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Zum Buch: 

24.12.1888. Völlig übernächtigt kommt Paul Gauguin morgens nach Hause, wo er von der Polizei verhaftet und an das Bett Vincent van Goghs geführt wird, der bewusstlos und halb verblutet daliegt. Was war am Vorabend zur Weihnacht 1888 geschehen?
In Unbedingt lebt eine Sternstunde der modernen Kunst in ihrer ganzen Dramatik wieder auf. Der Roman handelt von der Suche nach der modernen Malerei, von Freundschaft und Rivalität und verdichtet sich um ein dunkles Geheimnis, das beide Maler künftig teilen sollten.
Im Zentrum steht der unbedingte Freiheitswille zweier grundverschiedener Charaktere, vereint in ihrer Auflehnung gegen eine aus den Fugen geratene Welt zum fin de siècle.

»…Es hat seinen Preis, allein zu sein. Frei zu sein. Sehen Sie, die deutschen Philosophen haben da ein anderes Wort für frei, sie sagen unbedingt, das heißt, etwas ist nicht durch etwas anderes bedingt außer sich selbst. Das ist Freiheit. Ich glaube, es liegt in unserem Charakter, uns durch nichts und niemanden bedingen zu lassen, aber genau das ist geschehen.«


Zum Autor:

Jürgen Volk, geboren 1980, studierte Allgemeine Rhetorik, Kunstgeschichte und Philosophie in Tübingen und Paris. Er arbeitete bisher am Theater, im Museum und im Verlagswesen. Derzeit ist er u.a. als Lektor, Autor und Verleger (Verlag duotincta) in Berlin tätig.

www.duotincta.de
www.juergen-volk.com

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Zweites Vorwort zur zweiten Auflage

 

 

Es war im Sommer 2014, als ich die Korrekturen und das Vorwort zur 2. Auflage von „Unbedingt“ an den Plöttner Verlag schickte, voller Vorfreude, dass es knapp ein Jahr nach Erscheinen des Romans eine zweite Auflage geben würde. Es kam jedoch nicht dazu. Verleger Jonas Plöttner sah sich im darauffolgenden Jahr gezwungen, seinen Verlag zu schließen. Nicht nur Vorwort und zweite Auflage, sondern auch Leipzigs zweitgrößter Verlag für Belletristik waren verloren.

Umso mehr freut es mich nun, dass ich ein zweites Vorwort zur zweiten Auflage schreiben darf und der Roman – etwas, das doch seltener vorkommt – ein neues Zuhause gefunden hat, erneut veröffentlicht wird.

Ich danke Karla Paul, Verlegerin bei edel & electric, sowie Andreas und Paul Remmel, Verleger beim Bernstein Verlag, von ganzem Herzen dafür, dass sie dem Roman eine Wiedergeburt schenken. Ebenso danke ich Jonas Plöttner, dass er auf die Rechte verzichtet hat und so die Neuveröffentlichung erst möglich machte. Nicht zuletzt danke ich Lektor und Freund Ansgar Köb für das Korrektiv, das er beim erneuten Durchgang durch den Text darstellte, meinem Halt in Literatur und Leben, Geneviève Debien, für die Revision der französischen Begriffe und allen LeserInnen, die mich bisher unterstützt haben.

 

 

 

We are all guilty of crime:
the great crime not living life to the full.

 

Henry Miller (1891–1980)
Sexus, 1949

 

 

Zypressen lodern entsetzt zum Himmel. Wolken schreien,
von Furien gejagt. Da greift der Maler zum Messer.

Vincent malt Sonnen und wird zum Mörder.

 

Julius Meier-Graefe (1867–1935)
Vincent, 1925

Selbstporträts

 

 

Paul Gauguin lehnte sich in die Polster seines Sessels zurück. Die horrende Investition von 17 Francs, um im Speisewagen zu dinieren, hatte sich gelohnt. Theo van Gogh würde wohl auch dafür aufkommen müssen. Aber daran dachte Gauguin in diesem Moment nicht: er hatte eine Mission.

Es traf sich, dass sein Gegenüber am Tisch, zunächst misstrauisch seine Kleidung beäugend, doch zur Konversation bereit, und dazu ein offensichtlich wohlhabender Mann war. Monsieur de Mauriac, dem Namen nach alt-aristokratischer Abstammung, gab sich als kultivierter und kunstinteressierter Besitzer einer Großweberei in Lyon. Gauguin witterte auch bei ihm die übliche, dekadente und bourgeoise Sehnsucht nach Freiheit, Fremde und Abenteuer – die er sich natürlich zunutze machen wollte. Nur so ließ sich als Künstler leben: melke den Bourgeois.

Gauguin selbst machte sich nichts aus seiner äußerlichen Erscheinung. Er kleidete sich bewusst derb nach Seemannsart und erreichte dadurch im Allgemeinen auch die gewünschte Wirkung. Übrigens kam es stets auf die Worte an. Und als er seine ersten Sätze des Tischgesprächs in distinguiertem Französisch aussprach, horchte der Adlige auf. Er sollte ihm bald ins Netz gehen.

Man sprach über die komfortable Art zu Reisen, die das neue Zeitalter bot, wobei Monsieur de Mauriac, dem seine Vorliebe für gute Speisen an seiner Statur abzulesen war, immer wieder ansetzte, die Vorzüge der neuen Speisewagen zu loben. Trotz aller Offenheit und Beredsamkeit des alten Herrn verspürte Gauguin eine gewisse, verhaltene Distanz. Gewollt und natürlich zugleich, dezent, nicht provokativ. Doch genau das provozierte ihn, Eugène Henri Paul Gauguin. Es behagte ihm vor allen Dingen nicht, dass sein Gegenüber aristokratisch war. Nicht weil er ein übermäßiger Verfechter der republikanischen Idee war; im Gegenteil, seine bisherigen politischen Aktivitäten für den Geheimdienst der kommenden spanischen Republik hatten ihm und seinen Vorfahren bisher nur Nachteile gebracht. Es versetzte ihm jedoch stets einen schmerzlichen Stoß, wenn er daran erinnert wurde, wie jäh seine Jugend in Peru unterbrochen worden war, wie er und seine Mutter die reichen Verwandten verlassen mussten. War er nicht selbst adelig gewesen zu dieser Zeit? Sein Onkel galt in Lima und ganz Peru um vieles mächtiger als jeder Adelige Europas, ausgenommen Ostpreußen und Russland natürlich. Wie ein kleiner Prinz stolzierte er damals zwischen den bronzefarbenen Halbwilden durch die Boulevards und Gassen der Stadt. Von klein auf war ihm so die Aura der Unantastbarkeit, das dienstbeflissene Personal, das große Haus zur Gewohnheit geworden. Wäre er nicht aus diesem Haus vertrieben worden, sein Gegenüber würde ihn als ebenbürtig anerkennen müssen.

