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Inhaltsverzeichnis

VORBEMERKUNG
PROLOG
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DIE REVOLUTION
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ABSCHIED
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NACHWORT
Copyright

NACHWORT

Es wird dem Leser nicht entgangen sein, daß das Ende dieses Buches das Versprechen nicht einlöst, das am Anfang gegeben wurde. Man wird die Stimmung aufgeschobenen Unheils und vorübergehender Seligkeit, die mit dem abschließenden Hölderlin-Zitat ausgedrückt wird, kaum als »zum Schluß den Kampf abbrechen – oder ihn auf eine andere Ebene übertragen« bezeichnen können. Das Buch ist offensichtlich unvollendet, und man fragt sich, warum es beiseite gelegt wurde, und vielleicht auch, wie es nach so vielen Jahren wieder auftauchte und zur Veröffentlichung gelangte. Diese Fragen will ich, so gut ich kann, in diesem Nachwort beantworten.

Als ich das Manuskript nach dem Tod meines Vaters, Sebastian Haffner, fand, wußte ich zunächst nichts darüber, wie und in welcher Zeit es entstanden war. Mein Vater, der im Alter sein Werk eher bescheiden beurteilte und den Werken seiner ersten englischen Jahre besonders kritisch gegenüberstand, hatte mir darüber nie ein Wort gesagt. Er hatte öfters über Jugendromane gesprochen, aber auch über die Arbeit am Observer von etwa 1941 an; über die veröffentlichten Bücher, die dieser Arbeit vorangegangen waren, äußerte er sich eher verlegen.

Die Datierung des Manuskripts mußte ich also zunächst aus seinem Inhalt herleiten. Nach der Veröffentlichung bin ich auf mehrere andere Informationsquellen aufmerksam gemacht worden, die alle meine Datierung auf das Jahr 1939 bestätigten. Aus diesen Quellen, in erster Linie einer Diplomarbeit von Frau Jutta Krug, aber auch aus Briefen, die meine Eltern an den ersten Mann meiner Mutter, Harald Landry, schrieben,1 läßt sich die Entstehung des Manuskripts gut rekonstruieren.

Mein Vater war im Spätsommer 1938 nach England ausgewandert, einige Monate nachdem auch meine Mutter Erika dorthin gekommen war. Diese Doppelflucht war wohl mit dem »Kampf abbrechen« gemeint. Ganz ohne Freunde und Unterstützung waren meine Eltern nicht, aber sie waren bitterarm. Mein Vater, der in Deutschland zuletzt eine gute Stellung in der Ullsteinpresse innegehabt hatte, war in England völlig unbekannt. Er beherrschte die Sprache nur gerade ausreichend, sprach Französisch viel besser als Englisch. Er hatte sich sogar eine Leica gekauft,2 weil Bilder sprachunabhängig sind, nur leider hatte er kein Fotografenauge, sein Talent lag im Schreiben und Reden. Außerdem hatte er zunächst nur sehr kurz befristete Aufenthaltsgenehmigungen aufgrund eines Scheinauftrages für eine Ullsteinzeitschrift und mußte wiederholt um Verlängerungen ersuchen, die immer schwerer zu bekommen waren. Eine Arbeitsgenehmigung hatte er nicht.

Der Verleger Frederic Warburg berichtet im zweiten Band seiner Memoiren All Authors are Equal3:

»Im Frühjahr 1939 hat Haffner in verzweifelter Lage mir das Konzept eines Buches, das er plante, zugeschickt. [ ...] Es sollte eine politische Autobiographie sein. Ich erinnere mich, daß es das brillanteste Konzept war, das mir je untergekommen ist.«

Es handelt sich dabei offenbar um den vorliegenden Text. Wie das Konzept aussah und ob vielleicht einige Proben dabei waren, ist heute nicht mehr festzustellen, aber ich neige zur Ansicht, daß das Buch zu diesem Zeitpunkt zumindest schon angefangen war. Jedenfalls zahlte Warburg daraufhin meinem Vater einen Vorschuß von zwei Pfund die Woche. Warburgs Verlag stand damals keinesfalls auf festem finanziellen Fuß, obwohl er so berühmte Autoren wie Thomas Mann verlegte, und zwei Pfund waren auch damals keine große Summe, aber sie reichten knapp zum Leben und erleichterten entscheidend die Lage meiner Eltern. Mein Vater hat lange nach dem Krieg noch Warburg dafür gedankt:

»Nie vorher oder nachher in meinem Leben war ich so erleichtert.«

Warburg half auch mit der Aufenthaltsgenehmigung. Am 13. Juni 1939 schreibt mein Vater an Landry:

»Ich bin heute aus großer Angst und Depression gerettet worden. Das Home Office hat sich, auf nochmalige Vorstellungen von Ursel [einer Schwester meiner Mutter. d. Vf.] und einen ›very strong letter‹ von Warburg ›in praise of my literary capacity and sterling character(!)‹, erweichen lassen und mir ein Jahr gegeben, unter der Bedingung ›to do literary work solely on behalf of Messrs. Secker & Warburg‹.«

Mein Vater schrieb also während des Frühjahrs und Sommers 1939 an diesem Manuskript. Zu irgendeinem Zeitpunkt wurde auch eine englische Übersetzung angefangen, die noch erhalten ist. Wer sie angefertigt hat, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, daß sie nicht von einem Engländer sein kann. Sie bricht noch früher als das deutsche Manuskript mit dem Ende des Abschnitts »Prolog« ab.

Am 20. August 1939 schreibt mein Vater an Landry:

»Ich arbeite, bin aber nicht so recht inspiriert und komme zu langsam vorwärts. Vorgestern habe ich gerade das dritte Kapitel abgeliefert.«

Mit dem Wort »Kapitel« meint er offensichtlich, wie aus dem nächsten zitierten Brief hervorgeht, die drei Abschnitte des vorhandenen Buchs: Prolog, Revolution und Abschied.

Warburg berichtet auch, daß mein Vater im Herbst 1939 ihm vorgeschlagen habe, das Projekt, an dem er gearbeitet hatte, für ein anderes, kürzeres, mehr auf den englischen Standpunkt und den nun begonnenen Krieg bezogenes Buch mit dem deutschen Titel Deutschland, ein Abriß aufzugeben. Warburg schreibt:4

»Das Buch [Geschichte eines Deutschen] wurde nie vollendet. Als Haffner die Hälfte geschrieben hatte, brach der Krieg aus, und er war der Meinung, daß er nun etwas weniger Privates und direkter Politisches schreiben müsse.

