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Ruediger Dahlke

unter Mitarbeit
von Margit Dahlke

Depression

Wege aus der dunklen Nacht der Seele

Inhaltsverzeichnis
 

Danksagung
Vorwort
 

Über den schwierigen Umgang mit der Depression – eine Einführung
 

Kunst und Mythos – eine Einstimmung in die Welt der Depression
Die poetische Bilderwelt der Melancholie
Mit der Depression leben: das Beispiel Hermann Hesse
Depressive Künstler oder Kunst als Therapie
 

Die Reise des Helden und ihre Stationen
Der Ruf, die Berufung
Die Verweigerung
Weitere Stationen der Heldenreise
Moderne Heldenwege – ihre Chancen und Probleme
 

Geschichte und Definition der Depression
Zeitspezifische Einschätzungen und Moden
Formen eines Krankheitsbildes
Wie erkenne ich, ob ich depressiv bin?
 

Die Hintergründe der Depression
Gesellschaftliche und soziale Ursachen
Körperliche Ursachen und persönliche Lebensweise
Die Betonung der rechten Gehirnhälfte
Veränderungen im Stresszustand
Zusammenspiel und Rivalität von Fühl- und Denkhirn
Die Aufgaben des emotionalen Gehirns
 

Die seelische Basis der Depression
Typeneinteilung nach den vier Elementen
Typeneinteilung nach kosmischen Gesetzmäßigkeiten
Typen der Depression
Die Symphonie der Kräfte
 

Der depressiv strukturierte Mensch
Seine Ausgangssituation
Entwicklung als Problem
Bildung der depressiven Charakterstruktur
Positive Seiten der depressiven Struktur
 

Depression im Spiegel der Urprinzipien
In den Tiefen des Plutonischen – Wasser
Saturn als Hüter der Schwelle – Erde
Die zwölf Urprinzipien im Überblick
 

Verschiedene Formen von Depression und ihre Ursachen
Die Depressionen der Lebensalter und Lebensübergänge
Spirituelle Krisen
Weibliche Hormone und der Umgang mit Aggression
Herbst-, Winter- oder saisonale Depression
Vorgeschobene Depression
 

Die Be-Deutung der Depression
Die Sprache der Symptome
Bildhafte Zustandsbeschreibungen
Maskierung der Symptome
 

Therapiemöglichkeiten
Lösungen im Sumpf des Lebens
Psychotherapeutische Ansätze
Medikamentöse Therapie
Weitere Therapien der Schulmedizin
Alternative Ansätze, neue und altbewährte Heilungswege
Kombinierte Idealtherapie
Vorbeugung
Über die Liebe als höchste Form der Resonanz, als Gegenpol zur Depression und ...
 

Schattenreise ins Licht – eine Zusammenfassung
 

Poetischer Ausklang
 

Anhang
Register
Copyright

Dank
Für Anregungen und Korrekturen danke ich den Mitarbeitern des Heil-Kunde-Zentrums Christa Maleri, Anja Schönfuß, Hildegunde Kirkovics, Freda Jeske, Josef Hien und Gerald Miesera.
Für ihre Beiträge und Anregungen danke ich Dorothea Neumayr und Robert Stargalla, für ihre persönlichen Berichte Herrn Muntaner-Ribas, Bruce Werber und Gerti Stepan.
Christine Stecher, die als »meine« Lektorin zu einem nicht mehr wegzudenkenden »Ordnungsfaktor« in meinen Büchern geworden ist, danke ich dafür und dass sie mir ein tieferes Einlassen auf den Wirrwarr der neuen deutschen Rechtschreibung erspart.
Gerhard Riemann, dem langjährigen Freund und Begleiter durch die Bücherwelt, danke ich nicht nur für den letzten entscheidenden Impuls zu diesem Buch, sondern auch für wesentliche Anregungen.
Sabine und Dominique gilt mein Dank für den äußeren Rahmen zum Schreiben.
Vera danke ich für die Atmosphäre liebevoller Achtsamkeit, die mir erlaubte, der Depression so nahe zu kommen, wie ich das eben vermag, und die intensive und schöne Zeit auf Bali, in der das Buch Gestalt annahm.

Vorwort
Anfangs wollt ich fast verzagen,

Und ich glaubt, ich trüg es nie;

Und ich hab es doch getragen,

Aber frag mich nur nicht, wie?
Heinrich Heine
 

Eine Antwort und Ergänzung finden wir bei Khalil Gibran in seinem Buch Der Wanderer:
Eine Auster sprach zu ihrer Nachbarin: »Ich trage großen Schmerz in mir. Schwer ist er und rund, und ich habe große Not.«
Die andere Auster antwortete mit überheblicher Selbstzufriedenheit: »Gelobt sei der Himmel und das Meer, denn ich habe keine Schmerzen. Es geht mir gut, innen und außen.«
In diesem Augenblick kam ein Krebs vorbei und hörte die beiden Austern. Darauf sagte er zu derjenigen, die innen wie außen unversehrt war: »Ja, dir geht es wohl gut; doch der Schmerz, den deine Nachbarin in sich trägt, ist eine Perle von hinreißender Schönheit.«
»Über Depression zu schreiben schmerzt, macht traurig, vereinsamt und belastet«, meint Andrew Solomon, der – selbst depressiv – ein sehr ausführliches und beeindruckendes Buch über Depression geschrieben hat.1 Vielleicht habe ich mich deshalb lange gewehrt, dieses Buch anzugehen. Andererseits gab es viele Hinweise, dass das Thema in unserer Zeit immer stärker in den Vordergrund drängt. Außerdem liegen so viele Chancen in der Depression, wenn man sie durchlebt und sich die Möglichkeit zugesteht, an dieser Nachtmahrfahrt der Seele zu wachsen. Aus der Psychotherapie kenne ich viele Mut machende Erfahrungen, vermittelt von Patienten, die nach dem Erlebnis der dunklen Reise nicht nur wieder auftauchten und in ihr vorheriges Leben zurückkehrten, sondern deutlich gereifter und glücklicher waren. Und es wäre so notwendig, dass solches Weiterkommen häufiger gelingt, denn das Thema eilt heute wie eine mächtige Welle auf uns zu.
Ich habe dieses Buch dann doch sehr gern geschrieben, weil es auch in eine Zeit fiel, die für mich ebenfalls durch eine Reise geprägt war – durch das besondere Land einer besonderen Fastenzeit, die mich in Erfahrungsbereiche führte, die ich nicht kannte und die große Nähe zu den Themen der Depression mit sich brachten. Zurückgekehrt kann ich sagen – ohne forschend, mitfühlend und schreibend selbst depressiv zu werden -, dass ich froh bin, durch den Reichtum beschenkt worden zu sein, der in den Tiefen der Depression verborgen liegt und der von so vielen großen Künstlern in deren Depression und Melancholie zu Tage gefördert wurde. Somit ist dieses Buch, zusammen mit der CD gleichen Titels, auch ein homöopathischer Versuch, mittels aus Depression und Melancholie inspirierter Kunst der Depression gerecht und hoffentlich sogar Herr zu werden. Damit ist gemeint, die Depression als notwendige Etappe des Lebensweges zu begreifen, deren Sinn darin liegt, wieder mit dem Leben fließen zu lernen – und das auf einem ganz neuen Niveau.
Für mich selbst kann ich sagen, dass das Vertiefen in die Kunst des Depressiven und der großen Depressiven sowie das damit verbundene Schreiben eine im wahrsten Sinne des Wortes wunder-volle Zeit war. Ich würde mir und meinen Leserinnen und Lesern wünschen, dass dies in irgendeiner Weise für sie spürbar wird. Und warum sollte Kunst uns nicht auch durch Depressionen hindurchhelfen? Schließlich hat sie so vielen Künstlern in ihrem Kampf mit den eigenen Depressionen im wahrsten Sinne des Wortes das Leben erhalten und lebenswert gemacht und uns – sozusagen als Abfallprodukte – zeitlose Kunstwerke beschert.
 