Üblicherweise legte er großen Wert darauf, die Menschen von seiner Familiengeschichte wissen zu lassen. Nur wie er dies bei Monsieur de Mauriac geschehen lassen sollte, ohne plump und unglaubwürdig zu erscheinen, wusste er noch nicht. Deshalb blieb er beim Thema und legte seinem Gegenüber weltmännisch dar, dass ihm diese Art dinierend zu reisen nicht ganz neu wäre, da er schon in England die Vorzüge dieser Erfindung genießen durfte. Obwohl Monsieur de Mauriacs Gesicht bar jeder Regung blieb, war Gauguin, der selbstverständlich noch nie in einem englischen Speisewagen gesessen hatte, davon überzeugt, einen Treffer gelandet zu haben. Er fühlte sich, wenn auch nicht überlegen, doch wieder ebenbürtig. Der Adelige erwiderte nach einer kurzen Pause, während der er das Gesicht Gauguins noch einmal aufmerksam und unverhohlen studierte, nicht ohne Süffisanz, dass zwar die Engländer womöglich als erste diese Erfindung im alten Europa einführten, aber gleichzeitig sei doch zu konstatieren, dass weder Amerikaner, noch Engländer, wenngleich sie auch die technische Vorarbeit leisteten, einen angemessenen Service bieten könnten, da ein Speisewagen erst zum Speisewagen würde, wenn darin französische Gerichte aufgetischt würden. Hier musste Gauguin lebhaft zustimmen und beide lachten einvernehmlich und lange, wobei sie sich wieder dem Essen zuwandten. In Wort und Tat – denn Monsieur de Mauriac schätzte die Themen Haute Cuisine und französischer Wein noch mehr als den technischen Fortschritt und die Eisenbahn, weshalb Gauguin beschloss, die vielversprechende Bekanntschaft vollends für sich zu gewinnen, indem er viel beipflichtete und de Mauriac den Großteil des Gesprächs führen ließ.

Nachdem das Diner beendet war und der Cognac, ein Rémy Martin, gereicht wurde – VSOP natürlich – beschloss Gauguin zur Sache zu kommen. Und so verfolgte er beharrlich seine Strategie: er war nicht mit der Türe ins Haus gefallen und hatte zuerst über Unverfängliches Konversation gehalten. Jetzt war es an der Zeit, sein Ansehen bei seinem Gegenüber wachsen zu lassen. Er begann ganz beiläufig von der Pariser Börse zu sprechen.

Monsieur de Mauriac zeigte sich begeistert, von der Beflissenheit und Kenntnis der Prinzipien des Marktes, die Monsieur Gauguin zutage legte, kam aber nicht umhin anzumerken, dass dieser von den neuesten Entwicklungen nicht unterrichtet war.

Somit war Gauguin am Ziel und konnte mit einer noch beiläufigeren Geste erklären, dass er seine Tätigkeit an der Börse – Monsieur Gustave Arosa, der Arosa, war seinerzeit sein Vormund – schon seit geraumer Zeit aufgegeben habe, um sich seiner wahren Profession zu widmen: der Malerei.

Jetzt war der kritische Punkt erreicht, eine unvermeidbare Klippe, die es zu umschiffen galt. Gauguin duckte sich innerlich kurz, und besann sich seiner eingeübten Erwiderungen für Gesprächssituationen wie diese. Doch anstatt der üblichen Reaktion, gemischt aus bürgerlichem Spott, selbstsicherer Herablassung und schierem Unglauben, überraschte der Industrie-Aristokrat Gauguin, denn er sagte nach einer kurzen Pause:

»Eines freien Mannes würdig.« Er nickte, wiederholte den Satz und begann umständlich zu diesem Schritt zu gratulieren.

Gauguin verstand nicht ganz, wähnte den älteren Herren kunstvernarrt, atmete auf, und fühlte sich sicher in den Hafen einfahren. »Eines freien Mannes würdig« – das war nach seinem Geschmack. Bevor er jedoch etwas erwidern konnte, verwies Monsieur de Mauriac auf die abgetragene Hosen und das grobe Hemd des Malers, und fragte, ob dieser, da schon in voller Montur, direkt in Lyon arbeiten wolle, oder ob er gedenke weiterzureisen. Gauguin überging, in Klugheit geübt, diese indirekte Einladung und begann stattdessen in knappen Sätzen von der Einladung, aufgrund der er in diesem Zug saß, zu sprechen: dass ihn ein holländischer Maler, der bereits geraume Zeit in Arles lebe und sich dort in einem Atelierhaus eingerichtet habe, schon mehrmals eingeladen habe; dass er diese Einladung jetzt erst wahrnehmen könne, obwohl er dadurch seine in letzter Zeit sehr fruchtbare Arbeit in der Bretagne unterbrechen musste. Nicht weil ihn, wie den Holländer, das Licht des Südens anziehe, sondern weil ihn dieser blind verehre und eingeladen habe, als Mentor in seinem Haus zu wohnen, zu malen und ihn zu lehren.

Monsieur de Mauriac nickte anerkennend mit dem Kopf und erwiderte nicht ohne Stolz, er selbst besitze eine umfangreiche Sammlung an Landschaftsmalerei, sei also in gewisser Weise ebenfalls ein Kenner, wenn auch eher vom Standpunkt des Betrachters aus, und frage sich, warum Monsieur Gauguin das Licht des Südens denn so verschmähe. Es gäbe doch Maler vom Format eines Monticelli oder des großen Delacroix, die sich das Licht des Südens zu Eigen gemacht hätten.

»Wenn Sie damit anfragen möchten, ob ich Kolorist sei, Monsieur«, antwortete Gauguin, vielleicht zu energisch, »so muss ich dies verneinen. Ebenso habe ich die Pleinairmalerei hinter mir gelassen. Worauf es mir ankommt, ist das Wahre, das Übersinnliche, das Reine und Abstrakte, in einem Wort, darzustellen, was unserer Zeit verloren ging. Hierzu habe ich eine Methode entwickelt, die ich vorerst die Primitivistische nennen möchte.«

Der Adelige neigte den Kopf leicht zur Seite und sein Blick verlor sich in einem Punkt links hinter Gauguin im Nichts, was wohl unterstreichen sollte, dass er den eben vernommenen Worten nachsinnen wolle. Mit einem Mal blickte de Mauriac seinem Gegenüber wieder mitten ins Gesicht und drückte zu seinem Bedauern sein Unverständnis aus, nicht ohne vorher mit Hilfe einiger theoretischer Exkurse zu unterstreichen, dass er in der Materie der Malerei doch sehr belesen sei, von Gauguins Malerei, zugegebenermaßen, dennoch nie etwas vernommen habe. Im Weiteren fand er auch, dass weder er noch seine Zeit etwas verloren hätten. Im Gegenteil, viel sei gewonnen worden.

