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Buch

Nadine ist Mitte zwanzig und vor einigen Jahren aus der Provinz nach Berlin gezogen. Was sie dort entdeckte, waren neben aufregenden Nachtclubs und Privatpartys vor allem ihre Sexualität und der Wunsch, sich von gesellschaftlichen Normen zu befreien. Mit einer harten und kompromisslosen Sprache schreibt sie über ihr Leben, über Sexting, neue Beziehungsmodelle und sexuelle Vorlieben, die viele Menschen in ihrem Alter erleben, aus Angst vor den Reaktionen anderer aber nie offen zugeben würden.

Autorin

Nadine Kroll, geboren 1990, studiert Kunstgeschichte in Berlin. Mit 19 Jahren zog sie aus der schwäbischen Provinz in die Hauptstadt und konnte zum ersten Mal ihre Sexualität ausleben. In Blog-Artikeln ließ sie neugierige Leser 2013 erstmals an ihren Erlebnissen teilhaben und legt nun mit ihrem Buch umfassend und ungeschminkt Zeugnis von den hellen und den dunklen Seiten ihres Lebens ab.

NADINE KROLL

Stellungswechsel

Meine ungeschminkten Erfahrungen mit Sex und Liebe

Alle Ratschläge und Praktiken in diesem Buch basieren auf den Erfahrungen der Autorin. Jeder Leser ist für die Umsetzung selbst verantwortlich. Eine Garantie kann nicht übernommen werden. Eine Haftung der Autorin beziehungsweise des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist daher ausgeschlossen.

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1. Auflage

Originalausgabe Februar 2018

Wilhelm Goldmann, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlag: Uno Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: FinePic®, München

Redaktion: Martin Gierczak

Satz: Satzwerk Huber, Germering

JE ∙ Herstellung: cb

ISBN 978-3-641-19456-7
V001

www.goldmann-verlag.de

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Für Unangepasste.

Inhaltsverzeichnis

Meine Girlgang ist wichtiger als alle Schwänze dieser Welt

Mein erstes Mal war nicht schlecht, aber langweilig

Mein erstes Mal mit einer Frau

Lesbische Liebe auf dem Schulhof

Sex and the Kleinstadt

Von einer, die auszog, um die Großstadt zu entdecken

Die erste Nacht in der großen Stadt

»Walk of Shame«? More like »Walk of Independence«!

Die geilsten Ficks sind nach einer durchzechten Nacht

Weil ich eine moderne Feministin bin, lasse ich mich gerne in den Arsch ficken

Wie ich versuchte, einen Handwerker zu verführen, und scheiterte

Generation Babylos

Mein erstes Mal auf einer Lesbenparty war schlimmer als jeder Horrorfilm

Ich hatte Sex mit einem Schwulen

Wenn du in Berlin nicht feierst, kokst und vögelst, dann zieh gefälligst wieder weg!

Nadine Kroll, Station 03A

Mein Aufenthalt in einer Entzugsklinik hat mir gezeigt, dass Drogen für mich unentbehrlich sind

So fühlt es sich an, wenn du mit GHB betäubt und vergewaltigt wirst

Deine »Friendzone« existiert nicht

Ich habe regelmäßig Sex mit jemandem, den ich noch nie im echten Leben traf

Warum ich gut im Schwänze lutschen bin – und du nicht

Mein erster flotter Dreier verlief anders als geplant

Je mehr Menschen du fickst, desto ehrlicher bist du zu dir selbst

Was ist eigentlich so schlimm an Inzest?

Auch Schlampen haben Liebeskummer

Nur wenn du es dir selbst richtig gut besorgen kannst, kannst du auch andere Menschen befriedigen!

Menstruationstassen sind eine Wissenschaft für sich

Wenn dein Ego stimmt, ist die Größe deines Schwanzes egal

Free the Nipple!

Niemand hat das Recht, meine Beziehungen zu definieren

Gutes Sexting will gelernt sein

Niemand will deine Schwanzfotos sehen

Golden Showers oder: Wie ich lernte, auf andere Menschen zu pissen

Plädoyer für mehr Aufmerksamkeit für den männlichen G-Punkt

Ich habe meinen Exfreund in den Arsch gefickt

Seitdem ich mir die Achselhaare nicht mehr rasiere, will kein Typ mehr mit mir schlafen

