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Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

1.

Die See war glatt wie eine geschliffene Marmorplatte. Die Seevögel, die noch vor Minuten die kleine Karacke begleitet hatten, waren so plötzlich verschwunden, als hätte das Meer sie verschluckt. Schlaff hingen die Segel von den Masten. Es war, als hätte die Welt aufgehört zu atmen.

Die Männer aus Gambia standen an Deck und starrten sich aus großen Augen an, in denen die Furcht vor dem Unbekannten zu lesen war.

Die jungen Frauen und Mädchen hatten sich unter der Back verkrochen und hockten zusammengedrängt auf den Mitteldecksplanken. Ihre Bekleidung bestand aus einem schmalen Hüfttuch, das sie sich vor ihrer Abreise auf Flores besorgt hatten.

Eine der Frauen begann leise zu wimmern. Die anderen kümmerten sich nicht darum. Sie hatten alle mit ihrer eigenen Angst genug zu tun.

Der große Schwarze auf dem Quarterdeck krampfte beide Hände um die Reling. Die Engländer, die sie aus dem Bauch des spanischen Schiffes befreit hatten, hatten ihm die Grundbegriffe des Segelns beigebracht, aber sie hatten ihm nicht gesagt, was er tun sollte, wenn das Meer und der Wind sich in ein furchteinflößendes Schweigen hüllten.

Die Stille war unheimlich. Nicht einmal das Knarren der Takelage, das sie seit den beiden Tagen, die sie auf See waren, ständig in den Ohren gehabt hatten, war mehr zu hören.

Der große Schwarze spürte die Angst, die ihn ebenso wie seine Brüder und Schwestern gepackt hatte. Er versuchte sie abzuschütteln, aber die Ehrfurcht vor der Mutter Natur ließ seine Händeleicht zittern.

„Fürchtet euch nicht!“ rief er mit heiserer Stimme über Deck. „Der schlafende Wind wird bald wieder erwachen und unsere Segel füllen.“

„Nein, Bogo!“ rief einer der Männer auf dem Mitteldeck. „Das große Wasser ist ein Verbündeter der weißen Männer! Es mag uns nicht, und es wird uns verschlingen!“

„Rede keimen Unsinn, Onoba!“ rief Bogo. „Wir werden …“

Ein tiefes Grollen, das aus der Tiefe des Meeres aufzusteigen schien, riß dem Schwarzen auf dem Quarterdeck die Worte von den Lippen. Die Frauen unter der Back begannen zu kreischen und zu wimmern. Sie preßten sich noch enger zusammen und verbargen ihre Köpfe unter verschränkten Armen.

Für die einunddreißig Männer und siebzehn Frauen hatte der Weltuntergang begonnen. Sie warfen sich auf die Decksplanken, als die Karacke plötzlich, wie von einer unsichtbaren Faust gepackt, angehoben und zur Seite geschleudert wurde.

Das dumpfe Grollen war in ein schmetterndes Donnern übergegangen. Die Luft war von einem Moment zum anderen mit einem Höllenlärm angefüllt. Die Karacke krängte stark nach Steuerbord. Kreischend rutschten die Schwarzen über das schräggeneigte Deck und suchten verzweifelt nach einem Halt.

Bogo, der an der Steuerbordreling des Quarterdecks in die Knie gegangen war, beobachtete mit weit aufgerissenen Augen, wie dicht neben dem Rumpf des Schiffes das Wasser zu kochen begann. Eine Fontäne jagte mit einem Knall in die Höhe und überschüttete das Deck. Im Nu schwamm das Mitteldeck. An den Speigatten gurgelte das Wasser, als es sich seinen Weg zurück ins Meer suchte.

Nur eine Kabellänge von der Karacke entfernt brach das Meer auf. Riesige Wellenberge schienen von diesem Höllenauge inalle Richtungen zu springen.

Ungläubig starrte Bogo den heranbrausenden Wassermassen entgegen.

„Haltet euch fest!“ brüllte er. Er erkannte seine eigene Stimme nicht wieder. Krampfhaft dachte er daran, was ihm die Engländer gesagt hatten. Bei Sturm mußten als erstes die großen Segel eingeholt werden.

Sein Kopf ruckte in die Höhe.