»Es ist in der Tat auch schwer in Worte zu fassen, worum es uns in der Malerei geht«, setzte Gauguin erneut an: »Am besten ist in diesem Falle immer noch die Anschauung selbst. Leider reise ich ohne meine Werke. Ich habe sie aber bereits nach Arles verschickt. Wenn Sie es wünschen, sind Sie aufs Herzlichste in das Atelier meines Freundes eingeladen, dann wäre es mir nicht nur ein Vergnügen, sondern auch ein Leichtes, Ihnen meine Methode anhand der Werke zu erläutern.«

De Mauriac zögerte einen Moment und antwortete dann jovial, es ließe sich unter Umständen einrichten. Gauguin musste jetzt vorsichtig vorgehen, weshalb er beschloss, sich zurückzuhalten, um den Aristokraten wieder reden zu lassen. In Ermangelung eines Besseren, knüpfte er so an die ihm gezollte Bewunderung des Adeligen an und fragte, was es mit der vorherigen Aussage, die Malerei sei eines freien Mannes würdig, denn genau auf sich habe. Doch im Moment, da er die Frage stellte, streifte ihn die Ahnung, er hätte nach der Kunstsammlung des Adeligen fragen sollen.

»Monsieur Gauguin, Sie malen also nicht, da Sie finanziell unabhängig sind?« Diese Frage war offensichtlich nur rhetorischer Natur, denn ohne Pause fuhr Monsieur de Mauriac fort, es handele sich hierbei um eine alte Maxime, die bis auf die Römer und das alte Griechenland zurückginge, und die er als Adeliger noch heute verfechte: nicht jede Arbeit werde einem freien und edlen Mann gerecht, nur der Pöbel müsse von seiner Hände Arbeit leben. Der freie Mann hingegen ließe für sich arbeiten und verbringe seine Zeit in ziemendem Maße mit Politik, Studium und Wissenschaft. Jedoch, er wolle offenherzig sein, auch für ihn hätten sich die Zeiten geändert. Glücklicherweise dürfe er sagen, er gehöre nicht dem Teil des Adels an, der auf seinen Gütern sitzt und von Generation zu Generation mehr und mehr verarmt. Er habe die Zeichen der Zeit erkannt. Zwar habe er nicht so sehr die Muße, sich den freien oder schönen Künsten zu widmen, dafür aber müsse er auch nicht von seiner Hände Arbeit leben – seine Arbeiter und sein Kapital erledigten dies für ihn, denn die Unternehmungen gingen gut. »Aber Monsieur Gauguin …«, wandte er sich schlussendlich dem Maler zu: »Mit welchen der zeitgemäßen Künstler in Paris sind Sie zu vergleichen? Wo und mit wem stellen Sie aus?«

Gauguin wusste nun, er war erledigt. Eigentlich hätte sich de Mauriac die Finte sparen können, um direkt zu fragen, ob er von seiner Kunst leben könne. Einerlei, er und seine Freunde gehörten nun mal nicht zu den Malern des Grand Boulevard, wie van Gogh sich immer auszudrücken pflegte. Mit dem Versuch alle Kraft der Überzeugung hineinzulegen, setzte Gauguin an:

»Ich bin gerade auf der Suche nach meinem eigenen Stil und habe schon des Längeren nicht mehr ausgestellt.«

»Verstehe, Monsieur«, konstatierte de Mauriac kühl.

»Aber ich habe seinerzeit mit den Impressionisten im Salon des Indépendants ausgestellt. Auch darf ich mich als den Erfinder der Cloisonné-Technik bezeichnen, obwohl mir die Konkurrenz diese Idee streitig machen möchte. Dies war auch einer der Gründe, weshalb ich unlängst mit einem Malerfreund die von Neid zerfressenen Künstler in Paris hinter mir gelassen habe. Bis auf wenige Ausnahmen wie Seurat oder Signac waren sie mir größtenteils zuwider.« Nachdem der Aristokrat nicht zu erkennen gab, ob er die beiden immerhin schon bekannten Namen jemals vernommen hatte, fuhr Gauguin weiter fort, er habe sich mit seinem Malerfreund nach Panama eingeschifft. Dort habe er dann vieles Gutes zu Wege gebracht und einige Werke an einen holländischen Kunsthändler verkauft, der für die Galerie Goupil – Gauguin ließ auch diesen Namen kurz und ebenso erfolglos wirken – arbeitet. Von ihm werde er jetzt auch vertreten.

Auch wenn die letzte Behauptung etwas übertrieben war, machte sie keineswegs Eindruck auf Monsieur de Mauriac. Er hob die Hand, und während der Kellner die Rechnung brachte, blickte er nur kurz auf seine Uhr, beglich die Summe und erhob sich langsam. Ja, er habe von den so genannten Neoimpressionisten gelesen. Die ihm innewohnende Neugierde hatte ihn aber keineswegs die verheerenden Urteile von Zeitungen und Bekannten vergessen lassen. Es sei nun aber auch an der Zeit für ihn, in sein Abteil zurückzukehren, denn der Abend sei schon fortgeschritten und er habe noch einige Akten durchzusehen, bevor er in Lyon ankomme. Im Übrigen dürfe sich Gauguin als eingeladen betrachten, er danke für das kurzweilige Gespräch und wünsche einen schönen Aufenthalt in Arles.

Beide hatten sich nun erhoben und während ihm der Ältere die Hand reichte, bedankte sich Gauguin und ließ es auf einen letzten, fast schon verzweifelten Versuch ankommen, indem er betreffend des angesprochenen Atelierbesuchs nachhakte. De Mauriac dankte vielmals für die Einladung, wahrscheinlich werde aber die Zeit hierfür nicht reichen, denn er sei ja ein beschäftigter Mann und müsse – trotz aller Abstammung – sein Auskommen mit ehrlicher Arbeit verdienen. Gauguin überhörte die Betonung der Worte Abstammung und ehrlich, und, obwohl ihm der Alte schon den Rücken zugewendet hatte, rief er ihm nach:

»Für den Fall, dass Sie sich einmal auf der Durchreise befinden, liegt das Atelier in Arles unweit des Bahnhofes, Nummer 2, Place Lamartine.« Da drehte sich der Aristokrat nochmals um. Gauguin hoffte schon, er werde ihm seine Karte reichen, erntete unterdessen aber einen abschätzigen Blick. Sehr deutlich, ernst und nicht zu laut sagte de Mauriac, er wünsche, mit Dilettanten, Sozialisten und Anarchisten aus dem Pöbel, kurz mit dieser Unterschichtenmalerei, nichts zu tun haben zu müssen. Dann entfernte er sich.

* * *

Wütend durchschritt Gauguin die erste Klasse, die zweite Klasse und kam schlussendlich in seinem Wagon dritter Klasse an. Mühsam, aber wenig rücksichtsvoll, drückte er sich durchs überfüllte Abteil, riss seinen Seesack, mit dem er stets zu reisen pflegte, von seinem Platz und setzte sich. Er versuchte weniger heftig zu atmen, denn hier vermischten sich der Duft von billigem Lavendelwasser mit den Gerüchen ungewaschener Körper und noch nicht verzehrten Reiseproviants und stand schwer in der Luft.

