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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Für Louisa, Leonie und Lutz

Prolog
Dass die Visionen des Ilja Botev nicht der lichten Gabe des prophetischen Sehens entsprangen, sondern dem Wahn eines irrlichternden Verstandes, daran zweifelte in Baia Luna niemand. Am wenigsten ich, sein Enkel Pavel. In früher Jugend hatte ich die Einbildungen meines Großvaters noch als närrische Hirngespinste abgetan, eine Folge des Einflusses, den der Zigeuner Dimitru Gabor auf ihn ausübte, der sich um die Gesetze von Vernunft und Logik nicht sonderlich scherte. In späterer Zeit jedoch, als der Boden des gesunden Urteilsvermögens unter Großvaters Füßen dünner und zerbrechlicher wurde, hatte ich gehörigen Anteil daran, dass sich der Alte immer heilloser im Netz seiner Fantasmen verspann. Gewiss lag es nicht in meiner Absicht, dass Großvater sich zum Gespött der Leute machte, zum Idioten. Doch was war von einem Schankwirt zu halten, der mit einem Pferdefuhrwerk zu einer verschwiegenen Mission aufbrach? Um den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu warnen. Vor dem Raketenforscher Wernher von Braun, vor einer dubiosen Vierten Macht und einem weltpolitischen Debakel gewaltigen Ausmaßes. Und das mit einem geheimen Dossier, einer lächerlichen Abhandlung über das Mysterium der leiblichen Himmelfahrt der Jesusmutter Maria. Handgeschrieben und dreifach eingenäht in das Futter einer Wolljoppe.
Heute sehe ich meinen Großvater Ilja und seinen Zigeunerfreund Dimitru im milden Licht des Alters. Ich weiß um meine Schuld, und ich weiß, was ich den beiden verdanke, auch wenn die Erinnerung an sie in Baia Luna allmählich verblasst. In diesen Zeiten schaut man nach vorn. Wer innehält und zurückblickt, gilt als Verlierer. Es herrscht Demokratie. Kein Conducator trotzt mehr der Sonne, keine Partei fordert mehr blinde Gefolgschaft, und die staatliche Sekurität steckt aufsässige Untertanen nicht mehr in Kerkerhaft. Jedermann darf denken und glauben, wonach ihm der Sinn steht. Brisante Pamphlete, die einst heimlich außer Landes geschmuggelt wurden, verfasst heute niemand mehr. Die Grenzen zu den Nachbarn sind offen. Wir sind freie Bürger. Unsere Kinder wachsen auf in einem freien Land.
Ich selbst wurde erst spät stolzer Vater zweier Töchter. Sie wurden in Freiheit gezeugt und geboren. Zwei Jahrzehnte sind seither verflogen, als hätte mich ein rasender Uhrzeiger durch die Zeit geschleudert. Früher, im Goldenen Zeitalter des Sozialismus, mangelte es an allem, Zeit jedoch besaßen wir im Überfluss. Mag sein, dass wir sie vertan, dass wir unsere Lebensjahre in öden Warteschleifen vergeudet haben. Heute ist Zeit ein rares, ein kostbares Gut. Mir rennt sie davon, während jüngere Generationen erinnerungslos durch ein immerwährendes Jetzt hetzen. Aber wenn Kinder nicht mehr wissen, wo sie herkommen, wie sollen sie da wissen, wo sie hinwollen?
Wie die Dinge stehen, machen mich meine Töchter bald selber zum Großvater. In Erwartung künftiger Enkel drehe ich die Zeit zurück bis in meine Jugend in den fünfziger Jahren. Wenn ich nun für Kinder und Kindeskinder erzähle, wie die Madonna auf den Mond kam, so hallt in meiner Stimme das Echo meines Großvaters Ilja und des Zigeuners Dimitru nach. Die beiden Freunde träumten ihre Idee von Freiheit, und als kümmerlicher Glutrest inmitten kalter Asche sollte dieser Traum am Ende ihrer Tage seine Erfüllung finden. Aber das sollte ich erst nach jener historischen Weihnacht 1989 verstehen, an der die Goldene Epoche unseres Landes auf dem Müll der Geschichte landete.
Es war der Tag, an dem der große Conducator, an den Händen gefesselt, »Judasbande« zischte, bevor er tränenüberströmt ein letztes Mal die Internationale sang und vor dem Standgericht die trotzigen Worte ausrief: »Es lebe die freie und sozialistische Republik.« Doch niemand applaudierte. Niemand schwenkte Fähnchen. Mit seiner Gattin schaffte er gerade noch den halben Weg bis zur Exekutionswand im Kasernenhof von Targoviste. Nicht einmal einen ordentlichen Schießbefehl war der Präsident den Revolutionsmilizen noch wert. Nur ein paar Feuerstöße. Ohne Kommando. Rattatata, Rattatata. Patronenhülsen flogen und tanzten auf kaltem Stein. Pulverrauch qualmte. Dann sackten dem Conducator, von Kugeln durchsiebt, die Knie weg. Vorbei das Goldene Zeitalter. Doch als das Genie der Karpaten, in den Liedern der Hofpoeten als süßester Kuss der Heimaterde besungen, leblos in seinem Blut lag, das nach oben verrutschte Jackett staatsmännisch zugeknöpft, geschah etwas Merkwürdiges.
Den Soldaten des Hinrichtungskommandos fuhr der Schreck in die Glieder. Statt sich am Triumph des Sieges zu berauschen, überkam sie die Angst. Fassungslos über die eigene Tat, wagten die Milizen nicht, den gestürzten Diktator anzuschauen. Versteinert wendeten sie den Blick ab vom Titan der Titanen, der mit offenen Augen verständnislos in den Himmel stierte. Einige der jungen Kerle schielten verstohlen zu ihrem Kommandanten und bekreuzigten sich mit hastiger Geste hinter seinem Rücken. Dann griffen sie zur Schaufel und warfen dem Toten ein paar Schippen Erde über das Gesicht. Diese Augen! Niemand konnte sie ertragen. Außer die mageren Straßenköter, die warmes Blut rochen. Sie schlichen heran, mit lechzender Zunge und eingezogenem Schwanz, ohne Sinn für den letzten, ehrlichen Blick eines Mannes, der im Moment seines Sterbens mit entwaffnender Aufrichtigkeit verriet, dass er wirklich nicht verstanden hatte, was um Himmels willen da eigentlich am Tag der Weihnacht im Dezember 1989 geschehen war.
Der Arzt Florin Pauker, der nach der Exekution auf dem Totenschein die Zeit vierzehn Uhr fünfundvierzig notierte, war bei dem selbst ernannten Revolutionsgericht zur Nationalen Rettung eher zufällig zugegen. Er war Neurologe und kein Gerichtsmediziner. Erst wenige Tage zuvor hatte ihn die Partei von seinen Aufgaben als Direktor der psychiatrischen Anstalt von Vadului entbunden und ihm eine neue Stelle als Militärarzt in Targoviste verschafft. Und weil er und seine Frau Dana dem Weihnachtsfest keinen Sinn abgewinnen konnten, hatte Doktor Pauker den Dienst mit einem Kollegen getauscht. Nun lag es an ihm, den klinischen Tod des Conducators und seiner Ehefrau amtsärztlich zu bestätigen.
