cover

Buch

Anstatt die Freuden des Ruhestands zu genießen, spürt der frühpensionierte Polizist Jones Cooper eine große Unruhe in sich. Einzig seine Nebenbeschäftigung als privater Ermittler verspricht einen Ausweg aus der Langeweile des Rentnerdaseins in der beschaulichen Kleinstadt »The Hollows«. Cooper fängt an, sich mit einem ungelösten Vermisstenfall aus der Vergangenheit zu beschäftigen. Die dreißigjährige Marla Holt war 1987 über Nacht spurlos verschwunden und hatte ihre beiden Kinder, Cara und Michael, sowie ihren Mann Mack ohne Nachricht gelassen. Dieser behauptete damals, sie sei mit einem anderen durchgebrannt … Nach Macks Tod ist Michael nun in die Stadt zurückgekehrt, um das Haus zu verkaufen und endlich die Wahrheit über das Verschwinden seiner Mutter herauszufinden. Doch Marlas Fall ist längst nicht der einzige, in dem Coopers Hilfe benötigt wird. In The Hollows liegen viele Dinge tief vergraben, und nichts ist je vergessen …

Von Lisa Unger außerdem lieferbar:

Das Gift der Lüge. Thriller (46863)
Der Fluch der Wahrheit. Thriller (47183)
Denn du bist mein. Thriller (46952)
Hüte dich vor deinem Nächsten. Thriller (46952)
Für immer sollst du schweigen. Psychothriller (47527)

Lisa Unger

Gnade
deiner Seele

Psychothriller

Deutsch
von Eva Bonné

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Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel
»Darkness, my old friend« bei Shaye Areheart Books,
an imprint of Crown Publishing Group,
a division of Random House, Inc., New York.

1. Auflage
Deutsche Erstveröffentlichung Juli 2012
Copyright © der Originalausgabe 2011
by Lisa Unger
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: © Artothek; Getty Images/John William Godward
Redaktion: Friederike Arnold
mb · Herstellung: Str.
Satz: DTP Service Apel, Hannover
ISBN 978-3-641-07646-7

www.goldmann-verlag.de

Für Joe, Tara und Violet

Ich habe großes Glück:
Mein Bruder ist mir ein guter Freund,
seine Frau ist für mich wie eine Schwester,
und ihre süße Tochter ist eine zauberhafte Blume
im Garten unseres Lebens.

ERSTER TEIL

Verschwunden

»Fools«, said I, »you do not know
Silence like a cancer grows.«

Simon & Garfunkel, »The Sound of Silence«

PROLOG

Versagt zu haben war kein Gefühl, sondern ein Geschmack auf der Zunge, ein bohrender Schmerz im Nacken. Ein panisches Summen in seinem Kopf. Er sah, wie sich sein Versagen im verkniffenen, künstlichen Lächeln seiner Frau widerspiegelte, wenn er abends nach Hause kam. Er spürte es wie eine eisige Klammer, wenn sie ihn lieblos umarmte. Dabei wusste sie nicht einmal, wie schlimm es um ihn stand. Niemand wusste etwas, aber bestimmt konnten sie es riechen. Er dünstete das Versagen aus wie eine Alkoholfahne.

Der Verkehr auf dem Highway geriet ins Stocken. Er versuchte, die klaustrophobische Beklemmung wegzuatmen, den ganzen Frust, der ihm auf die Brust drückte. Er beobachtete die anderen Autofahrer und fragte sich, warum niemand ausrastete oder den Kopf gegen das Lenkrad schlug. Wie schafften die Leute das, tagaus, tagein? Sie richteten sich zugrunde mit sinnloser Arbeit, an der sich letztendlich ein Dritter bereicherte. Und dann setzten sie sich ins Auto und reihten sich in die endlose Schlange ein, obwohl sie zu Hause nichts erwartete als eine endlose Litanei der Bedürfnisse. Warum? Warum lebten so viele Menschen so?

An diesem Wochenende zum allerletzten Mal absolute Tiefpreise bei Eds Autohaus. Arbeitslos? Nicht kreditwürdig? Keine Sicherheiten? Kein Problem – wir helfen Ihnen!

Kevin Carr schaltete das Radio aus, um den schizophrenen, fordernden Wortschwall nicht länger ertragen zu müssen. Iss dies. Kauf das. Sie wollen abnehmen? Weißere Zähne? Einen doppelten Cheeseburger mit Bacon? Einen Personal Trainer? Zwangsversteigerung am Sonntag. Aber die nun einsetzende Stille war fast noch schlimmer, denn jetzt konnte Kevin nichts anderes mehr hören als seine eigenen Gedanken, die dem Radio verdächtig ähnlich waren, sich aber nicht auf Knopfdruck abstellen ließen.

Die Pendler ringsum – ein paar Fahrgemeinschaften, aber die meisten Leute waren wie er allein unterwegs – hielten das Lenkrad fest umklammert und starrten geradeaus. Keiner von ihnen sah glücklich aus, oder? Niemand sang zur Musik aus dem Autoradio, niemand lächelte vor sich hin. Viele Leute telefonierten über ihre Freisprechanlage und gestikulierten, als säße jemand auf dem Beifahrersitz. Dabei waren sie allein. Sahen die Leute bleich und frustriert aus? Ungesund, unzufrieden? Oder projizierte er lediglich seine eigenen Gefühle auf die anderen? Betrachtete er seine Umwelt als Abbild seines Innenlebens?

