Ambra Lo Tauro

 

Zimt und Zitrone

 

Impressum

Covergestaltung: Olga Repp

Digitalisierung: Gunter Pirntke

Autorenfoto: Mademoiselle Isabelle

BROKATBOOK Verlag Gunter Pirntke

http://brokatbook.de

http://www.brokatbook-brokatmedia.com/

© 2017 andersseitig.de

ISBN

9783961183876

 

Hinweis

Das Buch ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere das Übersetzen in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlags ist es auch nicht gestattet, diese Bücher oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten oder zu verbreiten.

 

Inhalt

Impressum

Prolog

Verse

Drei Jahre zuvor, April

I

II

III

IV

V

Mai

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

Juni

XIII

XIV

Juli

August/September

XV

Oktober

XVI

November

Mai

XVII

Bridge

März/April, zwei Jahre später

I

II

III

Zwischenspiel I

Zwischenspiel II

Juni

IV

Juli

V

September

VI

Oktober

VII

Chorus

Zwei Jahre später, März

I

Mai

Juli

II

August

III

Oktober bis April

Juli

September

IV

November

V

September

VI

August bis November

VII

Dezember

April

VIII

Mai

IX

Mai

August

X

Oktober

XI

Januar

Juni

X

XI

Juli

XII

September

XIII

Oktober

XIV

November

Dezember

XV

März

Oktober

XVI

Dezember

März

XVII

Juni

XVIII

Juli

August

Die Autorin

Danksagung

 

Prolog

 

Ein Sonnenstrahl weckte Dani. Mit geschlossenen Lidern horchte sie in sich hinein. Sie fühlte sich entspannt. Ihr Schoß war warm und erfüllt, ihre Haut sehnte sich nach Berührung. Sie fuhr mit der Hand an ihrem Oberschenkel entlang. Es gab ihr ein wohliges Gefühl. Sie hatte Sex gehabt. Guten Sex.

Dani blinzelte und öffnete die Augen. Neben ihr erkannte sie den Körper des Geliebten. Sein Atem strömte regelmäßig ein und aus. Das Gesicht strahlte Ruhe aus, ein Lächeln schien es zu überziehen. Die Nähe schenkte ihr Glück.

Ohne ihn wüsste Dani nicht, wie sie die letzten Tage überstanden hätte. Sie erinnerte sich an die unendliche Traurigkeit, die erst er mit der Freude, die sein Leben begleitete, verdrängt hatte. Sie würde ihm für immer dankbar sein.

Von der anderen Seite legte sich eine Hand auf ihre Hüfte. Die Berührung fühlte sich vertraut und willkommen an.

Es war der Mann, den sie in- und auswendig kannte.

Der Mann, der sie verletzt hatte.

Der Mann, den sie trotz allem liebte.

Ihr Mann.

Ihr Mann in einem Bett mit ihrem Geliebten.

„Haben wir das gestern wirklich getan, oder habe ich das geträumt?“

 

Verse

 

Drei Jahre zuvor, April

I

 

Dani seufzte. Endlich waren die Mädchen in ihren Zimmern verschwunden, die Türen geschlossen, der Lärm verstummt. Sie lehnte ihre Stirn an den Spiegel im Flur. Einen Moment erwiderte sie den Blick aus den goldbraunen Augen, fest wie immer, aber erschöpft. Die Falten um ihren Mund waren tiefer als zu dem Zeitpunkt, als sie das letzte Mal hingesehen hatte. „Das sind doch nur Lachfältchen!“, würde ihre Mutter sagen. Dani zog ihre Mundwinkel nach hinten, ließ die Grübchen in ihren Wangen erscheinen. Ja, dann sahen die Linien freundlich aus statt alt und müde. Leider konnte sie nicht an die Lachfalten-Theorie glauben. Dazu gab es in ihrem Leben zu wenige Gelegenheiten zu lachen. Hin- und hergerissen zwischen den Kindern, mit denen sie zu wenig unternahm, und dem Job, in dem ihr wenig Verantwortung übertragen wurde, da sie zeitlich nicht flexibel genug war, erdrückte sie ihr Gewissen, egal wie oft sie von anderen oder ihrer inneren Stimme hörte, dass sie es gut genug schaffte.

Auf Zehenspitzen schlich sie an ihren Computer. Sie wollte die Ruhe nicht zerstören. Den Rechner hatte sie eingeschaltet und sich angemeldet, als die Mädchen ihre Zähne geputzt hatten. Nun konnte ihr zweites Leben beginnen. Dieses virtuelle Leben, dessen Quelle im WLAN steckte, kam ihr lebendiger vor als ihre reale, kraftzehrende Routine. Neugierig öffnete sie ihr Mailprogramm und beobachtete, wie die Nachrichten eine nach der anderen im Eingang auftauchten. Werbung - Werbung - Elternbeirat zum nächsten Kuchenverkauf - Werbung - ihre Freundin Nina, ihre Freundin Cora. Nina sagte eine Verabredung für das Wochenende ab. Der Babysitter hatte keine Zeit. Schade. Dani hätten die Frauengespräche im Real Life gutgetan, vor allem, da die Mädchen von Freitagnachmittag bis Sonntagabend bei ihrem Papa sein würden und sie die Zeit gerne genutzt hätte. Warum Ninas Mann nicht da war, um nach ihren beiden Kindern zu sehen, war klar. Er war jeden Freitag beim Sport. Es sollte nicht sein. Dann weiter zu Cora.

Die letzte Nachricht von ihr war vor über einer Woche angekommen. Es hatte Zeiten gegeben, da hatten sie täglich unzählige Nachrichten ausgetauscht, auch wenn sie sich bisher nie persönlich gesprochen hatten bis auf einen kurzen Gruß am einzigen Treffen. Kennengelernt hatten sie sich vor Jahren in einem Internet-Forum bei der Geburt ihrer ältesten Kinder. Zunächst waren sie sich nicht nahe gekommen. Dani hatte distanziert Anteil an Coras Leben genommen. Die Krise in Danis Ehe begann etwa zur selben Zeit wie die in Coras Beziehung, und sie hatten sich gefunden. Im konstanten Austausch von Nachrichten auf unterschiedlichen Kanälen hatten sie sich Halt gegeben, waren gemeinsam unglücklich gewesen, hatten sich darin bestärkt, wieder glücklich werden zu wollen, und dass sie es schaffen würden. Beide hatten sich getrennt. Beide hatten sie die Verantwortung für die Kinder geschultert. Bei beiden hatte sich das Spannungsfeld Kinder-Beruf schmerzlich gestrafft. Seit dieser Zeit bezeichnete Dani sie gerne als ihre „Handtaschen-Freundin“. Die Nachrichten rief sie zu der Zeit zumeist auf ihrem Handy ab. Somit „wohnte“ Cora in ihrer Handtasche und begleitete sie immer.

Inzwischen hatte sie eine neue Liebe gefunden. Tim war einige Jahre jünger, und Cora zerbrach sich den Kopf darüber, ob sie mit ihm eine Zukunft habe konnte. Zum Schluss folgte natürlich die Frage, was es bei Dani Neues gab.