Sturm?

Die Segel hingen immer noch schlaff von den Rahen!

Der erste Wellenberg traf die Karacke. Er warf das Schiff herum und überschüttete die Decks. Durch das Brausen und Donnern hörte Bogo noch andere Laute. Holz splitterte. Die Rahe des Fockmastes war auf die Back gestürzt und hatte sich durch die Planken gebohrt.

Bogo konnte nicht sehen, ob eine der Frauen unter der Back verletzt worden war. Eine zweite riesige Welle packte das Schiff und drehte es herum. Es neigte sich stark nach Backbord.

Bogo schloß in diesem Augenblick mit seinem Leben ab. Onoba hatte recht gehabt. Das Meer war drauf und dran, sie zu verschlingen. Die bösen Geister gestatteten es nicht, daß schwarze Männer ein Schiff über ihren Rücken steuerten.

Eine weitere Welle richtete die Karacke wieder auf. Bogo hörte einen entsetzten Schrei. Er sah, wie Onoba von den Wassermassen gepackt und in die Höhe geschleudert wurde. Doch bevor die Welle ihn über das Schanzkleid reißen konnte, griff Onoba nach den Wanten des Großmastes und krallte seine Finger darum.

Sekundenlang hing er außenbords. Bogo sprang mit einem Satz auf die Reling des Quarterdecks und warf sich nach vorn in die Wanten. Er ließ sich aufs Mitteldeck fallen, und bevor Onobas Hand sich von dem geteerten Tau der Großmastwanten lösen konnte, hatte Bogo sie gepackt. Mit einem wilden Schrei zog Bogo Onoba an Deck zurück.

Es schien, als hätte Bogos Schrei die bösen Geister vertrieben, die sich in die Herzen der Schwarzen genistet hatten.

Die Männer, die platt auf den Decksplanken lagen und sich irgendwo festgeklammert hatten, sprangen auf und eilten Bogo zu Hilfe. Die Frauen kreischten nicht mehr.

Bogo starrte zu der Stelle hinüber, die die mächtigen Wellenberge ausgespuckt hatte. Das Wasser schlug dort große Blasen. Dämpfe stiegen in den wolkenlosen Himmel, wenn sie platzten.

Bogos Kopf ruckte herum. Weit hinten rollten die riesigen Wellen davon. Die Karacke dümpelte in einer langen Dünung, die dem Schiff nicht mehr gefährlich werden konnte.

„Tarim!“ rief Bogo. „Stell dich wieder ans Ruder und halte das Schiff so, daß die Wellen gegen den Bug laufen!“

Ein große schlanker Mann, der noch am ganzen Körper zitterte, lief unter das Quarterdeck und drückte mit dem Kolderstockdie Pinne nach Steuerbord.

Bogo schickte drei weitere Männer auf die Back, um die zersplitterte Rahe über Bord zu werfen.

Die ersten Frauen tauchten unter der Back auf. Als sie sahen, daß die Männer sich wieder um das Schiff zu kümmern begannen, verloren sie langsam ihre Furcht. Doch als die erste von ihnen, ein vielleicht fünfzehnjähriges Mädchen, das brodelnde Wasser und die heißen Dämpfe sah, flüchtete es kreischend unter die Back zurück.

Bogo erschrak, als mit einem lauten Knall eine weitere Fontäne aus dem Wasser stieg und kurz darauf große Blasen an der Wasseroberfläche zerplatzten und weiße Dämpfe ausspuckten, die einen unerträglichen Gestank verbreiteten.

Doch der große Mann wußte, daß er keine Furcht zeigen durfte. Er mußte seinen Brüdern durch sein Verhalten beweisen, daß die bösen Geister nicht die Absicht hatten, sie zu vernichten Er trieb die Männer an, gab ihnen Aufgaben, befahl das Deck zu säubern und die Takelage wieder in Ordnung zu bringen. Zehn Männer beauftragte er damit, eine neue Rahe am Fockmast hochzufieren, aber sie schafften es nicht, sie richtig anzubringen.

Verzweiflung krampfte Bogos Herz zusammen. Erst zwei Tage waren sie unterwegs, und die Fahrt zurück in ihre Heimat würde sicher noch mehr als dreißig Tage dauern.

