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LEKTÜRESCHLÜSSEL
FÜR SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER

Thomas Mann

Mario und der Zauberer

Von Michael Mommert

Reclam

Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe: Thomas Mann: Tonio Krüger / Mario und der Zauberer. Frankfurt a.M.: S. Fischer, 1973. (Fischer Taschenbuch. 1381.)

Alle Rechte vorbehalten
© 2004, 2013 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
Gesamtherstellung: Reclam, Ditzingen
Made in Germany 2013
RECLAM, UNIVERSAL-BIBLIOTHEK und RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK sind eingetragene Marken der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-960212-7
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015343-7

Inhalt

1. Erstinformation zum Werk

2. Inhalt

3. Gattung und Textgliederung

4. Figurenkonstellation

5. Der zeitgeschichtliche Hintergrund

6. Wort- und Sacherläuterungen

7. Interpretation

8. Autor und Zeit

9. Checkliste

10. Lektüre- und Hörbuchtipps / Filmempfehlungen

Anmerkungen

1. Erstinformation zum Werk

Die Novelle Mario und der Zauberer1 ist im Jahre 1930 erschienen, zunächst in Velhagen & Klasings Monatsheften, einer literarisch-kulturellen Zeitschrift, dann bei S. Fischer, dem Verlag, dem Thomas Mann zeitlebens treu geblieben ist.

Der Autor war 55 Jahre alt und befand sich auf dem Höhepunkt seines literarischen Ruhmes. Im Vorjahr hatte er den Nobelpreis für Literatur erhalten. Seine Werke waren in hohen, z. T. in die Hunderttausende gehenden Auflagen verbreitet. So Buddenbrooks. Verfall einer Familie (1901), der Roman, mit dem dem jungen Thomas Mann der Start in eine erfolgreiche Schriftstellerkarriere geglückt war, und der Zeitroman Der Zauberberg (1924), den er als bisher letztes großes Werk vorgelegt hatte.

Durch ausgedehnte Lese- und Vortragsreisen stand Thomas Mann in Kontakt mit dem literarisch interessierten Publikum in den deutschsprachigen Ländern. Seine Leser wussten, dass ihr Autor es liebte, das eigene Leben zum Stoff seines Erzählens zu machen. Er meinte, es fehle ihm an dichterischer Einbildungskraft zur Erfindung von Neuem. So fand er lieber, als dass er erfand. Das gilt für eine Fülle von erzählerischen Details, für die die Forschung inzwischen die realen Vorbilder hat nachweisen können. Es gilt ganz besonders für die lange Reihe von Erzählfiguren, die Spiegelbilder oder Masken ihres Autors sind.

Diese Reihe reicht vom kleinen Hanno in Buddenbrooks bis zu dem um sein jüngstes Kind besorgten Familienvater Professor Cornelius in Unordnung und frühes Leid (1925). Mario und der Zauberer, dessen Erzähler ein ebenfalls um seine Kinder besorgter Familienvater mit unverkennbaren Thomas-Mann-Zügen ist, nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als die Novelle das letzte der unverhüllt autobiographischen Werke Thomas Manns ist.

Zugrunde liegen Erlebnisse in einem italienischen Seebad, die Thomas Mann während eines Urlaubs an der Ostsee zur Novelle ausarbeitete. Er hat selbst mitgeteilt,2 dass er den Materialapparat zum Josephsroman, an dem er arbeitete, nicht an den Ferienort mitnehmen wollte. Um nicht ganz müßig zu sein, beschäftigte er sich mit einem Werk, das er freihändig niederschreiben konnte, der Novelle Mario und der Zauberer. Ein tragisches Reiseerlebnis.

Die Aufnahme der Novelle in der zeitgenössischen Literaturkritik3 war begeistert bis enthusiastisch: »ein kleines Meisterwerk«. Es wurden das virtuose Erzählen, die edle, wohllautende Sprache, die klug und unauffällig gebaute Handlung gerühmt. Über mögliche politische Hintergründe sprachen die Rezensenten in der Regel nicht. Wenn doch, dann um herauszustellen, dass sie keine Rolle spielten: Cipolla sei nicht Mussolini.

Betont man im Urteil »ein kleines Meisterwerk« das Adjektiv, so ist die Abschwächung nicht zu überhören. Schon bei einzelnen Rezensenten der Jahre 1930/31 klingt die Frage an, ob die Geschichte selbst – bei aller Meisterschaft der Erzählung – die Mitteilung lohne.

Bei den Literaturwissenschaftlern, die Thomas Manns Lebenswerk später untersucht haben, reichen die Urteile über Mario und der Zauberer von »Gelegenheitsarbeit« (Kurzke) bis zu »Hauptwerk« (Vaget).4

Wie ein Interpret die Novelle gewichtet, hängt im Wesentlichen davon ab, ob er ihr einen klar bestimmbaren politischen Gehalt zuschreibt. Wer — in Übereinstimmung mit Thomas Manns frühen Äußerungen zu seiner »kleinen Geschichte«5 — in ihr vor allem Aspekte der allgemeinen Sittlichkeit, die aus Privatem erwachsen, erkennt, kann durchaus zur Einschätzung kommen, dass Thomas Mann diese anderweitig dichterisch eindrucksvoller dargestellt oder essayistisch nachdrücklicher abgehandelt hat. Wer dagegen in Mario die scharfsinnige Beobachtung von Vorgängen entdeckt, die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren zur politischen Vergiftung der italienischen und deutschen Gesellschaft geführt haben, und wer die Novelle liest als eine hellsichtige Darstellung der Dialektik von Verführung und Gewalt, der wird ihr – trotz des geringen Umfangs und der einfachen Handlung – einen hohen Rang zubilligen.