Was sollte sie antworten? Es war lange her, dass in ihrem Leben etwas geschehen war, das unter den Begriff „Neues“ gefallen war. Trotzdem antwortete sie umgehend. Sie ging auf die Beziehung zu Tim ein und auf den Punkt, dass Cora als Mutter wie jede Frau das Recht hatte, Schmetterlinge im Bauch zu genießen. Nicht, dass Dani diese Erfahrung seit der Trennung von Oliver gemacht hätte. Sie wusste nicht, wie und wann sie einen anderen Mann kennenlernen sollte. Einen, dem sie ihre lebhaften, in Geschwister-Reibereien verstrickten Töchter zumuten konnte, der nicht erschreckt flüchten würde.

„Neues in meinem Leben? Wie sonst auch, nichts. Oli ist anständig wie immer und geht seinen Verpflichtungen nach. Er ist der gute Kerl, den ich aus einer Laune heraus verlassen habe. Es ist schwierig, anderen Respektlosigkeit und Lieblosigkeit in einer Beziehung so zu vermitteln, damit sie verstehen, dass ich nicht mehr weitermachen konnte. Außerdem geht es niemanden etwas an. So bleibe ich die Zicke. Ich kann und will dagegen nichts tun. Trotzdem ist es mir nicht egal.

Erinnerst Du Dich an Molly? Die englische Rentnerin, die ich auf Facebook kennengelernt habe? Ich bekomme öfter Nachrichten von ihr, und was sie erzählt, sind alles Dinge, die mir die Hoffnung geben, dass das Leben nochmals neu starten kann, wenn man nicht mehr als Mami gebraucht wird. Stell Dir vor, sie reist tatsächlich Nick Hollister nach und geht auf die meisten seiner Konzerte. Toll, wenn man sich selbst als „finanziell unabhängig“ bezeichnen kann. Selbst wenn ich das wohl nie haben werde, finde ich vielleicht etwas anderes, das mir den richtigen Schub geben wird.“

Sie fügte Abschiedsworte hinzu und schickte die Zeilen ab.

Inzwischen war eine Nachricht von Molly eingegangen. Ein Lächeln stahl sich in ihr Gesicht. Molly.

Ihr Kontakt war entstanden in einer Gruppe zu Danis Lieblingssänger Nick Hollister, für den auch Molly Feuer und Flamme war, auf ihre eigene, besondere Weise. Oft genug hielt sie sich nicht zurück in ihrer zynischen, sarkastischen Art, Kritik zu üben. Das gefiel Dani – einerseits war Nick ihr gemeinsamer Held, der es schaffte, ihrer beider Gefühle in Musik so treffend umzusetzen, dass es sich anfühlte, als könnte er in ihre Seele sehen. Es war, als würden sie dieselben Gefühle durchleben. Dabei zeigte er in seinen Konzerten und in Interviews seinen wachen Verstand und seine humorvolle, meist sehr spitze Zunge.

Andererseits zeigte Molly nie die devote Heldenverehrung, wie es bei anderen Fans der Fall war. Sie war eine reife Frau, kein Teenager im Rausch eines Schwarms. Dani war bewusst, wie unsinnig ihre Zuneigung zu dem Sänger war. Ihr war klar, dass sie das Bild anhimmelte, das sie sich von ihm gemacht hatte. Höchstwahrscheinlich war es weit von dem entfernt, wie er in Wirklichkeit war. Mit Molly hatte sie darüber spekuliert, was hinter dem öffentlichen Image stand. Ihre Freundin hatte dabei die Art von Humor und Nicks Art der spitzen Zunge gezeigt, so dass Dani sich nicht fragte, was eine Dame in ihrem Alter an einem Popstar fand. Sie hatte dieselbe Art mit den Dingen umzugehen wie er. Auf der anderen Seite bewies sie eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und gab Dani Vermutungen zum Besten, was Nick empfand, und was seine Meinung zu dieser oder jener Situation sein könnte. Ihre Begründungen klangen überzeugend.

Dani erinnerte sich an ihren ersten Austausch, damals noch öffentlich. Sie hatte berichtet, dass ihre ältere Tochter Nicks Aussehen mit: „Wirklich schön ist er ja nicht. Aber wenn er so aussehen würde, wie er singen kann, wäre er einer der schönsten Menschen der Welt“, kommentiert hatte. Einige Gruppenmitglieder waren entsetzt über den Frevel, den Mann als „nicht schön“ zu bezeichnen. Nach einigen einschlägigen Beiträgen meldete sich Molly zu Wort, die anmerkte, das Kind hätte offensichtlich einen schlechten Geschmack, da sie die Stimme gut fände. Dani war aufmerksam geworden, hatte gegrinst und einen ironischen Schlagabtausch mit Molly begonnen. Irgendwann waren sie von den öffentlichen Seiten in den persönlichen Kontakt gewechselt, da sie beide auf den Menschen hinter den Postings neugierig geworden waren. Seitdem tauschten sie sich über sich selbst aus.

Trotz aller Kritik an ihrem Idol hatte Molly das Haus, in dem ihre nun erwachsenen Kinder aufgewachsen waren, mit Gewinn verkauft und sich ein kleines Apartment gekauft. Die Differenz und den reichlichen Unterhalt, den ihr Ex-Mann zahlte, verwendete sie darauf, Nick Hollister auf seiner Welttournee als „ältestes Groupie der Geschichte“ zu folgen. Dani freute sich über jede ihrer Nachrichten. Neben den Geschichten, die sie erzählen konnte, schien sie sich für Danis Sicht auf die Welt und ihr Gefühlsleben zu interessieren, ob es nun Neues gab oder nicht.

Oft genug hatte Dani erlebt, dass Beziehungen in der virtuellen Welt aufflammten, eine Zeit lang intensiv waren, um plötzlich wieder abzukühlen. Wer sich nicht persönlich kannte, konnte sich nie so wichtig werden wie Menschen, die einen im wahren Leben begleiteten. Aber solange sie sich der Person nahe fühlte, genoss sie es. Das war bei Molly seit mehr als zwei Jahren der Fall.

Gespannt öffnete sie die Nachricht. Molly berichtete vom Konzert in Prag, davon, wie Charlie, der Keyboarder aus Nicks Begleitband, sich beim nachmittäglichen Fußballspiel der Band offensichtlich die Nase gebrochen hatte und mit dickem Verband auf der Bühne gestanden hatte. Nick hatte, wie nicht anders zu erwarten, Witze über ihn gerissen, ihn aber mit offensichtlicher Sorge und Anteilnahme angesehen. Dani liebte die Erzählungen aus einer anderen Welt.

Den letzten Absatz der Nachricht las sie verblüfft mehrmals durch.

