Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

EPILOG

Danksagung

Über die Autorin

Die Romane von Katy Evans bei LYX

Impressum

Cover

KATY EVANS

Real

Nur für dich

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Beate Bauer

Zu diesem Buch

Die junge Physiotherapeutin Brooke Dumas wird von ihrer besten Freundin zu einem Boxkampf geschleppt. Eigentlich kann sie mit solchen Veranstaltungen überhaupt nichts anfangen, findet sie sogar ein bisschen peinlich. Doch dann fällt ihr Blick auf den Boxer im Ring – und von einer Sekunde auf die andere steht ihre Welt Kopf. Remington Riptide Tate, der Star der Untergrund-Szene, wird von Hunderten Frauen im Publikum verehrt und bejubelt. Aber mit seinen unergründlichen blauen Augen fixiert er nur eine Einzige – Brooke. Als diese nach dem Kampf auf sein Hotelzimmer eingeladen wird, ist sie auf alles vorbereitet … nur nicht darauf, dass Remington ihr einen Job als seine Physiotherapeutin anbietet. Obwohl Brooke spürt, dass sie sich lieber von ihm fernhalten sollte, nimmt sie das Angebot an. Sie weiß, dass die Beziehung zwischen ihnen rein professioneller Natur sein sollte. Und doch fällt es ihr mit jedem Moment in seiner Gegenwart, jeder Berührung seines Körpers schwerer, die Funken, die zwischen ihnen sprühen, zu ignorieren. Aber Remy ist wie Feuer und Eis: mal unnahbar, unberechenbar, gefährlich, mal leidenschaftlich, fürsorglich, romantisch. Je näher Brooke ihm kommt, desto mehr bestätigt sich ihr Verdacht: Remy verbirgt ein Geheimnis. Doch sie ahnt nicht, dass dieses Geheimnis nicht nur ihre Liebe, sondern auch sie selbst zerstören könnte …

Für das Leben, die Liebe
und die Musik

REAL Playlist

Hier sind ein paar der Songs, die ich beim Schreiben von Real gehört habe. Besonders wichtig für die Geschichte sind die ersten beiden – vielleicht möchtest du sie zur gleichen Zeit wie Brooke und Remington hören.

EINS

»ICH BIN REMINGTON«

Brooke

Melanie schreit mir schon seit einer halben Stunde ins Ohr, und bei dem, was hier los ist, bin ich so durcheinander, dass ich allmählich kaum noch etwas hören kann. Bis auf mein Herz. Das wie verrückt in meinen Schläfen pocht, während die beiden Kämpfer in dem Underground-Boxring aufeinander einschlagen, beide gleich schwer und gleich groß, beide extrem muskulös, beide zerschmettern sie dem anderen das Gesicht.

Jedes Mal, wenn einer einen Treffer landet, gibt es Jubelrufe und Applaus im Saal, in dem sich mindestens dreihundert Zuschauer drängen und nach Blut dürsten. Aber das Schlimmste daran ist, dass ich das grässliche Geräusch von Knochen, die gegen Fleisch krachen, tatsächlich hören kann – vor lauter Angst habe ich eine Gänsehaut auf den Armen. Jeden Moment erwarte ich nun, dass einer der beiden zu Boden geht und niemals wieder aufsteht.

»Brooke!«, kreischt meine beste Freundin und umarmt mich. »Du siehst aus, als wolltest du dich gleich übergeben – du bist für das hier echt nicht geschaffen!«

Ich bringe sie um, ernsthaft.

Sobald ich den Blick von diesen Männern abwenden und sicher sein kann, dass sie am Ende der Runde noch atmen, werde ich meine beste Freundin gnadenlos umbringen. Und hinterher mich selbst dafür, dass ich hierher mitgekommen bin.

Doch meine arme liebe Melanie hat einen neuen Schwarm, und sobald sie herausgefunden hatte, dass das Objekt ihrer nächtlichen Fantasien in der Stadt ist, um an diesen »privaten« und sehr »gefährlichen« Underground-Wettkämpfen teilzunehmen, hat sie mich gebeten, mitzukommen, um ihn mir anzuschauen. Es ist einfach schwer, Melanie etwas abzuschlagen. Sie ist überschwänglich und hartnäckig, und jetzt springt sie vor Entzücken im Quadrat.

»Er ist als Nächster dran«, ruft sie, und es kümmert sie kein bisschen, wer die letzte Runde gewonnen hat oder ob die beiden überhaupt überlebt haben. Was offensichtlich, Gott sei Dank, der Fall ist. »Mach dich auf eine echte Augenweide gefasst, Brookey!«

Das Publikum verstummt, und der Ansager ruft: »Meine Damen und Herren, und jeeeeetzt … der Augenblick, auf den Sie alle gewartet haben, der Mann, wegen dem Sie hier sind. Ein wirklich böser Junge, hier kommt der unvergleichliche Remington ›Riptide‹ Tate!«

Ein Schauer läuft mir über den Rücken, als die Menge allein bei dem Namen verrücktspielt, vor allem die Frauen, und ihre erwartungsvollen Rufe durcheinanderschallen.

»Remy! Ich liebe dich, Remy!«

»Ich mach’s dir mit dem Mund, Remy!«

»REMY, BESORG’S MIR, REMY

»Remington, mach mich nass!«

Alle Köpfe drehen sich, als eine Gestalt im roten Umhang mit Kapuze auf den Ring zugeht. Scheinbar tragen die Kämpfer an diesem Abend keine Boxhandschuhe, und ich sehe, wie er die Finger streckt und wieder zur Faust ballt, und seine Hände sind riesig und gebräunt, die Finger lang.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Rings schwenkt eine Frau stolz ein Plakat, auf dem »Remys geilstes Luder« steht, und sie schreit aus vollem Halse in Remys Richtung – wahrscheinlich für den Fall, dass er nicht lesen kann oder das Neonpink oder den Glitzer übersieht.