Florin Pauker beugte sich über den Leichnam, fühlte keinen Puls mehr und schaute dem Toten in die Augen. Möglicherweise einen Moment zu lange. Hastig kritzelte Pauker seinen Namen unter den Totenschein. Dann griff er zum Telefonhörer, ließ sich mit dem Hotel Athenee Palace in der Hauptstadt verbinden und zur Präsidentensuite durchstellen. Nach den drei Worten »Es ist vorbei« setzte er sich in seinen Dacia und fuhr in die Hauptstadt in die Strada Fortuna zurück zu seiner Frau. Danach erzählte Doktor Pauker, das Revolutionsgericht habe im Hof der Kaserne von Targoviste nicht das Böse an die Wand gestellt, sondern die Unschuld.
Seine Ehefrau Dana und die einzige Tochter Irisetta erklärten, ihr Mann und Vater habe sich nach dieser Blutweihnacht, wie sie den Tag der Revolution nannten, sehr verändert. »Sein Wesen drehte sich um hundertachtzig Grad. Er sentimentalisierte. Das war nicht mehr der energische Arzt mit messerscharfem Intellekt, dem ich über dreißig Jahre die Treue gehalten habe«, sagte Dana zu einem französischen Journalisten, der später versuchte, den Sturz des Conducators zu rekonstruieren.
»Schlimm war das«, meinte Tochter Irisetta. »Vater wurde ein rührseliger Weichling ohne Verstand. Ständig ging er nach draußen, nicht um die frische Luft der Freiheit zu genießen, sondern in der Absicht, überall traurige Bälger zu trösten.« Die Taschen habe er sich vollgestopft mit amerikanischen Kaugummis und bunten Kugellutschern, die dieser glatzköpfige Kommissar, den man neuerdings im Fernsehen gucken konnte, sich bei seinen Ermittlungen immer in den Mund schob. An jeder Straßenecke habe ihr Vater Kinder um sich geschart und freigiebig alle beschenkt. Nur habe er, sobald er irgendwo ein Kind mit großen Augen erblickte, jedes Mal bitterlich zu weinen begonnen. Sie selbst habe sich zuletzt überhaupt nicht mehr mit ihm unter die Leute getraut, so sehr habe sie sich für das ewige Geheule ihres Vaters geschämt.
Um sein trübsinniges Gemüt zu erhellen, unternahm Doktor Pauker in den neunziger Jahren ungezählte Reisen. Es zog ihn zu den heiligen Stätten der Christenheit, besonders zu Orten, denen man nachsagte, hier sei zu früheren Zeiten die Gottesmutter Maria erschienen. Zuerst besuchte er die lokalen Wallfahrtsorte in Transmontanien, dann pilgerte er ins portugiesische Fatima und ins bosnische Medjugorje. Doch weder in dem französischen Pyrenäenstädtchen Lourdes noch bei der Schwarzen Madonna im polnischen Tschenstochau fand der Nervenarzt Linderung für seine schwermütige Seele.
Für Dana war die Wesensverwandlung ihres frömmelnden Ehemannes kaum zu ertragen. Sie empfand es als Kränkung, als intellektuelle Beleidigung gar, dass Florin von seinen Reisen kofferweise kitschige Gerätschaften mitbrachte, Madonnenfiguren aus Gips, Weihwassertöpfchen und Plastikrosenkränze, Kanister mit Wunderwasser und Wackelpostkarten, auf denen der Gekreuzigte mit der Dornenkrone mal leidend den Blick senkt und mal verklärt gen Himmel schaut. Dana spürte mit jeder neuen Devotionalie, die ins Haus kam: Der Lebensweg ihres Mannes und der ihre würden sich niemals mehr kreuzen.
Sie hatte sich bemüht. Jahrelang hatte Dana Pauker an längst verloren gegangene Verstandeskräfte appelliert. Sie beschwor seine Zeit als gestandener Direktor eines neurologischen Institutes und flehte ihn an, doch endlich wieder vernünftig zu werden. Vergeblich.
Als sie am letzten Abend des vergangenen Jahrtausends, zehn Jahre nach der Revolution, die heimische Wohnstube für das Silvesteressen herrichten wollte, sah sie zu ihrer Bestürzung, dass Florin das Porträt des Conducators von der Wohnzimmerwand abgehängt hatte. Zehn Jahre hatte sie dafür gekämpft, dieses Bild hängen zu lassen, zehn Jahre Widerstand gegen die Beliebigkeit des historischen Bewusstseins, wie sie das nannte. Und nun hatte Florin das Porträt einfach von der Wand genommen und gegen die Fotografie einer Madonnenstatue ausgetauscht. Dana Pauker wusste: Sie hatte ihren Kampf verloren. Sie war allein. Die letzten Parteifreunde von einst hatten sich abgewendet, das Ehepaar Pauker war im Nichts der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit verschwunden. Wer wollte schon mit einem gescheiterten Arzt verkehren, der mit einem Rosenkranz durch die Straßen lief und klebrige Bonbons verteilte?
In einer letzten Aufwallung von Wut riss Dana das Marienbild von der Wand, zerrte ein Fenster auf und warf das Bild hinaus auf die Straße. Dann ging sie zum Medikamentenschrank. Während sie alles an Pillen in sich hineinschluckte, was sie in der Hast der Zornesblindheit zu greifen bekam, wunderten sich draußen die Spaziergänger, die mit Flaschen billigen Schaumweins unterm Arm auf dem Weg zu irgendeiner Silvesterfeier waren. Auf dem Asphalt der Strada Fortuna lag in zerschmettertem Holzrahmen unter zersplittertem Glas das Bildnis einer Madonna. Sie hielt ihre Hand schützend über den nackten Jesusknaben, der auf einer Weltkugel saß, und ihr rechter Fuß trat auf eine Mondsichel.
Knapp acht Monate nach dem Beginn des neuen Millenniums tauchte ein ergrauter, aber rüstiger Mittsiebziger in Baia Luna auf. Am 14. August, am Vorabend des Festes Mariä Himmelfahrt, fragte er im Dorf nach Herrn Pavel Botev. Man schickte ihn zu mir. Ich erkannte ihn sofort. Sein stechender Blick hinter der runden Brille war nicht mehr so scharf wie auf den Fotografien, die ich aus meiner Jugend von ihm kannte, doch unverkennbar: Er war es. Er stellte sich mit einem fremden Namen vor, der mir entfallen ist, und bat mich, ihn folgenden Tags auf den Mondberg hinaufzuführen, zu der Kapelle der Madonna vom Ewigen Trost. Ich sagte zu.
Beim Aufstieg zum Gipfel erzählte er mir seine Geschichte. Ich fragte mich natürlich, weshalb er sich ausgerechnet mich als seinen Begleiter gewünscht hatte. Heute denke ich, der alte Mann hat gewusst, dass ich seine Geschichte längst kannte, nicht in Einzelheiten, aber doch in wesentlichen Zügen. Oben auf dem Mondberg ließ er die Marienkapelle links liegen und schritt stattdessen zielstrebig zu der steilen Südflanke des Berges. Zu einem kleinen Friedhof mit fünf namenlosen weißen Kreuzen.
»Welches Kreuz ist für Angela?«
»Das in der Mitte«, sagte ich.
Er kniete nieder, sprach ein Ave Maria und erhob sich wieder. »Ich danke Ihnen, Herr Botev.« Er reichte mir die Hand. Ich schlug ein.
