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Alfred Bekker

Patricia Vanhelsing - Das Juwel des Dämons

Cassiopeiapress Fantasy





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Das Juwel des Dämons

Ein Patricia Vanhelsing-Roman

Romantic-Thriller von Alfred Bekker

 

© by author

© der Digitalausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 102 Taschenbuchseiten.

 

Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen?

Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

 

1

Düstere Schatten tanzten im fahlen Mondlicht auf den Gräbern. Uralte, knorrige Bäume wuchsen zwischen den schiefen Grabsteinen empor und wirkten wie vielarmige Monstren.

Mit zitternden Knien stand Melanie Ashton in dem plötzlich aufkommenden kalten Hauch, der über den verwitterten Friedhof blies.

Eine Gänsehaut überzog ihre Arme.

In der Hand hielt sie eine Fackel.

Die Flamme loderte hoch empor und begann im Wind zu tanzen.

Das reine, alles verschlingende Feuer, ging es ihr durch den Kopf. Dieses Feuer sollte sie gegen die Mächte der Finsternis schützen... Zumindest behaupteten das die alten Legenden.

Ein knackender Ast ließ Melanie herumfahren. Das schulterlange, flammenrote Haar wirbelte durcheinander. Sie blickte zu Boden, während ihr der Puls bis zum Hals schlug. Irgendetwas war dort. Oder jemand. Verzweifelt suchten ihre Augen in der Dunkelheit nach dem Ursprung des Geräuschs. Sie wagte es kaum, zu atmen.

Niemals hätte ich an diesen Ort kommen sollen!, schoss es ihr durch den Kopf, während sie wie erstarrt dastand.

Kalte Schauder jagten ihr über den Rücken.

In der Magengegend fühlte sie ein unangenehmes Drücken.

Es gibt Geheimnisse, die kein Mensch zu enträtseln versuchen sollte, dachte sie.

Aber nun war es zu spät. Sie spürte es instinktiv. Am liebsten hätte sie laut um Hilfe geschrien. Aber ein dicker Kloß schnürte ihr die Kehle zu.

Sie fühlte im nächsten Moment, wie etwas an dem hellen Sommerkleid zog, das sie trug.

Sie sprang zur Seite. Der Saum riss. Und dann glaubte Melanie ihren Augen nicht zu trauen. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen. Ihr Gesicht wurde zu einer Maske blanken Grauens.

Sie starrte halb wahnsinnig vor Angst auf den Boden.

Etwas hatte sich durch die schwere, modrig riechende Erde und den Wust aus wild über den Boden wuchernden Pflanzen hindurchgegraben...

Melanie drohte in dieser Sekunde das Blut in den Adern zu gefrieren.

Im Schein ihrer Fackel sah sie ein Paar grünlich schimmernder aus dem Boden herausragender Hände.

Totenhände!

Der Geruch der Verwesung raubte Melanie schier den Atem.

Sie taumelte rückwärts, während die unheimlichen Hände sich weiter aus dem Untergrund herausgruben. Die Erde schien aufzubrechen.

Doch bevor der zu den Händen gehörige Kopf aus dem modrigen Erdreich hervorkommen konnte, schleuderte Melanie ihm ihre Fackel entdecken.

Ein dumpfer, knurrender Laut drang aus dem Boden.

Es klang halb wütend, halb schmerzerfüllt.

Die Arme zogen sich zurück.

Das Feuer erlosch im feuchten Gras.

Melanie stieß mit dem Fuß gegen einen großen, steinernen Sarkophag, mit ausgeprägter Verzierung und stolperte beinahe. Sie keuchte. In einer Entfernung von nur wenigen Schritten bemerkte sie, wie sich einer der Grabsteine zu bewegen begann. Er wankte, kippte dann zur Seite. Ein ächzender und entfernt an die Stimme eines Menschen erinnernder Laut erscholl.

Diese Stimme ließ sie innerlich bis in den tiefsten Winkel ihrer Seele frösteln.

Nein!, schrie es in ihr, während ihre Lippen dieses Wort lautlos formten. Eine Mischung aus Verzweiflung und Wahnsinn hatte sie erfasst. Wahnsinn, der aus grenzenloser Angst geboren war.

Der umgestürzte Grabstein bewegte sich.

Melanie sah graugrüne Finger wie Spinnenbeine an dem Stein emporkommen. Das verwitterte Marmorstück bewegte sich seitwärts. Die Erde brach auf. Der Stein wurde von den Armen aus der Erde hochgehoben. Mit einem dumpfen Geräusch kam er auf dem von einem dichten, wuchernden Pflanzenteppich bedeckten Boden auf.

Ein ächzender, unterdrückter Schrei ging über Melanies Lippen, als sie das Gesicht sah...

Nur ganz kurz war es im fahlen Schein des Mondes zu sehen. Dann war es bereits wieder im Schatten.

Aber dieser Anblick drohte Melanie schier den Verstand zu rauben.

So etwas kann es nicht geben, durchfuhr es sie schaudernd.

Ihre schlimmsten Alpträume schienen wahr geworden zu sein. Grau, eingefallen und fast wie mumifiziert wirkte das Gesicht. Die leeren Augenhöhlen ließen es fast wie einen Totenschädel erscheinen. Der grüne Schimmer erinnerte an verdorbenes Fleisch.