Flaschendrehen wird mit Mitte zwanzig wieder geil

Fantasien, die für immer Fantasien bleiben sollten

Meine Beziehung zu einem Cuckold

So fühlt sich Sex mit jemandem an, der auf Scheiße steht

Acht Fetische, die das Leben spannender machen

Rollenspiele

Latex

Spanking

Rope Bondage

Strap-on-Sex

Orgasmuskontrolle

Golden Showers

Figging

Wenn du kein Arschloch bist, benutzt du beim Sex Kondome

Das Drama um die Pille danach

Menschen mit Behinderung haben geilen Sex

Ich habe meine Depression mit Ketamin behandelt

Ein Spaziergang durch Berlin

Meine Girlgang ist wichtiger als alle Schwänze dieser Welt

Ich bin unter Jungs aufgewachsen. Mir wird oft gesagt, dass man das merkt. Wieso, das weiß ich selbst nicht so genau. Ich vermute mal, dass es daran liegt, dass mir einige Attribute, die man für »typisch weiblich« hält, einfach fehlen. Oder aber daran, dass ich gewisse Eigenschaften mitbringe, die als »nicht sonderlich mädchenhaft« angesehen werden. Ich kann zum Beispiel lauter rülpsen als jeder Typ, dem ich bisher begegnet bin, massenhaft Bier trinken, ohne umzufallen, sowie laut und rüpelhaft sexistische Witze erzählen und Prügeleien mit den Männern anfangen, die darüber lachen. 

Als ich jünger war, war ich verdammt stolz darauf, sagen zu können, dass ich mich mit Mädchen nicht verstehe und lieber mit Jungs abhänge. In meinen Augen machte mich das ziemlich einzigartig, und die Jungs, mit denen ich mich umgab, waren begeistert, dass ich kein »typisches Mädchen« war, das sich gerne die Nägel lackierte, shoppen ging und mit ihren Freundinnen über Jungs sprach.

Ich verbrachte meine ganze Jugend fast ausschließlich mit Jungs, hing mit ihnen nachmittags im Skatepark meiner kleinen Heimatstadt rum, stand am Wochenende total besoffen und grölend mit ihnen im Fußballstadion, lernte, wie man Joints baut, schaute meinen ersten richtigen Porno mit ihnen und war Schiedsrichterin beim obligatorischen Kekswichsen, weil ich damals noch nicht wusste, wie man als Frau abspritzt. Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, »eine von denen« zu sein, also hielt ich mich an meiner Jungsclique fest – bis ich Sophia traf.

Mit Sophia änderte sich schlagartig alles. Ich lernte sie im Physikunterricht kennen. Wir schrieben uns zuerst Nachrichten auf den Tischen. Nachdem eine fleißige Putzkolonne unsere Gespräche mit viel Scheuermittel von den alten Holzbänken entfernt hatte, wichen wir später auf immer größer und länger werdende Zettel aus, die wir für die jeweils andere an einer geheimen Stelle im Physiksaal versteckten. Ich hatte absolut keine Ahnung, dass es auch Mädchen wie sie gibt. Auch für sie war es ein Schock, dass ich keinen Penis, dafür aber zwei recht ansehnliche Brüste hatte, als wir uns nach wochenlangem schriftlichem Austausch zum ersten Mal an der Tischtennisplatte auf dem Schulhof trafen, um mal richtig miteinander zu reden.

Sophia war genau wie ich. Eher burschikos, doch sich ihrer Wirkung als Frau bewusst. Nachdem wir den ersten Schockmoment überwunden hatten, war klar, dass wir Freundinnen sein würden.

Von dem Tag an der Tischtennisplatte auf dem Schulhof an waren wir unzertrennlich. Wir gingen gemeinsam mit den Jungs zum Skatepark, zündeten uns gegenseitig die Joints an und rissen einen sexistischen Witz nach dem anderen. Wenn einer der Jungs darüber lachte, drohten wir ihm Prügel an. Am Wochenende gingen wir gemeinsam in der schäbigen Dorfdisko auf Männerjagd, und wenn die eine ein gutes Ziel erblickt hatte, ließ sie die andere an den Freigetränken, die das mit sich brachte, teilhaben. Ich hatte eine Verbündete gefunden, ohne nach ihr gesucht zu haben.

Durch Sophia eröffnete sich mir allerdings zusätzlich eine ganz andere Welt, nämlich eine, in der Frauen voll okay waren und in der es normal war, auch »weibliche Themen« zu behandeln. Bis sie in mein Leben kam, war mir überhaupt nicht klar gewesen, dass mir bisher eine Frau gefehlt hatte. Eine Frau, mit der ich übers Menstruieren sprechen konnte, über Intimrasur und über BHs – Dinge eben, von denen Jungs im pubertierenden Alter nichts wissen wollen.