„Zwischen Prag und dem nächsten Konzert in Straßburg liegt fast eine Woche. Gut für Charlie und seine Nase. Ich hatte nicht vorausgeplant, was ich dazwischen tun sollte. Heute habe ich spontan einen Restplatz in einem Flug nach Stuttgart bekommen und dachte mir, vielleicht hast Du Zeit, mich am Donnerstag zu sehen. Ich würde Dich gerne als echten Menschen erleben.“

Meine Güte, diese Frau war spontan. Es war Mittwochabend. Vielleicht war sie längst in einer Pension in Danis Nähe abgestiegen. Oder hatte zumindest ein Zimmer gebucht. Ihr Misstrauen regte sich. Sie wusste nicht, was sich wirklich hinter der Person Molly verbarg. Nicht einmal darüber, ob Molly wirklich Molly war, konnte sie sicher sein. Im Internet ließen sich Identitäten nach Wunsch kreieren. Dani selbst war unvorsichtig ehrlich, achtete aber darauf, kaum Details über ihre Kinder zu berichten. Molly, der sie auf persönlicher Ebene geschrieben hatte, kannte die Rahmendaten: dass sie geschieden war und ihre Töchter im Alter von sieben und neun sehr lebhaft und fordernd waren. Dass Dani einen scheinbar tollen, familienfreundlichen Job hatte, der sie zwar zeitlich, nicht aber emotional ausfüllte. Dani wusste über Molly, dass auch sie geschieden war, drei erwachsene Kinder und vier Enkelkinder hatte, dass sie einen guten Beruf gehabt hatte, bevor sie sich ganz der Familie gewidmet hatte. Dann stand sie mit Mitte fünfzig vor den Scherben ihres Lebens, als ihr Mann sie gegen ein jüngeres Modell ausgetauscht hatte.

Statt aus der Bahn geworfen zu werden, hatte Molly nach einigen Monaten begonnen, ihr Leben umzubauen. Angefangen hatte sie mit mehreren Tattoos, etwas, für das „der Bastard, der sie nicht länger wertschätzte“, sie wahrscheinlich ausgelacht hätte. Es folgten heftige Feiern in den Nachtclubs ihrer Nähe. Schritt für Schritt baute sie ein Leben auf, das Dani inspirierte und von ihrem eigenen ablenkte.

Vielleicht war ihr Alters-Idol tatsächlich leicht verrückt. Aber was sollte passieren? Dani schlug einen Treffpunkt in der Innenstadt für ein gemeinsames Mittagessen vor. Solange sie in der Öffentlichkeit blieb, würde sie Schutz haben, sofern es notwendig wäre. Die Zeit zwischen mittags und dem Ende der Ganztagsschule ihrer Töchter stand ihr für ihre Zwecke zur Verfügung. Das waren Termine des „Familienmanagements“ wie Gespräche mit Lehrern, bei Ärzten, Behörden, für Sport, Hausarbeit oder Überstunden, wenn es sein musste. Manchmal nutzte sie sie, um die wenigen Sozialkontakte zu pflegen, die ihr geblieben waren. Morgen hatte sie walken wollen, das Wetter sollte gut sein. Das ließ sich für ein Treffen mit Molly ändern. Mit zitternden Fingern tippte sie den Vorschlag auf ihrer Tastatur und drückte „Senden“. Drei Minuten später war die Antwort da. Das sei in Ordnung. Ob sie irgendwo essen konnten, wo eher Leute ihrer eigenen Generation waren? Dani wunderte sich. Das passte nicht zu ihrem Eindruck von Molly. Aber es störte sie nicht weiter. Sie hatte ein kleines, altmodisches Kaffeehaus am Rand der Innenstadt im Kopf, das sie selbst auch gerne mochte.

Sie fand schwer in den Schlaf, als sie das Licht ausknipste und sich unter ihre Decke kuschelte. Zu viele Gedanken kreisten in ihrem Kopf. Die Aussicht, Molly zu treffen, war aufregend.

 

II

 

Dani beeilte sich. Sie mochte als Halbitalienerin die kurzen Beine ihres Vaters geerbt haben, aber sie gab sich Mühe, sie zumindest effektiv einzusetzen. Seitdem sie permanent unter Zeitdruck stand, hatte sich ihre Geh-Geschwindigkeit deutlich erhöht.

Sie war mit ihrem Wagen bis zu einer Gegend am Rand der City gefahren, von der sie wusste, dass man neben einer Bahnlinie ohne Anwohnerausweis und Parkgebühren parken konnte. Nun musste sie einige Minuten zu Fuß bis zu dem Brunnen gehen, an dem sie sich mit Molly verabredet hatte. Ihre Arbeit hatte sie hastig verlassen, um pünktlich zu sein. Warum auch nicht? Die Dankbarkeit dafür, dass sie sich Zeit nahm, alle Aufgaben nachvollziehbar zurückzulassen, hielt sich in Grenzen. Es war eher andersherum: Wehe, es ergab sich eine Situation, in der fraglich war, wie weit sie in ihrer Sachbearbeitung war, oder etwas war nicht auffindbar. Ein spitzer Kommentar zum Thema Teilzeitarbeit aus dem Kollegenkreis war unvermeidlich. Heute war ihr das gleichgültig.

Obwohl Molly eine ältere Dame war, hatte Dani versucht, unauffällig auf ihr Äußeres zu achten. Gegenüber dieser unkonventionellen Powerfrau wollte sie nicht wie ein Mauerblümchen erscheinen. Ihre zu füllige Figur war so vorteilhaft wie möglich in Bodyforming-Jeans verpackt, das Top und Shirt im Lagenlook in Schwarz trug sie figurfreundlich unter der lässigen Jeansjacke, nach ihrer Arbeit hatte sie mehrere Armreifen übergestreift. Die Schuhe waren zu hoch, um bequem zu sein, aber niedrig genug, um als alltagstauglich zu gelten.

Ihre halblangen, vollen, dunklen Locken waren frisch gewaschen. Hier musste sie sich nicht zu viel Mühe geben, um gut auszusehen, das war einer ihrer Pluspunkte. Ihr Make-up war natürlich und unauffällig, aber sorgfältig aufgetragen. Sie hatte sich bewusst in ihrer Firma Zeit vor dem Spiegel der Damentoilette gegönnt.

Unter den Zweigen von Kastanienbäumen konnte sie am Rand des kopfsteingepflasterten Platzes den Brunnen sehen, an dem sie verabredet waren. Zügig schritt sie darauf zu und lehnte sich an den Rand. Molly war nirgends zu sehen. Einen Moment lang spielte Dani mit den Fingern im kühlen Wasser, das eine Vogelskulptur auf der Spitze des Brunnens im schmalen Strahl ausspuckte. Sie schloss die Augen und genoss den Frühling. Diese ersten warmen Tage im Jahr voller Guter-Laune-Sonne, die noch nicht stark genug war, um zu brennen, liebte sie. Der Sonnentag heute war früh im Jahr gekommen. In den Vertiefungen des Pflasters standen die Reste des gestrigen Regentages. Die Luft war angenehm klar.

Neben ihr sprach sie jemand auf Englisch an. „Hallo. Bist du Dani?“

Verärgert blickte sie auf. Was sollte das? Vor ihr stand ein nicht allzu großer, blasser Mann ungefähr in ihrem Alter in Jeans, Jeansjacke, einem verwaschenen T-Shirt und Sneakers. Auf der Nase trug er eine Piloten-Sonnenbrille, auf dem Kopf eine Baseballmütze. Keine Rentnerin.

„Ja ...? Und du?“

Er sah einen Moment auf seine Schuhspitzen und trat von einem Bein aufs andere.

„Ich weiß, ich bin nicht, was du erwartest und es ist unfair ... ich bin Molly.“

Entsetzt zuckte Dani zurück. Das war, was sie befürchtet hatte. Sie war auf eine erfundene Identität hereingefallen. Ihr Mund wurde trocken. Sie unterdrückte den Impuls, sich umzudrehen und davonzulaufen. Ihre Neugier darauf, was der Kerl von ihr wollte, gewann.