Ich bin völlig überrascht, und mir wird gerade klar, dass meine beste Freundin nicht die Einzige in Seattle ist, die wegen dem Kerl anscheinend den Verstand verloren hat, als sie meinen Arm drückt. »Wetten, du kannst ihn nicht anschauen und dann noch behaupten, dass du nicht alles für diesen Mann tun würdest.«

»Ich würde nicht alles für diesen Mann tun«, wiederhole ich augenblicklich, nur um zu gewinnen.

»Du schaust ja gar nicht hin!«, kreischt sie. »Schau ihn dir an. Schau doch.«

Sie packt mein Gesicht und dreht es in Richtung Ring, doch ich fange stattdessen an zu lachen. Melanie liebt Männer. Liebt es, mit ihnen zu schlafen, ihnen nachzulaufen, sie anzuschmachten, doch wenn sie sich einen geangelt hat, kann sie ihn nicht lange festhalten. Ich hingegen bin nicht daran interessiert, mich mit irgendjemandem einzulassen.

Nicht solange meine romantische kleine Schwester Nora Freunde und Drama für uns beide hat.

Ich starre zur Bühne hinauf, als der Typ den roten Satinumhang mit dem Wort RIPTIDE auf dem Rücken abstreift und die Zuschauer johlen und jubeln, während er sich langsam umdreht, um sie zu begrüßen. Plötzlich ist sein Gesicht, das von den Lampen angestrahlt wird, direkt vor mir, und ich starre ihn wie eine Idiotin von meinem Platz aus an. Mein Gott.

Mein.

Gott.

Grübchen.

Dunkles, struppiges Kinn.

Jungenhaftes Lächeln. Männlicher Körper.

Fantastische Bräune.

Ein Schauer jagt mir über den Rücken, während ich ohnmächtig den Anblick in mich aufsauge und wie alle anderen auf diese Gestalt starre.

Er hat einen sexy schwarzen Wuschelkopf, als hätten ein paar Frauen gerade ihre Finger dringehabt. Wangenknochen so ausgeprägt wie Kinn und Stirn. Rot geküsste und volle Lippen, und als Souvenir von seinem Weg zum Ring Lippenstift auf der Wange. Ich lasse den Blick über seinen großen, schlanken Körper gleiten, und etwas Heißes und Wildes bricht sich in meinem Innern Bahn.

Er ist auf faszinierende Weise perfekt und unglaublich kompakt. Alles, von seinen traumhaft schlanken Hüften und seiner schmalen Taille bis zu seinen breiten Schultern ist fest. Und dieses Sixpack. Nein. Es ist eigentlich ein Eightpack. Die sexy V-Form seines Oberkörpers verschwindet in seinen marineblauen Satinshorts, die sanft seine muskelbepackten Beine umspielen. Ich kann seine Oberschenkel-, Trapez- und Brustmuskeln und Bizepse sehen, die straff und wohlgeformt sind. Keltische Tattoos schlingen sich genau dort um beide Arme, wo seine hervortretenden Bizepse und die straffen rechteckigen Deltamuskeln seiner Schultern zusammentreffen.

»Remy! Remy!«, ruft Mel durch den Trichter ihrer Hände hysterisch neben mir. »Du bist so verdammt heiß, Remy!«

Er dreht sich nach den Rufen um, und ein Grübchen kommt zum Vorschein, während er uns lächelnd anblickt. Ein Schwall Energie schießt durch mich hindurch, nicht weil er aus diesem Blickwinkel besonders hinreißend ist – was er wirklich ist, du meine Güte, wirklich – sondern weil er mich direkt anschaut.

Er zieht eine Braue hoch, und in seinen hinreißenden blauen Augen ist ein belustigtes Schimmern. Auch etwas … Erhitztes in seinem Blick. Als würde er denken, ich sei es gewesen, die gerufen hat. Oh Mist.

Er zwinkert mir zu, und ich bin fassungslos, während sich sein Lächeln langsam in etwas unerträglich Intimes verwandelt.

Mein Blut köchelt.

Ich spüre ein Ziehen zwischen den Beinen, und ich hasse den Gedanken, dass er es zu wissen scheint.

Ich kann sehen, dass er sich für die ultimative Schöpfung hält, und er scheint zu glauben, dass jede Frau hier seine Eva ist, zu seinem Vergnügen aus seiner Rippe erschaffen. Ich bin sowohl erregt als auch wütend, und das ist das Verwirrendste, was ich jemals empfunden habe.

Seine Lippen kräuseln sich, und er dreht sich um, als sein Gegner mit den Worten angekündigt wird: »Kirk Dirkwood, der ›Hammer‹, hier für euch heute Abend!«

»Mel, du kleine Schlampe!«, rufe ich, als ich mich erholt habe, und schubse sie zum Spaß. »Warum hast du nur so laut gerufen? Jetzt denkt er, ich bin das verrückte Huhn!«

»Ohmeingott! Er hat dir gerade zugezwinkert«, sagt Melanie fassungslos.

Oh mein Gott, das hat er. Oder nicht? Er hat.

Ich bin genauso überrascht, und ich werde Melanie foltern, weil sie das verdient, das Flittchen.

