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Kartzitz

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Inhalt

Rügen – Insel der Gärten

Kurze Geschichte der Gartenkunst auf Rügen

Die Mitte der Insel

Boldevitz

Pansevitz

Kartzitz

Klein Kubbelkow

Wittow und die nördlichen Bodden

Lancken/Dranske

Granskevitz

Juliusruh

Pfarrgärten

Am Großen Jasmunder Bodden

Ralswiek

Semper

Spyker

Die Friedhöfe Rügens

Der Rugard und die Wälder im Nordosten

Granitz

Die Umgebung von Schloss Granitz

Dwasieden

Die Anlagen der Seebäder

Der Südosten Rügens

Losentitz

Putbus

Die Umgebung von Putbus

Üselitz

Hiddensee

Künstlergärten auf Hiddensee

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Kartzitz, Fähre im Park

Rügen – Insel der Gärten

Inseln und Gärten scheint eine fast symbiotische Beziehung miteinander zu verbinden. Eine Insel hat durch ihre Abgeschiedenheit oft etwas Paradiesisches und verwandelt sich unter der ordnenden Hand des Gärtners im Idealfall in einen einzigen großen Garten. Die Liste dieser Garteninseln ist lang und reicht von dem mythologischen Eiland Kythera bis zur modernen Dauer-Gartenschau auf der Mainau. Die schönste unter ihnen ist das schlicht Isola Bella genannte Fleckchen Erde im Lago Maggiore, die unerreichte Verkörperung des Traums von der vollkommenen Gestaltung eines vom Wasser umschlossenen Teils der Welt.

Umgekehrt werden Gärten gerne mit Inseln verglichen. In Boccaccios »Decamerone« sind die Gärten Zufluchtsorte der Fröhlichkeit in einem Meer aus Grausamkeiten, in der städtischen oder auch der tatsächlichen Wüste scheinen Gärten grüne Oasen in einer unwirtlichen Umwelt zu sein. Und auch bei dem größten bisher in Deutschland in Angriff genommenen Gartenprojekt, der Gestaltung der Potsdamer Landschaft durch Peter Joseph Lenné, wurde schon im 19. Jahrhundert von der Verschönerung der Insel Potsdam gesprochen. Schließlich ist die Stadt von den seeähnlichen Aufweitungen der Havel fast vollständig umgeben. Selbst im aktuellen Marketing finden sich Spuren dieser engen Verbindung, denn bei der Werbung für die Internationale Gartenschau 2013 in Hamburg wird gerne darauf hingewiesen, dass diese auf Europas größter Flussinsel stattfindet – dem von Norder- und Süderelbe umflossenen Wilhelmsburg.

Während Inseln wie Madeira, Bornholm oder Jersey mit ihrer Gartenkultur untrennbar verbunden sind, ist Rügen als Insel der Gärten noch zu entdecken. Denn bereits in den frühesten Beschreibungen wird zwar die Landschaft zu Recht als außergewöhnlich reich an einmaligen Naturschönheiten gerühmt, Darstellungen der Gärten und der großen Parkanlagen sucht man jedoch meist vergeblich. Selbstverständlich besichtigt jeder Rügenreisende den Schlosspark in Putbus, aber die Diskussion über den künstlerischen Wert der Innenausstattung des Schlosses und seiner Sammlungen nimmt breiteren Raum ein als die Betrachtung der aufwendig gestalteten Anlagen und der wertvollen Gewächshauskulturen. Dass Malte zu Putbus sich zeitlebens bemüht hatte, zumindest Teile seines kleinen Fürstentums durch gezielte Gestaltung zu verschönern, wird oft übersehen.

Rügen besaß zeitweise tatsächlich die Anmutung eines großen Landschaftsgartens, jedenfalls muss es den Romantikern so erschienen sein. Das Ineinanderfließen von großartigen Naturszenerien, idyllischen Kulturlandschaften und klug gesetzten künstlerischen Akzenten hatte offensichtlich im frühen 19. Jahrhundert ein Gleichgewicht erreicht, das in der Zeit der aufkommenden Moderne bereits etwas Entrücktes und gleichzeitig unmittelbar Gegenwärtiges besaß und die deutsche Künstlerelite zu Höchstleistungen anregte. Worin allerdings dieses fruchtbare Moment lag, lässt sich heute selbst beim Betrachten der damals entstandenen Bilder nur schwer nachvollziehen. Interessant ist jedoch, dass immer wieder der Vergleich mit Italien auftaucht, was als Wertschätzung der Rügener Landschaft interpretiert werden muss und nicht als wirkliche Gegenüberstellung zu verstehen ist. Rügen bleibt auch bei wohlwollender Betrachtung optisch so weit vom Land der blühenden Zitronenbäume entfernt, wie es dies geografisch ist. Jakob Philipp Hackert war sich dessen offensichtlich bewusst und hat es mit sicherem Künstlerinstinkt vermieden, seiner Darstellung der Kreidefelsen auch nur den Anschein von Italianitá zu geben. Im Zyklus seiner sechs Landschaftstapeten in Boldevitz konfrontiert er sie als kühle, fast realistische Darstellung mit den anderen mediterranen Ideallandschaften.