Nach und nach stießen immer weitere Mädchen zu unserer Clique. Sie waren alle etwas anders, eben einfach mehr so wie wir, und wir alle hatten gemeinsam, dass wir nicht gut mit anderen Mädchen konnten. Aber zusammen entwickelten wir uns zu einem unschlagbaren Team, das auf dem Schulhof gleichermaßen geehrt und gefürchtet und von Jungs allen Alters begehrt wurde. Nur, dass Jungs uns plötzlich gar nicht mehr so interessierten wie zuvor, denn wir hatten ja uns. Und wir haben endlich erkannt, dass nicht alle Mädchen gleich doof sind, sondern richtig cool sein können, wenn man sich nur von den eigenen Vorurteilen frei macht und sich auf sie einlässt. Wir waren eine Girlgang, wie sie im Buche steht.

Unsere Mädchenclique von damals trifft sich immer noch alle zwei Jahre, um an die gute alte Zeit zu denken und die neusten persönlichen Geschichten auszutauschen. Obwohl wir uns alle in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt haben, sind wir einander immer noch wichtig. Jede von uns hat mittlerweile eine neue Girlgang gefunden, mit der sie ihre Freizeit verbringt, und wir sind uns mittlerweile alle darin einig, dass Freundinnen wichtiger sind als jeder Schwanz auf dieser Welt. Uns wurde klar, dass unsere Anti-Haltung gegenüber anderen Frauen nicht cool, sondern lediglich sexistischer Quatsch war, der dem Frauenbild, wie es uns vermittelt wurde, entsprach – und eben nicht dem, wie es wirklich ist.

Über die Jahre habe ich begriffen, dass meine frühere Verachtung für andere Frauen etwas war, das nicht aus mir selbst kam, sondern etwas, das aus der Gesellschaft auf mich einwirkte. Die Rollen für Mann und Frau waren genauestens vorgegeben, und die Frau kam dabei immer schlechter weg. Ich wollte allerdings nicht schlecht sein und hab mich deswegen an die Jungs gehalten, weil ich in ihnen Vorbilder sah. Sie waren eben auch diejenigen, die von Lehrern, Eltern oder auch Wildfremden mehr Anerkennung bekamen als wir Mädchen – ohne was dafür zu tun. Und so hab ich mich, ohne es zu wissen, schon ganz früh gegen mein eigenes Geschlecht gestellt, weil ich cool sein wollte.

Heute weiß ich, dass meine »Ich bin anders als die anderen Frauen!«-Attitüde völlig uncool war. Der anerzogene Hass von Frauen auf Frauen ist wohl eine der schlimmsten Sachen, die dem weiblichen Geschlecht, das sich sowieso schon immer gegen Männer behaupten muss, passieren kann. Und spätestens seit Beyoncé in die Welt gebrüllt hat, dass Mädchen die Welt regieren, sollte allen klar sein, dass echte Girlgangs wirklich rocken.

Mein erstes Mal war nicht schlecht, aber langweilig

Als ich das erste Mal mit einem Jungen Sex hatte – und damit meine ich das klassische Penis-in-Vagina-Spiel –, war ich 15 Jahre alt. Es passierte an einem sturmfreien Wochenende auf der Couch meiner Eltern unter erheblichem Alkoholeinfluss. Das Einzige, was mir davon in dauerhafter Erinnerung blieb, war, wie ich am nächsten Tag drei Stunden damit beschäftigt war, einen riesigen gelblich-weißen Spermafleck von dem hellbeigen Wildledersofa zu rubbeln. Wir hatten nämlich kein Kondom benutzt, und dass Sperma nach dem Vaginalverkehr zu 99,99 Prozent wieder herausläuft, statt sich den Weg ins Innere der Frau zu bahnen, hatte mir bis dato eben auch keiner gesagt.

Vermutlich würde man an dieser Stelle erwarten, dass ich dieses »lebensverändernde Ereignis« sofort im Anschluss mit meinen besten Freundinnen, die zum größten Teil ihr erstes Mal auch bereits hinter sich hatten, geteilt hätte. Dass ich ihnen jedes kleine Detail über meinen ersten »richtigen Sex« erzählt hätte. Wie zum Beispiel, dass wir stundenlang geknutscht haben, bevor es zur Sache ging, und wie es sich anfühlte, zum ersten Mal einen Schwanz in der Hand zu haben. Hab ich aber nicht. Ich empfand mein erstes Mal als so nichtssagend, dass ich es lieber verschwieg und weiterhin die Jungfrau spielte. In meinem Kopf hatte ich das perfekte erste Mal bereits geplant, und es hatte nicht einmal annähernd etwas mit dem zu tun, was an besagtem Wochenende auf der Couch meiner Eltern passiert war. Der Typ war nicht einmal ein Freund von mir gewesen, sondern lediglich eine flüchtige Bekanntschaft, die unter dem Vorwand, einen Schlafplatz zu benötigen, nach einer Party mit zu mir gekommen war.

