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Rike Thome

Der/Die Richtige muss her!

Liebesroman


Ein herzliches Dankeschön an Angel-Nova Cassini für die Hilfe bei der Korrektur, sowie an meine treue Lesern, die mich bei der Entstehung dieser Geschichte, mit ihren aufmunternden Worten, so toll unterstützt haben. Habt lieben Dank dafür!


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

1. Kapitel

 

"Kommst du nun mit oder nicht?"

Saskia verstand den Ärger in der Stimme ihrer Freundin nicht. Konnte oder wollte sie es nicht wahrhaben? Ruhig gab sie ihr wieder zu verstehen:

"Karin, ich möchte noch nicht! Lass mir doch einfach ein bisschen Zeit. Der Reinfall mit diesem Ronny reicht mir momentan."

"Grundgütiger, Saskia! Da draußen wimmelt es von Mannsbildern. Und was machst du? Gibst dir die Schuld, dass es nicht gefunkt hat und verkriechst dich in deinem Schneckenhaus. Und noch etwas … Gerade weil ich deine beste Freundin bin, sag ich dir nochmal, du hast eine Schraube locker. Und jetzt zieh dir endlich was Tolles an und beeile dich, damit du schleunigst zu mir kommst. Rainer ist mit seinen Freunden unterwegs und ich möchte Tanzen gehen", maulte ihre Freundin.

Von der Frohnatur Saskia war momentan nicht viel zu erkennen. So langsam war sie am Ende mit ihren Argumenten. Dennoch blieb sie stur und sagte bestimmend:

"Nein, ich habe keine Lust und basta! Tut mir leid, Karin, aber ich habe Kopfschmerzen. Ich lege jetzt auf. Okay?"

Als Antwort vernahm sie nur noch ein Klicken in der Leitung. Ihre Freundin hatte einfach aufgelegt. Sie würde sich auch wieder beruhigen, das wusste Saskia. Karin konnte ihr nie lange nachtragend sein.

 

Heute war Freitagabend. Ein Abend, an dem normalerweise Pärchen oder Singles ausgingen, um sich amüsieren. Und was unternahm sie? Nichts dergleichen! Mal abgesehen davon, dass sie zur Arbeit ging. Saskia lungerte stattdessen auf der Couch ihrer drei-Zimmer Wohnung herum und stopfte sich mit einer Pizza voll. Wenigstens das gönne ich mir einmal in der Woche, dachte sie frustriert. Ansonsten ernährte sie sich ja streng nach Plan ihres Abnehm-Programmes. Das sollte reichen!

Sie drückte das Gespräch ab, stand von der Couch auf und ging zu ihrem bodentiefen Spiegel, der fast eine Wand ihres Schlafzimmers einnahm. Ihr Pech, dass Rainer, der Freund ihrer Freundin heute auf Männerabend ging und Karin keine Lust hatte, zuhause herum zu lungern. Momentan war das Saskia aber sowas von egal …

Dort angekommen, musterte sie sich sicher zum tausendsten Mal kritisch darin und verzog dabei angewidert das Gesicht.

"Mach weiter so, Saskia, und man wird dich bald rollen können", schimpfte sie mit ihrem Spiegelbild. Sie hatte das Gefühl, dass ihr diese Grünblattdiät, die sie nun schon seit vier Wochen machte, nichts brachte. Noch immer fühlte sie sich zu dick, ihr Gewicht unvorteilhaft verteilt und sie fand sich hässlich wie die Nacht. Was war das? Befand sich jetzt auch noch ein Pickel auf ihrer Nase? Saskia sah genauer hin und stellte zu ihrer Erleichterung fest, dass es sich nur um einen Mückenstich handelte. Na und, dachte sie sich zickig, ich geh eh so schnell nirgendwo hin.

 

Die Wahrheit aber war, dass Saskia sich das alles nur einbildete. Bei einer Körpergröße von ein Meter siebzig, wog sie gerade einmal fünfundsechzig Kilo. Sicher, sie war keine von den Bohnenstangen, die lieber verhungerten ließen oder sogar an Magersucht litten. Saskia hatte wenigstens einen Po in der Hose, ihr Gesicht glich nicht dem eines Zombies und ihre dennoch langen Beine waren gut geformt und sahen nicht aus wie Stelzen.

In letzter Zeit bildete sie sich so Vieles ein. Sie hatte einfach kein Vertrauen mehr in sich selbst. Und warum? Weil ihr ständig die Männer wegrannten! Ihre längste Liaison hielt gerade einmal ganze vier Monate. Und das, obwohl sie diesem Typen den Sex nicht verwehrte. Hatte es bei meinem vorletzten Lover überhaupt eine ganze Woche gedauert, bis er bei mir zum Zuge kam, überlegte sie. Gerade deswegen versuchte sie es bei Ronny einmal anders und hatte ihn zappeln lassen. Nur gebracht hatte es ihr nicht viel. Die einzige Zufriedenheit, die sie bekam, bestand darin, dass sie selbst die Verbindung dieses Mal gekappt hatte. Daher war das Wort Selbstbewusstsein für Saskia nun allerdings ein Fremdwort geworden und das frustrierte sie zunehmend. Sie wünschte sich sehnlichst, aus ihrer Haut herauszukommen, sich schön zu fühlen, anziehend für die Männerwelt und vor allem, mal einen Mann zu finden, der es länger mit ihr aushielt. Aus diesem Grund lungerte sie nun zuhause rum und verbüßte ihr selbst auferlegtes Ausgehverbot.

Da konnte ihre Freundin noch so viel auf sie einreden. So, wie sie glaubte, auszusehen, blieb sie lieber zu Hause. Dieser Ronny war nun schon ihr dritter Flop und sie hatte jetzt endgültig die Nase voll, immer auf solche Flaschen hereinzufallen.

 

Saskia seufzte sehnsüchtig auf. Was würde sie darum geben, so auszusehen wie Karin. Außer, dass sie gerne unter Menschen gingen und sich amüsierten, zumindest bisher und gleichaltrig waren, hatten sie nichts gemeinsam. Sie waren beide achtundzwanzig Jahre jung, Karin aber war eine ein Meter achtundsiebzig große und schlanke Blondine mit azurblauen Augen.

Und sie? Sie war eine langweilige Brünette, gerade einmal ein Meter siebzig groß und eben weniger schlank. Über ihre Augenfarbe war Saskia ebenfalls nicht glücklich. Sie hasste dieses Grün, weil sie dadurch aussahen wie Katzenaugen. Nicht, dass sie etwas gegen diese putzigen Tierchen hatte, aber zu ihnen passte diese Farbe besser. Selbst ihre beiden jüngeren Schwestern fand sie hübscher als sich. Sie war eben das Aschenputtel in der Familie.

Saskia lästerte vor dem Spiegel über sich selbst. Dann schälte sie sich aus ihrer Kleidung, vermied es aber, an sich herunter zu sehen. Die Waage hatte sie auch schon vorgestern unter einen Stuhl verbannt. Dieses blöde Ding zeigte kaum einen Gewichtsverlust an. Sie hatte keine Lust mehr, noch deprimierter zu werden. Das alles stank ihr ganz gewaltig, vor allem ihr eigenes Gejammer. Sie wollte endlich wieder das Leben genießen können. Sie wollte wieder Spaß haben, sich mit ihrer Freundin und Rainer unter die Leute mischen, eben das ganz normale Leben genießen.

