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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Für Esther:
Alles ist nichts ohne dich.
Ohne die Kinder wäre es noch weniger.
 
 
 
Für Rosa, Lilly und Fanny:
Damit sie später mal wissen, wofür sie ihren Papa gerne haben dürfen.
 
 
 
Und für alle, die eine Familie gründen:
Das kann dabei rauskommen!

Richtigstellung
Selbst wohlmeinende Mitmenschen äußerten während meiner Arbeit an diesem bescheidenen Werk die Vermutung, ich könnte mir mit meinen Bekenntnissen den Rest geben. Das ist falsch.
Richtig ist, dass ich bereits vor den ersten Zeilen völlig fertig war.
 
Ferner verwahre ich mich dagegen, die geschilderten Verhältnisse einzig darauf zurückzuführen, dass ich bei der Geburt unserer Kinder schon älter war.
Richtig ist, dass ich in den drei Jahren ihres Daseins rapide gealtert bin.
 
Ebenso haltlos ist die Annahme, die Liebe zwischen meiner Frau und mir gehe in der Flut der neuen Herausforderungen unter.
Richtig ist, dass wir uns durchaus erfolgreich am eigenen Schopf über Wasser halten.
 
Und besonders energisch trete ich der Unterstellung entgegen, dass ich unsere Kinder nicht über alles liebe.
Richtig ist, dass mir jeder Tag tausend Gründe beschert, sie ins Herz zu schließen – nur fällt mir manchmal keiner ein.
 
Hamburg, im Vollbesitz meiner verbliebenen Kräfte
Dieter Bednarz

Der Morgen oder Ein Putzerfisch und vier Haie
Jede Geschichte hat einen Anfang und ein Ende. Manche beginnen mit einem Ende, das ein Anfang ist, bei manchen nimmt der Anfang kein Ende. Meine Geschichte fängt morgens an, wenn für normale Menschen der Tag beginnt, für mich aber ist er dann schon gelaufen. Morgens um sieben, für andere ist die Welt noch in Ordnung, stehe ich schon mittendrin in meinem täglichen Überlebenskampf, das heißt: Eigentlich sitze ich. Die erste Niederlage von vielen an diesem Tag droht mir an einem kleinen Ort, gerade dort, wo im alten Rom selbst der Kaiser zu Fuß hinging, ganz allein, ohne Sänftenträger, ohne Gefolge. Allein! Ich bin sicher, der Kerl hat es genossen, auf dem Örtchen mal seine Ruhe zu haben. Die hätte ich auch gern. Ich gäbe ein Kaiserreich für Ruhe.
Mein Reich ist allerdings nicht einmal groß genug, um die Tageszeitung voll zu entfalten. Das macht aber auch nichts, denn zum Lesen komme ich ohnehin nicht, nicht einmal zum schnellen Sichten der Schlagzeilen. Früher hatte ich auf meinem Örtchen eine ganze Bibliothek. »Ulysses« habe ich da in einem Monat weggelesen, so viel Zeit hatte ich.
Jetzt würde ich in vier Wochen nicht einmal die Stelle schaffen, an der ich heute so gern mit Leopold Bloom tauschen würde: »Auf dem Kackstuhl hockend, entfaltete er seine Zeitung und schlug auf den entblößten Knien die Seiten um«, beschreibt James Joyce die entspannte Variante des Stuhlgangs. Beneidenswert, sich seinem Innersten so ungestört widmen zu dürfen wie der gute Poldy. Aber der ist ja auch kinderlos. Mich bekümmert, dass das kleine Schild »Bloom’s Place« an unserer WC-Tür nur noch ein Stück Erinnerung an meine Junggesellenwohnung ist. »Das Lesen macht den ganzen Menschen«, hat die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing einmal geschrieben. So ein ganzheitliches Gefühl hatte ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr.
Aber noch ist dieser kleine Platz mein Platz. Wenig mehr als ein Quadratmeter ist alles, was mir geblieben ist von unserer geräumigen Altbauwohnung. Früher hatte ich mal ein großes Arbeitszimmer. Das ist schon lange weg. Meine Steuererklärung erledige ich jetzt an einer Spanplatte auf den Heizungsrippen in unserem sogenannten Wohnzimmer. Stehpulte sollen ja gut sein für die Wirbelsäule. Aber selbst dieses Wenige verliere ich gerade an drei Zwerge, die den Aufstand proben. »Wenig macht die Art des besten Glücks«, tröstet mich meine Frau mit Nietzsche. Und verschwindet lautlos in die Kleiderkammer. Ich hingegen hocke da, mit heruntergelassenen Boxershorts, die eigene Brut an den Hacken, im Wortsinne. Bedrängt werde ich von meinen Töchtern Lilly und Fanny, den zweieinhalbjährigen Zwillingen, und ihrer jüngeren Schwester Rosa, ein Jahr alt.
Eigentlich sollte an der Tür in meinem Rückzugsgebiet inzwischen »Massada« stehen. Vielleicht liegt es daran, dass wir im alten jüdischen Viertel von Hamburg wohnen, am Grindel, vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich mich beruflich viel mit dem Nahen Osten beschäftige, aber wenn ich hier hocke und da draußen drei Bonsai-Terroristen mir den Krieg erklären, muss ich unweigerlich an die Felsenfestung in der Judäischen Wüste denken. Wie ich auf meiner Keramik-Anhöhe, so leisteten im Jahr 72 nach Christus hoch über dem Toten Meer 960 Israeliten dem römischen Gouverneur Flavius Silva beherzt Widerstand. Acht Monate wehrten sie alle Angriffe der 15 000 Mann starken Römertruppe ab. Dann musste ihr Anführer erkennen, dass ihr Ende nahe war. »Lasst uns lieber sterben, als von unseren Feinden versklavt zu werden«, soll er seinen Anhängern zugerufen haben, bevor sie sich alle in den Freitod stürzten. Massada wurde zu einem Symbol der Entschlossenheit eines Volkes, in seinem eigenen Lande frei zu sein.