Seminyak auf Bali, Januar 2006 Ruediger Dahlke

Über den schwierigen Umgang mit der Depression – eine Einführung
Die Zahl der an Depressionen Erkrankten steigt seit den letzten Jahrzehnten gewaltig an, und diese Entwicklung wird immer mehr zu einer Bedrohung. Obwohl es sich bei der Depression sicher um das qualvollste aller Krankheitsbilder und um eine potenziell tödliche Volkskrankheit handelt, wird sie noch immer weitgehend tabuisiert. Zum einen geschieht es wohl, weil die Erkrankung in den Bereich der Psychiatrie fällt, mit dem die meisten Menschen noch weniger zu tun haben wollen als mit dem Rest der Medizin. Zum anderen mag es sein, weil die Depression sehr stark mit uns, unserer Kultur und den ihr innewohnenden Problemen verbunden ist. So kommt es, dass in Deutschland die Hausärzte gerade einmal jeden hundertsten psychisch angeschlagenen Patienten zum Psychiater überweisen. Jede zweite Depression bleibt (ärztlicherseits) unerkannt.
Das Elend geht aber weiter, wenn der Patient zum Psychiater – oder oft zum Neurologen, der mit der Materie eigentlich gar nichts zu tun hat – in die Sprechstunde kommt. Beide zögern dann viel zu oft, den Patienten in eine Klinik einzuweisen. Entgegen all den Vorurteilen und Ängsten vor der Psychiatrie gibt es aber Betroffene, die verzweifelt bemüht sind, in eine Klinik aufgenommen zu werden, und dies einfach nicht schaffen, weil sie von dem behandelnden Arzt nicht eingewiesen werden und eine Selbsteinweisung jedenfalls in Deutschland nicht möglich ist.
Heute gibt es über die Verbreitung von Depressionen unterschiedliche Angaben, deren einzige Gemeinsamkeit ist, dass die Zahlen immer erschreckend hoch sind. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge erlebt jede fünfte Frau und jeder zehnte Mann im Leben mindestens einen depressiven Schub. Demnach macht die Depression heute in den Industrienationen den zweitgrößten Anteil an der Krankheitslast aus. In den armen Dritte-Welt-Ländern steht sie schon an vierter Stelle. Von allen Krankheitsbildern verursachen Depressionen mit Abstand die höchsten Kosten.
Laut Forsa-Umfrage antwortet in Deutschland jeder Zweite auf die Frage: »Haben Sie oder ein Mitglied Ihrer Familie schon einmal an Depressionen gelitten?« mit einem Ja. Von den Befragten haben 20 Prozent selbst schon daran gelitten, knapp 30 Prozent die Erkrankung in der Familie miterlebt.
Bei 15 Prozent der Betroffenen wird aus dem Depressionsschub ein chronisches Leiden, wobei die Dunkelziffer naturgemäß enorm hoch ist. Auch ist gar nicht sicher, ob die geschlechtsspezifische Häufung unter Frauen, die vielfach angegeben wird, wirklich existiert. Männer neigen wohl einfach dazu, ihre Depression zu überspielen, indem sie in Arbeit, Sport oder Konsum flüchten und sie gar nicht erst diagnostizieren lassen.
»Wir stehen vor einer epidemischen Ausbreitung der depressiven Erkrankungen«, sagt der Psychologieprofessor und Depressionsforscher Hans-Ulrich Wittchen (Universität Dresden und Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München). Dafür spricht auch, dass unter den 19 Millionen chronisch depressiven Amerikanern schon zwei Millionen Kinder sind. Dort ist das durchschnittliche Erkrankungsalter in einer einzigen Generation um zehn Jahre auf sechsundzwanzig gesunken.
In Deutschland ist die Zahl der betroffenen Zwanzigjährigen in den letzten zehn Jahren um ein Drittel gestiegen. Auch hierzulande sind Kinder zunehmend und in erschreckendem Ausmaß betroffen, darunter sogar schon Dreijährige. Und neuerdings zeigt sich, dass auch hinter Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsmangel und Konzentrationsstörungen sowie hinter Essstörungen und anderen Verhaltensauffälligkeiten Depressionen stecken können.
Die meisten Experten stimmen darin überein, dass vor allem die erklärbaren Depressionen zunehmen und nicht diejenigen, die man früher »endogen« nannte. Laut Depressionsforscher Wittchen sind es vor allem so genannte sekundäre oder »co-morbide« Depressionen, die vermehrt auftreten, also solche, die sich an andere Krankheitsbilder wie Angst, Schlafstörungen, Alkoholismus, Zwänge oder chronische Schmerzen gleichsam anhängen. Deren Anteil gibt er mit inzwischen 70 Prozent an.
Die Verschreibungspraxis von Antidepressiva kann die Zunahme ebenfalls veranschaulichen. Allein zwischen 1993 und 2002 haben sich die Verordnungen – so das Magazin Stern-Magazin Gesund leben: Volkskrankheit Depression – in Deutschland mehr als verdoppelt. Allerdings ist hierbei zu bedenken, dass Mittel wie Prozac (deutscher Name: Fluctin) als Glückspillen zu Modedrogen geworden sind. Es gehört zur Gruppe der Antidepressiva und ist ein so genannter Serotoninwiederaufnahme-Hemmer (SSRI = Selective Serotonin Reuptake Inhibitors), der dafür sorgt, dass dem Körper mehr von seinem eigenen Botenstoff Serotonin über längere Zeiträume zur Verfügung steht. Serotonin sorgt bei der üblichen Dosierung für eine Art Schirm, der sich sanft über das Großhirn legt und alle negativen Emotionen ziemlich verlässlich abpuffert. Da bisher kaum spürbare Nebenwirkungen bekannt sind, außer dem Verdacht auf gehäufte Selbstmorde, ist es bereits eine Lifestyle-Droge geworden – das Mittel der Wahl zur Stimmungsaufhellung einer satten, aber zunehmend frustrierten Bürgerwelt. Damit wird es zum Pendant von MDMA oder Ecstasy, eines Amphetamins, das ebenfalls die Serotoninmenge im Gehirn erhöht und Jugendlichen zu einem ganz ähnlichen, wenn auch in diesem Fall streng verbotenen Zweck dient.
An dieser Tendenz, bei jeder Gelegenheit gleich etwas gegen schlechte Stimmung und üble Laune einzunehmen, mag es obendrein liegen, dass Depressionen noch immer in der öffentlichen Meinung verharmlost werden. Wer locker mit seiner Depression kokettiert, davon redet, dass er seine »Depri« habe oder »total depressiv drauf« sei, spricht einfach nicht vom selben Leiden wie jener Mensch, der in einer namen- und beispiellosen Traurigkeit, Verzweiflung und Gefühllosigkeit versinkt. Ein betroffener Wissenschaftler formulierte es nach seiner überstandenen eigenen Depression einmal so: »Traurigkeit verhält sich zu Depression etwa so wie normales Zellwachstum zu dem von Krebs.«
Bei einer Überprüfung des Vorlebens von Selbstmordopfern stellte sich heraus, dass der überwiegende Teil von ihnen durch Depressionen zu diesem Schritt getrieben wurde. Etwa 12 000 Menschen bringen sich pro Jahr in Deutschland um, und der größte Teil davon dürfte depressiv gewesen sein. Studien ergaben, dass hinter 90 Prozent der Suizide psychiatrische Erkrankungen stehen. Insofern ist Depression auf alle Fälle ein lebensbedrohliches Krankheitsbild. Bei den unter 40-Jährigen ist sie, je nach Statistik, die häufigste oder zweithäufigste Todesursache – in Konkurrenz nur mit den Verkehrsunfällen. Bei den unter 25-Jährigen ist Suizid dem Magazin Der Spiegel zufolge schon heute die unbestritten häufigste Todesursache. Aber noch zehn Mal mehr Menschen versuchen, sich umzubringen, und scheitern oft erst, nachdem sie sich schon bleibende Schäden zugefügt haben.
Im Alter sind Depressionen die mit Abstand häufigste psychische Störung, und nicht selten verbergen sie sich sogar hinter Diagnosen wie Altersdemenz. Der bereits zitierte Autor Solomon geht davon aus, dass die Depression weltweit mit Abstand das gefährlichste, teuerste und tödlichste Krankheitsbild ist.