 

Nachdem sie die Kleidung gegen ihre Lieblingsnachtwäsche getauscht hatte, schlurfte Saskia wieder zurück ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher an. Heute wurde wieder ein Liebesfilm ausgestrahlt, auf den sie sich immer freute. An anderen Tagen, wenn es keinen zu sehen gab, las sie eben solche Geschichten.

Wie es schien, besaß sie die Neigung, sich selbst zu quälen. 'Was ich selbst nicht haben kann, sehe ich mir eben in der Glotze an und träume davon'. So, nach diesem Motto. Sie war nun einmal eine Romantikerin, eine Träumerin, und das nicht nur nachts. Saskia glaubte an die Liebe auf den ersten Blick, war überzeugt davon, dann diese Schmetterlinge im Bauch spüren zu können, wenn sie dem richtigen Mann begegnen würde. Nur war es bisher nie der Fall gewesen. Kein Herzrasen, kein Magenflattern, nicht einmal magisch hingezogen hatte sie sich zu ihren wenigen Beziehungen gefühlt. Sie hatte immer gedacht, dass alles käme noch, aber selbst nach dem Sex waren diese Gefühle ausgeblieben. Dennoch trauerte sie diesen Langweilern nach. Gott, sie hatte einfach nur Angst, allein bleiben zu müssen. Oder hörte sie gar schon ihre innere Uhr ticken? Wohl von beiden etwas, dachte sie.

 

Im Gegensatz zu ihr hatte ihre Freundin vor einigen Monaten ihre Liebe gefunden, worüber sich Saskia auch riesig für sie freute. Rainer war ein feiner Kerl, Schreiner von Beruf und zudem ebenso verknallt in Karin. Mit ihm war es auch nie langweilig. Er hatte einen großen Freundeskreis, war ein Spaßvogel und brachte jeden schnell zum Lachen.

Saskia aber ging bei ihren gemeinsamen Ausgängen stets leer aus. Kaum ein Mann, zumindest kein anständiger kam mal auf sie zu und bat sie um einen Tanz oder gab ihr ein Getränk aus, um mit ihr ins Gespräch zu kommen. Noch nicht einmal einer seiner Freunde ließ sich auf sie ein. Als hätte sie die Krätze im Gesicht oder ein Schild auf der Stirn kleben, wo drauf stand 'Rühr mich nicht an'. In letzter Zeit zog sie sich da auch schon deswegen zurück. Es war ihr letzten Endes auch unangenehm geworden, den Liebenden ständig am Bein zu hängen.

Sie platzte fast vor Neid! Sogar ihre jüngeren Schwestern Karo und Lilli waren glücklich verliebt, von ihren Eltern gar nicht erst zu reden. Und was war das Resultat daraus? Sie sah den Fehler bei sich oder vielmehr an ihrem Erscheinungsbild.

Deswegen schloss sie sich jetzt von der Außenwelt aus.

Erst wollte sie zu ihrer Traumfigur gelangen. Sich massenweise Zeitschriften mit Tipps und Ratschlägen reinziehen. Diese Verführungstricks, die ab und an darin standen, waren auch interessant zu lesen. Erst dann würde sie gewappnet sein, sich dann den letzten Schliff in Sachen Körpersprache und Auftreten von Karin verpassen lassen. Ihre Freundin musste ihr einfach helfen. Nur so konnte es klappen!

 

Bei dem Gedanken, was dann kommen sollte, seufzte Saskia wieder voll Sehnsucht auf. Sie benötigte dringend einen Mann in ihrem Leben. Wollte all das Schöne mit ihm erleben, gemeinsam durch dick und dünn gehen. Freud und Leid mit ihm teilen! Ganz einfach, sie wollte glücklich sein und aufhören können mit ihrer Nörgelei, denn sie hungerte geradezu nach der Berührung eines Mannes.

 

***

 

Michael lehnte sich in der Küche gegen die Arbeitsplatte und schluckte das Aspirin mit seinem mittlerweile kalt gewordenen Kaffee runter. Seit einer Stunde stritt er sich mit Mona, weil seine Geliebte dieses Mal den Bogen endgültig überspannt hatte.

 

"Das kannst du nicht tun, Micha! Wir sind doch …"

Diese Frau war das hartnäckigste Wesen, das ihm jemals unter die Augen gekommen war. Was einerseits auch zu verstehen war, denn wer gab schon gern einen Goldesel frei?

Verständnislos schüttelte er den Kopf, was er sogleich bereute. Sein Schädel brummte, als hätte er sich eine Flasche Whisky genehmigt.

Was nicht ist, kann ja noch werden, dachte er sich bitter.

"Wie du siehst, kann ich es! Und komm mir nicht schon wieder mit der Leier, wir wären doch so gut wie verlobt. Gott sei Dank nicht!"

Er drehte sich um und schenkte sich heißen Kaffee nach. Schwarz und stark, so mochte er das Gebräu am liebsten.

"Das Einzige, was dich interessiert, ist doch nur meine Kreditkarte. Mann, war ich ein Esel! Ich könnte mich selbst ohrfeigen, dass ich so lange gebraucht habe, dich zu durchschauen."

Während er das sagte, bereute und verfluchte er seine Fehleinschätzung. Da verbrannte er sich auch noch die Zunge am heißen Kaffee und sein Zorn stieg an.

"Nur gut, dass ich es langsam angehen lassen wollte und mich von dir nicht habe zu einer Verlobung drängen lassen, denn mir reicht es jetzt, Mona! Ich bin doch keine Bank! Sieh endlich zu, dass du selbst tätig wirst. Such dir einen anderen Job! Einen, mit dem du deinen teuren Lebensstil finanzieren kannst. Ich habe auf jeden Fall genug von dir!", keifte er sie wutschnaubend an.

 

Mittlerweile war Michael mit seiner Laune am Tiefpunkt angelangt. Da konnten ihn auch der Dackelblick und ihr hübsch geformter Mund, der jetzt zu einer Schnute verzogen war, nicht umstimmen. Das Fass war übergelaufen.

Er rieb sich die schmerzenden Schläfen, ließ sie ohne ein weiteres Wort stehen und zog sich mit grimmiger Miene in sein Arbeitszimmer zurück. Er hatte keine Ahnung, warum er so lange gebraucht hatte, die Absichten seiner Freundin zu durchschauen. Er musste blind gewesen sein oder vielmehr war er zu hormongesteuert gewesen. Sonst wäre ihm viel eher ein Licht aufgegangen.

Auf seinem Weg hörte er sie rufen oder besser gesagt kommandieren. Michael aber ging schnurstracks weiter.

 

Mona war diese Art Frau, die selbst nichts zu ihrem Luxusleben beitragen wollte. Ihr Ziel war es vielmehr, von einem Hornochsen, wie er es gewesen war, ausgehalten zu werden.

Sicher, sie war eine schöne Frau. Groß gewachsen, schlank und langbeinig, mit einem Puppengesicht und wahnsinnig tollen Brüsten. Von ihrer wallenden, roten Mähne und den rehbraunen Augen, mit denen sie jeden Mann bezirzen konnte, mal abgesehen. Der Sex mit ihr war ebenfalls nicht zu verachten gewesen. Sie war eine richtige Katze im Bett. So mancher Kerl hatte ihn mit Sicherheit beneidet und hätte sich gerne mit ihr am Arm schmücken wollen. Ihm war es doch gleich ergangen.