Im Spätherbst 1939 schickte er mir mehrere Kapitel eines Abrisses von Deutschland. [ ...] Ich schlug vor, den Titel in Germany, Jekyll and Hyde abzuwandeln.«

In einem Brief an Landry vom 6. Oktober 1939 wird das noch genauer geschildert. Dort heißt es

»Persönlich habe ich nun doch noch neben meinem eigentlichen Buch,5 von dem (nur) 4 Kapitel und 270 Seiten geschrieben sind, ein kleines anderes Buch angefangen, das nicht mehr als 200 Seiten haben soll und Deutschland, ein Abriß heißt. Acht Kapitel: 1. Hitler, 2. Die Naziführung, 3. Die Nazis, 4. Das loyale Volk, 5. Das illoyale Volk, 6. Die Opposition, 7. Die Emigration, 8. Möglichkeiten. In dieser Disposition angeordnet alle in Deutschland, mächtig oder ohnmächtig, herumschwirrenden Gedanken, Traditionen, Ansätze, Gefühlsurteile usw. Gemeint ausgesprochen als Abriß und Handbüchlein für englische Propagandisten, die mit Deutschland zu tun haben, sowie (natürlich) für the general reader. Im ganzen ziemlich ruhig und unpolemisch gehalten, ohne aus meinem Herzen eine Mördergrube zu machen. Nette Idee?«

Das vorhandene Manuskript der Geschichte hat, die Lücken mitgezählt, 234 Seiten und auch nur drei Großkapitel, von einem vierten fehlt jede Spur, auch wirkt das dritte keinesfalls abgeschlossen.

Jedenfalls lieferte mein Vater Warburg schon im Januar 1940 das fertige Manuskript von Germany, Jekyll and Hyde. Dieses Buch sollte meinem Vater zum Durchbruch zu einer englischen Karriere verhelfen.

Soweit ich weiß, hat sich mein Vater während der Kriegsjahre nicht weiter mit dem Manuskript von Geschichte eines Deutschen beschäftigt. Warum sollte er auch? Das Thema war nicht mehr interessant, er war nunmehr ein »virtueller Engländer« geworden und schrieb vom englischen Standpunkt aus. Daß er aber das Buch nicht vergessen hat, zeigen einige Seiten, die er während eines längeren Deutschlandaufenthalts im Jahre 1946 aufgezeichnet hat. Merkwürdig an diesen Seiten ist, daß sie zweisprachig geschrieben sind. Vielleicht hat der Aufenthalt in seinem zerschlagenen Heimatland ihn zu einem Rückblick auf sein Leben angeregt. Aus der Gedankenspielerei ist zwar nichts weiter geworden, aber ich führe hier die deutschen Überschriften an, weil sie ein Licht darauf werfen, wie das Buch vielleicht weitergegangen wäre.

 

Die erste Seite gibt eine Großgliederung an:
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Tanz in der Löwengrube
Eine Chronik des Privatlebens in den dreißiger Jahren
Vorbericht
I Zusammenbruch als Abenteuer
II Glorreicher Fehlschlag
III Resignation mit Hindernissen
IV Karriere wider Willen
V Gefahr
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Nachbericht«

 

Es folgen fünf Seiten für die fünf Abschnitte, jetzt nur noch auf deutsch, wobei allerdings die letzten drei nur je eine Überschrift tragen. Die Titel sind zum Teil gegenüber der Gliederung verändert:

 

»I Abschied und Aufbruch

Mein Vater

Frank Landau

Teddy

Februar 1933

Ein Berliner Faschingsball

Die Revolutionsattrappe

Die Revolution

Freitag, 31. März

Sonnabend, 1. April

Kammergericht, April 1933

Hintergrund 1933

Zerfall eines Freundeskreises

Mein Vater II

Charlie

Teddy II

Jüterbog I: Ankunft

Jüterbog II: Weltanschauliche Schulung

Jüterbog III: Und ich?

Jüterbog IV: Kameradschaft

Jüterbog V: Die zwei Feste

Gespräche und Besuche

Selbstporträt Dezember 1933

II Glorreiche Niederlage

Zwischenspiel: Teddy III

Hotel Foyot

Café de Tournon

Te

Die Geschichten Tes

Wie die Zeit vergeht

Der 10. April

Der 11. April

Der 12. April

Isle St. Louis

Zwischenspiel: Frank Landau II

Resignation und Glück

Die Unterwelt

Abschied

Berlin im Juni 1934

Leben mit der linken Hand

Der Naturist

Hotel des Bois

Zwischenspiel: Teddy IV

Über das Glück

Paris 9. Oktober 1934

III Resignation mit Hindernissen

IV Karriere wider Willen

V Die Zeitlupenflucht«

 

Es handelt sich hierbei deutlich um ein anderes Konzept, da die ganze, für den heutigen Leser so wichtige Vorgeschichte vom Ersten Weltkrieg bis zur Machtergreifung Adolf Hitlers fehlt. Trotzdem kann man aus diesem Entwurf ahnen, wie die Geschichte weitergegangen wäre. Bis zum Kapitel »Teddy II« entsprechen die Überschriften des Entwurfs vorhandenen Kapiteln. Danach sollte offensichtlich das Referendarlager in Jüterbog ausführlich behandelt werden. Dann kommt der erste Parisaufenthalt im Frühjahr 1934, von meinem Vater deutlich als erster Auswanderungsversuch gesehen, danach die Rückkehr nach Berlin. Der Inhalt dieser Kapitel ist leider für immer verloren, denn abgesehen von einigen wenigen Anekdoten hat mein Vater uns Kindern nichts aus diesen Jahren erzählt. Das Konzept hört mit der Flucht meiner Eltern nach England auf, von der wir etwas mehr, aber keinesfalls sehr viel wissen.

Nach diesem Gedankenspiel hat mein Vater das Buch nicht wieder aufgegriffen, es blieb in seinem Schreibtisch mit anderen Vorkriegsarbeiten liegen: einem Roman, einer Novelle, einigen Kurzgeschichten und vielen Feuilletonbeiträgen für die Ullsteinpresse der dreißiger Jahre.

Zweimal hat er Kleinkapitel aus dem Manuskript entfernt und einzeln zur Veröffentlichung angeboten. Es handelt sich dabei um das Kapitel 10 über die große Inflation im Jahre 1923 und das Kapitel 25 über den ersten Judenboykott am 1. April 1933. Wo er das erste dieser Kapitel angeboten hat, ist mir unbekannt, und es bleibt verschollen. Das zweite hat er dem stern im Jahre 1983 zur Verfügung gestellt. Es erschien zum fünfzigsten Jahrestag der Ereignisse, die es beschreibt. Deshalb vermute ich, daß Kapitel 10 im Jahre 1973 erschienen ist. Beide Male hat mein Vater sich offensichtlich nicht um die Vollständigkeit seines Manuskripts gesorgt und die abgelieferten Seiten nicht zurückgefordert. Er scheint es etwa so behandelt zu haben wie die Bauern im Mittelalter römische Ruinen: das Ganze ist unnütz, aber es gibt schöne, brauchbare Brocken darin.

So stand es mit dem Manuskript, das ich nach dem Tode meines Vaters fand, wie es dazu kam und was daraus wurde, will ich nun erzählen.