Ich dagegen bin schon versklavt und ärmer dran als Onkel Tom. Der hatte zumindest seine Hütte. Tür zu. Ruhe. Bei mir schreien und poltern sie draußen, dass mir nur die Wahl bleibt zwischen Pest und Cholera: Lass ich die Kinder außen vor, brüllen sie mir nicht nur meine kleine Bude ein, sondern das ganze Haus, was weder dem familiären und nachbarschaftlichen Frieden dient, noch der eigenen Verdauung förderlich ist; gebe ich nach, muss ich nicht nur den ersten Autoritätsverlust des Tages einstecken, sondern kann auch gleich die Hosen wieder hochziehen und die Stellung räumen.
Aus reiner Notwehr habe ich kürzlich alttestamentarische Härte gezeigt und der Bande mal vorgeführt, was in dem blauen Behälter steckt, den ich vor dem Rasieren immer so schüttele. Dauerhaft auf Distanz halten konnte ich sie mit meinem Schaumwerfer nicht. Aber die weißen Kleckse in ihren Gesichtern haben sie zumindest zeitweilig in die Flucht geschlagen. Dafür eröffnete meine Frau eine neue Front: »Dann kannst du sie ja gleich vergiften!«, wies sie mich zurecht – und schaltete mir zur Strafe noch das Licht aus. Im Wiederholungsfall will sie mich vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zerren. So ist es, wenn eine Mutter nicht nur Anwältin ihrer Kinder ist, sondern auch Volljuristin.
Andererseits würden mich wohl auch einige dieser modernen Pädagogen an den Pranger stellen. In deren Augen beraube ich meine Kinder der großen Chance, von ihrem Vater durch direkte Anschauung die autonome Notdurftverrichtung zu erlernen. »Damit ein Kind trocken und sauber wird, braucht es kein Topftraining, sondern Vorbilder«, schreibt der Schweizer Kinderarzt und Experte für Entwicklungspädiatrie Remo Largo: »Wenn seine Eigeninitiative erwacht, beginnt es Interesse an der Toilette zu zeigen. Es will dabei sein, wenn Eltern und Geschwister auf die Toilette gehen.« Der Kinderfreund Largo erklärt daher das WC zu einem Ort der offenen Tür: »Wenn Sie die Toilettentür hinter sich schließen und Ihrem Kind damit jede Möglichkeit zum Nachahmen nehmen, haben Sie als ›Preis‹ für ihre Diskretion einen unnötigen Mehraufwand zu leisten: Sie müssen dem Kind das Verhalten ›anerziehen‹.« Davon, dass auch Eltern einen Anspruch auf Achtung haben, und sei es nur für drei Minuten auf dem Klo, schreibt Largo nichts. Ich scheine der Einzige zu sein, der Equal dignity, die »Gleichwürdigkeit« von Eltern und Kindern, auch für das Verhalten der Kleinen gegenüber Vater und Mutter fordert.
Meine Devise, zumindest wenn es um die Verteidigung meines letzten Quäntchens Freiheit geht: Nur kein falsches Mitleid und keinen übertriebenen Trost! Dadurch verlieren Kinder nur ihre Bereitschaft, das Gegebene zu akzeptieren – meint auch der Fachmann Rudolf Dreikurs. Zu viel Mitgefühl fördere eine unangemessene Erwartungshaltung. »Ein solches Kind ist überzeugt, dass die Welt ihm etwas schuldet als Ausgleich für das, was es erlitten hat«, schreibt der Psychiater in seinem Buch »Kinder fordern uns heraus«. Familientherapeuten wie der Däne Jesper Juul verlangen sogar, dass wir Erwachsene unseren Kindern regelrechte »Sparringspartner« sind und ihnen »maximal qualifizierten Widerstand« entgegenbringen.
Vielleicht erfüllt mein Rasierschaum-Konter nicht unbedingt das Kriterium »qualifiziert«, aber es geht ja vor allem darum, »sich auf eine Weise auszudrücken, die ›Eindruck macht‹, und darum, ernst genommen zu werden«, so der liberale Däne. Im Juul’schen Sinne habe ich meinen Kindern also einen großen Gefallen getan, zumindest auf den zweiten Blick: »Kinder, die angeblich ihre Grenzen ›austesten‹, suchen gewissermaßen nach der wahren Persönlichkeit ihrer Eltern. Sie wollen wissen, wer ihre Eltern eigentlich sind und wofür sie stehen«, schreibt der Erziehungsberater in seinem Bestseller »Die kompetente Familie«. Das wissen meine Kinder nun: Ihr Vater ist ein Freiheitskämpfer.
Ob harte Hand oder Nachsicht, für alles lässt sich ein anerkannter Berater in der jüngsten Erziehungsliteratur finden. Irgendein Psychologe wird bestimmt irgendwo begründen, warum bilaterale Gespräche selbst mit Zweijährigen sinnvoll sind. So weit geht der Schweizer Largo nicht, der die Erziehung von drei Töchtern gemeistert hat. Aber nachdrücklicher, als mir lieb ist, weist er darauf hin, wie schwer es meine Kleinen gerade haben. Sie sind nämlich in einer Phase, in der sie schwanken zwischen ihrem Drang, selbständig sein zu wollen, und ihrer Angst, sich dann verlassen zu fühlen. Sie überfordern sich, so der Kinderarzt, in ihrem Wunsch, sich in dieser Welt durchzusetzen, und befürchten, die Zuneigung ihrer Eltern zu verlieren, wenn sie versuchen, auf eigenen Füßen zu stehen. Die armen Kleinen. Auf gar keinen Fall wollen wir sie durch überzogenes Elternverhalten weiter verstören. Darin sind meine Frau und ich uns immerhin einig.
