Max und Moritz

(Wilhelm Busch)
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Erster Streich
Zweiter Streich
Dritter Streich
Vierter Streich
Fünfter Streich
Sechster Streich
Letzter Streich
Schluß
Charles Dickens, Johanna Spyri, Carlo Collodi, Rudyard Kipling, Mark Twain, Selma Lagerlöf, Harriet Beecher Stowe, Lewis Carroll, Robert Louis Stevenson, Jules Verne, Else Ury, Agnes Sapper, Wilhelm Busch, Heinrich Hoffmann, Gerdt von Bassewitz, Lothar Meggendorfer, Hans Christian Andersen, E.T.A Hoffman, Brüder Grimm, Hermann Bote, Julius Wolff, Gottfried August Bürger, Elsbeth Montzheimer, Frances Hodgson Burnett

Die beliebtesten Klassiker der Kinderliteratur in einem Band: Romane, Bildergeschichten, Märchen und Sagen

(Illustrierte Ausgabe)

Nesthäkchen + Heidi + Oliver Twist + Das Dschungelbuch + Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn + Max und Moritz + Der Struwwelpeter + Till Eulenspiegel und viel mehr
Übersetzer: Carl Kolb, Anton Grumann, Heinrich Conrad, H. Hellwag, W. E. Drugulin, Antonie Zimmermann
Illustrator: Enrico Mazzanti, John Lockwood Kipling, Georges Roux, True Williams, E. W. Kemble, Hammatt Billings, John Tenniel, Wilhelm Busch, Otto Ubbelohde, Anne Anderson, Bertall, William Heath
e-artnow, 2016
Kontakt: info@e-artnow.org
ISBN 978-80-268-5019-9

Editorische Notiz: Dieses eBuch folgt dem Originaltext.

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Ach, was muß man oft von bösen

Kindern hören oder lesen!

Wie zum Beispiel hier von diesen,

Erster Streich

Inhaltsverzeichnis

Mancher gibt sich viele Müh’

Mit dem lieben Federvieh;

Einesteils der Eier wegen,

Welche diese Vögel legen,

Zweitens: weil man dann und wann

Einen Braten essen kann;

Drittens aber nimmt man auch

Ihre Federn zum Gebrauch

In die Kissen und die Pfühle,

Denn man liegt nicht gerne kühle.–

Zweiter Streich

Inhaltsverzeichnis

Als die gute Witwe Bolte

Sich von ihrem Schmerz erholte,

Dachte sie so hin und her,

Daß es wohl das beste wär’,

Die Verstorb’nen, die hienieden

Schon so frühe abgeschieden,

Ganz im stillen und in Ehren

Gut gebraten zu verzehren.–

Freilich war die Trauer groß,

Als sie nun so nackt und bloß

Abgerupft am Herde lagen,

Sie, die einst in schönen Tagen

Bald im Hofe, bald im Garten

Lebensfroh im Sande scharrten.–

Dritter Streich

Inhaltsverzeichnis

Jedermann im Dorfe kannte

Einen, der sich Böck benannte.

Vierter Streich

Inhaltsverzeichnis

Also lautet ein Beschluß:

Daß der Mensch was lernen muß.

Nicht allein das Abc

Bringt den Menschen in die Höh’;

Nicht allein in Schreiben, Lesen

Übt sich ein vernünftig Wesen;

Nicht allein in Rechnungssachen

Soll der Mensch sich Mühe machen;

Sondern auch der Weisheit Lehren

Muß man mit Vergnügen hören.

Sechster Streich

Inhaltsverzeichnis

In der schönen Osterzeit,

Wenn die frommen Bäckersleut’

Viele süße Zuckersachen

Backen und zurechtemachen,

Wünschten Max und Moritz auch

Sich so etwas zum Gebrauch.

Letzter Streich

Inhaltsverzeichnis

Max und Moritz, wehe euch!

jetzt kommt euer letzter Streich!

Schluß

Inhaltsverzeichnis

Als man dies im Dorf erfuhr,

War von Trauer keine Spur.

Witwe Bolte, mild und weich,

Sprach “Sieh da, ich dacht es gleich!”

“Jajaja!” rief Meister Böck

“Bosheit ist kein Lebenszweck!”

Drauf so sprach Herr Lehrer Lämpel:

“Dies ist wieder ein Exempel!”

“Freilich”, meint’ der Zuckerbäcker,

“Warum ist der Mensch so lecker!”