Es darf unterstellt werden, dass nicht nur den Malern des frühen 19. Jahrhunderts Rügen eine reiche kreative Quelle war, sondern auch den Gartenkünstlern. Die unvergleichlichen Ausblicke, das bewegte Relief und das insgesamt günstige Klima müssten eigentlich jedem Schaffenden optimale Voraussetzungen geboten haben. Angesichts dieser Ausgangslage wären auf Rügen englische Verhältnisse zu erwarten gewesen. Tatsächlich mangelt es nicht an interessanten und schönen Anlagen, dennoch ist die Insel keineswegs überzogen mit großartigen und großflächigen Gärten. Warum nicht jeder Gutsbesitzer dem Vorbild Pücklers gefolgt ist, lässt sich mit der Tatsache erklären, dass nicht jeder ein Interesse hatte, sich finanziell zu ruinieren.

Folgerichtig stehen in den zahllosen Beschreibungen Rügens nicht die Gärten im Vordergrund, sondern die verschiedenen Landschaften. Und auch diese erschließen sich dem Betrachter keineswegs von allein, folgt man der etwas schulmeisterlichen Ansicht von Erwin Müller, nach der dem Rügenbesucher erklärt werden muss, was er da vor Augen hat, denn: »Die Rügenschen Landschaften erfordern ein gewisses Studium, und deshalb wird man zuweilen von flüchtigen Touristen, welche der Insel nur wenige Tage zu widmen pflegen, Urtheile fällen hören, die eine richtige Würdigung der insularen Reize verkennen lassen.«1

Um auch den flüchtigen Besucher vor einem Fehlurteil über die Gärten der Insel zu bewahren und auf die Objekte aufmerksam zu machen, die in der Rügenliteratur bisher nicht ausreichend gewürdigt wurden, sind die wichtigsten Grünanlagen Rügens nun erstmals in dem vorliegenden Bildband zusammengefasst. Dabei wird auch in diesem Fall die Landschaft als Ausgangspunkt der Beschreibungen genommen. Die Darstellung der einzelnen Anlagen erfolgt nicht chronologisch, sondern richtet sich nach regionalen Gesichtspunkten. Ausgehend von der Betrachtung der Landschaft werden die in sie eingebetteten Werke der Gartenkunst beschrieben und die wichtigsten Daten zu ihrer Geschichte genannt, soweit sie verfügbar sind. Durch die großen Verluste an Archivmaterial ist oft nur sehr wenig über die Entstehung und Entwicklung der Anlagen bekannt. Bei vielen Gärten gibt lediglich der erhaltene Bestand Hinweise auf deren teilweise 300-jährige Vergangenheit.

Selbstverständlich muss für ein Buch eine Auswahl getroffen werden, und so stand am Beginn der Arbeit die Verständigung darüber, welche Gärten nicht berücksichtigt werden sollen. Der Zustand der Anlagen und letztlich das Urteil des Fotografen reduzierten die umfangreiche Liste auf gut 25 Objekte. Einige wichtige Gärten, von denen nur noch Spuren erhalten sind, konnten leider nicht dargestellt werden, ebenso solche, die nur durch Archivquellen überliefert sind. Da das Buch einen Überblick über die historischen Anlagen der Insel geben soll, wurden die teilweise sehr schönen Gärten der jüngsten Vergangenheit nicht berücksichtigt.