In den letzten Jahren seines Lebens, als mein Vater zum Schreiben zu gebrechlich war, besuchte ich ihn, so oft ich konnte, und wir unterhielten uns über Wissenschaft, Politik, natürlich Familienklatsch und gelegentlich, wenn ich den richtigen Ansatzpunkt fand, auch über sein Leben. Heute habe ich viele Fragen, die ich ihm damals hätte stellen sollen, nur war er bescheiden und drängte sich nicht auf, gab erst Auskunft, wenn man etwas Bestimmtes ansprach, und mir fehlte das Wissen, die richtigen Fragen zu stellen. Bei aller Bescheidenheit glaubte er, einiges Erhaltenswerte geschrieben zu haben, und besprach manchmal seinen Nachlaß mit mir. Unter den frühen Werken erwähnte er besonders einen Roman, der in einem Geheimfach seines Schreibtischs versteckt sein sollte.

Als mein Vater im Januar 1999 starb, nahm meine Schwester Verbindung mit dem Bundesarchiv auf und vereinbarte in unser beider Namen die Aufbewahrung des Nachlasses dort. Ich sortierte darauf die Papiere im Arbeitszimmer, sah sie eilig durch, um ihre Wichtigkeit abzuschätzen, und suchte vornehmlich den Roman im »Geheimfach«. Nur hatte der Schreibtisch meines Vaters kein Geheimfach mehr. Mitte der achtziger Jahre hatte er einen von den zwei Schreibtischen, die er besaß, meinem Sohn Boris geschenkt und den anderen als seinen Arbeitstisch übernommen. Der verschenkte Schreibtisch hatte ein Geheimfach, das aber leer war, der zurückbehaltene hatte keines. Ich nahm also an, der Roman sei unter den anderen Papieren, aber er fand sich auch dort nicht. Sehr viel später entdeckten wir ihn durch Zufall im Zwischenraum unter den Schubladen einer Kommode voller Arbeiten von seiner zweiten Frau, Christa Rotzoll, versteckt.

Bei der Suche nach diesem Roman stieß ich aber zunächst auf die englische Übersetzung der Geschichte eines Deutschen, die in einer Mappe mit der Aufschrift »Autobiography« lag. Ich war etwas enttäuscht über das schlechte Englisch und legte die Mappe beiseite. Bald darauf fand ich aber das deutsche Manuskript, und das fesselte mich sofort. Es gab noch weitere Funde, die mich beschäftigten, zum Beispiel ein etwa 20 Tippseiten langes Fragment einer Familiengeschichte von unserem Großvater. An Veröffentlichung dachte ich nur, insofern ich (und mehr noch meine Schwester) die Arbeiten vor ungenehmigter Veröffentlichung schützen wollte. Deshalb verabredeten wir mit dem Bundesarchiv, daß einige Arbeiten unserer Wahl gesondert behandelt werden sollten, zu denen natürlich die beiden autobiographischen Manuskripte gehörten. Das Bundesarchiv verpflichtete sich, den Erben Fotokopien dieser Arbeiten zu liefern.

Bei den Vorarbeiten zur Räumung der Wohnung half uns der Berliner Journalist und Verleger Uwe Soukup. Ihm zeigte ich das Manuskript der Geschichte eines Deutschen hauptsächlich, weil ich wußte, daß er meinen Vater verehrte, und weil ich ihn als Freund betrachtete, dem wir Dank für seine Hilfe schuldeten. Er war der Erste, der von Veröffentlichung sprach und gleich großzügig hinzufügte »aber nicht bei mir, bei einem größeren Verlag«. Noch war es aber nicht soweit, es fehlten ja die zwei Kapitel, und mit so großen Lücken ließ sich das Buch nicht verlegen. Uwe Soukup fand auch heraus, was mit Kapitel 25 geschehen war. In der von ihm veröffentlichten Haffner-Auswahl Zwischen den Kriegen befand sich ein stern-Artikel mit dem Titel Abschied. Nach der Einleitung dieses Artikels war es klar, daß es sich hierbei um eine gekürzte Fassung des fehlenden Kapitels handelte. Ich nahm mir vor, dem stern zu schreiben und dort nachzufragen.

Die versprochenen Fotokopien erhielten wir vom Bundesarchiv im Mai 1999. Ich bat den stern um Auskunft über das Manuskript von Kapitel 25, erhielt aber die Antwort, daß das Manuskript nicht aufgehoben worden war. Das andere fehlende Kapitel über 1923 fand ich überhaupt nicht. Darauf entschloß ich mich, während des Sommers das fehlende Kapitel aus der englischen Übersetzung zu rekonstruieren, was wegen des wörtlichen Charakters der Übersetzung nicht allzu schwer war. Inzwischen habe ich mindestens ein Wort gefunden, das wohl im Original anders war, als ich es wiedergab. Ich habe das englische »Saviour« mit »Erlöser« wiedergegeben, aber in einem späteren Kapitel habe ich gefunden, daß mein Vater vom »Münchner Heiland« spricht, »Heiland« wird er wohl auch in Kapitel 10 verwendet haben.

Als die Übersetzung im Herbst 1999 fertig war, einigten sich meine Schwester und ich, das Buch zu veröffentlichen. Im Frühjahr hatte sie einen Brief von Michael Neher von der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) erhalten, in dem er sein Interesse zum Ausdruck brachte, Werke aus dem Nachlaß unseres Vaters zu veröffentlichen. Meine Schwester bereitete eine Ausstellung vor, also bot ich dem Verlag das Buch an und schrieb unter anderem, »[Das Manuskript] weist nicht den knappen Stil auf, den er sich als Sebastian Haffner erarbeitet hat. Sein Stil ist vielmehr emotionaler und ›literarischer‹. [ ...] Es gibt aber ein graphisches Bild seiner Zeit«.

Michael Neher reagierte auf das Angebot außerordentlich enthusiastisch. Er löste auch das letzte Problem, das einer Veröffentlichung im Wege stand. Da die Kapitel im Manuskript nicht auf einer neuen Seite anfangen, fehlten bei beiden Lücken Übergangssätze zu den Nachbarkapiteln. Bei Kapitel 10 war dies kein Problem, ich übersetzte einfach auch die Übergänge aus dem Englischen. Die Übersetzung hörte aber mit Kapitel 15 auf und gab uns deshalb keine Hilfe bei Kapitel 25. Weil mit dem Ende dieses Kapitels der Abschnitt »Revolution« endet, fing Kapitel 26 auf einer neuen Seite an, Kapitel 24 jedoch hörte mitten im Satz auf. Neher bemerkte, daß, wenn man diesen einen angefangenen Satz wegließe, das Kapitel einen durchaus einleuchtenden Abschluß hatte. So wurden denn die Worte »Morgens auf dem Kammergericht hatte ich ...« vom Ende dieses Kapitels getilgt. Die erste Auflage wurde nun in ziemlicher Zeitnot vorbereitet. So geschah es, daß versehentlich eine Seite des Manuskripts weggelassen wurde. Sie ist in dieser Auflage hier wieder eingefügt worden.