»Sind Sie am Ziel, Herr Doktor?«
Er lächelte. »Ja, Herr Botev, schon bald. Sehr bald.«
Dann sprang er in die Tiefe, stumm mit ausgebreiteten Armen, wie ein Adler. Er flog wie ein König der Lüfte, der kein König mehr sein wollte. Doktor Florin Pauker war frei.

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Baia Luna, New York und die Furcht der Angela Barbulescu
»Er fliegt! Er fliegt! Es lebe der Sozialismus! Ein Hoch auf die Partei!« Die drei Brancusi-Brüder Liviu, Roman und Nico stürmten in unsere Schankstube, abends, gegen acht, in bester Laune, mit geschwellter Brust und in mächtig weiten Spendierhosen.
»Wer fliegt?«, fragte mein Großvater Ilja.
»Na, der Hund! Laika! Das erste Lebewesen im All! Unterwegs mit Sputnik zwo! Gebrannten, Pavel! Zuika für alle! Aber avanti! Auf unsere Kosten«, tönte Liviu großspurig, und mir war klar, die nächsten Stunden würde ich mir die Hacken ablaufen.
»Die Schwe-we-wer-kraft ist überw-w-wunden! Nun hält nichts den F-f-fortschritt auf. We-we-weltweit. Sp-sputnik p-piept, und Laika be-bellt«, stammelte Roman, wie immer, wenn seine Stimme mit seiner Erregung nicht Schritt hielt. »Jawohl. Fortschritt«, pflichtete Nico, der jüngste Brancusi, seinem stotternden Bruder bei. »Ein Hoch auf die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken! An ihrer Seite werden wir siegen! Wir erobern den Himmel!«
»Trinkt euren Schnaps allein.« Die Sachsen Hermann Schuster und Karl Koch warfen ihre Mäntel über und gingen.
 
Ärger lag in der Luft am 5. November 1957. Es war ein Dienstag und der Vorabend des fünfundfünfzigsten Geburtstags meines Großvaters Ilja. Ich war damals fünfzehn. Vormittags besuchte ich widerwillig die achte und letzte Klasse, nachmittags schlug ich die Zeit tot, am Abend und an den Sonntagen half ich meinem Großvater bei der Bewirtung der Gäste in der familieneigenen Schankbutike. Ich muss erwähnen, dass es sich dabei nicht um ein Wirtshaus im landläufigen Sinn handelte. Ilja, meine Mutter Kathalina und Tante Antonia betrieben einen Kaufladen, dessen Sortiment die Hausfrauen aus Baia Luna tagsüber mit dem Nötigsten versorgte. Abends diente der Laden den Männern als Trinkstube, indem wir das Lokal mit ein paar Tischen und Stühlen in eine Schenke verwandelten.
Von dem Fortschrittsgetöne der Brancusis begriff ich nur, dass ein Hund am Himmel schwirrte, in einem piependen Sputnik, der ohne den Antrieb von Düsenturbinen auskam, ohne rotierende Propeller und mit Flugzeugen herkömmlicher Art nichts mehr gemein hatte. Allerdings um den Preis, niemals mehr zurück zur Erde zu können. Satelliten waren den Gesetzen der Schwerkraft entflohen, unterwegs zum ewigen Flug im All.
Während sich die Männer in der Schenke über den Sinn und Zweck der neuen Himmelsflieger erhitzten, blieb mein Großvater Ilja gelassen: »Schwerelosigkeit, nicht schlecht. Respekt. Aber satt macht das Gepiepe den Russen nicht.«
Dimitru Carolea Gabor erhob sich und ergriff das Wort. Einige Männer ließen verächtlich die Kinnlade fallen, sagte man dem Zigeuner doch nach, er habe seine Füße im Himmel und denke mit der Zunge. Dimitru schlug sich auf die Schwurbrust. Die rechte Faust ruhte auf seinem Herzen. Er stand wie ein Fels, schwor, die zirpende Flugapparatur sei das Werk des Obersten Genossen aller Genossen. Noch zu Lebzeiten habe Iossif Wissarionowitsch Stalin höchstpersönlich eine Armada von Sputniks in Auftrag gegeben. »Heimtückische Maschinen, als harmlose Blechkugeln getarnt, unterwegs in operativer Mission. Nun sogar mit Hund an Bord. Was der Kläffer zwischen den Sternen soll, ist mir nicht recht licht. Aber ich sage euch, diese Aluminiumspinnen strecken ihre Antennenfühler doch nicht zum Vergnügen in den Himmel. Der Sowjet hat etwas vor. Dieses Gepiepe, dieses kosmische Zikadengeschrei raubt friedfertigen Menschen nicht nur den Schlaf, es bringt sie auch um den Verstand. Und wisst ihr, was das heißt? Ohne Verstand verblödet der Mensch, und die Weltrevolution marschiert im Stechschritt voran. Und dann, ihr Genossen«, Dimitru glotzte die drei Brancusis an, »dann habt ihr die Gleichheit aller Proleten endlich hinbekommen. Dem Dummen sind alle schlau. Unter seinesgleichen.«
»Bei dir jedenfalls wirkt das Gepiepe schon«, spottete Liviu, tippte dem Zigeuner mit dem Zeigefinger gegen die Stirn und höhnte: »Mit euch Schwarzen ist sowieso kein Staat zu machen. Schafft erst einmal Mehrwert. Unter Stalin wärt ihr alle …«
»Genau! Exactamente. Sag ich doch«, unterbrach ihn Dimitru. »Iossif war ein schlauer Fuchs. Aber er hatte Probleme bei der Proletarisierung. Große Probleme. Denn mit seiner Methode der Staatslenkung kriegte er die Egalität aller Sowjets einfach nicht hin. Gewiss, der Oberste Genosse hat sich bemüht: größere Zuchthäuser, höhere Kerkermauern, Wasser und Brot, halbe Ration. Durch immer mehr Galgen und Erschießungskommandos versuchte er, der letzten Auswüchse der Ungleichheit Herr zu werden. Und was kam dabei heraus? Iossif musste die Arbeitslager für die Ungleichen immer weiter ausdehnen. Die Grenzen der Gefängnisse wurden unüberschaubar. Niemand weiß heute, wer drinnen und wer draußen ist. Ein Dilemma. Der Sowjet hat den Überblick verloren. Deshalb der Sputnik. Das Piepen eliminiert den Geist und den Willen. Und wo kein Wille ist, da ist auch …«
»Wer glaubt denn diesen Schwachsinn!«, schrie Nico Brancusi. Wutschnaubend sprang er auf und starrte die Umstehenden an. »Wer will diesen Mist hören? Verflucht noch mal!« Aus tiefstem Rachenschlund zog er den Rotz hoch und spuckte mit den Worten »Zigeunerlüge, Schwarzengeschwätz« auf den Dielenboden.