Kunst und Mythos – eine Einstimmung in die Welt der Depression

Die poetische Bilderwelt der Melancholie

Tatsache ist, dass viele Künstler der Vergangenheit und Gegenwart mehr oder weniger schwer depressiv waren und sind. Wir verdanken ihnen aber nicht nur wunderbare Kunstwerke, sondern auch die eindrucksvollsten Beschreibungen des Krankheitsbildes selbst. Wie aktuell das Thema ist, mag die Tatsache beleuchten, dass die Ausstellung Melancholie – Genie und Wahnsinn in der Kunst im Jahr 2005 in Paris mehr als 300 000 Besucher anlockte, bevor sie nach Berlin umzog. Dort wurde sie von Beginn an als herausragendes Kulturereignis gefeiert und bekam hymnische Kritiken. Sie zeige die Schönheit, die in der Schwermut verborgen liege, schreibt die Kunstkritikern Eva Karcher in der Zeitschrift Vogue Kultur, und weiter: »Dieses qualvolle zwiespältige Bewusstsein menschlicher Endlichkeit und die letztlich vergeblichen Versuche, ihm zu entkommen, rücken die Melancholie ins Zentrum aller Kreativität.«
Wäre es möglich, in dieses Buch Illustrationen aufzunehmen, würde ich aus dem Vollen schöpfen können. Zum Thema Depression in der darstellenden Kunst wäre an erster Stelle wohl Dürers Bild Melancholia aus dem Jahr 1514 zu nennen, das von der Kunstkritik auch als Schlüsselbild für die europäische Kultur bis zur Gegenwart bezeichnet wird. Eva Karcher stellt das Bild vor: »Auf steinernen Stufen sitzt eine massige weibliche Gestalt mit Flügeln, den Kopf in die Hand gestützt. Gefangen in grüblerischer Nachteinsamkeit, zerfleischt sie sich in Trauer über die Vergänglichkeit des Daseins und lodert doch gleichzeitig vor Sehnsucht nach Erlösung.« Möglicherweise wollte Dürer mit den Flügeln, die er der Gestalt gab, andeuten, dass sie sich – engelgleich – erheben kann, um über das Elend des irdischen Jammertales hinauszugelangen. Dies entspräche der menschlichen Heldenreise, wie sie uns vom Mythos der Antike bis hin zu C. G. Jung beschrieben wird und wie sie sich, wie wir noch sehen werden, im Leben von Hermann Hesse und vieler seiner geistigen Kinder als wirksam erwies.
Wegzufliegen und sich auf den Schwingen der eigenen Träume über das irdische Leid zu erheben, davon träumte der junge Hesse, aber auch so mancher depressive Patient. Und davon träumt auch der österreichische Liedermacher Ludwig Hirsch in seinem Song Komm, schwarzer Vogel, der eine Einladung an die Depression ist, ihn doch endlich aus diesem Leben wegzuholen. Die poetische Todessehnsucht wird vielen Schwermütigen vertraut sein, weniger wohl der ebenfalls ausgedrückte Enthusiasmus, der den Autor eher als Melancholiker denn als Depressiven ausweist:
Komm, großer schwarzer Vogel, komm jetzt!

Schau, das Fenster ist weit offen,

Schau, ich hab’ dir Zucker aufs Fensterbrett g’straht.

Komm, großer schwarzer Vogel, komm zu mir!

Spann deine weiten, sanften Flügel aus

und leg’s auf meine Fieberaugen!

Bitte, hol mich weg von da!

Und dann fliegen wir rauf,

mit’ in Himmel rein

in a neue Zeit, in a neue Welt.

Und ich werd’ singen, ich werd’ lachen,

ich werd’ »das gibt’s net« schrei’n,

weil ich werd’ auf einmal kapieren,

worum sich alles dreht.
Komm, großer schwarzer Vogel, hilf mir doch!

Press deinen feuchten, kalten Schnabel

auf meine wunde, auf meine heiße Stirn!

