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Inhaltsverzeichnis



















Von Regina Rusch sind bei cbj erschienen:

 

„Die paar Kröten!“

 

„Nicht mit Timo! Eine Geschichte über Gewalt in der Schule“

 

„Ich leb jetzt hier! Die Geschichte einer Einwanderer-Familie“

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DIE AUTORIN

Regina Rusch wurde 1945 in Hamburg geboren. Nach ihrem Studium der Literaturwissenschaft gab sie als freie Journalistin Anthologien mit Kindertexten heraus. Von 1980 bis 1995 leitete sie in Frankfurt am Main eine Kulturinitiative. Sie veranstaltete Schreibwettbewerbe, lokale Kinderbuchmessen und richtete 1988 den Literaturpreis der Kinderjury „Kalbacher Klapperschlange“ ein. Für ihr Engagement wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz und dem „Göttinger Lesezeichen“ ausgezeichnet. Seither schreibt Regina Rusch Romane für Kinder und Jugendliche, arbeitete als Schulschreiberin, Leiterin von Schreibwerkstätten und liest leidenschaftlich gern vor.

1. Kapitel

Eis an der Nordsee

Das Wasser läuft Lissi im Mund zusammen. Zitroneneis – lecker! Und erst die cremige Nusskugel oben drauf! Lissi weiß genau, wie sie ihre Bestellung aufgeben muss: „Einmal Zitrone. Einmal Nuss.“ Dazwischen muss eine kleine Pause sein. Sonst drückt der Eisverkäufer womöglich zuerst das Nusseis in die Eiswaffel und klatscht die Zitronenkugel oben drauf. Brrr – das ist viel zu sauer!

Lissi lehnt ihr Fahrrad an die Hauswand neben der Eisdiele. Das Geld ist in der kleinen Tasche, die aussieht wie ein Hundekopf und an einer Kordel um ihren Hals hängt. Mama hat vorhin das Geld hineingetan – genau so viel, wie zwei Eiskugeln kosten.

Vorgestern, als sie noch zu Hause waren, haben Mama, Papa, Orkun und Lissi im „Café Venezia“ Eis gegessen. Jeder bekam zwei Kugeln. Hier im Urlaub, an der Nordsee-Strandpromenade in Büsum, heißt die Eisdiele „Roma“ und hat mindestens doppelt so viele Eissorten. Noch viel besser aber ist, dass Lissi ganz allein zum Eiskaufen fahren darf!

Lissi stellt sich hinten an. Vor ihr warten zwei junge Mädchen, ein Mann mit einem Baby auf dem Arm und ein Junge, der aussieht, als ob er genauso alt ist wie Lissi.

Vielleicht kommt er ja auch jetzt in die Schule? Nach den Sommerferien ist es so weit, es dauert nicht mehr lange.

Der Junge vor ihr zieht ganz lässig einen 5-Euro-Schein aus der Hosentasche. „Pistazie, Nuss, Zitrone“, sagt er ebenso lässig, als er an der Reihe ist. Als Lissi ihre Lieblingssorten in seiner Waffel sieht, kann sie es kaum noch aushalten. Aber jetzt ist sie ja auch dran.

„Lecker“, sagt sie zu dem Jungen und legt schon mal die abgezählten Münzen auf den Tresen.

„Haben wir nicht“, sagt der Eisverkäufer.

„Wie bitte?“, fragt Lissi.

„Lecker gibt’s nicht. Nur Schokolade, Stracciatella, Walnuss, Erdbeere, Zitrone, Vanille, Amaretto…", zählt der Eisverkäufer seelenruhig auf. Lissi braucht einen Moment, bis sie den Witz begreift. Dann lacht sie.

„Doch", kichert sie, „jedes Eis ist lecker. Und ich will ein Leckereis Zitrone.“ Sie macht eine Pause. „Und ein Leckereis Nuss.“ Jetzt sagt der Eisverkäufer nichts mehr. Er füllt je eine Kugel Zitrone und Nuss in ein Waffelhörnchen und hält es Lissi hin. Besonders freundlich sieht er nicht aus. Aber das ist Lissi egal. Hauptsache, sie kann endlich ihre Zunge in das köstliche Nusseis tauchen.

„Hey“, ruft der Eisverkäufer, „erst mal bezahlen!“ Lissi dreht sich nicht mal um. „Das Geld liegt schon da“, ruft sie fröhlich zurück.

„Halt!“, schreit der Eisverkäufer. „Das reicht nicht!“ Da bleibt Lissi stehen und schaut zurück. Mama hatte doch genau ausgerechnet, wie viel zwei Kugeln kosten.

„Kannst du nicht lesen?“, fragt der Eisverkäufer mürrisch. „Hier steht der Preis.“ Er zeigt auf ein Schild mit vielen Zahlen und vielen Eistüten.

„Kannst nicht mal rechnen, was? Es fehlen noch 40 Cent.“ Sicherheitshalber schleckt Lissi schnell aber ausgiebig über das Eis. So, das kann der Meckerheini nicht mehr zurückfordern!

„Vorgestern hat es noch nicht so viel gekostet“, sagt sie ein bisschen frech. Insgeheim ist es ihr aber doch etwas peinlich. Der Preis von vorgestern war schließlich in einer anderen Eisdiele in einer anderen Stadt. Lissi guckt ein bisschen schuldbewusst, damit der Eisverkäufer zufrieden ist. Wenn sie endlich lesen könnte, hätte sie ja gesehen, dass das Eis hier teurer ist! Wenn sie endlich rechnen könnte, hätte sie ja sofort gemerkt, dass ihr Geld nicht reicht!

„Nächste Woche komm ich in die Schule“, sagt sie und strahlt den Eisverkäufer an. „Dann kann ich lesen, was auf dem Schild steht.“

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„Nächste Woche, nächste Woche“, brummelt der Eisverkäufer vor sich hin. Bevor er aber wieder anfängt zu schimpfen, knallt ihm jemand eine 50-Cent-Münze auf den Glastresen.

„Stimmt so!“ Der Junge, der vor Lissi gestanden hatte, zieht sie am Arm zur Seite. „Ich lad dich ein“, sagt er und gibt sich Mühe, wieder ganz lässig zu wirken. Lissi leckt ein paarmal über das Nusseis, noch mal und noch mal. Nach einer Weile grinst sie den Jungen an. „Danke für die Einladung. Ab jetzt hab ich mein Eis selber bezahlt.“ Da grinst der Junge zurück.

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„Cool“, sagt er. Sonst nichts. Die beiden setzen sich auf den Rand eines großen Blumenkübels. Sie reden nicht, sondern schlecken und passen auf, dass nichts an der Seite der knusprigen Eiswaffel herunterläuft.

„Mmmh“, sagt Lissi, „jetzt ist Zitrone dran.“

„Und bei mir Pistazie“, sagt der Junge. „Lecker!“

„Haben wir nicht“, sagt Lissi, und da müssen sie beide loslachen. So laut, dass die Leute, die auf der Strandpromenade spazieren gehen, erstaunt zu ihnen hinschauen. Manche lachen sogar mit.