Gewiß, die Engländer hatten ihnen die Handhabung der Karacke erklärt und ihnen in der kurzen Zeit einiges beigebracht. Aber genügte das, um eine so weite Fahrt unbeschadet zu überstehen? Wenn sie wenigstens Batuti bei sich gehabt hätten! Aber der hatte sich entschieden, bei den weißen Männern zu bleiben.

Ein leises Rauschen schreckte Bogo aus seinen Gedanken. Sein Kopf ruckte hoch. Er sah, wie sich das Großsegel zu blähen begann. Die Leinwand knatterte und schlug gegen den Mast, doch dann hatte der aufkommende Wind das Segel gefüllt, und das Schiff nahm Fahrt auf.

Die Männer fielen sich in die Arme vor Freude. Sie blickten hinaus zu der Stelle, an der das Wasser immer noch zu kochen schien. Sie hatten die bösen Geister besiegt. Sie brauchten keine Angst mehr zu haben. Jetzt würden sie es auch schaffen, nach Hause zu segeln.

Erst nach Minuten bemerkte Bogo, daß der Wind aus südlicher Richtung wehte. Die Karacke lief nach Norden – zurück zu der kleinen Insel, von der aus sie ihre Heimreise angetreten hatten.

Die Sonne stand im Zenit. Bogo bemerkte verzweifelt, wie der Wind stetig auffrischte, und er hatte nicht den Mut, das Schiff wenden zu lassen. Die Engländer hatten ihnen gezeigt, wie man eine Karacke schräg gegen den Wind fuhr, doch Bogo zweifelte daran, daß sie in der Lage waren, das so hastig Gelernte in die Tat umzusetzen.

Vielleicht war es doch besser, sie fuhren zurück zu der kleinen Insel und warteten bei den Engländern, bis der Wind aus Norden wehte und sie zurück an die afrikanische Westküste trieb.

Bogo sprach mit Tarim und Onoba und den anderen Männern. Der Schreck saß ihnen allen noch zu tief in den Knochen. Sie hatten ihren Mut verloren. Sie waren bereit, ihr Schiff dorthin laufen zu lassen, wohin der Wind es trieb. Vielleicht besänftigte das die bösen Geister, denen sie noch einmal entkommen waren.

Bogo erkannte die Insel an ihrer höchsten Erhebung wieder. Von dort aus waren sie losgesegelt. Fast drei Tage waren inzwischen vergangen, und er hoffte, daß die Engländer noch nicht wieder fortgesegelt waren.

Bogo wußte nicht, was er von den Engländern erwartete. Was konnten die weißen Männer, die sie von den Spaniern befreit hatten, schon anderes tun, als ihnen Mut zuzusprechen?

Daß sie die Karacke nicht bis an die Küste Afrikas begleiten würden, war Bogo klar. Er wußte, daß der Führer der Engländer so schnell wie möglich nach Norden in seine Heimat zurücksegeln wollte.

Der Wind, der jetzt stetig von Süden blies, trieb die Karakke auf die dunkle Küste zu. Zerrissene Felsen vulkanischen Ursprungs reichten weit hinaus ins Meer. Eine halbe Meile vor den Felsen trugen die Wellen kleine Schaumkronen.

Bogo erschrak, als er sah, wie dicht sie bereits an der Küste waren. Er schrie ein paar Befehle über das Deck, doch die Männer, die zur Insel hinübergestarrt hatten, reagierten nur langsam.

Bogo zitterte, als er sah, wie sich die Karacke nur langsam drehte und immer mehr auf die Stelle zutrieb, wo sich die Wellen an einem unterirdischen Hindernis brachen.

Über Bogo knatterte das Großsegel und schlug gegen den Mast. Er sah, wie zwei Männer an einem Tau zerrten, um das Segel zu trimmen. Es war das verkehrte. Die Großsegelschot wurde vom flatternden Segel übers Deck geschleift, und ehe die Schwarzen es packen und belegen konnten, sauste es mit einem peitschenartigen Knall über Bord und klatschte ins Wasser.