„Oh. Erklärung, bitte“, war alles, was sie hervorbrachte.

Er steckte beide Hände in die Hosentaschen und trat von einem Bein aufs andere. „Anfangs habe ich Molly genutzt, um anonym zu bleiben, um mich hinter ihr zu verstecken. Später, als wir uns näher kamen, fand ich nicht den richtigen Zeitpunkt, um zurückzurudern. Wahrscheinlich hätte ich einfach nichts mehr schreiben sollen, aber zuerst gab es in deinen Postings immer etwas, das mich zu einer Antwort reizte, und später war ich jedes Mal neugierig und wollte wissen, was du darauf sagen würdest. Statt ehrlich zu sein, habe ich versucht, so viel wie möglich von mir in die Person Molly zu packen. Es war schon lange nicht mehr okay. Entweder ich musste damit aufhören oder dir alles erklären.“ Nach einer Pause hob er verlegen die Schultern. „Jetzt bin ich hier.“

Seine Stimme klang zittrig, aber sympathisch und angenehm vertraut. In ihr herrschte Empörung darüber, an der Nase herumgeführt worden zu sein, so dass sie nicht darüber nachdachte. Es brodelte in ihr. Sie atmete tief durch, um einen Zornesausbruch zu unterdrücken und keine Szene zu machen.

Er schob die Sonnenbrille nach oben und Dani sah sein Gesicht zum ersten Mal genauer an. Sie taumelte zurück und hatte das Gefühl, als sei sie in ein Schwimmbad voller Watte getaucht worden.

„Nick Hollister???“

Verlegen grinsend legte er den Kopf schief. „Richtig. Bitte nicht so laut.“ Er schob die Brille zurück auf die Nase.

Ihr Gehirn schien vor einem Kurzschluss zu stehen. Immer wieder schossen ihr Gedankenfetzen durch den Kopf. Bevor sie sie jedoch zu fassen bekam, lösten sie sich auf.

„Das glaube ich jetzt nicht!“, entfuhr es ihr auf Deutsch. Am Anfang seiner Karriere hatte Nick Hollister einige Jahre in Berlin gelebt und verstand sie, antwortete aber auf Englisch. „Was kann ich tun, damit du mir glaubst?“

Sie schüttelte den Kopf, sah sich um. Waren da irgendwo versteckte Kameras? Leute, die einen aufwändigen Scherz mit einem Doppelgänger trieben? Sie konnte nichts entdecken. Es musste ein Traum sein. Sie schloss die Augen, schüttelte den Kopf so lange, bis ihr schwindelig war, öffnete sie wieder. Der Kerl stand noch immer da. Sie musste verrückt geworden sein.

Er berührte sie vorsichtig am Arm.

„Hattest du nicht gesagt, du wolltest zu Mittag essen? Wohin wollen wir gehen?“

Sie deutete nach rechts. Schweigend gingen sie in die Richtung. Nach ein paar Metern schaffte sie es zu antworten. „Ich glaube, ich werde nichts essen können. Etwas zu trinken wäre gut.“

Er grinste. „Schnaps um diese Zeit?“

„Schnaps wäre vielleicht das Richtige, aber Cappuccino muss es tun.“

Im Kaffeehaus nahmen sie in einer Nische bei der Garderobe Platz und bestellten Cappuccino. In Danis Kopf drehte sich ein Gedankenkarussell. Als die bauchigen Tassen vor ihnen standen, räusperte er sich.

„Bitte verzeih mir. Ich hatte nicht erwartet, mit einem Fan im Internet in einen intensiven Kontakt zu treten. Ich bin da hineingerutscht. Was kann ich tun, um es wieder gut zu machen?“

Sie starrte ihn an. „Was willst du von mir? Ich meine, es ist einerseits fantastisch, dich kennenzulernen und einen Kaffee mit dir zu trinken. Ich sollte deshalb ganz aus dem Häuschen sein. Seltsamerweise bin ich vor den Kopf geschlagen und enttäuscht, dass Molly nicht echt ist. Sie war mir wichtig geworden, und jetzt erfahre ich, dass es sie nie gegeben hat.“

Dani fühlte, wie ihre Augen glasig wurden. Jetzt gerade hasste sie es, dass sie ihre Gefühle nicht verbergen konnte. Wie gerne würde sie tough und cool bleiben. Was war los mit ihr? Nick Hollister! Hier mit ihr! Und sie trauerte darum, dass eine alte Dame aus dem Internet nicht existierte.

„Errr, ja, das ist genau der Grund, weshalb ich ein schlechtes Gewissen habe.“ Er spielte nervös mit seinen Fingern. „Sie war eine Freundin für dich, hmm?“

„Genau“, entfuhr es Dani. Sie zog ihre Augenbrauen zusammen und presste die Lippen aufeinander. Jetzt bekomme ich wegen dir mehr Falten, ging es ihr durch den Kopf. Nicks Mundwinkel folgten den ihren nach oben.

„Vielleicht können stattdessen wir Freunde sein“, sagte er schüchtern.

„Wir?“ Dani wollte den Gedanken nicht weiter verfolgen. „Wie könnte ich eine Freundin für dich sein? Ich verstehe das nicht.“

„Wieso nicht? Du bist doch auch Mollys Freundin, und im wahren Leben bin ich Molly.“ Er zog eine Brille aus der Hosentasche. Sie hatte ein breites Kunststoffgestell in Altrosa und bedeckte die Hälfte seines Gesichts. „Wie war es heute bei der Arbeit, meine Liebe?“, fragte er mit hoher Fistelstimme.

Dani lachte. „Nicht besser als sonst. Da meine Gedanken immer wieder dabei landeten, dass ich dich, Molly, bald sehe, und was du wohl gerade machst, habe ich einen Flüchtigkeitsfehler nach dem anderen gemacht und erntete viel Kopfschütteln. Dabei hatte ich keine Ahnung, was mich tatsächlich erwarten würde, Molly-Holly.“

Er setzte die Brille mit einem teuflischen Grinsen ab. „Nenn mich nicht so, sonst suche ich hier noch meine Tante Molly.“

„Deine Tante Molly?“

Er seufzte theatralisch. „Dachtest du, ich hätte mir alles ausgedacht? So kreativ bin ich nicht. Meine Kreativität beschränkt sich darauf, alle dunklen Gedanken und Gefühle in meinem Leben mit Tönen zu unterlegen und dagegen anzusingen. Für mein Alter Ego brauchte ich eine real existierende Vorlage. Meine Tante Molly, die Ex-Frau des Bruders meines Vaters, oft genannt Molly Holly, weil sie durch ihre Heirat Hollister heißt, war meine Vorlage.“

Dani legte ihren Kopf schief. „Das muss eine coole Tante sein.“

„Eigentlich nicht. Sie war so lange Vorlage, bis ich sie interessanter machen wollte, und bis ich anfing, mich selbst in die Person zu mischen.“

„Schade eigentlich. Ich hätte eine Molly wie die, die mir geschrieben hat, gerne kennengelernt. Also sie ist nicht mit dir auf Tour?“

Nick hatte die Tasse an den Lippen, als er grunzend zu lachen begann. Kaffee schoss ihm aus der Nase. Dani prustete los und reichte ihm ein Taschentuch.