Selbst der gute Onkel Fritze

Sprach: “Das kommt von dumme Witze!”

Doch der brave Bauersmann

Dachte: Wat geiht meck dat an!

Kurz, im ganzen Ort herum

Ging ein freudiges Gebrumm:

“Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei

Mit der Übeltäterei!”

Seht, da ist die Witwe Bolte,

Die das auch nicht gerne wollte.

In vier Teile, jedes Stück

Wie ein kleiner Finger dick.

Diese binden sie an Fäden,

Übers Kreuz, ein Stück an jeden,

Und verlegen sie genau

In den Hof der guten Frau.

Kaum hat dies der Hahn gesehen,

Fängt er auch schon an zu krähen:

Ihrer Hühner waren drei

Und ein stolzer Hahn dabei. –

Max und Moritz dachten nun:

Was ist hier jetzt wohl zu tun? –

Ganz geschwinde, eins, zwei, drei,

Schneiden sie sich Brot entzwei,

Kikeriki! Kikikerikih!!

Tak, tak, tak! - da kommen sie.

Hahn und Hühner schlucken munter

Jedes ein Stück Brot hinunter;



Aber als sie sich besinnen,

Konnte keines recht von hinnen.

In die Kreuz und in die Quer

Reißen sie sich hin und her,

Flattern auf und in die Höh’,

Ach herrje, herrjemine!

Ach, sie bleiben an dem langen,

Dürren Ast des Baumes hangen. –

Und ihr Hals wird lang und länger,

Ihr Gesang wird bang und bänger;

Jedes legt noch schnell ein Ei,

Und dann kommt der Tod herbei. –

Witwe Bolte in der Kammer

Hört im Bette diesen Jammer;

Ahnungsvoll tritt sie heraus:

Ach, sie bleiben an dem langen,

“Fließet aus dem Aug’, ihr Tränen!

All mein Hoffen, all mein Sehnen,

Meines Lebens schönster Traum

Hängt an diesem Apfelbaum! !”

Tiefbetrübt und sorgenschwer

Kriegt sie jetzt das Messer her;

Nimmt die Toten von den Strängen,

Daß sie so nicht länger hängen

Und mit stummem Trauerblick

Kehrt sie in ihr Haus zurück.-

Dieses war der erste Streich,

Doch der zweite folgt sogleich.

Ach, Frau Bolte weint aufs neu’,

Und der Spitz steht auch dabei.-

Max und Moritz rochen dieses;

“Schnell aufs Dach gekrochen!” hieß es.

Durch den Schornstein mit Vergnügen

Sehen sie die Hühner liegen,

Die schon ohne Kopf und Gurgeln

Lieblich in der Pfanne schmurgeln.–

Eben geht mit einem Teller

Witwe Bolte in den Keller,

Daß sie von dem Sauerkohle

Eine Portion sich hole,

Wofür sie besonders schwärmt,

Wenn er wieder aufgewärmt.–

-Unterdessen auf dem Dache

Ist man tätig bei der Sache.

Max hat schon mit Vorbedacht

Eine Angel mitgebracht.–

Schnupdiwup da wird nach oben

Schon ein Huhn herauf gehoben.

Schnupdiwup! jetzt Numro zwei;

Schnupdiwup! jetzt Numro drei;

Und jetzt kommt noch Numro vier:

Schnupdiwup! dich haben wir!!

Zwar der Spitz sah es genau,

Und er bellt: Rawau! Rawau!

Aber schon sind sie ganz munter

Fort und von dem Dach herunter.–

-Na! Das wird Spektakel geben,

Denn Frau Bolte kommt soeben;

Angewurzelt stand sie da,

Als sie nach der Pfanne sah.

Alle Hühner waren fort

“Spitz!!” -das war ihr erstes Wort.–

“Oh, du Spitz, du Ungetüm!!

Aber wart! ich komme ihm!!!”

Mit dem Löffel, groß und schwer,

Geht es über Spitzen her;

Laut ertönt sein Wehgeschrei,

Denn er fühlt sich schuldenfrei.–

Max und Moritz im Verstecke

Schnarchen aber an der Hecke,

Und vom ganzen Hühnerschmaus

Guckt nur noch ein Bein heraus.

Dieses war der zweite Streich,

Doch der dritte folgt sogleich.

Übers Wasser führt ein Steg,

Und darüber geht der Weg.