Umstritten ist zwischen uns nur, wie weit wir sie gewähren lassen und wo wir ihnen Grenzen setzen. Bei diesem »Akt auf dem hohen Seil« (Largo) stürzen wir immer wieder ab. Ich jedenfalls habe für meine deutliche Ansage an die Kinder den Bestsellerautor Michael Winterhoff auf meiner Seite. In seinem Erfolgsbuch »Warum unsere Kinder Tyrannen werden« kritisiert der Psychiater, dass viele Eltern, aber auch Erzieher und Lehrer, das Gefühl dafür verloren haben, den Kindern die Begrenzung des eigenen Ichs zu vermitteln. Und genau diesen Fehler will ich nicht begehen. Dieser knappe Quadratmeter ist mein Reich, ich werde es verteidigen – so wahr mir Gott helfe und meine Frau mir nicht in den Rücken fällt.
Meine deutliche emotionale Reaktion auf den Ansturm der Zwillinge mit der Nachhut Rosa ist eigentlich ein ganz gesunder Reflex. »Authentizität« heißt das in der psychoanalytischen Praxis. Bezogen auf die Kindererziehung bedeutet das nichts anderes, als deutlich Freude und ebenso deutlich Ärger zu zeigen. Und zwar »spontan«.
Nichts leichter als das, für mich jedenfalls. Meine Frau behauptet, bei Winterhoff stehe auch was von »angemessen«, aber das ist typisch Juristin: In jedem Schriftsatz, den sie nicht selbst formuliert hat, findet sie etwas, das sie auseinanderpflücken kann.
Andererseits gebe ich als guter, vielleicht aber auch nur entnervter Vater letztlich nach und öffne die Tür zu meiner Zufluchtsstätte. Ich bin ja froh, wenn jemand noch was von mir lernen will, und sei es auch nur das Notdürftigste.
In Anbetracht meiner eigenen Geschichte räume ich gerne ein, dass meine Kinder es mit mir auch nicht ganz leicht haben. Doch erst durch die Auseinandersetzung mit schwierigen Personen oder problematischen Bedingungen reift der Mensch zur wirklichen Persönlichkeit heran, oder? Wie sollen meine Kinder Unerschrockenheit lernen, wenn nicht schon jetzt im spielerischen Ringen mit ihrem Vater?
Außerdem, sagt der Psychiater Dreikurs, erlebt das Kind in der Beziehung zu den Eltern die Gesellschaft im Allgemeinen. Und wir leben nun mal in harten Zeiten. Wenn es die drei später besser haben sollen als ich, dürfen sie sich nicht von Rasierschaum schrecken lassen. Aber ich fürchte, sie werden es wohl nicht weiter bringen. »Du alte Dame, du«, schimpft Fanny und sucht Solidarität bei der Mutter. Lilly zieht sich in ihre Schmollecke zurück. »Apfel fällt unter die Baum«, sagt dazu mein Freund Marco, Kellner bei unserem Stamm-Italiener »Casa Mia«, voller Verständnis für die sich ähnelnden Verhaltensmuster von Tochter und Vater.
Allein Rosa, die für Lagerdenken noch zu klein ist, hält an mir fest. Vielleicht ist es aber auch nur ein frühkindlicher Angstreflex: Mit ihren kleinen Händen krallt sie sich in meine Wadenhaare und zieht sich an meinen Beinen hoch. Bloß nicht schreien, denke ich, auch wenn’s wehtut, sonst weint Röschen, und dann weinen die beiden anderen gleich mit.
Zu den wenigen, denen ich mich noch nahe fühle in meinem neuen Leben als später Vater, gehört Britney Spears, die gestrauchelte Pop-Prinzessin. »Ich will mein Leben wiederhaben«, schreit der einstige Teenie- und Männerschwarm in der Luxuspsychiatrie die Ärzte an – und sehnt sich nach alten Erfolgen und vergangener Beliebtheit. Und auch ich sehne mich nach früher. Ich möchte einfach mal wieder duschen, ohne dass ein Krabbelkäfer die Schwingtür aufdrückt, wie unlängst Rosa: Plötzlich lag sie vor mir in der Duschwanne und war schneller nass, als ich mich bücken konnte. Aber wozu überhaupt noch duschen? Einige Sekunden Deospray tun es ja vielleicht auch, und Wasser spare ich obendrein.
Ich möchte mir auch mal wieder die Fingernägel schneiden, ohne dass jemand so heftig an mir zerrt, dass ich mir die Nagelhaut verletze. Ich mag es selbst kaum glauben, dass ich in meinem früheren Leben zur Maniküre gegangen bin. Das war sicherlich etwas übertrieben, was ich aber sagen will, ist, dass ich eigentlich mal ein gepflegter Mann war. Jetzt bin ich froh, wenn ich auf dem Weg in die Redaktion nicht in der U-Bahn angestarrt werde, weil ich in der morgendlichen Hast zu den falschen Socken gegriffen habe: Links trage ich eine blaue und rechts eine braune – und das zu schwarzen Schuhen.
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich habe nichts gegen Kinder, gegen die eigenen schon gar nicht, die möchte ich nicht mehr missen, trotz allem. Nur wäre es schön, wenn der Kindertag feste Zeiten hätte, so wie es für alles im Leben einen irgendwie geregelten Ablauf gibt. Von mir aus könnte der Kindertag sogar gerne früh beginnen, sagen wir, um sechs Uhr. Dann würde ich den Wecker auf fünf stellen, meinen Tee im Bett trinken, mich rasieren, duschen, dabei noch Radio hören, um zu wissen, was in der Welt über Nacht passiert ist; ja, vielleicht fände ich sogar noch Zeit, einen Blick in unsere zwei Tageszeitungen zu werfen und im Netz die neuesten Nachrichten anzuklicken. Also alles wie früher, nur alles etwas gestraffter.