»Das hat er«, gebe ich schließlich zu, während ich sie finster anblicke. »Wir haben telepathisch kommuniziert, und er sagt, er will mir ein Nest bauen, damit ich die sexy Mutter seiner Babys werde.«

»Als ob jemand wie du Sex mit ihm haben wollte. Du und deine Zwangsstörung«, sagt sie und lacht sich kaputt. Inzwischen zieht sich Remingtons Gegner seinen Umhang aus. Der Mann besteht nur aus Muskeln, doch nicht ein Gramm kann es mit der knackigen Männlichkeit von Riptide aufnehmen.

Remington beugt seine Arme, streckt die Finger und macht Fäuste, während er kleine Lockerungssprünge macht. Er ist ein großer, muskulöser Mann, dabei aber erstaunlich leichtfüßig, was bedeutet – ich weiß es, weil ich Leichtathletik gemacht habe –, dass er unglaubliche Kräfte hat, wenn er seinen Körper mit so kleinen Bewegungen vom Boden abheben kann.

Hammer macht den ersten Schlag. Remington duckt sich geschickt weg, kommt mit einem Schwinger wieder hoch und trifft Hammer damit seitlich im Gesicht. Angesichts der Wucht des Schlages zucke ich innerlich zusammen; mein Körper verkrampft sich beim Anblick seiner Muskeln, die sich bei jedem Schlag, den er austeilt, anspannen und wieder lockern.

Die Menge sieht wie gebannt zu, während der Kampf weitergeht, und wieder bekomme ich von den scheußlich krachenden Geräuschen Gänsehaut. Und noch etwas anderes nervt gewaltig: Auf meiner Stirn und in meinem Ausschnitt bilden sich Schweißtropfen, und im Verlauf des Kampfes werden meine Brustwarzen hart und zeichnen sich unter der Seide meines Oberteils ab.

Remington Tate dabei zu beobachten, wie er einen Mann, den man Hammer nennt, prügelt, bringt mich dazu, mich auf eine Weise zu winden, die mir gar nicht gefällt und die ich noch viel weniger erwartet habe.

Die Art, wie er ausholt, sich bewegt, knurrt …

Plötzlich beginnt ein Sprechchor: »Remy … Remy … Remy.«

Ich drehe mich und sehe Melanie auf- und abspringen und sagen: »Ohmeingott, Remy! Mach ihn fertig, du sexy Kerl!« Sie schreit, als sein Gegner mit einem dumpfen Schlag zu Boden geht. Mein Slip ist nass, und mein Puls rast. Ich habe Gewalt nie gebilligt. Das bin nicht ich, und ich blinzle benommen angesichts der Gefühle, die durch meinen Körper peitschen. Lust, reine glühende Lust zuckt durch meine Nervenenden.

Der Ringrichter hebt Remingtons Arm zum Zeichen des Siegs, und sobald er sich nach dem K.-o.-Schlag, den er eben ausgeteilt hat, aufrichtet, wandert sein Blick in meine Richtung. Durchdringende blaue Augen begegnen meinen, und etwas in meinem Unterleib zieht sich zusammen. Seine schweißnasse Brust hebt und senkt sich schwer, und in einem Mundwinkel hat er einen Tropfen Blut. Und die ganze Zeit sind seine Augen unverwandt auf mich gerichtet.

Hitze breitet sich in mir aus, meine Haut scheint in Flammen zu stehen. Ich werde das Melanie gegenüber niemals eingestehen, nicht einmal mir selbst gegenüber mit lauten Worten, aber ich glaube nicht, dass ich je einen so heißen Mann in meinem Leben gesehen habe. Die Art, in der er mich anstarrt, ist heiß. Und absolut heiß ist auch die Art, wie er dasteht, einen Arm in der Luft, die Muskeln tropfnass vom Schweiß, mit einer Ausstrahlung von Autorität, die Mel bereits im Taxi erwähnte.

Sein Starren ist unverblümt. Die Art, wie er alle anderen ignoriert, die seinen Namen rufen, und mich so begehrlich anschaut, gibt mir das Gefühl, als würde er mich an Ort und Stelle nehmen. Mit einem Mal wird mir bewusst, wie ich ihn anschaue.

Mein langes Haar, mahagonibraun, fällt mir auf die Schultern. Die weiße Bluse ist ärmellos, hat aber einen hochgeschlossenen Spitzenkragen, und der Saum steckt ordentlich in einem Paar schwarzer Hosen, die zwar im High-Waist-Schnitt, ansonsten aber absolut unauffällig sind. Ein Paar kleiner goldener Kreolen ergänzen meine whiskeybraunen Augen. Trotz meiner dezenten Kleiderwahl fühle ich mich völlig nackt.

Meine Beine zittern, und ich habe das deutliche Gefühl, dass der nächste Angriff dieses Mannes mir gelten wird. Mit seinem Schwanz. Bitte, oh Gott, das habe ich nicht wirklich gedacht; so was denkt vielleicht Melanie. Wieder spüre ich ein Ziehen in meinem Unterleib.

»REMY! REMY! REMY! REMY!«, skandieren die Leute immer lauter.

»Ihr wollt mehr Remy?«, fragt der Mann mit dem Mikrofon die Menge, und der Lärm um uns herum nimmt zu. »In Ordnung, Leute! Dann wollen wir Remington Riptide Tate mal einen richtigen Gegner bieten!«

Ein weiterer Mann tritt in den Ring, und ich halte es nicht mehr aus. Mein System ist überlastet. Es ist vielleicht doch keine so gute Idee, jahrelang auf Sex zu verzichten. Ich bin so erregt, dass ich kaum ein Wort herausbringe und meine Beine nur mit Mühe bewegen kann, als ich mich umdrehe, um Mel zu sagen, dass ich auf die Toilette gehe.