Alltagsröcke, Sonntagsröcke,

Lange Hosen, spitze Fräcke,

Westen mit bequemen Taschen,

Warme Mäntel und Gamaschen,

Alle diese Kleidungssachen

Wußte Schneider Böck zu machen.

Oder wäre was zu flicken,

Abzuschneiden, anzustücken,

Oder gar ein Knopf der Hose

Abgerissen oder lose,

Wie und wo und was es sei,

Hinten, vorne, einerlei,

Alles macht der Meister Böck,

Denn das ist sein Lebenszweck.

Drum so hat in der Gemeinde

Jedermann ihn gern zum Freunde.

Aber Max und Moritz dachten,

Wie sie ihn verdrießlich machten.

Nämlich vor des Meisters Hause

Floss ein Wasser mit Gebrause.

Max und Moritz, gar nicht träge,

Sägen heimlich mit der Säge,

Ritzeratze! voller Tücke,

In die Brücke eine Lücke.

Als nun diese Tat vorbei,

Hört man plötzlich ein Geschrei:

Schnelle springt er mit der Elle

Über seines Hauses Schwelle,

Denn schon wieder ihm zum Schreck

Tönt ein lautes: “Meck, meck, meck!”

Wieder tönt es: “Meck, meck, meck!”

Plumps! Da ist der Schneider weg!

Grad als dieses vorgekommen,

Kommt ein Gänsepaar geschwommen,

Welches Böck in Todeshast

Krampfhaft bei den Beinen faßt.

Beide Gänse in der Hand,

Flattert er auf trocknes Land.

Übrigens bei alledem

Ist so etwas nicht bequem;

Wie denn Böck von der Geschichte

Auch das Magendrücken kriegte.

Hoch ist hier Frau Böck zu preisen!

Denn ein heißes Bügeleisen,

Auf den kalten Leib gebracht,

Hat es wiedergutgemacht.

Bald im Dorf hinauf, hinunter,

Hiess es: “Böck ist wieder munter!”

Dieses war der dritte Streich,

Doch der vierte folgt sogleich.

“He, heraus! Du Ziegen-Böck!

Schneider, Schneider, meck, meck, meck!”

Alles konnte Böck ertragen,

Ohne nur ein Wort zu sagen;

Aber wenn er dies erfuhr,

Ging’s ihm wider die Natur.

Und schon ist er auf der Brücke,

Kracks! Die Brücke bricht in Stücke;

Daß dies mit Verstand geschah,

War Herr Lehrer Lämpel da.

Max und Moritz, diese beiden,

Mochten ihn darum nicht leiden,

Denn wer böse Streiche macht,

Gibt nicht auf den Lehrer acht.

Nun war dieser brave Lehrer

Von dem Tobak ein Verehrer,

Was man ohne alle Frage

Nach des Tages Müh und Plage

Einem guten, alten Mann

Auch von Herzen gönnen kann.

Max und Moritz, unverdrossen,

Sinnen aber schon auf Possen,

Ob vermittelst seiner Pfeifen

Dieser Mann nicht anzugreifen.

Einstens, als es Sonntag wieder

Und Herr Lämpel, brav und bieder,

In der Kirche mit Gefühle

Saß vor seinem Orgelspiele,

Schlichen sich die bösen Buben

In sein Haus und seine Stuben

Wo die Meerschaumpfeife stand;

Max hält sie in seiner Hand;

Aber Moritz aus der Tasche

Zieht die Flintenpulverflasche,

Und geschwinde - stopf, stopf, stopf!–

Pulver in den Pfeifenkopf.

jetzt nur still und schnell nach Haus,

Denn schon ist die Kirche aus.-

Eben schließt in sanfter Ruh

Lämpel seine Kirche zu;

Und mit Buch und Notenheften

Nach besorgten Amtsgeschäften

Lenkt er freudig seine Schritte

Zu der heimatlichen Hütte,

Lebend auf dem Rücken liegt;

Doch er hat was abgekriegt.

“Ach!” spricht er. “Die größte Freud

Ist doch die Zufriedenheit!”

Rums! - Da geht die Pfeife los

Mit Getöse, schrecklich groß!

Kaffeetopf und Wasserglas,

Tobaksdose, Tintenfaß,

Ofen, Tisch und Sorgensitz –

Alles fliegt im Pulverblitz.