Einer der Männer, die sich auf der Back aufhielten, nahm sich ein Herz und warf sich dem flatternden Großsegel entgegen. Er packte zu und hangelte sich an die Schot heran, bis er sie in den Händen hielt. Die anderen Männer faßten mit zu und halfen ihm, das Segel zu bändigen. Zu viert zogen sie an der Schot, liefen zurück bis zum Achterkastell und belegten sie an der Nagelbank.

Bogo atmete auf. Das war noch einmal gutgegangen. Er beugte sich über die Reling des Achterdecks und blickte hinab ins Wasser, das eine hellgrüne Färbung angenommen hatte. Er erschrak, als er dicht unter der Wasseroberfläche das schwarze Lavagestein sah. Er brüllte dem Mann am Kolderstock einen Befehl zu, doch es war zu spät.

Zuerst war nur ein leises Knirschen zu hören. Die Karacke begann zu zittern. Dann war es Bogo, als würde ein riesiges Ungeheuer das Schiff unter Wasser packen und zu sich hinabzerren.

Die Karacke schüttelte sich. Das Knirschen ging in ein lautes Krachen und Bersten über. Das Schiff legte sich nach Steuerbord, so daß ein Schwung Wasser über das Schanzkleid rauschte und die kreischenden Frauen unter der Back durcheinanderwirbelte.

Bogo konnte sich im letzten Moment an der Achterdeckreling festkrallen. Sein Kopf knallte gegen Holz, und er sah Sterne. Er öffnete den Mund, um seinen Männern zu befehlen, das Schiff zu verlassen, doch in diesem Augenblick richtete sich die Karacke wieder auf. Das Knirschen war verstummt.

Bogo schüttelte sich und sprang auf die Beine. Das Schiff war wieder frei!

Er lief zum Niedergang, der aufs Mitteldeck hinabführte. Er wußte, daß er jetzt bei seinen Gefährten sein mußte, damit sie nicht den Kopf verloren.

Die Frauen und Mädchen hatten sich wieder unter der Back zusammengekauert und starrten Bogo mit vor Angst weit aufgerissenen Augen an.

Die meisten Männer lagen noch platt auf dem gewölbten Mitteldeck und krallten sich an allem fest, was ihnen einigermaßen Halt bot.

„Steht auf, Männer!“ rief Bogo. „Wir sind wieder frei! Es kann nicht mehr lange dauern, dann haben wir die Bucht erreicht. Die Engländer sind bestimmt noch da. Sie werden uns helfen!“

Onoba und Tarim stellten sich an Bogos Seite. Sie ahnten wohl, daß sie alle verloren waren, wenn sie jetzt nicht die Nerven behielten. Bogo jagte die Männer an ihre Plätze. Die Segel mußten besser getrimmt werden, sonst trieb der Wind sie abermals auf die unter Wasser liegenden Felsen.

Bogo zuckte regelrecht zusammen, als er den Schrei hörte, der von der Back über das Schiff wehte. Es war ein Schrei voller Angst und Entsetzen.

„Wir sinken!“

Bogo befahl Onoba und Tarim, sich um die Männer zu kümmern.

„Wir müssen es bis zur Bucht schaffen!“ Er wies auf einen zerklüfteten Lavafinger, der weit ins Meer hinausragte und nur noch eine knappe Seemeile von der Karacke entfernt war. „Dort hinten ist die Bucht. Dort sind wir in Sicherheit!“

Er rief einen weiteren Mann herbei und verschwand mit ihm unter Deck. Die Gedanken in seinem Kopf jagten sich. Was war, wenn die Engländer die kleine Bucht von Punta Lagens schon wieder verlassen hatten? Was war mit den Soldaten, die diese Karacke von Spanien zur Azoreninsel Flores gebracht hatten und auf dem Morro Grande eine Ausguckstation hatten bauen sollen? Würden die Spanier sie mit geladenen Kanonen erwarten?

Bogo biß sich die Unterlippe blutig. Nein, niemals wieder würde ihn ein weißer Mann in Ketten legen. Lieber wollte er sterben.

„Hörst du es gurgeln?“ fragte Sedom, der Mann, der ihm aufs Unterdeck gefolgt war.

Bogo zuckte zusammen. Er lief zum Bug, aber nirgends konnte er ein Leck entdecken. An der Ladeluke zum Laderaum warf sich sich auf den Bauch und starrte in die Dunkelheit hinunter.