Für Untersuchung und Interpretation sind mit den Alternativen Gelegenheitsarbeit oder Hauptwerk, ethisch-moralische Aspekte oder politischer Gehalt wichtige Fragestellungen vorgegeben.

2. Inhalt

Ein Familienvater berichtet als Ich-Erzähler von Ferien, die er zusammen mit Frau und zwei Kindern von acht und ca. sechs Jahren in einem italienischen Seebad verbracht hat.

Er ist an den Ereignissen beteiligt und von ihnen betroffen, bleibt aber gleichzeitig relativ distanzierter Beobachter und Kommentator des Geschehens. Die ganze Erzählung, in die der Zuhörer durch gelegentliche Anreden und Fragen einbezogen wird, ist dadurch strukturiert, dass sie auf ein böses Ende zuläuft, wobei die Leser erst zum Schluss erfahren, was geschehen ist. Von diesem Ende her treten die kleineren und größeren negativen Erlebnisse, von denen der Erzähler zu berichten hat, in einen Zusammenhang, und die Deutung als negative Vorzeichen, die er ihnen gibt, scheint berechtigt.

Torre di Venere an der italienischen Westküste ist vom Erzähler und seiner Familie als Ferienort gewählt worden, weil es ruhiger, feiner und zugleich billiger als das benachbarte Großbad Portoclemente sein soll. Erweist sich schon diese Annahme als nicht mehr gültig, so ist der Termin in der italienischen Hochsaison Mitte August ausgesprochen ungünstig. Strand, Promenade und Restaurants sind überfüllt. Extreme Hitze sowie drückende Schwüle steigern die aggressive Gereiztheit vieler Feriengäste. Die meisten von ihnen sind Angehörige der italienischen Mittelklasse, deren negative Eigenschaften, nämlich Rücksichtslosigkeit und übersteigertes Selbstbewusstsein, in der Massierung besonders unangenehm hervortreten.

Die Familie des Erzählers wird im Hotel, wo man einheimische Gäste bevorzugt und deren unberechtigten Wünschen nachgibt, so unfreundlich behandelt, dass sie in ein anderes Quartier umzieht. Auch am Strand gibt es Ärger, als die achtjährige Tochter mit Zustimmung der Eltern ein paar Schritte nackt zum Wasser läuft, um den Badeanzug auszuwaschen. Wegen »Verletzung der nationalen Ehre« wird eine Ordnungsstrafe verhängt.

Ein Zauberkünstler kündigt sein Auftreten an. Die Eltern geben dem Drängen der Kinder nach und besuchen mit ihnen die Vorstellung.

Cipolla, der Zauberer, ist körperlich missgebildet. Kleidung und Benehmen könnten lächerlich wirken. Trotzdem hat er dank seines aggressiven Selbstbewusstseins und rednerischen Geschicks das Publikum völlig in der Hand. Nach anfänglichen Rechenkunststücken und Kartentricks zeigt er seine hellseherischen Fähigkeiten und vor allem seine enorme Begabung als Hypnotiseur. Immer wieder laufen seine Darbietungen darauf hinaus, dass Cipolla sich über Probanden lustig macht und sie – die Komplizenschaft des Publikums suchend – der Lächerlichkeit preisgibt.

Cipolla veranlasst die Versuchspersonen in der Hypnose dazu, etwas zu tun, das ihrem Schamgefühl, ihrer guten Erziehung und sogar ihrem vorher erklärten Willen widerspricht. Dabei betont er, es sei erleichternd, den eigenen Willen aufgeben zu können. Ihm, Cipolla, hingegen forderten Empfindungen und Handlungen, die er anderen suggeriere, größte Anstrengung ab. Offenbar deswegen muss sich der Zauberer immer wieder durch Rauchen und den Genuss von Kognak stimulieren. Zum Schluss der Vorstellung bringt er einen unglücklich verliebten jungen Mann, den Kellner Mario, dazu, ihn für die Geliebte zu halten und zu küssen. Beim Abgang von der Bühne erschießt Mario, aus der Trance erwachend, den Zauberer.

Die Kinder, die die Vorstellung mit größtem Vergnügen verfolgt haben, halten auch den Schluss für Theater. Glücklicherweise, wie der Erzähler kommentiert, der ihn selbst schrecklich, fatal und dennoch befreiend nennt.

3. Gattung und Textgliederung

Mario und der Zauberer ist eine Novelle, die in geradezu beispielhafter Weise viele Merkmale aufweist, die in der Novellentheorie als gattungstypisch genannt werden.

Eine neue, unerhörte tatsächliche (der gesamte Verlauf) oder mögliche (der Schluss) Einzelbegebenheit wird in geradlinig auf ein Ziel hinführender und in sich geschlossener Form erzählt.