Als der Dampf sich nun erhob,

Sieht man Lämpel, der - gottlob –

Lebend auf dem Rücken liegt;

Doch er hat was abgekriegt.

Nase, Hand, Gesicht und Ohren

Sind so schwarz als wie die Mohren,

Und des Haares letzter Schopf

Ist verbrannt bis auf den Kopf.

Wer soll nun die Kinder lehren

Und die Wissenschaft vermehren?

Wer soll nun für Lämpel leiten

Seine Amtestätigkeiten?

Woraus soll der Lehrer rauchen,

Wenn die Pfeife nicht zu brauchen?

Mit der Zeit wird alles heil,

Nur die Pfeife hat ihr Teil.

Dieses war der vierte Streich,

Doch der fünfte folgt sogleich.

Fünfter Streich

Inhaltsverzeichnis

Jeder weiß, was so ein Mai-

Wer in Dorfe oder Stadt

Einen Onkel wohnen hat,

Der sei höflich und bescheiden,

Denn das mag der Onkel leiden.

Morgens sagt man: “Guten Morgen!

Haben Sie was zu besorgen?”

Bringt ihm, was er haben muß:

Zeitung, Pfeife, Fidibus.

Oder sollt’ es wo im Rücken

Drücken, beißen oder zwicken,

Gleich ist man mit Freudigkeit

Dienstbeflissen und bereit.

Oder sei’s nach einer Prise,

Daß der Onkel heftig niese,

Ruft man:”Prosit!” alsogleich.

“Danke!” - “Wohl bekomm’ es Euch!”

Oder kommt er spät nach Haus,

Zieht man ihm die Stiefel aus,

Holt Pantoffel, Schlafrock, Mütze,

Daß er nicht im Kalten sitze.

Kurz, man ist darauf bedacht,

Was dem Onkel Freude macht.

Max und Moritz ihrerseits

Fanden darin keinen Reiz.

Denkt euch nur, welch schlechten Witz

Machten sie mit Onkel Fritz!

Käfer für ein Vogel sei.

In den Bäumen hin und her

Fliegt und kriecht und krabbelt er.

In die Tüte von Papiere

Sperren sie die Krabbeltiere.

Max und Moritz, immer munter,

Schütteln sie vom Baum herunter.

Bald zu Bett geht Onkel Fritze

In der spitzen Zippelmütze;

Seine Augen macht er zu,

Hüllt sich ein und schläft in Ruh.

Fort damit und in die Ecke

Unter Onkel Fritzens Decke!

Doch die Käfer, kritze, kratze!

Kommen schnell aus der Matratze.

Schon faßt einer, der voran,

Onkel Fritzens Nase an.

“Bau!” schreit er. “Was ist das hier?”

Und erfaßt das Ungetier.

Und den Onkel, voller Grausen,

Sieht man aus dem Bette sausen.

“Autsch!” - Schon wieder hat er einen

Im Genicke, an den Beinen;

Hin und her und rundherum

Kriecht es, fliegt es mit Gebrumm.

Onkel Fritz, in dieser Not,

Haut und trampelt alles tot

Guckste wohl, jetzt ist’s vorbei

Mit der Käferkrabbelei!

Onkel Fritz hat wieder Ruh

Und macht seine Augen zu.

Dieses war der fünfte Streich,

Doch der sechste folgt sogleich.

Doch der Bäcker, mit Bedacht,

Hat das Backhaus zugemacht.

Puff! Sie fallen in die Kist’,

Wo das Mehl darinnen ist.

Ratsch! Da kommen die zwei Knaben

Durch den Schornstein, schwarz wie Raben.

Also will hier einer stehlen,

Muß er durch den Schlot sich quälen.

Da! Nun sind sie alle beide

Rundherum so weiß wie Kreide.

Aber schon mit viel Vergnügen

Sehen sie die Brezeln liegen.

Schwapp! - Da liegen sie im Brei.

Knacks! - Da bricht der Stuhl entzwei;

Ganz von Kuchenteig umhüllt

Stehn sie da als Jammerbild.

Gleich erscheint der Meister Bäcker

Und bemerkt die Zuckerlecker.

Eins, zwei, drei! - Eh’ man’s gedacht,

Sind zwei Brote draus gemacht.

In dem Ofen glüht es noch –

Ruff! Damit ins Ofenloch!

Ruff! Man zieht sie aus der Glut;

Denn nun sind sie braun und gut.

Jeder denkt, die sind perdü!