Ohne zu blinken zog er den Wagen auf die rechte Spur und schnitt irgendein Arschloch in einem neuen BMW. Der Mann trat auf die Bremse und drückte wütend auf die Hupe. Beim Blick in den Rückspiegel sah Kevin, wie er ihm den Mittelfinger zeigte. Der BMW-Fahrer brüllte, obwohl er doch wissen musste, dass ihn keiner hörte. Kevin war wie berauscht vor Schadenfreude. Zum ersten Mal an diesem Tag musste er lächeln.

Sein Handy klingelte. Obwohl er nur ungern ans Telefon ging, wenn er den Anrufer nicht anhand des Displays erkennen konnte, nahm Kevin das Gespräch an, indem er auf die Taste am Lenkrad drückte. Momentan jonglierte er mit so vielen Bällen, dass er fast den Überblick verloren hatte.

»Hier Kevin Carr«, sagte er.

»Hey«, sagte Paula. »Bist du auf dem Heimweg?«

»Ich bin schon fast an der Ausfahrt«, antwortete er.

»Die Kleine braucht Windeln. Und Cameron hat leichtes Fieber. Könntest du Ibuprofensaft mitbringen?«

»Klar«, sagte er. »Sonst noch was?«

»Ich glaube, das ist alles. Heute war ich doch tatsächlich mit beiden Kindern im Supermarkt.« Im Hintergrund hörte Kevin Wasser rauschen und Töpfe scheppern. »Und wir haben es wieder nach draußen geschafft, ohne dass ich einen Nervenzusammenbruch bekommen habe, kaum zu glauben, was? Cammy war heute wirklich brav. Aber die Windeln habe ich vergessen.«

Er sah die Szene geradezu vor sich. Claire angeschnallt in der Babyschale, oben auf dem Einkaufswagen, und Cameron an Paulas Rockzipfel, während er Faxen machte und Lebensmittel aus den Regalen zog. Paula ließ sich nicht gehen und verließ das Haus stets gekämmt und geschminkt, ganz anders als die anderen Mütter, die er manchmal vor Camerons Kindergarten sah – Augenringe, fleckige Kleidung, wirres Haar. Das duldete er nicht.

»Das nächste Mal solltest du vorher einen Einkaufszettel schreiben«, sagte er.

Paula schwieg, und er hörte das Baby wimmern. Dieser weinerliche Dauerton, der in Geschrei umschlagen würde, falls nicht bald jemand herausfand, was es wollte, ließ ihn zusammenzucken. Das Weinen war Vorwurf, Anklage und Urteil in einem.

»Ja, Kevin«, sagte Paula. Ihre anfängliche Fröhlichkeit war verschwunden. »Danke für den Tipp.«

»Ich wollte dich nicht …«

Aber sie hatte schon aufgelegt.

Im Supermarkt war Elton John der Meinung, draußen im Weltall fühle man sich einsam. Elton sang, er entspreche nicht dem Bild von Mann, dass man sich zu Hause von ihm gemacht habe. Kevin verstand nur zu gut, wie das gemeint war. Er schlenderte durch die endlosen, mit grellbunt verpackten Kunstprodukten aufgefüllten Gänge – fettreduziert, zuckerfrei, kohlehydratarm, ohne gesättigte Fettsäuren, cholesterinfrei, schlank machend, zwei zum Preis von einem, alles bio. In der Säuglingsabteilung dominierten Rosa, Hellblau und Pastellgelb. Er suchte nach der grün-braunen Verpackung jener Windelsorte, die Paula für die Kleine bevorzugte – aus recyceltem Material und biologisch abbaubar. Diese Bio-Bewegung konnte ihn wirklich auf die Palme bringen. Seit der industriellen Revolution hatten die großen Konzerne die Natur geplündert und geschändet, sie hatten Luft und Wasser verpestet, den Regenwald abgeholzt und den Boden vergiftet. Und nun sollte auf einmal das Individuum den Planeten durch persönlichen Einsatz retten, indem es für Bioprodukte den doppelten Preis bezahlte, was letztendlich nur den Gewinn jener Konzerne vergrößerte, die für die Erderwärmung und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen verantwortlich waren, ganz zu schweigen von Fettleibigkeit und den dadurch bedingten Erkrankungen. Das war einfach zu viel für ihn.

An einer der vielen Kassen saß ein junges, hübsches Mädchen und blätterte gelangweilt in einem Promi-Magazin. Wie hieß sie gleich? Weil er seine Brille nicht trug, konnte er ihr Namensschild nicht entziffern. Tracie? Trixie? Trudie?

»Hallo, Mr. Carr. Heute habe ich Ihre Frau und Ihre Kinder gesehen«, sagte sie und zog seine Einkäufe über den Scanner. Windeln: zwölf Dollar neunundneunzig, Fiebersaft: acht Dollar neunundvierzig. Ein Blick auf die Titten einer Zwanzigjährigen: unbezahlbar. Dafür brauchte er keine Brille.