Eingezwängt zwischen viel zu viele Menschen und den häufigen Stößen des schlecht gefederten Wagons ausgesetzt, war es unmöglich zu verhindern, sich an seinen Nachbarn zu stoßen. Es wurde hingenommen, ignoriert. Ihm gegenüber saß eine ausgedorrt wirkende Frau unbestimmten Alters, deren schwarzes Haar nach vorn übers Gesicht fiel. Ihr Kind hatte sich zwischen ihre Beine geklemmt und hieb zornesvoll und trotzig mit seinen roten Fäustchen auf ihren Schenkel ein. Sie schien es nicht zu bemerken und überließ den kleinen Furor sich selbst. Neben ihr saß ein Mann, der den Kopf gegen die roh gezimmerte Holzwand des Wagons gelehnt hatte und schlief oder zumindest zu schlafen vorgab. Gauguin konnte nicht erkennen, ob es sich bei dieser Reisegesellschaft um eine Familie handelte. Zerlumpt und müde wie der Rest der zusammengepferchten Gäste, bedauerte er sie dennoch, wurde sich aber zugleich bewusst, dass er in den Augen de Mauriacs mit ihnen gemein war.

Seltsamerweise fühlte er sich in Gegenwart eines Bourgeois ausgezeichnet durch seine Rolle als Künstler, auch wenn er dabei kaum jemals Aufmerksamkeit oder Respekt erfuhr. Die entgegengebrachte Verachtung wurde von ihm mit Stolz erwidert, in barer Münze zurückgezahlt und nicht selten fühlte er sich bestätigt. Ebenso, wenn auch unter anderen Vorzeichen, verhielt es sich mit seinen Künstlerkollegen.

In Gegenwart dieser gemeinen Menschen um ihn wollte sich kein Gefühl des Stolzes einstellen. Ohne die näheren Gründe und Ziele ihrer Reisen zu kennen, wusste er, jede Reise war ein Diktat der Notwendigkeit: der verstorbene Vater aus dem Provinznest, die Krankheit der Mutter, oder vielleicht auch erfreulicher, die Hochzeit des Bruders oder die Taufe einer Nichte – alle diese Gründe erlaubten, der Ausbeutung in den Fabriken und bürgerlichen Haushalten von Paris wenigstens für ein paar Tage zu entfliehen, auch wenn der letzte Sous für die lange und harte Fahrt in den Midi dafür ausgegeben werden musste. Wie in der Bretagne, so auch hier. Die Menschen kehrten für begrenzte Zeit zu ihren Wurzeln, zu ihren Familien, zu ihrem Wein, ihrem Käse und den typischen Gerichten ihrer Region zurück. Dorthin zurück, wo sie aufgewachsen waren, dorthin, wo sie sich immer noch zugehörig fühlten und wo sie am liebsten bleiben würden, reichte das Land oder das kleine Handwerk der Familie aus, um alle satt zu machen. Es war ihre Heimat. Paris konnte das nicht sein. Paris, mit seinen lauten Straßen, stinkenden Gassen und seinen raffinierten Vergnügungen zur Betäubung. Vergnügungen, inszeniert zur Zerstreuung der reichen, romantischen Bourgeoisie, deren mutigste Mitglieder sich abends in die Vororte wagten, um sich dort, an ausgewählten Orten unter die Menschen zu mischen, die sie tagsüber ausbeuteten.

Und er selbst? War er nicht auch aus Paris in die Bretagne geflüchtet? Musste nicht auch ein Maler der heutigen Zeit Bediensteter der Bourgeoisie sein, um zu überleben? Er kannte die Regeln des Marktes und wusste, er vertrieb auch nur ein besonderes Produkt, welches das Bedürfnis nach Vergnügung befriedigte. Sei’s drum, wenn sie ihn nur finanzierten. Sobald er davon leben konnte, war es ihm recht. Die Wahrheit verstehen würden sie ohnehin nicht, selbst dann nicht, wenn man sie in bunten Lettern auf die Leinwand pinseln würde. Paris, oder auch jede andere so genannte Metropole, war falsch. Er hatte es nicht nur um des billigeren Lebens willen geflohen. Der Moloch verdreckte und überdeckte die Wahrheit. Ja, vielleicht war dies der Unterschied zwischen ihm und den anderen Reisenden im Abteil: er suchte noch die Wahrheit, auch wenn keiner ihn verstehen würde. In diesem Punkt unterschied er sich. In diesem Punkt war er frei. Wenigstens in diesem, denn auch wenn er wie die anderen zur Reise gezwungen wurde, so wurde er von der Notwendigkeit nicht zu einem geliebten Ort zurückgeführt, sondern weg von diesem. Die Notwendigkeit zwang ihn, seine Freunde und Jünger in der Bretagne zurückzulassen, um wie ein Bettler von der Gunst dieses Holländers zu leben und dessen malenden Bruder zu hofieren.

Ein alter Mann trat Gauguin auf den Fuß, beinahe wäre er vollends ausgeglitten und auf ihn gefallen. Ohne weitere Entschuldigungen kämpfte sich der Alte ein Abteil weiter bis zu seinem Platz und ließ sich zwischen zwei andere Passagiere auf die hölzerne Bank fallen. Das eingeklemmte Kind schrie und schlug noch immer um sich. So hatte sich Gauguin die Reise nicht vorgestellt. Auf dem Weg in die Bretagne, spätestens im Zug nach Pont-Aven, fanden sich stets einige Seefahrer, Zecher oder Künstler, denen er Seemannsgarn vorspinnen konnte, die seinen Mut und seine Aufmerksamkeit herausforderten und die Stunden rasch vergehen ließen. Jetzt lagen bereits vier lange Stunden hinter ihm, mehr als sechs noch vor ihm.

Er rief sich das Gespräch mit de Mauriac wieder in Erinnerung, doch in dieser stickigen Luft, eingezwängt zwischen den Schultern seiner Nachbarn und dem unablässigen Rattern des Wagons ausgesetzt, schien es ihm beinahe unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. »Die Kunstsammlung!«, dachte er. Darauf hätte er eingehen sollen und nicht bereitwillig und dämlich in die Falle tappen. Die Chance war vergeben, dennoch konnte er sich, wie immer in solchen Situationen, nicht davon lösen. Ein Groll stieg in ihm hoch, dem er sich noch ein, zwei Viertelstunden hingab. Einen anderen Zeitvertreib gab es ohnehin nicht. An Lesen war bis Lyon überhaupt nicht zu denken, denn er hätte sich dicht unter die schwache, blasse Lampe stellen müssen, um die Buchstaben erkennen zu können. Bis auf seine Reiselektüre Les Misérables hatte er alle Bücher bei Bernard und Schuffenecker gelassen – und: wie sollte er im Angesicht der Wahrhaftigkeit dieses Elends über das Elend lesen? Im Übrigen war es gut, alle Bücher hinter sich zu lassen. Van Gogh würde neue Bücher, andere Bücher haben. Bücher und Gedanken, die ihm von Nutzen sein könnten. Der Holländer war eine wandelnde Bibliothek und seine Briefe waren Pamphlete. Vielleicht ließe sich davon profitieren, dachte er, vielleicht diktierte ihm die Notwendigkeit seinen Reiseweg doch mit ein wenig Nachsicht. Für die nächsten Monate, oder zumindest doch Wochen, musste er sich um das Geld keine Sorgen machen, denn er bezahlte Theo van Gogh für dessen Zuwendungen mit Werken. Konnte er darüber hinaus etwas verkaufen, so kam der Erlös allein ihm zugute. Mit etwas Glück blieb Arles nur eine Durchgangsstation! Natürlich hatte er hoch gepokert, die Brüder hingehalten und nun, gerade zu seiner höchsten Not, doch noch das Beste herausgeschlagen.