Wer weiß, was aus Rügen geworden wäre, wenn die Schöpfer der heute noch existierenden Parkanlagen mit ihrem Schaffensdrang nicht immer an den Grenzen ihres Besitzes haltgemacht, sondern stattdessen den Zusammenschluss mit ihren Nachbarn gesucht hätten; wenn alle Einwohner dem 1844 gegründeten Gartenbauverein für Neuvorpommern und Rügen beigetreten wären und die in der Satzung formulierten Ziele wie etwa die Verschönerung der Vorpommerschen Landschaft umgesetzt hätten. Oder wenn nach dem Ende der deutschen Teilung der Beschluss gefasst worden wäre, ein einziges Mal den großen Wurf zu wagen und die Insel frei zu halten von uferlosen Gewerbegebieten, störenden Hochspannungsleitungen und ähnlich fragwürdigen Begleiterscheinungen des modernen Alltagslebens und stattdessen eine ihrer Schönheit wie Einzigartigkeit angemessene Bau- und Gartenkultur im umfassenden Sinne dieser Worte zu entwickeln. Die Insel könnte heute als einer der Orte in Europa gelten, an denen Natur und Kultur eine vollendete Verbindung eingehen.

Rügen hatte mehrfach in seiner Geschichte die Chance, ein großer Landschaftspark zu werden. Vielleicht bietet sich im 21. Jahrhundert eine weitere, da die natürlichen Voraussetzungen immer noch günstig sind. Sie sollte unbedingt genutzt werden.

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Brücke im Park von Kartzitz

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Boldevitz, Luftaufnahme von Südwesten

Kurze Geschichte der Gartenkunst auf Rügen

Die Anfänge der Rügener Gartenkunst liegen im Dunkel des Mittelalters verborgen, ohne erhellende Quellen oder Berichte. Da jedoch die seit dem 6. Jahrhundert auf der Insel siedelnden Slawen bereits eine recht hohe Alltagskultur ausgebildet hatten und vermutlich nicht jeden Tag Fisch essen wollten, ist anzunehmen, dass sie kleinere Ländereien zum Anbau von Feldfrüchten und frühen Gemüsesorten nutzten. Vielleicht fanden einige Gefallen daran, durch geschicktes Arrangieren abgegrenzter Beete, durch die Anpflanzung von Sträuchern oder Blumen dem geordneten Gebilde einen gewissen ästhetischen Reiz zu verleihen und zur Abwehr hungriger Tiere einen Zaun um das Ganze zu ziehen; so könnten die ersten Gärten auf der Insel entstanden sein. Spätestens mit der Errichtung von Burgen und Heiligtümern, die von den Stammesführern als politische und kulturelle Zentren aufgebaut wurden, muss es auch eine Form der Gartenkultur gegeben haben, denn ein repräsentativer Stammessitz oder ein Opferaltar inmitten von Gestrüpp ist nicht vorstellbar. So eindrucksvoll die Reste dieser Anlagen in Form von Erdwällen am Kap Arkona, auf dem Rugard oder bei Garz auch sind, sie verraten doch wenig über deren früheres Erscheinungsbild.

Mit der Eroberung durch dänische Truppen 1168 beginnt die Christianisierung Rügens und wenig später der Bau erster Kirchen und Klöster. Der von Dänemark abhängige Ranenfürst Jaromar I. (gest. 1218) ist der erste Herrscher auf Rügen, mit dem so etwas wie Prachtentfaltung in Zusammenhang gebracht werden kann. Jedenfalls baute er den Rugard als große Festung und Residenz aus, sicherlich nicht ohne entsprechende Ausstattung. Ob dazu auch ein Garten gehörte, ist allerdings nicht überliefert. Urkundlich belegt ist hingegen die Weihe von ersten Friedhöfen durch Bischof Absalon in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Auch wenn diese sich heute nicht mehr lokalisieren lassen, sind sie als die ältesten belegten Zeugnisse der Gartenkultur auf Rügen anzusehen.

1325 stirbt das Rügensche Fürstenhaus aus, die Insel gelangt an die Herzöge von Pommern-Wolgast und bleibt in den folgenden Jahrhunderten ohne kulturellen und politischen Mittelpunkt. Infolgedessen verläuft die weitere Entwicklung der Insel langsam und bringt bezüglich der Gartenkunst bis zum 17. Jahrhundert keine bemerkenswerten Zeugnisse hervor.

Das betrifft auch die Rittersitze, deren erste um 1200 gegründet wurden und aus denen später teilweise die Güter des Landadels mit ihren großen Gärten und Parkanlagen hervorgehen sollten. Sie sind zwar zahlreich, aber sehr klein und werfen kaum Gewinn ab – keine gute Voraussetzung für das Entstehen einer breiten Gartenkultur, die nicht nur auf Nützlichkeit ausgerichtet ist. Es ist daher nicht verwunderlich, dass es die adeligen Familien ins nahe gelegene Stralsund zieht, das bereits 1234 das Stadtrecht erhält und durch den sich ausdehnenden Ostseehandel einen enormen Aufschwung erlebt. Die meisten Rittersitze verwaisen daher und werden nur noch als größere Höfe bewirtschaftet.