Paula hatte Cameron bis zu seinem zweiten Geburtstag gestillt und einen Monat später festgestellt, dass sie erneut schwanger war. Bei Claire betrug die Stillzeit inzwischen achtzehn Monate, dabei hatte Paula ihm versprochen, diesmal nach einem Jahr aufzuhören. Sie waren dazu übergegangen, ihre Brüste als Gebrauchsgegenstände zu betrachten, die ohne Hintergedanken ausgepackt wurden, sobald Claire zu jammern anfing. Die Zeit der spitzenbesetzten Push-up-BHs und seidenen Negligés war vorbei. Wenn Paula überhaupt einen BH trug, war er mit diesem Schnappmechanismus ausgestattet, damit das Baby trinken konnte. Tracie-Trixie-Trudie trug wahrscheinlich nur hübsche, knappe Wäsche, und an ihren pfirsichweichen Brüsten hing kein Baby, das allen Sexappeal aus ihr heraussaugte.

»Was für ein Glückspilz Sie sind«, sagte das Mädchen, »bei so einer netten Familie!«

»Stimmt«, sagte Kevin und warf einen Blick in seine Brieftasche. Wie immer war sie leer. Er starrte auf sieben Kreditkarten, die bunt und höhnisch in den Lederschlitzen steckten. Er konnte sich nicht erinnern, welche noch nicht gesperrt war. »Ich habe wirklich Glück.«

Lächelnd reichte er ihr seine Visa-Platinkarte und hielt die Luft an, bis das Pad seine Unterschrift forderte.

Kevin wusste, was das Mädchen sah, wenn sie ihn betrachtete, und er kannte den Grund für ihr bezauberndes Lächeln. Sie sah eine Breitling-Uhr, einen Anzug von Armani, einen mit Diamanten besetzten Ehering. Die Gegenstände, die er am Körper trug, waren mehr wert, als sie in einem ganzen Jahr verdiente. Wenn sie ihn betrachtete, sah sie sein Geld, nicht den haushohen Schuldenberg, den die Anschaffungen ihm beschert hatten. Die Leute nahmen immer nur die schillernde Oberfläche wahr. Was darunter lag, was wirklich zählte, interessierte niemanden.

»Haben Sie einen Einkaufsbeutel dabei?«, fragte sie mit einem strahlenden Lächeln und drohte ihm scherzhaft tadelnd mit dem Zeigefinger.

»Nein«, sagte Kevin. Er spielte den Zerknirschten. »Aber es geht auch so, ich brauche keine Tüte.« Er griff nach der Windelpackung und dem Hustensaft und lief zum Ausgang.

»Sie haben einen Baum gerettet, Mr. Carr!«, rief sie ihm nach. »Gut gemacht!«

Ihr jugendlicher Elan gab ihm das Gefühl, hundert Jahre alt zu sein. Und gerade als er den überdachten Eingangsbereich verließ, fing es heftig zu regnen an. Als er wieder im Auto saß, war er klatschnass. Er legte die Einkäufe auf den Rücksitz. Dann warf er einen Blick in den Rückspiegel und strich sich das dunkelbraune Haar aus der Stirn. Er zog ein Handtuch aus der Sporttasche, die auf dem Rücksitz lag, tupfte seine Anzugjacke ab und wischte die Regentropfen von den Ledersitzen.

Zitternd ließ er den Motor an. Es war nicht einmal besonders kalt, trotzdem fröstelte er am ganzen Leib. Für einen Moment blieb er wie gelähmt sitzen. Er brauchte eine Minute, nur eine einzige Minute der Stille, bevor er sich seine Maske wieder aufsetzte. Er legte den Rückwärtsgang ein, um aus der Parklücke zu setzen, aber dann griff er spontan unter den Beifahrersitz und holte den kleinen, schwarzen Beutel aus seinem Versteck. Kevin wollte sich bloß vergewissern, dass alles noch an seinem Platz war.

Er bewahrte den Beutel dort auf, seit sie im Sommer nach Florida gefahren waren und mit den Kindern Disneyworld besucht hatten. Allein für Eintrittskarten, Hotel und Essen hatte er über dreitausend Dollar hingeblättert. Das ganze Unterfangen war eine Pantomime der Normalität gewesen und die endlose Fahrt nach Süden ein einziges Chaos aus Salzstangen und Saftkartons, begleitet von Camerons nervigen CDs und Claires ewigem Gezeter und Geheul. Tagsüber waren sie durch den Vergnügungspark gelaufen, was Cameron viel Spaß gemacht hatte. Aber die Kleine war einfach noch zu jung dafür, und in Kombination mit der gnadenlosen Hitze und den endlosen Warteschlangen trieb ihr Geweine ihn fast in den Wahnsinn. Er zwang sich zu einem Lächeln, obwohl er fürchtete, sein Kopf könnte jeden Augenblick explodieren. Er hatte Paula als attraktive, clevere und spritzige junge Frau kennengelernt. Nun lief sie als zweifache (und zwei Kleidergrößen breitere) Mom durch Disneyworld. Seit wann waren ihre Beine so stämmig? Während des Ausflugs war Kevin klar geworden, dass er einen Ausweg brauchte. So konnte er nicht weiterleben. Eine Scheidung käme natürlich nicht in Frage. Was für eine Vorstellung!

Eines Abends war er losgefahren, um Pizza zu holen. Er hatte eines der vielen Waffengeschäfte in der Gegend aufgesucht, die ihm zuvor aufgefallen waren.

