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DIE LISTE VOR DER KISTE

 

RUEDIGER DAHLKE

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Mit Glück und Erfüllung

im Herzen, wenn

das Lebensschiff sein Ziel erreicht

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© 2014 Terzium Verlag

Terzium ist ein Imprint der Allinti Verlag GmbH, Allschwil (Schweiz)

Umschlaggestaltung: Reinert und Partner, München

Umschlagmotiv: Shutterstock

Redaktion: Christine Stecher

Satz: BuchHaus, München

ISBN 978-3-906294-01-8

eISBN (ePUB) 978-3-906294-09-4

 

E-Book: Schwabe AG, www.schwabe.ch

 

Alle Rechte vorbehalten

 

www.terzium.ch

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Unsere große Chance: Leben lernen

Die persönliche Liste

Grundsätzliche Qualitäten

Das Beste kommt zum Schluss

Ein urprinzipieller Vorgeschmack

Der Ruf des Lebens – Beispiele

Der große Katalog oder Aus dem Vollen schöpfen

Zu guter Letzt: inspirierende Pilgerziele und (Seelen-)Wanderrouten

Es an nichts mangeln lassen

Anhang

Empfehlenswerte Spielfilme

Veröffentlichungen von Ruediger Dahlke

Adressen

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Lebe, als würdest du morgen sterben.

Lerne, als würdest du ewig leben.

Mahatma Gandhi

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Es gibt ein Leben vor dem Tod. Wäre es da nicht gut, es auch zu leben – und es vor dem Tod zu einem runden Abschluss zu bringen? Statt also Mitte dreißig bereits tot zu sein und sich erst in seinen Achtzigern tatsächlich eingraben zu lassen, erscheint mir als ein lohnendes Ziel, sich die von Paulo Coelho erdachte Grabinschrift zum Vorbild zu nehmen. Für meine Person würde sie lauten:

 

Ruediger Dahlke

Er lebte noch, als der starb

Damit ist nichts anderes gemeint, als dass wir vor dem Tod alles ins Hier und Jetzt hineinpacken dürfen – um vollen Herzens auf diese spannende Entdeckungsreise zu gehen, die wir so mutig und manchmal anmaßend Leben nennen. So viele große und kleine Dinge gäbe es zu erleben. Das vergessen wir viel zu schnell.

Wir sollten uns bewusst werden, was wir eigentlich möchten und wozu wir einmal angetreten sind. So empfehle ich, sich dafür möglichst lange vor der »Kiste« eine Liste anzulegen, die noch ausstehende Träume, Hoffnungen und unbedingt abzuhakende Punkte enthält. Für uns Bedeutsames darf nicht in Vergessenheit geraten, damit sich am Ende nicht ein Stau von Unerledigtem ergibt, wie er Sterbenden oft zu schaffen macht.

Wir sollten uns auch nicht scheuen, sogar die ganz großen Träume und hochfliegenden Wünsche auf diese Liste zu setzen. Die beste Einstimmung darauf ist ein wundervoller Text von Marianne Williamson aus ihrem Buch Rückkehr zur Liebe. Ihn wählte Nelson Mandela einst für seine Inaugurationsrede, um Mut zu machen für seinen Traum von einem (be)frei(t)en Südafrika, das er für viele unerwartet und wundervoll verwirklichte. Und nebenbei bemerkt: Dieser charismatische Mensch, der sich lebenslang von seinen Überzeugungen und Idealen leiten ließ, wurde uralt.

Unsere tiefste Angst ist nicht die, dass wir unzulänglich sind. Unsere tiefste Angst ist die, dass wir über die Maßen machtvoll sind. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das uns am meisten erschreckt. Wir fragen uns: Wer bin ich eigentlich, dass ich so brillant, großartig, talentiert, fabelhaft sein sollte? Aber wer sind Sie denn, dass Sie es nicht sein sollen? Sie sind ein Kind Gottes. Wenn Sie sich kleinmachen, dient das der Welt nicht. Es hat nichts von Erleuchtung an sich, wenn Sie sich so schrumpfen lassen, dass andere Leute sich nicht mehr durch Sie verunsichert fühlen. […] Wir sind dazu geboren, die Herrlichkeit Gottes in uns zu verwirklichen. Sie existiert in allen von uns, nicht nur in ein paar Menschen. Und wenn wir unser eigenes Licht leuchten lassen, erlauben wir auch unbewusst anderen Menschen, das Gleiche zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Furcht befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch auch andere.