Viel weiß ich vom eigentlichen Sex nicht mehr, außer der Sache mit dem Spermafleck und dass der Fernseher lief, während ich zum ersten Mal von einem Schwanz penetriert wurde, und dass es MTV gewesen sein muss, auf dem zu diesem Zeitpunkt bereits längst keine Musik mehr gespielt wurde, sondern eine dieser nervigen Reality-Shows, bei denen es eigentlich auch immer nur um Titten und viel Sex ging.

Was genau Sex war, wusste ich eigentlich nur dank dieser Sendungen und der BRAVO. Meine Eltern hatten mich nie aufgeklärt, denn über Sex zu reden war ihnen unangenehm, und auch der Sexualkundeunterricht in der Schule war eher beschämend als hilfreich gewesen. Statt zu lernen, wie man ein Kondom benutzt oder dass es so etwas wie Geschlechtskrankheiten abseits von HIV gibt, sammelten wir an der Tafel Begriffe, die man statt »ficken« sagen konnte, und malten Eierstockvordrucke mit Buntstiften aus, die uns irgendetwas über den weiblichen Zyklus vermitteln sollten – was genau, weiß ich bis heute nicht. Alles, was ich gelernt hatte, war, dass man vom Küssen nicht schwanger werden konnte, vom Petting aber schon, und dass Sex Spaß macht. Die Paare in den Filmen sahen zumindest immer so aus, als hätten sie viel Freude an ihren Spielchen gehabt. Deshalb war ich umso enttäuschter, dass mein erstes Mal nicht damit geendet hatte, dass mein Entjungferer und ich glücklich keuchend auf der Couch liegen blieben, sondern damit, dass ich direkt im Anschluss in die Küche gerannt war, um mir seinen herauslaufenden Saft mit Taschentüchern von den Oberschenkeln zu wischen, während er sich wieder anzog und dem Fernsehprogramm widmete.

Die Sache mit dem Sperma – und vor allem die Fleckenbeseitigung danach – war aber auch schon das Aufregendste, das ich über mein erstes Mal berichten kann. Bis auf dieses Erlebnis war es tatsächlich einfach langweilig. Ich glaube, ich hätte es cooler gefunden, wenn es wenigstens ein bisschen wehgetan hätte, aber wenn ich mich in meinem Freundeskreis so umhöre, ist das mit den Schmerzen beim ersten Sex auch so eine Sache, die man jungen Mädchen nur erzählt, damit sie Angst davor haben und möglichst lange keusch bleiben.

Man könnte meinen, ich hätte danach erst mal genug vom Sex gehabt, doch genau das – also dass mein erstes Mal so langweilig war – war es, was mein Interesse an Sex erst so richtig weckte. Ich war nie eine sonderlich fleißige Schülerin gewesen, doch übers Ficken wollte ich alles wissen. Vor allen Dingen wollte ich wissen, wie ich richtig gut im Bett werde, denn mein erster Sexualpartner schien auch nicht so viel Spaß an der Sache gehabt zu haben, wie ich mir erhofft hatte. Ich fing also an zu recherchieren, sammelte Sextipps aus sämtlichen Jugend- und Frauenzeitschriften zusammen, die mir erklärten, wie ich es einem Mann so richtig geil besorgen konnte, schnitt sie fein säuberlich aus und klebte sie in ein Ringbuch, das ich wie im Film »American Pie« »Die Bibel« taufte und nach dem Abitur feierlich verbrannte, statt es, wie ursprünglich geplant, in der Schulbibliothek zwischen Mann und Hesse für die Generationen nach mir zu verstecken. Ich habe darüber gelernt, mir beim Sex zu nehmen, was ich will, statt nur zu tun, was dem Mann gefällt.

Meine Freundinnen von damals denken, glaube ich, bis heute, ich hätte meine Unschuld ganz romantisch während eines Spanienurlaubs am Strand verloren. Vielleicht hat aber eine von ihnen mittlerweile selbst die Erfahrung von einer ordentlichen Portion Sand in der Muschi gemacht und den anderen erzählt, dass das alles nur erfunden war. Dem Typen, der mich entjungfert hatte, begegnete ich noch ein paarmal auf Partys – doch wir sprachen nie wieder ein Wort miteinander. Vermutlich fand er unseren Sex genauso nichtssagend wie ich.