Dimitru trommelte nervös mit den Fingern auf den Tisch. »Ich lüge nicht«, sagte er. »Wenn die Berechnungen stimmen, wird Sputnik in den Morgenstunden am Ehrentag meines Freundes Ilja zwischen dem sechsundvierzigsten Breiten- und dem vierundzwanzigsten Längengrad die transmontanischen Karpaten überfliegen. Dann wird es piepen. Genau über unseren Köpfen. Ich sage euch, was mit Sputnik anfängt, wird im Desaster enden. Und du, Parteigenosse Nico, wem du deinen blanken Arsch entgegenreckst, ist deine Sache. Aber ich bin ein Zigeuner, und ein Zigeuner kriecht niemals mit Bolschewiken unter die Decke.«
Seine Brüder hielten Nico zurück, der dem Zigan an die Kehle springen wollte. Dimitru trank sein Glas leer, rülpste und verließ grußlos die Schankbutike, nicht ohne Großvater zuzuflüstern: »Ich warte auf dich. Punkt fünf.«
 
Ich wusste nicht, was ich von der ganzen Aufregung halten sollte. Als ich zu Bett ging, fand ich kaum Schlaf. Wahrscheinlich hatte sich der Zigeuner mit seinen haarsträubenden Mutmaßungen über den piependen Sputnik wieder aus den Bahnen des geordneten Denkens katapultiert. Wie so oft.
Doch mein nächtliches Gebet, das ich, zugegeben, meistens vergaß, ließ mich stutzen. »Vater unser im Himmel, dein Reich komme …« Nun mit fünfzehn war mir schon klar, dass es mit dem Kommen des Reiches Gottes wohl in absehbarer Zeit nichts werden würde. Wenigstens nicht in Baia Luna. Doch mit dem Sputnik sah das anders aus. Das Reich Gottes breitete sich zwar nicht auf Erden aus, dafür aber stieg der Mensch hinauf zum Himmel. Zumindest ein irdisches Wesen. Ein Hund. Sicher würde das Tier bald verhungern. Aber was hatte ein toter Köter in der Unendlichkeit des Himmels verloren? Dort, wo der Herrgott mit seinen Heerscharen thronte, wie unser greiser Pfarrer Johannes Baptiste jeden Sonntag von der Kanzel predigte.
Die Nacht ging schon dem Ende zu, als der Dielenboden knarrte. Ich hörte tapsende Schritte, wie von jemandem, der nicht gehört werden will. Großvater gab sich Mühe, meine Mutter Kathalina, Tante Antonia und mich nicht zu wecken. Die Schritte bewegten sich treppabwärts und verloren sich im Ladenlokal. Ich wartete eine Weile, zog mich an und schlich neugierig hinterher. Die Tür nach draußen stand offen. Es war stockduster.
»Heilige Scheiße«, zischte eine Stimme. »Verfluchtes Mistwetter!« Es war Dimitru.
»Sei leise, du weckst ja das halbe Dorf auf.«
»Gebetet habe ich. Was sage ich, Ilja, gefleht habe ich zum Schöpfer, er möge diese verdammten Wolken mit einem Hauch seines allmächtigen Atems kurzerhand hinwegfegen. Und was macht er, wenn ein Zigeuner ihn ein einziges Mal um etwas bittet? Er schickt uns diesen Höllennebel. Bei dieser Suppe können wir den Sputnik vergessen.«
Ich verbarg mich hinter dem Türpfosten und lugte ins Freie. Dimitru hatte recht. Tagelang hatte es wie aus Eimern gegossen, nun war der Nebel aus den Bergen heruntergekrochen. Nicht einmal der Schattenriss des Kirchturms war zu erkennen. Fünf dumpfe Glockenschläge drangen durch die Nacht. Ilja und Dimitru schauten zum Himmel. Horchten. Sie neigten den Kopf zur Seite, legten die Handflächen an die Ohren und lauschten erneut. Offenbar vergeblich. Enttäuscht schlurften die beiden in den Laden. Sie sahen mich nicht.
»Ilja, ich überlege, ob es nicht vernünftig ist, noch mal für ein Stündchen ins Bett zu kriechen«, meinte Dimitru.
»Es ist vernünftig.«
Dann fiel der Blick des Zigeuners auf den Blechtrichter, mit dem Großvater gemeinhin das Sonnenblumenöl, das in Kanistern aus Walachien geliefert wurde, für die Dorffrauen in Flaschen abfüllte.
»Mensch, Ilja. Das ist es. Der Trichter. Wir benutzen ihn als Megafon. Als Flüstertüte, nur umgekehrt. Du kennst doch das Prinzip der Schallwellenbündelung. Sonatus concentratus oder so ähnlich. Damit lässt sich selbst der leiseste Anflug eines Geräusches einfangen.«
Erneut gingen beide nach draußen und steckten den Blechtrichter zum Zweck der Tonverstärkung mal in das linke, mal in das rechte Ohr. Eine gute Viertelstunde ließen sie abwechselnd ihre Köpfe in alle Himmelsrichtungen rotieren.
Als ich mich endlich räusperte und einen Guten Morgen wünschte, gaben sie auf.
»Na, Dimitru, willst du dir vom Sputnik den Verstand rauben lassen?«, lästerte ich.
»Spotte nur, Pavel. Selig sind, die nicht sehen und hören und dennoch glauben. Lass dir versichert sein, er piept. Evidentamente. Nur wir hören ihn nicht.«
»Kein Wunder«, heuchelte ich. »Der Novembernebel, der schluckt alles. Man hört gar nichts. Nicht das Blöken der Kälber, nicht einmal das Krähen der Hähne. Schon gar nicht den Sputnik, der ziemlich weit weg ist. Jenseits der Schwerkraft, soweit ich weiß.«
»Pavel! Welch ein Gedanke! Wohl wahr, bei Nebel taugt der Sputnik nicht. Daran hat der Oberste Genosse nicht gedacht. Unter uns, bei Lichte besehen, war Stalin ein ziemlicher Idiot. Aber erzählt es nicht herum. Das gibt Ärger in diesen Zeiten. Und nun verzeiht, mein Bett ruft.«
Großvater schaute etwas verlegen. Es war ihm unangenehm, dass ich ihn an seinem fünfundfünfzigsten Geburtstag mit einem Trichter am Ohr vor der Ladentür erwischt hatte.
»Pavel, bring Dimitru nach Hause. Sonst bricht er sich noch das Genick. Man sieht ja die Hand vor Augen nicht.«
Missmutig tastete ich mich mit Dimitru zum unteren Ende des Dorfes, wo seine Sippe wohnte. Vor der Schwelle zu seiner Hütte legte er noch einmal die Hand ans Ohr und lauschte.
»Lass es, Dimitru. Es hat keinen Zweck.«
»Sic est. Du hast recht«, sagte er, bedankte sich für die Begleitung und verschwand.
Ob es Zufall war – keine Ahnung, aber just auf dem Weg zurück ins Dorf setzte das Krähen der Hähne ein, und gegenüber der Siedlung der Zigeuner schimmerte ein mattes Licht durch den Nebel. Zum zweiten Mal an diesem frühen Morgen ließ ich mich von meiner Neugier treiben. Das Licht leuchtete aus der Wohnkate der Dorflehrerin Angela Barbulescu. Und das um diese Uhrzeit. Die »Barbu«, wie sie gerufen wurde, schlief sonst immer bis in die Puppen. Selten erschien sie pünktlich zum Unterricht, und wenn sie vor der Klasse stand, stierte sie oft aus verquollenen Augen, weil der Gebrannte vom Abend zuvor noch nachwirkte. Ich wich vom Weg ab und spähte durch das Fenster. Sie saß am Küchentisch, eine wärmende Wolldecke um die Schultern. Unglaublich! Sie saß da und schrieb. Manchmal hob sie den Kopf und schaute zur Decke, als suche sie nach treffenden Worten. Weit mehr als der Umstand, dass die Barbu zur Unzeit anscheinend etwas Wichtiges zu Papier brachte, erstaunte mich ihr Gesicht. Während der letzten Schuljahre war sie mir zuwider geworden, nie schaute ich sie anders an als mit Verachtung, wenn nicht mit Abscheu.