Daß das Buch einen solchen Erfolg haben würde, habe ich mir nicht träumen lassen. Die Reaktion der Presse und des Publikums hat mich zuerst verblüfft, besonders da das Buch ja ein Torso ist und Mitte 1933 unbefriedigend abbricht, wo doch nachher so viel Schlimmeres noch folgte. Im Nachhinein läßt es sich aber erklären: Das Buch beantwortet, und zwar in Form eines Augenzeugenberichts die Frage »Wie konnte es dazu kommen?«, eine Frage, die die Folgegeneration der Vorkriegsgeneration immer gestellt und darauf meistens die Antwort erhalten hat: »Wir haben nichts gewußt.« Das Buch entkräftet diese Antwort ganz eindeutig: Wer nichts sah, tat es, weil er nichts sehen wollte. Andererseits aber macht es die seelische Lage des deutschen Volkes zwischen den Kriegen einsichtig und macht daher den Aufstieg der Nazis verständlich, ohne ihn zu entschuldigen. Die nicht verstandene und nicht bewältigte Niederlage im Ersten Weltkrieg, die unterdrückte Revolution, das Abenteuer der Inflation, die ungeliebte Republik und nicht zuletzt die Feigheit der demokratischen Politiker: all das wird so unmittelbar und überzeugend dargestellt, daß man meint zu sehen, daß es gar nicht anders hätte kommen können.

So wünschenswert es wäre, mein Vater hätte nach dem Krieg das Buch doch zur Vollendung gebracht, so wäre es andererseits ein großer Verlust, wenn er dabei die Vorgeschichte vom Ersten Weltkrieg bis 1933 unterdrückt hätte.

 

 

Oliver Pretzel
London 2001

1

Die Geschichte, die hier erzählt werden soll, hat zum Gegenstand eine Art von Duell.

Es ist ein Duell zwischen zwei sehr ungleichen Gegnern: einem überaus mächtigen, starken und rücksichtslosen Staat, und einem kleinen, anonymen, unbekannten Privatmann. Dies Duell spielt sich nicht auf dem Felde ab, das man gemeinhin als das Feld der Politik betrachtet; der Privatmann ist keineswegs ein Politiker, noch weniger ein Verschwörer, ein »Staatsfeind«. Er befindet sich die ganze Zeit über durchaus in der Defensive. Er will nichts weiter, als das bewahren, was er, schlecht und recht, als seine eigene Persönlichkeit, sein eigenes Leben und seine private Ehre betrachtet. Dies alles wird von dem Staat, in dem er lebt und mit dem er es zu tun hat, ständig angegriffen, mit äußerst brutalen, wenn auch etwas plumpen Mitteln.

Unter furchtbaren Drohungen verlangt dieser Staat von diesem Privatmann, daß er seine Freunde aufgibt, seine Freundinnen verläßt, seine Gesinnungen ablegt, vorgeschriebene Gesinnungen annimmt, anders grüßt als er es gewohnt ist, anders ißt und trinkt als er es liebt, seine Freizeit für Beschäftigungen verwendet, die er verabscheut, seine Person für Abenteuer zur Verfügung stellt, die er ablehnt, seine Vergangenheit und sein Ich verleugnet, und vor allem für alles dies ständig äußerste Begeisterung und Dankbarkeit an den Tag legt.

Das alles will der Privatmann nicht. Er ist wenig vorbereitet auf den Angriff, dessen Opfer er ist, er ist kein geborener Held, noch weniger ein geborener Märtyrer. Er ist einfach ein Durchschnittsmensch mit vielen Schwächen, noch dazu das Produkt einer gefährlichen Epoche: Dies aber will er nicht. Und so läßt er sich auf das Duell ein – ohne Begeisterung, eher mit Achselzucken; aber mit einer stillen Entschlossenheit, nicht nachzugeben. Er ist selbstverständlich viel schwächer als sein Gegner, dafür freilich etwas geschmeidiger. Man wird sehen, wie er Ablenkungsmanöver macht, ausweicht, plötzlich wieder ausfällt, wie er balanciert und schwere Stöße um Haaresbreite pariert. Man wird zugeben, daß er sich im Ganzen für einen Durchschnittsmenschen ohne besonders heldische oder märtyrerhafte Züge ganz wacker hält. Dennoch wird man sehen, wie er zum Schluß den Kampf abbrechen – oder, wenn man will, auf eine andere Ebene übertragen muß.

Der Staat ist das Deutsche Reich, der Privatmann bin ich. Das Kampfspiel zwischen uns mag interessant zu betrachten sein, wie jedes Kampfspiel. (Ich hoffe, es wird interessant sein!) Aber ich erzähle es nicht allein um der Unterhaltung willen. Ich habe noch eine andere Absicht dabei, die mir noch mehr am Herzen liegt.

Mein privates Duell mit dem Dritten Reich ist kein vereinzelter Vorgang. Solche Duelle, in denen ein Privatmann sein privates Ich und seine private Ehre gegen einen übermächtigen feindlichen Staat zu verteidigen sucht, werden seit sechs Jahren in Deutschland zu Tausenden und Hunderttausenden ausgefochten – jedes in absoluter Isolierung und alle unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Manche von den Duellanten, heldischere oder märtyrerhaftere Naturen, haben es weiter gebracht als ich: bis zum Konzentrationslager, bis zum Block, und bis zu einer Anwartschaft auf künftige Denkmäler. Andere sind schon viel früher erlegen und sind heute schon längst still murrende S.A.-Reservisten oder N.S.V.-Blockwalter. Mein Fall mag gerade ein Durchschnittsfall sein. Man kann recht gut an ihm ablesen, wie heute die Chancen in Deutschland für den Menschen stehen.

Man wird sehen, daß sie ziemlich hoffnungslos stehen. Sie brauchten nicht ganz so hoffnungslos zu stehen, wenn die Außenwelt wollte. Ich glaube, daß die Außenwelt ein Interesse daran hat, zu wollen, daß sie weniger hoffnungslos stehen. Sie könnte – zwar nicht mehr den Krieg; dazu ist es zu spät – aber ein paar Kriegsjahre dadurch sparen. Denn die Deutschen guten Willens, die ihren privaten Frieden und ihre private Freiheit zu verteidigen suchen, verteidigen, ohne es zu wissen, noch etwas anderes mit: den Frieden und die Freiheit der Welt.

Es scheint mir deswegen immer noch der Mühe wert, die Aufmerksamkeit der Welt auf diese Vorgänge im unbekannten Deutschland zu lenken.

Ich will in diesem Buch nur erzählen, keine Moral predigen. Aber das Buch hat eine Moral, welche, wie das »andere und größere Thema« in Elgars Enigma-Variationen »durch und über das Ganze geht« – stumm. Ich habe nichts dagegen, daß man nach der Lektüre alle die Abenteuer und Wechselfälle wieder vergißt, die ich erzähle. Aber ich wäre sehr befriedigt, wenn man die Moral, die ich verschweige, nicht vergäße.