Mein erstes Mal mit einer Frau

Mein zweites erstes Mal war mein erstes Mal mit einer Frau. Und ich nenne es bewusst mein erstes Mal, weil offenbar viele Menschen noch heute der Auffassung sind, dass ein »richtiges erstes Mal« nur über Penetration definiert ist, sei es nun mit einem Penis oder einem Strap-on, also einem Dildo zum Umschnallen. Spoiler: Dem ist nicht so. Generell ist Sex für mich nicht über Penetration, sondern über den Akt an sich bestimmt. Das kann vom Lecken über Fingern über Anpissen bis hin zu dem einfachen Beobachten anderer Menschen beim Geschlechtsakt alles sein.

Bevor ich das erste Mal Sex mit einer Frau hatte, hatte ich natürlich schon diverse Erfahrungen mit ihnen gesammelt. Übers Rumknutschen, Fummeln unter dem BH und über dem Höschen ging es jedoch nie hinaus. Im Nachhinein würde ich das als bloßes Ausprobieren bezeichnen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ob ich auf Männer oder Frauen stehe. Oder besser gesagt, ob ich einen Schwanz einer Muschi vorziehe oder andersrum. Ich wollte einfach schauen, was so geht. Natürlich war in mir noch immer der Wille vorhanden, beim Sex so gut wie möglich zu werden, nachdem mein erstes Mal mit einem Mann ja eher nicht so spannend abgelaufen war.

Das Mädchen, mit dem ich mein erstes Mal hatte, hieß Anne und war genauso alt wie ich. Sie war zwar auch noch Jungfrau, aber sich im Gegensatz zu mir sehr sicher, dass sie auf Frauen stand. Ich glaube, das war auch ganz gut so, sonst wäre unser Sex mit Sicherheit katastrophal ausgegangen.

Anne und ich kannten uns flüchtig aus der Schule. Sie ging in meine Parallelklasse und hatte, statt wie ich Französisch, Latein als zweite Fremdsprache gewählt. Außer einem flüchtigen »Hallo« auf dem Gang hatten wir allerdings noch nie miteinander gesprochen. Erst auf einer Klassenfahrt, bei der die gesamte Stufe zum Wandern in ein Schullandheim irgendwo im Bayerischen Wald fuhr, kamen wir uns näher. Genauer gesagt: Beim »Herzblatt« spielen. »Herzblatt« ist diese Fernsehsendung, bei der ein Kandidat aus drei anderen Kandidaten, die hinter einer Trennwand versteckt waren, seine Traumfrau oder ihren Traummann auswählen konnte, nachdem die drei Teilnehmer hinter der Wand ausführlich zu ihrem Liebesleben und zu ihren Hobbys befragt wurden. Anne wählte aus ihren drei Kandidaten, die durch ein provisorisch an der Decke befestigtes Bettlaken von ihr getrennt waren, mich. Ich schätze mal, die Entscheidung war von Anfang an klar, da die beiden anderen Teilnehmer hinter der Trennwand Männer waren, doch gefreut hab ich mich trotzdem, dass ich gegen genau diese punkten konnte.

Vor dem jubelnden Publikum, das aus unseren Jahrgangskollegen bestand, umarmten wir uns schüchtern und verließen die Bühne in unterschiedlichen Richtungen. Erst etwa eine Stunde später, als schon das ein oder andere (von den Lehrern verbotene) Bier geflossen war, kam Anne noch einmal auf mich zu und gestand mir, dass sie mich wirklich gut fand, und das auch schon länger. Während der Rest des Jahrgangs mittlerweile mit Flaschendrehen beschäftigt war, machten wir uns aus dem Staub und verschwanden in dem Zimmer, das Anne sich mit fünf weiteren Mädchen aus ihrer Klasse teilte, die aber alle noch am Feiern waren.

Es begann ganz zaghaft mit ein paar verschüchterten Küssen, doch ich hatte schließlich schon mal Sex gehabt und wollte nun unbedingt wissen, wie es mit ihr war. Also beschleunigte ich das Tempo relativ zügig, zog sie aus, widmete mich intensiv ihren kleinen, aber festen Brüsten mit den runden, hellen Nippeln und wanderte dann hinunter zwischen ihre Beine.

