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Inhaltsverzeichnis

Widmung
ERSTER TEIL - DADDYS KLEINES MÄDCHEN
PROLOG
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
ZWEITER TEIL - DER GEIST
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
DRITTER TEIL - DIE HEIMKEHR
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
EPILOG
Copyright

EPILOG

Und nein, ich tat mich nicht sofort mit Dylan Grace zusammen. Ich war inzwischen klug genug zu erkennen, dass ich nach all diesen Erlebnissen ein bisschen Zeit brauchte, um Ridley Jones kennenzulernen. Ich hatte auf die harte Tour lernen müssen, dass ich weder die Tochter von Ben und Grace war noch die von Max und Teresa Stone, sondern beides zugleich. Und darüber hinaus war ich eine eigenständige Person, die ihren Weg durchs Leben machen musste. Vererbung, Erziehung, freier Wille – alles spielt eine Rolle. Letzten Endes dreht sich alles um Entscheidungen. Die großen, die kleinen … na ja, inzwischen kennen Sie meine Meinung zu dem Thema.

Dylan und ich gehen hin und wieder aus. Besonders komisch finde ich, dass sein Nachname der Vorname meiner Mutter ist. Der Name klingt so feminin, dabei ist er ein harter Kerl – diesen Widerspruch finde ich ziemlich cool. Ich finde vieles an Dylan Grace ziemlich cool. Jedenfalls gehen wir ins Kino oder Essen oder ins Museum … aber vor allem reden wir.

»Während der gesamten Zeit, in der ich dich observiert habe«, erklärte er während unserer ersten offiziellen Verabredung im Restaurant, »hat mich eine Sache fast verrückt gemacht: dass wir uns nie unterhalten konnten.«

Er tut so, als wüsste er längst noch nicht alles über mich, und manchmal bleiben wir nächtelang auf und versuchen herauszufinden, ob wir noch andere Gemeinsamkeiten haben als die Fixierung auf Max und den Hang zu tödlicher Gefahr und dramatischen Situationen. Ich muss Ihnen wahrscheinlich nicht sagen, dass der Sex unglaublich ist.

Während wir eines Tages nach ein paar Galeriebesuchen in Soho über die Fifth Avenue schlenderten, musste ich daran denken, wie gut wir uns verstanden. Ich glaube, dass er die meisten Kunstwerke, die wir an diesem Tag gesehen hatten, ziemlich scheußlich fand, auch wenn er das nicht sagte. Wir hatten den Washington Square überquert, nippten an heißem Kakao in Pappbechern von Dean & DeLuca und kamen gerade zur 8. Straße, als ich mein Spiegelbild in einem Schaufenster entdeckte. In der Woche hatte ich den Salon von John Dellaria besucht und meine Haare in einem Ton färben lassen, der meiner natürlichen Haarfarbe entsprach. Meine Haare waren immer noch kurz, aber irgendwie begann ich mich mit ihnen anzufreunden, auch wenn ich davon ausging, dass ich sie schließlich doch wieder lang wachsen lassen würde. Während ich meine Frisur studierte, bemerkte ich ein weiteres Spiegelbild. Auf der anderen Straßenseite stützte sich ein dünner Mann in einem langen Mantel auf seinen Gehstock.

Ich drehte mich um und starrte hinüber. Ein Fremder. Nicht Max.

Das geschieht oft, und ich vermute, dass sich daran nichts ändern wird, auch wenn ich weiß, dass er sich mir niemals wieder nähern wird. Er ist immer bei mir. Er wird immer bei mir sein.

Einige der Dinge, die passiert sind, werde ich niemals verstehen. Ich fürchte, mich niemals vollständig an meinen Flug nach London erinnern zu können oder daran, wie ich von den Kreuzgängen überhaupt in das Flugzeug kam. Der Reisepass in meiner Tasche war gefälscht, der echte lag die ganze Zeit über zu Hause in der Schublade. Und das ganze Bargeld in meiner Tasche? Auch das gehörte nicht mir.

»Was denkst du gerade?«, fragte Dylan, als wir an einer roten Ampel warteten. Wahrscheinlich hatte ich länger als sonst geschwiegen.

Normalerweise vermieden wir jedes Gespräch über Max. Und keiner von uns erwähnte Potter’s Field oder die Tatsache, dass wir dort nicht gefunden hatten, wonach wir suchten.