Beim Gedanken daran huschte ihm unbeabsichtigt ein Lächeln über das Gesicht. Sogleich rief er sich zur Ordnung. Schämen sollte er sich für sein Verhalten. Wie blöd er doch gewesen war, auf Monas tolles Aussehen hereinzufallen! Für ihn war es jetzt vorbei. Aus, Schluss, finito!

 

Ohne Absprache hatte dieses Biest doch tatsächlich sein Konto enorm geschrumpft, indem sie ohne sein Wissen eine neue Küche in Auftrag gegeben hatte. Ihm blieb nun nichts anderes übrig, als diesen Auftrag zu stornieren. Als hätte er keine anderen Sorgen. Für ihn war seine Küche gut genug. Laut ihrer Verteidigung wäre seine einstmals teure Holzküche zu altbacken und er hätte es sich doch stets gefallen lassen, wenn sie sich etwas zur Verschönerung, sei es in seinem Haus oder an ihr selbst, habe einfallen lassen. Kein Wunder, dass es am Ende eskalierte. Es hatte Michael nur ganz zu Anfang gefallen. Bis die Kosten zu hoch wurden und er schon mit dem Gedanken spielte, ihr den Kaufrausch auf seine Kosten zu untersagen. Doch blieb er feige und versuchte lieber, ihr es auszutreiben, indem er kaum noch mit Mona ausging.

 

Zwar spät, aber besser als nie, hatte er nun noch die Kurve bekommen und einen Schlussstrich gezogen. Dank der Küche, dachte er frustriert. Gerade von ihr zu hören, seine edle Küche wäre zu altbacken. Ihr, die sich noch nie für das Kochen begeistern konnte. Im Gegenteil! Die Grazia wollte lieber in Restaurants ausgeführt werden. Mit dem Kauf einer neuen Küche, hatte sie nun endgültig das Fass zum Überlaufen gebracht.

Noch immer kochte und zitterte er innerlich vor Wut. Die ganzen Monate, in denen Mona darauf gewartet, ja sogar das eine oder andere Mal darauf gepocht hatte, dass sie sich verloben sollten, beendete er nun, ohne mit der Wimper zu zucken.

 

Er hatte es satt, wie eine Kuh gemolken zu werden. Von Liebe war doch sowieso lange nicht mehr die Rede. Mona hatte ihm doch nur den Sex gegeben, wenn sie wieder etwas von ihm wollte, wie er sich bitter eingestehen musste. Was natürlich in ihrer Beziehung sehr oft vorkam und der Grund war, warum er ihr nicht eher auf die Schliche kam. Man konnte ihn nur als Hornochsen bezeichnen.

 

In seinem Arbeitszimmer angekommen, ließ er sich auf den Stuhl fallen und fuhr seinen Laptop hoch. Was half ihm mehr, als sich seiner Arbeit zu widmen! Mit Leidenschaft schuf er neue Computerspiele, vergaß dabei meist die Zeit und bekam wenig mit von dem, was um ihn herum geschah und ihm nun zum Verhängnis wurde. Das hatte er nun davon und doch benötigte er diese Ablenkung gerade jetzt.

Während er darauf wartete, dass sich seine Tür von außen schloss und Mona ihm endlich seinen Frieden ließ, rieb er sich noch immer die schmerzenden Schläfen.

 

Wieder stand Michael auf, ging zum Fenster und riss es mit voller Wucht auf. Er hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Wo war nur der ruhige und besonnene Kerl geblieben, der er einst gewesen war? Er, der die Vorwürfe seiner alkoholkranken Mutter mit Ruhe über sich ergehen ließ, wenn sie mal wieder im Delirium schwebte? Nie war er laut geworden oder hatte seiner Mutter verletzende Worte zugeschrien, so wie sie ihm. Obwohl er sich immer hatte anhören müssen, dass er die Schuld an der Trennung seiner Eltern trug.

Er hatte sich immer gesagt, dass seine Mutter es nicht so meinte, sie nicht wusste, dass ihr Alkoholkonsum daran schuld war. Wie oft hatte er sich einen großen Bruder oder eine Schwester gewünscht, um die Last mit seiner Mutter teilen zu können und nachher nicht allein zu sein. Er war damals doch erst fünfzehn Jahre alt gewesen. Dennoch hatte Michael sie bis zu ihrem Tod nicht im Stich gelassen. Hinterher hatte er geackert wie ein Büffel, um Fuß zu fassen. Erst zu dem Zeitpunkt hatte er auch angefangen, sich für die Frauen zu interessieren. Vorher hätte er sich nie getraut, eine mit nach Hause zu bringen. Zu sehr hatte er sich für seine Mutter geschämt. Vielleicht war das auch der Grund gewesen, dass er eine lange Zeit mit den Frauen sein Unwesen trieb. Er konnte es sich ja leisten, denn sie umschwirrten ihn wie die Motten auf das Licht. Sie kamen und gingen, wie es ihm gerade in den Kram passte. Bis er Mona kennengelernt hatte …

 

Michael schüttelte die Gedanken ab und ging zurück zu seinem Laptop. Er setzte sich davor und starrte auf sein Programm. Mona sollte ihm bloß nicht mehr unter die Augen treten, so sehr kochte er innerlich vor Wut.

Sogleich machte er sich an die Arbeit. Seine Begabung lag im Entwerfen von Computerspielen. Vor ein paar Jahren hatte er es gewagt, zusammen mit seinem besten Freund, ein kleines, aber eigenes Unternehmen zu gründen. Schon seit ihrer Schulzeit kannten er und Tom sich und waren begeisterte Spieler gewesen. Natürlich nur am Computer, den Michael sich von seinem selbst verdienten Geld durch etwaige Jobs gekauft hatte. So hatten sie beide ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht, indem sie Programmierer wurden.

Später hatten sie sich zwar für einige Jahre aus den Augen verloren, durch Zufall aber wieder zusammengefunden. Michael hatte ausgerechnet bei derselben Computerfirma, wo Tom beschäftigt war, um einen Job angefragt.

Dass sie nun so großen Erfolg mit ihren selbst entworfenen Spielen erzielten, hätten sie nie zu hoffen gewagt. Für sie beide war ein großer Traum in Erfüllung gegangen.

 

Leise fluchte Michael vor sich hin. Noch immer hatte er die Tür nicht zufallen gehört. Also war Mona noch im Haus. Verdammt noch eins, sie sollte ihn endlich in Frieden lassen! Wenn er doch nur bei Tom darauf gepocht hätte, ihm seinen Standpunkt zu verraten. Sein Freund hatte sie viel früher durchschaut, ihm aber nicht reinreden wollen, wie er betont hatte. Klar, Michael musste erst ordentlich eins auf die Nase bekommen. Hätte er seinem Freund denn Glauben geschenkt, wenn er es ihm gesagt hätte? Er wusste es nicht!

Er hörte näherkommende Schritte. Dann ein: "Ich geh jetzt. Du weißt ja, wo du mich findest, solltest du dich wieder beruhigt haben. Zumindest hoffe ich, dass du deine Meinung änderst. Ich liebe dich!"

Darauf kannst du lange warten, dachte er. Von wegen Liebe, nur sein Geld wollte sie.