Komm, großer schwarzer Vogel,

jetzt wär’s grad günstig!

Die anderen da im Zimmer schlafen fest,

und wenn wir ganz leise sind,

hört uns die Schwester nicht.

Bitte, hol mich weg von da!
...
Ja, großer schwarzer Vogel, endlich!

Ich hab’ dich gar nicht reinkommen g’hört,

wie lautlos du fliegst,

mein Gott, wie schön du bist!

Auf geht’s, großer schwarzer Vogel, auf geht’s!

Baba, ihr meine Lieben daham!
Du, mein Mädel, und du, Mama, baba!

Bitte, vergesst’s mich nicht!

Auf geht’s, mitten in den Himmel eine,

nicht traurig sein, na, na, na,

ist kein Grund zum Traurigsein!

Ich werd’ singen, ich werd’ lachen,

ich werd’ »das gibt’s net« schrei’n,

weil ich werd’ auf einmal kapieren,

ich werd’ glücklich sein!

Ich werd’ singen, ich werd’ lachen,

ich werd’ »das gibt’s net« schrei’n,

weil ich werd’ auf einmal kapieren,

ich werd’ glücklich sein!

Ich werd’ singen, ich werd’ lachen,

ich werd’ endlich glücklich sein!
An anderer Stelle variiert Hirsch das Thema geradezu humorvoll:
Dem Jonas lacht niemals die Sonne.

Und wenn, dann lacht sie ihn aus.

Sein Schutzengerl zeigt ihm die Zunge,

und der Glücksstern, der überm Jonas

seine Lichtkreise zieht,

ist nur a Schnuppe, die kurz aufblitzt,

ins Meer stürzt und verglüht.
Viele große Maler wie van Gogh, Francisco Goya oder Caspar David Friedrich haben auf dem faszinierenden Grad zwischen Melancholie und Wahnsinn Kunstwerke geschaffen. Auch die Vertreter der Kunstrichtungen des Symbolismus und des Surrealismus konnten sich den Reizen des Verfalls und des Morbiden nicht entziehen. Wanderungen durch die bedeutenden Kunstgalerien dieser Welt werden somit leicht zu einer unbewussten Konfrontation mit der Depression.
Aus der Welt der Literatur gibt es ebenfalls reichlich Stoff für die Beschäftigung mit der Depression. Die Schriftstellerin Mascha Kaléko kleidet die depressive Welt in folgende Bilder:
Blasse Tage
 

Alle unsre blassen Tage

Türmen sich in stiller Nacht

Hoch zu einer grauen Mauer.

Stein fügt immer sich an Stein.

Aller leeren Stunden Trauer

Schließt sich in die Seele ein.
 

Träume kommen und zerfließen

Gleich Gespenstern, wird es Tag.

In uns bleibt das ewig zage

Fassen nach den bunten Scherben,

Und im Schatten blasser Tage

Leben wir, weil wir nicht sterben.
Ein Gedicht von Thomas Brasch, das er über seinen Schriftstellerkollegen Uwe Johnson und dessen tiefe Depression schrieb, kann die in der Depression herrschende (Ver-)Stimmung gut ausdrücken. Es hing in Johnsons Wohnzimmer, in dem man ihn, nur neunundvierzig Jahre alt geworden, tot auffand.
Halb Schlaf
Und wie in dunkle Gänge

mich in mich selbst verrannt,

verhängt in eigne Stränge

mit meiner eignen Hand:
 

So lief ich durch das Finster

in meinem Schädelhaus:

Da weint er und da grinst er

und kann nicht mehr heraus.
 

Das sind die letzten Stufen,

das ist der letzte Schritt,

der Wächter hört mein Rufen

und ruft mein Rufen mit
 

aus meinem Augenfenster

in eine stille Nacht;

zwei rufende Gespenster:

eins zittert und eins lacht.
 

Dann schließt mit dunklen Decken

er meine Augen zu:

jetzt schlafen und verstecken

und endlich Ruh.
André Heller, der österreichische Poet, der das Thema Depression kennt und wohl auch lebt, macht in seinem Lied Das System geradezu Mut zu jener inneren Haltung, die der Depression vorbeugt, indem sie der Melancholie Lebensraum schenkt.
Weine wieder, wenn du weinen willst,

verzichte nicht auf die Verzweiflung,

leiste dir deine Mutlosigkeit,

sabotiere den Helden in dir.

Tauch manchmal in den Rauch der Angst,

ein Abgrund fehlt dir doch nie.

Zum Kotzen ist doch wirklich bloß

die viele falsche Sympathie.
 

Da ist ein System, ein gewinnbringendes System,

das will dich entmündigt und bequem,

Und mit der Milch der frommen Denkungsart,

da wird bei dir nicht, bei mir nicht, nirgendwo gespart.
 

Drum wein ich schon lange, wenn ich weinen will.

Das irritiert sie am meisten,

in dieser großen Leistungszeit

will ich mir meine Nachdenklichkeit leisten.

Mein Kleid, das ist der Rauch der Angst.

Abgründe sind meine Gründe.

Wenn einer heute irgendwo nicht mehr lügt,

das nennt man jetzt die Sünde.
 

Da ist ein System, ein gewinnbringendes System,

das will dich entmündigt und bequem,

Und mit der Milch der frommen Denkungsart,

da wird bei dir nicht, bei mir nicht, nirgendwo gespart.
Zu den berühmten Persönlichkeiten, die unter Depressionen litten, gehörte die Kaiserin Elisabeth von Österreich. Sie war durchaus nicht die süßliche Sissi der schöngefärbten, operettenhaften Filme, sondern eine schwer depressive Frau, die in ihren Gedichten beeindruckende Zeugnisse ihres Leidens hinterlassen hat. Eigentlich war ihr Leben das genaue Gegenteil der populären Filme, und es ist bezeichnend, dass eine magersüchtige Depressive mit schwerer Migräne zum Idol so vieler junger Frauen späterer Generationen wurde – bis hin zu den Mädchen heute. Essstörungen und Depressionen, die Leiden der Kaiserin Sisi, sind aktuell große Gefahren für Heranwachsende.
Bezeichnenderweise gibt es zwei Namensversionen. Die Kaiserin schrieb sich ganz einfach Sisi. Die Schauspielerin Romy Schneider wurde dann für Österreich und die Welt zum süßen Mädel Sissi. Möglicherweise wurde sie aber vom Muster der echten Sisi eingeholt, wenn man an Romy Schneiders frühes tragisches Ende denkt. Ihre zum Teil fast krampfhaften Versuche, dem frühen süßlichen Sissi-Muster ihrer Karriere zu entfliehen, waren immer spürbar und ließen sie in ihrem Privatleben der echten verzweifelten Sisi schließlich wohl sehr nahe kommen.
Die Kaiserin Elisabeth, die nach ihrer unbeschwerten Kindheit in Bayern am starren Zeremoniell des Wiener Kaiserhofes verzweifelte, beschreibt im folgenden Gedicht mit dem Titel Ramsgate den Abwehrkampf ihrer depressiven Seele gegen das Gefühl der Liebe, eventuell anlässlich eines heimlichen Flirts. Die Zeilen verraten dabei ihre Distanz zu diesem Thema. Lieber flüchtet sie in ihren Gedanken zu toten Seelenfreunden – zu ihrem »Geliebten« und »Helden« Achill aus der griechischen Sagenwelt oder zu ihrem »Meister« Heinrich Heine -, die ihr kein Leid antun können, da sie nicht mehr von dieser Welt sind.
Zu spät, zu spät sind wir begegnet

Uns auf des Lebens Dornenpfad;

Zu weit schon hat uns fortgetragen

Der Zeiten unaufhaltsam Rad.
 