Einige Jahrhunderte zuvor hatte Michelangelo Buonarroti, einer der größten Künstler der Welt, erkannt:

Die große Gefahr für die meisten von uns ist nicht,

dass unsere Ziele zu hoch sind und wir sie nicht erreichen,

sondern dass sie zu niedrig sind und wir sie erreichen.

Der Autor Alan A. Milne, »Vater« von Winnie Puuh und Tigger, gab Kindern folgende Zeilen mit:

Versprich mir, dich immer zu erinnern:

Du bist tapferer als du glaubst,

stärker als du scheinst,

klüger als du glaubst.

Und das gilt für alle Kinder – kleine wie große.

Die Tatsache, noch nicht in Zeitnot zu sein, noch von keiner Diagnose in Enge und Angst getrieben zu werden, kann Mut machen und Kraft schenken. Wir können gleich anfangen, unsere Liste aufzustellen und uns nach ihr zu richten – und zwar ohne falsche Bescheidenheit und Angst. Es ist nicht ratsam, alle Wünsche und Träume (ewig) aufzuschieben, bis es irgendwann (zu) spät ist. Wir haben heute, in diesem Moment, nichts zu verlieren und alles zu gewinnen.

Die großen spirituellen Traditionen legen uns nahe, mit allem eins zu werden. Zum Schluss müssen wir uns sowieso mit allem aussöhnen, uns in allem wiederfinden, mit allem einverstanden sein und erkennen, dass wir vom Göttlichen nicht getrennt sind. Hindus nennen das tat tvam asi (wörtlich: »Du bist das«), und sie meinen damit »Du bist göttlicher Natur«. Dieses Erkennen der Wirklichkeit entspricht auch dem Christus-Bewusstsein. Christen haben das Ziel, ihre Nächsten wie sich selbst zu lieben und sich beziehungsweise ihren Meister Christus im Geringsten ihrer Mitmenschen zu erkennen und sich in Christus und Gott in sich. »Das Himmelreich Gottes ist in euch«, heißt es in der Bibel. Klarer und deutlicher könnte es nicht ausgedrückt werden, und so hat falsche Bescheidenheit hier keinen Platz. Wir sind sozusagen von ganz oben angehalten, alles zu wagen, um das (ewige) Leben zu gewinnen, und zwar lange vor dem Tod. Wir müssten nur wollen und uns trauen.

Wozu also warten, bis der Druck wächst? Wer sich das nicht ein- und zugesteht, wird im Laufe des Lebens die Erfahrung machen, dass unsere Entwicklung in Richtung Kraft und Mut von außen angemahnt wird. Solch einem unnötigen Druck bräuchten wir uns gar nicht auszusetzen.

Das Damoklesschwert des Todes hängt von Anfang an über uns (allen). Es zu verkennen ist ebenso naiv wie ungeschickt. Wer jedoch den Tod als letztes und sicherstes Lebensziel akzeptiert, hat die bessere Ausgangsposition. Angelus Silesius, der dichtende »schlesische Engel«, sagt es deutlich:

Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, bevor er stirbt.

 

Und Goethe, der Deutschen Dichterfürst gibt uns zu bedenken:

Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde.