 

Michael schwieg, bis er die Tür ins Schloss fallen hörte. Um sicher zu gehen, schlich er aus dem Arbeitszimmer und lugte um die Ecke. Da vernahm er auch schon den Motor ihres Wagens, welcher sich entfernte. Siegesreich warf er beide Hände in die Luft und rief erleichtert:

"Geschafft!"

Kein bisschen bereute er die Trennung. Die Beziehung hatte längst ihren Glanz verloren. Am Ende hatte Michael nicht einmal mehr Lust auf Sex mit ihr verspürt. Sein Verstand hatte endlich über seine Libido gesiegt. In einem war er sich jetzt schon sicher - Bei der nächsten Frau würde er auf mehr, als nur das Aussehen achten.

 

 

2. Kapitel

 

Nach acht Wochen musste Saskia sich entscheiden. Karin hatte ihr eine Frist gesetzt und nun war es soweit. Entweder weiter ihren Wahnvorstellungen folgen und damit der Freundschaft einen Tritt geben, oder endlich den ganzen Quatsch sein lassen und sich wieder normal benehmen. Aufseufzend hatte Saskia letztendlich das Handtuch geschmissen. Sie war ja selbst froh drum, sich nicht mehr einschließen zu müssen. Ihre Freundin hatte sie aber angebettelt, ihr manche Kniffe in Bezug auf Männer beizubringen. Auf diesem Gebiet sei sie so unbeholfen, wie ein junges Fohlen, hatte sie ihr gesagt. Sie wollte Karin nämlich auf keinen Fall als Freundin verlieren.

 

Karin hatte zwar verständnislos den Kopf darüber geschüttelt und gemeint, es wären nur die falschen Männer für sie gewesen. Ihr aber zugesagt, als sie merkte, wie ernst ihre Bitte gemeint war.

Saskia wusste selbst, dass der letzte Kerl, wie auch die Wenigen zuvor, nicht das waren, was sie suchte. Sie wollte sich mit allem Drum und Dran verlieben und dem Mann sollte es ebenso ergehen. Ehrlichkeit und Charisma musste er besitzen und humorvoll müsse er auch sein. Denn es gab nichts Schöneres, als gemeinsam zu lachen und Spaß zu haben. Ansonsten würde er sowieso nicht zu ihr passen. Die letzten Wochen waren da eine Ausnahme gewesen. Es war ihr eben alles zu viel geworden. Es war kein schönes Gefühl, überall lächelnde und glückliche Gesichter zu sehen, während man selbst traurig war. Sie sehnte sich eben auch nach einem Mann, den sie lieben konnte. Bisher hatte sich aber rein gar nichts in ihr gerührt.

Wie dem auch sei, heute kam sie nicht drum herum, mit Karin in ihr Lieblingslokal zu gehen. Ihr Freund war auf Nachtschicht bei einem Privatkunden und heute war dort Ladys-Night.

"Mal sehen, wohin mich das Ganze führt", sagte Saskia vor dem Spiegel, als sie sich in ihre Jeans zwängte.

 

Gegen acht Uhr stand Saskia vor Karins Tür. Nun freute sie sich darüber, mal wieder unter Leute zu kommen. Gerne hatte sie sich ja nicht zurückgezogen.

Sie hörte ihre Freundin rufen:

"Komm rein, ist offen!"

"Irgendwann steht noch ein Einbrecher vor dir!", lachte Saskia beim Eintreten.

"Bei mir ist nichts zu holen. Er kann mir höchstens was hinlegen", spricht ihre Freundin, während sie lächelt. "Ich bin nur eine arme Altenpflegerin! Davon abgesehen, habe ich dich schon kommen hören. Na, bist du in Ausgehstimmung?"

Karin musterte sie von Kopf bis Fuß und schien zufrieden, mit dem was sie sah. Sie nickte zustimmend und lächelte.

 

Heute Abend hatte Saskia lange mit sich vor dem Spiegel gehadert. Letztendlich aber alles auf eine Karte gesetzt und den Mut gefasst, doch einen Rock, anstelle der Jeans zu tragen. Karin war schon immer der Meinung gewesen, sie hätte genau die richtige Beinlänge und Form für so etwas. Sie war zwar da anderer Meinung, aber okay. Saskia hatte noch was gut zu machen, daher nun dieses Outfit.

Sie trug jetzt hochhackige Schuhe, darauf einen Minirock und ein Top. Für den Weg hatte sie sich eine leichte Weste übergezogen.

"Echt toll! Vergiss heute Abend nicht, dich umzuschauen. Es sind genug Frauen da. Alles Weitere kommt von selbst, Schnucki!", grinste Karin.

Saskia verzog das Gesicht. Sie mochte das Wort 'Schnucki' nicht und das wusste ihre Freundin nur zu gut. Aber so ging es ihnen des Öfteren. Sie neckten sich beide gern.

 

Karin, wie sollte es anders sein, sah wie immer toll aus. Nur merkte man, dass sie nun vergeben war. Sie trug Jeans mit einem bauchfreien Top. Für ihre Verhältnisse züchtig. Ihr blondes Haar war kunstvoll hochgesteckt und sie hatte sich dezent geschminkt. Was sie sowieso nicht nötig hatte. Sie war von Natur aus gebräunt und hübsch anzusehen.

 

Als sie im Lokal eintrafen, war dort schon die Hölle los. Ladys-Night-Abend hieß auch, alle Getränke zum halben Preis. Und das lockte! Da alle Tische besetzt waren, stellten Karin und sie sich an die Theke und bestellten sich eine Weinschorle.

Wie sollte es auch anders sein an einem Ladynight-Abend, sah man überwiegend nur Frauen. Die wenigen Männer, die man zu sehen bekam, waren vergeben oder nicht nach Saskias Geschmack. Das machte nichts! Sie musste sich ja nicht gleich auf den Nächsten stürzen. Lieber nutzte sie die Gunst der Stunde und beobachtete die Frauen. Sie war neugierig auf deren Auftreten und gespannt, wie sie sich im Gespräch mit einem Mann verhielten.

Karin hatte es ihr zuvor empfohlen, wenn sie auch die Meinung vertrat, sie, Saskia, hätte das nicht nötig. Sie solle sich wie immer natürlich geben.

 

Der Wein tat im Laufe des Abends seine Wirkung. Saskia und Karin tanzten ausgelassen und amüsierten sich prächtig. Mit drei Frauen saßen sie nun zusammen an einem Tisch und erzählten sich lauthals die verschiedensten Anekdoten. Die Geräuschkulisse war enorm, zumal im Hintergrund die Musik aus der Jukebox lief. Dabei kamen sie aus dem Lachen nicht mehr heraus.

Am besten gefielen Saskia die Witze über die Männer. Natürlich hörte der ein oder andere Mann zu und konterte darauf mit einem Witz über Frauen. Die Stimmung war locker und ausgelassen, und Karins Schwips wurde mit jedem Wein größer. Längst war sie von der Schorle ab.

 

"Man, hat der einen Knackarsch!", stieß Carla, eine der Frauen aus und pfiff nach einem Kerl in einem roten Shirt. "Hey Süßer, bist du noch zu haben?", rief sie ihm zu.

Als der sich umdrehte und registrierte, dass er damit gemeint war, grinste er frech und antwortete Carla:

"Kommt darauf an, für was?"