Das Rauschen und Gurgeln, das er hörte, ließ seine Kopfhaut kribbeln. Er konnte nicht sehen, wie groß das Loch war, durch das Wasser ins Schiff strömte, aber er wußte, daß die Karacke nicht mehr lange schwimmen würde. Sie mußten sie unverzüglich an Land bringen oder aber im Boot verlassen.

Bogo schüttelte verzweifelt den Kopf. Sie durften das Schiff nicht verlieren. Es war die einzige Möglichkeit, zurück in ihre Heimat zu gelangen. Sie mußten die Bucht erreichen, und wenn die Engländer noch in Punta Lagens waren, würden sie ihnen helfen, die Karacke abzudichten.

Bogo richtete sich auf. Durch das Plätschern des eindringenden Wassers hörte er die Schreie, die vom Deck zu ihm herunterdrangen.

Was war da schon wieder los?

Bogo lief zum Niedergang und war mit wenigen Schritten wieder auf dem Hauptdeck. Er spürte, daß das Schiff sich schon zur Seite legte und am Bug wegsackte.

Tarim und Onoba liefen auf Bogo zu. Ein dumpfes Krachen, das von weither ertönte, erfüllte die Luft. Entsetzt blickte Bogo hinaus aufs Wasser.

Tarim wies mit einer Hand hinüber zu dem zerklüfteten Lavafinger, hinter dem kleine Wölkchen in den wolkenlosen Himmel stiegen.

„Da, sie schießen!“ rief er. „Bestimmt haben die Spanier die Engländer angegriffen! Wir müssen umkehren und von hier verschwinden!“

Bogo schüttelte den Kopf.

„Wir können nicht umkehren, Tarim“, sagte er. „Unser Schiff läuft voll Wasser. Wenn wir es nicht bald an Land setzen können, wird es untergehen.“

Tarim und Onoba schauten Bogo entsetzt an.

„Dann werden wir also doch als Sklaven verkauft“, murmelte Onoba tief enttäuscht, „oder die Spanier werden uns töten.“

Bogo straffte die Schultern. Er wußte, wie schnell seine Gefährten den Mut verlieren konnten. Sie brauchten jemanden, der ihnen mit gutem Beispiel voranging.

„Männer!“ rief er. „Hört mich an! Wir alle wollen keine Sklaven werden. Wir wollen unsere Freiheit verteidigen! Wir müssen jetzt an Land gehen, um das Loch in unserem Schiff zuzustopfen. Vielleicht können wir den Engländern, die dort in der Bucht mit den Spaniern kämpfen, zu Hilfe eilen und gemeinsam die Spanier töten. Es ist unsere einzige Chance, denn nur die Engländer können unser Schiff reparieren.“

Die Schwarzen schrien durcheinander. Ein paar von ihnen hatten Musketen in den Händen, die Philip Hasard Killigrew ihnen mitgegeben hatte. Andere liefen zu den Nagelbänken und zogen Belegnägel heraus, mit denen sie den Spaniern auf die Köpfe klopfen wollten.

Bogo gab ruhig seine Befehle. Er hatte die Entschlossenheit auf den Gesichtern seiner Gefährten gesehen, und er wußte, daß sie ihr Leben aufs Spiel setzen würden, um ihre Freiheit zu behalten.

Der Bug der Karacke war immer tiefer abgesunken. Sie bewegte sich nur noch schwerfällig voran. Die Backgräting wurde bereits vom Meerwasser überschwemmt.

Bogo starrte auf die Spitze des Lavafingers, den sie fast erreicht hatten. Atemlos wartete er darauf, daß sie Einblick in die kleine Bucht erhielten, in dem die beiden von den Engländern gekaperten spanischen Galeonen vor Anker lagen.

Die Mastspitzen der Schiffe tauchten auf. Das Krachen der Kanonen und die helleren Schüsse der Musketen waren jetzt deutlich zu hören. Geschrei schallte zur Karacke hinüber.

Bogo hatte die Hände zu Fäusten geballt. Hoffentlich war es noch nicht zu spät!