Eine Stimme plärrt durch die Lautsprecher, während ich den breiten Gang zwischen den Ständen entlangstürme. »Und jetzt, meine Damen und Herren, wird Parker, der ›Schreckensdrache‹, unseren Champion herausfordern!«

Die Menge erwacht zum Leben, und plötzlich höre ich einen lauten Rumms.

Ich widerstehe dem Drang, mich nach der Ursache für den Aufruhr umzuschauen, biege um die Ecke und steuere schnurstracks auf die Toilettenräume zu, als die Lautsprecher wieder tönen: »Heiliger Bimbam, das ging schnell! Wir haben einen K.o.! Ja, meine Damen und Herren! Einen K.o.! Und das in Rekordzeit, unser Sieger ist erneut Riptide! Riptide, der jetzt aus dem Ring springt und – wo zum Teufel willst du hin?«

Die Menge dreht durch und skandiert: »Riptide! Riptide!«, verstummt jedoch schlagartig, als würde etwas völlig Unerwartetes geschehen.

Ich wundere mich noch über die gespenstische Stille, als Schritte hinter mir hallen. Eine warme Hand umfasst meine; die Berührung durchfährt mich wie ein elektrischer Schlag, und mit unglaublicher Kraft werde ich herumgewirbelt.

»Was zum …?«, keuche ich verwirrt und starre auf eine schweißnasse Männerbrust und darüber in schimmernde blaue Augen. Meine Sinne geraten außer Kontrolle. Er ist so nah, dass mich sein Geruch wie ein Schuss Adrenalin trifft.

»Dein Name«, knurrt er keuchend und hat seine Augen dabei auf meine gerichtet.

»Äh, Brooke.«

»Brooke was?«, stößt er mit geblähten Nüstern hervor.

Seine animalische Anziehungskraft ist so stark, dass es mir beinahe die Stimme verschlägt. Er ist mir viel zu nahe gekommen, nimmt mir die Luft zum Atmen, zieht mich völlig in seinen Bann, und ich kann nicht verstehen, warum mein Herz wie verrückt schlägt, warum ich hier stehe, zitternd vor Erregung, und mein gesamter Körper auf die Stelle konzentriert ist, wo seine Hand meine festhält.

Mit äußerster Mühe befreie ich meine bebende Hand, panisch halte ich nach Mel Ausschau, die ihm gefolgt ist und uns mit aufgerissenen Augen anstarrt. »Sie heißt Brooke Dumas«, sagt sie und rattert dann meine Mobilfunknummer herunter. Zu meinem Leidwesen.

Seine Lippen kräuseln sich, und er begegnet meinem Blick. »Brooke Dumas.«

Mit seiner tiefen Stimme scheint er sich meinen Namen auf der Zunge zergehen zu lassen, ihn ganz und gar auszukosten, und die quälende Lust zwischen meinen Beinen wird stärker. Sein brennender Blick trifft mich in einer Weise, als würde ich ihm bereits gehören. Niemals zuvor bin ich so angestarrt worden.

Er tritt näher und legt seine feuchte Hand um meinen Nacken. Mein Puls jagt, als er seinen dunklen Kopf senkt, um mir einen flüchtigen Kuss auf die Lippen zu geben. Es fühlt sich an, als würde er mich markieren. Als würde er mich auf etwas Gewaltiges vorbereiten, etwas, das mein Leben verändern und auch ruinieren könnte.

»Brooke«, brummt er leise und bedeutungsvoll an meinen Lippen, bevor er sich mit einem Lächeln aufrichtet.

»Ich bin Remington.«

Noch auf der Heimfahrt spüre ich seine Hände, spüre ich seine Lippen auf meinen. Den sanften Kuss. Gott, ich kann nicht einmal richtig atmen, und ich habe mich wie eine Kobra auf dem Rücksitz eines Taxis zusammengerollt, starre blind aus dem Fenster auf die vorbeigleitenden Lichter der Stadt, verzweifelt bemüht, die Empfindungen loszuwerden, die durch meinen Körper wirbeln. Unglücklicherweise habe ich niemanden außer Mel, um meinen Gefühlen Luft zu machen.

»Das war wirklich heftig«, haucht Mel neben mir.

Ich schüttle den Kopf. »Was zum Teufel ist nur passiert, Mel? Der Kerl hat mich in aller Öffentlichkeit geküsst! Hast du bemerkt, dass Leute ihre Handys auf uns gerichtet haben?«

»Brooke, er ist so heiß. Jeder will ein Bild von ihm. Sogar ich bebe innerlich wegen der Art, wie er dir hinterhergerannt ist, und ich bin nicht einmal diejenige, die er geküsst hat. Noch nie habe ich gesehen, dass ein Mann so hinter einer Frau her ist. Heilige Scheiße, es ist wie ein romantischer Porno.«

»Halt den Mund, Mel«, knurre ich. »Es gibt einen Grund, warum man ihn aus seiner Sportart ausgeschlossen hat. Er ist eindeutig gefährlich oder verrückt oder beides

Mein Körper könnte nicht erregter sein. Seine Augen, ich kann sie auf mir fühlen, so zügellos und hungrig. Ich fühle mich verrucht, geradezu dreckig. Mein Nacken prickelt an der Stelle, wo er mich mit seiner verschwitzten Hand berührt hat. Ich reibe ihn, doch es will nicht aufhören, entspannt meinen Körper nicht, entspannt mich nicht.