Dabei ist uns das Muster schon aus Schulzeiten bekannt. Zum Beispiel wenn wir die Erledigung von Hausaufgaben bis zum letzten Moment aufschoben, um dann unter großer Anspannung noch alles auf den letzten Drücker hinzubiegen. Der letzte Drücker aber macht Druck, und das Ergebnis ist deshalb oft wenig überzeugend. Unter Druck werden nur wenige wirklich gut. Jeder kennt das Dilemma, und so lautet der zwar bekannte, aber selten befolgte Rat: »Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.« Der weiseste Rat aber ist: »Alles zu seiner Zeit.« Doch wann ist die rechte Zeit für Träume, Wünsche und Visionen? Dazu gibt in unserer Kultur die Bibel (Prediger 3, 1-7.12) eine Antwort:

Alles hat seine Zeit und jegliches Vornehmen unter dem Himmel seine Stunde.

Geborenwerden hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit;

Pflanzen hat seine Zeit, und Gepflanztes ausreuten hat seine Zeit;

Töten hat seine Zeit, und Heilen hat seine Zeit;

Zerstören hat seine Zeit, und Bauen hat seine Zeit;

Weinen hat seine Zeit, und Lachen hat seine Zeit;

Klagen hat seine Zeit, und Tanzen hat seine Zeit;

Steine schleudern hat seine Zeit, und Steine sammeln hat seine Zeit;

Umarmen hat seine Zeit, und sich der Umarmung enthalten hat auch seine Zeit;

Suchen hat seine Zeit, und Verlieren hat seine Zeit;

Aufbewahren hat seine Zeit, und Wegwerfen hat seine Zeit;

Zerreißen hat seine Zeit, und Flicken hat seine Zeit;

Schweigen hat seine Zeit, und Reden hat seine Zeit;

Lieben hat seine Zeit, und Hassen hat seine Zeit;

Krieg hat seine Zeit, und Friede hat seine Zeit. (…)

Ich habe erkannt, dass es nichts Besseres gibt unter ihnen, als sich zu freuen und Gutes zu tun in seinem Leben …

Genauso hat auch die persönliche Liste der Lebensthemen, der Herzenswünsche, Träume, Ziele ihre Zeit. Sie sieht selbstverständlich anders aus, wenn wir dreißig sind, als wenn wir sie mit fünfzig oder sechzig Jahren oder vor der letzten Etappe des Weges formulieren. Auch die Liste einer Frau wird sich von der eines Mannes unterscheiden. Die persönliche Liste ist in jedem Fall etwas so Individuelles, dass ich in diesem Buch nur Anregungen und manchmal vielleicht (An-)Stöße geben kann.

Natürlich gibt es die Unsicherheit, wann es Zeit ist, etwas in die Realität umzusetzen. Wir könnten uns sogar fragen, ob es für uns nicht überhaupt zu spät ist. Die ungemein befriedigende und erlösende Antwort lautet: Jetzt ist die richtige Zeit, und hier ist der richtige Ort – um zu leben.

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Wer die Lebensmitte überschritten hat – was biologisch gesehen mit einundfünfzig der Fall ist –, sollte sich eigentlich seiner Endlichkeit hier auf Erden immer stärker bewusst werden. Selbst wer in jüngeren Jahren meint, er habe alle Zeit der Welt, ist (zu) optimistisch. Siddhartha Gautama, der Buddha, sagte fünfhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung: »Das Problem ist, du denkst, du hast Zeit.«

Worauf wollen wir warten? Wie schlau ist es denn, jeden runden Geburtstag zu feiern und dabei zu übersehen, dass er uns dem verdrängten Ende einen deutlichen Schritt näher bringt? Es gibt nur eine Zeit, zu leben beziehungsweise damit anzufangen, und nur einen Ort, wo das möglich ist: Hier und Jetzt, das viel besungene Doppelgespann Raum und Zeit. Die beiden sind für uns Menschen die großen Täuscher, aber auch die Schlüssel zum Glück: Der einzige Ort und die einzige Zeit zu leben ist der Augenblick. Oder in den Worten von Anne Frank: »Wie wundervoll, dass niemand einen einzigen Moment warten muss, bevor er anfängt, die Welt zu verbessern.«

Wenn wir – Goethes und Angelus Silesius’ Rat folgend – den Tod beizeiten auf der Seelen-Bilder-Ebene zu uns einladen, können wir jetzt schon das große Geschenk in Empfang nehmen, das er uns anzubieten hat: das Leben vor dem Tod. In diesem Sinne wird uns der Tod zu seiner Zeit vollkommen ehrlich machen und unserer Wahrheit näherbringen.