"Na für was wohl! Ein schönes Schäferstündchen vielleicht? Allerdings ohne Gewähr!", lachte sie.

Spätestens da wäre Saskia am liebsten im Erdboden versunken. Zum Callgirl wollte sie mit Sicherheit nicht mutieren, wenn sie auch den Sex stets genossen hatte.

Der Typ kam doch tatsächlich auf den Tisch zu, setzte sich neben Carla und sagte auch noch:

"Welcher Hirni sagt da 'nein'?"

Saskia tauschte einen Blick mit Karin, die ihr mit einem unmerklichen Kopfschütteln zu verstehen gab, dass sie dies nicht als Lehre annehmen solle. Als ob sie das nicht selbst wüsste! Sie wollte keine Nutte werden, sondern einen Mann mit festen Absichten finden.

 

Saskia hielt es an der Zeit, den Heimweg anzutreten. Der Abend hatte ihr nicht wirklich viel gebracht, was ihr Problem anging. Aber sie hatte wenigstens ihren Spaß gehabt und es war eine willkommene Ablenkung gewesen. Heute war sie der Fahrer, daher wollte sie auch nicht riskieren, dass sich Karin in ihrem Baby - dem VW- Käfer - noch übergeben musste. Sie musste lange sparen, um sich ihren Traum von diesem Wagen erfüllen zu können. In ihren Augen hatte der Kleine Wiedererkennungswert. Ihr Verdienst als Grafikerin war zwar nicht schlecht, dennoch musste sie gut mit dem Geld haushalten.

 

Beim Gedanken an ihren Wagen musste sie lächeln. Ihr Liebling war quittengelb. Saskia liebte diese Farbe. Auf der Heckscheibe stand - darüber amüsierte sich Saskia noch heute - 'Drängler bitte schieben'. Seit nun einem Jahr, musste sie sich deswegen so einige Sprüche von ihren Kollegen und Freunden anhören. Und dennoch hielt sie an ihrem Wagen fest. Es waren ja nur Späße von ihnen. Sie gönnte sich ja sonst nichts.

 

***

 

Michael saß mit seinem Freund und Partner Tom bei sich zuhause, und trank gemütlich ein Bierchen mit ihm. Die Trennung von Mona lag schon ein Weilchen zurück und Tom war der Erste, der es spitz bekommen hatte. Es war nicht schwer für seinen Freund gewesen, dies herauszufinden, denn Michael nutzte seither jede Minute für seine Arbeit. Allerdings aus einem anderen Grund, als Tom zuerst annahm. Von wegen Trennungsschmerz! Richtig froh und erleichtert war er.

 

Heute hatte er seinen Freund und Geschäftspartner zu sich herbestellt, weil er ihm seine neue Errungenschaft zeigen wollte. Michael wandte sich Tom zu, lachte auf einmal und sagte:

"Nicht zu fassen, dass gerade du geglaubt hast, ich hätte Liebeskummer. Würdest du um sie trauern?"

"Himmel bewahre, nein!", stieß Tom aus und verschluckte sich an seiner eigenen Spucke. Nachdem sein Hustenanfall wieder vorüber war, grinste er und fügte hinzu: "Mein Geld kann ich auch alleine unter die Leute bringen. Zudem bin ich nicht blöd! Ich sichere lieber meine Zukunft ab. So schnell, wie wir beide zu einem Haufen Geld gekommen sind, so hurtig kann es auch wieder vorbei sein. In unserer Branche kann das fixer passieren, als uns lieb ist."

 

Wie recht sein Freund doch hatte! Die Konkurrenz schlief nicht und nur eine klitzekleine Unachtsamkeit reichte und ihr entworfenes Spiel war futsch. Der Hacker brauchte dann nur noch ein Patent darauf zu beantragen und schon konnte er es als sein Eigentum vermarkten. Da half es auch nichts, wenn sie die Pläne und das Spiel auf einer Sicherungsdatei abgespeichert hätten. Ebenso ging es nicht ohne einen guten Virenschutz. Wie einfach es war, das Spiel durch einen Virenbefall zu vernichten, wodurch ihre monatelange Arbeit völlig umsonst war, wusste heutzutage jeder halbgescheite Teenager.

 

"Eben! Ich vermisse Mona keineswegs. Und ich weiß, nein, wir beide wissen, wie es sich anfühlt, am Limit zu leben."

Tom schmunzelte.

"Jetzt hast du ja Zeit, dein Bankkonto wieder auf Vordermann zu bringen. Jetzt, wo deine Diva weg ist."

"Ja, ja, amüsier dich nur gut auf meine Kosten. Die Revanche wird noch folgen!", konterte er gutmütig. Daraufhin zeigte ihm sein Freund nur den Mittelfinger und trank von seinem Bier.

Michael tat es ihm gleich.

"Okay, wenn du das noch erlebst, dann Hut ab! Erzählst du mir jetzt, was du dann in der Zeit gemacht hast? Oder soll ich raten?"

Michael konnte seine Neugier verstehen und wollte ihn auch nicht lange zappeln lassen. Er selbst war zu gespannt darauf, was er zu seiner Arbeit meinte. Erst aber wollte er noch etwas von Tom wissen. Michael musste auch noch etwas mit ihm besprechen.

"Gleich! Sag mit zuerst und sei ehrlich! Findest du, dass ich blöd war? Ich meine in Bezug auf Mona."

Tom sah ihm nun in die Augen, sein Blick zeigte Verwirrung.

"Hab ich das jemals gesagt?"

"Nein, aber ich will es trotzdem wissen!"

"Von mir aus! Ein guter Freund findet seinen Freund nicht blöd. Du … Hm, wie soll ich es ausdrücken? Ich hab's! Du warst kurzzeitig blind. Ja genau, dass passt! Zufrieden?"

Michael klopfte ihm lächelnd auf die Schulter und nickte. Tom hatte damit den Nagel auf den Kopf getroffen.

"Und hormongesteuert!", fügte Michael grinsend hinzu. "Wie ist es mit dir, Tom? Hast du nie einen Fehler begangen?"

"Den mach ich doch ständig, wenn ich an deine Worte denke. Nur weil du keinen Bock mehr darauf hast, ein wenig Spaß mit den Frauen zu haben", schmunzelte Tom. "Aber gut, du bist du und ich bin eben ich. Um wieder auf deine Frage zurückzukommen …"

 

Sein Freund wurde ernst und was er ihm dann erzählte, war selbst für ihn schwer zu verdauen. "Ich war gerade in der Firma eingestellt worden, da wurde meine damalige Freundin krank. Sie hatte so richtig die Grippe. Mit Fieber und allem drum und dran."

Michael sah auf.

"Und dann?"

"Ihre Eltern befanden sich zu der Zeit in Italien, weswegen sie sich nicht um sie kümmern konnten. Also bat ich meinen Chef um Urlaub, damit ich für sie sorgen konnte. Er aber meinte, es ginge nicht, weil ich ja erst angefangen hätte." Gleichmütig zuckte sein Freund mit der Schulter.

"Was blieb mir da anderes übrig! Ich machte also einen Krankenschein und als ich nach einer Woche wieder zur Arbeit erschien, bekam ich von ihm persönlich meine erste Abmahnung in die Hand gedrückt."

Michael verzog das Gesicht.

"Autsch! Und wie ist es ausgegangen? War es die Firma, wo wir uns wieder gefunden hatten?"

