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Über die Autorin

Annette Sabersky ist Ernährungswissenschaftlerin, Journalistin und Sachbuchautorin (Wie ist das denn beim ersten Kind? Alles, was werdende Eltern wissen wollen). Und Mutter. Den Spagat zwischen Kindern, Küche und Karriere kennt sie nur zu gut. Jahrelang rotierte sie für die Familie und war eine Supermama. So lange, bis der Arzt kam. Dann wurde sie Rabenmutter. Seitdem erfüllt sie nur noch die eigenen Erwartungen, gönnt sich selbst mehr Freiflüge und hat mehr Spaß mit den Kindern. Annette Sabersky ist Mutter zweier Jungen und lebt in Hamburg.

Annette Sabersky

Freiheit
für Mama

Es muss im Leben noch
was anderes geben

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

Originalausgabe 08/2012
Copyright © 2012 by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München
Satz: C. Schaber Datentechnik, Wels
ISBN: 978-3-641-06390-0
www.heyne.de

Prolog:

Vom Glück, eine Rabenmutter zu sein

Mittwochmorgens um Viertel nach acht gehe ich zum Sport. Vorher habe ich Piet, meinen Jüngsten, zur Tagesmutter gebracht, wo er bis mittags bleibt. Paul, der Größere, ist in der Kita. Mittagessen inklusive. So habe ich ein bisschen Luft und kann mir vor der Arbeit den Rücken stärken.

Bei der Gymnastik, die ich mache, wird jeder Muskel am Körper trainiert. Und zwar so: Für je etwa 15 Sekunden dehnen und strecken wir die Bauch-, Arm- oder Rückenmuskulatur. Dann sagt Nelly, die Lehrerin: »Pause.« Wir liegen also platt auf dem Bauch, auf dem Rücken oder auf der Seite und ruhen uns aus. Aber nur ganz kurz, etwa fünf Sekunden lang, dann geht es weiter.

Anfangs dachte ich: Was ist das denn für eine Luschi-Gymnastik? Die machen ja ständig nur Pause! Ich wollte es so richtig krachen lassen und Bauch, Beine und Po ordentlich auf Vordermann bringen. Und nun das: Übung – Pause – Übung – Pause – Übung – Pause. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass es das richtig bringt: Am Ende der Stunde bin ich topfit und frisch für den Tag. Obwohl selbst die 80-jährigen Omis, die ebenfalls im Kurs mitturnen, die 60 Minuten Unterricht mit links schaffen. Manche hängen gleich noch eine weitere Stunde dran. Tatsächlich – das Training überfordert nicht, aber es fordert!

Seitdem ich zur Gymnastik gehe, versuche ich, das Pausen-Prinzip auch in den Alltag einzubauen. Das heißt: Ich halte zwischendurch immer mal an. Das kann eine Minutenpause bei einem Kaffee sein, für den ich die Füße hochlege und dabei Löcher in die Luft gucke, oder auch ein längerer Freiflug. Der sieht so aus, dass ich mich ein paar Stunden oder Tage aus allem rausziehe: mit den Freundinnen, den Kids, allein oder mit dem Mann. So tanke ich immer wieder auf und komme zu Kräften. Denn das ist es ja, was uns Mamas oft ausgeht: die Puste. Wir reiben uns den ganzen Tag für Kind und Kegel auf und vergessen uns selbst darüber.

Das klingt jetzt sehr fortschrittlich: Ich nehme mir eine Auszeit! Herrje, ich habe mir das lange Zeit überhaupt nicht gegönnt! Ich dachte: Nur wenn du ordentlich rödelst, dann bist du eine gute Mutter. Wenn du top bist im Job, im Bett, im Parkettwienern und im Poabwischen, ja, dann bist du wer. Dann hast du es wirklich geschafft. Und bekommst Anerkennung.

Und so ist es ja auch: Mamas, die sich für die Familie aufribbeln, alles perfekt unter einen Hut bekommen, ihre Kinder fördern, die Blumenrabatte vor dem Haus in Schuss halten und dabei auch noch gut aussehen, sind gute Mütter. Wer sich aber im Büro krankmeldet, weil der eigene Akku leer ist, sich eine Putzfrau gönnt, obwohl man selber putzen könnte, oder die Kinder am Wochenende zu Oma und Opa bringt, um mal wieder in Ruhe Zeitung zu lesen, gilt als wenig belastbar – oder als Rabenmutter.