 

Zu spät hat deiner tiefen Augen Magnet’scher Blick auf mich geschaut, Selbst unter diesen warmen Strahlen Hat’s starre Herz nicht mehr getaut.
 

 

Es überkommt mich tiefe Wehmut,’S ist wie Klang aus alter Zeit, Wie banges, namenloses Heimweh, voll hoffnungsloser Bitterkeit.
 

 

Auch ich bin einstens reich gewesen, Wähnt’, unerschöpflich sei mein Hab’; Leichtsinnig ist es längst verschleudert – Es blieb das Herz ein leeres Grab.
 

 

O wende weg die ernsten Augen! Lass ruhigen Wegs mich weitergeh’n! Kann Glück ich nicht mehr eigen nennen, So will ich’s wenigstens nicht seh’n!
Noch einfacher und direkter drückt sie in ihrem Anti-Trinklied ihre Abwendung von allem Lebensgenuss aus, die so typisch für die meisten Depressiven ist:
Für mich keine Liebe,

Für mich keinen Wein;

Die eine macht übel,

Der andre macht spei’n!
 

Die Liebe wird sauer,

Die Liebe wird herb;

Der Wein wird gefälschet

Zu schnöden Erwerb.
 

Doch falscher als Weine

Ist oft noch die Lieb’;

Man küsst sich zum Scheine

Und fühlt sich ein Dieb!
 

Für mich keine Liebe,

Für mich kein Wein;

Die eine macht übel,

Der andre macht spei’n!
In seinen nicht einmal dreißig Lebensjahren hat der österreichische Lyriker Georg Trakl der Melancholie viele literarische Denkmäler geschaffen. Seine melancholische Seelenstimmung drückt er in einem Brief an Karl Borromaeus Heinrich aus:
Lieber Freund!
 

(…) Ich wäre so froh, wenn Sie im März nach Salzburg kämen; ich habe jetzt keine leichten Tage daheim und lebe so zwischen Fieber und Ohnmacht in sonnigen Zimmern dahin, wo es unsäglich kalt ist. Seltsame Schauer von Verwandlung, körperlich bis zur Unerträglichkeit empfunden, Gesichte von Dunkelheiten, bis zur Gewissheit verstorben zu sein, Verzückungen bis zu steinerner Erstarrtheit; und Weiterträumen trauriger Träume. Wie dunkel ist diese vermorschte Stadt voll Kirchen und Bildern des Todes (…)
Ihr ergebener Georg Trakl
Wie eine poetische Definition der Melancholie klingen die folgenden Zeilen seines Gedichts In ein altes Stammbuch:
Immer wieder kehrst du Melancholie,

O Sanftmut der einsamen Seele.

Zu Ende glüht ein goldener Tag.
 

Demutsvoll beugt sich dem Schmerz der Geduldige

Tönend von Wohllaut und weichem Wahnsinn.

Siehe! es dämmert schon.
 

Wieder kehrt die Nacht und klagt ein Sterbliches

Und es leidet ein anderes mit.
 

Schaudernd unter herbstlichen Sternen

Neigt sich jährlich tiefer das Haupt.
In seinem Gedicht Stunde des Grams wird Trakls Schwermut vielleicht am deutlichsten:
Schwärzlich folgt im herbstlichen Garten der Schritt

Dem glänzenden Mond,

Sinkt an frierender Mauer die gewaltige Nacht.

O, die dornige Stunde des Grams.
 

Silbern flackert im dämmernden Zimmer der Leuchter

des Einsamen,

Hinsterbend, da jener ein Dunkles denkt

Und das steinerne Haupt über Vergängliches neigt,

Trunken von Wein und nächtligem Wohllaut.

Immer folgt das Ohr

Der sanften Klage der Amsel im Haselgebüsch.
 

Dunkle Rosenkranzstunde. Wer bist du

Einsame Flöte,

Stirne, frierend über finstere Zeiten geneigt.
Ingeborg Bachmann zählt zu den Künstlern, die sich ein Leben lang mit ihrer Depression unter anderem auch in ihrem literarischen Werk auseinander gesetzt haben. Sie lässt in verschiedenen Gedichten melancholische Lebensgefühle bis hin zu depressiven Stimmungen anschaulich werden. In dem Gedicht Dunkles zu sagen behandelt sie die Schattenreise auf den Spuren von Orpheus, des großen mythischen Sängers. In ihren Zeilen kommt auch die Schönheit des Dunkels zum Ausdruck.
Wie Orpheus spiel ich

auf den Saiten des Lebens den Tod

und in der Schönheit der Erde

und deiner Augen, die den Himmel verwalten,

weiß ich nur Dunkles zu sagen.
 

Vergiß nicht, daß auch du, plötzlich,

an jenem Morgen, als dein Lager

noch naß war von Tau und die Nelke

an deinem Herzen schlief,

den dunklen Fluß sahst,

der an dir vorbeizog.
 

Die Saite des Schweigens

gespannt auf die Welle von Blut,

griff ich dein tönendes Herz.

Verwandelt ward deine Locke

ins Schattenhaar der Nacht,

der Finsternis schwarze Flocken

beschneiten dein Antlitz.
 

Und ich gehör dir nicht zu.

Beide klagen wir nun.
 

Aber wie Orpheus weiß ich

auf der Seite des Todes das Leben,

und mir blaut

dein für immer geschlossenes Aug.
Die Sinnlosigkeit und der Verfall der Sinnlichkeit, beides zentrale Aspekte depressiven Erlebens, kommen neben der für Depressionen typischen Ausweglosigkeit in Ingeborg Bachmanns Gedicht Entfremdung zum Ausdruck.
In den Bäumen kann ich keine Bäume mehr sehen.

Die Äste haben nicht die Blätter, die sie in den Wind halten.

Die Früchte sind süß, aber ohne Liebe.