"Ja! Es blieb bei einer Abmahnung. Zwei Wochen später verliebte Claudia sich in einen anderen Mann und ich war solo."

"Oh Mann, das ist hart! Hat es dir etwas ausgemacht?"

"Am Anfang ja. Ich war eben verliebt, so wie du! Wollte sie sogar heiraten! Aber egal, ist ja schon lange her. Jetzt bin ich drüber weg und genieße mein Junggesellenleben so wie früher. Weißt du noch?", grinste Tom.

 

Und wie Michael das wusste! Sie waren hinter jedem Rockzipfel her gewesen. Michael hatte ja noch etwas nachzuholen, wie er sich sagte. Im Gegensatz zu seinem Freund hatte er erst mit siebzehn seine erste sexuelle Erfahrung machen dürfen und das auch noch mit einer Zwanzigjährigen. Irgendwann wurde es ihm aber zu blöd. Die wechselnden Gefährtinnen gefielen ihm nicht mehr, weil er anfing, sich nach etwas Festem zu sehnen. Bei einer Handvoll Frauen hatte er es versucht, nur war es ihm nicht gelungen, sie zu halten. Oder war er damals schon zu wählerisch gewesen?

 

Sein Freund hatte noch heute regen Frauen-Wechsel. Er sah ja auch gut aus, mit seinem Blondschopf und den graublauen Augen. Die Frauen liefen ihm regelrecht hinterher. Er hingegen war der dunkle Typ, aber nicht weniger interessant gewesen. Wie Engel und Teufel, als welche man sie damals manchmal bezeichnet hatte, wenn sie sich auf der Jagd befanden. Hinzu kam, dass sie für ihr Alter schon recht groß gewachsen und schlank waren. Ihre Figur hatten sie bis heute gehalten, obwohl keiner von ihnen eine Sportskanone war. Liegt wohl an den Genen, dachte er.

 

Bei der Erinnerung musste Michael schmunzeln. Wenn die Frauen damals gewusst hätten, zu welch einem Weichei er sich entwickelt hatte … Ob er bei ihnen dann genau so gut angekommen wäre?

Michael überlegte, was er mit dem Teufel gemein haben sollte, außer seinem dunklen Haar und den dunklen Augen. War er boshaft und gemein oder brachte er Unheil? In Gedanken schüttelte er den Kopf. Ein Teufel verhieß doch nichts Gutes! Er aber ging höflich mit den Menschen um, besaß Humor und Lebensfreude. Zumindest war es so gewesen, bis Mona eben übertrieben hatte. Er konnte sich aber als treuen, aufmerksamen und hilfsbereiten Mann bezeichnen, sonst hätte er ihr längst einen Tritt verpasst. Im Vergleich zu früher war er eben reifer und erwachsener geworden. Und leichter zu manipulieren, sagte er sich leise und verbittert. Heute taten ihm sogar die Mädchen von damals leid, die sich sicherlich mehr von ihm erhofft hatten, als nur als Spaßobjekte von ihm gesehen zu werden. Er war eben jung und dumm gewesen! Da war doch eher der blonde Engel der Teufel gewesen, denn Tom war manchmal schon krass mit ihnen umgegangen.

 

Wieder in der Gegenwart, fragte sich Michael, was er in Zukunft von einer Frau erwarten würde. Ihm ging es seit seiner letzten, missglückten Beziehung, die immerhin über ein Jahr gehalten hatte, nun um ganz andere Dinge. Das Aussehen und guter Sex sollte bestimmt nicht mehr an erster Stelle stehen. Was er sich in Zukunft von seiner Partnerin erhoffte, konnte er problemlos aufzählen. Ein harmonisches Miteinander, Humor, Geselligkeit, Aufrichtigkeit und vor allem Liebe, waren nun Dinge, die die Nächste mitbringen sollte. Ebenso könnte sie sich für das Kochen begeistern und sich für die Hausarbeit nicht zu fein sein, so wie seine Ex. Er würde ihr ja dabei unter die Arme greifen, denn damit hatte er keine Probleme. Und es sollte auch nicht heißen, dass er nie mit ihr auswärts speisen würde. Aber eben nicht nur! Ihm ging es mehr um ein Familienleben, was mit Mona halt nicht funktioniert hatte. Was für ein Mensch sie war, erkannte er seiner Meinung zu spät. Er hatte sich nicht zum ersten Mal von einem tollen Aussehen blenden lassen.

 

Michael hoffte, dass sein Freund sich die Sache mit dem Junggesellen nochmals überlegen würde. Was hatte die Ex seines Freundes ihm da nur angetan? Denn er vermutete, dass Tom längst noch nicht darüber hinweg war, wie er ihm vorzumachen versuchte. Michael hatte es auf jeden Fall nicht vor. Oder besser gesagt, er wollte nicht wieder ständig 'Bäumchen wechsel dich' spielen, bis er endlich mal eine Frau mit Format kennenlernte. Bei der Nächsten aber wollte er sicher sein, dass sie ausschließlich ihn und nicht sein Geld begehrte.

 

"Ja, ja, das sagen sie alle! Bis dir die Richtige über den Weg läuft", gab er nur grinsend zurück und fing sich dafür eine Kopfnuss ein.

"Aua!"

"Du gönnst mir aber auch gar nichts, was?", flachste Tom.

 

Bevor er nun auf das Thema Arbeit kam, ging er noch schnell zwei neue Biere holen und bat Tom, ihm zu folgen. Auf dem Weg in sein Arbeitszimmer griff er das eine Problem auf.

"Tom, was würdest du dazu sagen, wenn wir uns noch eine Grafikerin mit ins Boot nähmen? Melina ist mir für dieses Baby nicht professionell genug. Zudem ist sie in anderen Umständen. Es ist dann sowieso nur eine Frage der Zeit, bis sie uns verlässt. Ich habe die letzten Wochen versucht, etwas Anständiges aus dem neuen Spiel zu machen. Es ist gut, aber nicht gut genug."

Tom zuckte mit der Schulter.

"Ganz ehrlich? Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Zudem ist es für Melina zu viel Arbeit. Wir sind ja geradezu besessen vom Spiele entwerfen. Wie sollen wir aber Jemanden finden, dem man absolut vertrauen kann? Was, wenn er oder sie für die Konkurrenz spioniert oder das Spiel entwendet und es auf dem Schwarzmarkt verkauft?" Michael warf seinem Freund einen verständnislosen Blick zu. Dann lachte er los und meinte: "Tom, du hast eindeutig zu viele Spionagefilme gesehen. Natürlich sollten wir die Bewerber gründlich prüfen, aber bis sie das Spiel zu sehen bekommen, also in fertiger Arbeit …"

 

Bei Melina, ihrer jetzigen Grafikerin, war es keine große Sache. Ihr konnte man vertrauen. Kennengelernt hatten sie sich bei der Veröffentlichung ihres ersten Spieles. Sie hatte eins für ihren kleinen Neffen kaufen wollen und fragte direkt bei ihnen an, weil sie schnell vergriffen gewesen waren. So kamen sie ins Gespräch und erfuhren, dass sie Grafikerin von Beruf war. Weil Michael und Tom aber keine Firma mit im Boot haben wollten, suchten sie nach Jemandem, der für sie nebenberuflich ihre Grafik gestaltete. Und Melina war einverstanden gewesen, zudem verdiente sie sich nebenbei ein zusätzliches Sümmchen. An Ausstattung dafür mangelte es ihnen nicht, leider nur am Talent.