Doch die Barbu, die ich am frühen Morgen des 6. November 1957 sah, war anders. Sie war hell und klar. Schön gar. Eines nicht allzu fernen Tages sollte ich verstehen, was an diesem Morgen in der Kate der Angela Barbulescu geschah. Und ich sollte in einen Abgrund stürzen. Aber wie konnte ich das an diesem trüben Novembermorgen ahnen?
 
»Pavel, du wirst Kathalina doch wohl nichts von dieser dummen Idee mit dem Trichter erzählen? Deine Mutter mag solche Späße nicht.«
»Ich habe nichts gesehen. Schon gar nicht an deinem Geburtstag. Ehrenwort.«
Großvater fiel ein Stein vom Herzen, woraufhin ich ihm die Hand schüttelte, ihm zum Fünfundfünfzigsten gratulierte und ihm ein Päckchen in rotem Glanzpapier überreichte.
Wie jedes Jahr hatte meine Mutter und Opas Schwiegertochter den Postboten Adamski gebeten, aus der Bezirksstadt Kronauburg eine Kiste Zigarren mitzubringen. Ilja schnürte sein Geschenk auf, wohl wissend, gleich eine sechziger Holzschachtel mit daumendicken Caballeros fino in den Händen zu halten. Die Anzahl der Zigarren fügte sich exakt in Großvaters System seiner Rauchgewohnheiten. Und das war auf die Dauer eines Jahres angelegt. Die sechzig Stück langten genau für eine Zigarre am Sonntag, je eine zum Kirchweihfest zu Mariä Himmelfahrt im August, dem Fest der Schutzpatronin von Baia Luna, der Jungfrau vom Ewigen Trost, sowie für zwei, drei weitere Feiertage. Zählte er noch die Geburtstage seiner engsten Freunde hinzu, und kalkulierte er die Doppelung ein, dass eventuell der eine oder andere kirchliche oder weltliche Festtag wie Allerheiligen, die Christnacht oder der Tag der Republik auf einen Sonntag fielen, so ergab es sich wie von selbst, dass eine letzte Caballero zu seinem Geburtstag übrig blieb, bevor er die neue Kiste anbrechen musste.
Ilja bedankte sich bei mir und entschied entgegen seiner Gewohnheit, erst am Abend zu rauchen, sich schon jetzt eine »Kubanische«, wie er seine Zigarren nannte, zu gönnen. Er holte die letzte Caballero hervor, brannte sie an. »Amerika«, seufzte er und blies einige Rauchkringel in die Luft. »Amerika! Welch ein Land.«
Meine Mutter Kathalina und ich wussten natürlich, dass Iljas Kubanische niemals im Frachtraum eines Ozeandampfers den Atlantik überquert hatten. Die kyrillischen Buchstaben auf den Banderolen verrieten, dass der Tabak in einer bulgarischen Fabrik bei Blageovgrad gedreht und wahrscheinlich in einem Diesellaster über die neue Brücke der Freundschaft von Russe nach Giurgiu über die Donau gekarrt worden war. Aber Mutter schwieg und ließ ihren Schwiegervater in dem Glauben, Kuba sei der wunderbarste Bundesstaat der Vereinigten Staaten von Amerika.
Dass Opa kaum lesen konnte, vermutete ich bereits im Alter von fünf, sechs Jahren. Bis dahin hatte ich mit Hingabe an seinen Lippen gehangen, wenn er Geschichten erzählte oder so tat, als lese er aus einem Buch vor. Mir fiel jedoch auf, dass er sich bisweilen heillos in den Handlungen verspann, Orte, Zeiten und Personen durcheinanderbrachte und nur äußerst selten die Buchseiten umblätterte. Nach meiner Einschulung wurde meine Vermutung zur Gewissheit. Um Großvater nicht bloßzustellen, verriet ich meine Erkenntnis niemandem. Weil Ilja sich jedoch mit Leichtigkeit durch die Welt der Zahlen jonglierte und weil meine ledige Tante Antonia, die treppauf in einer Dachkammer Quartier bezogen hatte, im häuslichen Kaufladen die Buchhaltung erledigte, blieb Iljas Makel dem ganzen Dorf und selbst dem Zigeuner Dimitru über lange Jahre verborgen.
Mein Vater Nicolai hingegen hatte mit dem Lesen und Schreiben seinerzeit gewiss keine Schwierigkeiten. Das entnahm ich den Unterstreichungen und Randnotizen, die er in jungen Jahren in einem Buch mit den lyrischen Werken Mihail Eminescus vorgenommen hatte. Ansonsten waren Das Kapital von Karl Marx und ein abgenutztes Schachspiel, bei dem ein Stumpen aus Kerzenwachs die weiße Dame ersetzte, das Einzige aus seiner Hinterlassenschaft, was sich in späteren Zeiten als nützlich erweisen sollte.
Erinnerungen an meinen Vater hatte ich keine. Nicolai Botev war ein Fremder, der für mich nur auf einer Fotografie existierte, die im Wohnstubenschrank hinter einer Glasscheibe steckte. Das Foto zeigte ihn als Soldaten auf Heimaturlaub und ließ sich anhand einer Notiz auf der Rückseite auf den Dezember 1942 datieren. Mit schmalen Wangen saß Nicolai neben meiner Mutter auf einem Kufenschlitten vor dem verschneiten Abhang des Friedhofshügels von Baia Luna. Ich stand vor ihm, schätzungsweise ein Jahr alt, vermummt mit einem Schal und einer tief über die Ohren gezogenen Kasachenmütze. Auf diesem Familienfoto gab es etwas, das ins Auge stach und bei mir einen verstörenden Eindruck hinterließ. Es waren Vaters Hände. Sie hingen schlaff und kraftlos über meinen Schultern, unfähig, Halt zu geben.
An den Winterabenden holte Mutter das Foto hinter der Scheibe hervor, legte es auf ihren Schoß und saß schweigend in ihrem Sessel. Stunde um Stunde konnte sie so sitzen, bis der Schlaf ihr ein entrücktes Lächeln ins Gesicht schrieb. Niemals sprach sie über meinen Vater. Ich glaube, sie wollte verbergen, dass ihre Gedanken ständig um ihn kreisten und mich nicht an seinen Verlust erinnerten. Mir aber kam die Abwesenheit des Vaters ganz natürlich vor. Zudem war Großvater ein Garant dafür, dass sich niemand im Dorf über mich wegen mangelnder väterlicher Fürsorge beklagte.
 
In Baia Luna lebten in den fünfziger Jahren zweihundertfünfzig Menschen, die sich auf dreißig Häuser verteilten. Im Südosten ragte der Mondberg mit der Wallfahrtskapelle der Madonna vom Ewigen Trost auf, im Westen wurde das Dorf von dem mächtigen Felsengebirge der Karpaten begrenzt, während sich in nördlicher Richtung die dörflichen Weiden und Felder erstreckten, bevor sich das Auge in der Weite der transmontanischen Hügellandschaft verlor. Unterhalb des Mondbergs floss die Tirnava. Im Frühling nach der Schneeschmelze verwandelte sich der Fluss in einen tosenden Strom, in den heißen und trockenen Sommern hingegen schrumpfte die Tirnava zu einem dünnen Rinnsal fauligen Wassers, aus dem die Fische an Land sprangen, um nicht zu ersticken. Folgte man dem Flusslauf, so kam man an dem hölzernen Wegkreuz vorbei, das an das Unglück im Schneesturm des Winters 1935 erinnerte, und gelangte zu Fuß in anderthalb Stunden in das Nachbardorf Apoldasch.