»Das hier ist die beliebteste Schusswaffe in Amerika«, hatte der Verkäufer erklärt. »Die Glock 17 hat eine Munitionskapazität von siebzehn Neunmillimeterpatronen. Sie ist federleicht und ideal für den Hausgebrauch. Hoffentlich kommen Sie nie in so eine Lage, aber im Notfall können Sie damit auch ohne große Waffenkenntnisse Ihre Familie verteidigen.«

Der Verkäufer war etwa Mitte zwanzig, und seine Begeisterung für den Job war geradezu krankhaft. Er verkaufte Kevin auch eine Schachtel Patronen.

Wenige Tage später, am Abend vor der Heimreise, fuhr Kevin noch einmal hin und holte die Glock ab. Er konnte kaum fassen, dass er das Geschäft ganz legal mit einem Stoffbeutel verlassen konnte, in dem eine Pistole und Munition steckten. Auf dem Parkplatz hatte er alles unter dem Beifahrersitz verstaut. Seit sechs Monaten lag der Beutel nun dort. Paula benutzte seinen Wagen nie, und am Wochenende fuhren sie den Mercedes-Geländewagen, in dem sich die Kindersitze und die Wickeltasche und der Rest der Babyausrüstung – Buggy, Trinkflaschen, Feuchttücher – befanden. Paulas Wagen war immer so vollgeladen, als wollte sie monatelang verreisen.

Kevin griff in den Beutel, nahm die Plastikschatulle heraus und öffnete sie. Die flache, schwarze Pistole lag im Futteral und schimmerte im bernsteinfarbenen Licht der Parkplatzlampen. Er bewunderte die harten Kanten und den geriffelten, ergonomisch geformten Griff. Er hörte den Regen aufs Autodach trommeln und die gedämpfte Stimme einer Frau, die auf dem Weg zum Auto in ihr Handy sprach. Ich kann nicht glauben, dass er das gesagt hat, schimpfte sie. Was für ein Idiot!

Der Anblick der Pistole tröstete ihn. Seine Schultern entspannten sich, sein Atem ging ruhiger. Die entsetzliche Spannung, die ihn den ganzen Tag gequält hatte, schien ein Stück weit nachzulassen. Kevin wusste nicht, warum. Hätte man ihn gefragt, warum ihn der Anblick einer Pistole mit solch unglaublicher Erleichterung erfüllte, hätte er keine Antwort gewusst.

EINS

Jones Cooper fürchtete den Tod. Seine Todesangst weckte ihn in der Nacht und ließ ihn im Bett hochfahren, drückte ihm die Luft ab, schnürte ihm die Speiseröhre zu, ließ ihn röchelnd nach Luft schnappen. Die harmlosen Schatten im ehelichen Schlafzimmer verwandelten sich in eine Horde gieriger Zombies, die ihn stumm belauerten. Wann? Wie? Herzinfarkt. Krebs. Ein dummer Unfall. Würde es schnell zu Ende gehen? Oder würde er langsam und unter unwürdigen Umständen dahinsiechen? Und was käme danach, wenn überhaupt etwas kam?

Er war nicht gläubig. Genauso wenig hatte er ein reines Gewissen. Er glaubte nicht an einen gütigen Gott, an ein Jenseits voller Licht und Liebe. Er konnte sich nicht wie andere auf derlei Krücken stützen; scheinbar waren alle auf geheimnisvolle Art vor dem Schreckgespenst der eigenen Sterblichkeit geschützt. Alle außer Jones.

Seine Frau Maggie hatte von den nächtlichen Panikattacken genug. Am Anfang hatte sie ihm beigestanden und auf ihn eingeredet: Ruhig, Jones, atme einfach weiter. Beruhige dich. Alles ist in Ordnung. Aber selbst sie, die unendlich geduldige Therapeutin, hatte sich angewöhnt, im Gästezimmer oder auf dem Sofa zu schlafen, manchmal sogar im Kinderzimmer ihres Sohnes, das leer stand, seit Ricky an der Georgetown Universität studierte.

Seine Frau war überzeugt, dass die Attacken etwas mit Rickys Auszug zu tun hatten. »Wenn ein Kind auszieht, um aufs College zu gehen, ist das ein Meilenstein. Es ist völlig normal, dann über die Vergänglichkeit des Lebens nachzudenken«, hatte sie gesagt. Offenbar war Maggie der Ansicht, die eigene Sterblichkeit zu akzeptieren wäre ein nützliches Ritual, dem sich niemand entziehen durfte. »Aber ab einem bestimmten Punkt schlägt die Nachdenklichkeit in Selbstmitleid oder gar Selbsthass um. Du musst einsehen, dass es fast schon wie sterben ist, sich immer und überall vor dem Tod zu fürchten.«

Dabei hatte er den Eindruck, als Einziger über den Tod nachzudenken. Anscheinend spazierten die anderen munter durchs Leben, ohne einen Gedanken ans drohende Ende zu verschwenden. Sie trieben sich stundenlang bei Facebook herum, quatschten im Starbucks-Drive-in in ihr Handy oder fläzten sich aufs Sofa, um hirnverbrannten TV-Müll zu konsumieren. Die Leute dachten kein bisschen nach – nicht übers Leben, nicht über den Tod und nicht über ihre Mitmenschen.

»Also wirklich, nimm die Dinge nicht so schwer, mein Schatz.« Das waren ihre letzten Worte an diesem Morgen gewesen, bevor sie sich auf den Weg zu ihrem ersten Patienten gemacht hatte. Er versuchte wirklich, die Dinge nicht so schwerzunehmen.