„Lachst du immer so? Das ist umwerfend!“

Er putzte sich die Nase und grinste respektlos. „Ja, ich liebe es, mir milchigen Kaffee nochmals durch den Kopf gehen zu lassen“, erklärte er auf Deutsch. Seine Aussprache war sehr melodiös. Man hörte, dass seine Muttersprache Englisch und nicht Amerikanisch war.

„Das meinte ich nicht, ich meinte das Grunzen, wie ein Ferkelchen. Das habe ich so noch nie gehört, obwohl ich dich in Interviews oft habe lachen hören.“

Er zog die Augenbrauen nach oben. „Das eine ist mein berufliches Lachen, das ich lachen muss, wenn ich eine Frage zum hundertsten Mal höre und dabei so tun muss, als wäre es das erste Mal. Beruflich versuche ich, Grunzen zu vermeiden, sonst mischen sie mir daraus ein Audio-Sex-Tape und veröffentlichen es im Internet. Was du gehört hast, war mein spontanes Privatlachen mit Kaffee in der Nase.“

Sie lehnte sich entspannt zurück. „So sexy klang das nicht. Es wäre kein gutes Tape.“

Die nächste halbe Stunde alberten sie herum. Erstaunlicherweise erkannte ihn niemand. Das sei einer seiner Tricks. Gehe in Gaststätten, in denen die Generation verkehrt, die sich nicht für Bilder von Nick Hollister interessiert, und er hatte manchmal Glück. Wenn Dani darüber nachdachte, wer ihr da gegenüber saß, konnte sie es noch immer nicht glauben. Wie Molly brachte er sie zum Lachen und vertrieb den Alltagsstress aus ihrem Kopf. Sie nahm es an und genoss das Gefühl, in einem anderen Leben zu stehen. Die Uhr zwang sie dazu, den Traum zu beenden.

„Ich muss gehen, auch wenn mein Herz bricht, wenn ich dich verlasse.“ Sie griff sich mit theatralisch schmerzverzerrtem Gesicht an die Brust. „Meine Töchter werden kein Verständnis dafür aufbringen, vor der Tür zu stehen, und niemand ist zuhause.“

Er fasste sich ebenfalls ans Herz und seufzte tief verzweifelt. „Kann ich mitkommen?“

„Zu mir?“ Dani war fassungslos.

„Warum nicht? Ich kenne in diesem Ort ... Erlen ...“, er rollte den Buchstaben R in der Mitte des Ortsnamens stark, „sonst niemanden. Ich glaube, wir hatten hier schon einen Auftritt, und vielleicht kenne ich jemanden, aber ich kann mich nicht mehr klar erinnern.“ Er machte ein tief betroffenes Gesicht.

„Ja, ihr habt schon hier gespielt, ich war da. Ist deine Erinnerung getrübt von zu viel Alkohol oder von zu flüchtiger weiblicher Gesellschaft?“

„Du kennst mich. Vermutlich beides.“

„Kenne ich dich?“ Sie wechselte zu einem ernsthaften Tonfall. Daran hegte sie Zweifel.

„Das sage ich nur so. Du kennst das Bild, das von mir gezeigt wird. Manchmal stecken darin ein paar Wahrheiten, aber du weißt natürlich nicht, welche das sind. Molly kennt die Wahrheit, und durch dieses schwatzhafte alte Weib konntest du mich ein bisschen kennenlernen.“ Gegen Ende hatte seine Stimme den leichten Ton ebenfalls abgelegt.

Noch immer war ihr Gehirn einem Kurzschluss nahe bei dem Versuch, zu glauben, dass sie tatsächlich Nick Hollister vor sich hatte. Als Schutzmechanismus beschäftigte sie sich mit der Sachfrage.

„Wenn ich dich meinen Kindern vorstelle, weiß morgen die ganze Grundschule, dass du da warst. Bei Vicky würden wahrscheinlich alle sagen, das sei eine ihrer Fantasie-Geschichten, aber Elisa steht nicht in dem Ruf, Dinge zu erfinden. Ich glaube, das wäre nicht ideal.“ Sie dachte an ihre Wohnung. Nachdem sie seit dem Frühstück nicht zuhause gewesen war, stand das dreckige Geschirr noch neben der Cornflakes-Packung auf dem Esstisch im Wohnraum. Dahinter lag ihr Bettzeug auf dem Schlafsofa. Beide Töchter sollten ein eigenes Zimmer haben, deshalb schlief sie im Wohnzimmer. Es war kein Umfeld, in dem sich spontan ein Musikstar mit Millionen verkauften Alben empfangen ließ. Genau genommen war es das auch nicht, wenn sie aufräumte. Was geschah hier?

Nick sah sie auffordernd an. „Wann gehen die beiden schlafen? Kann ich danach vorbeikommen?“

Wieder fragte sie fassungslos: „Zu mir?“

„Da waren wir gerade schon. Zu wem sonst? Nachdem du Molly erzählt hast, dass du deine Kinder nicht alleine zuhause lässt, muss ich zu dir kommen, wenn ich nicht alleine sein möchte.“

„Ich habe mal gehört, Nick Hollister sei abends selten allein.“

„Es gibt verschiedene Arten des Alleinseins.“

Sie winkte der Kellnerin zu. Egal wie, sie musste weg. Die Zeit lief. Dani griff nach ihrer Handtasche, zahlte die beiden Getränke und sprang auf. „Können wir unterwegs weiterreden?“

Er folgte ihr. „Ich hätte auch gezahlt.“

„Meine Wahl, wo wir hingingen, meine Rechnung. Das konnte ich mir gerade noch leisten und kann jetzt sagen, ich habe einmal Nick Hollister eingeladen.“

„Eigentlich möchte ich viel lieber, dass du mich heute Abend einlädst“, sagte er mit einschmeichelnder Stimme.

Ein Abend mit Nick Hollister auf ihrem Sofa? Und dann? Nein, das konnte nicht sein. Die Frauen, mit denen er laut Medien Affären hatte, waren ausnehmend attraktiv und oft in der Show-Welt zuhause. Dazu gehörte sie nicht. Sie dachte in die falsche Richtung. Bei einem anderen Mann hätte Dani nur eines verstehen können, bei diesem Mann ergab es keinen Sinn.

„Was erwartest du von dem Abend?“

„Vielleicht ein Glas Wein. Da ich mit einem Mietwagen unterwegs bin, muss ich mich beherrschen, betrunkene Celebrities in Autos geben keine guten Schlagzeilen ab. So nötig habe ich sie gerade nicht. Zusammen mit dir lachen. Hauptsächlich will ich dich besser kennenlernen, unsere Frauengespräche fortsetzen.“

Sie wusste nicht, zum wievielten Mal sie an diesem Nachmittag fassungslos den Kopf schüttelte. An ihrem Auto bot sie ihm an, ihn ins Hotel zu fahren, es war kein Umweg. Unterwegs nannte sie ihm eine Uhrzeit und ihre Adresse, die er in sein Handy tippte.

„Ist das Mollys Handy, von dem aus sie mir geschrieben hat?“, wollte Dani wissen.