»Okay, ernsthaft, du musst öfter ausgehen. Remington Tate mag einen schlechten Ruf haben, aber er ist verführerisch wie die Sünde, Brooke. Ja, er wurde wegen Fehlverhaltens ausgeschlossen, weil er ein schlimmer Junge ist. Wer weiß, was er im Privatleben für einen Mist erlebt hat. Ich weiß nur, dass es wirklich übel war und für ein paar Schlagzeilen gesorgt hat, und jetzt kümmert es keinen mehr. In der Underground-Liga ist er der Favorit, und die Fightclubs fahren voll auf ihn ab. Die Mädchen rennen denen die Bude ein, wenn er da ist.«

Ein Teil von mir kann noch immer nicht glauben, wie mich der Kerl angestarrt hat, sich ganz auf mich konzentriert hat, eine Horde kreischender Frauen, und er hat ausgerechnet mich angeschaut, und es bringt mich nur noch mehr auf, wenn ich daran denke. Er hat mich mit diesem wahnsinnig erhitzten Blick angeschaut, und ich will keinen wahnsinnig erhitzten Blick. Ich will weder ihn noch sonst einen Mann, Punkt. Ich will einen Job. Ich habe gerade mein Referendariat bei einer der hiesigen Mittelschulen beendet, und ich hatte bei der besten Sport-Rehaklinik der Stadt ein Vorstellungsgespräch. Doch das ist schon zwei Wochen her, und ich habe noch nichts von ihr gehört.

Ich bin langsam fest davon überzeugt, dass niemals irgendjemand anrufen wird.

Ich bin wahnsinnig frustriert.

»Melanie, schau mich an«, verlange ich. »Findest du, ich sehe wie ein Flittchen aus?«

»Nein, Schätzchen. Du warst ganz der klassische Typ.«

»Wenn ich mich zu einem solchen Event so brav anziehe, dann eben genau aus dem Grund, damit ein übler Kerl wie der erst gar nicht auf mich aufmerksam wird.«

»Vielleicht solltest du dich mehr wie eine Schlampe anziehen und dich optisch angleichen?« Sie grinst, und ich blicke finster drein.

»Ich hasse dich. Ich gehe nie wieder mit dir zu so einem Event.«

»Du hasst mich nicht. Komm, lass dich umarmen.« Ich lasse mich in ihre Arme sinken und umarme sie leicht, bevor mir ihr Verrat wieder einfällt.

»Wie konntest du ihm nur meine Nummer geben? Was wissen wir überhaupt über diesen Mann, Mel? Willst du, dass ich in irgendeiner finsteren Gasse ermordet werde und meine Körperteile in einer Mülltonne landen?«

»Jemandem, der so viele Stunden Selbstverteidigung genommen hat wie du, wird das nicht passieren.«

Ich seufze und schüttle den Kopf, doch sie schenkt mir ein bezauberndes Lächeln. Ich kann nie lange böse sein.

»Komm schon, Brooke. Du musst dich selbst neu erfinden«, flüstert Mel, die meine Gedanken lesen kann. »Die neue und bessere Brooke muss ab und zu Sex haben. Du hast es doch gemocht, als du noch im Wettkampf gestanden hast.«

Das Bild eines nackten Remington taucht in meinem Kopf auf, und es ist auf so verwirrende Weise erregend, dass ich mich in meinem Sitz winde, während ich wütend aus dem Fenster starre und diesmal noch entschiedener den Kopf schüttle. Am meisten ärgern mich die Gefühle, die allein bei dem Gedanken an ihn in mir aufsteigen. Ich fühle mich … fiebrig.

Nein, ich habe überhaupt nichts gegen Sex, aber Beziehungen sind kompliziert, und ich habe gerade nicht das emotionale Rüstzeug, um damit klarzukommen. Ich habe mich von meinem Absturz noch immer nicht erholt und versuche einen neuen Berufsweg einzuschlagen. Auf Youtube gibt es ein schreckliches Video von mir, mit dem Titel »Dumas – am Ende«. Irgendein Amateur hat das während meiner ersten Qualifikationsversuche für Olympia aufgezeichnet, und es ist ziemlich oft angeklickt worden – wie alle Videos gedemütigter Leute. Es ist der Moment, in dem die Katastrophe meines Lebens passierte, und die ganze Welt kann sich das nun wieder und wieder anschauen und sich daran erfreuen. Es zeigt den Moment, in dem sich meine Quadrizepse verknoten und ich stolpre, und den Augenblick, in dem mein vorderes Kreuzband reißt und mein Knie nachgibt.

Das charmante kleine Video dauert über vier Minuten. Tatsächlich hat mein anonymer Paparazzo die Kamera ausschließlich auf mich und sonst niemanden gerichtet. Man kann im Hintergrund seine Stimme hören: »Scheiße, das war’s, die ist am Ende.« Was offensichtlich zum Titel inspiriert hat.

Da bin ich also, in einem echten Homemovie, wie ich unter schrecklichen Schmerzen von der Laufbahn hüpfe und dabei herzzerreißend weine. Nicht wegen der Schmerzen in meinem Knie, sondern wegen der Schmerzen des eigenen Scheiterns. Ich möchte mich am liebsten in einem Mauseloch verkriechen, und ich will sterben, weil ich sofort weiß, dass das ganze Trainieren umsonst war. Doch anstatt von der Erde verschluckt zu werden, werde ich gefilmt.

Die vielen Kommentare unter dem Video habe ich noch frisch in Erinnerung. Ein paar Leute wünschten mir alles Gute auf anderen Gebieten und meinten, dass es schade sei. Doch andere lachten und machten Scherze darüber, als hätte ich darum gebeten, dass es passiert.

