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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 

Buch
»Menschlichkeit gewinnt« lautet die Kurzformel für die Führungs- und Organisationsphilosophie eines der großen Unternehmer des 20. Jahrhunderts. Nach Reinhard Mohns Überzeugung sind Führung und Partnerschaft in allen gesellschaftlichen Bereichen – im familiären Rahmen ebenso wie in der Arbeitswelt und der Politik – unabdingbare Voraussetzung für ein erfolgreiches und friedliches Zusammenleben und die beständige Weiterentwicklung des Gemeinwesens.
Mohn gelingt es, moderne Führungstechnik mit gesellschaftspolitischen Anliegen zu verbinden. Er erbringt den Beweis dafür, daß der Balanceakt zwischen Freiheit und Verantwortung, Humanität und Effizienz, Rechten und Pflichten innerhalb der Gemeinschaft, kreativer Unabhängigkeit und Einfügung in Ordnungssysteme erfolgreich geleistet werden kann.

Autor
Reinhard Mohn, geboren 1921, ist in fünfter Generation Mitglied der Gründerfamilie des Traditionsunternehmens Bertelsmann. In mehr als fünfzig Jahren aktiven beruflichen Engagements baute er einen Konzern auf, der heute an der Weltspitze international tätiger Medienhäuser rangiert. Mit großem Mut zu unternehmerischem Risiko, gepaart mit gesellschaftlicher Weitsicht und wirtschaftlichem Sachverstand schuf er ein Lebenswerk für das weltweit rund 65 000 Mitarbeiter stehen. 1977 übertrug Reinhard Mohn sein Aktienvermögen auf die von ihm ins Leben gerufene gemeinnützige Bertelsmann-Stiftung.

In Dankbarkeit meiner Frau Liz gewidmet, die mir in guter Partnerschaft geholfen hat, meinen Weg zu finden.

Vorwort
Als Schöpfer von Wohlstand aus privater Initiative muß der Unternehmer neben dem legitimen Streben nach Gewinn auch bereit sein, die Auswirkungen seines unternehmerischen Handelns auf die Gesellschaft, Kultur und Ökologie bei seiner Unternehmensstrategie zu berücksichtigen. Ein Paradigmenwechsel zu einer werteorientierten Unternehmensethik ist daher ebenso unverzichtbar wie das Denken in langfristigen globalen Zusammenhängen.
Andererseits sollte heute die Erkenntnis als selbstverständlich gelten, daß der Erfolg eines Unternehmens entscheidend von der Aktivierung seines Humankapitals abhängt. Wir wissen aber, wie schwierig es ist, diesen Anforderungen in der unternehmerischen Praxis Rechnung zu tragen. Mit der unternehmerischen Maxime »Menschlichkeit gewinnt« hat die große und erfolgreiche Unternehmerpersönlichkeit Reinhard Mohn für diese Herausforderung eine überzeugende Antwort gefunden.
Reinhard Mohn ging es aber nicht nur um den unternehmerischen Markterfolg. Er wußte stets auch um die unternehmerische Verantwortung gegenüber der res publica. Sind die Unternehmen einerseits auf geordnete und stabile gesellschaftliche und politische Verhältnisse angewiesen, so müssen sie sich andererseits auch ihrer Dynamik und Gestaltungskraft für Gesellschaft und Politik und der sich daraus ergebenden Verantwortung bewußt sein.
Die Globalisierung der Märkte verändert nicht nur dramatisch die bisherigen ökonomischen Strukturen in einem Prozeß der »schöpferischen Zerstörung«, sondern sie schafft auch eine Vielzahl von Risiken und Ungewißheiten für die Beschäftigung, für die soziale Sicherheit und für die Umwelt. Vor allem aber werden durch die Globalisierung die Politik und unsere hergebrachten politischen Institutionen herausgefordert, die weitgehend immer noch im nationalen Rahmen verankert sind. Die Politik ist an den Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit angelangt. Sie kann in den eingefahrenen Gleisen ihrer Aufgabe, die Zukunft zu gestalten, immer weniger gerecht werden. Die Politik ist orientierungslos, ebenso wie das Vertrauen in ihre Ideen und Konzepte verlorengegangen ist.
Die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Politik ist die entscheidende Herausforderung, der sich alle Verantwortlichen in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft stellen müssen. Sie steht auch gegenwärtig im Vordergrund unserer intellektuellen Anstrengungen im Club of Rome. Auch Reinhard Mohn hat sich schon seit Jahren mit seiner Bertelsmann Stiftung intensiv diesem Thema gewidmet mit vielfältigen Untersuchungen und Anregungen für eine schöpferische Revitalisierung der Politik. Die Zukunft denken für wirtschaftliches und gesellschaftliches Handeln ist eine Aufgabe und eine Verantwortung. Bei diesen Bemühungen haben die Bertelsmann Stiftung und der Club of Rome bei zahlreichen Projekten konstruktiv zusammenarbeiten können und sich dabei wechselseitig befruchtet.
Reinhard Mohns Philosophie zur Revitalisierung der Politik gründet sich auf seine Erfahrung mit dem kreativen Potential des Menschen im Unternehmen. Es ist seine Überzeugung, und in vielen Projekten der Bertelsmann Stiftung konnte der praktische Beweis erbracht werden, daß es möglich ist, durch Leistungsanreize eben diese individuellen Kräfte für größere Eigenverantwortung für die Gemeinschaft zu mobilisieren.
Mit seinem Bericht »Menschlichkeit gewinnt« an den Club of Rome zeigt Reinhard Mohn anhand seiner reichen unternehmerischen Erfahrungen praktikable Wege zu einer »Bürgergesellschaft«, die sich in Eigenverantwortung für die Gemeinschaft engagiert und damit der Politik wieder neue Gestaltungsspielräume eröffnet. Reinhard Mohns Bericht wendet sich mit persönlicher Überzeugungskraft vor allem an alle Akteure, die bereit sind, sich in der und für die Bürgergesellschaft zu engagieren. Möge Reinhard Mohns Botschaft viele Leser und »Mittäter« finden!
Der Club of Rome mit seinen einhundert Mitgliedern aus über fünfzig Ländern aus allen Erdteilen betrachtet sich als Katalysator des Wandels und als Zentrum von Innovation und Initiative. Aus diesem Grund begrüßt der Club of Rome diesen Bericht als einen wichtigen Beitrag zu der notwendigen öffentlichen Auseinandersetzung über eines der grundlegenden Themen der Gegenwart, auch wenn nicht alle seiner Mitglieder uneingeschränkt mit ihm übereinstimmen. Bekenntnisse und Meinungen spiegeln den Erfahrungsbereich des Verfassers wider. Eine Debatte im Rahmen des Club of Rome soll die globale Dimension seiner Überlegungen weiter vertiefen.
 