»Ich habe mich gefragt, ob du dich jemals betrogen gefühlt hast. Weil du nicht dafür sorgen konntest, dass deinen Eltern Gerechtigkeit widerfährt und den Frauen, die Max ermordet hat. Er ist davongekommen. Verletzt dich das? Denkst du manchmal darüber nach?«

Er schüttelte den Kopf. »Er ist nicht davongekommen.«

Ich war verblüfft und fragte mich, ob er etwas wusste, von dem ich keine Ahnung hatte. Ich konnte seine Augen hinter den Gläsern seiner Sonnenbrille nicht sehen.

»Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass wir unsere Taten mit uns herumschleppen. Das Böse, das er getan hat, muss ihn innerlich zerfressen wie ein Krebsgeschwür. Und eines Tages wird es ihn aufgefressen haben.«

Ich war nicht sicher, ob ich dem beipflichten konnte, und musste an meine Unterhaltung mit Nick Smiley denken.

Es tat ihm nicht leid, hatte Nick zu mir gesagt. Ich merkte es an seiner Art, mich anzusehen. Bei allen anderen zog er ein trauriges Gesicht, aber sobald wir allein waren, warf er mir diesen Blick zu, und ich wusste Bescheid. Er hatte seine Mutter umgebracht, und dann hatte er seinen Vater beschuldigt und gegen ihn ausgesagt. Eigentlich hat er sie beide auf dem Gewissen. Und ich glaube nicht, dass er deswegen jemals eine schlaflose Nacht erlebt hat.

»Ich spreche nicht von Reue«, erklärte Dylan. »Ich wollte nur sagen, dass Gerechtigkeit mehr ist als nur Anklage, Gerichtsverhandlung und Haftstrafe. Karma, verstehst du?«

Ich nickte. Ich würde nicht mit ihm darüber streiten. Wenn er einen Weg gefunden hatte, mit der Tatsache umzugehen, dass der Mörder seiner Eltern auf freiem Fuß war und sich höchstwahrscheinlich ein angenehmes Leben machte, würde ich es ihm nicht ausreden. Von uns beiden war er ganz eindeutig der reifere Mensch.

Ich will Sie nicht anlügen. Ich habe ein paarmal schlecht geschlafen, weil Max ungeschoren davonkam und sich an seinen Neigungen wahrscheinlich nichts geändert hat. Sicher haben Sie auf ein hübscheres Ende gewartet, bei dem der Übeltäter geschnappt und seiner gerechten Strafe zugeführt wird und ich lebte glücklich bis heute. Aber so funktioniert das Leben eben nicht.

Ich warf meinen Pappbecher in einen Papierkorb, und Dylan nahm meine Hand. In bedrücktem Schweigen liefen wir bis zum Flatiron Building.

»Was ist mit dir?«, fragte er schließlich und schob sich die Sonnenbrille ins Haar. »Hast du dieses Gefühl, Ridley? Fühlst du dich betrogen?«

Ich überlegte einen Moment, dachte an Max, wie er in seinem Hubschrauber davonschwebte, und an den Brief, den er mir hinterlassen hatte. Ich würde mich immer fragen müssen, wo er steckte und ob er mich gerade beobachtete.

»Nicht betrogen«, sagte ich. »Verfolgt.«

Ich sah, dass meine Antwort ihn traurig stimmte. Er legte einen Arm um meine Schulter und zog mich an sich. Eng umschlungen gingen wir das letzte Stück bis nach Hause.

Ich habe viel Zeit damit verbracht, eine Liste meiner Fehler zusammenzustellen. Sie ist ziemlich lang. Meine größte Dummheit bestand darin zu glauben, ich könnte Max tatsächlich nach Hause bringen. Trotzdem werde ich mir diesen Fehler verzeihen, denn da gab es etwas, das ich erst im Moment seines Verschwindens begriff: Im Tod hat der Geist längst ein Zuhause gefunden.

PROLOG

Sie fragte sich: Ist es möglich, vielleicht sogar normal, zwanzig Jahre seines Lebens an der Seite eines Menschen zu verbringen, diesen Menschen manchmal mehr zu lieben als sich selbst und ihn dann wiederum so sehr zu hassen, dass man den Wunsch verspürt, ihm mit der neuen Gusseisenpfanne eins überzubraten? Oder kamen ihr diese Gedanken vielleicht nur in den seltenen, aber unangenehmen Momenten, in denen sich die Wechseljahre ankündigten? Oder lag es daran, dass die altersschwache Klimaanlage – die sie ihn seit zwei Sommern auszuwechseln gebeten hatte – es nicht mit der Küche aufnehmen konnte, in der ein Braten im Ofen und drei Töpfe auf dem Herd standen?