2

Ehe der totale Staat fordernd und drohend auf mich zutrat und mich lehrte, was es heißt, Geschichte am eigenen Leibe zu erleben, hatte ich schon eine ganz hübsche Menge von dem miterlebt, was man »historische Ereignisse« nennt. Alle Europäer der jetzt lebenden Generation können das von sich sagen; und gewiß niemand mehr als die Deutschen.

Alle diese historischen Ereignisse haben selbstverständlich ihre Spuren hinterlassen: in mir so gut wie in allen meinen Landsleuten; und man versteht nicht, was später geschehen konnte, wenn man dies nicht versteht.

Aber es ist ein wichtiger Unterschied zwischen allem, was vor 1933 geschah, und dem, was dann kam: Alles frühere zog an uns vorbei und über uns hin, es beschäftigte und es regte uns auf, und den einen oder andern tötete es oder ließ ihn verarmen; aber keinen stellte es vor letzte Gewissensentscheidungen. Ein innerster Lebensbezirk blieb unberührt. Man machte Erfahrungen, man bildete Überzeugungen: Aber man blieb, was man war. Keiner, der, willig oder widerstrebend, in die Maschine des Dritten Reichs geraten ist, kann das ehrlich von sich sagen.

Offenbar hat geschichtliches Geschehen einen verschiedenen Intensitätsgrad. Ein »historisches Ereignis« kann in der wirklichen Wirklichkeit, also im eigentlichsten, privatesten Leben der einzelnen Menschen, fast unregistriert bleiben – oder es kann dort Verheerungen anrichten, die keinen Stein auf dem andern lassen. In der normalen Geschichtsdarstellung sieht man ihm das nicht an. »1890: Wilhelm II. entläßt Bismarck.« Gewiß ein großes, fettgedrucktes Datum in der deutschen Geschichte. Aber schwerlich ein Datum in der Biographie irgendeines Deutschen, außerhalb des kleinen Kreises der Beteiligten. Jedes Leben ging weiter wie zuvor. Keine Familie wurde auseinandergerissen, keine Freundschaft ging in die Brüche, keiner verließ seine Heimat, nichts dergleichen. Nicht einmal ein Rendezvous oder eine Opernvorstellung wurde abgesagt. Wer unglücklich verliebt war, blieb es, wer glücklich verliebt war, blieb es, die Armen blieben arm, die Reichen reich ... Und nun vergleiche man damit das Datum »1933: Hindenburg betraut Hitler.« Ein Erdbeben beginnt in 66 Millionen Menschenleben!

Wie gesagt, die wissenschaftlich-pragmatische Geschichtsdarstellung sagt über diesen Intensitätsunterschied des Geschichtsgeschehens nichts. Wer etwas darüber erfahren will, muß Biographien lesen, und zwar nicht die Biographien von Staatsmännern, sondern die viel zu raren Biographien der unbekannten Privatleute. Dort wird er sehen: Das eine »historische Ereignis« zieht über das private  – d. h. wirkliche – Leben hin wie eine Wolke über einen See; nichts regt sich, nur ein flüchtiges Bild spiegelt sich. Das andere peitscht den See auf wie Sturm und Gewitter; man erkennt ihn kaum mehr wieder. Das dritte besteht vielleicht darin, daß alle Seen ausgetrocknet werden.

Ich glaube, Geschichte wird falsch verstanden, wenn man diese ihre Dimension vergißt (und sie wird fast immer vergessen). Man lasse mich daher einmal, zum Spaß, 20 Jahre deutsche Geschichte aus meiner Perspektive erzählen, ehe ich zum eigentlichen Thema komme: Geschichte Deutschlands als Teil meiner privaten Lebensgeschichte. Es wird ganz schnell gehen, und es wird das Verständnis für alles folgende erleichtern. Außerdem werden wir uns dabei ein wenig näher kennenlernen.

3

Der Ausbruch des vorigen Weltkrieges, mit dem mein bewußtes Leben wie mit einem Paukenschlag einsetzt, traf mich, wie er die meisten Europäer traf: in den Sommerferien. Um es gleich zu sagen: Die Zerstörung dieser Ferien war das Ärgste, was mir der ganze Krieg persönlich antat.

Mit welcher gnädigen Plötzlichkeit der vorige Krieg ausbrach, wenn man es mit dem marternd langsamen Näherrücken des jetzt kommenden vergleicht! Am 1. August 1914 hatten wir noch gerade beschlossen, das Ganze nicht ernstzunehmen und in unserer Sommerfrische zu bleiben. Wir saßen auf einem Gut in Hinterpommern, sehr weltverloren, zwischen Wäldern, die ich, ein kleiner Schuljunge, kannte und liebte wie nichts anderes auf der Welt. Die Rückkehr aus diesen Wäldern in die Stadt, alljährlich Mitte August, war das traurigste, unerträglichste Ereignis des Jahres für mich, vergleichbar nur noch etwa dem Plündern und Verbrennen des Weihnachtsbaums nach dem Neujahrsfest. Am 1. August lag es noch um zwei Wochen fern – eine Unendlichkeit.

In den Tagen zuvor freilich war einiges Beunruhigendes geschehen. Die Zeitung hatte etwas, was sie nie gehabt hatte: Überschriften. Mein Vater las sie länger als sonst, hatte ein besorgtes Gesicht dabei und schalt auf die Österreicher, wenn er sie ausgelesen hatte. Einmal hieß die Überschrift: »Krieg!« Ich hörte ständig neue Worte, deren Bedeutung ich nicht kannte und mir umständlich erklären lassen mußte: »Ultimatum«; »Mobilmachung«; »Allianz«; »die Entente«. Ein Major, der auf demselben Gut wohnte und mit dessen beiden Töchtern ich auf Neck- und Kriegsfuß stand, bekam plötzlich eine »Order«, auch so ein neues Wort, und reiste Hals über Kopf ab. Auch einer der Söhne unseres Wirts wurde eingezogen. Alle liefen ein Stück hinterher, als er im Jagdwagen zur Bahn fuhr, und riefen »Sei tapfer!«, »Bleib heil und gesund!«, »Komm bald wieder!« Einer rief: »Hau die Serben!«, worauf ich, eingedenk dessen, was mein Vater nach der Zeitungslektüre zu äußern pflegte, rief: »Und die Österreicher!« Ich war sehr erstaunt, daß alle plötzlich lachten.

Stärker als alles dies traf es mich, als ich hörte, daß auch die schönsten Pferde auf dem Gut, »Hanns« und »Wachtel«, wegkommen sollten, und zwar weil sie, welche Menge von erklärungsbedürftigen Erklärungen!, zur »Kavalleriereserve« gehörten. Die Pferde liebte ich jedes einzeln, und daß die zwei schönsten plötzlich weg sollten, gab mir einen Stich ins Herz.