Die schwer beschädigte Karacke schob ihren Bug um den Lavafinger und gab den Blick in die Bucht von Punta Lagens frei. Bogo sah die kleine Ortschaft, deren Häuser an den schrägen Abhang gebaut waren, der bis nahe zum Strand abfiel.

In der Ortschaft wurde nicht gekämpft. Bogos Augen suchten den runden Strand ab, und plötzlich sah er wieder die grauen Wölkchen aufsteigen. Das Krachen folgte Sekundenbruchteile danach. Eine Kugel schlug in die schwarzen Lavafelsen und riß große Brocken heraus. Prasselnd fielen sie herunter. Ein paar Spanier, die sich am Fuße der Felswand aufhielten, sprangen auf und rannten davon. Schüsse peitschten auf, und die Spanier, deren Helme in der hellen Nachmittagssonne glänzten, warfen sich platt in den Sand.

Bogo blickte zu der Stelle hinüber, an der die Schüsse abgefeuert worden waren. Seine Augen begannen zu leuchten. Er drehte sich zu seinen Männern um und rief: „Wir kommen nicht zu spät! Seht, die Engländer haben sich verschanzt! Los, Männer! Setzt das Schiff auf den Strand, und dann werden wir die Spanier aus ihren Löchern jagen!“

Der Südwind blies genau in die Bucht hinein. Die schwerfällige Karacke fuhr langsam an den beiden ankernden Galeonen vorbei. Bogo sah die überraschten Gesichter der beiden Männer, die als Ankerwachen auf den Schiffen geblieben waren, und winkte ihnen zu. Er schickte seine besten Schützen mit ihren Musketen auf die Back, um von dort aus die Landung der anderen zu decken.

Dann knirschte der tief hängende Bug der Karacke über den Sand des flachen Strandes. Der Rumpf ächzte, und Bogo befürchtete für einen Moment, daß das Schiff auseinanderbrechen könnte, aber dann hatte er keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Er hielt sich am Schanzkleid fest, als er merkte, wie sich die Karacke langsam nach Steuerbord neigte, und als das Schiff mit einem Ruck auflief, schwang er sich laut schreiend über Bord. Er klatschte ins Wasser und schwamm auf den Strand zu.

Die anderen Schwarzen sprangen von der Backgräting hinab. Sie brüllten aus Leibeskräften. Die Männer mit Musketen hielten ihre Waffen hoch über dem Kopf, damit sie nicht mit dem Wasser in Berührung gerieten.

Endlich spürte Bogo Land unter den Füßen. Er stapfte und watete durch das Wasser. Von den Häusern sah er einen Mann herbeilaufen. Er hockte sich plötzlich hin und zog die lange Muskete, die er in den Händen hielt, an die Schulter.

Bogo wollte sich ins Wasser werfen, doch da krachte ein Schuß hinter ihm. Einer der Männer auf der Back der Karacke hatte gefeuert.

Der Mann vor den Häusern warf beide Hände in die Luft und kippte nach hinten um. Reglos blieb er liegen.

Ein wilder Schrei stieg aus den Kehlen der Schwarzen. Bogos Gesicht hatte sich zu einer Grimasse verzerrt. Etwas Besseres hatte nicht passieren können. Seine Gefährten hatten erkannt, daß die Spanier nicht unverwundbar waren. Einer der ihren hatte es geschafft, einen weißen Mann zu töten!

Ein Rausch schien die Schwarzen zu packen. Ungeachtet der weiteren Kugeln, die jetzt auf sie zuflogen, stürmten sie unter Bogos Führung an den Strand – auf die Stelle zu, wo sich die spanischen Soldaten verschanzt hatten.

2.

Philip Hasard Killigrew hockte neben Ferris Tucker und wartete, bis der Schiffszimmermann aus seinem Pulverhorn genügend Pulver in den Zündkanal des Fünfpfünders geschüttet hatte.

Neben ihnen kauerten die anderen Männer des Prisenkommandos im heißen Sand des schmalen Strandes. Der Graben, den sie ausgehoben hatten, gewährte ihnen nur wenig Schutz vor den Kugeln der Spanier, doch Hasard war froh, daß er die Männer hatte überzeugen können, diesen Graben auszuheben. Sonst wären sicher nur noch die Hälfte von ihnen am Leben gewesen.