Die Hitze schien ihm gar nichts auszumachen. Er saß direkt vor dem Ofen, eine Ausgabe der Times in der Hand, die Füße auf einem Kissen und ein Glas Merlot neben sich auf dem Tisch. Ja doch, er hatte seine Hilfe angeboten, aber auf die wenig hilfsbereite Weise, die typisch für ihn war: »Brauchst du Hilfe?« (ohne vom Sportteil aufzublicken) anstatt: »Was soll ich tun?« (während er sich die Ärmel aufrollt) oder: »Setz dich einen Moment hin, ich hacke den Knoblauch« (während er ihr ein Glas Wein einschenkt). Das hätte sie ein echtes Hilfsangebot genannt. Sie wollte, dass er darauf bestand, besonders, da sie sich niemals hinsetzen und lesen würde, wenn er sich mit einer so undankbare Aufgabe abrackern müsste, wie für Freunde zu kochen (seine Freunde, ganz nebenbei bemerkt); ganz egal, ob er ihre Hilfe abgelehnt hätte oder nicht.

Sie warf einen Blick auf die Uhr und spürte, wie ihr Stresspegel stieg. In einer Stunde würden die Gäste da sein, und sie hatte noch nicht einmal geduscht. Sie seufzte und ließ geräuschvoll einen Topf ins Spülbecken fallen, woraufhin ihr Mann von der Zeitung aufsah.

»Alles in Ordnung?«, fragte Allen und stand auf.

»Nein«, sagte sie mürrisch. »Hier drin ist es heiß, und ich muss noch duschen.«

»Okay«, sagte er, stellte sich neben sie und nahm ihr den Kochlöffel aus der Hand. Er legte einen Arm um ihre Taille und funkelte sie mit diesem teuflischen Lächeln an, dem sie nicht widerstehen konnte, egal, wie böse sie auf ihn war.

»Entspann dich«, sagte er und küsste sie auf den Hals. Einen Augenblick lang wich sie vor ihm zurück, spielte die Beleidigte, gab sich abweisend, schmolz aber dann doch dahin.

»Warum fragst du mich nicht einfach, wenn du Hilfe brauchst?«, flüsterte er ihr ins Ohr, bis sie im Nacken eine Gänsehaut bekam.

»Du könntest es von selbst merken«, erwiderte sie, immer noch schmollend.

»Du hast recht«, sagte er in die kleine Kuhle zwischen ihrem Hals und Schlüsselbein. »Es tut mir leid. Was kann ich tun?«

»Na ja«, sagte sie und fühlte sich plötzlich kindisch. »Eigentlich ist alles so gut wie fertig.«

Er machte sich los, nahm ein Glas aus dem Schrank und schenkte ihr einen Wein ein. »Wie wär’s damit? Du gehst jetzt duschen, und ich mache mich an den Abwasch und kümmere mich um diese Pfannen hier.«

Sie nahm ihm das Glas ab und küsste ihn auf den Mund. Auch nach zwanzig Jahren liebte sie seinen Geschmack noch immer (außer in den Situationen, in denen sie ihn mit der Bratpfanne k.o. schlagen wollte). Sie sah sich in ihrem gemeinsamen Apartment um. Es lag im West Village, und vom Tresen aus, der die Küche vom Ess- und Wohnbereich trennte, konnte man den größten Teil der Wohnung überblicken. Das Apartment war klein und vollgestopft mit einem schicken Durcheinander aus Kunstobjekten, Büchern und Fotografien, die sie im Lauf ihres gemeinsamen Lebens gesammelt hatten. Die Couch und der dazugehörige Sessel waren alt und abgewetzt, aber von guter Qualität und so weich wie eine Umarmung. Der Couchtisch bestand aus einer alten Tür, die sie in einem Antiquitätenladen in New Hope, Pennsylvania, erstanden hatten. Der Fernseher sowie die in einen Fensterrahmen eingelassene Klimaanlage sahen vorsintflutlich aus und mussten dringend ersetzt werden. Das Schlafzimmer war so klein, dass darin kaum ein Doppelbett und zwei Nachttischchen Platz fanden, auf denen sich Bücher stapelten. Sie hätten sich etwas Besseres leisten können, etwas viel Größeres … in Brooklyn vielleicht oder draußen in Hoboken. Aber als eingefleischte Bewohner Manhattans hätten sie den Gedanken nicht ertragen, durch eine Brücke oder einen Tunnel von der Stadt getrennt zu sein. Vielleicht war es albern, aber aus diesem Grund – und weil die Miete seit dem Jahr 1970 nur sechshundert Dollar monatlich betrug – waren sie einfach hiergeblieben. Allens Bruder hatte ihnen das Apartment überlassen, als er die wunderschöne Remise in Park Slope bezog. Die erhofften Kinder waren nie gekommen, und so hatten sie sich auch nicht vergrößern müssen. Erst in letzter Zeit war es hier ungemütlich geworden.