Jones harkte Laub; die riesige Eiche vor dem Haus hatte fast alle ihre Blätter verloren. Jones hatte das Laub neben dem Rinnstein zu einem Haufen aufgetürmt. Seit sie in dem Haus wohnten, hatte ein Gärtner die Aufgabe übernommen, aber nach seiner Pensionierung vor einem Jahr hatte Jones beschlossen, alle Arbeiten selbst zu erledigen. Er mähte den Rasen, trimmte die Hecken, säuberte den Pool und putzte die Fenster. Jetzt harkte er das Laub zusammen, in Kürze würde er in der Einfahrt Schnee schippen. Erstaunlich, wie schnell so ein Arbeitstag verging, wenn Jones von morgens bis abends vor sich hinwerkelte, wie Maggie es nannte – Glühbirnen auswechselte, Bäume beschnitt, die Autos wusch.

Wird dir das reichen? Du bist dafür zu intellektuell. Können diese Aufgaben dich wirklich zufriedenstellen? Seine Frau überschätzte ihn. Er war kein bisschen intellektuell. Die Nachbarn fingen an, fest mit ihm zu rechnen; sie freuten sich, einen pensionierten Cop in der Nähe zu wissen, wenn sie auf Reisen oder zur Arbeit gingen. Er ließ die Handwerker ins Haus, leerte den Briefkasten, knipste abends eine Lampe an, behielt die Grundstücke im Auge und pflegte seine Waffensammlung. Am Anfang hatte Maggie sich über die Nachbarn geärgert, die unangemeldet klingelten und um dieses oder jenes baten, ganz besonders, da Jones sich weigerte, Geld anzunehmen, nicht einmal von Fremden. Aber dann fingen die Leute an, Geschenke vor die Tür zu stellen – eine Flasche Whisky oder einen Restaurantgutschein für das Grillmarks, ein schickes Steakhouse.

»Du solltest ein Geschäft draus machen«, hatte Maggie gesagt. Während eines von den Pedersens bezahlten Abendessens war sie plötzlich ganz enthusiastisch geworden. Jones hatte die hinterlistige Katze der Pedersens eine Woche lang gefüttert.

Er spöttelte: »Klar. Nutzloser Nachbar hängt den ganzen Tag rum und hat nichts zu tun, als den Klempner ins Haus zu lassen. Meinst du das?«

Sie lächelte ihn schief an, was er stets an ihr gemocht hatte. Sie zog einen Mundwinkel hoch, so wie immer, wenn sie ihn lustig fand, es aber nicht zugeben wollte.

»Warum? Du bietest wertvolle Dienste an, für die die Leute nur zu gern bezahlen würden«, sagte sie. »Denk mal drüber nach.«

Aber Jones erledigte die Gefälligkeiten gern und wollte gar nicht dafür bezahlt werden. Es war schön, gebraucht zu werden und sich um die Nachbarschaft zu kümmern, dafür zu sorgen, dass alles in Ordnung war. Seine Berufung konnte man nicht einfach so mit der Dienstmarke abgeben. Außerdem war er eigentlich gar nicht im Ruhestand, oder? Er hatte seinen Job nur aufgegeben, weil er es angesichts der Umstände für notwendig gehalten hatte. Aber das war eine andere Geschichte.

Am späten Vormittag war die Temperatur auf angenehme zwanzig Grad geklettert. Das Sonnenlicht vergoldete alles, die Luft duftete nach geharktem Laub, und von irgendwoher roch es nach Kaminfeuer. In der Einfahrt stand Rickys restaurierter Pontiac GTO Baujahr 1966, den er nur am Wochenende benutzte, wenn er zu Hause war. Jones hatte den Wagen inspiziert und poliert.

Jones vermisste seinen Sohn. Leider war ihr Verhältnis in den letzten Jahren vor allem von Streit geprägt gewesen. Dennoch konnte er es nicht erwarten, den Jungen wieder im Haus zu haben, und sei es nur für vier Tage. Hätte ihm jemand vorhergesagt, wie schmerzlich er sein Kind vermissen würde, wie schwer es ihm fallen würde, an dem leeren Kinderzimmer vorbeizugehen – Jones hätte kein Wort geglaubt. Er hätte es für eine der zahlreichen Plattitüden zum Thema Elternschaft gehalten.

Er lehnte den Rechen an den Stamm der Eiche und zog sich die Handschuhe aus. Zwei Trauertauben gurrten betrübt vor sich hin. Sie saßen auf dem Verandageländer und plusterten das gelbbraune Gefieder auf.

»Tut mir leid«, sagte Jones, und das nicht zum ersten Mal. Früh am Morgen hatte er ihren Nestbau gestört und einen losen Haufen aus Zweigen und Papierresten entfernt, den sie in den Öffnungsmechanismus des Garagentors gestopft hatten. Trauertauben bauen provisorische Brutstätten und sind so faul, dass sie die verlassenen Nester anderer Vögel in Besitz nehmen. Die Garage musste ihnen als idealer Nistplatz erschienen sein, weil sie dort vor Räubern geschützt waren. Aber Jones duldete keine Vögel in seiner Garage. Vögel waren Vorboten des Todes, das wusste jeder. Nun lungerten sie auf dem Grundstück herum und machten ihm ein schlechtes Gewissen.