Vielleicht würde Theo einige seiner Werke verkaufen. Er schien etwas von seiner Arbeit zu verstehen. Ernsthaft, zurückhaltend wie er war, erweckte er einen Eindruck von Seriosität und Verlässlichkeit. Schwärmerisch oder enthusiastisch setzte er sich nicht für die neue Kunst ein, das musste auch gesagt werden. Aber gerade durch seinen Ernst verlieh er der Kunst, die er verkaufte, eine gewisse Würde. Ja, er war genau am richtigen Platz in der Galerie Goupil. Bei Vincent verhielt sich das anders. Was sein Bruder zu wenig an Feuer hatte, hatte Vincent zu viel. Kaum zu glauben, dass die beiden Brüder waren. Gauguin musste unvermittelt grinsen, als er sich Vincent in einer Galerie vorstellte: der Hitzkopf würde mit flammenden Worten die Kunst beschwören und gar nicht begreifen, dass seine Kunden rein gar nichts, niemals auch nur einen Hauch davon verstehen könnten. Vor seinem inneren Auge sah er Vincent eine dicke Bourgeoise so lange Ohrfeigen, bis ihr der Hut vom Kopf viel, um dann auf den herausgelösten Blumen herumzutrampeln. Oder er würde gar nichts sagen und seine Kunden schlichtweg ignorieren. So hatte ihn zumindest Toulouse-Lautrec geschildert. Woche um Woche war van Gogh zu dessen Jour fixe ins Atelier gekommen. Stets hatte er ein Gemälde mitgebracht und auf einem Stuhl in der Ecke aufgestellt. Dann war er den ganzen Abend in Gedanken versunken dagesessen, hatte am Ende des Abends sein Gemälde wieder eingepackt und mitgenommen. Aber das war nur Künstlertratsch. Er selbst hatte ihn ja, wenn auch nur fern der Gruppe, anders kennengelernt.

Gern erinnerte er sich an den Nachmittag, den er mit den Brüdern van Gogh in Theos Wohnung verbracht hatte. Er war gerade aus Martinique zurückgekehrt und die beiden kauften ihm eine Négresse ab. Zunächst war er empört, wie sie in seiner Gegenwart seine Werke auslegten, als wäre er gar nicht anwesend oder schon verloren. Nach einer Weile verstand er aber, wie unklug es wäre, die beiden Brüder in ihrem Philosophieren zu unterbrechen. Ganz in ihr Gespräch vertieft schien es, als hätten sie ihn vergessen und schmiedeten aus den Versatzstücken, die sie aus seiner Biographie und seinen Theorien kannten, eine Poetik oder ein System seiner Kunst, so schlüssig wie eine kantische Kritik – nur verständlicher. Vincent van Gogh dichtete Gauguins Werken einen Inhalt hinzu, der seine eigenen kühnsten Phantasien übertraf, und ohne genaueres über ihn zu wissen, verglich er ihn mit Romanfiguren, anderen Malern und wandte das so gewonnene Bild direkt auf den verblüfften Gauguin an, ohne ihm auch nur die Frage zu stellen, ob diese Vermutungen zutrafen. Theo unterbrach seinen Bruder, wenn dessen Spekulationen zu weit über die Stränge schlugen, Gauguin ließ es sich aber gerne gefallen und stimmte jedem literarischen Verweis lebhaft zu. So musste mit diesen Kritikern und Journalisten geredet werden. Wenn er eines in seiner Karriere als Händler gelernt hatte, dann, dass es nicht auf das Produkt, sondern auf den Verkäufer ankam. Ein jeder Maler war Produzent und Verkäufer zugleich und so ließ er die Brüder gerne in die Rolle der Verkäufer seiner Bilder schlüpfen, um dann etwas für seine eigene Strategie zu gewinnen. Ja, selbstverständlich hatten ihn seine Reisen und seine Vergangenheit in Lateinamerika gelehrt, einen unverstellten Blick auf die Natur zu werfen. Nein, er war bestimmt kein décadence. Und, gewiss, er war Pierre Lotis Schilderungen und Figuren sehr ähnlich – nur eben real. Auch er ging in die Bretagne, um dort das unberührte, ursprüngliche Leben der Landbevölkerung zu studieren und den Menschen der Großstadt mit seinen Gemälden diesen Eindruck zu vermitteln. Letzteres stimmte in der Tat mit seinen Absichten überein. Er hatte auf den Messen und in den Salons, ja selbst in den Warenhäusern, die naiven Bretagnegemälde mit ihren Bauern, Nonnen und Prozessionen im akademischen Stil gesehen und versucht, durch dieses Motiv und anhand seiner Technik das wiederzugeben, was der Welt so offensichtlich fehlte: Mythen, Visionen, Spiritualität – es war ein florierender Markt. Sicher, die Mehrheit der Menschen würde auch durch die jüngsten Errungenschaften arm bleiben. Dennoch wurden auch die Reichen, die sich irgendwann gezwungen sehen würden ihre Villen und Landsitze auszuschmücken, immer mehr. Es war ein guter Markt und es war sein erklärtes Ziel, der tonangebende Maler dieses Segments zu werden. Dass nun aber diese beiden kunstbeflissenen Männer, der eine Maler, der andere Galerist, ihn selbst als Propheten und Erleuchteten anpriesen, fand er einfach köstlich. Im Auge des Betrachters werden Produkt und Verkäufer wieder eins. Wer brauchte da noch einen verzopften Industrie-Aristokraten, wenn die Welt ihn erst einmal kennen würde? Er, Gauguin, Maler des Primitiven und Exotischen, würde Europa wiedergeben, was es verloren hatte. Das ursprünglich Ländliche gegen die verdorbene Stadt. Die gläubige Magd gegen den modernen Industriearbeiter. Das unberührte Exotische gegen die überkommene Zivilisation. Das waren Gegensätze, um ein Programm zu begründen. Und ein Programm brauchte er, denn er war nicht mehr der Jüngste.