Aber nein! Noch leben sie!

Knusper, knasper! Wie zwei Mäuse

Fressen sie durch das Gehäuse;

Und der Meister Bäcker schrie:

“Ach herrje! Da laufen sie!”

Dieses war der sechste Streich,

Doch der letzte folgt sogleich.

Wozu müssen auch die beiden

Löcher in die Säcke schneiden?

Seht, da trägt der Bauer Mecke

Einen seiner Maltersäcke.

Aber kaum, daß er von hinnen,

Fängt das Korn schon an zu rinnen.

Und verwundert steht und spricht er:

“Zapperment! Dat Ding werd lichter!”

Hei! Da sieht er voller Freude

Max und Moritz im Getreide.

Rabs! In seinen großen Sack

Schaufelt er das Lumpenpack.

Max und Moritz wird es schwüle,

Denn nun geht es nach der Mühle.

“Meister Müller, he, heran!

Mahl er das, so schnell er kann!”

“Her damit!” Und in den Trichter

Schüttet er die Bösewichter.

Rickeracke! Rickeracke!

Geht die Mühle mit Geknacke.

Hier kann man sie noch erblicken,

Fein geschroten und in Stücken.

Doch sogleich verzehret sie

Meister Müllers Federvieh.

Max und Moritz

Welche Max und Moritz hießen,

Die, anstatt durch weise Lehren

Sich zum Guten zu bekehren,

Oftmals noch darüber lachten

Und sich heimlich lustig machten.

Ja, zur Übeltätigkeit,

Ja, dazu ist man bereit!

Menschen necken, Tiere quälen!

Äpfel, Birnen, Zwetschen stehlen

Das ist freilich angenehmer

Und dazu auch viel bequemer,

Als in Kirche oder Schule

Festzusitzen auf dem Stuhle.

Aber wehe, wehe, wehe!

Wenn ich auf das Ende sehe!!

Ach, das war ein schlimmes Ding,

Wie es Max und Moritz ging.

Drum ist hier, was sie getrieben,

Abgemalt und aufgeschrieben.

Inhaltsverzeichnis


Romane
Oliver Twist (Charles Dickens)
Heidi (Johanna Spyri)
Pinocchio (Carlo Collodi)
Das Dschungelbuch (Rudyard Kipling)
Die Schatzinsel (Robert Louis Stevenson)
Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn (Mark Twain)
Onkel Toms Hütte (Harriet Beecher Stowe)
Alice im Wunderland (Lewis Carroll)
Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen (Selma Lagerlöf)
Die Reise zum Mittelpunkt der Erde (Jules Verne)
Nesthäkchen (Else Ury)
Die Familie Pfäffling (Agnes Sapper)
Der Trotzkopf (Emmy von Rhoden)
Der kleine Lord (Frances Hodgson Burnett)

Bildergeschichten
Max und Moritz (Wilhelm Busch)
Der Struwwelpeter (Heinrich Hoffmann)
Peterchens Mondfahrt (Gerdt von Bassewitz)
Schneewittchen (Lothar Meggendorfer)
Das Buch vom Klapperstorch (Lothar Meggendorfer)

Märchen
Die Schneekönigin (Hans Christian Andersen)
Das Kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen (Hans Christian Andersen)
Der Tannenbaum (Hans Christian Andersen)
Der standhafte Zinnsoldat (Hans Christian Andersen)
Nußknacker und Mausekönig (E.T.A Hoffman)
Rapunzel (Brüder Grimm)
Hänsel und Gretel (Brüder Grimm)
Das tapfere Schneiderlein (Brüder Grimm)
Aschenputtel (Brüder Grimm)
Der Wolf und die sieben Geislein (Brüder Grimm)
Rotkäppchen (Brüder Grimm)
Dornröschen (Brüder Grimm)
Tischlein deck dich (Brüder Grimm)

Sagen
Till Eulenspiegel (Hermann Bote)
Lurlei (Julius Wolff)
Der Rattenfänger von Hameln (Julius Wolff)
Das dankbare Heinzelmännchen (Elsbeth Montzheimer)
comic page #1
comic page #3

Vorspruch

Inhaltsverzeichnis

Wenn die Kinder artig sind,

Kommt zu ihnen das Christkind;

Wenn sie ihre Suppe essen

Und das Brot auch nicht vergessen,

Wenn sie, ohne Lärm zu machen,

Still sind bei den Siebensachen,

Beim Spaziergehn auf den Gassen

Von Mama sich führen lassen,

Bringt es ihnen Gut’s genug

Und ein schönes Bilderbuch.

comic page #3
comic page #5

Die Geschichte vom bösen Friederich

Inhaltsverzeichnis
comic page #7
comic page #8

Am Brunnen stand ein großer Hund,

Trank Wasser dort mit seinem Mund.