Für die Mitglieder des Exekutiv-Kommittees
des Club of Rome:
Ricardo Díez-Hochleitner, Präsident
Uwe Möller, Generalsekretär
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Vorwort des Autors
Wer von uns mit Hilfe der heute die Welt umfassenden Berichterstattung versucht, eine Bilanz der internationalen Entwicklung zu ziehen und eine Prognose zu wagen, könnte leicht entmutigt werden. Meldungen über Streit und Versagen stehen im Vordergrund. Die notwendigen Verständigungen über gemeinsame Interessen oder Differenzen brauchen unglaublich viel Kraft und Zeit. – Vor Jahren schon diskutierte der Club of Rome die entscheidende Frage, ob die Aufgabe der Führbarkeit unserer Welt überhaupt lösbar ist. – Inzwischen wurden mancherlei Lösungen erprobt und neue Institutionen zur Koordination entwickelt. Das Interesse der Menschen an der Frage der Führbarkeit hat offensichtlich zugenommen – aber die Fortschritte sind eher bescheiden und nicht befriedigend.
Als Grund für diese langsame Entwicklung ist darauf hinzuweisen, daß der Prozeß der Globalisierung alle Kulturen und gesellschaftlichen Ordnungen der Völker berührt. Was in historischen Zeiträumen gewachsen ist, wird jetzt kurzfristig in Frage gestellt. Eine solche Umstellung ist für die Menschen ebenso schwer nachzuvollziehen wie die Akzeptanz externer politischer und wirtschaftlicher Zuständigkeiten.
Aber bestehen für die Menschen wirklich Alternativen? Können wir uns von dem Trend der Globalisierung abkoppeln und sind wir bereit, die Konsequenzen eines niedrigeren Lebensstandards zu tragen? – Diese Ungewißheiten bewegen heute die Führungseliten der Staaten ebenso wie ihre Bürger. Es ist noch keineswegs deutlich, was an unseren überlieferten Ordnungssystemen, wie zum Beispiel der Demokratie und der Marktwirtschaft, zu ändern ist, wenn sie innerhalb des internationalen Umfeldes funktionsfähig und erfolgreich sein wollen. Allen Menschen wird aber zunehmend deutlich, daß die Regeln der Vergangenheit für uns nicht weiterführend sind.
Dieses Buch unternimmt den Versuch, neue Ziele und Grundsätze für die Fortschreibung unserer Ordnungssysteme aufzuzeigen. Teilweise beruhen die Vorschläge auf erprobten neuen Konzepten, teilweise sind es erst Denkmodelle unter Berücksichtigung der heutigen Prämissen. Der Autor ist sich bei seinem Bemühen der spezifischen Sicht seiner Erfahrung bewußt. Es ist ihm auch deutlich, daß die aufgeführten Fortschreibungsmodelle nur einen Teil der Reformaufgabe darstellen. Diese Relativierung stellt aber nicht die Zielsetzung des Buches in Frage, auf die Notwendigkeit einer umfassenden Systemfortschreibung hinzuweisen. – Alle Kulturen stehen vor der Aufgabe, neue Ziele zu definieren, ihre Führungsstrukturen anzupassen und zeitgemäße Ordnungssysteme zu erproben. Nur mit Hilfe solcher Bausteine wird es den Menschen gelingen, Zusammenarbeit und Frieden in dieser Welt zu gewährleisten.
Der Autor hofft, daß dieses Buch zu ähnlichen Denkanstößen aus anderer Sicht führt. Ein daraus resultierender Dialog über Koordination und Führung in unserer Welt könnte einen hilfreichen Beitrag zur Gestaltung unserer Zukunftsfähigkeit darstellen. – In Europa und insbesondere in Deutschland haben wir im zwanzigsten Jahrhundert unsere Abhängigkeit von der Wahl richtiger politischer Ziele und gesellschaftlicher Strukturen erfahren. – Ich würde mir wünschen, daß ein internationaler Dialog über diese Fragen der dazugehörigen Systemfortschreibung dazu beiträgt, daß in Zukunft Menschlichkeit gewinnt!
 