Er sah nicht auf, tippte weiter. „Ja. Das ist nur für Molly da. Da passen deine Daten am besten hinein.“

„Also nicht das, das Nick Hollister benutzt?“ Dann wäre es auch schnell möglich, es wieder still zu legen.

„Ja. Darin gibt es nur Molly und dich.“

 

III

 

Gegen 21 Uhr stand Nick unter ihrem Balkon. Dani hatte ihn gebeten, nicht zu klingeln, um die Kinder nicht zu wecken. Schnell betätigte sie den Türöffner und erwartete ihn im zweiten Stock.

„Jetzt kam ich mir vor wie Romeo vor Julias Balkon“, sagte er und küsste sie zur Begrüßung auf die Wange. Ihr entfuhr ein nervöses Lächeln. „Der musste hochklettern, soviel ich weiß.“

Er zog eine Flasche Wein aus einer Papiertüte. „Picknick“.

Sie musterte das Etikett des Rotweins. „Hmm, Barbera. Absichtlich ein Italiener?“

„Du sagtest doch, soviel Heimatliebe hättest du.“

Auch Dani hatte sich daran erinnert, dass sie das Molly erzählt hatte. Ihr Vater stammte aus Sizilien, ihre Mutter aus Süddeutschland. Wein trank sie gerne aus Italien, wenn auch nicht aus Sizilien. Schön, dass er sich daran erinnerte.

Sie ging in ihre kleine Küche. Dani war keine begeisterte Küchenfee, und der Wohnbereich mit einem Essplatz für sechs war nur wenige Schritte entfernt. Normalerweise war sie sehr zufrieden mit ihrer Wohnung, heute war ihr die zweckmäßige Größe für drei Personen unangenehm. Wie sie wohl auf Nick wirkte? Sie hatte gelesen, er wäre in einer wohlhabenden Familie aufgewachsen. Sein Vater hatte bei der Polizei einen hohen Rang erreicht, seine Mutter hatte Geld mit in die Ehe gebracht. Er selbst hatte inzwischen ganz andere Sphären erreicht. Im Küchenschrank standen die guten Weingläser, die aus ihrer Ehe mit Oliver stammten, in der sie weniger bescheiden hatte sein müssen. Gerade jetzt war sie froh darüber.

Sie stellte die Weingläser auf den Tisch und öffnete die Flasche.

„Muss er noch atmen?“ Schade, dass Oliver den Dekanter mitgenommen hatte. Sie schenkte direkt in die Gläser ein.

Nick zuckte die Achseln. „Ich mag Wein, aber ich bin kein Kenner und Experte. Vermutlich sollte er atmen, aber ich habe meistens nicht die Geduld.“

Danis Lächeln spiegelte sich auf seinem Gesicht.

„Wie wäre es mit einem Glas Wasser für den Durst zuerst? Oder Tee? Allerdings habe ich gerade keinen englischen Tee da. Marokkanische Minze biete ich an.“

„Wenn du niemanden erzählst, dass so ein harter Kerl wie ich Tee trinkt ...“

„Deine Geheimnisse sind bei mir sicher.“

Er folgte ihr in die Küche und stand dicht neben ihr. Sie goss den Tee in zwei ihrer besseren Tassen auf, die sich hinter denen vom Weihnachtsmarkt und denen mit Darth Vader und Meister Yoda versteckten. Sein Blick fiel auf den Kühlschrank, auf den mit Magneten Postkarten mit verschiedenen Sprüchen befestigt waren.

„Bräuche? Brauch ich nicht“, las er auf Deutsch vor. Nach einem Moment fragte er: „Ist das so?“

„Ich finde, ich sollte nie etwas tun, weil es üblich ist. Meine Eltern ermahnten mich oft mit ‚das macht man so‘. Ich mache Dinge, wenn ich sie für richtig halte. Das mag manchmal dasselbe sein, aber ich möchte immer darüber nachdenken und mich entscheiden. Außerdem habe ich ‚bis dass der Tod euch scheidet‘ vor einiger Zeit beiseitegelegt.“

„Wie viele andere auch“, warf er ein. „Glaubst du, dass es dieses ‚happily ever after‘ aus dem Märchen gibt?“

„Glücklich sicher nicht, da funkt das Leben dazwischen. Ich glaube nicht, dass es immerwährendes Glück gibt. Selbst bei Cinderella kommt nach der Hochzeit etwas, das uns nicht erzählt wird. Aber für immer mit dem gleichen Mann zusammen sein und damit zufrieden sein? Manche bekommen das hin. Unmöglich scheint es nicht zu sein. Ich habe es nicht geschafft. Was denkst du?“

„Ich möchte daran glauben. Andererseits schreibe ich viele Lieder darüber, dass es nicht so ist. Viele Leute finden sich darin wieder. Mir ist bisher mehr Schmerz als Märchen begegnet.“ Sein ironischer Tonfall stand im Gegensatz zu seinen eher bitteren Worten.

Der Tee war fertig. Dani führte Nick auf den Balkon. Nach dem Winter wollte sie so viel wie möglich im Freien sein, obwohl es kühl war. In Jacken gehüllt und mit Decken auf den Beine ging es. Sie stellte eine Kerze bereit. Bei Tee und einem Glas Wein danach unterhielten sie sich über ihre Weltanschauungen und grundsätzliche Werte. Dani war beeindruckt von den vielfältigen Ansichten des Musikers. Dieses Mal kamen keine Albereien von ihm, stattdessen warf Nick tiefgründige Punkte durch eine Clownerei nach oben wie einen Basketball vor dem Korb und brachte sie zum Lachen. Das war so ganz anders als seine melancholischen Songtexte. Dani sprach ihn darauf an.

„Ich rede normalerweise nicht über Gefühle. Das hat man mir nicht beigebracht. Meine Mutter wahrte immer alle gesellschaftlichen Regeln, dazu gehörten Gefühle nicht. Und mein Vater ... nun, er konzentriert sich auf andere Dinge im Leben. Disziplin ist ihm wichtig, Gefühle stören. Mit der Musik habe ich einen Weg gefunden, sie mitzuteilen, ohne darüber zu sprechen. Weil ich damit erfolgreich bin, ist es meinen Eltern nicht mal peinlich.“ Er zog eine Grimasse.

„Armer kleiner Nicholas“, sagte Dani wie zu einem Kleinkind, änderte den Tonfall aber sogleich. „Heute Abend hast du mit mir über einiges gesprochen, auch über Gefühle. Nicht immer ernsthaft, aber immerhin.“

Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Stimmt. Erstaunlich, nicht? Es ist leicht für mich, zu dir Vertrauen zu fassen. Selbst wenn wir einmal unterschiedlicher Auffassung sind, liegen unsere Vorstellungen nahe beieinander. Wenn wir uns zusammen täten, könnten wir wirklich etwas bewegen. Das wäre dann natürlich in die Richtung, die ich gut fände."

Sie lachte. „Dumm nur, dass ich etwas gegen Diktatoren habe, so gut ihre Absichten auch sein mögen. In einer Demokratie reichen unsere vereinten Stimmen nicht aus."

