fügte er hinzu, er würde sich heute am Abend mit ein paar Freunden von der Bergrettung im Wildschütz treffen. Grund für das Zusammensein sei die Präsentation des fertigen Einsatzplans für die Gratbeleuchtung am dreißigsten August und die Wetternachrichten für das Wochenende. Sie würden wahrscheinlich ein wenig feiern.

Martin sah ihnen zu, wie sie in den Wagen stiegen, die Türen zuklappten und sich durch die engen Fahrgässchen vom Parkplatz Richtung Mautstraße schlängelten. Er winkte, grinste und flüsterte zwischen zusammengebissenen Zähnen: „Vollarsch.“ Dann nahm er aufatmend den Rucksack hoch, schulterte ihn und machte sich auf den Weg zur Austriahütte; nicht zuletzt, um bei seinem Mentor, Mario Sonnleitner vorbeizusehen, der auch der Einsatzleiter der Gratbeleuchtung war. Martin war fest davon überzeugt, dass Andreas und er als die jüngsten Bergführeraspiranten mit dabei waren. Es gab zwar einige andere Bergführer unter zwanzig Jahren aus Salzburg und Oberösterreich, aber Andreas und Martin waren nun mal die jüngsten und erfolgreichsten Kandidaten des Bundessportgymnasiums in Innsbruck im letzten Jahr.

Als er schon auf der Forststraße war, wandte er sich noch einmal um und sah zum Berg. Er wünschte sich, jetzt oben am Gletscher zu sein, in grellem Licht und Glast und Frost. Mit Andreas auf Schneebobs um die Wette nach Norden rasen! Bei der Simonyhütte die Jacken und Shirts runterreißen und mit bloßen Oberkörpern im prallen Licht der Sonne sitzen und Radler trinken! Die Alpinrockerz, wie sie sich selbst scherzhaft nannten.

Er seufzte und setzte seinen Weg fort.

Die eineinhalb Stunden bis hinunter zur Ramsauer Landesstraße ging Martin so, wie ein Langstreckenläufer noch nach dem Ziel weiterläuft, einfach nur um zu laufen, um langsam zur Ruhe zu kommen.

Martin erwachte, oder viel mehr, kam in dieser Nacht zweimal zu sich. Einmal fand er sich seitlich liegend und völlig desorientiert in einem Bett, welches sich fremd anfühlte und doch behaglich war. Hinter ihm schnarchte jemand leise. Eine warme Hand lag auf seiner Schulter, eine andere (warme und trockene) Hand hatte sich zwischen seine Schenkel gegraben. Er blinzelte und sah durch die verglaste Balkontür hinaus in die klare Nacht. Kalte Luft strömte durch die Spalten der gekippten Balkontür in den Raum. Er zog die Decke höher, weil ihm fröstelte, und fragte sich, warum sich das Flugzeug über dem Rittisberg nicht bewegte. Denn das hellweiße Funkeln über dem Gipfel des kleinen Berges musste ein Hubschrauber oder ein Flugzeug sein. Der Polarstern war es sicher nicht. Er blinzelte, und das Licht war immer noch da, ein harter, weißer Punkt im völligen Schwarz des Himmels. Er schloss die Augen und schlief wieder ein, durstig und ausgehöhlt vom Zirbenschnaps.