Der neue Vermieter wusste, dass er für das Apartment zwei- oder dreitausend Dollar im Monat verlangen konnte, und deswegen verschleppte er nötige Reparaturen, in der Hoffnung, sie hinauszuekeln. Und in einer Altbauwohnung gibt es andauernd etwas zu reparieren; ständig brannte eine Sicherung durch, und irgendetwas war immer undicht.

In letzter Zeit hatten sie häufiger über einen Umzug gesprochen, aber die Mietpreise in der Stadt waren unglaublich hoch. In ihrem Leben hatten Erfahrungen und Reisen immer mehr bedeutet als eine repräsentative Wohnung oder ein Plasmafernseher. Und obwohl sie es beruflich weit gebracht hatten – sie hatte als Gerichtsreporterin für verschiedene Zeitungen der Stadt gearbeitet und war jetzt, endlich, bei der New York Times gelandet; er war Werbefotograf –, mussten sie Prioritäten setzen: gut leben, weit reisen und für später sparen. Ein Apartment war in diesem Lebensentwurf nicht vorgesehen. Doch das hatten sie nie bedauert. Und jetzt, mit knapp über fünfzig, waren sie in der Lage, sich innerhalb der nächsten zehn Jahre zur Ruhe zu setzen.

Sie dachte unter der Dusche darüber nach und fühlte sich gut. Zum Glück streikte der Heißwasserboiler heute nicht. Ella und Rick, alte Studienfreunde von Allen, würden mit einem Einhundert-Dollar-Wein vorbeikommen. Ella würde etwas atemberaubend Schickes und ebenso Teures tragen und Rick von seinem neuesten Spielzeug erzählen, was immer das gerade sein mochte. Ella und Rick waren keine Snobs, sondern natürliche und nette Menschen – und sehr wohlhabend, und das strahlten sie auch aus. Es wollte bemerkt werden, und es forderte zu Vergleichen heraus. Manchmal, wenn sie einen schlechten Tag hatte, störte es sie auf eine Art und Weise, die ihr nicht gefiel. Allen hätte das nicht verstanden, denn sein Denken funktionierte ganz anders. Er freute sich mit seinen Freunden über deren Erfolge, die Spielzeuge und die Ferienhäuser, ganz so, als wären es seine eigenen. Allen lehnte Vergleiche ab.

Sie dachte darüber nach, während sie sich die Spülung aus dem Haar wusch. Irgendwo im Apartment, vielleicht auch über oder unter ihnen, klopfte es plötzlich laut, so laut, dass sie erschrak. Vielleicht kam das Geräusch aus dem Boiler oder von einer anderen Etage. Sie betete, dass es nicht schon die Gäste waren. Oder der Vermieter, der den Streit vom Nachmittag fortsetzen wollte; es war um den riesigen Wasserfleck gegangen, der an der Zimmerdecke auftauchte, wenn die Leute über ihnen duschten. Heute hatten sie damit gedroht, die Miete so lange nicht zu bezahlen, bis er das Problem ein für alle Mal beseitigt hätte. Im Lauf des Gesprächs war er in seine Muttersprache verfallen, hatte schroff und osteuropäisch geklungen und sie zum Schluss unverständlich angebrüllt. Sie hatten ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen, und er war davongestürmt. Sie konnten ihn noch auf der Treppe schimpfen hören.