Obwohl ich bereits wusste, wie meine eigene Muschi schmeckt, war es doch etwas völlig anderes, plötzlich ihren Geschmack auf meiner Zunge zu haben. Ich konnte in diesem Moment auch gar nicht beurteilen, ob ich das gut oder schlecht fand, sah aber, dass es ihr Lust bereitete, und leckte sie also weiter. Als ich merkte, wie sie immer feuchter und geiler wurde, fing ich an, meine Finger mit ins Spiel zu bringen. Ich schob erst einen und dann zwei in ihre glattrasierte Muschi und stieß in immer schneller werdenden Bewegungen zu. Irgendwann war ich so auf meine Finger konzentriert, dass ich unbewusst aufgehört haben muss, Anne zu lecken, und auch gar nicht mehr darauf achtete, ob ihr das, was ich tat, eigentlich wirklich gefiel. Ich behandelte ihren Körper, wie die Jungs, mit denen ich geschlafen hatte, meinen behandelt haben. Also eher so, als hätte ich es mit einem rohen Stück Fleisch zu tun statt mit einer empfindlichen Vagina. Richtig dumm eigentlich, weil ich doch wusste, dass genau das mich selbst nie angemacht hat. Zu meinem Glück war Anne mutig genug, irgendwann einzugreifen, statt es einfach, wie ich das immer getan hatte, über sich ergehen zu lassen. Sie hat es zwar nicht offen gesagt, aber ihr »Das reicht, jetzt bist du dran!«, sprach in dem Moment schon Bände.

Ich muss ganz neidlos anerkennen, dass Anne ihre Sache besser machte als ich. Vielleicht aus dem Grund, dass sie im Gegensatz zu mir noch nie Sex mit einem Mann hatte. Zwar schaffte auch sie es nicht, mich zum Orgasmus zu bringen, doch machte ihr die Sache deutlich Spaß – und ich hatte meine wahre Freude daran, ihren blonden Schopf dabei zu beobachten, wie er zwischen meinen Beinen abtauchte und ihre Augen immer mal wieder zu mir nach oben wanderten.

Leider wurden wir relativ bald, nachdem sie angefangen hatte, sich meiner Muschi zu widmen, von wildem Gelächter auf dem Flur unterbrochen. Wir schafften es gerade noch so, uns wieder anzuziehen, die Haare halbwegs zu richten und uns auf getrennte Betten zu setzen, bevor ihre Zimmergenossinnen hereinstürmten.

Ich verabschiedete mich relativ schnell, nachdem ihre Mitbewohnerinnen zu uns gestoßen waren. Anne und ich gingen uns den Rest der Klassenfahrt mehr oder weniger aus dem Weg. Ich glaube, wir wussten beide nicht so recht, was wir von unserem Fick halten sollten, waren aber auch zu unsicher, im Nachhinein miteinander darüber zu sprechen. Ich wusste nur, dass meine Lust auf Muschis jetzt tatsächlich erst so richtig geweckt war. Der Sex mit ihr war zwar nicht unbedingt besser als der, den ich mit Männern bisher gehabt hatte, aber zumindest anders. Ich wollte mehr davon – und bekam es schließlich auch.

Lesbische Liebe auf dem Schulhof

Nach der Erfahrung, die ich mit Anne während unserer Klassenfahrt gemacht hatte, war mir klar, dass Frauen für mich mehr sind als nur gute Freundinnen. Dass ausgerechnet meine erste Liebe allerdings zu einem riesigen Skandal an meiner Schule führen würde, nun, das hatte so wohl niemand ahnen können.

Miriam und ich waren seit etwa zwei Jahren miteinander befreundet. Sie war im Jahrgang über mir und die Person, die wirklich alles von mir wusste – von den kleinsten Dummheiten, die ich je gemacht hatte, bis hin zu meinen dunkelsten Gedanken. Natürlich hatte ich ihr von meiner Zeit mit Sophia und meinem Erlebnis mit Anne erzählt – und auch davon, wie schön ich es fand, einer Frau so nah zu sein. Ich vertraute ihr an, dass ich mir vorstellen könnte, eine richtige Beziehung zu einem Mädchen zu führen. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt keine Ahnung hatte, wie eine feste Partnerschaft überhaupt ablief. Meine ersten Erfahrungen in Sachen Sex waren viel zu flüchtig gewesen, als dass man sie auch nur annähernd in die Kategorie »Beziehung« hätte stecken können. »Für mich wäre es total denkbar, mit einer Frau zusammen zu sein«, sagte Miriam mir mal. Wieso auch nicht? Wir waren uns inzwischen ziemlich einig darüber, dass Mädchen generell cooler waren als die meisten Jungs in unserem Alter, die sich entweder nur für Nerd-Kram wie Computerspiele oder aber tiefergelegte Autos mit Unterbodenbeleuchtung und möglichst viel PS interessierten. Vermutlich galten damals gewisse Regeln, wie man sich zu verhalten und welche Hobbys man zu haben hatte, wenn man entweder dem einen oder dem anderen Geschlecht angehörte. Uns jedenfalls langweilten diese Typen auf gewisse Art und Weise, weshalb wir uns sowieso fast nur noch mit anderen Girls abgaben.