Aber das Ärgste von allem war, daß zwischendrein auch immer wieder das Wort »Abreise« fiel. »Vielleicht müssen wir morgen schon abreisen.« Das klang für mich genau so, als ob man gesagt hätte: »Vielleicht müssen wir morgen schon sterben.« Morgen – anstatt nach einer Unendlichkeit von zwei Wochen!

Damals gab es bekanntlich noch kein Radio, und die Zeitung kam mit 24 Stunden Verspätung in unsere Wälder. Es stand übrigens auch weit weniger darin, als heute in den Zeitungen zu stehen pflegt. Die Diplomaten waren damals noch viel diskreter als heute ... Und so konnte es geschehen, daß wir gerade am 1. August 1914 beschlossen, daß der Krieg gar nicht stattfinden würde und daß wir bleiben würden, wo wir waren.

Nie werde ich diesen 1. August 1914 vergessen, und immer wird die Erinnerung an diesen Tag ein tiefes Gefühl von Beruhigung, von gelöster Spannung, von »Alles wieder gut« mit heraufbringen. So seltsam kann das »Geschichte-Miterleben« vor sich gehen.

Es war ein Sonnabend, mit all der wundervollen Friedlichkeit, die ein Sonnabend auf dem Lande haben kann. Die Arbeit war vorbei, Geläute heimkehrender Herden in der Luft, Ordnung und Stille über dem ganzen Gutshof, die Knechte und Mägde putzten sich in ihren Kammern für irgendein abendliches Tanzvergnügen. Unten aber in der Halle mit den Hirschgeweihen an den Wänden und den Zinngeräten und blanken Steinguttellern auf den Borden fand ich, in tiefen Lehnstühlen sitzend, meinen Vater und den Gutsherrn, unsern Wirt, vor, wie sie in besonnenem Gespräch alles bedächtig erwogen. Selbstverständlich verstand ich nicht viel von dem, was sie redeten, und ich habe es auch völlig vergessen. Nicht vergessen habe ich, wie ruhig und tröstlich ihre Stimmen klangen, die hellere meines Vaters und der tiefe Baß des Gutsherrn, wie vertrauenseinflößend der wohlriechende Rauch ihrer langsam gerauchten Zigarren in kleinen Säulen vor ihnen in die Luft stieg, und wie, je länger sie redeten, alles immer klarer, immer besser und immer tröstlicher wurde. Ja, es wurde schließlich geradezu unwiderleglich klar, daß es Krieg gar nicht geben konnte, und infolgedessen würden wir uns natürlich nicht ins Bockshorn jagen lassen, sondern bis zum Ende der Ferien hierbleiben, wie immer.

Als ich so weit zugehört hatte, ging ich hinaus, das Herz ganz geschwellt von Erlöstheit, Zufriedenheit und Dankbarkeit, und sah mit geradezu frommen Gefühlen über den Wäldern, die nun wieder mein Besitz waren, die Sonne untergehen. Der Tag war bedeckt gewesen, aber gegen Abend hatte er sich immer mehr aufgeklärt, und jetzt schwamm die Sonne, golden und rötlich, im reinsten Blau, einen wolkenlosen neuen Tag verheißend. So wolkenlos, ich war gewiß, würde die ganze Unendlichkeit von 14 Ferientagen sein, die jetzt wieder vor mir lag! –

Als ich am nächsten Tag geweckt wurde, war das Packen schon in vollem Gang. Erst verstand ich überhaupt gar nicht, was geschehen war; das Wort »Mobilmachung«, obwohl man es mir ein paar Tage vorher zu erklären versucht hatte, sagte mir gar nichts. Es war aber wenig Zeit, mir überhaupt irgend etwas zu erklären. Denn mittags mußten wir bereits mit Sack und Pack fahren – es war zweifelhaft, ob später noch irgendein Zug für uns dasein würde. »Heute gehts Null komma fünf«, sagte unser tüchtiges Dienstmädchen; eine Redensart, deren eigentlicher Sinn mir heutigentags noch dunkel ist, die aber jedenfalls besagte, daß es drüber und drunter ging und daß jeder sehen mußte, wo er bliebe. So konnte es auch geschehen, daß ich mich unbemerkt noch einmal davonmachen und in die Wälder laufen konnte – wo man mich gerade noch rechtzeitig vor der Abfahrt auffand, auf einem Baumstumpf sitzend, Kopf in den Händen, fassungslos heulend und ohne jedes Verständnis für den Zuspruch, daß nun Krieg sei und daß jeder Opfer bringen müsse. Irgendwie wurde ich in den Wagen verstaut und fort gings hinter zwei trabenden braunen Pferden – nicht mehr Hanns und Wachtel, die waren schon fort –, mit Staubwolken hinter uns, die alles verhüllten. Nie habe ich die Wälder meiner Kindheit wiedergesehen.

Es war das erste und letzte Mal, daß ich ein Stück vom Kriege als Wirklichkeit erlebte, mit dem natürlichen Schmerz des Menschen, dem etwas genommen und zerstört wird. Schon unterwegs wurde alles anders, aufregender, abenteuerlicher – festlicher. Die Eisenbahnfahrt dauerte nicht sieben Stunden wie sonst, sondern zwölf. Ständig gab es Aufenthalte, Züge voller Soldaten kamen an uns vorüber, und jedesmal stürzte alles zu den Fenstern, mit Winken und brausendem Rufen. Wir hatten kein Abteil für uns wie sonst, wenn wir reisten, sondern standen in Gängen oder saßen auf unseren Koffern, eingequetscht zwischen vielen Menschen, die alle unaufhörlich schnatterten und redeten, als wären es keine Fremden, sondern alte Bekannte. Am meisten sprachen sie über Spione. Ich lernte auf dieser Fahrt alles über das abenteuerliche Gewerbe der Spione, von dem ich noch nie gehört hatte. Über alle Brücken fuhren wir ganz langsam, und ich empfand jedesmal ein angenehmes Gruseln dabei; konnte doch ein Spion Bomben unter die Brücke gelegt haben! Als wir in Berlin ankamen, war es Mitternacht. Nie in meinem Leben war ich so lange aufgeblieben! Und unsere Wohnung war keineswegs auf uns vorbereitet, Bezüge über den Möbeln, die Betten nicht instand. Man machte mir ein Lager auf einem Sofa im tabakduftenden Arbeitszimmer meines Vaters. Kein Zweifel: Ein Krieg brachte auch vieles Erfreuliche mit sich!