Reinhard Mohn
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Einleitung

Wandlungsfähigkeit als neue Prämisse gesellschaftlicher Beständigkeit

Die Kulturen der Völker sind sowohl von historischen Erfahrungen als auch von den grundlegenden Veranlagungen der Menschen geprägt worden. Die Gewährleistung von Sicherheit und Überlebensbedingungen bestimmten jederzeit die gesellschaftlichen Ordnungen. In langen Zeiträumen formierten sich aus Erkenntnissen Denkgewohnheiten, Rechtsordnungen und Besitzstände. – Die Herrschenden und oft auch ihre Untertanen waren am Erhalt der überlieferten Ordnung interessiert, da die Erfahrungen von Krieg und Chaos den Menschen sehr deutlich vor Augen standen.
Die Legitimation der Herrschenden beruhte auf erworbener oder ererbter Macht. Ihre Macht zu erhalten und auszubauen war für die Herrschenden eine dominierende Zielsetzung. – Die Gewährleistung erträglicher Lebensbedingungen für die Untertanen erschien ihnen dabei als nachrangig. – Unter solchen Existenzbedingungen galt es als eine Tugend, sich entsprechend den von der Tradition gesetzten Regeln zu verhalten. Individuelle Abweichungen wurden nicht geduldet. Fortschritt und Freiheit waren als gesellschaftliche Ziele nicht gefragt. Das Festhalten am Überlieferten bestimmte das Denken und Verhalten der Menschen.
Daß eine Gesellschaftsordnung unter diesen Prämissen wenig anpassungs- und entwicklungsfähig war, liegt auf der Hand. Externe militärische Einwirkungen, aber noch öfter der Verlust der Führungsfähigkeit, resultierten immer wieder im Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung und dem Zwang zum Neubeginn. Die in der heutigen Zeit von einer Gesellschaftsordnung erwartete Innovationsfähigkeit zum Wohle der Menschen war damals noch nicht einmal als Hoffnung vorhanden.
Diese Prämissen gesellschaftlicher Ordnung haben über Jahrtausende die verschiedenen Kulturen der Menschheit bestimmt. Auch Perioden größerer Stabilität änderten wenig an den Schwachpunkten der Ordnung, nämlich der Abhängigkeit von wenig legitimierter Macht und der geringen Lernfähigkeit autoritärer Strukturen. – Stagnation und der ständige Wechsel von Aufbau und Zerstörung erschienen als Elemente der menschlichen Geschichte schicksalhaft. – Was jedoch von den damaligen Statthaltern der Macht wohl kaum jemand vorausgesehen hat, war die Infragestellung ihres Herrschaftsanspruches durch ethische Grundsätze. Ich verweise auf den gesellschaftlichen Einfluß des Rechts und der Religionen. – Wir sollten erkennen, daß dieser Prozeß in unserer Zeit anhält. Ich verweise auf die Debatte über die Beziehung von Individuum und Staat, die Menschenrechte, die Abhängigkeiten von Solidarität und Subsidiarität in der Demokratie und den Stellenwert geistiger Orientierung.
In den beiden letzten Jahrhunderten haben sich auf unserer Welt Existenzbedingungen und Zielvorstellungen entwickelt, die zwangsläufig die tradierten Regeln der gesellschaftlichen Ordnung in Frage stellten. Beispielhaft möchte ich dazu auf folgende Entwicklungen verweisen:
• das von der Französischen Revolution geprägte neue Menschenbild,
• die Staatsform der Demokratie,
• der Fortschritt in der Wissenschaft,
• die Möglichkeiten der Technik,
• die entstehende globale Kommunikation und Kooperation.
Für die Menschen unserer Zeit folgte aus diesen Entwicklungen nicht nur ein höherer Lebensstandard, sondern vor allem mehr Freiheit im Denken und Handeln. – Jetzt konnten die überlieferten Vorgaben der Ordnung hinterfragt werden. Ihre Fortschreibung übernahmen neue gesellschaftliche Gruppierungen auf allen Ebenen. Der aus strukturellen Gründen bisher verhinderte gesellschaftliche Lernprozeß setzt mit großer Vehemenz ein! Die Ausgestaltung des politischen Systems der Demokratie fördert diesen Prozeß – insbesondere in bezug auf das Selbstverständnis und die Zielsetzung der Menschen.