Eine lebende Leiche.

Ein Untoter, den eine unbekannte Macht aus seinem ewigen Schlaf gerissen und mit den Würmern an die Oberfläche getrieben hatte. Die Gestalt musste über ungeheure Kräfte verfügen. Anders war es nicht erklärlich, dass sie so einfach aus der Erde emporstieg. Die zentnerschwere Last, unter der die Beine noch buchstäblich begraben waren, schien diesem Wesen nichts auszumachen.

Die Beine hoben sich. Das erste Knie brach durch die Erdoberfläche. Wuchernde Ranken wurden zerrissen. Das zweite Knie folgte. Die Gestalt richtete sich auf und stand in einem fleckigen Totenhemd da.

Der Untote wankte auf Melanie zu.

Er hob die Arme.

Melanie wich zurück.

Sie stolpert vorwärts. Geräusche ließen sie immer wieder herumfahren. Sie stolperte, als plötzlich eine Leichenhand aus dem Gras ragte und versuchte, nach ihrem Fuß zu greifen.

Weitere Grabsteine fielen um. Hände kamen empor. Stöhnende Laute durchhallten diese grauenhafte Nacht.

Melanie glaubte, ihren Namen gemurmelt zu hören.

"Melanie..."

Ein schabendes Geräusch ließ sie zusammenzucken. Stein kratzte an Stein. Die zentnerschwere Platte, die den steinernen Sarkophag bedeckte, bewegte sich zur Seite.

Überall kam eine unheimliche Art von Leben in diese uralten Gräber. Und die Kreaturen der Nacht drängten an die Oberfläche. Die Vergessenen, deren Seelen man längst und lange im Reich des Todes gewähnt hatte.

Jetzt erwachten ihre Körper zu neuem Leben.

Melanie schluchzte.

Todesangst schüttelte sie. Sie blickte sich um und rannte wie eine Wahnsinnige. Dann stoppte sie abrupt. Von allen Seiten schienen diese Kreaturen, die aus der Erde emporkamen, jetzt zu kommen. Untote, die mit ausgestreckten Armen auf die junge Frau zukamen.

Ich bin eingekreist, erkannte sie.

Dieser Gedanke war wie ein Schlag vor den Kopf.

Panik und Entsetzten beherrschten sie.

Und sie wirkten wie ein lähmendes Gift.

Verzweifelt drehte sie sich herum, wich den überall aus dem Boden hervorbrechenden Körpern aus, die mit ihren halbverwesten Leichenhänden nach ihr griffen. Der Geruch von Moder und Fäulnis hingen schwer über dem Friedhof.

Und dann tauchte hinter einem der knorrigen Bäume plötzlich die Gestalt eines hageren Mannes mit hohen Wangenknochen auf. Das Mondlicht, das ihm ins Gesicht fiel, ließ dieses ungesund bleich erscheinen.

Aber er war zweifellos ein Lebender. Der äußere Unterschied zu den grauenerregenden Untoten war zu deutlich.

Seine Augen blitzten.

Der dünnlippige Mund glich einem geraden Strich, der sich nun zu einem kalten Lächeln verzog.

Melanie erschrak.

"Du kannst nicht wirklich überrascht sein, mich hier zu sehen, Melanie", stellte der Hagere fest.

"Ich..."

"Im Grunde hast du es doch erwartet, oder etwa nicht?"

"Nein!", stieß sie hervor. "Ich hatte gehofft, dass..."

"Dass es nicht wahr ist?"

"Vielleicht."

Der Mann lachte schauderhaft. Er drehte sich vollständig zu ihr herum. Und erst jetzt sah Melanie das grünliche Leuchten, das von seiner rechten Hand ausging. Sie schien zu strahlen und dabei beinahe durchsichtig zu sein. Die Knochen waren zu sehen. Er hob die Hand und öffnete sie.

In der Handfläche lag ein taubeneigroßer Stein.

Von ihm ging das unheimliche Leuchten aus, das seine Hand beinahe wie ein groteskes Röntgenbild hatte erscheinen lassen. Der Hagere lächelte.

Das grünliche Leuchten spiegelte sich in seinen Augen, die Melanie kalt ansahen.

"Nun hast du mein Geheimnis also herausgefunden, Melanie. Es wird dir nichts mehr nützen..."

"Was...?"

Es war kaum mehr, als ein stammelnder Laut, der über Melanies Lippen kam.

"Es tut mir leid", sagte der Hagere und hob den leuchtenden Stein noch etwas höher. Sein grünlich-schimmerndes Licht fiel in Melanies angstvolles Gesicht.

Sie wirbelte herum. Von allen Seiten wankten die Untoten auf sie zu.

Sie schrie auf, als eine Hand aus dem Boden herausbrach und ihre Fußfessel mit eisernem Griff erfasste. Verzweifelt versuchte sie sich loszureißen. Aber diese Totenhand war wie ein Schraubstock. Ein eiskalter Schauder ging von ihr aus und lief Melanie das Bein hinauf, um den gesamten Körper zu erfassen.

Sie schrie laut auf, als kalte Leichenhände sie bei den Armen packten und sich wenig später um ihren Hals legten...