Eine Weile saßen sie schweigend beieinander und betrachteten die flackernde Kerzenflamme. Irgendwann seufzte sie: „Es ist spät geworden. Ich wünschte, der Abend würde nicht zu Ende gehen, aber ich muss morgen früh die Kinder aus dem Haus Richtung Schule bringen und arbeiten gehen.“

Er betrachtete sie schweigend; atmete dann tief ein und lehnte sich zurück. „Du arbeitest bis Mittag. Und danach?“

Sie zögerte. „Freitags haben die Kinder früher Schule aus. Nach dem Essen holt sie Oli gegen 15 Uhr ab, wenn sie bei ihm sind wie in dieser Woche. Zuvor und danach erledige ich normalerweise einiges im Haushalt ... aber wie lange bist du in der Stadt? Ich könnte das verschieben.“

Sie hätte die Worte gerne zurückgenommen. Als wäre der Haushalt wichtiger als die Zeit mit ihm. Sie hatte ihr Leben so straff organisiert, dass sie es in der Regel nicht zuließ, dass etwas seinen Ablauf störte. An Oli-Wochenenden war freitags Haushalt dran, samstags ein konzentrierter Einkauf von den Dingen, die nicht wöchentlich nötig waren. Am Nachmittag wurden die Dinge erledigt, die in den letzten zwei Wochen aufgelaufen waren. Diese Woche wäre Fensterputzen an der Reihe. Das war definitiv aufschiebbar, dafür nahm sie sich sowieso nur etwa drei Mal im Jahr Zeit. Der spätere Freitagnachmittag, Samstagabend und Sonntagvormittag waren die Zeiten, in denen sie loslassen konnte und sie selbst sein durfte. Alle zwei Wochen.

Die Zeit mit Nick war etwas Besonderes. Sie musste entspannter sein.

Er nickte. „Am Sonntagabend muss ich in Straßburg sein. Ich dachte, ich fahre mit dem Mietwagen. Dreieinhalb Stunden müssten es sein, also werde ich nachmittags losfahren. Dann komme ich morgen gegen 15.30 Uhr zu dir.“

Nick stand auf und küsste sie zum Abschied wieder auf die Wange. Dani brachte ihn zur Wohnungstür und ging zurück auf den Balkon. Bevor sie das Geschirr wegräumte, beobachtete sie ihn, wie er voller Energie zum Wagen ging. Er sah zu ihr hoch, winkte und fuhr auf die Straße. Dani setzte sich und schloss die Augen. Alles drehte sich. Ihr sonst so gewöhnliches Leben schien abgehoben zu haben. Sie konnte es noch immer nicht glauben, auch wenn sie zwischendurch vergessen hatte, wer dieser sympathische Kerl war, mit dem sie plauderte.

Sympathisch war er, mehr als das. Wenn er kein Promi wäre, sondern ein Mann, der aus ihrer Welt stammte, würde sie andere Pläne schmieden. So wie es war kniff sie die Lippen zusammen und hämmerte sich ein, sich nicht in ihn zu verlieben. Das konnte nur böse enden. Er spielte nicht nur in einer anderen Liga, sondern in allen anderen Ligen der Welt. Sie lag lange wach und versuchte, sich am Träumen zu hindern.

 

Es war 15.32 Uhr, als es an der Tür klingelte. Sie steckte in Jeans, T-Shirt und Hausschlappen, die Haare waren mit einem Haarband gebändigt. Zum Glück war sie gerade mit dem Staubsaugen fertig geworden und hatte die Klingel gehört. Sie war überrascht, dass er so pünktlich war.

Dieses Mal lehnte sie sich zu ihm und gab ihm ein Begrüßungsküsschen. Er roch warm und würzig. Zimt, erkannte Dani, und noch etwas anderes, Gegensätzliches. Basilikum, dachte sie.

„Wobei bist du gerade?“, fragte Nick nach dem Hallo.

„Ich muss nur noch das Badezimmer putzen. Das kann ich Sonntagnachmittag machen.“

„Da kommen doch deine Mädchen zurück, oder? Mach dir keinen Stress. Ich erledige das, mach du dich fertig.“

Sie hatte das Gefühl, als hätte ihr jemand in den Nacken geschlagen. „Du willst mein Badezimmer putzen?“

„Warum nicht? In dem Internat, in dem ich war, wurden wir zu kleinen Putzteufeln ausgebildet. Das war ein Teil der Disziplin, die uns dort eingetrichtert wurde. Zwar bin ich froh, wenn ich es nicht machen muss, aber ich kann es immer noch.“

Sie wusste nicht, ob er es wirklich ernst meinte, hielt aber nichts davon, den höflichen Tanz mit „Das ist doch nicht nötig!“ aufzuführen. Also zeigte sie ihm, wo die Putzutensilien standen, und ging in Elisas Zimmer, wo sie ihre Sommerkleider und die Unterwäsche aufbewahrte. Die Winterkleider waren in Vickys Raum. Sie hatte sich für ein Sommerkleid entschieden, das mit einer Jeansjacke als casual durchging und mit entsprechendem Schmuck zu ihren schicken Kleidungsstücken gehörte. Sie schlüpfte ins Gäste-WC, um sich die Haare zu bürsten und Lipgloss aufzutragen. Nick wartete auf einem der Stühle am Esstisch.

„Ich nehme an, dass du meine Putzfee warst, gehört auch in die Geheimnisschublade zu dem Tee?“

„Unbedingt!“, sagte er in gespieltem Ernst.

„Also ... was machen wir jetzt?“

„Was würdest du normalerweise machen an einem Freitagnachmittag und -abend?“

„Wenn ich hier soweit fertig bin, gehe ich ins Sportstudio und treffe mich später mit meiner Freundin zum Quatschen oder fürs Kino. Hat Nina keine Zeit, lege ich mich in die Badewanne und höre Musik.“ Deine, fügte sie in Gedanken hinzu.

„Hatte deine Freundin heute Zeit für dich?“, fragte er wachsam.

„Nein. Sie hat vorgestern abgesagt.“

Er nickte. „Gut. Wenn ich mitbekommen möchte, wie dein Leben ist, sollte ich mit dir zum Sport kommen. Allerdings habe ich dafür nicht die richtige Kleidung dabei ...“

Sie winkte ab. „Das ist ein Studio für Frauen, lassen wir das. Gehen wir lieber spazieren, das Wetter ist gut.“

„Okay. Danach können wir entweder irgendwohin gehen, wo du dich mit deiner Freundin treffen würdest. Oder du legst dich in die Wanne und ich spiele Gitarre und singe für dich.“ Er sah sie herausfordernd an. Ihr wurde heiß. Sie hob abwehrend die Hand.

„Ein Privatkonzert wäre ein Traum, aber ich hätte dabei lieber etwas an.“

„Schade. Du wärst ein interessantes Publikum.“

Sie holte tief Luft. Was sollte das? „Täusch dich mal nicht. Ich wette, du siehst oft weitaus Schöneres als meinen Schwabbelbauch und meine Cellulitis-Schenkel.“

Er blinzelte einen Moment, da sie die Worte auf Deutsch gesagt hatte. Das englische Vokabular fehlte ihr. Offensichtlich verstand er sie. Nach kurzem Zögern antwortete er: „Vielleicht will ich mal etwas anderes.“

War sie das für ihn, etwas anderes? Sie reckte ihr Kinn. „Für ein bisschen Abwechslung solltest du an anderen Orten suchen. Ich bin kein junges Mädchen mehr, das Abenteuer sucht.“ War ich nie, dachte sie, auch wenn ich es gerne gewesen wäre.