Sie sättigen nicht einmal.

Was soll nur werden?

Vor meinen Augen flieht der Wald,

vor meinem Ohr schließen die Vögel den Mund,

für mich wird keine Wiese zum Bett.

Ich bin satt vor der Zeit

Und hungere nach ihr.

Was soll nur werden?
 

Auf den Bergen werden nachts die Feuer brennen.

Soll ich mich aufmachen, mich allem wieder nähern?
 

Ich kann in keinem Weg mehr einen Weg sehen.
In ihrem Gedicht Hinter der Wand wird die depressive Todessehnsucht beängstigend spürbar.
Ich hänge als Schnee von den Zweigen

in den Frühling des Tals,

als kalte Quelle treibe ich im Wind,

feucht fall ich in die Blüten

als ein Tropfen,

um den sie faulen

wie um einen Sumpf.

Ich bin das Immerzu-ans-Sterben-Denken.
 

Ich fliege, denn ich kann nicht ruhig gehen,

durch aller Himmel sichere Gebäude

und stürze Pfeiler um und höhle Mauern.

Ich warne, denn ich kann des Nachts nicht schlafen,

die andern mit des Meeres fernem Rauschen.

Ich steige in den Mund der Wasserfälle,

und von den Bergen lös ich polterndes Geröll.
 

Ich bin der großen Weltangst Kind,

die in den Frieden und die Freude hängt

wie Glockenschläge in des Tages Schreiten

und wie die Sense in den reifen Acker.
 