Nach so einem Start in den Tag wäre ich auch bereit für die wunderbarsten Kinder der Welt, würde sie liebevoll aus ihren Bettchen heben, sie wickeln, anziehen und ihnen das Frühstück bereiten. Ich glaube, ich wäre ihnen dann ein wirklich guter Vater und meiner Frau auch eine spürbare Stütze.
Tatsache aber ist, dass wir sehr aufgeweckte Kinder haben. Gute Morgen sind solche, an denen Fanny so gegen halb sechs zu uns ans Bett kommt und stolz ins Schlafzimmer ruft: »Tertig!« Ich räume ein, das klingt sehr niedlich, aber das ändert nichts daran, dass es ein Schlachtruf ist. Danach gibt sie keine Ruhe mehr.
Ein schlechter Morgen hingegen beginnt damit, dass Fanny schon um vier auf sich aufmerksam macht: mit lauten Schreien aus dem Kinderschlafzimmer. Wenn Esther und ich dann schnell genug sind, können wir das Schlimmste verhindern, und Rosa wie auch Lilly schlafen weiter, während wir Fanny zu uns ins große Bett hinübertragen. Wenn wir nicht rasch genug aus den Federn kommen, hat Fanny nicht nur Rosa geweckt, sondern auch die in Sachen Nachtruhe eher ausgeschlafene Lilly.
Was sehne ich mich nach einem Aufwachen, wie es vor vielen Jahren Eric Malpass in seinem Klassiker »Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung« beschrieben hat. Da schreckt der kleine Gaylord die liebe Verwandtschaft damit, dass er sie mit einem Tee aus dem Bett jagt, der aussieht »wie Kräutersauce«. Als ich das irgendwann in den frühen siebziger Jahren gelesen habe, fand ich die Vorstellung, von so einem Bengel um sieben aus dem Schlaf gerissen zu werden, fürchterlich. Jetzt würde ich Gold dafür geben, auf so geradezu zärtliche Weise geweckt zu werden.
Alle Versuche, den Kindern ein elternverträgliches Aufstehen anzuerziehen, sind bislang gescheitert. Über Wochen habe ich den Zwillingen aus einem Buch mit »Schmusegeschichten« vorgelesen, vor allem die mit dem Papa, der von seiner Tochter so liebevoll aus dem Schlaf geholt wird – mit einem Kuss auf die Stirn, auf die Augen, auf die Nase, auf die linke Wange, die rechte Wange und schließlich einem Kuss auf das Kinn. »Ui, die Bartstoppeln pieksen so schön!«, flüstert die kleine Ina dem Papa dabei ins Ohr. Nach dem letzten Morgen-Grauen habe ich das Buch zerrissen. Tertig.
Das Traurige an den schlechten Tagen ist, dass sie mit wachsender Kinderzahl zu normalen Tagen werden – Tagen, an denen ich von meiner Frau schon gedeckelt werde, noch bevor ich überhaupt aus dem Bett gestiegen bin. Das geht ganz schnell, etwa mit der Frage meiner Liebsten: »Wie war denn deine Nacht?« Sage ich: »Schlimm, ich bin dreimal raus, um Lilly den Schnuller zu geben«, so trifft mich spöttisches Blinzeln. Mit dreimal Aufstehen kann ich Esther nicht imponieren. Das wollte ich auch gar nicht, aber schließlich hat sie doch gefragt. Antworte ich aber, dass die Nacht »ganz okay« gewesen sei, weil ich mal fünf Stunden halbwegs durchgeschlafen habe, treffen mich neidvolle Blicke. »Dein Leben möchte ich führen«, höre ich noch, dann ist die beste Ehefrau von allen auch schon aus den Federn. Als wir uns vor zehn Jahren kennenlernten, hat mir imponiert, wie scharf sie als Rechtsanwältin vor Gericht auftreten konnte. Nun sitze ich manchmal im Bett wie auf der Anklagebank. Mein Vergehen: Verletzung der nächtlichen Solidaritätspflicht.
Dabei könnte ich »Spitzenvater des Jahres« werden. Eine Großbäckerei bei uns in der Nähe lobt 5000 Euro Preisgeld aus für zwei Väter, die »mehr Papa fürs Unternehmen« sind, weil sie Beruf und Familie unter einen Hut bringen, die »mehr Papa fürs Alter« sind, weil Mutter und Vater die Altersvorsorge gemeinsam gestalten, und die »mehr Papa fürs Kind« sind, weil sie eine »intensive Beziehung« zu ihrem Nachwuchs pflegen. Für die Preisstifter bricht der Superdaddy »mit der traditionellen Vorstellung, dass allein die Mutter für die ersten Monate und Lebensjahre eines Kindes zuständig ist«.
Das ausgesetzte Geld könnten wir gut brauchen, damit wären die Windelkosten für die nächste Zeit gedeckt. Vor allem aber würde mir guttun, dass mir jemand mal die Hand auf die Schulter legt und meine Verdienste für die Familie würdigt. Aber vor lauter Vaterpflichten hätte ich wohl ohnehin keine Zeit gehabt für die Preisverleihung. Ich finde ja nicht mal mehr Zeit, um ein wenig aufzuräumen.