 

"Wie willst du das denn anstellen?"

"Das erzähl ich dir, wenn's soweit ist. Jetzt erst mal zu meiner Arbeit."

Im Arbeitszimmer angekommen, fuhr er den Laptop hoch, ließ das Antivirenprogramm durchlaufen, dann erst entnahm Michael der Sicherungsdatei sein neu entworfenes Spiel. Die Handlung war fertig, es fehlte nur das Know How, wofür sie einen Grafiker bräuchten. Sein eigenes Werk gefiel ihm nicht so recht. Tom stand mit offenem Mund neben ihm und starrte gebannt auf den Bildschirm, während Michael seinem Freund das Spiel bis ins kleinste Detail erklärte. Am Ende war sein Freund, genauso wie er, total aus dem Häuschen und hielt es für das beste Spiel seit der Erfindung des Computers. Das war zwar etwas übertrieben von ihm, aber Michael freute sich deswegen nicht weniger.

 

***

 

"Es reicht! Ich kapituliere! Wieso habe ich nur zugesagt?"

Karin ließ sich auf ihr Sofa fallen, raufte sich ihre eh schon strubblige Mähne und warf dann ergeben die Hände in die Luft.

"Weil du meine Freundin bist und was heißt, es reicht? Hier wird nicht kapituliert! Du hast es mir hoch und heilig versprochen, mir dabei zu helfen, mal einen anständigen Kerl auf mich aufmerksam machen zu können. War ich denn nicht gut?"

 

Gerade nahm Saskia eine Lehrstunde in 'Wie mache ich einen Mann auf mich aufmerksam', bei ihrer Freundin. Nur schien es nicht so toll zu laufen, denn Karin war mit nichts zufrieden. Frustriert blies Saskia sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und setzte sich mit hängenden Schultern neben Karin auf das Sofa. Ihre Freundin musste doch einsehen, dass sie dringend Hilfe brauchte. Außer harmlosen und nichtssagenden Flirts, verliefen ihre Ausgänge ruhig. Und das, obwohl sie seit dem letzten Tanzabend schon öfter ausgegangen waren. Rainer war momentan beruflich sehr engagiert, weswegen Karin sie ständig gelöchert hatte, mit ihr einen drauf zu machen. Na ja, Saskia hatte auch nichts dagegen.

 

Nur eben diese Kerle! Ihr waren sie entweder zu direkt, zu draufgängerisch, zu matchohaft … Kurz gesagt, bei keinem Kerl hatte es bisher gefunkt. Nichts hatte sich in ihr geregt. Als sei sie gefühlskalt. Einfach nicht in der Lage, für das männliche Geschlecht irgendetwas zu empfinden.

 

Während ihre Freundin schmollte und von ihrer Coke trank, kam Saskia plötzlich ein fürchterlicher Gedanke. War sie auf einmal lesbisch? Empfand sie deswegen nichts für Kerle? Sicher, sie hatte schon früh Sex gehabt. Beide waren sie sozusagen noch gar nicht trocken hinter den Ohren gewesen. Dazu waren sie auch noch Azubis in der gleichen Firma gewesen. Schlimmer ging es nicht!

So schnell wie es passierte, war es auch schon wieder vorbei. Hinterher hatte dieses Ekel, wessen Namen sie noch heute nicht aussprechen wollte, doch tatsächlich bei seinen Kumpels damit geprahlt, sie, Saskia flach gelegt zu haben. Es war widerlich und abscheulich gewesen, dadurch zur Zielscheibe vom Gespött zu werden. Auch wenn es sie hart getroffen hatte, schoss sie zurück und stellte ihn als impotenten Krüppel bloß, bevor sie sich für den Rest des Tages wegen Unwohlsein beurlauben ließ, um sich zuhause in ihrem Zimmer die Augen auszuweinen.

 

Ihre Eltern hatten davon nie etwas erfahren, zu sehr fürchtete sie sich vor deren Reaktion. Sie hatte damals sogar wegen ihm die Ausbildung abgebrochen und sich neu orientiert. Den Eltern erzählte Saskia, es würde ihr keinen Spaß machen, weil sie nicht richtig gefordert werden würde.

Was sich später als glücklicher Zufall herausgestellt hatte. Denn noch heute, vier Jahre nach ihrer Ausbildung, arbeitete sie in einem bekannten Werk als Grafikerin und war zufrieden in ihrem Job. Nur der Verdienst könnte etwas besser sein. Ihr zweiter Versuch mit einem Mann zwei Jahre später - Saskia hatte ihn auf einer Geburtstagsfeier einer Nachbarin kennengelernt - ging nach ein paar Wochen ebenso in die Hose. Als er letztendlich das bekommen hatte, wonach ihm lag, - also den Sex mit ihr - hatte er plötzlich beruflich viel zu tun. Saskia musste sich daraufhin wohl oder übel eingestehen, dass auch er sie nicht so mochte, wie sie es sich gewünscht hätte. Das war bitter!

 

Jetzt mit diesem Ronny die Liebe gefunden zu haben, wie sie sich eingebildet hatte, war der allergrößte Flop gewesen. Er war ein Arsch, dem es nur darum ging, mit seinen Kumpels in Discotheken einen drauf zu machen und jede junge Frau mit seinen blöden Sprüchen anzumachen. Saskia war erleichtert, dies noch rechtzeitig herausgefunden zu haben.

Dreimal hatte sie sich nun schon geirrt. War es da ein Wunder, dass sie an sich selbst zweifelte? Sie wollte doch nichts anderes, als von einem Mann ernst genommen zu werden und nicht nur das Gefühl haben, nur seine Bedürfnisse erfüllen zu können.

Einen Mann, mit dem sie lachen, weinen, eben viel gemeinsam machen konnte. All das gelang ihr einfach nicht. Könnte es denn nicht wirklich möglich sein, dass sie unfähig war, einen Mann zu lieben? Oder sollte es wirklich nur daran liegen, sich immer für die Falschen zu interessieren?

 

Saskia erinnerte sich noch genau an diesen Schmerz, den sie fühlte, als alle Beziehungen in die Brüche gingen. Nach jeder gescheiterten Beziehung fühlte sie sich schuldig, sperrte sich zu Hause ein und weinte sich die Augen aus. Stets hatte sie das Gefühl, irgendetwas falsch gemacht zu haben. Sie befürchtete, sich unvorteilhaft zu kleiden, die falschen Gesprächsthemen anzusprechen und sich allgemein nicht richtig zu verhalten. Bis heute wusste sie nicht, woran es liegen könnte, dass keine ihrer Beziehungen über einen längeren Zeitraum hielt.

 

Erschrocken über ihren niederschmetternden Verdacht schielte sie zu Karin rüber. Ihre Freundin saß noch immer dort, ihr Körper war vorgebeugt und mit beiden Händen stützte sie den Kopf. Sie wirkte wie Saskia selbst, niedergeschlagen. Saskia wollte Karin nicht zu sehr strapazieren, daher meinte sie:

"Okay, lassen wir es für heute gut sein! Bin wohl nicht in Flirtlaune", spaßte sie.