»Diese Osteuropäer sind ganz schöne Hitzköpfe, was?«, hatte Allen unbeeindruckt bemerkt.

»Vielleicht ist es an der Zeit. Die Zinsen sind niedrig. Wir könnten eine ordentliche Anzahlung leisten. Jack hat gesagt, dass wir in eine Immobilie investieren müssen, wenn wir im Alter unsere Ruhe haben wollen«, hatte sie erwidert. Jack war ihr Steuerberater.

»Aber die Instandhaltungskosten … Und woher willst du wissen, dass die Preise in den nächsten zehn Jahren nicht noch weiter fallen?« Allen hielt kopfschüttelnd inne. »Wir können uns keine Eigentumswohnung in der Stadt leisten.«

Sie zuckte die Achseln. Das Gesprächsthema war uralt, und keiner von ihnen hatte wirklich Lust darauf. Sie hatte nicht weiter insistiert und war zum Wochenmarkt am Union Square gelaufen, um für das Abendessen einzukaufen. Auf dem Rückweg war sie dem Vermieter begegnet und hatte sich um ein Lächeln bemüht. Er war einfach an ihr vorbeimarschiert und hatte dabei in seiner kehligen Sprache in sein Handy gebrüllt.

Sie trat aus der Dusche und wickelte sich in ein Handtuch, nahm ein zusätzliches Tuch für ihre langen, roten Haare und putzte sich die Zähne. Sie hörte Musik aus dem Wohnzimmer, viel lauter, als es ihrem Mann normalerweise recht war. Aber sie hörte keine Stimmen, was sie dankbar registrierte – keine zu frühen Gäste, keine schimpfenden Vermieter. Nach der Dusche fühlte sie sich besser, und sie lächelte ihrem Spiegelbild zu. Sie fand sich immer noch hübsch. Mit ihren großen grünen Augen und der hellen, sommersprossigen Haut wirkte sie wie eine junge Frau, sah man von den Lachfältchen um Augen und Mund ab.

Sie summte zur Musik, im Radio lief ein Ohrwurm von einem dieser jungen American-Idol-Kandidaten. Sie wunderte sich, dass Allen gerade diesen Radiosender ausgesucht hatte, anstatt eine CD von Mozart oder Chopin einzulegen, was viel eher seinem Geschmack entsprochen hätte. Aber manchmal bemühte er sich, »hip« zu sein, ganz besonders, wenn Rick zu Besuch kam. Denn Rick war hip – oder wenigstens behauptete er das. Sie hatte keine Lust, den beiden zu erklären, dass vermutlich niemand »hip« ist, der das Wort benutzt. Sie und Ella warfen sich immer einen verschwörerischen Blick zu, wenn Rick und Allen vorgaben, über die neuesten Trends Bescheid zu wissen.

Da war das Klopfen wieder. Diesmal klang es aber mehr wie ein dumpfer Schlag, und es schien aus dem Wohnzimmer zu kommen. Sie öffnete die Badezimmertür und rief nach ihrem Mann, bekam aber keine Antwort. Jetzt, da die Tür offen stand, kam ihr die Musik noch lauter vor, und sie lief am Schlafzimmer vorbei in die Küche. Mit klopfendem Herzen rief sie noch einmal seinen Namen.

Vor ihr lag etwas auf dem Fußboden. Ein Handschuh? Nein, eine Hand. Die Hand ihres Mannes lag auf dem Fußboden. In dem Moment schien sich alles zu verlangsamen. Ihr erster Gedanke war: Herzinfarkt!, während sie um den Tresen herumlief und ihn auf dem Boden liegen sah. Sie kniete sich neben ihn. Seine Augenlider flatterten, während er zu sprechen versuchte.

»Allen, ist schon gut, Liebling«, sagte sie, verwundert über ihre Ruhe. Ihre Stimme klang fest und sicher. »Ich rufe einen Krankenwagen. Halte durch, mein Schatz. Keine Panik.«

Erfüllt von einer merkwürdigen Gelassenheit, sagte sie sich, dass er schon wieder in Ordnung käme. Heutzutage starb man nicht mehr an einem Herzinfarkt. Er hatte täglich seine Aspirin genommen. Während sie auf den Krankenwagen warteten, würde sie ihm aufhelfen und ihm ein paar davon geben.