Im Angesicht des Todes werden fast alle Menschen in einer tiefen Weise ehrlich, was Angehörige und andere Zurückbleibende oft erschreckt. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum der Tod uns überhaupt so unheimlich ist. Dazu nur einige Beispiele aus meinem Feld der Medizin: Auf dem Totenbett konnte Edward Jenner, der Entdecker des Impfens, eingestehen, dass er der Menschheit mit der Impfung statt des erhofften Segens ein Monster beschert hatte. Erst auf dem Totenbett erkannte Louis Pasteur, in dessen Namen wir bis heute die sowieso schon gefährliche Trinkmilch noch weiter ruinieren, dass er die Erreger über- und das Terrain unterschätzt hat. Kurz vor seinem Tod gestand der Nervenarzt Leon Eisenberg, dass er das Krankheitsbild ADHS, das Zappelphilipp-Syndrom, passend zur Droge Ritalin erfunden habe und nicht etwa umgekehrt – typisches Beispiel eines von vielen im Dienste der Industrie erfundenen Krankheitsbilder.

Grundsätzliche Qualitäten

 Ehrlichkeit: Der Tod macht uns ehrlich wie nichts sonst, und das ist immens erleichternd für die Seele. Wir könnten diese Erleichterung allerdings jederzeit vor unserem Ende in Anspruch nehmen. Zum Schluss, wenn der Höhepunkt kommt, rückt diese Ehrlichkeit stets in den Vordergrund und lässt viele Menschen für das ihnen Wesentliche kurz vor dem Entschlafen nochmals erwachen. Selbst im letzten Moment kann noch so viel gelernt werden.

Der Tod ist zeitlebens immer da und nah, und wir dürfen sein Geschenk der Selbstehrlichkeit jederzeit annehmen. So ist Ehrlichkeit ein erster allgemeiner und dabei wichtigster Punkt für die Liste vor der Kiste. Und jeder könnte sich bereits an dieser Stelle vornehmen, in Bezug auf seine Liste immer ehrlich mit sich zu sein. Ähnlich ergeben sich bereits in diesem einführenden Kapitel weitere allgemeine Punkte, die je nach eigenen Bedürfnissen gleichsam den Kopf der persönlichen Liste zieren könnten.

 Das Eigene: Der nahende Tod enthüllt auch, was wirklich wichtig war im Leben. Je früher wir das erkennen, desto schöner könnte der ganze Rest werden. Aus fast vierzig Arztjahren und der Erfahrung von Menschen »am Ende« wie auch aus Bronnie Wares wundervollem Buch 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen weiß ich, dass vielen erst zum Schluss dämmert, wie wenig sie ihr eigenes Leben gewagt und sich stattdessen bemüht haben, es allen recht zu machen und fremde Erwartungen zu erfüllen. Die eigenen Themen sind dabei oft auf der Strecke geblieben. Sie lassen sich aber über die Rückbesinnung auf versunkene Träume und Wünsche wiederfinden. Dann können die Bereitschaft und der Wille zum eigenen Leben ein zweiter allgemeiner Punkt für die persönliche Liste werden.

Selbst die wenigen, die es schaffen, es allen recht zu machen, gehen noch am Wesentlichen – dem Eigenen, Individuellen und Originellen – vorbei, denn letztlich ist es sogar besser, eigene Fehler als fremde Tugenden zu leben. Es bringt keinen Segen, Erwartungen zu erfüllen, die dem eigenen, originellen (Lebens-)Weg nicht entsprechen. Die Wünsche und Träume der Liste vor der Kiste können der ideale Schlüssel zum Eigenen sein.