Um Zeit zu sparen, müsste bei uns einer ran wie der legendäre Vielfachvater und anerkannte Experte für die »Abschaffung unnützer Körperbewegungen«, Frank B. Gilbreth. Der »knöpfte seine Weste von unten nach oben und nicht von oben nach unten zu, weil das Verfahren von unten nach oben nur drei Sekunden in Anspruch nahm, von oben nach unten dagegen sieben« – wohl weil man für den ersten Knopf von unten schneller das passende Knopfloch findet und sich nicht so leicht verknöpft. Ich habe jetzt in einem Katalog »Reißverschlusshemden« entdeckt, die könnten mir sogar 20 Sekunden bringen. Wenn ich dann noch wie Gilbreth zum Einseifen des Gesichts zwei Rasierpinsel benutze, weil das die Rasur um 17 Sekunden verkürzt, könnte ich sogar eine U-Bahn eher im Büro sein. Gilbreth hatte das Time-Management noch weitaus nötiger als ich. Der Mann hatte zwölf Kinder, von denen ihm zwei ein kleines Denkmal gesetzt haben mit ihrem Buch »Im Dutzend billiger«, das im vergangenen Jahrhundert auch viele deutsche Leser erheiterte, darunter meine Eltern und irgendwann auch mich. Allerdings habe ich den Gilbreths die Idylle mit dem Dutzend schon damals nicht geglaubt. Jetzt bin ich sicher, dass alles frei erfunden war. Bei uns ist mit drei Kindern schon Land unter, bei manchen unserer Freunde bereits mit einem – wie sollte man da ein Dutzend überleben? Andererseits ist der potente Vater ja auch nur 55 Jahre alt geworden.
Eigentlich müsste ich mich auch mit zwei Apparaten rasieren, wie Gilbreth es versucht hat, um Zeit zu sparen. Allerdings hat er als Nassrasierer zwei Minuten verloren für die Verpflasterung seiner Schnittwunden. Ich würde wahrscheinlich verbluten, weil ich in unserem Chaos stundenlang nach Pflastern suchen müsste.
Überhaupt sieht es bei uns in der Wohnung aus, als stünde unten »M. Essi« auf dem Klingelschild: Von den Decken hängen nackte Glühbirnen wie in einem Rohbau; auch ein Jahr nach dem Einzug in die neue Wohnung sind noch mindestens 40 Kartons nicht ausgepackt. Wohin auch mit dem Zeug? Um ein vernünftiges Wohnzimmerregal zu kaufen, müsste man mal einen Samstag, vielleicht auch zwei, ohne Windelträger durch die Einrichtungshäuser ziehen; für Schränke im Bad wäre mindestens ein weiteres Wochenende zum Sichten der Angebote fällig. Vielleicht hätten wir bei dem »unmöglichen Möbelhaus aus Schweden« zumindest schon einen Spiegel für die Diele gekauft, wenn wir unsere Kleinen im »Småland« zwischenlagern dürften. Von halb zehn morgens bis zur Tagesschau könnten wir uns meterweise mit »Billy« eindecken. Doch unsere Wohnung wird frei bleiben vom preiswerten skandinavischen Chic, weil unsere Kinder noch zu klein sind, um sie an der Kasse abzugeben. »Småland« nimmt den Nachwuchs der Kunden erst ab drei Jahren an – angeblich aus Sorge, dass die Jüngsten im Bälle-Bad ertrinken könnten.
Dass ich früher mal Lust und Muße hatte, mich für Kunst und Kultur zu interessieren, glaube ich inzwischen selbst nicht mehr. Was ist nur aus meinem Bild von Ulrich Tukur geworden? Auf die weiße Leinwand hat der Schauspieler nicht nur einen Skifahrer gemalt wie so oft gegen Ende der Aufführung des Stückes »Kunst« von Yasmina Reza. Der Künstler hat es sogar zusammen mit seinen Kollegen Dominique Horwitz und Christian Redl signiert. Die Leinwand verschimmelt jetzt irgendwo im Keller. Auch die Lithographie »Sonnenblume mit Schreibmaschine« von Günter Grass, mit eigenhändigem Namenszug versehen, verstaubt jetzt hinter irgendeiner Kommode. Ich, der Junge aus dem Ruhrpott, war doch so stolz auf meine kleine Sammlung.
Dafür ist unsere Behausung total kindgerecht. Alle scharfen Kanten sind abgeklebt. Besonders das offizielle Wohnzimmer – Heizkörper, Fernseher, Plattenkiste, Couch und Tisch – sieht aus, als seien wir Schaumstoff- und Kreppbandfetischisten. Egal, wir haben ohnehin kaum Gelegenheit, es uns darin gemütlich zu machen. Es soll mir jetzt bloß keiner mit Rousseau kommen, dem französischen Philosophen, der mal formuliert hat: »Die wichtigste und nützlichste Regel aller Kindererziehung ist nicht, Zeit zu gewinnen, sondern sie zu verlieren.« Aber haben dem guten Jean-Jacques morgens schon Kinder gleich dreifach zugesetzt? Nein. Den eigenen Nachwuchs hat der Besserwisser ins Heim gegeben, zu den enfants trouvés, den Findelkindern. Rousseau, der in seinem Bildungsroman »Emile oder über die Erziehung« dafür eintritt, Kinder und Jugendliche sich selbst und der Natur zu überlassen und möglichst von den Einflüssen der Zivilisation fernzuhalten, rechtfertigte sich später mit seinen finanziellen Verhältnissen: Seine Arbeit sei schlecht oder gar nicht bezahlt worden, weshalb seine Frau Thérèse für die gemeinsame Haushaltskasse habe arbeiten müssen. Und da sei nun mal keine Zeit für den Nachwuchs gewesen. Die finanzielle Not kann ich als Vater von drei Kindern gut nachempfinden – aber hergeben würde ich unser Trio Infernale nie.