Aber dann entdeckte sie die Blutlache unter seinem Kopf und die Todesangst in seinen Augen – und dann die Männer neben der Tür.

Sie waren vollkommen in Schwarz gekleidet. Der eine hielt eine Pistole in der Hand, der andere eine schreckliche, gezackte Klinge, rot von Blut. Beide trugen Skimasken. Sie versperrten den Weg zum Telefon.

»Was wollen Sie?«, fragte sie, schon weniger gelassen. »Sie können alles mitnehmen, was Sie wollen.« Sie sah sich in der Wohnung um und bemerkte, dass sie nichts von Wert besaßen. Selbst ihr goldener Ehering war einfach und schmucklos. Sie hatte zwanzig Dollar im Portemonnaie, Allen vermutlich noch weniger. Sie spürte eine feuchte Wärme an den Füßen und begriff, dass sie im Blut ihres Mannes stand. Sein Gesicht war bleich, und er hatte die Augen jetzt geschlossen.

»Keine Bewegung«, sagte einer der Männer. Sie wusste nicht, welcher. Die ganze Situation hatte etwas Surreales, Unwirkliches. Sie bemühte sich angestrengt zu begreifen, was vor sich ging. »Keinen Muckser.«

Einer der Männer kam schnell auf sie zu, und noch bevor sie sich wehren konnte, packte er sie beim Handgelenk und drehte sie herum, stülpte ihr ein schwarzes Tuch über den Kopf und zog es am Hals zusammen. Ganz tief in ihrem Innern wusste sie, was passierte, aber sie konnte es einfach nicht glauben. Dann durchzuckte sie plötzlich ein unglaublicher Schmerz im Nacken, und ein Sternenregen explodierte vor ihren Augen.

Und dann war da nichts mehr.

EINS

Ich laufe, aber ich werde nicht mehr weit kommen. Ich habe Seitenstechen, und meine Lunge brennt. Ich kann seine Schritte nicht hören, aber ich weiß, dass er nicht weit sein kann. Ich weiß jetzt, dass er mir mein ganzes Leben lang nah war, auf die eine oder andere Art. Ich bin das Licht, er ist der Schatten. Wir haben nebeneinander existiert, ohne uns jemals zu begegnen. Wäre ich ein braves Mädchen geblieben, das Mädchen, zu dem ich erzogen wurde – ich hätte ihn niemals getroffen. Aber für Reue ist es jetzt zu spät.

Ich befinde mich auf Hart Island in der Bronx, an einem Ort namens Potter’s Field. Hier werden die Armen und die unbekannten Toten der Stadt begraben. Es ist ein düsterer, trostloser Ort. Wie wir hier gelandet sind, ist eine lange Geschichte, aber ich weiß, sie wird hier enden – vielleicht nur für einige von uns, vielleicht für alle. Ein hohes, leer stehendes Haus, das wahrscheinlich bald in sich zusammensackt, türmt sich vor mir auf. Es ist die finsterste Nacht meines Lebens, in jeder Hinsicht. Die Mondsichel versteckt sich hinter einer dicken Wolkendecke. Ich kann kaum etwas erkennen, aber ich sehe ihn, wie er durch eine Tür verschwindet, die schief in den Angeln hängt. Ich folge ihm.

»Ridley!« Der Ruf kommt von hinten, aber ich gebe keine Antwort. Ich gehe weiter, bis ich den Hauseingang erreicht habe. Dort bleibe ich zögernd stehen, blicke an der schiefen, schäbigen Fassade hoch und frage mich, ob es vielleicht noch nicht zu spät ist, einfach umzukehren.

Dann sehe ich ihn, direkt vor mir. Ich rufe ihn, aber er reagiert nicht, sondern dreht sich um und geht langsam weg. Ich folge ihm. Wenn mir an meinem Leben und meinem Verstand etwas läge, würde ich ihn davonkommen lassen und hoffen, dass er mir dasselbe erlaubt. Jeder von uns könnte zu seinem alten Leben zurückkehren. Er zurück in eine Welt, von der ich bislang nicht einmal wusste, dass sie existiert, und ich zurück in mein ganz normales Leben, in dem ich für Zeitschriften schrieb, ins Kino ging und mich mit Freunden auf einen Drink traf.