Das Landschaftsbild ist in dieser Zeit noch stark von den nacheiszeitlichen Buchenwäldern geprägt, es herrscht ein ausgewogenes Verhältnis von Ackerbau, Waldwirtschaft,Viehzucht und Fischfang. Rügen ist eine rein agrarisch geprägte Insel ohne größere Siedlungen, wenn auch mit einigen wichtigen Handelsplätzen, die vor allem in der Blütezeit der Hanse die Verbindung zu den Kulturen des Ostseeraums herstellen.

Erst im Lauf des 16. Jahrhunderts kommt es zum zögerlichen Ausbau der Rittergüter zu repräsentativen Wohnsitzen. Während noch zur Zeit der Rügenfürsten neben deren Burgen nur zwei feste Häuser auf der Insel nachweisbar sind, diejenigen der Herren von Putbus und der dänischen Herren in Schaprode, steigt deren Zahl bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges deutlich an. Bauliche Reste dieser Generation von Gutshäusern haben sich u.a. in Venz, Spyker, Üselitz, Ralswiek und Renz erhalten, mancherorts auch Grundstrukturen oder einzelne Elemente der Außenanlagen, etwa in Pansevitz, Boldevitz oder Granskevitz. Eine wirkliche Vorstellung vom Aussehen der Gärten, die diese Güter mit Sicherheit besessen haben, lässt sich allerdings nicht gewinnen.

Noch vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges ist die Bildung der Güter im Prinzip abgeschlossen, Neugründungen erfolgen in der Regel nur durch Erbteilung. Damit ist auch der nutzbare Grund auf der Insel fast vollständig unter den adeligen Familien aufgeteilt. Die Bauern sind durch die als »Legen« bezeichnete Enteignung ihrer Hofstellen weitgehend zu mittellosen Leibeigenen geworden, während der Aufschwung in der Landwirtschaft die teilweise auf eine beträchtliche Größe angewachsenen Güter reich gemacht hat. Dennoch hat Rügen keine Unruhen erlebt, und bis zum Erscheinen der ersten Streitschriften zur Situation der ländlichen Bevölkerung von Ernst Moritz Arndt (1803) scheint niemand an den Zuständen Anstoß genommen zu haben.

Im Zuge der Vergrößerung der Rittergüter verändert sich das Landschaftsbild vollständig, denn immer neue Flächen werden urbar gemacht. Die Ausdehnung der Felder und Wiesen hat ihren Höhepunkt erreicht, Wälder sind auf kleine Reste reduziert. Bis auf ungünstige Lagen, die erst mit der Einführung der modernen Hochleistungslandwirtschaft Gewinne abwerfen werden, ist jedes Fleckchen der Insel bestellt. In einigen Bereichen hat bereits eine Übernutzung eingesetzt, die weite, baumfreie Heideflächen zurücklässt. Ob irgendjemand versucht hat, durch Förderung der Gartenkultur, Aufforstungen oder der gezielten Landschaftsgestaltung dem Zustand entgegenzuwirken, ist nicht bekannt. Derartige Personen treten erst im 19. Jahrhundert in Erscheinung.

Rügen hat zwischen 1627 und 1630, von der Einquartierung kaiserlicher Truppen bis zur Besetzung durch die schwedische Armee, alle Schrecken des Dreißigjährigen Krieges erlebt: Plünderungen, Hungersnot, Krankheit, Tod. Der Friedensschluss im fernen Westfalen markiert das Ende einer Leidenszeit, die für den ländlichen Raum eine einschneidende Zäsur bedeutet und Jahrzehnte der Stagnation nach sich zieht. Hinzu kommt, dass 1637 der letzte pommersche Herzog verstirbt, ohne einen Nachfolger zu hinterlassen. Damit existiert auch das Herzogtum nicht mehr, Pommern ist nur noch eine abgelegene Provinz. Rügen gehört nun zum Besitz der Schwedischen Krone und bildet mit den ausgedehnten Küstenländern nicht nur deren Vorposten am südlichen Ufer der Ostsee, sondern verschafft den schwedischen Königen auch Sitz und Stimmrecht im deutschen Reichstag; ein Ärgernis für das expandierende Preußen, das Pommern als einen quasi natürlichen Bestandteil seines Territoriums ansieht. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen um die Insel, die letztlich erst durch den Wiener Kongress 1815 zugunsten Preußens entschieden werden.