Grundlagen der Gesellschaftsreform

Der Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung, die mit neuen Zielen und völlig veränderten Prämissen funktionstüchtig sein sollte, gestaltet sich für die Menschen zu einer unbekannten Herausforderung. – Wir alle sind, mehr als uns das bewußt ist, von unserer Kultur und Tradition geprägt. Neue Ordnungen zu erlernen heißt aber, sich von Gewohnheiten und vermeintlichen Besitzständen zu trennen. – Dieser Lernprozeß ist schwierig, zeitraubend, und er verläuft nicht ohne Reibungen. Die Geschichte hat oft genug gezeigt, was geschieht, wenn eine neue gesellschaftliche Ausrichtung die Menschen zeitlich oder geistig überfordert. In solch einer Situation ist es notwendig, Engagement, Mut und Geduld miteinander zu verbinden. – Wir dürfen aber als Fazit schon heute herausstellen, daß nun berechtigte Hoffnung besteht, die Ursachen der Stagnation unserer Kultur zu überwinden. Und wir haben begriffen: Jeder einzelne von uns soll und kann daran mitwirken.
Lernprozesse ergeben sich aus neuen Erkenntnissen! – Ein plurales Vorgehen bei der Entwicklung neuer Lösungen und der evaluierende Vergleich der Ergebnisse sind dabei erprobte Mittel, um optimale Lösungen zu erreichen. – Diesen Prozeß kennen wir alle im Rahmen des Wettbewerbs in der Marktwirtschaft. Wir sollten aber auch begreifen, daß eine Optimierung von Lösungen in anderen Lebensbereichen, wie zum Beispiel in Politik und Staat, in gleicher Weise befördert werden kann. – Die Möglichkeiten des Voneinanderlernens in einer offenen Welt sollten wir nutzen, wenn wir jetzt vor der Aufgabe stehen, unsere gesellschaftlichen Strukturen neu zu ordnen. Der internationale Erfahrungsaustausch kann uns viel Lehrgeld ersparen. – Bei den Kriterien für neue Lösungen sollten wir nicht mehr nur an den überlieferten Maßstab der Ordnungsmäßigkeit denken. Dieser Maßstab war in früheren hierarchischen Strukturen verständlich und notwendig. Für die von uns zu konzipierende Neuordnung müssen wir neue Ziele setzen wie Identifikation mit der Gemeinschaftsordnung, Menschlichkeit, Effizienz, Flexibilität und Innovationsfähigkeit.
Wichtig für das Gelingen des Innovationsprozesses ist die Erkenntnis, daß der vor uns liegende Lernprozeß von den Menschen akzeptiert und dezentral verantwortet werden muß. Die sich stellende Aufgabe der Gesellschaftsreform ist so ungeheuer vielfältig und komplex, daß eine zentralistische Steuerung ausgeschlossen ist. Es geht ja auch nicht nur um eine einmalige Reform, sondern letztlich um die Etablierung des Systems einer lernfähigen Gesellschaft. – Nur durch einen pluralistischen und dezentralen Ansatz und das Engagement vieler Verantwortlicher können wir sachgerechte Lösungen und einen permanenten Fortschritt erwarten. – Die Voraussetzungen für ein solches Engagement zu schaffen ist eine wichtige Aufgabenstellung unseres demokratischen Staates. Wir müssen lernen, uns zu einer verantwortungsbewußten und lebendigen Bürgergesellschaft zu entwikkeln!
Bei der Neuordnung in der Welt der Arbeit hat es in dem hinter uns liegenden Jahrhundert viele Versuche und harte Auseinandersetzungen gegeben. Praktisch stand man hier vor den gleichen historisch begründeten Problemen wie im Bereich der Politik. – Erfahrungen der Vergangenheit, Besitzstände, Rechte, Überzeugungen und Gewohnheiten hatten zu einer Ordnung geführt, die nur unter statischen Bedingungen den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden konnte. Neuerungen, wie zum Beispiel das Bemühen um materielle Gerechtigkeit und soziale Sicherung, wurden als systemgefährdend abgelehnt. Die im Zwanzigsten Jahrhundert schließlich erzielten Fortschritte gehen im wesentlichen zurück auf Initiativen demokratischer Politik und der Gewerkschaftsbewegung. – Die andauernde Diskussion um eine menschengerechte und effiziente Struktur in der Wirtschaft zeigt aber, daß diese Entwicklung noch im Fluß ist. Nicht endende Verteilungskämpfe und insbesondere das Versagen der Arbeitsmärkte machen deutlich, daß unsere Wirtschaftsordnung noch nicht ausreichend innovationsfähig ist. – Diese Aussage gilt für alle Bereiche unserer Gesellschaft.
Die vorstehend skizzierten Grundsätze für die anstehenden Reformen müssen insbesondere eine nachzuvollziehende Legitimation zur Übernahme von Führungsmandaten vorschreiben. Nur eine Führung, die sich durch Leistung und Haltung als kompetent erweist, kann letzten Endes von der Gesellschaft akzeptiert werden und als legitimiert gelten. – Diese Prämisse ist deshalb in unserer Zeit von so großer Bedeutung, weil die Fülle der Aufgaben zentral nicht mehr bewältigt werden kann. Nur eine weitgehende Dezentralisierung der Führungsverantwortung verspricht die Bewältigung der Menge und des Schwierigkeitsgrades der Entscheidungen sowie die Befähigung zur Innovation. Die Führungstechnik der Delegation der Verantwortung setzt aber voraus, daß sich die Führungskräfte auf den unteren Ebenen, welche die Verantwortung übernehmen sollen, mit den Zielen und Regeln ihrer Organisation identifizieren. – Im Rahmen der delegierten Verantwortung setzt man nicht mehr vorrangig auf das Einhalten von Vorschriften und Disziplin, sondern vielmehr auf Kreativität, Initiative und Leistungsfähigkeit. Nur Menschen, die positiv zu ihrer Aufgabe stehen, können unter diesen Bedingungen erfolgreich sein.
Daraus folgt, daß die Personalarbeit im Bereich der Führung neu zu konzipieren ist. Haltung und Leistung müssen entscheiden. Überlieferte Auswahlkriterien, wie zum Beispiel die Legitimierung aufgrund von Eigentumsrechten, werden versagen. Wahlergebnisse können nur dann zu befriedigenden Resultaten führen, wenn die Wählenden sehr viel mehr über die anliegende Aufgabe und den Bewerber wissen. – Diese Voraussetzungen sind heute nicht gegeben, können aber geschaffen werden. – Angesichts der entscheidenden Bedeutung der personellen Führungskomponente für den Erfolg muß im Rahmen der anstehenden Reformen die Vergabe von Führungsmandaten leistungsorientiert erfolgen. Dieses Kriterium schließt die persönliche Haltung mit ein.
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I Ein neues Gemeinschaftsverständnis