 Arbeit: Viele entdecken auch erst spät, dass sie sich viel zu viel Arbeit zugemutet und viel zu wenig (Lebens-)Freude gegönnt haben. Natürlich verleitet unsere Leistungsgesellschaft ganz massiv genau dazu. So könnte der dritte Punkt für die Liste lauten: weniger Arbeit, mehr Leben. Es mag aber andererseits auch Menschen geben, für die er heißen müsste: mehr zu mir passende Arbeit.

 Lebensfreude: Was Lebensfreude für jeden im Einzelnen heißt, sei dahingestellt. Das Leben verlangt uns Achtsamkeit für eigene Bedürfnisse und Aufmerksamkeit für unsere Umwelt ab, für unsere Nächsten und Liebsten. So bekommen wir auch in diesem Feld eine Chance zu Entwicklung und Wachstum. Meine Erfahrungen mit der Beratung von Paaren zeigten über Jahrzehnte dasselbe Muster: Zu Beginn leben sie ihre Liebe, schenken sich Zeit und Aufmerksamkeit und sind damit glücklich; nach fünf Jahren aber sind sie in aller Regel nur noch mit materiellen Themen beschäftigt, und meist ist auch die Liebe darin untergegangen. Eine gute Übung ist, auf sein Leben zurückblickend Bilanz zu ziehen, wie viel Zeit die Liebe und das, was man selbst liebt, bis heute bekommen haben und wie viel Zeit für materielle Interessen bereits draufgegangen ist.

 Gefühle: Beim Thema Lebensfreude geht es auch allgemein um mehr Gefühl – für viele von uns ein wichtiger fünfter Punkt. Sterbenden wird oft bedrückend klar, dass sie sich viel zu wenig Gefühlsausdruck erlaubt und sich und anderen damit so viel vorenthalten haben. Auf dem Sterbebett kommen dann oft Gefühle (her-)auf, die Angehörige überfordern, stecken sie doch meist zu tief in ähnlichem Verdrängungsschlamassel – aber besser hier und jetzt, als dass es gar nicht geschieht. Öffnen Sterbende dann manchmal das Füllhorn ihrer ein Leben lang zurückgehaltenen Gefühle, können deren Wellen noch manche Barriere wegspülen und Herzen erreichen und erweichen.

Heutzutage lernen Menschen manchmal erst auf dem Sterbebett – wegen der einkehrenden Ehrlichkeit –, sich mehr zu ihren Gefühlen zu bekennen als in ihrem ganzen Leben davor. Jetzt mag allerdings so viel Ungesagtes und Ungelebtes auf einmal hochdrängen, dass die Gefahr besteht, diesem emotionalen Sturm zu erliegen. Zu den eigenen Gefühlen zu stehen, ist jedenfalls ein vielfach notwendiger allgemeiner Punkt der Liste.

 Vergebung: Bis zum Schluss wird oft aufge(sc)hoben, sich selbst und anderen zu vergeben. Dabei wäre Vergebung ein weiterer allgemeiner Punkt für die Liste vor der Kiste. Mitten im Leben, solange alle noch viel davon haben, wird Vergebung das Leben in großem Maß bereichern. Aus der Arbeit mit Ritualen des Verzeihens weiß ich, wie viel blockierte Energie und Lebensfreude frei wird durch bewusstes ehrliches Loslassen von Vorwürfen. Die Heilkraft des Verzeihens hat schon wahre Wunder bewirkt. Wie unsinnig, jemand anderem etwa ein halbes Leben lang oder länger nachzutragen! Nur man selbst hat Last, Belastung und Beschwerden davon. Es ist eigentlich nur eine Frage der Intelligenz, sich mit Groll und Hass rechtzeitig auseinanderzusetzen und solche Lasten loszulassen. Am besten ist, gleich hier und jetzt einen sechsten Punkt auf der Liste daraus zu machen.