»Ihr könnt euer Nest bauen, wo ihr wollt«, rief er und machte eine weit ausholende Armbewegung, »nur nicht hier.«

Offenbar hörten sie zu und verdrehten den Hals, während er sprach. Dann flatterten sie mit einem wütenden Tschilpen davon.

»Blöde Vögel.«

Jones wischte sich mit dem Unterarm über die Stirn. Obwohl es nicht besonders warm war, hatte ihn die Gartenarbeit ins Schwitzen gebracht, was ihn daran erinnerte, dass sein Hausarzt ihn seit Jahren bekniete, zwölf Kilo abzunehmen. Sein Arzt, ein beneidenswert schlanker und attraktiver Mann im selben Alter, ließ keine Gelegenheit aus, Jones’ Übergewicht zu erwähnen, egal aus welchem Grund er ihn aufsuchte. Auch Sie werden sterben, Doc, wollte Jones ihm immer sagen. Vermutlich kratzen Sie beim Sport ab. Wie viele Kilometer reißen Sie täglich runter – sieben, acht? Und am Wochenende noch mehr? Das wird Sie früh ins Grab bringen. Aber dann begnügte er sich damit, den Arzt darauf hinzuweisen, dass sein Bauchspeck ihm im letzten Jahr das Leben gerettet hatte.

»Das ist kein Argument«, sagte Dr. Gauze. »Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie einen zweiten Bauchschuss abkriegen? Besonders jetzt, da Sie auf dem Altenteil sitzen?«

Auf dem Altenteil? Jones war erst siebenundvierzig! Er stand im Garten und war immer noch dabei, über das Wort Altenteil nachzugrübeln, als ein beigefarbener Toyota Camry vor dem Haus hielt. Obwohl Jones angestrengt hinschaute, konnte er den Fahrer nicht erkennen. Dann öffnete sich die Tür, und eine zierliche Frau stieg aus dem Wagen. Jones kannte sie, konnte sie aber nicht einordnen. Sie sah so ausgemergelt aus, als würde sie vor lauter Nervosität nicht mehr essen. Langsam wie eine Kranke schlich sie auf die Einfahrt zu, die Lederhandtasche fest unter den Arm geklemmt. Sie schien Jones auf dem Rasen nicht bemerkt zu haben. Tatsächlich ging sie geradewegs an ihm vorbei.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er schließlich. Erschreckt fuhr sie herum.

»Jones Cooper?«, fragte sie und strich sich nervös mit der Hand über das grauschwarz melierte, zu einem unvorteilhaften Bob geschnittene Haar.

»Der bin ich.«

»Erkennen Sie mich?«, fragte sie.

Er kam näher heran und blieb auf der gepflasterten Einfahrt stehen. Das Garagentor musste dringend einmal gestrichen werden. Ja, sie kam ihm bekannt vor, aber ihr Name fiel ihm nicht ein.

»Tut mir leid«, sagte er. »Kennen wir uns?«

»Ich bin Eloise Montgomery.«

Jones brauchte einen Moment, dann stieg ihm die Hitze in die Wangen und seine Schultern verkrampften sich. Verdammt, dachte er.

»Mrs. Montgomery, was kann ich für Sie tun?«

Nervös schaute sie sich um. Jones folgte ihrem Blick zu den Laubhaufen, in den klaren, blauen Himmel.

»Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?« Ihr unsteter Blick blieb am Haus hängen.

»Geht das nicht auch hier?«, fragte er, verschränkte die Arme vor der Brust und pflanzte sich breitbeinig auf. Maggie hätte seine Unhöflichkeit unmöglich gefunden, aber das war ihm egal. Auf gar keinen Fall würde er diese Frau in sein Haus lassen.

»Es ist sehr persönlich«, sagte sie, »und mir ist kalt.«

Sie ging aufs Haus zu, blieb am Fuß der drei Treppenstufen stehen, die zur grau gestrichenen Veranda hinaufführten, und drehte sich zu ihm um. Ihm wurde unwohl dabei, die Frau so dicht am Haus stehen zu sehen, es war so wie eben mit den Vögeln. Sie wirkte zierlich und schreckhaft, strahlte aber dennoch eine gewisse Hartnäckigkeit aus. Sie erklomm die Treppe, ohne um Erlaubnis zu fragen, und als sie an der Tür stand, fiel ihm ein, dass ein Grashalm sich durch Asphalt bohrt, lässt man ihm nur genug Zeit. Er rechnete damit, dass sie die Fliegentür öffnen und eintreten würde, aber sie blieb geduldig stehen. Er warf seine Gartenhandschuhe neben den Rechen und folgte ihr widerwillig.

Kurz darauf saß sie am Esstisch, während er Kaffee kochte. Er behielt sie vom Küchentresen aus im Blick. Sie saß aufrecht und mit gefalteten Händen da. Sie hatte den abgewetzten Mantel mit dem Hahnentrittmuster nicht abgelegt und presste die Handtasche immer noch an den Leib. Ihre Augen kamen nicht zur Ruhe.

»Sie wollten mich nicht hereinbitten«, sagte sie und warf ihm einen flüchtigen Blick zu, bevor sie die Augen niederschlug. »Am liebsten wäre es Ihnen, ich würde verschwinden.«

Er hatte zwei Becher aus dem Küchenschrank genommen, die er jetzt unabsichtlich laut auf den Tresen knallte.