Und diese Kommentare haben dazu geführt, dass ich jahrelang unablässig von Zweifeln geplagt war, beide Tage im Geiste immer wieder durchlebe und mich frage, was schiefgegangen ist. Ich sage beide, weil ich mir das Kreuzband nicht nur einmal, sondern ein zweites Mal gerissen habe, als ich stur erneut bei Qualifizierungswettkämpfen antrat – ich wollte einfach nicht glauben, »dass es das war«. Beide Male weiß ich nicht, was ich falsch gemacht habe, doch ganz offensichtlich ist mein Körper zu keinen weiteren Versuchen in der Lage.

Jetzt versuche ich einfach, mit aller Kraft weiterzumachen, als hätte ich nie vorgehabt, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, und das Letzte, was ich brauchen kann, ist ein Mann, der Zeit in Anspruch nimmt – Zeit, die ich darauf verwenden könnte, mir eine Perspektive in dem Beruf zu schaffen, für den ich mich entschieden habe.

Meine Schwester Nora ist die Romantische und Leidenschaftliche von uns beiden. Obwohl sie kaum einundzwanzig und drei Jahre jünger ist als ich, kommt sie bereits in der Welt herum, schickt mir und Mom und Dad Postkarten von allen möglichen Orten und erzählt uns von ihren »Liebhabern«.

Und ich? Ich war diejenige, die ihre gesamte Jugend damit zugebracht hat, im Training alles zu geben und einzig und allein von einer Goldmedaille zu träumen. Doch mein Körper gab auf, lange bevor meine Seele wollte, und ich habe es nicht einmal bis zu einer Weltmeisterschaft geschafft.

Wenn man sich damit abfinden muss, dass der Körper manchmal nicht das tut, was man von ihm erwartet, kann das schmerzhafter sein als der physische Schmerz einer Verletzung. Deshalb mag ich Sport-Reha. Ich wäre vielleicht noch immer depressiv und wütend, wenn ich nicht die Hilfe bekommen hätte, die ich brauchte. Aus diesem Grund möchte ich jungen Athleten helfen, es zu schaffen, auch wenn es mir selbst nicht gelungen ist. Und deshalb suche ich einen Job, damit ich, vielleicht, wenigstens darin erfolgreich sein kann.

Doch seltsamerweise denke ich jetzt, während ich wach liege, nicht an meine Schwester oder meine neue Karriere oder den schrecklichen Tag, an dem die Olympischen Spiele für mich unerreichbar wurden.

Das Einzige, woran ich heute Nacht denken kann, ist der blauäugige Teufel, der seine Lippen auf meine gelegt hat.

Am nächsten Morgen gehen Melanie und ich im schattigen Park unseres Viertels laufen, was wir jeden Tag tun, egal ob es regnet oder die Sonne scheint. Wir tragen beide ein iPod-Armband, doch heute können wir nicht aufhören zu reden.

»Du hast es bis zu Twitter geschafft, du Miststück. Das hätte eigentlich ich sein sollen.« Sie klickt durch ihr Handy, und ich versuche zu erhaschen, was sie da liest.

»Dann hättest du ihm deine Handynummer geben sollen anstatt meiner.«

»Hat er sich gemeldet?«

»›City Hall um elf. Lass die verrückte beste Freundin zu Hause‹ war alles, was er geschrieben hat.«

»Haha!«, sagte sie, schnappt sich mein Telefon, während sie mir ihres gibt, und tippt mein Passwort ein, um an meine Nachrichten zu kommen.

Ich werfe ihr einen bösen Blick zu – das hinterhältige kleine Biest kennt alle meine Passwörter, und ich könnte wahrscheinlich nicht einmal, wenn ich wollte, ein Geheimnis vor ihr haben. Ich bete, dass sie meine Google-Chronik nicht gecheckt hat, sonst weiß sie, dass ich nach ihm gesucht habe. Ich mag gar nicht daran denken, wie oft ich seinen Namen in die Suchleiste eingetippt habe. Zum Glück überprüft Mel lediglich meine verpassten Anrufe, und natürlich ist keiner von ihm dabei.

Nach den Artikeln zu schließen, die ich gestern Abend gelesen habe, ist Remington Tate ein Partygott, Sexgott und vor allem ein Gott. Obendrein ein Stressmacher. In diesem Augenblick hat er wahrscheinlich einen Kater und ist noch immer betrunken, umgeben von sich räkelnden nackten Frauen in seinem Bett, und denkt: »Brooke wer?«

Melanie schnappt sich wieder ihr Telefon, räuspert sich und liest den Twitterfeed. »Okay, es gibt mehrere neue Kommentare, die du dir anhören solltest. ›Nicht zu fassen! Habt ihr je gesehen, dass Riptide eine Zuschauerin küsst? Heilige Scheiße, der hatte es aber eilig! Es gab ein Handgemenge, als er ihr hinterherlief und dabei einen Mann zur Seite stieß! Außerhalb des Rings zu kämpfen, ist illegal, und vielleicht wird RIP ja für den Rest der Saison oder in alle Ewigkeit gesperrt. Oh ja, deshalb ist er bei den Profis ja rausgeflogen! Also ich gehe nicht hin, wenn Rip nicht kämpft.‹ Das sind alle möglichen Twitterer«, erklärt Melanie, während sie ihr Telefon sinken lässt und grinst. »Lustig, dass sie ihn RIP nennen, wie ›Rest in peace‹. Mögen seine Gegner in Frieden ruhen. Wenn er nun überhaupt noch kämpft, er hat nur noch diesen Samstag, bevor die Kämpfe in einer anderen Stadt weitergehen. Gehen wir also hin, oder gehen wir nicht hin?«

»Das wollte er wissen, als er angerufen hat.«

»Brooke! Hat er nun angerufen oder nicht?«

»Was glaubst du, Mel? Wie viele Leute folgen ihm auf Twitter? Eine Million?«

»Es sind zwei Komma drei Millionen.«

»Na also, da haben wir unsere verdammte Antwort.« Ich bin echt wütend, und ich weiß nicht einmal, warum.