Ich bin das Immerzu-ans-Sterben-Denken.
Eine der eindrucksvollsten, »poetischsten« Schilderungen des Elends von Depression und Selbstmord findet sich in Hermann Hesses Erzählung Klein und Wagner.2 Der Nobelpreisträger und Schöpfer von Büchern wie Siddhartha, Der Steppenwolf oder Das Glasperlenspiel ist einer der meistgelesenen modernen Autoren und gilt als eine der Leitfiguren der Jugend mehrerer Generationen, sogar des letzten Jahrhunderts. Hesse litt zeitlebens schwer an seinen Depressionen, die er in seinem Werk bearbeitete. In Klein und Wagner beschreibt er einen Selbstmord in seiner ganzen Bedeutung und Symbolik:
Ruhig ging er durch die Straßen, vom Regen durchweicht. Kein Mensch, kein Hund begegnete ihm, die Welt war ausgestorben. Am Seeufer ging er von Boot zu Boot, sie waren alle hoch ans Land gezogen und stramm mit Ketten befestigt. Erst ganz in der Vorstadt außen fand er eins, das locker am Strick hing und sich lösen ließ. Das machte er los und hängte die Ruder ein. Schnell war das Ufer vergangen, es floß ins Grau hinweg wie nie gewesen, nur Grau und Schwarz und Regen war noch auf der Welt, grauer See, nasser See, nasser Himmel, alles ohne Ende. Draußen, weit im See, zog er die Ruder ein. Es war nun soweit, und er war zufrieden. Früher hatte er, in den Augenblicken, wo Sterben ihm unvermeidlich schien, doch immer gern noch ein wenig gezögert, die Sache auf morgen verschoben, es erst noch einmal mit dem Weiterleben probiert. Davon war nichts mehr da. Sein kleines Boot, das war er, das war sein kleines, umgrenztes, künstlich versichertes Leben – rundum aber das weite Grau, das war die Welt, das war All und Gott, dahinein sich fallen zu lassen war nicht schwer, das war leicht, das war froh.
Er setzte sich auf den Rand des Bootes nach außen, die Füße hingen ins Wasser. Er neigte sich langsam vor, neigte sich vor, bis hinter ihm das Boot elastisch entglitt. Er war im All. In die kleine Zahl von Augenblicken, welche er von da an noch lebte, war viel mehr Erleben gedrängt als in die vierzig Jahre, die er zuvor bis zu diesem Ziel unterwegs gewesen war.
Es begann damit: Im Moment, wo er fiel, wo er einen Blitz lang zwischen Bootsrand und Wasser schwebte, stellte sich ihm dar, daß er einen Selbstmord begehe, eine Kinderei, etwas zwar nicht Schlimmes, aber Komisches und ziemlich Törichtes. Das Pathos des Sterbenwollens und das Pathos des Sterbens selbst fiel in sich zusammen, es war nichts damit. Sein Sterben war nicht mehr notwendig, jetzt nicht mehr. Es war erwünscht, es war schön und willkommen, aber notwendig war es nicht mehr. Seit dem Moment, seit dem aufblitzenden Sekundenteil, wo er sich mit ganzem Wollen, mit ganzem Verzicht auf jedes Wollen, mit ganzer Hingabe hatte vom Bootsrand fallen lassen, in den Schoß der Mutter, in den Arm Gottes – seit diesem Augenblick hatte das Sterben keine Bedeutung mehr. Es war ja alles so einfach, es war ja alles so wunderbar leicht, es gab ja keine Abgründe, keine Schwierigkeiten mehr. Die ganze Kunst war: sich fallen lassen! Das leuchtete als Ergebnis seines Lebens hell durch sein ganzes Wesen: sich fallen lassen! Hatte man das einmal getan, hatte man einmal sich dahingegeben, sich anheimgestellt, sich ergeben, hatte man einmal auf alle Stützen und jeden festen Boden unter sich verzichtet, hörte man ganz und gar nur noch auf den Führer im eigenen Herzen, dann war alles gewonnen, dann war alles gut, keine Angst mehr, keine Gefahr mehr.
Dies war erreicht, dies Große, Einzige: er hat sich fallen lassen! Daß er sich ins Wasser und in den Tod fallen ließ, wäre nicht notwendig gewesen, ebensogut hätte er sich ins Leben fallen lassen können. Aber daran lag nicht viel, wichtig war dies nicht. Er würde leben, er würde wieder kommen. Dann aber würde er keinen Selbstmord mehr brauchen und keinen von all diesen seltsamen Umwegen, keine von all diesen mühsamen und schmerzlichen Torheiten mehr, denn er würde die Angst überwunden haben.
Wunderbarer Gedanke: ein Leben ohne Angst! Die Angst überwinden, das war die Seligkeit, das war die Erlösung. Wie hatte er ein Leben lang Angst gelitten, und nun, wo der Tod ihn schon am Halse würgte, fühlte er nichts mehr davon, keine Angst, kein Grauen, nur Lächeln, nur Erlösung, nur Einverstandensein. Er wußte nun plötzlich, was Angst ist, und daß sie nur von dem überwunden werden kann, der sie erkannt hat. Man hatte vor tausend Dingen Angst, vor Schmerzen, vor Richtern, vor dem eigenen Herzen, man hatte Angst vor dem Schlaf, Angst vor dem Erwachen, vor dem Alleinsein, vor der Kälte, vor dem Wahnsinn, vor dem Tode – namentlich vor ihm, vor dem Tode. Aber all das waren nur Masken und Verkleidungen. In Wirklichkeit gab es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sichfallenlassen, den Schritt in das Ungewisse hinaus, den kleinen Schritt hinweg über all die Versicherungen, die es gab. Und wer sich einmal, ein einziges Mal hingegeben hatte, wer einmal das große Vertrauen geübt und sich dem Schicksal anvertraut hatte, der war befreit. Er gehorchte nicht mehr den Erdgesetzen, er war in den Weltraum gefallen und schwang im Reigen der Gestirne mit. So war das. Es war so einfach, jedes Kind konnte das verstehen, konnte das wissen.
Er dachte dies nicht, wie man Gedanken denkt, er lebte, fühlte, tastete, roch und schmeckte es. Er schmeckte, roch, sah und verstand, was Leben war. Er sah die Erschaffung der Welt, er sah den Untergang der Welt, beide wie zwei Heerzüge beständig gegeneinander in Bewegung, nie vollendet, ewig unterwegs. Die Welt wurde immerfort geboren, sie starb immerfort. Jedes Leben war ein Atemzug, von Gott ausgestoßen. Jedes Sterben war ein Atemzug, von Gott eingesogen. Wer gelernt hatte, nicht zu widerstreben, sich fallen zu lassen, der starb leicht, der wurde leicht geboren. Wer widerstrebte, der litt Angst, der starb schwer, der wurde ungern geboren.
Im grauen Regendunkel über dem Nachtsee sah der Untersinkende das Spiel der Welt gespiegelt und dargestellt: Sonnen und Sterne rollten herauf, rollten hinab, Chöre von Menschen und Tieren, Geistern und Engeln standen gegeneinander, sangen, schwiegen, schrien, Züge von Wesen zogen gegeneinander, jedes sich selbst mißkennend, sich selbst hassend, und sich in jedem andern Wesen hassend und verfolgend. Ihrer aller Sehnsucht war nach Tod, war nach Ruhe, ihr Ziel war Gott, war die Wiederkehr zu Gott und das Bleiben in Gott. Dies Ziel schuf Angst, denn es war ein Irrtum. Es gab kein Bleiben in Gott! Es gab keine Ruhe! Es gab nur das ewige, ewige, herrliche, heilige Ausgeatmetwerden und Eingeatmetwerden, Gestaltung und Auflösung, Geburt und Tod, Auszug und Wiederkehr, ohne Pause, ohne Ende. Und darum gab es nur Eine Kunst, nur Eine Lehre, nur Ein Geheimnis: sich fallen lassen, sich nicht gegen Gottes Willen sträuben, sich an nichts klammern, nicht an Gut noch Böse. Dann war man erlöst, dann war man frei von Leid, frei von Angst, nur dann.
Sein Leben lag vor ihm wie ein Land mit Wäldern, Talschaften und Dörfern, das man vom Kamm eines hohen Gebirges übersieht. Alles war gut gewesen, einfach und gut gewesen, und alles war durch seine Angst, durch sein Sträuben zu Qual und Verwicklung, zu schauerlichen Knäueln und Krämpfen von Jammer und Elend geworden! Es gab keine Frau, ohne die man nicht leben konnte – und es gab auch keine Frau, mit der man nicht hätte leben können. Es gab kein Ding in der Welt, das nicht ebenso schön, ebenso begehrenswert, ebenso beglückend war wie sein Gegenteil! Es war selig zu leben, es war selig zu sterben, sobald man allein im Weltraum hing. Ruhe von außen gab es nicht, keine Ruhe im Friedhof, keine Ruhe in Gott, kein Zauber unterbrach je die ewige Kette der Geburten, die unendliche Reihe der Atemzüge Gottes. Aber es gab eine andere Ruhe, im eigenen Innern zu finden. Sie hieß: Laß dich fallen! Wehre dich nicht! Stirb gern! Lebe gern!
Alle Gestalten seines Lebens waren bei ihm, alle Gesichter seiner Liebe, alle Wechsel seines Leidens. Seine Frau war rein und ohne Schuld wie er selbst, Teresina lächelte kindlich her. Der Mörder Wagner, dessen Schatten so breit über Kleins Leben gefallen war, lächelte ihm ernst ins Gesicht, und sein Lächeln erzählte, daß auch Wagners Tat ein Weg zur Erlösung gewesen war, auch sie ein Atemzug, auch sie ein Symbol, und daß auch Mord und Blut und Scheußlichkeit nicht Dinge sind, welche wahrhaft existieren, sondern nur Wertungen unsrer eigenen, selbstquälerischen Seele. Mit dem Morde Wagners hatte er, Klein, Jahre seines Lebens hingebracht, in Verwerfen und Billigen, Verurteilen und Bewundern, Verabscheuen und Nachahmen hatte er sich aus diesem Morde unendliche Ketten von Qualen, von Ängsten, von Elend geschaffen. Er hatte hundertmal voll Angst seinem eigenen Tode beigewohnt, er hatte sich auf dem Schafott sterben sehen, er hatte den Schnitt des Rasiermessers durch seinen Hals gefühlt und die Kugel in seiner Schläfe – und nun, da er den gefürchteten Tod wirklich starb, war es so leicht, war es so einfach, war es Freude und Triumph! Nichts in der Welt war zu fürchten, nichts war schrecklich – nur im Wahn machten wir uns all diese Furcht, all dies Leid, nur in unsrer eignen, geängsteten Seele entstand Gut und Böse, Wert und Unwert, Begehren und Furcht.
Die Gestalt Wagners versank weit in der Ferne. Er war nicht Wagner, nicht mehr, es gab keinen Wagner, das alles war Täuschung gewesen. Nun, mochte Wagner sterben! Er, Klein, würde leben.
Wasser floß ihm in den Mund, und er trank. Von allen Seiten, durch alle Sinne floß Wasser herein, alles löste sich auf. Er wurde angesogen, er wurde eingeatmet. Neben ihm, an ihn gedrängt, so eng beisammen wie die Tropfen im Wasser, schwammen andere Menschen, schwamm Teresina, schwamm der alte Sänger, schwamm seine einstige Frau, sein Vater, seine Mutter und Schwester und tausend, tausend, tausend andre Menschen, und auch Bilder und Häuser, Tizians Venus und das Münster von Straßburg, alles schwamm, eng aneinander, in einem ungeheuren Strom dahin, von Notwendigkeit getrieben, rasch und rascher, rasend – und diesem ungeheuern, rasenden Riesenstrom der Gestaltungen kam ein anderer Strom entgegen, ungeheuer, rasend, ein Strom von Gesichtern, Beinen, Bäuchen, von Tieren, Blumen, Gedanken, Morden, Selbstmorden, geschriebenen Büchern, geweinten Tränen, dicht, dicht, voll, voll, Kinderaugen und schwarze Locken und Fischköpfe, ein Weib mit langem starrem Messer im blutigen Bauch, ein junger Mensch, ihm selbst ähnlich, das Gesicht voll heiliger Leidenschaft, das war er selbst, zwanzigjährig, jener verschollene Klein von damals! Wie gut, daß auch diese Erkenntnis nun zu ihm kam: daß es keine Zeit gab! Das einzige, was zwischen Alter und Jugend, zwischen Babylon und Berlin, zwischen Gut und Böse, Geben und Nehmen stand, das einzige, was die Welt mit Unterschieden, Wertungen, Leid, Streit, Krieg erfüllte, war der Menschengeist, der junge ungestüme und grausame Menschengeist im Zustand der tobenden Jugend, noch fern vom Wissen, noch weit von Gott. Er erfand Gegensätze, er erfand Namen. Dinge nannte er schön, Dinge häßlich, diese gut, diese schlecht. Ein Stück Leben wurde Liebe genannt, ein andres Mord. So war dieser Geist, jung, töricht, komisch. Eine seiner Erfindungen war die Zeit. Eine feine Erfindung, ein raffiniertes Instrument, sich noch inniger zu quälen und die Welt vielfach und schwierig zu machen! Von allem, was der Mensch begehrte, war er immer nur durch Zeit getrennt, nur durch diese Zeit, diese tolle Erfindung! Sie war eine der Stützen, eine der Krücken, die man vor allem fahren lassen musste, wenn man frei werden wollte.
Weiter quoll der Weltstrom der Gestaltungen, der von Gott eingesogene, und der andere, ihm entgegen, der ausgeatmete. Klein sah Wesen, die sich dem Strom widersetzten, die sich unter furchtbaren Krämpfen aufbäumten und sich grauenhafte Qualen schufen: Helden, Verbrecher, Wahnsinnige, Denker, Liebende, Religiöse. Andre sah er, gleich ihm selbst, rasch und leicht in inniger Wollust der Hingabe, des Einverstandenseins dahingetrieben, Selige wie er. Aus dem Gesang der Seligen und aus dem endlosen Qualschrei der Unseligen baute sich über den beiden Weltströmen eine durchsichtige Kugel oder Kuppel aus Tönen, ein Dom von Musik, in dessen Mitte saß Gott, saß ein heller, vor Helle unsichtbarer Glanzstern, ein Inbegriff von Licht, umbraust von der Musik der Weltchöre, in ewiger Brandung.
Helden und Denker traten aus dem Weltstrom, Propheten, Verkünder. »Siehe, das ist Gott der Herr, und sein Weg führt zum Frieden«, rief einer, und viele folgten ihm. Ein andrer verkündete, daß Gottes Bahn zum Kampf und Kriege führe. Einer nannte ihn Licht, einer nannte ihn Nacht, einer Vater, einer Mutter. Einer pries ihn als Ruhe, einer als Bewegung, als Feuer, als Kühle, als Richter, als Tröster, als Schöpfer, als Vernichter, als Verzeiher, als Rächer. Gott selbst nannte sich nicht. Er wollte genannt, er wollte geliebt, er wollte gepriesen, verflucht, gehaßt, angebetet sein, denn die Musik der Weltchöre war sein Gotteshaus und war sein Leben – aber es galt ihm gleich, mit welchen Namen man ihn pries, ob man ihn liebte oder hasste, ob man bei ihm Ruhe und Schlaf oder Tanz und Raserei suchte. Jeder konnte suchen. Jeder konnte finden.
Jetzt vernahm Klein seine eigene Stimme. Er sang. Mit einer neuen, gewaltigen, hellen, hallenden Stimme sang er laut, sang er laut und hallend Gottes Lob, Gottes Preis. Er sang im rasenden Dahinschwimmen, inmitten der Millionen Geschöpfe, ein Prophet und Verkünder. Laut schallte sein Lied, hoch stieg das Gewölbe der Töne auf, strahlend saß Gott im Innern. Ungeheuer brausten die Ströme hin.