Vincent van Gogh war naiv, ein Schwärmer und grenzenloser Romantiker, der aber dienlich sein konnte. Gauguin machte sich nichts vor, er hatte die schlechtere Hälfte der Brüder zugelost bekommen; aber auch das Schlechte führt manchmal zum Guten. Vincent war zwar weniger als die Hälfte wert ohne seinen Bruder, andererseits konnte er nur über Vincent an Theo gelangen, und der Weg zu diesem führte, wie alles in seinem Leben, über die Malerei. Dafür stand auch Vincent in Flammen. Für die Malerei allgemein, im Besonderen aber auch, und dessen war er sich voll bewusst, für ihn, Paul Gauguin. Dafür hatte er gesorgt. So naiv wie Vincent war, hatte Gauguin stets nur dessen Schwärmereien folgen, aus dessen Wortergüssen passendes herausdestillieren und ihm verklausuliert als seine eigenen Gedanken und Gefühle zurücksenden müssen, und schon war er gewonnen. Obwohl Vincent Holländer war und überdies mit einem schrecklichen Akzent sprach, gab er doch einen hervorragenden Schreiber ab. So gut, dass er manchmal Wortfiguren oder ganze Gedanken von Vincent übernahm und in Briefen an Bekannte wortwörtlich wiedergab. Auch Gauguin ihn dafür bewunderte, wusste er, dass es in der Malerei nicht auf Worte und Schwärmereien ankam, sondern auf Ökonomie und Können. Was Letzteres anging, so fehlte seinem künftigen Schützling fast alles, und wenn es auch aussichtslos war, würde er auf Wunsch der Brüder der Lehrer sein. Am Ende würde es sich bestimmt lohnen über Arles, sprich Vincent, nach Paris, sprich zu Theo, zu reisen, um endlich, nach all der Entbehrung, zu triumphieren. Über diesen Gedanken schlief Gauguin trotz der schweren, stakkatoartigen Stöße des Zuges, die durch die unkomfortablen, hölzernen Bänke noch verstärkt wurden, irgendwo auf dem Weg übers Flachland zwischen Massif central und Jura fest ein.

Ein heftiger Schlag gegen das Brustbein ließ Gauguins Herz aussetzen, und während er zu begreifen suchte, was geschehen war, stutze er vor dem jungen Mann, der auf seinem Schoß saß. Dieser trug eine rote Mütze auf seinem Kopf, schaute Gauguin an und wirkte nicht minder überrascht. »Wo ist mein Koffer, Monsieur?« Mit diesen Worten drang der Geruch billigen Weins mit solcher Heftigkeit in Gauguins Nase, dass er das Gesicht abwenden musste. »Ist die Kleine schüchtern?«, hörte und roch Gauguin ihn als nächstes sagen, gefolgt von schallendem Gelächter uniformierter Männer, die einen Halbkreis um die beiden gebildet hatten. Die Rotmütze fuhr ihm mit dem Handrücken liebkosend über die linke Wange. Gauguin stieß ihn mit solcher Wucht von sich weg, dass der Soldat seine Mütze verlor und gegen die aufschreiende Mutter und ihr Kind prallte. Polternd fiel er zu Boden und zog das Kind mit sich. Gauguin erhob sich, schob das schreiende Kind beiseite, packte den Mann vor der Brust am Revers und zog ihn zu sich nach oben, direkt vors Gesicht. Bevor er nur ein Wort zu dem Betrunkenen sagen konnte, ließ ihn ein Schlag auf den Mund zurücktaumeln. Während er das Blut auf seinen Lippen schmeckte, blickte er sich rasch um und machte genau drei weitere Soldaten um ihn herum aus. Einer der Männer, er trug einen Schnauzbart, stellte sich zwischen die beiden Kontrahenten: »Haben Sie nicht verstanden, worum Sie der Herr gebeten hat, Monsieur? Dieser Monsieur, mein ehrenwerter Freund und stolzer Zuave, sucht seinen Koffer.« Gauguin dachte kurz nach, kam aber zu dem Schluss, dass er gegen die vier nichts ausrichten konnte, weshalb er antwortete: »Ich weiß nicht, wo der Koffer Ihres Kameraden ist. Ich weiß nur eines: dass ich von ihm Rechenschaft fordere. Es ist eine Sache zwischen ihm und mir.«

»Schau an, die Süße will sich messen. Sébastien, die Süße will was von dir.«

Der jüngste der Soldaten, die Mütze wieder aufsetzend, hatte sich inzwischen einigermaßen gesammelt und wandte sich schwankend zu Gauguin: »Madame, mit Verlaub, ich habe den Eindruck, Ihr Bart ist mir doch etwas zu grob.« Die anderen Soldaten lachten wieder und klopften ihm auf die Schulter. Gauguin ließ die Augen im Winkel kreisen und rechnete sich seine Chancen im Kampf aus. Sie waren erschreckend gering. Er spannte kurz alle Muskeln seines Körpers, lehnte sich dann lässig gegen die Wagonwand und parierte: »Und bei Ihnen. Monsieur Sébastien, habe ich, mit Verlaub, den Eindruck, dass Ihre bisherigen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht weniger von praktischer Natur waren, wenn Ihnen die Unterscheidung so schwerfällt.«

Gauguin hatte keine Lacher auf seiner Seite. Die Soldaten blickten jetzt gebannt auf Sébastien, dessen Kopf, als er bemerkte, in welche Situation er geraten war, den gleichen Farbton annahm wie seine Mütze. Er wusste, ebenso wie Gauguin, dass es kein Zurück mehr gab, denn die Entscheidung wurde ihnen von den erwartungsvollen Blicken der Kameraden genommen. Urplötzlich war der Rausch aus seinem Gesicht entschwunden und es war zu beobachten, wie die Maschinerie seines Verstandes wieder einzusetzen begann. Offensichtlich schien er nach wenigen Sekunden zu einer zufriedenstellenden Lösung des Problems gelangt zu sein, denn ein schiefes Grinsen ließ seine Mundwinkel kurz aufzucken, bevor sie wieder ernst und ruhig wurden und er seinerseits parierte: »Monsieur mögen sich ja auf die Empirie verstehen, aber die Ratio scheint Ihnen fremd zu sein, denn wenn Sie zählen könnten, würden Sie Ihren Mund nicht so weit aufmachen.«

Fluchtartig verließen nun einige der Fahrgäste den Ort des Geschehens, wobei sich manche auch zwischen den Kontrahenten nach draußen drängen mussten. Gauguin wurde dadurch in die Ecke des Abteils gedrückt, wo er sich schnell wieder gegen die Wand lehnte und dann betont entspannt sagte: »Ich denke, Monsieur, dafür brauche ich nur bis eins zählen. Und das zweimal. Eins gegen eins. Das wäre eines freien Mannes würdig, denken Sie nicht?«

Der junge Soldat wurde mit einem Mal ganz bleich. Gauguin setzte nach: »Wenn ich mich nicht täusche, Monsieur, kommen wir jeden Moment in Lyon an. Dort findet sich dann sicher ein stiller Fleck, an dem der Ehre genüge getan werden kann, denken Sie nicht auch?«

Gauguin erhielt keine Antwort. Sébastiens Kameraden zeigten ebenfalls keine Reaktion. Der Maler fühlte, er gewann Oberwasser und während er sich ein Stück aus seiner Ecke heraus bewegte, wandte er sich der Gruppe zu: »Na, Ihr Süßen, ist die Kleine ein wenig schüchtern?«

Während alle vier gleichzeitig auf ihn stürzten, griff Gauguin blitzschnell hinter seinen Seesack und zog seinen Degen hervor. Unvermittelt erstarrte die ganze Gruppe. Gauguin zog eine Pirouette durch die Luft, die direkt vor der Brust des schnauzbärtigen Soldaten endete. Mit einer schnellen Bewegung drückte er die Spitze des Degens leicht in die Uniform, und alle wichen einen Schritt zurück, wobei der Schnauzbärtige selbst zu seinem Degen griff, Gauguin aber schnell reagierte, die Spitze des seinigen an dessen Kehle führte und sagte: »Ich glaube, Messieurs, der Koffer Ihres Freundes befindet sich in einem anderen Wagon. Und da wir bald ankommen, wäre es wohl besser Sie würden ihn suchen, nicht wahr?«

Der Schnauzbärtige hob die Hände, ging einen Schritt zurück und gab mit einer Geste des Kopfes das Kommando zum Rückzug.