»Aber ich bin mir sicher, er war gestern Abend wirklich scharf darauf, mit Brookey ein bisschen zu poppen.«

»Bestimmt hat das schon eine andere erledigt, Mel. So funktioniert das doch mit diesen Typen.«

»Wir müssen trotzdem am Samstag hingehen«, verlangt Melanie mit finsterer Miene, die ihr hübsches Gesicht wie eine Comicfigur aussehen lässt. Sie ist nicht der Typ, der lang auf jemanden sauer sein kann. »Und du musst dich so anziehen, dass ihm die Augen aus dem Kopf fallen und er es bitter bereut, nicht angerufen zu haben. Ihr beide hättet einen hemmungslosen One-Night-Stand haben können. Und ich meine hemmungslos.«

»Miss Dumas?«

Wir sind auf dem Rückweg zu meiner Wohnung, und ich blicke durch das morgendliche Sonnenlicht auf eine große Frau in den Vierzigern mit einem blonden Bob, die auf den Stufen meines Wohnhauses steht. Sie lächelt freundlich und ein wenig verwirrt, als sie mir einen Umschlag mit meinem Namen darauf entgegenstreckt. »Remington Tate wollte, dass ich Ihnen das hier persönlich übergebe.«

Seinen Namen von ihren Lippen zu hören bringt mein Herz aus dem Takt, und plötzlich schlägt es schneller als während des Morgenlaufs. Meine Hand zittert, als ich den Umschlag öffne und einen riesigen blauen und gelben Ausweis herausnehme. Es ist ein Backstage-Ausweis für den Underground mit Tickets für Samstag, die daran festgemacht sind. Es sind Mittelplätze in der ersten Reihe, und es sind vier. In meinem Inneren passieren seltsame Dinge, als ich bemerke, dass mein Name in männlichen, krakeligen Buchstaben, von denen ich vermute, dass er sie geschrieben hat, auf dem Ausweis steht.

Ich bekomme ernstlich keine Luft.

»Wow«, flüstere ich verblüfft. Eine kleine Blase der Erregung bildet sich in meiner Brust, und ich habe das Gefühl, ich muss ein paar Extrameilen laufen, um sie zum Platzen zu bringen.

Das Lächeln der Frau wird breiter. »Soll ich ihm ausrichten, dass Sie Ja gesagt haben?«

»Ja.« Das Wort entschlüpft mir, bevor ich überhaupt darüber nachdenken kann. Bevor ich mir überhaupt Gedanken über die Berichte über ihn machen kann, die ich gestern gelesen habe und in deren Überschriften meistens die Worte »böser Junge«, »betrunken«, »Kneipenschlägerei« und »Prostituierte« hervorgehoben waren.

Okay, es ist ja nur ein Kampf.

Mein Ja bedeutet nichts anderes, als dass ich mir einen Kampf ansehe.

Ungläubig blicke ich erneut auf die Tickets, und Melanie starrt mich von der Seite an, während die Frau auf den Rücksitz eines schwarzen Escalade klettert. Als der Wagen davonbraust, schlägt sie mir scherzhaft auf die Schulter. »Du Miststück. Du willst ihn, nicht wahr? Das war eigentlich meine Fantasie, du blöde Kuh!«

Ich lache, während ich ihr drei Tickets reiche und mich die Tatsache ganz schwindlig macht, dass er so etwas wie einen Kontakt zu mir hergestellt hat. »Ich vermute, wir gehen hin. Hilf mir, die Gang zusammenzutrommeln, ja?«

Melanie packt mich an den Schultern und schubst mich die Stufen zu meinem Wohnhaus hinauf, während sie mir ins Ohr flüstert: »Erzähl mir nicht, dass du davon kein kleines Kribbeln bekommen hast.«

»Ich habe kein kleines Kribbeln davon bekommen«, sage ich automatisch, und bevor ich in meiner Wohnung verschwinde, füge ich hinzu: »Es war ein heftiges Kribbeln.«

Melanie schreit auf und besteht darauf, mit hineinzukommen, um mein Outfit für Samstag auszuwählen, und ich sage ihr, dass ich es sie wissen ließe, wenn ich wie eine Hure aussehen wolle. Mel gibt nach einer kurzen Inspektion meines Schranks schließlich auf, weil nichts darin zu finden ist, was auch nur einen Hauch sexy aussieht, und sie zur Arbeit muss, also lässt sie mich den Rest des Tages allein. Doch das leichte Kribbeln verlässt mich nicht so schnell. Ich spüre es beim Duschen, beim Anziehen und während ich meine Mails nach weiteren Jobangeboten durchgehe.

Ich kann nicht erklären, warum ich bei dem Gedanken, ihn wiederzusehen, so nervös bin.

Er ist tatsächlich das perfekte Material für einen One-Night-Stand. Ich kann kaum glauben, was ich da denke.

Wie könnte es anders sein – als weibliches Wesen mit funktionierendem monatlichem Zyklus bin ich am Samstag an einem völlig anderen Punkt angelangt, und ich habe es schon über ein Dutzend Mal bereut, zugesagt zu haben. Ich tröste mich mit der Tatsache, dass sich zumindest die Clique darüber freut.