Dabei grinste sie und achtete mal auf ihr Empfinden einer Frau gegenüber. Dieser Gedanke eben hatte ihr doch einen großen Schrecken eingejagt. Außer einer freundschaftlichen Zuneigung fühlte sie aber nichts anderes. Und ehrlich gesagt, war ihr nicht bekannt, jemals bei einer anderen Frau so etwas wie Liebe empfunden zu haben. Sagte man sich aber nicht, dass die meisten Frauen dieses Gefühl zuerst verdrängen wollten, weil es so unnatürlich war? Sie stieß Karin neckend an und hielt ihr noch eine Coke hin. Selbst trank sie ebenfalls einen großen Schluck.

 

Nun endlich wandte ihre Freundin sich ihr zu. Allerdings mit einem Gesichtsausdruck wie zehn Tage Regenwetter.

Ergeben fragte Saskia:

"Was? War ich so grottenschlecht in meinen Versuchen?"

Ihre Freundin schüttelte verständnislos den Kopf und meinte:

"Tu mir bitte einen Gefallen und bestehe nicht weiter darauf, dir zeigen zu müssen, wie man sein Interesse an einem Kerl zeigt, dass man sich für ihn interessiert. Ich halte das nicht mehr aus!"

Ihre Freundin stellte sich aber auch an! Karin wollte doch der Mann sein! Saskia hatte doch nur getan, was sie von ihr verlangt hatte. Ihr oder in dem Fall, ihm schöne Augen gemacht, so ganz unschuldig auf Tuchfühlung gegangen … Sei es die Hand auf seine Brust legen, auf die Schulter oder hoppla, auf dem Po landen zu lassen. Saskia musste nun selbst grinsen. Der Gesichtsausdruck ihrer Freundin war zu lustig gewesen, als sie sich die Freiheit herausgenommen hatte, sie auch noch zu kneifen. Danach hatte Karin sie nur mit ihrem Spiegelbild üben lassen.

"Aber du hast es mir versprochen, Karin. Ich brauche dich dabei! Reicht es nicht, wenn wir es für heute sein lassen?"

"Nein! Ich hab dir gleich gesagt, dass es eine blöde Idee ist."

"Stimmt! Stolz darauf war ich aber nicht! Da staunst du, was? Ein Mann für eine langfristige Beziehung war da nämlich nicht dabei."

Karin sah jetzt aus, als würde sie ihr jeden Moment an die Gurgel springen. Sie stieß frustriert die Luft aus und sagte:

 

"Das ist keine Kritik, solltest du das meinen! Du aber bist von einem anderen Schlag. Du bist ruhig und besonnen, ja sogar manchmal ein bisschen schüchtern. Bist verträumt, eben romantisch veranlagt."

"Und wenn du dich so verhalten willst, was ich das normalerweise tue, sieht es bei dir geschauspielert aus. So gekünstelt und unecht. So echt blöd. Sorry Saskia!"

Wow! Das war harter Tobak, was sie sich da anhören musste. Zwar wusste Saskia, dass Karin es nicht böse meinte, dennoch versetzte es ihr einen Stich. Sie wandte sich von ihr ab, weil sie etwas Abstand brauchte und nahm sich ihre Coke vom Tisch. Erst einmal einen Schluck trinken, dachte sie sich. Vielleicht löst sich dann der Knoten im Hals.

"Aber was du jetzt von mir verlangst, ist die reinste Folter für mich. Wie lange kennen wir uns schon? Sieben Jahre? Und in dieser Zeit hast du mir so gefallen, wie du bist. Natürlich und zart wie eine Blume! Diese Eigenschaften sind deine Art, dein Wesen, dein Charakter. Daran kannst und sollst du auch nichts ändern."

Saskia machte sich über diese Worte Gedanken. Sollte sie wirklich so anders sein?

"Vielleicht bin ich lesbisch!", rutschte es ihr heraus. Auch das noch, murrte sie.

"Das habe ich jetzt nicht gehört. Wie kommst du nur auf diesen Schwachsinn?"

Später, Saskia kam es wie eine Ewigkeit vor, meinte Karin trockenen Humors:

Mit hängendem Kopf antwortete Saskia:

 

Ihre Freundin war nicht wenig überrascht, meinte nach einiger Zeit daraufhin aber, dass das Eine mit dem Anderen nichts zu tun hätte. Sie, Saskia wäre eben nur vorsichtiger geworden. Das alles würde sich in ihrem Unterbewusstsein abspielen, deswegen sei sie längst nicht lesbisch veranlagt.

"Warum aber hat es sich nicht gut angefühlt? Kaum, dass es das erste Mal geschehen war, habe ich es auch schon bereut. Und beim zweiten Mal gefiel es mir auch nicht. Das ist doch ebenso dumm! So langsam denke ich, dass man beim Sex zu viel hinein interpretiert."

Karin legte ihr nun den Arm auf die Schulter und sagte aufmunternd lächelnd:

"Okay, wenn du meist! Sicherlich hast du recht und ich bin einfach zu ungeduldig. Ich habe aber echt die Schnauze voll. Gibt es denn keinen Mann für mich? Einen Aufrichtigen und treuen Partner? Mehr verlange ich doch nicht!", schmollte Saskia.

Saskia schmunzelte, dann sagte sie:

"Letztendlich hast du ja auch auf den Richtigen warten müssen. Zudem bin ich ja noch jung. Ich habe also noch Zeit, was meine biologische Uhr betrifft."

Die gute Laune war wieder zurückgekehrt und Saskia meinte aufrichtig:

Die Freundinnen umarmten sich und alles war wieder im Lot.

Das ließ Saskia aufhorchen.

"Nicht viel! Aber er findet, dass du deiner Schüchternheit wegen, meist dazu beiträgst, dass ein Mann … Wie soll ich sagen … Sich nicht traut, sich dir zu nähern. Du würdest so kühl und abweisend rüber kommen."

Später, als Karin gegangen war, weil Rainer nach seiner Mittagsschicht zu ihr kommen wollte, machte Saskia sich Gedanken über all das Gesprochene. So schnell konnte sie nicht abschalten. Noch vor ein paar Wochen hätte sie es niemals für möglich gehalten, sich so anzunehmen, wie sie war. Eben anders als manch andere Frauen. Es hatte sie mehr als überrascht, Rainers Einschätzung über sie zu hören. Konnte es wirklich wahr sein, dass sie durch ihre Art, Männer einschüchterte? Was machte es schon aus, es hinzunehmen und abzuwarten, bis der richtige Mann ihren Weg kreuzen würde? Selbst bei ihrer Freundin hatte es ein Weilchen gedauert. Ihr Selbsturteil sie noch immer wunderte. Karin hatte stets so unbekümmert gewirkt. So, als wäre alles in Ordnung, wie es lief. Warum war es vorher bei ihnen so anders? Sagte man sich in einer Freundschaft nicht alles? Redete man nicht offen miteinander?

Saskia musste sich eingestehen, dass es bei beiden eine Tabuschwelle gab. Bei ihr war es das Schamgefühl, bei ihrer Freundin ging es vielmehr um Privates. Wie Karin meinte, hätte ihr Gejammer bei ihr, doch nur noch mehr Schaden angestellt. Sie hätte ja so schon genug Minderwertigkeitskomplexe, wie sie ihr lachend an den Kopf geworfen hatte.

Kichernd kuschelte sie sich in die Decke und schlief kurz darauf ein.