Es ist keine günstige Zeit, weder für die Bau- und Gartenkunst noch für die ländliche Kultur insgesamt. Zu lange sind die Menschen mit dem Beseitigen der Schäden und der Konsolidierung ihres Alltags beschäftigt. Nur die schwedischen Grundherren, allen voran der prunkliebende General Carl Gustav Wrangel, lassen einige Maßstäbe setzende Bauten errichten beziehungsweise Umbauten vornehmen. Die bedeutendsten sind Ralswiek und Spyker. Letzteres kündigt den Beginn einer neuen Epoche auf Rügen an. Das schlossähnliche Gebäude besitzt nicht nur eine bis dahin auf der Insel in dieser Qualität nicht gekannte Innenausstattung, sondern auch einen ausgedehnten Garten. Vermutlich stellen die Spykerschen Anlagen auch die erste Berührung Rügens mit der europäischen Gartenkunst dar, denn Wrangel schickte seinen Gärtner extra nach Italien, um die dortigen Gärten zu erkunden.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts entsteht die Schwedische Matrikelkarte, die das zu Schweden gehörende Gebiet maßstabsgerecht festhält. Sie ist eine sehr genaue, unschätzbare Quelle und zeigt viele Gutsanlagen und ihre Gärten im damaligen Zustand. In den meisten Fällen ist diese Karte die einzige Quelle überhaupt, da die Gutsarchive nach 1945 weitgehend zerstört worden sind. In der Regel gleichen sich die Gärten, die noch in den einfachen, geometrischen Formen des frühen 17. Jahrhunderts zu sehen sind: Zwei Teile, der Beet- und ein Baumgarten, bilden ein kompaktes, streng umrissenes Areal. Gerade Wege teilen das Gelände des Beetgartens, der als ein mehr oder weniger aufgeschmückter Küchengarten zu interpretieren ist, in quadratische oder rechteckige Felder; der Baumgarten besteht aus einer rasterförmigen Obstbaumpflanzung. In einigen Gärten sind Teiche, in wenigen Fällen auch kleine Gebäude verzeichnet. Weitere, die Gestaltung bereichernde Elemente können der Karte nicht entnommen werden und bleiben daher Spekulation. Einzelne Gärten müssen jedoch über die Grenzen der Insel hinaus wegen ihrer Gestaltung zumindest einem Fachpublikum bekannt gewesen sein. Ferdinand Jühlke, der große Pomologe und Lehrer an der Königlichen landwirtschaftlichen Akademie in Eldena, erwähnt beispielsweise Liddow als überregional beachtete Gartenschöpfung, allerdings ohne Angabe von Quellen: »Das alte Gut Liddow hatte seiner Zeit (1700) einen Garten, der für einen der ersten auf Rügen galt. […] Heute ist der Garten vernachlässigt, trägt aber noch manche Spuren seines früheren Glanzes, und ist deswegen, weil diese Bestrebungen weiter zurückreichen, als die der meisten Gärten im Lande, höchst bemerkenswert.«2

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Granskevitz, Frühjahrsblüher in der Lindenallee