Gemeinschaft erfahren als Selbstverwirklichung und Verpflichtung

Aus der Vergangenheit sind uns die Ansprüche der Gesellschaft und ihrer Herrschaft als vorrangig vor den Zielen des Individuums übermittelt worden. Diese Rangfolge hatte sich nicht nur aus dem Selbstverständnis der Herrschenden ergeben, sondern auch aus der Tatsache, daß die Gewährleistung äußerer Sicherheit durch den Staat in historischer Zeit die entscheidende Existenzprämisse einer Gemeinschaft darstellte. Die Ausübung der Herrschaft geschah in der führungstechnisch einfachsten Form – nämlich der bedingungslosen Unterordnung der Bürger.
Die Bedeutung und Rangfolge gesellschaftlicher Entscheidungen haben sich in unserer Zeit entscheidend verändert. Zwar ist die Gewährleistung von Sicherheit eine wichtige staatliche Zielsetzung geblieben, die Menschen interessieren sich aber inzwischen mehr für die Bedingungen ihrer beruflichen Möglichkeiten und ihres Lebensstandards. Die demokratische Gesellschaftsordnung hat die Veränderung der Rangfolge der Ziele in einem mühsamen und noch nicht abgeschlossenen Transformationsprozeß neu gestaltet. Dabei hat sich heute die Auffassung bei den Bürgern durchgesetzt, daß es die Aufgabe der Regierung ist, den Lebensbedürfnissen ihrer Bürger zu dienen. – Was im Verlauf dieses Prozesses noch nicht wahrgenommen wurde, ist, daß man in unserer Zeit nicht einen Souverän durch den anderen austauschen kann, sondern daß die Demokratie ganz eigene Ziele und Regeln hat. In der Demokratie soll zwar der Staat dem Bürger dienen, aber der Bürger ist bei der Ausgestaltung dieses Auftrags auch persönlich gefordert. Durch seinen Einfluß kann und muß er die Fortschreibung gesellschaftlicher Zielsetzungen und die Gestaltung der Durchführung beeinflussen. Er hat darüber hinaus durch seinen persönlichen Einsatz und gemeinschaftsrelevante Beiträge die Funktionsfähigkeit der demokratischen Ordnung zu unterstützen. – Noch befinden wir uns in den meisten europäischen Demokratien in der Phase, in der die Bürger vom Staat vor allen Dingen persönliche Vorteile erwarten – und ihren eigenen Leistungsbeitrag so gering wie möglich halten. – In früheren Jahrhunderten war in diesem Sinne die Einforderung der Verpflichtung der Menschen relativ leicht durchzusetzen. Die von der Gemeinschaft benötigte Leistung wurde ganz einfach hierarchisch angeordnet. Heute hingegen muß das notwendige Engagement der Bürger, für die Gesellschaft und im Rahmen der Subsidiarität für sich selbst einzustehen, in einer Form übermittelt werden, die Verständnis für die Maßnahmen schafft. Die Menschen in der Demokratie müssen auch in bezug auf ihre persönlichen Ziele einsehen, daß ihr eigener Vorteil von der Funktionsfähigkeit ihres Staates entscheidend beeinflußt wird – und daß es ihre Pflicht und zugleich ihr Vorteil ist, wenn sie sich an der Gestaltung der Gemeinschaft beteiligen und Verantwortung übernehmen. – Diese neue Relation zwischen Individuum und Gemeinschaft muß gelehrt und gelernt werden. Ein solcher Prozeß kann nach aller historischer Erfahrung leicht ein halbes Jahrhundert in Anspruch nehmen!
In bezug auf die Prämissen des Lebens in der Gemeinschaft haben in den letzten beiden Jahrhunderten die Vermehrung des Wissens, die Möglichkeiten der Technik und der steigende Lebensstandard der Menschen neue Vorbedingungen geschaffen. – Die Menschen erkannten die Chance, ihre Lebensbedingungen zu verbessern, – wenn sie neue Wege gingen. Bald wurden die tradierten Ordnungen als hinderlich und rückständig empfunden. Der daraus resultierende Protest gegen Gewohnheiten und Besitzstände war konfliktbeladen und zeitraubend. – Als neue gesellschaftliche Zielsetzung formulierte sich die Forderung des einzelnen, in seinem Leben eine Chance zu bekommen und am Fortschritt teilzuhaben.