In den nächsten Tagen lernte ich unglaublich viel in unglaublich kurzer Zeit. Ich, ein siebenjähriger Junge, der noch vor kurzem kaum gewußt hatte, was ein Krieg, geschweige was »Ultimatum«, »Mobilisierung« und »Kavalleriereserve« ist, wußte alsbald, als hätte ich es immer gewußt, ganz genau nicht nur das Was, Wie und Wo des Krieges, sondern sogar das Warum: Ich wußte, daß am Kriege Frankreichs Revanchelüsternheit, Englands Handelsneid und Rußlands Barbarei schuld waren – ganz geläufig konnte ich alle diese Worte alsbald aussprechen. Ich fing einfach eines Tages an, die Zeitung zu lesen, und wunderte mich, wie überaus leicht verständlich sie war. Ich ließ mir die Karte von Europa zeigen, sah auf einen Blick, daß »wir« mit Frankreich und England schon fertig werden würden, empfand allerdings einen dumpfen Schreck über die Größe Rußlands, ließ mich aber dadurch trösten, daß die Russen ihre beängstigende Zahl durch unglaubliche Dummheit und Verkommenheit und beständiges Wodkatrinken wieder wettmachten. Ich lernte – und zwar, wie gesagt, so schnell, als hätte ich es immer gewußt – die Namen von Heerführern, die Stärke von Armeen, die Bewaffnung und Wasserverdrängung von Schiffen, die Lage der wichtigsten Festungen, den Verlauf der Fronten – und ich kam alsbald dahinter, daß hier ein Spiel im Gange war, geeignet, das Leben spannend und aufregend zu machen wie nichts zuvor. Meine Begeisterung und mein Interesse für dieses Spiel erlahmten nicht bis zum bitteren Ende.

Ich muß hier meine Familie in Schutz nehmen. Es waren keineswegs meine nächsten Angehörigen, die mir den Kopf verdrehten. Mein Vater litt unter dem Kriege vom ersten Augenblick an und blickte auf die Begeisterung der ersten Wochen mit Skepsis, auf die Haßpsychose, die ihr folgte, mit tiefem Ekel – wenn er auch selbstverständlich, loyal und patriotisch, Deutschlands Sieg wünschte. Er gehörte zu den vielen liberalen Geistern seiner Generation, die im Stillen fest überzeugt gewesen waren, daß Kriege unter Europäern ein Ding seien, das der Vergangenheit angehörte. Er konnte mit dem Kriege, sozusagen, nichts anfangen – und er verschmähte es durchaus, sich, wie so viele andere, etwas darüber vorzumachen. Ich hörte ihn ein paarmal bittere und skeptische Worte sagen – nicht mehr nur über die Österreicher –, die mich in meiner neugewonnenen Kriegsbegeisterung befremdeten. Nein, mein Vater – und ebenso meine übrigen Angehörigen – waren unschuldig daran, daß ich binnen weniger Tage zum fanatischen Chauvinisten und »Heimkrieger« wurde.

Schuld war – die Luft; die anonyme, tausendfältig spürbare Stimmung ringsum; der Sog und Zug der massenhaften Einigkeit, die den, der sich hineinwarf (und sei er ein siebenjähriger Junge) mit unerhörten Emotionen beschenkte, und den, der draußen blieb, fast ersticken ließ in einem Vakuum von Öde und Einsamkeit. Ich verspürte zum ersten Mal, damals mit naiver Lust und ohne eine Spur von Zweifel oder Konflikt, die Auswirkung der seltsamen Begabung meines Volkes, Massenpsychosen zu bilden. (Eine Begabung, die vielleicht ein Ausgleich für sein geringes Talent zum individuellen Glück ist.) Ich hatte keine Ahnung, daß es überhaupt möglich sein könnte, bei einer solchen festlich-allgemeinen Raserei sich auszuschließen. Ich kam auch nicht im entferntesten auf den Gedanken, daß etwas Schlimmes oder Gefährliches an einer Sache sein könnte, die so offensichtlich glücklich machte und so unalltäglich-festliche Rauschzustände verschenkte.

Nun war ein Krieg damals für einen Schuljungen in Berlin freilich etwas tief Unwirkliches: unwirklich wie ein Spiel. Es gab keine Fliegerangriffe und keine Bomben. Verwundete gab es, aber nur von fern, mit malerischen Verbänden. Man hatte Verwandte an der Front, gewiß, und hin und wieder kam eine Todesanzeige. Aber dafür war man ein Kind, daß man sich schnell an ihre Abwesenheit gewöhnte; und daß diese Abwesenheit eines Tages endgültig wurde, machte schon gar keinen Unterschied mehr. Was es an wirklichen Härten und fühlbaren Unannehmlichkeiten gab, zählte wenig. Schlechtes Essen – nun ja. Später auch zu wenig Essen, klappernde Holzsohlen an den Schuhen, gewendete Anzüge, Knochen- und Kirschkernsammlungen in der Schule, und, seltsamerweise, häufiges Kranksein. Aber ich muß gestehen, daß mir das alles keinen tiefen Eindruck machte. Nicht etwa, daß ich es »trug wie ein kleiner Held«. Sondern ich hatte gar nicht so besonders daran zu tragen. Ich dachte so wenig an Essen, wie der Fußball-Enthusiast beim Cup-Final an Essen denkt. Der Heeresbericht interessierte mich viel stärker als der Küchenzettel.

Der Vergleich mit dem Fußball-Enthusiasten trägt sehr weit. Tatsächlich war ich damals, als Kind, ein Kriegsenthusiast, wie man ein Fußballenthusiast ist. Ich würde mich schlechter machen als ich war, wollte ich behaupten, daß ich wirklich ein Opfer der eigentlichen Haßpropaganda gewesen wäre, die während der Jahre 15 bis 18 die erlahmende Begeisterung der ersten Monate hochpeitschen sollte. Ich haßte die Franzosen, Engländer und Russen so wenig wie der Portsmouth-Anhänger die Leute von Wolverhampton »haßt«. Selbstverständlich wünschte ich ihnen Niederlage und Demütigung, aber nur weil sie die unvermeidliche Kehrseite von Sieg und Triumph meiner Partei waren.

Was zählte, war die Faszination des kriegerischen Spiels: eines Spiels, in dem nach geheimnisvollen Regeln Gefangenenzahlen, Geländegewinne, eroberte Festungen und versenkte Schiffe ungefähr die Rolle spielten wie Torschüsse beim Fußball oder »Punkte« beim Boxen. Ich wurde nicht müde, innerlich Punktetabellen zu führen. Ich war ein eifriger Leser der Heeresberichte, die ich nach einer Art »umrechnete«, nach wiederum sehr geheimnisvollen, irrationalen Regeln, in denen beispielsweise zehn gefangene Russen einen gefangenen Franzosen oder Engländer wert waren, oder 50 Flugzeuge einen Panzerkreuzer. Hätte es Gefallenenstatistiken gegeben, ich würde sicher auch unbedenklich die Toten »umgerechnet« haben, ohne mir vorzustellen, wie das in der Wirklichkeit aussah, womit ich da rechnete. Es war ein dunkles, geheimnisvolles Spiel, von einem nie endenden, lasterhaften Reiz, der alles auslöschte, das wirkliche Leben nichtig machte, narkotisierend wie Roulette oder Opiumrauchen. Ich und meine Kameraden spielten es den ganzen Krieg hindurch, vier Jahre lang, ungestraft und ungestört – und dieses Spiel, nicht die harmlosen »Kriegsspiele«, die wir nebenbei auf Straßen und Spielplätzen aufführten, war es, was seine gefährlichen Marken in uns allen hinterlassen hat.

