Corinna Annemarie Bergmann

Das ewige Haus

 

Impressum

Covergestaltung:       Irene Repp

Digitalisierung:       Gunter Pirntke

BROKATBOOK Verlag Gunter Pirntke

http://brokatbook.de/

© 2015 new-ebooks.de

ISBN: 9783955018887

Mail: brokatbook@aol.com

Hinweis

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Inhalt

Impressum

Lilli

Rita

Lilli

Rita

Lilli

Rita

Lilli

Rita

Lilli

Rita

Lilli

Rita

Epilog

 

 

Lilli

 

Bald würde die Alte aus ihrem Zimmer kommen und dann würde ich ihr antworten …

„Beeilt euch. Bitte.“, flüsterte ich in den Spiegel hinein.

Nichts.       

„Rita! Kurt!“ krächzte ich. „Verdammt, wo seid ihr?“

„Oh, du…. Du hast mich belogen! Du….“

Sie musste vor meinem Zimmer gelauscht haben. Wie ein Racheengel hämmerte sie an die Tür.

„Du… Ausgeburt der Hölle!“

Die Schärfe in ihrer Stimme ließ mich hochfahren.

Mit dem bisschen Ziegelstaub, das ich mühsam zusammengekratzt und unter der Tür verteilt hatte, würde ich sie nicht lang aufhalten können.

Die alte Hexe… Mein Leben hatte sie mir genommen. Weil ich dumm und neugierig gewesen war…

 

Früher war ich Schriftstellerin und konnte gut von meiner Arbeit leben. Ich hatte das Grundstück, das zu Zeiten meiner Urgroßeltern noch ein Bauernhof gewesen war, von meinen Eltern geerbt. Meine Schwester Rita lebte mit ihrer Familie ganz in der Nähe. Über Einsamkeit konnte ich mich nicht beklagen, ich hatte einen Freund, der in der Stadt wohnte und mich häufig besuchte. Wir waren beide der Meinung, dass zu viel Nähe einer Beziehung nur schade, weil man sich gegenseitig mit Alltagsdingen aufreibt. Nach eigenen Kindern hatte mir ohnehin nie der Sinn gestanden, viel lieber war ich die „coole Tante“. Aber das war, wie gesagt, früher. Man könnte auch sagen - in einem anderen Leben. Denn an einem Spätsommertag des Jahres 1999 änderte sich alles. Von da an war nichts mehr normal. Im Gegenteil. Es war der Beginn meiner ganz persönlichen Gruselgeschichte…

Ich war auf dem Weg nach Hause, als ich eine alte Frau bemerkte, die mit einem prall gefüllten Einkaufskorb aus einer Seitengasse kam. Die Frau trug die für ältere Damen typische blauweiß gefärbte Dauerwellenfrisur, die sie zur Hälfte unter einem breitkrempigen Hut gestopft hatte. So alt das Gesicht der Frau auch wirken mochte, ihre Bewegungen waren die eines jüngeren Menschen. Aufrecht und mit weit ausholenden Schritten ging sie dahin, den Korb leicht schwenkend, als sei er leer. Trotzdem überfiel mich mit einem Mal das Bedürfnis, sie zu fragen, ob ich sie ein Stück mitnehmen könne. Ich stieg so abrupt auf die Bremse, dass mein alter Golf quietschend zum Stehen kam. Glücklicherweise war die Straße damals nicht sehr stark befahren, sonst hätte ich womöglich einen Auffahrunfall verursacht. Ich kurbelte das Fenster hinunter und fragte sie, ob…

„Das ist aber nett von Ihnen!“, rief die alte Frau, noch bevor ich meine Frage überhaupt stellen konnte. Hurtig wieselte sie über die Fahrbahn, ignorierte die offene Beifahrertür und stieg hinten ein. Ich kam mir ein wenig vor wie eine Taxifahrerin. Aber im Prinzip war es mir egal, wo sie Platz nahm.

„Nein, das ist aber wirklich sehr nett von Ihnen!“, wiederholte sie, rückte ihren Hut zurecht und presste den Einkaufskorb fest an sich.

„Kein Problem.“, sagte ich. „Wo wohnen Sie denn?“

„Ach, nicht weit von hier.“, sagte sie. „Biegen Sie einfach links ab, dann sind wir gleich da. – Und Sie, Kindchen? Wohnen Sie in dieser Gegend?“

Ich schmunzelte. Es war lange her, dass mich jemand „Kindchen“ genannt hatte. Aber gut, in Anbetracht ihres eigenen Alters ging ich wahrscheinlich noch als Teenager durch.