Die Entwicklung eines neuen menschlichen Selbstverständnisses wurde beschleunigt durch den in unserer Zeit möglichen globalen Gedankenaustausch. Die sich verbreitenden elektronischen Medien lösten mit ihrer globalen Kommunikation einen noch nie erlebten Erkenntnisund Lernprozeß aus. Das Streben nach mehr Sicherheit und einem verbesserten Lebensstandard führte rasch zu einem internationalen Wettbewerb um die Spitzenplätze. – Als weitere gesellschaftliche Zieldefinition ergab sich daraus die Forderung nach Innovationsfähigkeit als Grundlage der Wettbewerbsfähigkeit.
Gesellschaftliche Ordnungen müssen von den Menschen getragen werden, wenn sie funktionstüchtig sein wollen. Dies gilt in unserer Zeit insbesondere für die Identifizierungsmöglichkeiten der Menschen mit ihrem Staat und ihrer Arbeit. In unserer Zeit des globalen Wettbewerbs der Ordnungssysteme wird von unserer Gesellschaft mehr Leistungsfähigkeit und vor allen Dingen mehr Kreativität gefordert. Nur eine Ordnung, mit der sich die Menschen identifizieren, verspricht die Kraft für die Bewältigung der Zukunft. – Niemand möge sich täuschen: Das über Jahrtausende praktizierte Konzept zentralistisch-hierarchischer Führung hat ausgedient.
Von diesem kulturellen Wandlungsprozeß sind praktisch alle Institutionen unserer Gesellschaft betroffen. Traditionen wurden ebenso fragwürdig wie überlieferte Werte, Dogmen und Formen. Bei der daraus resultierenden Demontage vorhandener Ordnungen wurde selbst der Wert der Gemeinschaft für das Leben des Menschen hinterfragt. Es gab Stimmen, die jegliche Verpflichtung und Bindungsnotwendigkeit leugneten bis hin zur Ablehnung der staatlichen Ordnungsfunktion und der Notwendigkeit von Ehe und Familie. Grenzenlose Freiheit, Selbstverwirklichung im Sinne von Egoismus und Hedonismus wurden gefordert und erprobt. – So erfuhren wir in der Auflösung einer alten Gesellschaftsordnung zugleich auch die Bedingungen und Grenzen einer neu zu schaffenden Ordnung.
Die notwendigen Grenzen der Freiheit haben wir relativ schnell erkannt. Deutlich hat die Gesellschaft gegen eine zu weit gehende Bindungslosigkeit protestiert. Der Besinnungsprozeß zur Definition neuer Ziele und einer gemeinschaftsverträglichen Verhaltensweise hält jedoch noch an. – Immerhin: Die Frage nach der geistigen Orientierung, nach Werten und Zielen findet wieder zunehmend Beachtung. Gesellschaftliche Mißstände und das persönliche Empfinden mangelnder Orientierung beschleunigen den Besinnungsprozeß. – Uns muß nun die Frage interessieren, welche Kraft oder Initiative den Prozeß der Erneuerung von Zielen und Ordnungen steuern oder beschleunigen könnte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die Impulse zu dieser Neuordnung nicht von den in Frage gestellten Institutionen und Hierarchien kommen. Vieles spricht dafür, daß die Menschen in ihrem täglichen Umfeld den Mangel an Normen und Orientierungen immer stärker verspüren werden. Das Vakuum selbst schafft Impulse, neue Ordnungen zu entwerfen. In den alltäglichen Lebensgemeinschaften von Familie, Schule, Berufswelt und Heimatstadt können sich neue Überzeugungen und Konventionen herausbilden. Es ist interessant, daß dieser Prozeß in den kleineren Städten und Gemeinden in den USA deutlich und mit großer Wirksamkeit stattfindet. – Entsprechend der ursprünglichen menschlichen Veranlagung dürfen wir erwarten, daß notwendige Gemeinschaften sich wieder ihre Regeln schaffen. – Dieser Prozeß wird viel Zeit in Anspruch nehmen und mit Kontroversen und Irrtümern belastet sein. Er dürfte aber die wahrscheinlichste und überzeugendste Variante des Zustandekommens einer neuen Gesellschaftsordnung darstellen.
 