Erschrocken schüttelte er den Kopf. „Nein, nein, so war das nicht gemeint. Lass uns doch einfach bei Plan A bleiben. Wohin gehst du mit deiner Freundin? Ist etwas dabei, wo ich Glück haben könnte und keine Horde Autogrammjäger oder ein Reporter auftaucht? Kino muss heute nicht sein, vielleicht ein anderes Mal.“

Ein anderes Mal? Hieß das, er plante andere Male? Schnell fing sie ihren hüpfenden Geist ein und dachte über seine Fragen nach. „Darin habe ich keine Erfahrung. Deshalb bin ich mir unsicher. Vielleicht sollten wir nicht in die City gehen, wo ich mich mit Nina treffen würde. Zwei Straßen von hier ist ein kleines, italienisches Restaurant, in das ich mit meinen Kindern ab und zu gehe, sehr familiär, eher Stammgäste, der Wirt kennt mich und plaudert gerne mit mir. Du wirst dort vielleicht erkannt, aber wenn wir Glück haben, haben die Leute Respekt vor meiner Privatsphäre. Oder sie können sich sowieso nicht vorstellen, dass ich mit Nick Hollister dort auftauche. Also, hast du Lust auf Pizza?“

„Wieso nicht? Und vorher spazieren gehen?“

Sie nickte ihm zu, schlüpfte in Sneakers und ihre Jeansjacke.

 

Dani deutete nach links, um ihn auf dem schnellsten Weg durch ihr Wohngebiet zum Fluss zu leiten. An dieser Seite der Stadt war es weniger schön, aber dafür erwarteten sie weniger Menschen dort, auch wenn sie ihm gerne die schönsten Gesichter ihrer Stadt gezeigt hätte.

Sie kannten sich nicht gut genug, als dass die Worte von selbst sprudelten.

„Erzähl mir von deinen Kindern", suchte Nick den Einstieg ins Gespräch.

„Victoria und Elisa, ein großes Thema."

„Wie kamen sie zu den Namen? Beides sind berühmte englische Königinnen."

Dani sah ihn anerkennend an. „Du hast den richtigen Punkt getroffen. Ich liebe englische Geschichte, weit mehr noch als die deutsche oder italienische. Sie ist so ... geradlinig, zumindest seit Wilhelm dem Eroberer. Es gibt eine Königslinie, anhand derer man durch die Epochen gehen kann. Allein die Rosenkriege haben etwas durcheinandergebracht. Hätte ich einen Sohn gehabt, hätte er Henry geheißen."

Er sah sie verblüfft an. „Henry?" Er zögerte, blickte auf seine Schuhe, dann fragte er: „Nach welchem der vielen?"

„Nach Henry II, Henry Plantagenet. Er und Eleonore von Aquitanien sind cool."

Nick schüttelte grinsend den Kopf. „In meiner Schulzeit wollte ich Historiker werden. Aber ich stehe mehr auf Henry V, den Heldenkönig."

Sie strahlte ihn an. Es war das erste Mal, dass jemand nicht mit verwundertem Unverständnis auf ihre Leidenschaft reagierte. „Was hat dich abgehalten?"

„Historiker sind nicht cool. Außer Indiana Jones vielleicht."

„Der ist Archäologe."

„Siehst du. Ich bin so wenig cool, dass ich nicht einmal den Beruf von Mr. Jones kenne, da muss ich nicht noch im Tweed-Sakko Pfeife rauchend am Kamin in ledergebundenen alten Büchern lesen. Halt, Moment, die könnten Feuer fangen. Besser coolere Karrierewege einschlagen. Polizist hat schon bei meinem Vater gut gewirkt, immerhin bekam er meine Mutter. Aber erzähl weiter von deinen Töchtern."

„Victoria , kurz Vicky, seit Februar neun Jahre alt, ist musisch veranlagt, singt und tanzt. Sie ist ein Bühnenkind, das sich bei jeder Gelegenheit in Szene setzt. Sie redet einen in Grund und Boden, plappert ständig. Gleichzeitig ist sie sensibel, klug und aufmerksam, beobachtet sehr gut, was um sie herum passiert. Sie ist lustig. Als ganz kleines Mädchen sagte sie über ein Video mit dir an der Gitarre: ,Schau mal, Mama, ein Geigenschläger'. Elisa ist sieben Jahre alt und unglaublich wissensdurstig. Sie will wissen, wie die Dinge funktionieren, will die Welt verstehen. Sie ist eines dieser Kinder, die die Dinge auseinanderbauen, um sie zu begreifen. Regeln sind ihr wichtig, sie braucht Strukturen. Als ich einmal aus Zeitnot heraus ohne Fahrkarte in einen Zug steigen wollte, weigerte sie sich, mitzukommen. Vicky schwebt, Elisa ist geerdet. Am Anfang hatte ich gedacht, Elisa sei ein stilles Kind, aber ihr ganzes Leben mit Vicky zu verbringen, hat sie geprägt. Inzwischen redet sie genauso viel. Allein schon diese Dauerbeschallung, unter der man bei den Mädchen steht, ist sehr anstrengend. Wenn dann noch dazu kommt, dass sie dauernd streiten, liegen meine Nerven manchmal blank."

„Worüber streiten sie?", fragte Nick interessiert. „Meine große Schwester ist vier Jahre älter als ich, und sie ist niemand, mit dem man streitet. Das ist nicht ihre Art. Meine kleine Schwester ist neun Jahre jünger. Sie war immer die Kleine, da lohnte es sich nicht zu streiten."

„Ich glaube, genau das ist der Punkt", erklärte Dani. „Ihr Altersabstand ist gering, sie stehen sich zu nahe. Beide haben wenig andere Freunde und stecken immer zusammen. Ich glaube, im Grunde sind sie sich gegenseitig die wichtigsten Menschen der Welt, aber statt sich dafür wertzuschätzen, verbringen sie ihre Zeit damit, mich darüber zu informieren, was die andere gerade Böses tut."

„Hast du selbst viele Freunde?"

„Molly habe ich von allen erzählt. Nina, die ich nach Vickys Geburt in einer Krabbelgruppe kennengelernt habe, ist meine beste Freundin. Ich wünschte mir, wir könnten mehr Zeit miteinander verbringen, aber wir haben beide unsere Familien, haben wenig gemeinsame Freunde und begegnen uns nie zufällig, sondern immer nur geplant. Das fällt oft aus, wenn eine von uns oder beide im Stress sind. Dann ist da Cora, die wie Molly aus der virtuellen Welt stammt, wobei ich mir bei ihr ganz sicher bin, dass es sie wirklich gibt. Wir sind uns einmal auf einem Treffen begegnet, allerdings waren wir uns damals nicht so vertraut. Über das Muttersein habe ich auch sie im Internet kennengelernt. Damit ist die Liste zu Ende. Alle männlichen Freunde und sonstige weitere Freundinnen, die ich hatte, waren gemeinsame Freunde von Oliver und mir, da wir uns früh kennengelernt haben. Es scheint so, als wäre eine Trennung nicht nur eine vom Partner. Um neue Menschen kennenzulernen, fehlt mir die Zeit." Sie seufzte, änderte dann aber den Tonfall. „Wie sieht es bei dir aus?"