„Ja, ich wohne gleich da drüben in der Feldgasse, in dem Haus, das ich von meinen Eltern geerbt habe. Meine Schwester lebt mit ihrem Mann und den zwei Kindern gleich in der Nähe…“ Ich hielt inne. Was tat ich da? Ich war – bin – normalerweise ein eher zurückhaltender Mensch und erzähle fremden Menschen nicht sofort alles Mögliche aus meinem Leben…

„Das ist ja schön.“, sagte die Dame freundlich. „Sie haben doch sicher einen Mann?“

„Nein. Einen Freund, aber wir leben nicht zusammen.“ Wieder sagte ich mehr, als ich eigentlich wollte.

„Und keine Kinder?“ Jetzt wirkte das Gesicht der alten Frau, das ich im Spiegel ganz genau betrachten konnte, besorgt.

„Nein, ich wollte nie Kinder.“

„Aber Kindchen! Wie kann eine Frau denn keine Kinder wollen und keinen Ehemann? Das verstehe ich nicht!“ Die alte Frau wirkte jetzt beinahe entsetzt, so dass ich lachen musste.

„Eine Frau muss nicht heiraten.“, erklärte ich. „Es gibt verschiedene Arten, sein Glück im Leben zu finden. Dazu braucht es nicht immer Familie!“

Ich sah ihr deutlich an, dass sie meine Antwort missbilligte. Sachte schüttelte sie den Kopf und presste den Einkaufskorb noch fester an ihren hageren Körper, als wolle sie verhindern, dass ich durch den Spiegel einen Blick hineinwarf.

„Sie armes Kindchen.“, murmelte sie.

Fast begann ich mich zu ärgern. Dann dachte ich daran, dass Frauen wie sie im Leben längst nicht so viele Möglichkeiten gehabt hatten – für sie war es einfach klar, dass sie heirateten und Kinder aufzogen und sonst nichts. Na ja…

„Und Ihre Eltern sind tot?“, fragte sie dann.

„Ja, ich war vierzehn, als sie bei einem Autounfall ums Leben kamen.“

„Oh, das ist ja schrecklich!“, rief die Dame.

„Nun, es ist längst verwunden.“, sagte ich. Nun, zumindest glaubte ich das. Ich redete nicht gern über die Vergangenheit. Man kann sie ohnehin nicht mehr ändern.

„Oh, halten Sie bitte. Hier wohne ich.“, sagte die Frau und zeigte auf ein Haus auf der linken Seite. An ihrem Mittelfinger glänzten zwei Eheringe, die sie, wie es sich für eine Witwe gehörte, übereinander trug.

„Hier?“, rief ich erstaunt. „Das kann doch gar nicht sein. Dieses Haus steht seit Jahrzehnten leer.“

„Aber nicht doch.“, murmelte die Frau und stieg aus dem Wagen.

„Es ist komplett verfallen!“

Die alte Dame lächelte durch das offene Autofenster. Sie reagierte gar nicht auf meine Bemerkung.

„Vielen lieben Dank fürs Mitnehmen, Kindchen.“ Sie winkte mir noch und ging dann auf das Haus zu.

Ich überlegte. War sie verwirrt? Hatte sie irgendwann hier gewohnt und glaubte, es sei nach wie vor so? Vielleicht sollte ich ihr nachgehen, nicht, dass sie… In jenem Moment drehte sie sich noch einmal zu mir um. Ihr Blick war bestimmt, fast streng, so, als verbitte sie sich jegliche Intervention, vielmehr noch schien sie mich so schnell wie möglich loswerden zu wollen… Plötzlich hatte ich ein komisches Gefühl im Magen. Ich wandte die Augen ab und stieg aufs Gas.

In den darauffolgenden Tagen hatte ich eine Menge zu erledigen, das Buch musste fertig werden, mein Verleger erinnerte mich fast täglich an den Abgabetermin, meine Hündin, eine schon ältere Beagledame namens Marlene, hatte irgendetwas, ich fuhr mit ihr zum Tierarzt. Zum Glück war es nur ein harmloser Infekt. Ich hütete meine sechsjährige Nichte und meinen neunjährigen Neffen, weil Rita überraschend eine Geschäftsreise antreten musste und Peter, mein Schwager, von der Arbeit im Büro nicht weg konnte. Kurt, mein Freund, half mir, die Rabauken im Zaum zu halten, damit ich meine Arbeit erledigen konnte.