Trotzdem spricht mir Harald Schmidt aus dem Herzen. »Laut Umfrage«, lästerte der Entertainer und Mehrfachvater, »lieben 75 Prozent der Deutschen Kinder, der Rest hat welche.« Und je mehr man hat, desto unglücklicher wird man, jedenfalls lässt sich das aus einer Studie der Universität Pennsylvania herauslesen. Danach sind Männer und Frauen mit einem Kind glücklicher als Vergleichspaare ohne. Das zweite und dritte Kind aber fügt bei Müttern wie Vätern dem Familienglück nichts hinzu. Die befragten Frauen gaben sogar an, sie seien mit nur einem Kind glücklicher gewesen als mit mehreren. Allerdings zeigten sich auch die strapazierten Mehrfachmütter immer noch glücklicher als die kinderlosen Vergleichsfrauen. »Wer sein persönliches Glück absichern möchte«, meint dazu der für die Auswertung der Interviews zuständige Soziologe Hans-Peter Kohler, »sollte sich einmal reproduzieren und die Familienplanung nach diesem Kind beschließen.«
Mit den Kindern ist es wohl wie mit den Bestzeiten beim Laufen. »Je älter ich werde, desto schneller war ich früher«, heißt es unter Joggern, zu denen ich – bis die Kinder kamen – als Gelegenheitsmarathoni zählte. Und je erwachsener die Kinder sind, desto schöner wird dann im Rückblick die Windelzeit. Nur so kann ich mir die vielen liebevollen Worte erklären, die Petra Gerster in ihrem Buch »Reifeprüfung« dazu notiert. »Kinder setzt man nicht in die Welt, um sich zu opfern, sondern um sich selbst in ihnen wiederzuerkennen und zu spiegeln und in ihnen irgendwie weiterzuleben«, schreibt die ZDF-Moderatorin in ihrer Lebensbilanz als »Frau von 50 Jahren«. Und so zählt sie auf, wie schön das Leben mit Kindern ist. Weil Weihnachten ohne sie trostlos wäre, weil Altwerden ohne sie noch schwieriger wäre, als es ohnehin schon ist, und weil, so Gerster, »überhaupt Kinder das beste Anti-Aging-Programm« seien. Vielleicht wird mir zu meinen Kindern auch viel Gutes einfallen, wenn sie irgendwann mal aus dem Haus sind. Hier und heute sind sie der Alterungsschub schlechthin und haben mich in fast drei Jahren mehr Nerven gekostet als mein auch nicht gerade unanstrengender Job in einem Vierteljahrhundert.
Früher war ich nicht so dünnhäutig. Da war ich geschätzt für meine Geduld, heute bin ich leicht reizbar. Vor allem daheim sind meine Ausbrüche unüberhörbar, selbst für Mitbewohner in oberen Stockwerken. Dafür schäme ich mich aber schon lange nicht mehr, denn ist die Stimme erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert. Und es muss den Kindern gar nicht mal schaden, behauptet der australische Psychologe und Familientherapeut Steve Biddulph: »Ärger oder Wut gegenüber Kindern oder in ihrem Beisein zu äußern« sei »nicht grundsätzlich negativ«, schreibt er in seinem Buch »Das Geheimnis glücklicher Kinder«. Biddulph: »Im Gegenteil, Kinder müssen lernen, dass Eltern ärgerlich sein und lautstark Spannungen abreagieren können – und sie selbst trotzdem nicht in Gefahr sind.« Problematisch werde es erst dann, wenn die positiven Botschaften nicht ähnlich kräftig und verlässlich ausfielen. Auch sonst steht der Mann mir nahe. Von seinem eigenen Nachwuchs spricht Biddulph nicht als Kindern, sondern er nennt sie Wombats. Das ist eigentlich ein australisches Nachttier, das aussieht wie eine Kreuzung aus Hausschwein und Goldhamster. Da finde ich es geradezu respektvoll, wie ich über meine Kinder rede, diese kleinen Biester, diese Nervensägen.
Tatsächlich sind Fanny und Lilly derzeit in einer etwas nervigen Phase, die Amerikaner bezeichnen das Alter als »the terrible twos«, die schreckliche Zeit, wenn die Sprösslinge so um die zwei Jahre alt sind. Bei uns nennt man das oft die »Trotzphase«, die mit dem zweiten Lebensjahr beginnt und in der die Kinder die Welt und ihren eigenen Willen entdecken. Als »Selbständigkeitsalter« apostrophiert der verständnisvolle Däne Juul diesen Entwicklungsabschnitt – der angeblich erst mit dem Auszug aus dem Elternhaus endet. Wenn ich allerdings so manche Zeitgenossen erlebe, scheint die Trotzphase zumindest bis zur Rente zu währen. Was deren Eltern wohl alles falsch gemacht haben?