Bei der Suche nach der Gesellschaftsordnung der Zukunft dürfen wir von folgenden Erfahrungen ausgehen:
1. Menschen wissen, daß eine Gemeinschaft ohne Ordnung nicht stabil ist. Sie fürchten Willkür und Rechtlosigkeit. – Die menschliche Veranlagung ebenso wie kulturelle Erfahrung führen zu der Forderung nach einer als wirksam und gerecht empfundenen Ordnung.
2. Menschen suchen und brauchen Gemeinschaft. – Gemeinschaft vermittelt Lebensfreude, Bestätigung und Geborgenheit.
3. Die sich heute ausbreitende Ablehnung von Gemeinschaftsbindungen erklärt sich aus den neuen Lebensprämissen und dem daraus resultierenden Selbstverständnis der Menschen. – Mit Sicherheit läßt sich aber voraussagen, daß der Staat nicht in der Lage sein wird, alle überlieferten Gemeinschaftsformen gleichwertig zu ersetzen. Schon heute ist erwiesen, daß der Staat in seiner erschreckenden Anmaßung Ziele gesetzt hat, die unerreichbar sind. Und zwar nicht nur wegen ihrer mangelnden Finanzierbarkeit, sondern vor allem wegen unzureichender staatlicher Kompetenz und eines Menschenbildes, das dem Selbstverständnis der Menschen nicht mehr entspricht. – Der Lernprozeß hat aber eingesetzt. Wir müssen herausfinden, wer in einer humanen Gesellschaft für was Verantwortung übernehmen muß. Dieser Prozeß wird uns noch viele Jahre beschäftigen!
4. Den Versuch zur Wiedergewinnung einer tragfähigen Ordnung durch Rückkehr zu den Regeln der »guten alten Zeit« können wir uns sparen. Die damaligen hierarchisch verfaßten Ordnungen sind heute nicht mehr aufgabengerecht – und auch nicht entwicklungsfähig. Ihre Wirkungsprämissen bestehen nicht mehr.
Derzeit beobachten wir zahlreiche Versuche, neue Gemeinschaftsformen zu entwickeln und neue Ziele zu setzen. Die Bewährung dieser Bemühungen steht noch aus. – Überwiegend verlassen wir uns noch auf die Ordnungen der Vergangenheit. Ihre Regeln gehen von überholten Zielen und Wertvorstellungen aus. Sie verhindern die Konsensfähigkeit und Problemlösungskompetenz unserer Gesellschaft. – Gerade die Erfahrungen der letzten Jahre sprechen dafür, daß offensichtlich der aus dem Versagen resultierende Druck noch stärker werden muß, bevor unsere Gesellschaft ihre Gestaltungsfähigkeit wiederfindet.
Alles spricht dafür, daß die tragenden Säulen einer neuen Gesellschaftsordnung aus der Mitte unserer Gesellschaft erwachsen werden. Dort empfindet man nicht nur die bestehenden Defizite sehr deutlich, man hat dort auch Vorstellungen, wie Menschen heute miteinander umgehen sollten. Diese Überlegungen werden nach Jahren der Erprobung und der Diskussion zu neuen Normen weiterentwickelt werden können. Dabei wird sich die Vielfalt der Versuche als ein besseres Steuerungsprinzip erweisen als der bisher übliche Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit. – Beispiele für solche Entwicklungen gibt es in verschiedenen Lebensbereichen. Ich verweise auf Versuche mit einer neuen geistigen Orientierung in Amerika und mit der Ausprägung der Unternehmenskultur in unserer Wirtschaft. – Man ist überrascht, welche Kräfte diese Inseln neuer Ordnungen schon in relativ kurzer Zeit entfalten konnten.
Die entscheidende Prämisse für das Zustandekommen solcher dezentraler Bemühungen um Orientierung und Gemeinschaftsordnung beruht nicht nur auf dem Bestreben der Menschen, sondern auch auf der Chance zur Realisierung ihrer Pläne. Wo überkommene Regelungen nicht in Frage gestellt werden dürfen, bahnt sich keine weiterführende Entwicklung an, sondern das Scheitern des bestehenden Systems. – Entwicklungen brauchen den Freiraum für kreatives Denken und die Chance des Lernens. Menschen haben die dazu notwendige Befähigung, wenn man sie nur gewähren läßt. – Diese kulturelle Erfahrung muß im Interesse der Wiedergewinnung unserer Gemeinschaftsfähigkeit überall in unserem Land verstanden werden. Wir müssen den Mut haben, den kreativen Menschen mehr Freiheit zu gewähren. Dazu gehört Spielraum zur Erprobung und das Ertragen von Fehlern. – Das dafür erforderliche führungstechnische Prinzip der Delegation von Verantwortung muß erlernt und durchgesetzt werden. Denn das sei noch einmal betont: Uns fehlt es in Wirklichkeit nicht an kreativen Menschen – uns fehlen nur Einsicht und Mut, diesen mehr Freiheit zu gewähren!
In der Wirtschaft verbreitet sich derzeit diese Erkenntnis unter dem globalen Wettbewerbsdruck relativ rasch. – In den anderen Lebensbereichen, wie zum Beispiel der Politik, der staatlichen Verwaltung und dem riesigen öffentlichen Dienstleistungsbereich, sind solche Entwicklungsbedingungen kaum anzutreffen. Eine groteske Situation: Wir kennen die Lösungen, aber wir haben nicht den Mut zu ihrer Realisierung. – Es bleibt nur die allerdings realistische Hoffnung: Leere Kassen werden uns denken lehren!
Nach der grundsätzlichen gesellschaftlichen Bewertung der Bedeutung von Gemeinschaftsfähigkeit sollen nun die Konsequenzen für einige wichtige Ausprägungen und Prämissen gemeinschaftlichen Lebens aufgezeigt werden.