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Vielleicht findet man es nicht der Mühe wert, daß ich die offensichtlich unadäquaten Reaktionen eines Kindes auf den Weltkrieg so ausführlich darstelle. Gewiß wäre es nicht der Mühe wert, wenn es sich dabei um einen Einzelfall handelte. Es ist aber kein Einzelfall. So oder so ähnlich hat eine ganze deutsche Generation in ihrer Kindheit oder frühen Jugend den Krieg erlebt – und zwar sehr bezeichnenderweise die Generation, die heute seine Wiederholung vorbereitet.

Es schwächt die Kraft und Nachwirkung dieses Erlebnisses keineswegs ab, daß die, die es erfuhren, Kinder oder junge Burschen waren; im Gegenteil! Die Massenseele und die kindliche Seele sind sehr ähnlich in ihren Reaktionen. Man kann sich die Konzeptionen, mit denen Massen gefüttert und bewegt werden, gar nicht kindlich genug vorstellen. Echte Ideen müssen, um massenbewegende historische Kräfte zu werden, im allgemeinen erst bis auf die Fassungskraft eines Kindes heruntersimplifiziert werden. Und eine kindische Wahnvorstellung, gebildet in den Köpfen von zehn Kinderjahrgängen und vier Jahre hindurch in ihnen festgenagelt, kann sehr wohl zwanzig Jahre später als tödlich ernsthafte »Weltanschauung« ihren Einzug in die große Politik halten.

Der Krieg als ein großes, aufregend-begeisterndes Spiel der Nationen, das tiefere Unterhaltung und lustvollere Emotionen beschert als irgendetwas, was der Frieden zu bieten hat; das war 1914 bis 1918 die tägliche Erfahrung von zehn Jahrgängen deutscher Schuljungen; und das ist die positive Grundvision des Nazitums geworden. Von dieser Vision her bezieht es seine Werbekraft, seine Simplizität, seinen Appell an Phantasie und Aktionslust; und von ihr bezieht es ebenso seine Intoleranz und Grausamkeit gegen den innerpolitischen Gegner: weil der, der dieses Spiel nicht mitmachen will, gar nicht als »Gegner« anerkannt, sondern einfach als Spielverderber empfunden wird. Und schließlich bezieht es von ihr seine selbstverständlich kriegsmäßige Einstellung gegen den Nachbarstaat: weil jeder andere Staat wiederum nicht als »Nachbar« anerkannt wird, sondern nolens volens Gegner zu sein hat – sonst könnte ja das ganze Spiel nicht stattfinden!

Vieles hat dem Nazismus später geholfen und sein Wesen modifiziert. Aber hier liegt seine Wurzel: nicht etwa im »Fronterlebnis«, sondern im Kriegserlebnis des deutschen Schuljungen. Die Frontgeneration hat ja im ganzen wenig echte Nazis geliefert und liefert heute noch im wesentlichen die »Nörgler und Meckerer«; sehr verständlich, denn wer den Krieg als Wirklichkeit erlebt hat, bewertet ihn meistens anders. (Ausnahmen zugegeben: die ewigen Krieger, die in der Wirklichkeit des Krieges mit allen Schrecken dennoch ihre Lebensform fanden und immer wieder finden – und die ewigen »gescheiterten Existenzen«, die gerade die Schrecken und Zerstörungen des Krieges mit Jubel erlebten und erleben, als eine Rache an dem Leben, dem sie nicht gewachsen sind. Zum ersten Typ gehört vielleicht Göring; zum zweiten bestimmt Hitler.) Die eigentliche Generation des Nazismus aber sind die in der Dekade 1900 bis 1910 Geborenen, die den Krieg, ganz ungestört von seiner Tatsächlichkeit, als großes Spiel erlebt haben.

– Ganz ungestört! Man wird einwenden, daß sie immerhin gehungert haben. Das ist richtig; aber ich habe schon erzählt, wie wenig der Hunger das Spiel störte. Vielleicht begünstigte er es sogar. Satte und gutgenährte Menschen neigen nicht zu Visionen und Phantasien ... auf jeden Fall: Der Hunger allein desillusionierte nicht. Es wurde, sozusagen, verdaut. Was übrig geblieben ist, ist sogar eine gewisse Abhärtung gegen Unterernährung – vielleicht einer der sympathischeren Züge dieser Generation.

Wir sind sehr früh daran gewöhnt worden, mit einem Minimum von Essen auszukommen. Die meisten jetzt lebenden Deutschen haben dreimal eine unterdurchschnittliche Ernährung gehabt: das erste Mal im Kriege, das zweite Mal in der Hochinflation, das dritte Mal jetzt, unter dem Motto »Kanonen statt Butter«. Sie sind in dieser Hinsicht, sozusagen, trainiert, und nicht besonders anspruchsvoll.

Es ist mir sehr zweifelhaft, ob die weitverbreitete Ansicht stimmt, daß die Deutschen den Weltkrieg aus Hunger abgebrochen hätten. Sie hungerten 1918 schon drei Jahre lang, und 1917 war ein schlimmeres Hungerjahr gewesen als 1918. Meiner Meinung nach brachen die Deutschen den Krieg ab, nicht weil sie hungerten, sondern weil sie ihn als militärisch verloren und aussichtslos ansahen. Wie dem auch sei – die Deutschen werden jedenfalls kaum den Nazismus oder den zweiten Weltkrieg aus Hunger abbrechen. Sie finden heute, daß Hungern halb und halb eine sittliche Pflicht und jedenfalls nicht so schlimm ist. Sie sind nachgerade ein Volk geworden, das sich seiner natürlichen Eßbedürfnisse geradezu geniert, und paradoxerweise gewinnen die Nazis aus der Tatsache, daß sie dem Volk nichts zu essen geben, nebenbei sogar noch ein indirektes Propagandamittel.

Sie schieben nämlich jedem, der »schimpft«, öffentlich als Motiv unter, er schimpfe, weil er keine Butter und keinen Kaffee bekomme. Nun wird zwar sehr viel in Deutschland »geschimpft«, aber die meisten schimpfen aus ganz anderen – und tatsächlich meist weit ehrenvolleren – Gründen als wegen der schlechten Ernährung, und sie würden sich schämen, wegen der schlechten Ernährung zu schimpfen. Es wird weit weniger in Deutschland gerade über die Nahrungsmittelknappheit geschimpft, als man nach der Lektüre der Naziblätter glauben sollte. Die Naziblätter wissen aber recht gut, was sie tun, wenn sie das Gegenteil glauben machen: Denn ehe der unzufriedene Deutsche in den Ruf kommen will, er sei aus niederer Eßgier unzufrieden, verstummt er ganz.

Wie gesagt übrigens, ich halte das für einen der sympathischeren Züge der gegenwärtigen Deutschen.