Damit wir nicht ganz so viel verkehrt machen, haben wir die Erziehung auf viele Schultern verteilt, notgedrungen. Anders würden wir gar nicht über die Runden kommen. Unsere kleine karitative Einrichtung in des Wortes wahrer Bedeutung von »fürsorglicher Liebe« besteht aus drei Chefs, drei Angestellten und zwei Sklaven. Unter Fanny, Lilly und dem Juniorboss Rosa arbeiten stundenweise die Oma, das Kindermädchen Janne und die helfende Hand Tina; die Leibeigenen sind Esther in der Position der Vorarbeiterin und ich als Handlanger. Damit haben wir mehr Hilfe als viele andere, aber eigentlich nicht genug, wenn man das afrikanische Sprichwort bedenkt: »Um ein Kind aufzuziehen, braucht man ein ganzes Dorf.«
Mein Einsatz beginnt mit dem Frühstück. Das ist Vatersache, schließlich sind nach Meinung von Erziehungsexperten die Mahlzeiten, die wir unseren Kindern vorsetzen, bezeichnend für die Liebe und Fürsorge, die wir ihnen zukommen lassen. Also setze ich mit viel Liebe und noch mehr Fürsorge Haferflocken auf. Das kann ich, und die essen die Kinder gern. Danach aber bricht das Chaos aus: Lilly, unsere Frankophile, schreit nach »Chong«. Dass es Croissants nur samstags gibt, versteht sie nicht und weint erst mal. Rosa will eine Birne, aber geschält, Fanny den Apfel mit Schale und Lilly nun »Appellmuss« mit Joghurt – und bitte exakt in dieser Reihenfolge: erst zwei Löffel Mus, dann »eins Schlach« Joghurt. Ein Löffel zu viel, und sie isst es nicht. Macht nichts, wenn ich das Kommando habe. Anders als meine Frau, die »Teller leer« verlangt, dulde ich Reste. Für die Kleinen ist Papa daher der Beste, zumindest dann.
Im Sinne der modernen Familienführung vertraue ich ganz auf die Eigenverantwortlichkeit meiner Kinder: Je weniger ich mich einmische, desto schneller lernen sie, das rechte Maß zu finden. Dabei kann ich mich auf den Schweizer Erziehungspapst Largo stützen. Der warnt ausdrücklich davor, »Essen zu einer aufgezwungenen Handlung« zu machen: »Antrainiert kann das Essen selbst nach Jahren für das Kind immer noch ein Vorgang sein, der nicht seinem eigenen Bedürfnis entspringt, sondern von den Eltern gewollt und durch die Eltern kontrolliert wird. Dass ein derartig anerzogenes Essverhalten zu Essstörungen führen kann, erstaunt nicht.« Meine Frau hingegen meint, Largo und ich seien nur konfliktscheu und bequem.
Das ist natürlich wieder eine dieser Spitzfindigkeiten, mit denen sie sonst ihr Geld verdient. Ich will doch nur verhindern, dass meine Töchter später magersüchtig werden oder Bulimie bekommen. Nur deshalb lasse ich sie wild mit Messer, Gabel und Löffel hantieren, und kleckern dürfen sie auch. »Ermutigung« heißt meine Devise bei Tisch. Nur um mir das Bodenwischen zu ersparen oder einen Teller zu retten, werde ich meinen Kindern nicht ihr Selbstvertrauen nehmen. »Mut zur Unvollkommenheit« fordert der Psychiater Rudolf Dreikurs von Eltern – und ich, der große Perfektionist, komme auf diese Weise auch dem unermüdlichen Kampf gegen meine eigene Natur nach, zum Wohle meiner Kinder. Was ich allein schon damit leiste, so früh am Morgen über meinen Schatten zu springen, das sieht natürlich keiner. Typisch.
Was soll’s: Meine Rolle als Leibeigener zwingt mich nach der Haferflocken-Zubereitung ohnehin vorwiegend unter den Tisch. Während Esther oben schneidet und schmiert, einschenkt und rührt und die Kinder die Schwerkraft der Dinge erproben, liege ich meinen Frauen als Abfallbeseitiger zu Füßen. Dabei stelle ich mir Sisyphus immer als glücklichen Menschen vor. Allerdings glaube ich, dass seine Knie weniger gelitten haben als meine. Die sind so schorfig vom Rutschen, dass ich im Sommer keine kurzen Hosen mehr trage. Mein Freund Ralfi, selbst ein vom Vaterglück Geschlagener, sieht in mir die Landversion des Gemeinen Putzerfisches. Der ist für seine »besondere Angepasstheit« bekannt und sichert sich sein Überleben durch Symbiose mit dem potenziellen Aggressor. Beflissen hält er großen Haien das Maul und die Kiemenhöhlen sauber.
Für mich hat das Leben unter Tisch auch seine Vorteile. Es erspart mir etwa die Diskussion mit Esther über den richtigen Abstand der Kindergläser zur Tischkante. Ich finde, zehn Zentimeter sind ausreichend, um ein unbeabsichtigtes Hinunterstoßen beim Vorlehnen über den Tisch zu verhindern. Meine Frau sieht das anders. Erst kürzlich hat sie ein von mir abgestelltes Glas noch einmal zehn Millimeter weiter zur Mitte gerückt. »Sicherheitshalber«, säuselte sie. Muss ich mir das bieten lassen? Nein, muss ich nicht. Da werfe ich doch lieber einen Blick in die Zeitung und sitze da wie einst mein alter Herr. My father, myself? Gott behüte. Schnell wieder unter den Tisch, sicherer ist das.
Sobald die Fütterung vorbei ist, verschafft mir die Kriecherei sehr schöne Momente. Wenn meine drei Töchter dann so vor mir stehen, begegne ich ihnen auf Augenhöhe. Das ist auch pädagogisch ungemein wichtig, weil es das partnerschaftliche Moment in der Eltern-Kind-Beziehung unterstreicht. Allerdings will ich das mit der Gleichberechtigung nicht übertreiben. Kinder als Partner der Erwachsenen zu sehen, meint Tyrannen-Stürzer Winterhoff, sei eine gravierende »Beziehungsstörung«. Wer dem Kind Gleichberechtigung gebe, so der Therapeut, der sei zwar noch erziehungsberechtigt, aber kaum noch erziehungsbefähigt. Das allerdings bin ich aus Schlafmangel oft sowieso nicht. Ich bin froh, wenn oben am Tisch niemand merkt, dass mir die übernächtigten Augen noch mal zufallen – bis es scheppert, weil ich mit dem Kopf in die Kehrschaufel knalle.