 Freundschaft: Bei hochbetagten Menschen sind Freunde oft nicht mehr zahlreich – sei es, dass sie schon vorausgegangen sind, sei es, dass man sie aus den Augen verloren hat. Sie fehlen dann am Totenbett, aber vor allem in den letzten Jahren, Monaten, Wochen. Wem das letzte Stündlein schlägt, der ist am besten im Kreis seiner besten, engsten Freunde oder Freundinnen aufgehoben. Vorher viel Zeit mit besten Freunden zu verbringen, könnte deshalb ein nächster wichtiger allgemeiner Punkt auf der Liste von vielen von uns sein.

Häufig liegt der Grund für Einsamkeit im Alter einfach darin, dass Freundschaften zu wenig geschätzt und gepflegt wurden. Dass man sich aus den Augen verloren hat, liegt oft auch daran, dass diese auf Banknoten fixiert waren. Gute Noten bei Banken, die sogenannte Bonität, hat mit einem erfüllten Leben aber nicht das Geringste zu tun, eher im Gegenteil. Und die sogenannten Boni, die sich Banker im Selbstbedienungsverfahren genehmigen, um sich vermeintlich Gutes zu tun, zeugen eher von Charakterschwäche und fehlender moralischer Integrität. Zumindest haben die Banker nicht so weit gedacht wie Einstein, der schon wusste: »Alles, was gezählt werden kann, zählt nicht notwendig. Alles, was zählt, kann nicht notwendig gezählt werden.«

Wer vor lauter Geldverdienen, Fremdbestimmung und wirtschaftlicher Zwänge erfüllende Gespräche und verbindenden Austausch versäumt, ist am Ende schlecht dran und sehr allein. Freunde aus den Augen zu lassen, ist ein Fehler, der oft nicht mehr gutzumachen ist, Freundschaften rechtzeitig zu pflegen dagegen wundervoller Bestandteil eines erfüllten Lebens.

Als sich von meinen drei besten Freunden zwei unerwartet früh per Unfall eben gerade nicht verabschiedeten, sondern einfach davonmachten, wurde mir erst bewusst, was wir alles versäumt hatten. Viele Pläne und Träume hatten wir ohne Not aufge(sc)hoben – aber für wann? Robert Louis Stevenson, der schottische Dichter, dem wir das »Schattenstück« Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde und Klassiker wie Die Schatzinsel verdanken, sagte: »Wir sind alle Wanderer in der Wildnis der Welt, und das Beste, was wir auf unseren Reisen finden können, ist ein ehrlicher Freund.«

Ähnlich wie mit Freunden ist es oft auch mit scheinbaren Kleinigkeiten. Wenn ich nicht bald anfange, die Bücher zu lesen, die ich noch unbedingt lesen möchte, statt nur meinen Alltagskram durchzusehen, brauche ich eine sehr lange Pensionszeit. Dabei wollte ich eigentlich gar nicht in Pension gehen. Da stimmt doch irgendetwas nicht in meinem Leben … Wem kommen solche Gedanken eventuell bekannt vor?

 Disziplin: Ein zweischneidiges Schwert ist die Disziplin. Einerseits leiden viele im Rückblick an zu viel Disziplin und Unterwerfung hinsichtlich fremder Erwartungen sowie an selbstschädigendem Gehorsam. Andererseits ist zu wenig Disziplin in Bezug auf eigene Hoffnungen, Träume und Visionen gefährlich. Zu Anfang des Gymnasiums wollte ich noch alle drei alten Grundsprachen unserer Kultur lernen und fing auch begeistert damit an, aber Hebräisch war so anders und schwer und Skifahren so viel spannender, und schon gab ich es auf, nachdem ich gerade mal die Buchstaben konnte. Griechisch fiel späterem Pubertätsstress zum Opfer, und wieder war ich nicht viel über die Buchstaben hinausgekommen. Wäre Latein nicht Pflicht gewesen, wahrscheinlich hätte ich es auch aufge(sc)hoben. Heute finde ich keine Zeit mehr dafür, denke aber wehmütig zurück, wie leicht es mir damals gefallen ist zu lernen, und bedauere, wie viel Inspiration und Freude mir heute entgehen, da ich die Originaltexte nicht lesen kann. Dazu hätte ich damals »nur« mehr Disziplin aufbringen müssen.