In mir liefern sich Angst und Wut einen Kampf. Mein Hass hat einen Geschmack und eine Konsistenz; er brennt in meiner Kehle wie Galle. Einen Augenblick lang höre ich die Worte eines Menschen, den ich einmal geliebt habe: Ridley, du kannst den Hass loslassen und einfach umkehren. Es ist nur eine einzige Entscheidung. Wir beide können sie treffen. Wir brauchen nicht alle Antworten, um unser Leben zu leben. Es muss nicht so sein. Kurz darauf war er verschwunden.

Ich weiß jetzt, dass diese Worte Lügen waren. Man kann Hass nicht einfach loslassen. Einfach so umzukehren ist nicht meine Art. War es wahrscheinlich noch nie. Vielleicht habe ich mein ganzes Leben lang auf den Gleisen gelegen und auf den Güterzug gewartet, angekettet, viel zu schwach, zu dumm und zu dickköpfig, um auch nur den Versuch zu unternehmen, mich zu retten.

Als ich das Gebäude betrete, bilde ich mir kurz ein, einen Schiffsmotor zu hören. Ich spüre ein schwaches Aufflackern von Hoffnung und frage mich, ob Hilfe unterwegs ist. Wieder höre ich meinen Namen. Ich schaue zurück und sehe den Mann unsicher auf mich zukommen, der mein einziger Freund war. Er ist verletzt, und ich weiß, dass er eine Weile brauchen wird, um mich einzuholen. Eine Sekunde lang denke ich, dass ich zu ihm gehen und ihm helfen sollte. Aber von drinnen höre ich ein Geräusch und das Ächzen des baufälligen Hauses. Mein Atem geht flach und stoßweise. Ich laufe weiter hinein.

»Bleib stehen, du Feigling!«, rufe ich in die unendliche Dunkelheit. In dem leeren Raum hallt meine Stimme wider. »Zeig mir dein Gesicht.«

Wieder prallt meine Stimme von den Wänden ab. Ich klinge weder ängstlich noch traurig, dabei bin ich beides. Ich klinge sicher und stark. Ich ziehe den Revolver aus dem Bund meiner Jeans. Meine Haut hat das Metall angewärmt, und in meiner Hand fühlt es sich schwer und gerecht an. Zum zweiten Mal im Leben halte ich eine Waffe in den Händen, und ich habe die Absicht, sie zu benutzen. Es gefällt mir genauso wenig wie beim ersten Mal, aber jetzt fühle ich mich sicherer. Ich weiß, dass ich schießen kann, wenn es darauf ankommt.

Er tritt aus dem Schatten, bewegt sich scheinbar lautlos. Er gleitet wie ein Geist dahin. Ich mache einen Schritt auf ihn zu, dann bleibe ich stehen und hebe die Waffe. Immer noch kann ich sein Gesicht nicht sehen. Als die Wolkendecke aufreißt, fällt milchig weißes Mondlicht durch die klaffenden Löcher im Dach. Gestalten zeichnen sich in der Dunkelheit ab. Er kommt langsam auf mich zu. Ich halte die Stellung, aber der Revolver in meiner Hand fängt zu zittern an.

»Ridley, lass das. Damit wirst du niemals leben können.«

Die Stimme kommt von hinten. Ich wirble herum und entdecke jemanden, von dem ich dachte, dass ich ihn niemals wiedersehen würde.

»Das geht dich nichts an«, rufe ich und wende mich wieder dem Mann zu, den ich verfolgt habe.

»Ridley, mach keine Dummheiten. Nimm die Waffe runter.« Die Stimme hinter mir klingt verzweifelt. »Du weißt, ich kann nicht zulassen, dass du ihn umbringst.«

Mein Herzschlag passt zu der Angst in seiner Stimme. Was tue ich hier? Das Adrenalin trocknet meinen Mund aus und kribbelt in meinem Nacken. Ich kann zwar nicht schießen, aber ebenso wenig kann ich den Revolver sinken lassen. Ich verspüre den Drang, meine Angst und meine Wut herauszubrüllen, meine Enttäuschung und Verwirrung, aber der Schrei bleibt mir in der Kehle stecken.

Als er endlich nah genug vor mir steht, starre ich in sein Gesicht. Ich erkenne ihn nicht wieder. Ich muss nach Luft schnappen, als sich ein grausames Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitet. Und dann verstehe ich. Er ist der Mann, für den alle ihn halten.

»O mein Gott«, sage ich und nehme die Waffe herunter. »O nein.«