»Wow«, sagte er, »ich bin beeindruckt. Sie können tatsächlich Gedanken lesen!«

Er mied ihren Blick und entdeckte den Kalender neben dem Telefon. In wenigen Stunden hatte er einen Termin bei seinem Psychologen, eine Verabredung, die er stets fürchtete. Als er sie endlich wieder ansah, beobachtete sie ihn mit einem milden Lächeln.

»Ein Skeptiker«, sagte sie. »Ihre Frau und Ihre Schwiegermutter behandeln mich respektvoller.«

»Respekt muss man sich verdienen.« Er schenkte den Kaffee ein. »Wie möchten Sie Ihren Kaffee?«, fragte er. Er war sicher, sie trank ihn schwarz.

»Mit Milch und Zucker, bitte«, sagte sie. Dann fügte sie hinzu: »Und, was kann ich tun, um mir Ihren Respekt zu verdienen?«

Er kam mit den Kaffeebechern an den Tisch und setzte sich ihr gegenüber.

»Was kann ich für Sie tun, Mrs. Montgomery?«

Es war schon fast Mittag. In einer Viertelstunde ging Maggies letzte Vormittagssitzung zu Ende, und dann würde sie zum Mittagessen herüberkommen. Er wollte nicht, dass Eloise dann noch hier saß. Die Frau würde Maggie an die dunkle Vergangenheit erinnern, an die Qualen, die sie im letzten Jahr und in der Zeit davor erlitten hatten. Er brauchte das nicht, und seine Frau genauso wenig.

»Wissen Sie über meine Tätigkeit Bescheid?«, fragte Eloise.

Tätigkeit? Im Ernst? Nannte man das so? Er hätte gedacht, sie würde von Gabe oder Magie sprechen. Oder von übersinnlichen Fähigkeiten. Aber wahrscheinlich sprach sie von Tätigkeit, weil sie ihren Lebensunterhalt damit verdiente.

»Ja«, sagte er. Er versuchte, gleichgültig und auf keinen Fall neugierig oder interessiert zu klingen. Anscheinend fühlte sie sich trotzdem bemüßigt, es zu erklären.

»Ich bin wie ein Radio. Ich empfange Signale – aus allen Richtungen, verzerrt und abgehackt. Ich habe keinen Einfluss darauf, was ich wann oder wie deutlich ich es sehe. Manchmal sehe ich, was sich in anderen Welten ereignet, während mir die Geschehnisse im Nachbarhaus verborgen bleiben.«

Er unterdrückte ein Augenrollen. Dachte sie wirklich, er würde ihr das abkaufen?

»Klar«, sagte er und nippte an seinem Kaffee. Er fühlte sich unbehaglich, und das gefiel ihm nicht. Er konnte kaum ruhig sitzen bleiben und wäre am liebsten aufgesprungen und im Zimmer auf und ab gelaufen. »Was hat das mit mir zu tun?«

»Man hört so einiges über Sie. Dass Sie den Leuten helfen. Dass Sie auf Häuser aufpassen, wenn die Bewohner verreist sind, dass Sie nach der Post sehen und so weiter.«

Er zuckte die Achseln.

»Nur in unserer Straße.« Er lehnte sich zurück und hob die Hände in die Höhe. »Was ist? Wollen Sie verreisen? Soll ich Ihre Katze füttern?«

Sie stieß einen Seufzer aus und starrte auf die Tischplatte.

»Bald werden sich auch Leute aus anderen Stadtteilen an Sie wenden, man wird Sie um mehr bitten«, sagte sie. »Und das wird unvorhersehbare Folgen haben.«

Das gefiel Jones nicht. Aber er wollte sich nicht die Blöße geben.

»Okay«, sagte er gedehnt.

»Ich wollte Sie nur darauf vorbereiten. Ich hatte eine Vision.«

Sie sah ihn eindringlich an, und das Glänzen in ihren Augen verunsicherte ihn. Dieser Blick erinnerte ihn an seine Mutter, die er damals nach ihrem Schlaganfall auf dem Badezimmerfußboden gefunden hatte. Er stieß sich vom Tisch ab und stand auf.

»Warum erzählen Sie mir das?«, fragte er und stellte sich in den Türrahmen.

»Weil Sie es wissen sollten«, antwortete Eloise. Sie saß immer noch aufrecht da und hatte den Kaffee nicht angerührt.

Alles klar. Vielen Dank für Ihren Besuch. Rufen Sie mich nicht an, ich rufe Sie an. Ich zeige Ihnen den Weg hinaus. Aber weil seine Neugier stärker war, fragte er stattdessen:

»Was haben Sie gesehen?«

Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

»Es ist schwer zu beschreiben, es war wie ein Traum. Möglicherweise geht bei der Deutung das Wichtigste verloren.«

Falls sie eine Show abzog, machte sie ihre Sache gut. Sie wirkte ernst, kein bisschen aufgesetzt oder theatralisch. Wäre sie eine Zeugin, würde er ihr jedes Wort glauben. Aber sie war keine Zeugin, sie war eine Irre.