Drei Stunden dauerte der Weg zum Mondberg. Als meine Beine kräftig genug waren, den Aufstieg ohne nörgelndes Gemurre durchzustehen, nahm Opa mich regelmäßig mit zur Jungfrau vom Ewigen Trost. Beim Eintritt in die Kapelle bekreuzigten wir uns und entboten der Gottesmutter unseren Gruß. Als Kind war mir die Madonna immer ein wenig unheimlich. Ihr Antlitz, das ein offenbar nur mäßig talentierter Bildhauer vor Jahrhunderten aus einer Rotbuche herausgearbeitet hatte, war alles andere als schön. Die Himmelskönigin stand auf einem Sockel, und schaute ich zu ihr auf, so entdeckte ich in ihrem Gesicht weniger majestätische als gequälte Züge. Der Künstler war mit dem Schnitzwerkzeug recht grob zu Werke gegangen, sodass mich ihre Sanftmut erst beim zweiten oder dritten Blick streifte. Der rechte Fuß der Gottesmutter lugte unter ihrem Schutzmantel hervor und stand auf einer Mondsichel. Augenscheinlich fehlte dem Holzschnitzer der Sinn für Proportionen. Das Jesuskind, das auf einer Weltkugel saß und über das Maria ihre schützende Hand hielt, war ihm zu klein geraten, die mächtigen Brüste der Madonna hingegen zu groß. Genau wie die Mondsichel. Generationen von Gläubigen deuteten den Fuß auf der Sichel als Zeichen des Sieges der Muttergottes über die Türken, die unter dem Zeichen des Halbmondes versucht hatten, Europa ins Muselmanentum zu zwingen. Was ihnen aber infolge des himmlischen Beistandes der Madonna vom Ewigen Trost in Baia Luna nicht geglückt war.
Nach dem Besuch der Gottesmutter setzte ich mich mit Großvater auf die Felsen zwischen den Wacholdersträuchern. Mit den immer gleichen Worten: »Dann wollen wir mal sehen, was Kathalina uns alles eingepackt hat«, öffnete Opa den Rucksack, holte eine Kanne gezuckerten Schwarztee, gekochte Eier sowie Tomaten, Speck und Schinkenbrote hervor. Nach dem Essen legte sich Ilja ins warme Gras, bis er erquickt von einem halbstündigen Nickerchen wieder aufwachte. Dann saßen wir eine Weile still und schauten über das Land.
Könne man wie die Gottesmutter, die ja bekanntlich in leiblicher Gestalt in den Himmel aufgefahren sei, vom Mondberg aus fortfliegen, so erklärte mir Großvater, lande man schwerelos irgendwann in Amerika. Dabei streckte er den Arm aus und wies in die Richtung, wo er die Wolkenkratzer einer Stadt vermutete, die er »Nuijorke« nannte. Diese großartige Stadt, so Großvater, dränge sich als Ziel einer derartigen Flugreise geradezu auf. Das habe ihm auch Dimitru bestätigt, der erklärt hatte, mit dem geografischen Raum zwischen den Orten Baia Luna und Nuijorke verhalte es sich wie mit dem Spannungsfeld eines elektrischen Magneten – Plus und Minus, wobei der eine Pol ohne den anderen zur Leere des Nichts verurteilt sei. So gesehen, erlaube Baia Luna dem amerikanischen Nuijorke überhaupt erst, groß zu erscheinen. Von Großvater erfuhr ich, dass sich der Amerikaner qua seines Freiheitsnaturells niemals mit Kleinigkeiten abgebe und grundsätzlich nur in zyklopischen Maßstäben denke. Der Amerikaner baue die höchsten Häuser der Welt, drehe die besten Zigarren und habe zur Ehre der Gottesmutter die kolossalste aller Marienstatuen errichtet, vor den Toren von Nuijorke, mitten im Wasser. Maria garantiere den Bewohnern der Wolkenkratzer Frieden, Wohlstand und Schutz vor den Attacken der Feinde. Die brennende Fackel in ihrer Hand weise nicht nur Schiffen aus aller Welt den Weg, die zerrissenen Ketten zu ihren Füßen verhießen dem Ankömmling auch die Freiheit von jeglicher Knechtschaft. Deshalb trage sie einen Strahlenkranz um ihr Haupt, wobei jede einzelne der sieben Zacken größer sei als der Kirchturm von Baia Luna. Die Zahl Sieben hatte Dimitru gedeutet als die sieben engsten Vertrauten Marias, wobei Gottvater, ihr Sohn und der Heilige Geist für die Gefilde des Himmlischen, die vier Evangelisten für irdische Belange zuständig seien.
Auf dem Schulglobus konnte ich eine Stadt mit dem Namen Nuijorke nicht finden. Doch die Geschichte mit der Riesenmadonna und ihrer Feuerfackel stimmte anscheinend, denn ich hatte bei einem Besuch meines Schulfreundes Fritz Hofmann im Wohnzimmer der Familie ein beeindruckendes Marienplakat an der Wand hängen sehen, vor dem ich mit offenem Mund erstarrte. Das war sie. Mich wunderte, ein solches Madonnenbildnis ausgerechnet im Haus des Fotografenmeisters Hofmann zu entdecken, denn Fritz und seine deutschstämmigen Eltern Heinrich und Birta standen dem katholischen Glauben gleichgültig gegenüber und besuchten als Einzige im Dorf nie die heilige Messe. Merkwürdig war zudem: Die Statue stand nicht in Nuijorke, sondern unzweifelhaft in New York, wie in schwarzen Lettern auf dem Plakat zu lesen war. Da Herr Hofmann in der Bezirksstadt Kronauburg ein Lichtbildatelier betrieb, lag für mich die Frage nahe, ob er gar selber das imposante Bild mit seinem Fotoapparat geschossen habe. Ich erntete nur ein unwirsches »Nein!«.