Von der Wortbedeutung steckt in Disziplin der Schüler (lat. discipulus), allerdings erstreben heute alle rasch Meisterschaft. Dabei lehrt uns östliche Weisheit, wie wichtig es ist, im sogenannten Schüler-Bewusstsein zu bleiben und sofort woanders von Neuem Schüler zu werden, sobald man irgendwo Meisterschaft errungen hat. Die westliche Glücksforschung kann den Vorteil bestätigen: Lernende sind immer messbar glücklicher als diejenigen, die aufgegeben haben, lernend zu wachsen. Schüler-Bewusstsein macht nicht nur glücklich, sondern hilft uns offenbar am Lebensende, wenn unsere Zeit gekommen ist, auch leichter loszulassen und zu gehen. In Faust II lässt Goethe den Chor sagen: »Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen!«

Wir sollten sicher keine Streber werden, aber es ist in jeder Phase (des Lebens) hilfreich, sich mit Engagement und Disziplin um Ziele zu bemühen. Vor allem wird dies im letzten Lebensabschnitt besonders deutlich, und vor diesem Hintergrund wird Schüler-Bewusstsein zu einem entscheidenden Punkt.

 Die innere Stimme: Wenn wir im Laufe unseres Lebens – je früher, desto besser – hören, horchen und gehorchen lernen, können wir Letzteres mehr auf unsere innere Stimme beziehen als auf äußere Befehlshaber und -geber. Verbinden wir dann Disziplin mit Konsequenz, werden wir unsere Träume und Wünsche leichter verwirklichen können, und das erleichtert das Loslassen am Ende ungemein. Die innere Stimme hören und zu beachten lernen, wäre also ein guter allgemeiner Punkt.

 Ent-Täuschung: Ratsam ist, Enttäuschungen frühzeitig durch ein entsprechend mutiges Leben durchzustehen und zu erlösen – und sie sich nicht fürs Totenbett aufzuheben. Wir würden das Leben verfehlen, wenn wir am Ende voller Fehler und Täuschungen daliegen. Wir könnten lernen, in Enttäuschungen die Täuschung zu erkennen und in allen Fehlern Fehlendes zu entdecken und diese Einsichten zu integrieren. Bei Missgriffen oder Fehlern (engl. mistakes) werden wir im Grunde aufgefordert, neuerlich und besser zuzugreifen. Haben wir aufgrund unseres Missgeschicks (franz. malheur) schlimme Stunden durchlitten, sollten wir auf bessere hoffen. Wir können also verhindern, voller Fehler und Täuschungen auf der Strecke zu bleiben und bei der Bilanz am Ende in Enge und Angst zu geraten.

»Nur wer wagt, gewinnt«, lehrt das Sprichwort, und das gilt fürs ganze Leben. Wer es wagt und sein Leben lebt, wird am Ende gewinnen, jedenfalls viel eher als diejenigen, die es aufge(sc)hoben haben – um zum Schluss mit allem Offengebliebenen konfrontiert zu werden, mit Rechnungen, die dann nicht mehr oder nur noch sehr schwer und unter Zeitdruck zu begleichen sind.

Gehen wir es an, das Leben. Und wer es wagt, sich Enttäuschungen zu stellen, wer sie als Ende von Täuschungen zu sehen lernt, der wird es leichter haben, sich seine Wünsche zu erfüllen und seine Träume zu verwirklichen, oder er vermag mit jeder Ent-Täuschung Stück für Stück diese Welt der Illusion aus Raum und Zeit mehr zu durchschauen. Aus spiritueller Perspektive können wir sowieso nur gewinnen, denn das eine ist so gut wie das andere, und alles wird gut mit dieser Lebenseinstellung. Fehler und Enttäuschungen als Chancen zu begreifen, ist demnach ein himmlischer, weil dem Himmel näherbringender Punkt auf unserer Liste.