Auch wenn ich von Haus aus Protestant bin, fühle ich mich, weil Esther nicht ohne Grund Esther heißt, in meinem Elend dem jiddischen Taten nah, dem ewigen Opfer der Mamme. Sich für die Familie abzuplagen ist für den Taten der Sinn des Lebens, wie mein Kollege Henryk M. Broder einmal geschrieben hat. Der Tate, so Broder, sei eine »tragikomische Gestalt, eine Mischung aus Angeber und Schlappschwanz, der vom Leben geprügelt, von seinen Kindern ausgepresst und von seiner Frau gequält wird«. Ich gehe jetzt kegeln, saufen oder einfach spazieren, das zu sagen schafft der Tate nicht, es wäre für ihn »gleichbedeutend mit Desertion«. Andererseits: »Auch in einem Knast gibt es so etwas wie Nestwärme«, wie Broder richtig anmerkt.
So beginnt mein Leben als Vater mit dem Ende des aufrechten Gangs, weit über den Knick im psychischen Rückgrat hinaus. An späte Väter wie mich muss Tilman Spengler gedacht haben, als er sein Buch schrieb »Wenn Männer sich verheben«. Die Sterne wollte ich meinen Kindern vom Himmel holen, und jetzt mache ich schon schlapp, wenn ich Rosa aus ihrem Gitterbettchen herausheben will, um sie auf der Wickelkommode anzuziehen. Ein Schmerz durchzuckt mich, zieht sich vom Rücken aus durch den ganzen Körper, lässt mich alle 200 Knochen und 600 Muskeln auf einmal spüren. Für den Seelenschmerz sorgt meine Frau: »Am leichtesten Kind verhoben«, spottet sie.
Mit Rückenschmerzen in den Ankleide-Nahkampf zu gehen ist denkbar schlecht. Wenn meine Frau mich abstrafen will, fragt sie scheinheilig: »Möchtest du die Kinder anziehen?« Dem kann ich mitunter noch entkommen. Selbst meine Frau ist für rationale Begründungen zugänglich, etwa dass der Zug nach Berlin nicht drei Windeln länger wartet. Weitaus ernster wird die Lage, wenn die Kinder fordern: »Papa, anziehen.« Drei erwartungsfrohe Kinder und ein ungeduldiger Vater – fehlt nur noch, dass wir wieder eine dieser engen Strumpfhosen erwischen oder eines dieser zu kleinen T-Shirts, die ich den Kindern nur mit Gewalt über den Kopf zerren kann. »Das passt alles nicht«, mault der Vater. »Deine Nervosität ist schuld«, analysiert die Mutter. »Mama, machen!«, rufen die Kinder. Na bitte, geht doch.
Mitunter entartet die Prozedur zum puren Machtkampf, wie so vieles in meinem neuen Leben. Dann bestimmen Fanny und Lilly, wer sie anziehen darf – und das ist immer der andere. »Papa, ne, Mama macht« oder umgekehrt. Fanny unterstreicht beides durch spitze Schreie, wie Oskar Matzerath, der Junge, der in der »Blechtrommel« von Günter Grass mit seiner schrillen Stimme Gläser zerspringen lässt. Obwohl selbst die besten Sopranistinnen mit höchsten Tönen keine Gläser klirren lassen können: Erwiesen ist jedenfalls, dass Babyschreie eine Lautstärke von 82 Dezibel haben – ein Presslufthammer schlägt nur wenig lauter auf das Trommelfell. Und Rosa, die das durchdringendste Organ hat, könnte sogar Baustellenlärm übertönen.
Oft genug lenken wir ein, weil zumindest einer von uns das Geschrei einfach nicht mehr erträgt. Wenn es ganz böse kommt, raunzt der andere dann genervt: »Schön, dass du so konsequent bist.« Manchmal schmollt danach die Mama, oder der Papa schlägt die Tür zu. Dass nach Untersuchungen der University of Michigan ein guter Streit heilsam für die Gesundheit sein kann, ist da nur ein schwacher Trost, wenn auch noch Lilly angezogen werden muss. Deren Stärke ist nicht das Schreien, sie stellt sich einfach tot, wenn ihr nicht angezogen wird, was sie gerade zu ihren Lieblingskleidungsstücken erkoren hat. Wie ein Sack Reis liegt sie dann da. Wenn sie das bei unserem Kinderarzt macht, steht im Protokoll: »L. zeigt unkooperatives Verhalten.« Wer immer sie dann anziehen muss, hat nur eine Chance: schnell nachgeben. Das wirft im Sommer keine Folgeprobleme auf – soll sie doch bei 30 Grad ihre geliebte Ringelstrumpfhose tragen und dazu von mir aus auch noch den dicken Wollpulli, den Oma ihr zu Weihnachten gestrickt hat.
Im Winter tun wir uns allerdings schwer, Lilly in den roten Sandalen, die sie so liebt, obwohl sie ihr längst zu klein sind, auf die Straße zu lassen. Ein krankes Kind können wir uns noch weniger leisten als einen Nervenkrieg mit unserer Stoikerin. Also bleiben wir beide konsequent beim Nein. Ach, es ist so schön, wenn wir mal einer Meinung sind. Nach einem Eimer Tränen und einer Handvoll Gummibärchen zum Trost trägt Lilly dann auch ihre Gummistiefel. Konsequenz ist alles, man muss nur reißfeste Nerven haben.
Aber es geht ja nicht nur um das Geschrei, auch nicht um meine wenigen ungestörten Minuten auf dem Papathron. Es geht nicht darum, ob die Lillys und Fannys dieser Welt nun eine Strumpfhose anziehen oder nur Socken – eine Lungenentzündung werden sie sich schon nicht holen. Ein bisschen darf man sich zudem wohl auch auf das Gefühl der Kinder für kalt und heiß, Wind und Wetter verlassen.