 
Mit dem gleichaltrigen Fritz Hofmann besuchte ich vormittags die dörfliche Volksschule, wo wir uns mit sechzig Jungen und Mädchen im Alter von sieben bis fünfzehn in einem Klassenraum drängten. Dass die Plätze dennoch für alle reichten, lag an den Zigeunern, die ihre Kinder nur selten oder gar nicht zur Schule schickten. Unterrichtet wurden wir von der Lehrerin Angela Barbulescu. Anfang der fünfziger Jahre wurde sie vom Ministerium für Volkserziehung von der Hauptstadt nach Baia Luna beordert, zwangsweise, wie man mutmaßte, wobei die Gründe für diese Maßnahme im Dunkeln blieben. Früher, das hatte ich bei Männergesprächen in Großvaters Schenke aufgeschnappt, sollte sie recht ansehnlich gewesen sein und sich Mühe gegeben haben, ihre Neigung zur Trinkerei zu verbergen. Bis sie irgendwann jegliches Schamgefühl verlor. Die Dorffrauen indes bestanden darauf, die Barbu habe das Gespür für die Überschreitung der Grenzen des Anstands niemals verlieren können, habe sie doch den natürlichen Instinkt der Frau für das Schickliche nie besessen. Hatte doch jeder am ersten Sonntag ihrer Anwesenheit ihre Hände gesehen, als sie während der Messfeier zum Altar trat, um den Leib des Herrn zu empfangen. Auf ihren Nägeln grellte ein blutroter Glanzlack. Kora Konstantin bekundete sogar, das obszöne Weibsstück habe sie daran gehindert, den Worten des Pfarrers im Geist der Andacht zu lauschen. Kora brachte in Umlauf, der Barbu hafte ein »nümfotischer Wesenszug« an, weshalb man sie zur Abtötung ihrer Neigungen in die Berge verbannt habe. Allerdings hatte ich derlei Reden seit Längerem nicht mehr gehört. Angela Barbulescus Nagellack war abgeblättert. Zudem ließen die Ehefrauen hinter ihren Gardinen ihr keine Gelegenheit, sich auch nur drei Schritte unbeobachtet zu bewegen.
Im letzten Jahr meiner Schulzeit schlurfte die Barbu morgens in Gummistiefeln in den Unterricht, gekleidet in ein dunkelblaues Kleid, das vor Schmutz speckig glänzte und einen Geruch verströmte wie ranzige Butter. Oft stand sie schwankend vor der Schiefertafel, bemüht, sich aufrecht zu halten. Wenn sie mit ihrem Stock herumfuchtelte und die Landeshymne dirigierte, mussten wir strammstehen, die Hand aufs Herz legen und alle acht Strophen bis zum Ende herunternudeln. Danach fragte sie heimische Geschichte ab, wobei die Jüngeren zuhörten, wie die Älteren die heldenhaften Taten des Türkenbezwingers Michaels des Tapferen priesen, Geschichtszahlen von den Dakern bis Gheorghe Gheorghiu-Dej herunterrasselten und zum tausendsten Mal erklärten, warum sich das katholische Baia Luna in früheren Jahrhunderten nicht den Reformierten angeschlossen hatte und niemals von den Türken eingenommen worden war. Dazu sangen wir das Marienlied von der Patronin voller Güte in ihrem Schutzmantel. Anschließend wurde gerechnet.
Die Klassen eins bis vier addierten und subtrahierten Zahlenkolonnen von null bis hundert, die Klassen fünf bis acht mussten Tausender und Zehntausender malnehmen und die Steigerungsquoten aus Milchproduktion und Schweinemast nach der Kollektivierung der Landwirtschaft in Prozente umrechnen, obwohl die Verstaatlichung der Bauernhöfe im Bezirk Kronauburg noch gar nicht stattgefunden hatte. Zum Glück warf die Barbu immer nur einen oberflächlichen Blick auf die Ergebnisse. Mein Nachbar Fritz Hofmann und ich waren daher in Windeseile mit den Aufgaben fertig, indem wir abenteuerliche Fantasiezahlen zu Papier brachten.
Wenn Frau Barbulescu jedoch nüchtern war und einen guten Tag hatte, setzte sie sich auf ihr Pult, strich ihr blaues Kleid glatt und erzählte vom Leben im Paris des Ostens. So wurde die Hauptstadt genannt. »Ein funkelndes Juwel des Abendlandes.« Das betonte sie immer wieder. Dabei pries sie die machtvollen Stimmen der Chanteusen und die tänzerische Anmut der »Ballettrizen vom Schwanensee«, schwärmte von verspiegelten Kulturpalästen, Theatertempeln und Lichtspielsälen, wo begnadete Darsteller aus Amerika auf Leinwänden die Zuschauer mit ihrem Schauspiel verzauberten. Die Geschichte eines Liebespaares namens Rhett und Scarlett erzählte sie so ergreifend, dass mich ein Hauch von Mitgefühl streifte und ich gern ihren Worten lauschte.
In den Momenten, in denen sie versonnen aus dem Fenster schaute, träumte sich die Lehrerin in die Welt der »Aprähkultür«. So ähnlich nannte sie die Gewohnheit, wenn die feine Gesellschaft nach abendlichem Kulturgenuss in allerfeinsten Restaurants nicht etwa zu speisen, geschweige denn zu essen, sondern zu dinieren pflegte. Ich hatte damals keine Ahnung, was »die Nieren« mit der anscheinend nobelsten Form der Nahrungsaufnahme zu tun hatten. Jedenfalls benutzte die Barbu des Öfteren diese Anspielung auf jenes Organ, in dem nach meinen Kenntnissen über den menschlichen Körper flüssige Stoffe zu Urin destillierten. Was das kultivierte Trinken anging, so erzählte sie von Kellnern in schwarzen Fräcken, die in den Lokalen der ersten Kategorie lautlos umherschwirrten und für hundert verschiedene Getränke hundert verschiedene Gläser zur Hand hatten. Was mich verblüffte, zumal wir in Großvaters Schankstube nur über eine Sorte Gläser verfügten. Doch wenn ich der Barbu zuhörte, wie sie die Frackträger pries, die den Wein nur tropfenweise in Kristallkelche einschenkten und anschließend die Flasche mit weißen Tuchservietten penibel abtupften, und wenn ich dabei in das vom Branntwein gezeichnete Gesicht meiner Lehrerin blickte, dann wurde auch mir klar, dass einiges in ihrem Leben schiefgelaufen war.
Deshalb überwogen im Unterricht die schlechten Tage, an denen staatsbürgerkundliche Unterweisung auf dem Plan stand. Neuerdings schrieb die Regierung auch ein Treuegelöbnis zum Vaterland vor, gekoppelt an das Bekenntnis zur Arbeiterpartei, von der in diesen Zeiten allerorten die Rede war. Der Kronauburger Bote vermeldete täglich die Gründung neuer Lokalverbände. In Baia Luna preschten besonders die drei Brancusi-Brüder und der Eisenschmied Emil Simenov in der Angelegenheit nach vorn, die Bauern zum Parteibeitritt zu bewegen und die Kollektivierung der Landwirtschaft als Schritt in die Zukunft zu begrüßen. Was auf wenig Gegenliebe stieß, aber auch keinen offenen Widerstand hervorrief. Wogegen hätte der sich auch richten können? Gegen die aufgeblasenen Brancusis, die im Dorf ihre Propagandareden hielten, aber ansonsten nichts zu melden hatten? Gegen die Herren der Partei in der fernen Hauptstadt, die zwar Gesetze erließen, deren Einhaltung jedoch niemand in Baia Luna kontrollierte? Also wartete man ab in der Gewissheit, es den Kollektivisten zu zeigen, würden sie eines Tages im Dorf auftauchen. Auch bei der Barbu gewann ich bisweilen den Eindruck, als lehre sie die Statuten der Partei nur widerwillig. Mitunter kam es mir vor, als übertreibe sie ihr Parteigeschwafel derart, um bei uns Schülern den Effekt gelangweilter Abscheu hervorzurufen.