Mit der Depression leben: das Beispiel Hermann Hesse

In der geradezu hymnischen Überhöhung des Selbstmords in seiner Erzählung Klein und Wagner verarbeitete Hermann Hesse zum wiederholten Mal seine eigene Todessehnsucht, die ihn seit frühester Zeit begleitete und ihn bereits als Kind in die Psychiatrie gebracht hatte. Während sein Held Selbstmord begeht, lässt Hesse ihn den Irrtum, ja die Dummheit dieser Tat aber durchschauen, so wie er selbst bereits in seiner Jugendzeit diesen Ausweg als Sackgasse erkannt und sich langsam über den Weg seiner Kreativität aus dem Morast der Depression erhoben hatte. Seine depressive Grundstruktur vermochte er jedoch nie abzustreifen.
Mit seinem Helden zusammen be- und verarbeitete er die ungeheure Angst, die sich in seinem Leben ballte. In der Jugend drohte er mehrfach an der Depression zu zerbrechen, bis er sich durch das Schreiben und schließlich vor allem durch seine Spiritualität einen Ausweg schaffte. Mit Sicherheit war es dieser Bezug zur Spiritualität, der ihn manchen anderen Literaten und vor allem den Literaturkritikern verdächtig machte, die ihm sogar den Nobelpreis missgönnten, weil er zu wenig literarisch und zu sehr an Sinnfragen und deren Vermittlung interessiert sei. Aber genau dieser Aspekt dürfte Hesse geholfen haben, langfristig den (Aus-)Weg aus seiner Verzweiflung zu finden. Insofern ist seine Lebensgeschichte geradezu ein Lehrstück bezüglich des Krankheitsbildes Depression, aber auch eine inspirierende Anleitung, in mutiger und kreativer Weise mit Depression umzugehen. Da das eigene Grundmuster nicht zu löschen ist, konnte natürlich auch Hesse nur die Möglichkeit nutzen, sich seinem Schicksal zu stellen und mit der Depression zu leben. Das aber ist Chance und Aufgabe jedes depressiven Menschen und wahrscheinlich überhaupt jedes Menschen, denn wir alle müssen die Nachtmeerfahrt der Seele, den Gang durch die eigene Unterwelt, hinter uns bringen.

Stationen eines Lebens im Schatten der Depression

Hesse leidet schon als dreijähriges Kind an heftigen Angstträumen, aus denen er oft weinend erwacht. Von Anfang an ist er ein Einzelgänger. Er beginnt schon früh, in die Natur zu entfliehen, um sich vor den Menschen zu retten, und behält diese Gewohnheit ein Leben lang bei.