Gauguin wartete, bis die Soldaten den Wagon verlassen hatten, griff schnell nach seinem Seesack und begab sich zur nächsten Wagontüre. Die Leute, die sich schon erhoben hatten und sich um den Ausgang drängten, um der Rauferei aus dem Weg zu gehen, machten Platz und ließen ihn passieren. Gauguin grinste übers blutige Gesicht und fühlte sich lebendig. So stand er breitschultrig und einen halben Kopf kleiner als die anderen Männer zwischen den Reisenden. Den Seesack hielt er unachtsam mit der rechten Hand über die Schulter geworfen, die linke ruhte auf dem Knauf seines Degens.

 

Ein feiner Ascheregen ging auf Gauguin nieder, als er den Zug verließ und auf den Bahnsteig des Lyoner Bahnhofs trat. Unweit sah er Monsieur de Mauriac, der ihn offensichtlich nicht sehen wollte, aus dem Zug steigen. Einige altmodisch gepuderte Bedienstete schickten sich gerade an, sein Reisegepäck aufzunehmen. Wahrscheinlich wartete draußen schon eine achtfedrige Kalesche auf den gnädigen Herrn, im Inneren mit samtenen Wagenkissen ausgelegt. Natürlich würde auch ein Bärenfell nicht fehlen, das de Mauriac über die Knie gelegt würde, damit er in der ersten Kälte dieser Oktobernächte nicht friere, bis er direkt vor der Freitreppe seines Landsitzes, trotz nächtlicher Stunde, von seiner gesamten Dienerschaft empfangen werden würde. Gauguin fühlte sich schon bei diesen Gedanken erneut gedemütigt, und dass ihn de Mauriac weiterhin ignorierte, tat seiner erst wiedergewonnenen guten Laune erneut Abbruch. Als er an ihm vorübergegangen war, begann er in wildestem argot zu fluchen, so dass jeder Bourgeois zurückgeschreckt wäre und Victor Hugo begeistert die Feder gezückt hätte. Die verdammte Kunstsammlung! Danach hätte er fragen sollen. Ob er sie besichtigen und studieren dürfe, hätte er fragen sollen! Es wurde ihm schlecht, wenn er daran dachte, wie er sich vor diesem zum Bourgeois degenerierten Aristokraten verbogen hatte, wie vornehm er dahergeredet hatte. Er verspürte den Drang, die Sache zu klären, wie eben mit den Soldaten, doch er musste sich zurückhalten. De Mauriac war bestimmt einflussreich und Gauguin war dem Gefängnis schon einmal knapp entgangen. Er brauchte nicht erst Victor Hugo zu lesen, um zu wissen, was ihn erwarten würde. Also beschränkte er sich auf dem Weg zum anderen Bahnsteig darauf, sich freizufluchen. Von all den Begebenheiten im Zug, von all den Demütigungen der Vergangenheit und von aller Sehnsucht nach der Bretagne.

Wie es schien, wollten auch die Soldaten nach Arles, denn als sich Gauguin ans Fenster des zweiten Wagons gesetzt hatte, sah er vier rote Mützen am Fenster vorbeischweben. Glücklicherweise bemerkten sie ihn nicht und nahmen irgendwo im hinteren Teil des Zuges Platz. Sonst fanden sich nur noch wenige Fahrgäste im Nachtzug ein. Endlich Platz. Jetzt, wo die Möglichkeit gegeben war, einigermaßen ungestört zu schlafen, wollte sich kein Schlaf einstellen. Erst als Gauguin Les Misérables in den Händen hielt, sah er, dass diese noch immer zitterten. Er legte das Buch zur Seite und lehnte sich zurück. Ja, er hatte sich gut geschlagen. Klar, das Überraschungsmoment war auf seiner Seite gewesen, und ein zweites Mal würde ihm das nicht gelingen, weshalb er beschloss, den Soldaten in Arles aus dem Weg zu gehen. Denn da sie eingestiegen waren, bestätigte sich seine Vermutung: Die Soldaten gehörten der legendären Zuaveneinheit an, die in Arles stationiert war. Er hoffte inständig, es käme ihnen nicht erneut der Einfall, auf Koffersuche zu gehen.

Da war er noch nicht einmal angekommen und hatte schon Feinde in Arles! Aber wieso sollte es anders sein als sonst? Es schadet nicht, sich zu messen, denn wer erfolgreich ist, hat Feinde, wer ohne Erfolg ist, hat Freunde, dachte er grimmig. Eigentlich beginnt die Feindschaft schon dort, wo die Suche nach Erfolg beginnt. Gauguin wusste das und hatte nichts dagegen einzuwenden. Er würde noch am selben Tag einen Brief an Bernard nach Pont-Aven schreiben und von der Auseinandersetzung berichten. Bernard hatte seine Fechtkünste immer bewundert und dabei zugesehen, wenn er in der Bretagne Unterricht gab. Auch wenn er nicht mehr dort war, sollte man von ihm sprechen, auf dem Fechtboden, in der Pension und am Caféhaustisch.

Die Freunde fehlten ihm schon jetzt und van Gogh würde, soviel stand fest, nur einen kläglichen Ersatz darstellen. Gauguin hatte alles getan, um den Neid seiner Malerkollegen zu wecken, bevor er nach Arles fuhr, allein, er stellte sich nicht richtig bei ihnen ein. Sein Vermieter fragte ihn, was er denn in Arles wolle, einen Olivenhain kaufen? Und Bernhard, der dabeistand, hatte daraufhin gespottet, ob er künftig seine Gemälde in Olivenöl malen wolle. Das einzige, das Gauguin bis zur Abreise auf Anspielungen wie diese mantragleich immer wieder anführte, war die berühmt berüchtigte Schönheit der Arlésiennes, die in Liedern und Reiseberichten über den Midi besungen wurden und – derer er sich annehmen würde. Dieser Gedanke stimmte ihn auch jetzt wieder freundlicher. Eine Garnisonsstadt voller Soldaten und schöner Frauen, dazu Kost und Logis frei. Gauguin war noch immer nicht begeistert, aber für eine Weile würde es gehen. Er schlug Les Misérables auf und begann im müden Licht der dritten Klasse zu lesen.