 Der Tod als Freund: Es ist viel mehr als nur ein guter Trick, den Tod als Freund und Lebenshelfer und manchmal sogar Lebensretter anzuerkennen und einzubinden. Der Familientherapeut Bert Hellinger ließ nach schwerer Krankheit und im bereits hohen Alter auf der Bühne einen Sessel für den Tod aufstellen – direkt neben sich. Der Effekt war tief und verblüffend. Es war einer der Vorträge, die ich nicht vergessen werde. Letztlich ist es also nicht erstaunlich und befremdlich, wenn Gevatter Tod in der Literatur als Freund (Hein) dargestellt wird, der hilft, vieles noch in Ordnung zu bringen, bevor es endgültig zu spät ist. Es wird nur ein wenig enger auf der Couch, wenn man spürt, dass er immer neben einem sitzt. Hier ist nicht nur an Hugo von Hofmannsthals Jedermann und seinen bayerischen »Kollegen«, Franz von Kobells Brandner Kaspar, zu denken. In dem sehenswerten Film Rendezvous mit Joe Black erscheint der Tod ganz menschlich und in der Gestalt von Brad Pitt sogar ausnehmend attraktiv. Zum Schluss macht der Tod alle ehrlich und räumt so lange auf, bis alles wieder in Ordnung ist – und niemand kann das besser als er. Lassen wir uns also von ihm helfen, unser Leben aufzuräumen.

Auch Volkslieder widmen sich häufig diesem wahrscheinlich wichtigsten Thema des Lebens, etwa in Hoch auf dem gelben Wagen, in dem der Tod als Schwager mit auf dem Kutschbock sitzt. Was auch immer an Themen hochkommt auf der Lebensreise, der Refrain macht klar: »… aber der Wagen, der rollt«. Das Leben folgt seinem Rhythmus, auch wenn einer geht und die Ebene wechselt; der Wagen des Lebens rollt weiter und darüber hinweg. Das Leben macht nicht halt.

Gevatter Tod wird schlussendlich auf alle Fälle helfen, vieles selbst noch auf dem Totenbett in Ordnung zu bringen. Darüber hinaus besteht sein besonderes Geschenk an uns darin, ihn schon jederzeit vorher einladen, kennenlernen und seine bereitwillig angebotenen Gaben in Form von Erkenntnissen in Empfang nehmen zu dürfen. Sein größtes Geschenk ist Ehrlichkeit sich selbst, anderen und dem Lebensweg gegenüber. Doch da gibt es noch etwas: Die Franzosen nennen den Orgasmus le petit mort, den »kleinen Tod«. Er lässt uns aber nicht die Endlichkeit, sondern die Unendlichkeit erfahren.

Der Tod, der uns unsere Endlichkeit vor Augen führt, verbindet uns mit der Unendlichkeit. Das macht ihn so faszinierend und wichtig. Aber wir können diesem Augenblick von Wirklichkeit in der Zeit auch fern vom physischen Tod begegnen, nicht nur im Orgasmus, sondern etwa auch bei der Meditation. Zen-Meister Deshimaro sagte, er steige in die Grube, wenn er sich zum Zazen setze, und meinte, sein Ego müsse dabei sterben.

Das Ego ist es, das uns an die beiden großen Täuscher, Raum und Zeit, kettet und uns vorgaukelt, wir hätten alle Zeit der Welt, und uns damit von der einzigen Zeit fernhält, in der wir wirklich leben können: dem Hier und Jetzt. Wann immer wir in die Gegenwart eintauchen, wachsen wir über die Endlichkeit hinaus und erfahren Unendlichkeit – das sind Augenblicke des Erwachens.

Alles, was die Illusion zerstört, wir hätten noch alle Zeit der Welt, kann uns helfen, natürlich auch Momente der Lebensfreude, in denen wir wirklich ankommen wie beim Augenblick des Loslassens im Orgasmus, wenn das Ego mitten im Leben sterben kann – für kurze Zeit. Den Tod in Zukunft auch schon in jedem Alter als Freund zu sehen, könnte uns im Leben unglaublich punkten lassen.