»Versuchen Sie es trotzdem«, sagte er. »Deswegen sind Sie doch gekommen, oder?«

Sie atmete tief ein. Dann sagte sie:

»Ich habe Sie an einem Flussufer gesehen … vielleicht war es aber auch ein Strand. Das Wasser war aufgewühlt. Ich habe Sie rennen sehen, Sie wollten eine leblose Gestalt aus dem Wasser ziehen. Ich weiß nicht, wer oder was es war. Vermutlich eine Frau oder ein junges Mädchen, denn normalerweise sehe ich in meinen Visionen nur weibliche Personen. Sie sind gesprungen – oder gefallen? Ich glaube, Sie wollten jemanden retten. Aber Sie haben es nicht geschafft. Sie waren nicht stark genug. Sie sind untergegangen.«

Sie klang unbeteiligt und gelassen. Sie hätte über das Wetter reden können. Und aus irgendeinem Grund erschreckte ihn ihre Vision nicht. Die Frau wirkte lahm und dumm, wie eine Varietékünstlerin mit einer drögen, langweiligen Nummer.

Plötzlich kam ihm das Ticken der alten Standuhr im Flur übermäßig laut vor. Sie mussten sie unbedingt loswerden, seine Schwiegermutter hatte ihnen die Uhr zum Einzug geschenkt. Musste er sich tagtäglich anhören, wie sein Leben im Sekundentakt verstrich?

»Wissen Sie, Mrs. Montgomery«, sagte er, »ich glaube, Sie brauchen Hilfe.«

»Ja, Mr. Cooper, Sie haben recht. Ich brauche tatsächlich Hilfe.« Zu seiner großen Erleichterung stand sie auf und ging zur Tür.

»Tja, falls ich mich eines Tages an einem Ufer wiederfinde, um jemanden zu retten, werde ich unbedingt darauf achten, festen Boden unter den Füßen zu haben«, sagte er und trat beiseite, um sie durchzulassen. »Vielen Dank für die Warnung.«

»Meinen Sie wirklich, Sie würden darauf Rücksicht nehmen? Das bezweifle ich.« Sie legte eine Hand an den Türgriff und hielt inne.

»Es käme wohl auf die Umstände an«, sagte Jones. »Ob ich helfen könnte oder nicht. Auf die Höhe des Risikos. Und nicht zuletzt auf die Person im Wasser.«

Warum unterhielt er sich überhaupt mit ihr? Ganz offensichtlich war die Frau geistesgestört, sie gehörte in eine Klinik und sollte nicht frei herumlaufen dürfen. Sie stellte eine Gefahr für sich und andere dar. Sie sah ihn nicht an, sondern stand mit gesenktem Kopf an den Tür.

»Ich glaube, Sie können das Risiko nicht einschätzen«, sagte sie. »Es gibt Mächte, die stärker sind als Ihr Wille. Das sollten Sie nicht vergessen.«

Jedem anderen, der vom Tod so besessen war wie Jones, hätte in diesem Moment das Herz gestockt. Aber Jones fand das Ganze nur lächerlich. Es war geradezu eine Erleichterung, sich mit jemandem auszutauschen, der sein Leben noch weniger im Griff hatte als er.

»Okay«, sagte er, »gut zu wissen.«

Er legte ihr eine Hand auf die Schulter, schob sie sanft beiseite und öffnete die Haustür.

»Was glauben Sie, wann es passiert? In The Hollows gibt es ja nur ein einziges Gewässer.« Der Black River war ein murmelnder Bach, der friedlich durch eine Klamm floss. Nach heftigen Regenfällen konnte er anschwellen, war aber seit Jahren nicht mehr über die Ufer getreten. Und bis jetzt war der Herbst sehr trocken gewesen.

Eloise lächelte nachsichtig.

»Ich glaube nichts, Mr. Cooper. Ich sehe und spreche mit den Betroffenen, damit sie die richtigen Entscheidungen treffen. Oder wenigstens die annähernd richtigen. Mehr kann ich nicht tun. Früher habe ich mir ständig das Hirn zermartert, um herauszubekommen, was wann wo passiert. Ich wollte die Menschen retten und ihre Probleme für sie lösen, und ich stürzte in ein tiefes Loch, wann immer es mir nicht gelang. Inzwischen sage ich nur noch, was ich gesehen habe. Ich mache mich nicht mehr davon abhängig, welche Wendung eine Sache nimmt, ob die Leute mich respektvoll oder schlecht behandeln, ob sie mir zuhören oder nicht.«

»Dann treffen Ihre Visionen haargenau ein?«, fragte er. Er machte sich keine Mühe, seine Skepsis zu verbergen. »Sie sehen etwas, und dann kommt es genau so? Es ist unabänderlich?«

»Nein, meine Visionen sind nicht immer so genau«, sagte sie.

»Aber manchmal?«

»Manchmal.« Sie nickte zögerlich. »Übrigens ist nichts im Leben unabänderlich, Mr. Cooper.«

»Nichts, außer der Tod.«

»Tja …«, sagte sie. Aber sie sprach nicht weiter. Hielt sie sich für etwas Besseres? Für eine überlegene Lehrerin, die sich keine Mühe machte, dem Schüler zu erklären, was er ohnehin nie verstehen würde?

Sie ging hinaus und ließ die Fliegentür hinter sich zufallen. Jones wusste nichts mehr zu sagen, deswegen schwieg er und schaute zu, wie sie unbeholfen die Treppe hinunterstieg. Sie drehte sich noch einmal zu ihm um, so als wollte sie ihm etwas sagen. Aber dann ging sie weiter. Ihr Gang wirkte unbeschwerter als vorher, so als wäre sie eine Last losgeworden. Sie wirkte nicht mehr so krank und schwach. Sie stieg in ihr Auto und fuhr langsam davon.