 

Am Bahnhof in Arles angekommen, schlug es gerade halb fünf Uhr morgens. Zu früh, um zu van Gogh zu gehen. Gauguin hatte eisern und in aller Höflichkeit darauf bestanden, nicht abgeholt zu werden, um, wie es seine Gewohnheit war, Fühlung mit dem neuen Ort aufzunehmen. Leider musste er aufgrund der Soldaten den Bahnhof schneller verlassen als gewollt und bedauerte es nun ein wenig, sich nicht doch per Telegramm angemeldet zu haben. Andererseits wollte er den Bruder seines Gönners nicht aus dem Schlaf reißen. Er strich lustlos durch die Straßen unweit des Bahnhofs und entdeckte ein Nachtcafé. Es war das einzige Gebäude, aus dem noch Licht durch die Fenster drang, und so trat er ein.

Es war ein Nachtcafé, wie es viele in Paris gab und die scheinbar auch in der Provinz in Mode kamen. Ein Ort mit Musik, Wermut, illegaler, aber tolerierter Prostitution und je nach Wunsch ein wenig Gesellschaft oder Einsamkeit. Mit einem Wort, genau das, wonach ihm verlangte.

Nach dem Betreten war klar, das Café de la Gare stand den üblichen Nachtcafés in nichts nach. Es bestand aus einem einzigen Raum, dessen Wände über einer hellbraunen Holzvertäfelung in einem kräftigen Rot gehalten waren, während die Decke in einem dunklen Grün komplementär abstach. Von dort hingen große Lampen in den dichten Rauch herab und verbreiteten ein diffuses, schummriges Licht. Das Publikum bestand, wie erwartet, aus Nachtschwärmern aller Art: Trinkern und Betrunkenen sowie Dirnen und Freiern, die an abgelegenen Tischen beieinander saßen, flirteten und um den Preis feilschten. Musik, die eigentliche Attraktion dieser Lokalitäten, wurde nicht mehr gespielt.

Ganz passabel für ein Provinznest wie Arles, dachte Gauguin bei sich. Natürlich hatte er während seiner Matrosenlaufbahn ganz andere Etablissements kennen gelernt, auch fehlten der Charme und der Glanz, den Paris selbst noch in seinen verruchtesten und schmutzigsten Ecken besitzt. Aber es war schon etwas. Und so bestellte er, als ihn eine attraktive, ein wenig in die Jahre gekommene Dame, wahrscheinlich die Kuppelmutter des Cafés, nach der Bestellung fragte, einen Absinth, steckte sich eine Zigarette an und war zufrieden. Ihm schwante nichts Gutes, als die Kuppelmutter zusätzlich zu seinem Absinth noch einen älteren Mann mit an seinen Tisch brachte. Beide musterten ihn, während sie auf ihn zukamen und sprachen leise miteinander. Während sie servierte, sagte der Mann: »Ja, es ist der Freund«, worauf sich die Frau als Madame Ginoux vorstellte. Es stellte sich schnell heraus, dass van Gogh ihnen das Selbstporträt als Jean Valjean, das er einige Wochen vor seiner Abreise nach Arles geschickt, gezeigt hatte. Der Mann, Joseph Ginoux, wie Gauguin erfuhr, nachdem er ihm die Hand geschüttelt hatte, zeigte sich nicht sonderlich beeindruckt und verschwand, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wieder in einen Raum am Ende der Bar, der nur durch einen Vorhang abgetrennt war. Madame Ginoux hingegen erkundigte sich, ob Gauguin eine angenehme Reise gehabt hätte, und die beiden hielten ein wenig Konversation, bis sie an einen anderen Tisch gerufen wurde. Sie versprach noch, ihn später zu Vincents Haus zu führen, dann nahm sie wieder Bestellungen auf.

Gauguin lehnte sich zurück und nahm einen Schluck Absinth. Dann hatte der Holländer also der halben Stadt sein Selbstporträt gezeigt! Er fand sich erstaunt, aber nicht verärgert. Im Gegenteil, es konnte von Nutzen sein. War Vincent van Gogh tatsächlich schon so vernarrt in ihn, dass er mit dem Selbstporträt seines ›Freundes‹ eine Prozession in den Straßen von Arles abhielt? Zwar hatte Gauguin alles Erdenkliche dafür getan, die brieflichen Beschreibungen seines Selbstporträts mit den Ideen, welche van Gogh regelmäßig per Post schickte, in Einklang zu bringen, um der Wirkung seiner Selbstdarstellung doch ein wenig an Härte zu nehmen. Denn genau besehen war das Selbstporträt eine drastische Antwort auf die überschwängliche Romantik van Goghs gewesen. Es war ein Schlag mit dem harten Knüppel der Realität. Die Worte der vorausgegangenen Briefe sollten den Schlag dann doch ein wenig abfedern, und eigentlich hätte es ihrer nicht bedurft, dachte Gauguin im Nachhinein, denn als er im Gegenzug das Selbstporträt van Goghs per Post erhalten hatte, bedauerte er mit besagtem Knüppel nicht zweimal draufgeschlagen zu haben. Dieser niederländische Schöngeist hatte sich im Dreiviertelprofil gemalt, wobei sich sein kurz geschorener Schädel scharf umrissen von einem monochromen, hellgrünen Hintergrund abhob. Er trug ein weißes, kragenloses Hemd, dessen oberstes Knopfloch von einem runden, grün-roten, und golden umrahmten Schließknopf zusammengehalten wurde. Darüber eine dunkelbraune, geschlossene Weste und einen goldbraunen, offenen Mantel. Sein penibel gestutzter Vollbart nahm die Farben des kurz geschorenen, bräunlichen Kopfhaares und des Mantels in einem hellen Goldrot wieder auf. Die goldbraunen Augen des asiatisierten Gesichts verloren sich dabei in einer unbestimmten Ferne. Vielleicht blickten sie in Richtung Japan, denn van Gogh fühlte sich seit seiner Ankunft in Arles vollends als Japaner. Die Entschlossenheit des holländisch-buddhistischen Mönches traf in ernstem Stolz auf das freudige Hellgrün des Hintergrunds und verlieh dem Selbstporträt dadurch eine kraftvolle, aber auch feinfühlige und demütige Zuversicht.

Van Gogh selbst schrieb in einem seiner langen Briefe, das Selbstporträt zeige ihn als japanischen Bonzen, einen buddhistischen Mönch, der in Einsamkeit und Meditation zum Leben stehe, denn er wolle nichts als ein Malermönch sein. Gauguin beschloss, den romantischen Mönch zu missionieren.

* * *

Vincent van Gogh hatte die Nacht über kaum geschlafen. Seine Pfeife rauchte ab vier Uhr morgens wieder und hatte seither kaum Gelegenheit, sich abzukühlen. Das Warten auf Gauguin würde also heute ein Ende finden. Immer wieder ging er durch das Haus und betrachtete das Gemäldeprogramm, mit dem er die Räume ausgestattet hatte. Wahrlich ein Gesamtkunstwerk. Sein einziger Zweck: die Ankunft Gauguins. In langen Briefen hatte er diesem das Programm erläutert. Von den Reproduktionen Monticellis und Delacroix, die er zur Inspiration in den Atelierräumen aufgehängt hatte, über die Möblierung, bis hin zum weihevollen Crescendo: vier Dichtergärten, begleitet von vier Sonnenblumengemälden, im Zimmer des Meisters Gauguin.

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