Doch nachdem ich eine ganze Weile nach dem Supermama-Strickmuster gelebt hatte, passierte etwas ganz und gar Unerwartetes: Ich machte schlapp. Eines Vormittags, nach 21 durchwachten Nächten und ebenso vielen hektischen Tagen, an denen ich nur hin- und hergeflitzt war zwischen Arbeit, Supermarkt, Kita, Tagesmutter, Förderkursen und Biobauernhof, fiel ich einfach um. Bums. Es war gar nichts besonders Schlimmes, eine Kreislaufstörung oder so. Ich musste für ein paar Tage zur Beobachtung ins Krankenhaus. Doch für mich war das ein Alarmzeichen: Wenn du so weitermachst, sind deine Kinder bald Halbwaisen und dein Mann Witwer.

Wie ich da so am Boden lag und später dann im Krankenhaus, da habe ich plötzlich mit aller Macht gedacht: Nee, das kann es nicht gewesen sein. Es muss im Leben doch noch etwas anderes geben als sich für die Brut, das Abendbrot und den Gatten aufzuopfern. Ja, ich dachte: Wo hier ist eigentlich mein Raum, die Zone, die nur mir gehört? Die gab’s doch früher auch! Der Raum, in dem ich selbst wachsen und gedeihen kann – oder einfach nur die Zeitung lese und in der Nase bohre.

Daraufhin habe ich mich in aller Form dazu entschlossen, das zu werden, was man eine »Rabenmutter« nennt. Ich nehme mir regelmäßig meine Freiflüge, bin also nicht mehr nur für die anderen da, sondern auch bei mir. So pendle ich mich immer wieder ein und kann gestärkt durchstarten. Und, yeah, das ist ein richtig gutes Gefühl. Nein, es ist mehr. Es macht mich leicht und beschwingt. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, abzuheben. Dann habe ich richtig Lust auf das Leben. Jawohl, auf mein Leben und auf das mit Kindern und Mann – und manchmal sogar auf die Laternen, die noch gebastelt werden müssen.

Kleine Fluchten

Heute bin ich viel näher dran an mir. Ja, durch die kleinen Fluchten merke ich überhaupt erst, wie es mir geht. Wer immer nur durch den Tag hetzt, bekommt das doch gar nicht mehr mit. Mir ging es jedenfalls so. Ich habe früher oft Stein und Bein behauptet, dass alles im Lot sei mit mir und meinem Familienleben. Ja, ich war sogar felsenfest davon überzeugt. Doch so stimmte das nicht. Ich war oft gar nicht in der Lage, meine Situation zu reflektieren. Zu spüren, wie es mir wirklich geht. Dazu war ich viel zu platt. Das passiert mir heute nicht mehr: Wenn sich bei mir ein Gewitter zusammenbraut, dann bekomme ich es auch mit. Und reagiere darauf – und wenn ich nur »Scheiße« schreie.

Dafür muss ich allerdings ein paar Dinge auch im Alltag anders organisieren. Die Kinder sind jetzt beide morgens um acht aus dem Haus, der eine bei der Tagesmutter, der andere in der Kita. Ben, ihr Vater, hat verbindlich einen Tag übernommen, an dem er sich um alles bei uns kümmert, von der Kita-Tour über den Supermarkt bis hin zum Bettprogramm. Außerdem gibt es noch Babysitter und eine Oma, die uns helfen. Ich habe mir mehr Stunden für den Job freigeschaufelt, um wieder größere Projekte zu übernehmen. Das macht mich zufriedener, und außerdem bringen die Großaufträge mehr Geld. Mehr jedenfalls, als die neue Organisation kostet. Das ist doch auch schon was.