Obwohl ich die beiden Rangen über alles liebte, war ich erleichtert, als sie wieder nach Hause zurückkehrten. Das Buch war trotz des intensiven Kinderdienstes fertig geworden und ich hätte mich für ein Weilchen entspannt zurücklehnen können – wäre da nicht dieser ständig wiederkehrende Traum gewesen… Beinahe jede Nacht drängte er sich in meinen Schlaf, machte ihn zu etwas Anstrengendem und Aufwühlendem. Ich träumte von einem Spiegel, der von rechts oder links – wie es ihm gerade beliebte – in mein Traumbild wanderte. In jenem Spiegel konnte ich mich selbst sehen – zumindest dachte ich anfangs, es sei mein Spiegelbild. Doch als der Traumspiegel zum wiederholten Male vor meinen Augen auftauchte, erkannte ich, dass nicht ich es war, sondern eine Frau, die mir zum Verwechseln ähnlich sah.

Das goldblonde Haar umrahmte ihr Gesicht in weichen Wasserwellen, während meines glatt und zusammengebunden war und ihre Lippen leuchteten in samtigem Dunkelrot, ich dagegen verwendete kaum Lippenstift. Auffällig war das altmodische, wadenlange Blümchenkleid, das nicht ganz zu ihrem schlaksigen Körper passte und sie hatte sich eine doppelreihige Perlenkette um den Hals geschlungen, was, wie meine modebewusste Schwester sagen würde, madamig wirkte.

Die Frau im Spiegel sah mich an, ihr Blick wirkte traurig. Zunächst bildete ich mir nur ein, dass sie seufzte, dann vernahm ich es laut und deutlich. Das Seufzen steigerte sich zu einem Wimmern und das Wimmern zu einem trockenen Schluchzen.

Immer häufiger kamen die Träume und sie wurden intensiver. Die Frau begann zu mir zu sprechen. Ich konnte nicht alles verstehen, doch das, was sie sagte, hatte mit dem verfallenen Haus und der alten Dame, die ich unterwegs aufgelesen hatte, zu tun. Es dauerte, bis ich verstand, was die Spiegelfrau mir sagen wollte. Ihre anfänglichen Stakkatobotschaften „Halt dich fern – Haus – Verfall – Alte - verrückt – Geh weg“ wurden von Mal zu Mal ausgeprägter. „Halt dich fern von dem verfallenen Haus und der verrückten Alten!“

Das Haus rückte von da an nur noch mehr in den Fokus meines Denkens. Je intensiver ich versuchte, das Bild aus meinem Kopf zu drängen, desto dringender wurde der Wunsch, dorthin zu gehen. Die Spiegelfrau hatte genau das Gegenteil erreicht.

Schon als ich ein Kind war, hatte das alte Haus einen großen Reiz auf mich ausgeübt. Damals hatte ich hineingehen und mich umsehen wollen – die Haustür hing bloß noch in den Angeln, es wäre also kein Problem gewesen. Aber Rita und die anderen Nachbarkinder, mit denen wir spielten, hatten keine Lust. Die kleineren fürchteten sich vor Geistern, die größeren meinten, dass sich da drin regelmäßig ein paar Jugendliche aus der Nachbarschaft zum Rauchen und Biertrinken träfen und die würden mit Kindern, die sie dabei störten, sicher nicht zimperlich umgehen….

Ich beschimpfte sie als Feiglinge und schmollte. Aber allein traute ich mich auch nicht. So begnügte ich mich damit, hin und wieder durch eines der Fenster zu spähen, das einzige, das nicht mit Brettern vernagelt war. Es gab den Blick auf einen pastellfarbenen Küchenschrank im Stil der 50er Jahre frei. Der Hängeschrank, dem eine der beiden Schiebetüren fehlte, war leicht abgeschrägt und wenn ich mich auf die Zehenspitzen stellte, konnte ich sogar noch Reste von Geschirr darin ausmachen. Ich betrachtete die gesprungenen vanillegelben Fliesen über der völlig verkalkten Spüle und stellte mir vor, wie prächtig der verdreckte schwarz-weiße Linoleumboden einst geglänzt haben mochte.