Als er das zweite Mal zu sich kam, fühlte er sich verkatert und erregt, sein Herz schlug heftig, die auf der Ramsauer Landesstraße dahinfahrenden Autos erfüllten ihn mit Grauen und dem Wunsch, sich einzurollen und weiterzuschlafen. Die Geschäftigkeit des noch jungen Tages weckten die Erinnerungen an eigene Verpflichtungen, an Aufgaben, die schon nüchtern betrachtet anspruchsvoll und schwierig waren. Er öffnete die Augen und sah hinauf zur Decke. Er hatte keine Ahnung, wo er war und warum er das nicht wusste. Er hatte Kopfschmerzen, ihm war übel und sein Glied war hart wie ein Stahlrohr. Er senkte den Blick. Ein dunkler Haarschopf bewegte sich über seinem Schoß auf und ab und Martin vermutete, dass er dieses Mädchen kannte, und dass er sich nicht einmal dann an ihren Namen erinnern würde, wenn er ihr Gesicht sähe. Er seufzte, und in seine Frustration mischte sich Enttäuschung; für einen Augenblick hatte er überlegt, so zu tun, als ob er schliefe, um diesem unwiderstehlichen, feuchten und warmen Sog nachzugeben. Alles in ihm schrie vor Erregung und Kater, sein Körper war voll und ganz darauf eingestellt, zu kommen, sich milchweiß zu entladen. Aber seine offensichtlich laszive Erregung wurzelte in einem verwirrend intensiven, aushöhlenden Kater.

Er war nicht allein mit dem Mädchen. Andreas kauerte hinter ihr, hatte die Arme um sie geschlungen und spielte mit ihren Brustwarzen. Er war in sie eingedrungen; seine Bewegungen waren gleichmäßig und kraftvoll, sie trieben Martins eigene Erregung auf die Spitze; in der Stille war heißes Keuchen zu hören, und die schlürfenden Geräusche von Andreas Fickbewegungen. Er hielt den Kopf gesenkt, seine Dreadlocks verdeckten sein Profil. Als er sah, dass Martin sich streckte, warf er den Kopf zurück und blinzelte ihm zu. Gleichzeitig versenkte er ein unglaubliches geiles, herausforderndes Lächeln in Martins Blick. Er ließ von dem Mädchen ohne Namen (irgendetwas mit ›Y‹) ab und glitt elegant wie ein Fuchs neben sie und nahm Martins Schwanz in den Mund und saugte schlürfend. Das Mädchen kicherte, stieß Andreas zur Seite und flüsterte: „Gib her. Du kannst den eh immer haben, wann du willst!“ und nahm das Glied besitzergreifend in den Mund. Martin dachte halb belustigt, aber auch wütend, dass das Mädchen den Touristinnendoppeljackpot geknackt hatte: Die beiden jüngsten Bergführer der Ramsau auf einmal, ein Doppelburger jungen, sportlichen Fleisches, vom Alkohol enthemmt und halb verkatert; dadurch bestens temperiert für eine rüde, hemmungslose Nummer. Er versuchte, sich fallen zu lassen, aber dass Andreas jetzt seine Eier leckte, und zwischendurch hörbar nasse Zungenküsse mit dem Mädchen austauschte, irritierte ihn ebenso, wie es ihn wütend machte. Das passte nicht. Er mochte Andreas Blicke voll stiller Bewunderung und Anbetung, aber Berührungen?

Er versuchte sich einzureden, dass es egal war, ein besoffener Unfug zwischen Freunden, die sich seit dem Kindergarten die Welt teilten. Und wenn Andreas nun versuchen sollte, ihn zu küssen, mit Zunge und allem Drum und Dran ... dann würde er ... Was? Die Verwirrung war groß, das Gemäuer religiöser Erziehung zu hoch und massiv.

Er versuchte noch einmal, sich fallen zu lassen und seinem Becken die Initiative zu überantworten, aber die sexuelle Erregung erwies sich als treulos und feig. Er konzentrierte sich auf das Jetzt, auf die Geräusche und Gerüche...

Aber es klappte nicht, die Wut war stärker als er, angefacht von verkaterten Vorurteilen und anerzogenen Reflexen. Er wuchtete seinen achtzehnjährigen, durchtrainierten Körper ungeschickt aus dem Bett, verfing sich in der Bettdecke und stolperte, heiser fluchend in die linke Ecke des Zimmers, kippte Tisch und Sessel um: „Andi, verdammt, verschwinde, hau ab, lass mich!“