Gemeinschaftsfähigkeit in verschiedenen Lebensbereichen

Die Integrationsfähigkeit des einzelnen in die Gemeinschaft ist eine Prämisse jeder funktionstüchtigen Ordnung. Den Menschen ist das Interesse am Gemeinschaftsleben angeboren – nicht jeder hat jedoch die Fähigkeit, sich gemeinschaftskonform zu verhalten. – Gemeinschaftsfähigkeit muß deshalb erwachsen aus Erkenntnis der Notwendigkeit und praktischer Einübung. Die ausbildenden Institutionen, wie Elternhaus und Schule, müssen dieser Aufgabe wieder den gebührenden Rang geben. Hier ist auch der richtungweisende Einfluß des Staates gefordert.
Gemeinschaftsfähigkeit erfordert das Erlernen von Verhaltensweisen, Rechten und Pflichten zur gleichen Zeit. Bei der Wahrnehmung eigener Interessen müssen grundsätzlich auch die gleichberechtigten Ansprüche der Mitmenschen berücksichtigt werden. – Das Zusammenleben erfordert durch ethische Normen begründete Ordnungen. Der einzelne muß sich nicht nur diesen Regeln anpassen. Er muß darüber hinaus bewut akzeptieren, daß sein persönliches Verhalten eine Begrenzung seiner Freiheit und eine persönliche Disziplinierung erfordert. Zur Erläuterung sei verwiesen auf Eigenschaften wie Selbstbeherrschung, Höflichkeit, Verläßlichkeit und Fairneß. – Disziplinlosigkeit, Egozentrik und Egoismus haben in einer Gemeinschaft keinen Platz. – Der Unvollkommenheit menschlicher Wesensart ist durch Toleranz, Verzeihen, aber auch durch Sanktionen Rechnung zu tragen.
 
Die Familiengemeinschaft
 
In der Kulturgeschichte der Menschheit hat die Familie als unterster Baustein der Gemeinschaft eine unverzichtbare Rolle gespielt. Die Familie gewährleistete den schützenden Raum für das Aufwachsen und die Erziehung der Kinder. Sie übernahm die vielfältigen Funktionen, von denen wir in unserer Zeit meinen, sie durch den Staat besser erfüllen zu können. – Diese Entwicklung kann noch nicht abschließend bewertet werden. Sicherlich können bei der Kindererziehung in den Bereichen Bildung und Gesundheit durch gemeinschaftliche Lösungen bessere Leistungen angeboten werden. Aber kann der Staat auch die Zuneigung, Geborgenheit, das Verständnis und die Liebe vermitteln, die ein junger Mensch braucht? Kann der Staat in der Erziehung auf die Vorbildfunktion der Eltern verzichten? Ist der Staat in bezug auf die sozialen Sicherungssysteme wirklich verläßlich? – Wissen wir schon, ob die Lebensgestaltung der Singles auf Dauer menschlich befriedigender ist als die Familiengemeinschaft?
Zusammengefaßt: Es gibt gute Gründe, über Bedeutung und Verantwortung der Familie als Basis der Gemeinschaft nachzudenken. Noch nie in der Kulturgeschichte der Menschheit haben sich alternative Basisordnungen als gleichwertig erwiesen. Die heutigen Alternativen versprechen zwar mehr Freiheit, aber gewähren sie insbesondere im Hinblick auf die Kinder eine humanere Entwicklung? – Es scheint an der Zeit, diese Fragen in die öffentliche Diskussion zu bringen. Manche gesellschaftlichen Errungenschaften könnten sich auch als Irrtum erweisen!
Bei dem geschilderten Gestaltungsprozeß muß der Staat verantwortlich mitwirken, so zum Beispiel in der Rechtsprechung, der Sozial- und Steuerpolitik. Der Staat übernimmt in dieser Richtung auch unterstützende Funktionen, wie zum Beispiel die Einrichtung von Kindergärten oder finanzielle Förderungen. – Solche Initiativen sind dann lobenswert, wenn sie nicht aus gesinnungsethischen Überlegungen und politischem Opportunismus resultieren, sondern finanziert sowie sachgerecht und human gestaltet werden können. – Es gibt Gründe, unseren Politikern zu raten, sich nicht zu übernehmen.