Rumgeknutscht hatten Miriam und ich schon häufiger. Man macht das ja irgendwie auch so, küssen üben mit der besten Freundin. Seit ich mich vor ihr aber »geoutet« hatte (und sie vor mir), wurde das zwischen uns beiden intensiver. Wenn wir uns nachmittags bei einer von uns zum »Hausaufgaben machen« trafen – was im Prinzip nichts Anderes bedeutete, als dass uns wir den ganzen Nachmittag lang Trash-Sendungen im TV ansahen –, kuschelten wir immer häufiger auch miteinander und ließen unsere Hände gegenseitig unsere Körper erkunden. Zwar ohne »richtig« miteinander zu schlafen, aber eben doch mehr, als es gute Freundinnen normalerweise tun.

Da wir auf dieselbe Schule gingen, verbrachten wir auch alle Pausen miteinander. Für uns war es nichts Ungewöhnliches, auch dort Zärtlichkeiten auszutauschen, indem wir uns gegenseitig umarmten und zur Begrüßung oder Verabschiedung auf den Mund küssten. Es ist etwas, das Freundinnen einfach tun, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Erst, als uns die anderen Mädchen aus unserer Clique darauf ansprachen, stellten wir fest, dass wir tatsächlich häufiger Händchen hielten als bisher und dass unser Umgang miteinander sich für alle sichtbar von freundschaftlich zu »total ineinander verschossen« weiterentwickelt hatte. Ich glaube, unsere Freundinnen merkten, dass sich eine Beziehung zwischen uns anbahnte, noch bevor Miriam und ich es wahrhaben wollten.

Eigentlich lief die ganze Sache ziemlich unspektakulär weiter. Miriam und ich waren zusammen. Es gab kein großes Gespräch, das in Liebesschwüren endete. Wir waren einfach ein Paar, und nachdem wir uns das eingestanden hatten, ging es weiter wie bisher. Wir hielten weiterhin in der großen Pause Händchen, trafen uns nachmittags zum »Hausaufgabenmachen« und fingen an, miteinander zu schlafen. Ich wusste, dass ich in Miriam verliebt war und sie in mich. Es war romantisch, aufregend und schön. Eine ganz normale erste Liebe, so wie ich sie mir immer vorgestellt hatte. Dass Miriam kein Junge war, war für mich nie von Bedeutung. Vielleicht war ich damals einfach ziemlich dumm, aber dass es irgendwie doch ungewöhnlich war, wenn zwei Mädchen miteinander eine Beziehung führten, kam mir schlicht und ergreifend nicht in den Sinn. Warum auch? Wenn die Jungs sich lautstark darüber ausließen, wie geil doch Lesbenpornos seien, war das schließlich auch kein großes Ding.

Dass Miriam und ich nun richtig miteinander ausgingen, hatte sich schnell herumgesprochen. So richtig ein Geheimnis war es ja nie gewesen, an die große Glocke gehängt hatte es allerdings auch keine von uns. Immerhin war es an unserer Schule gang und gäbe, dass sich Pärchen fanden und auch wieder trennten. Vereinzelte Tuscheleien gab es eigentlich immer, wenn bekannt wurde, dass zwei Mitschüler etwas miteinander hatten. Unsere Beziehung jedoch war schon nach wenigen Tagen Gesprächsthema Nummer 1 – und brachte sowohl mir als auch Miriam den ersten »blauen Brief« unseres Lebens ein.

Der Vorwurf lautete »Unangebrachtes Verhalten auf dem Schulgelände«. Das war so weit erst einmal nichts sonderlich Außergewöhnliches, immerhin hatten wir bereits so oft trotz Rauchverbots Zigaretten auf dem Pausenhof gequalmt, dass irgendwie klar war, dass auch uns früher oder später mal ein Brief erreichen würde, den Hunderte Schüler vor uns auch erhalten hatten. Deshalb machte sich auch keine von uns Sorgen darüber, am nächsten Tag beim Direktor persönlich vorsprechen zu müssen. Man bekam einen kleinen Vortrag über die Hausordnung zu hören, musste versprechen, sich in Zukunft an die Regeln, die an dieser Schule galten, zu halten, und durfte nach der sogenannten »mündlichen Verwarnung« wieder gehen.