»Vielleicht will sie sich für etwas rächen«, hatte ich Fritz gegenüber gemutmaßt. »Für etwas, das sie im Paris des Ostens erlebt hat. Eine bittere Enttäuschung möglicherweise. Oder ein böses Unrecht.«
»Kann ich mir nicht vorstellen«, hatte Fritz erwidert. »Du meinst, sie lässt uns die Parteiphrasen fressen, damit wir kotzen? Nein, so schlau ist die Barbu nicht.«
So drängte sich als Erklärung für Barbus Sozialismusgefasel nur der Schnaps auf, der den Fluss ihrer Hirnströme wohl aus dem Takt gebracht hatte. Jedenfalls wäre ein Mensch mit unversehrtem Verstand niemals auf die Idee gekommen, wehrlose Schüler Gedichte von Alfred Margul-Sperber abschreiben zu lassen. Bestimmt hatten wir das Poem Die Partei Dutzende Male zu Papier gebracht.
»Nun sieh dich um: wohin dein Blick sich wendet,
regt sich das Werden einer neuen Welt,
und morgen ist so manches schon vollendet,
was heut dein Sinn noch kaum für möglich hält.«
So lautete die erste Strophe. Und so stand es in den staatlichen Lesebüchern, abgedruckt auf Seite fünf, direkt hinter dem Porträt des Präsidenten Gheorghiu-Dej.
Da ihn die Abschreiberei anödete, hatte sich Fritz zur Gewohnheit gemacht, die Strophen des Gedichtes abzuwandeln. Während einer Schulstunde schob er mir sein Heft zu. Ich las:
»Du siehst dich um, schon ist dein Blick verschwendet,
an die Parteiidioten, sie regier’n die Welt,
und morgen ist der Schwachsinn dann vollendet,
den Fräulein Barbu heut für möglich hält.«
»Bist du wahnsinnig!«, zischte ich. »Steck das weg.« Nicht die aufsässigen Worte erschreckten mich, sondern die Kaltblütigkeit, mit der Fritz die Reime in sein gutes Schreibheft notiert hatte. Doch jede Furcht vor Entdeckung durch die Barbu erwies sich als unbegründet. Da sie bei den Kontrollen der Hefte keinen Eifer an den Tag legte, schien sie Fritz’ unbotmäßige Dichtereien nie zu bemerken. Was ihn ermutigte, seine Parodien auf die Partei mit wachsender Begeisterung zu irrwitzigen Grotesken fortzuschreiben. Bis sein Vater Heinrich das Schreibheft entdeckte. Danach erschien Fritz Hofmann zwei Wochen nicht zum Unterricht und war fortan mit einem Entschuldigungsbrief seiner Mutter von den Leibesertüchtigungen befreit, ohne dass Fritz ein Wort darüber verlor, was in seinem Elternhaus geschehen war.
Bei den Besuchen meines Schulkameraden bekam ich mit, dass Heinrich Hofmann trotz seines urdeutschen Namens den Traditionen seiner Landsleute keinen Wert beimaß. Unter den deutschstämmigen Sachsen, deren Vorfahren sich schon vor Generationen in Baia Luna angesiedelt hatten, lebte die Familie Hofmann als Einzige nicht von der Land- und Viehwirtschaft. In ihrem Hof gackerten nicht einmal Hühner. Hofmann mied den Umgang mit den Dörflern, und man ließ ihn gewähren. Nur manchmal sah oder hörte ich ihn, wenn er in schwarzer Lederkluft nach Kronauburg brauste, mit einem röhrenden Motorrad italienischer Fabrikation, eine schwere Maschine, die sich niemand sonst in Baia Luna hätte leisten können.
Die Woche über betrieb Heinrich Hofmann in der Bezirksstadt ein Lichtbildstudio. Gingen die Leute früher zu Herrn Hofmann, wenn sie ein Erinnerungsbild von ihrer Hochzeit oder Fotos für ihre Ausweispapiere brauchten, so verdiente er in den fünfziger Jahren sein Geld mit der Erstellung künstlerischer Porträtstudien. So nannte Fritz die Tätigkeit, die seinem Vater wohl ein stattliches Einkommen bescherte. Auf alle Fälle kam mir die Familie Hofmann recht begütert vor. Fritz’ Mutter Birta war die einzige Frau im Dorf, die zum Kochen nicht das Holzfeuer anheizen musste. Sie stellte ihre Töpfe auf elektrifizierte Eisenplatten, die mit der bloßen Drehung eines Bakelitknopfes vor Hitze erglühten und jeden Wasserkessel in Sekundenschnelle zum Pfeifen brachten. Birta war eine Frau Mitte dreißig, mit kurzen blonden Locken und stahlblauen Augen. Wenn sie lachte, leuchteten ihre weißen Zähne zwischen ihren roten Lippen. Mir fiel jedoch auf, dass sie nur dann gelöste Heiterkeit ausstrahlte, wenn ihr Mann in Kronauburg weilte. Saß Heinrich Hofmann an den Wochenenden in seinem Lesesessel unterhalb des Plakates mit der Fackelmadonna aus New York und einem Regal mit vielen Büchern eines gewissen F. W. Nietzsche, dann machte Birta auf mich immer einen nervösen Eindruck. Sie kaute an ihren Fingernägeln, und ihr Lachen wirkte gequält. Auch Fritz wurde schlagartig schweigsamer, sobald sein Vater den Raum betrat. Anders als in der Schule verkniff er sich freche Bemerkungen und beschränkte seine Äußerungen auf ein knappes Ja oder Nein.
Ich konnte Fritz’ Vater nicht ausstehen. Wenn ich ihm beim Betreten der Hofmann’schen Wohnstube die Hand reichen wollte, ließ er für einen Augenblick eines seiner Nietzsche-Bücher sinken und schaute mit stechendem Blick über den Rand seiner Lesebrille. Dann zuckte er kurz mit dem Kopf wie jemand, der sich einer lästigen Fliege entledigt, und widmete sich wieder seiner Lektüre. Irgendwann hatte ich geschworen, Herrn Hofmann zu ignorieren. Der Schwur hielt bis kurz vor den Herbstferien im Oktober 1957.
In der letzten Unterrichtsstunde trug die Barbu uns älteren Schülern auf, die Steigerungsraten beim Export von Mastschweinen in die Sowjetunion zu berechnen. Wie so oft schloss ich mit Fritz eine Wette ab, welche abstrusen Ergebnisse noch von der Lehrerin abgenickt würden. Ich brachte eine Sieben mit vierzehn Stellen hinter dem Komma zu Papier. Als Fritz das Spiel auf dreiundzwanzig Ziffern steigerte, tätschelte die Barbu ihm die Schulter. »Akkurat, akkurat. Deine Genauigkeit wird dir noch Vorteile bringen, Fritz. Unschätzbare Vorteile.«
Fritz schaute zu ihr auf, nickte mit gespielter Bravheit und sagte: »Schönen Dank, wunderschönes Fräulein Barbulescu.«
Ich wunderte mich, dass Fritz nicht einmal grinste, während ich selbst nicht an mich halten konnte und losprusten musste. Was solches Gelächter hieß, war allen in der Klasse klar. Die Barbu hob ihren Stock und starrte mich an. Dann holte sie aus. Ich duckte mich.
In diesem Augenblick geschah etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Während ich hoffte, der Stock möge mich verfehlen, schnellte Fritz hoch. Er griff Barbus Arm und hielt ihn fest umklammert. Mit kaltem Blick sprach Fritz ruhig, fast flüsternd: »Schlag zu! Schlag meinen Freund, wenn du willst, dass dir mein Vater das Leben zur Hölle macht.«