Typisch Räbin

Erst einmal muss ich jetzt aber eine Lanze für die Rabenmütter brechen, die echten, die schwarz gefiederten mit den Flügeln. Der Begriff »Rabenmutter« klingt ja so, als würden diese Vögel ihre Brut im Stich lassen und ihr eigenes Ding machen. Oft ist in dem Zusammenhang von Vernachlässigung oder gar Verwahrlosung der Jungvögel die Rede. Doch das ist Quatsch. In jedem beliebigen Vogelkundebuch kann man nachlesen, dass alles ganz anders ist: Rabenmütter sind sehr fürsorgliche, umsichtige und gute Mütter. Zwar sind die Vogeljungen tatsächlich sehr früh aus dem Nest. Doch sie werden nicht von der Rabenmutter hinausgeschubst, sondern hüpfen hinaus, weil sie wahnsinnig neugierig sind. Und weil sie zu diesem Zeitpunkt meistens noch viel zu jung sind, um allein zurechtzukommen, sind die Rabeneltern in ihrer Nähe, füttern sie und stehen ihnen noch monatelang bei.

Bei uns – in anderen Sprachen gibt es das Wort »Rabenmutter« übrigens gar nicht – ist eine Rabenmutter eine Mama, die arbeiten geht, obwohl das Kind erst acht Monate alt ist. Die übers Wochenende mit Freundinnen wegfährt und die Kinder dem ach so hilflosen Partner überlässt. Oder die sich mit ihrem Mann einen lustigen Abend macht, statt Laternen zu basteln oder Puppenkleider zu nähen. Kurz, sie ist das genaue Gegenteil von der Mutter, die den ganzen Tag um die Kinder herumwuselt.

So eine Rabenmutter wollen wir keinesfalls sein. Nein, wir deutschen Mamas sind eine ganz besondere Spezies. Wir springen 24 Stunden am Tag um die Kinder herum und reiben uns auf bis zum Anschlag. Wir rennen wie der Hamster im Rad und halten für die Familie die Fahne hoch. Wir kaufen alles frisch ein und kochen Bio. Wir nähen die Faschingskostüme selbst und backen Muffins. Nicht, weil wir so gern backen – dann wäre ja alles in schönster Ordnung –, sondern weil die anderen Mamas sonst sagen würden: »Hast du gesehen, Elke hat einfach einen fertigen Schokokuchen beim Bäcker gekauft?« Wir kutschieren die Kinder zur Turn-, Musik- und Englischstunde. Und wir fördern sie in Mandarin, Science und Business-Englisch, damit sie es im Leben zu etwas bringen. Am liebsten alles gleichzeitig. Und vor allem: alles selbst.

Doch das tut nicht gut, keiner Mutter und auch keinem Kind. Und der Partnerschaft schon gar nicht. Denn wer sich nur für andere aufreibt, geht kaputt, wird unausstehlich oder zickig.

Wir sollten es den Räbinnen nachmachen. Nicht umsonst gelten die Raben als die klügsten und – Achtung! – die lernfähigsten Vögel überhaupt. Sie sind intelligent und schlau, was zahlreiche Vogelforscher bewiesen haben. Und listig. So stellen sie sich gelegentlich tot und tun so, als hätten sie sich an der Beute vergiftet – damit kein anderer sie frisst. Auch wir sollten uns öfter mal tot stellen oder wegfliegen und so verhindern, dass weiter an unseren Nerven gezerrt wird oder wir kaputtgehen.

Raben bleiben sogar an befahrenen Straßen stehen, wenn die Ampel Rot zeigt. Auch da können wir von ihnen lernen: Anhalten, wenn wir rotsehen – weil wir gerade mal wieder rund um die Uhr im Einsatz waren oder seit Tagen nicht allein auf dem Klo. Besser wäre es natürlich, wir stoppten bei Orange, also bevor die Ampel auf Rot springt!

Junge Raben sind neugierig und sozial kompetent. Gibt es Konflikte in Jungvogelkreisen, halten die Jungvogelcliquen fest zusammen. Muss ein Vogelkind eine Schlappe hinnehmen oder wird es geärgert, trösten es die anderen Jungraben: Sie schnäbeln ihm beruhigend durchs Gefieder. Rabenjungen sind auch sehr neugierig. Sie picken und zwicken mit Vorliebe Raubtiere in den Rücken, die ihnen gefährlich werden könnten. So testen sie ihre Grenzen aus.

Rabenkinder scheinen also ganz ordentlich zu geraten. Obwohl sie eine Rabenmutter haben.

Annette Sabersky