Melanie hat Pandora und Kyle eingeladen, uns zu begleiten. Pandora arbeitet mit Melanie bei einem Inneneinrichter. Kyle studiert noch Zahnmedizin, und er ist mein Wohnungsnachbar, langjähriger Freund und auch ein Freund von Mel seit der Mittelschule. Er ist der Bruder, den wir nie hatten, und er ist so lieb und schüchtern gegenüber Frauen, dass er tatsächlich eine Professionelle dafür bezahlen musste, ihm seine Jungfräulichkeit zu nehmen.

»Ich bin so froh, dass du uns fährst, Kyle«, sagte Melanie, die mit mir auf der Rückbank sitzt.

»Das ist wohl alles, wofür ihr mich braucht«, sagte er, doch er ist wirklich begeistert von der Aussicht auf den Kampf.

Die Menge im Underground ist mindestens doppelt so groß wie beim letzten Mal, und wir müssen zwanzig Minuten warten, bis wir den Aufzug besteigen können, der uns zur Arena bringt.

Während Melanie und die anderen nach unseren Plätzen suchen, hänge ich mir den Backstage-Ausweis um und sage zu ihr: »Ich lege ein paar von meinen Visitenkarten aus, wo die Kämpfer sie sehen können.«

Ich wäre verrückt, mir diese Gelegenheit entgehen zu lassen. Diese Athleten sind wahrhafte Muskel- und Organzerstörer, tödliche Waffen, die aufeinander losgehen, und wenn es je eine Gelegenheit für einen Job gab, dann wohl hier.

Während ich in der Schlange darauf warte, Zugang zum Sperrbereich zu bekommen, breitet sich der Geruch von Bier und Schweiß aus. Ich entdecke Kyle, der von unseren mittleren Plätzen auf der rechten Seite des Rings winkt, und ich bin verblüfft, wie nah wir den Kämpfern sein werden. Kyle könnte beinahe den Boden des erhöhten Rings berühren, er müsste lediglich einen Schritt vorwärts machen und den Arm ausstrecken.

Eigentlich kann man den Kampf auch vom anderen Ende der Arena aus beobachten, ohne auch nur einen Cent zu bezahlen, bis auf ein Trinkgeld für den Türsteher vielleicht, doch die Platzkarten gehen von fünfzig Dollar bis fünfhundert, und diejenigen, die uns Remington Tate geschickt hat, kosten fünfhundert. Da ich seit meinem Abschluss vor zwei Wochen ohne Job bin und von den Ersparnissen aus meinen kleinen Werbeverträgen, die ich vor vielen Jahren hatte, lebe, hätte ich mir die Tickets nie leisten können. Genauso wenig wie meine Freunde, die auch gerade erst ihre Abschlüsse gemacht haben. Sie haben schon praktisch jeden Job angenommen, den es auf dem miesen Arbeitsmarkt gibt.

Eingezwängt in der Menge zeige ich schließlich fröhlich lächelnd meinen Backstage-Ausweis und bekomme Zutritt zu einem langen Gang, an dem mehrere offene Räume liegen.

In jedem Raum befinden sich Bänke und Reihen von Spinden, und ich sehe mehrere Kämpfer, die mit ihren Teams sprechen. Ich spähe in den dritten Raum, und da ist er. Mit einem Schlag bin ich supernervös.

Er sitzt vorgebeugt auf einer roten Bank und ist völlig entspannt, während er dabei zusieht, wie ein Mann mit glänzendem, kahlem Schädel eine seiner Hände bandagiert. Die andere ist bereits bis auf die Knöchel mit cremefarbenem Tape bedeckt. Sein Gesicht ist nachdenklich und auffallend jungenhaft, was mich auf die Frage bringt, wie alt er wohl ist. Er hebt seinen dunklen Kopf, als ob er mich spürt, und entdeckt mich augenblicklich. Etwas Seltsames und Kraftvolles flammt in seinen Augen auf und fährt mir wie ein Blitz durch den Körper. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen und sehe, dass sein Coach mit ihm spricht.

Remington kann die Augen nicht von mir abwenden. Er hält noch immer die Hand ausgestreckt, scheint sie aber vergessen zu haben, während sein Coach ihn bandagiert und ihm Instruktionen erteilt.

»Na sieh an …«

Ich drehe mich zu der Stimme zu meiner Rechten um, und der Schreck fährt mir in die Glieder. Ein riesiger Kämpfer steht keinen halben Meter von mir entfernt und betrachtet mich mit einschüchterndem Blick, als wäre ich ein Dessert, für das er den passenden Löffel hat.

Ich sehe, wie Remington seinem Coach das Tape wegnimmt und es beiseitewirft, bevor er aufsteht und sich neben mir vorbeischiebt. Als er sich rechts hinter mich stellt, dringt mir das Bewusstsein seiner körperlichen Nähe in sämtliche Poren.

Seine Stimme klingt sanft an meinem Ohr, lässt mich erzittern, während er meinen Bewunderer anblickt. »Verschwinde«, sagt er leise zu dem anderen.

Der Mann, den ich als Hammer erkenne, sieht nicht mehr mich an. Stattdessen blickt er leicht seitlich über meinen Kopf hinweg. Ich denke, dass er neben Remington gar nicht mehr so groß aussieht.

»Deine?«, fragt er mit verengten, wachsamen Augen.

Meine Knie werden weich, als seine Stimme samten und zugleich eiskalt über meine Ohrmuschel läuft: »Deine ist sie jedenfalls nicht.«

Hammer geht, und Remington steht da, ein Muskelturm, der mich beinahe berührt und dessen Körperwärme mich einhüllt. Ein »Danke« murmelnd senke ich den Kopf und verschwinde so schnell wie möglich, und ich möchte sterben, denn ich schwöre bei Gott, dass er sich zu mir heruntergebeugt hat, um an mir zu riechen.