Was uns dann allerdings wirklich erwartete, klingt aus heutiger Sicht fast ein bisschen so, als hätte ich mir das nur ausgedacht. Es ist aber wirklich genau so passiert. Der Direktor teilte uns mit, es lägen einige Beschwerden von Eltern und Lehrern vor, die sich darüber Sorgen machten, dass wir mit unserem »unangebrachten Verhalten« andere Schüler negativ beeinflussen könnten. Was wir zu Hause im Privaten täten, ginge niemanden etwas an, doch würde man uns bitten, unsere »Angelegenheit« zukünftig nicht mehr in der Öffentlichkeit des Schulgebäudes auszutragen. Es dauerte eine ganze Weile, bis bei uns der Groschen fiel: Es ging überhaupt nicht darum, dass wir auf dem Schulhof für alle sichtbar gequalmt hatten, sondern um unsere Beziehung! Wir waren ernsthaft zum Direktor zitiert worden, weil sich eine Gruppe Leute daran störte, dass zwei Frauen kein Geheimnis aus ihrer Zuneigung zueinander machten – dabei knutschten ständig irgendwelche Hetero-Pärchen für alle sichtbar auf dem Pausenhof rum, und zumindest Gerüchte besagten, dass es nicht nur dabei blieb, sondern während Freistunden ganz gerne auch mal leerstehende Räume genutzt wurden, um eine schnelle Nummer dort zu schieben. Man hatte wohl auch schon mal ein Lehrerpaar während der Schulzeit in einer eindeutigen Position erwischt, aber dafür gab es außer dem berühmten Hörensagen natürlich keine Beweise. Und selbst wenn, wäre das mit Sicherheit nicht so schlimm gewesen, wie ein offen lesbisches Paar an der Schule zu haben, das andere Kinder eventuell zu homosexuellen Aktivitäten verleiten könnte!

Im ersten Moment waren wir beide sprachlos. Homophobie war bis zu diesem Zeitpunkt ein Wort für uns gewesen, das uns durchaus geläufig war, von dem wir uns aber nicht vorstellen konnten, dass diese Einstellung tatsächlich existierte. Liebe war Liebe, und dass es tatsächlich nicht okay war, als Frau eine andere Frau zu lieben, oder als Mann einen Mann, hatte uns bis dato nie jemand gesagt. Als wir im Büro des Schulleiters saßen und uns anhörten, dass man »solches Verhalten« hier nicht dulden würde, begriff ich zum ersten Mal, dass es so etwas wie Hass auf gleichgeschlechtliche Paare wirklich gab, auch wenn sich mir der Sinn dahinter nicht erschloss. Mathe scheiße finden? Ja! Nazis? Sowieso. Aber Homosexualität? Come on!

Miriam und ich versuchten sogar noch, uns zu erklären, unsere Beziehung zu rechtfertigen und dem Direktor darzulegen, dass wir keinesfalls etwas getan hatten, das andere Schüler zur Verletzung irgendwelcher schulischen Regeln animieren könnte, stellten aber ganz schnell fest, dass wir machtlos waren. Das Lehrerkollegium und die Elternvertretung hatten gesprochen, und so war es uns von nun an verboten, in der großen Pause Händchen zu halten oder uns auf den Fluren zu küssen.

Die ganze Sache verursachte einen ziemlich großen Knick in der Beziehung zwischen Miriam und mir. Ich fühlte mich eines großen Stücks meiner Persönlichkeit beraubt, als ich das, was ich fühlte, nicht mehr unbeschwert ausleben konnte. Bei Miriam wurden Zweifel laut, dass »lesbisch sein« vielleicht doch nicht das Richtige für sie sei und sie mit einem Typen an ihrer Seite doch irgendwie besser dran wäre als mit mir.

Etwa sechs Wochen nach der großen Ansprache trennten wir uns. Somit kann man wohl sagen, dass die homophobe Einstellung meiner Schule daran schuld war, dass meine erste Liebe zerbrach. Das ist etwas, worüber ich bis heute wirklich wütend bin – auch wenn das mit Miriam und mir vermutlich eh nicht bis in alle Ewigkeit gehalten hätte, weil wir noch viel zu jung waren für so was wie »die große Liebe«.

Sex and the Kleinstadt