Die große Zeit der Rügener Gartenkultur beginnt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist zunächst ein weiterer Vermögenszuwachs der einflussreichen Gutsbesitzer, der durch die Fortsetzung der rücksichtslosen Enteignungspolitik erreicht wird. Aber auch steigende Getreidepreise und neue, effektive Anbaumethoden tragen zum wachsenden Wohlstand bei, in dessen Folge fast alle Güter grundlegend um- und sogar neugebaut werden. Als eine Art Auftakt sind einzelne vor 1750 entstehende Gutshäuser zu nennen, allen voran Lancken/Dranske (um 1716) und das heitere Kartzitz (um 1750), das schönste barocke Gebäudeensemble Rügens. In Lancken hat sich die Grundstruktur des barocken Gartens fast vollständig erhalten, ein Glücksfall für die Gartengeschichte. Denn diese Anlage stellt quasi einen Prototypen dar und führt anschaulich vor Augen, wie ein anspruchsvoller Gutsgarten im 18. Jahrhundert aufgebaut war: ein langgestrecktes Rechteck, von Alleen eingefasst, mit einer betonten Mittelachse, die idealerweise auf einen baulichen oder landschaftlichen Blickpunkt gerichtet war. Viele Gutsgärten des 18. Jahrhunderts besitzen einen ähnlichen Grundriss. Auch die Spätphase der Barockzeit ist durch eine originelle Schöpfung vertreten, den eigenwilligen Park von Juliusruh, der zu den interessantesten Anlagen der Zeit kurz vor 1800 im Ostseeraum gehört. Mit Julius von der Lancken erscheint hier erstmals ein für die Zeit typischer Bauherr mit einem ausgesprochenen Gestaltungswillen, dessen hochfliegende Pläne jedoch durch knappe finanzielle Mittel schnell auf den harten Boden der Realität geholt werden. Andere Gutsbesitzer bewegen sich eher in dem Rahmen, der ihnen durch die Wirtschaftskraft ihrer Ländereien vorgegeben ist, und schaffen trotzdem großartige Anlagen. Zu ihnen gehört Julius von Bohlen, Besitzer von Bohlendorf und passionierter Gärtner,3 an erster Stelle jedoch Moritz Ulrich von Dyke, der an seinem Gut Losentitz das erste große Arboretum mit ausländischen Gehölzen anlegt und so zu einem Pionier des Landschaftsgartens auf Rügen wird.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind die adeligen Güter nicht mehr die einzigen Orte, an denen die Gartenkunst sich manifestiert.Viele Pastoren beschäftigen sich mit Gehölzzucht und Gartenbau, daneben treten die Gemeinden als Auftraggeber öffentlicher Parkanlagen hervor. Und schließlich bildet sich nach 1815 in Putbus doch noch ein überregionales, kulturelles Zentrum in Form der späten Residenzgründung der Familie zu Putbus heraus, das Rügen endlich mit den prägenden künstlerischen Strömungen und Personen des 19. Jahrhunderts verbindet.

Die Rügener Pastoren, die meist gut dotierte Pastoratsämter bekleiden und anders als in vielen Gegenden Deutschlands ein weitgehend sorgenfreies Leben führen können, entwickeln nach 1750 bemerkenswerte Aktivitäten abseits ihres eigentlichen Wirkungskreises. Einige beschäftigen sich mit Archäologie und Altertumsforschung, andere frönen einer ausgeprägten Sammelleidenschaft, gründen Bibliotheken oder befassen sich mit Ortsgeschichte und schreiben die ersten Chroniken. Wieder andere sind schriftstellerisch tätig oder richten kleine Heimatmuseen ein. Auch dilettierende Naturwissenschaftler und Ärzte finden sich unter den Geistlichen, sie werden zu ersten Förderern des Kurlebens auf der Insel. Einen Garten gibt es an fast jedem Pastorat und, da diese mit der Kirche und anderen Nebengebäuden meist eine Einheit bilden, auch einen Friedhof. In vielen Dörfern werden die kirchlichen Gemeindezentren zu kleinen Zentren der Gartenkultur, denn die Förderung des Obst- und Gemüsebaus, der die Volksgesundheit verbessern soll, ist ein wichtiges Anliegen vieler Pastoren. Und sie gehen mit gutem Beispiel voran, pflegen ihre Gärten beispielhaft und unterstützen die örtliche Bevölkerung bei den eigenen Bemühungen. Einzelne Personen herauszugreifen scheint ungerecht angesichts der großen Leistung, die vielerorts auf Rügen von den Pastoren insgesamt erbracht worden ist. Dennoch soll stellvertretend für andere der von Jühlke genannte Pastor Piper in Gustow als gärtnerisch besonders interessierter Mann erwähnt werden, weiterhin der Sagarder Pastor Hinrich Christoph von Willich als einer der Begründer des Badebetriebs auf Rügen und natürlich Ludwig Gotthard Kosegarten (1758–1818), der in Altenkirchen wirkte und durch seine frühen Berichte Rügen als Reiseziel für einen weiten Kreis von Besuchern erst erschlossen hat. Der bedeutendste heute noch erhaltene Pastorengarten befindet sich in Swantow, allerdings leicht verwildert und nicht mehr mit der früheren funktionalen Gestaltung.

Erst mit dem Aufblühen der Seebäder an der Ostküste entwickeln sich schließlich jene großzügigen Strandpromenaden, die ausgestattet mit einem grandiosen Panorama zu den schönsten in Deutschland gehören.