Da mit der Peitsch’ herzu sich schlich

Der bitterböse Friederich;

Und schlug den Hund, der heulte sehr,

Und trat und schlug ihn immer mehr.

Da biß der Hund ihn in das Bein,

Recht tief bis in das Blut hinein.

Der bitterböse Friederich,

Der schrie und weinte bitterlich. –

Jedoch nach Hause lief der Hund

Und trug die Peitsche in dem Mund.

comic page #9

Ins Bett muß Friedrich nun hinein,

Litt vielen Schmerz an seinem Bein;

Und der Herr Doktor sitzt dabei

Und gibt ihm bitt’re Arzenei.

comic page #9

Der Hund an Friedrichs Tischchen saß,

Wo er den großen Kuchen aß;

Aß auch die gute Leberwurst

Und trank den Wein für seinen Durst.

Die Peitsche hat er mitgebracht

Und nimmt sie sorglich sehr in acht.

Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug

Inhaltsverzeichnis
comic page #10a

PAULINCHEN war allein zu Haus,

Die Eltern waren beide aus.

Als sie nun durch das Zimmer sprang

Mit leichtem Mut und Sing und Sang,

Da sah sie plötzlich vor sich stehn

Ein Feuerzeug, nett anzusehn.

»Ei«, sprach sie, »ei, wie schön und fein!

Das muß ein trefflich Spielzeug sein.

Ich zünde mir ein Hölzchen an,

Wie’s oft die Mutter hat getan.«

Und MINZ und MAUNZ, die Katzen,

Erheben ihre Tatzen.

Sie drohen mit den Pfoten:

»Der Vater hat’s verboten!

Miau! Mio! Miau! Mio!

Laß stehn! Sonst brennst du lichterloh!«

comic page #10b

Paulinchen hört die Katzen nicht!

Das Hölzchen brennt gar hell und licht,

Das flackert lustig, knistert laut,

Grad wie ihr’s auf dem Bilde schaut.

Paulinchen aber freut sich sehr

Und sprang im Zimmer hin und her.

Doch Minz und Maunz, die Katzen,

Erheben ihre Tatzen.

Sie drohen mit den Pfoten:

»Die Mutter hat’s verboten!

Miau! Mio! Miau! Mio!

Wirf’s weg! Sonst brennst du lichterloh!«

comic page #11a

Doch weh! die Flamme faßt das Kleid,

Die Schürze brennt; es leuchtet weit.

Es brennt die Hand, es brennt das Haar,

Es brennt das ganze Kind sogar.

Und Minz und Maunz, die schreien

Gar jämmerlich zu zweien:

»Herbei! Herbei! Wer hilft geschwind?

In Feuer steht das ganze Kind!

Miau! Mio! Miau! Mio!

Zu Hilf’! das Kind brennt lichterloh!«

comic page #11b

Verbrannt ist alles ganz und gar,

Das arme Kind mit Haut und Haar;

Ein Häuflein Asche bleibt allein

Und beide Schuh’, so hübsch und fein.

Und Minz und Maunz, die kleinen,

Die sitzen da und weinen:

»Miau! Mio! Miau! Mio!

Wo sind die armen Eltern? Wo?«

Und ihre Tränen fließen

Wie’s Bächlein auf den Wiesen.

Die Geschichte von den schwarzen Buben

Inhaltsverzeichnis
comic page #12

Es ging spazieren vor dem Tor

Ein kohlpechrabenschwarzer Mohr.

Die Sonne schien ihm aufs Gehirn,

Da nahm er seinen Sonnenschirm.

Da kam der LUDWIG hergerannt

Und trug sein Fähnchen in der Hand.

Der KASPAR kam mit schnellem Schritt

Und brachte seine Bretzel mit;

Und auch der WILHELM war nicht steif

Und brachte seinen runden Reif.

Die schrie’n und lachten alle drei,

Als dort das Mohrchen ging vorbei,

Weil es so schwarz wie Tinte sei!

comic page #12b
comic page #13

Da kam der große NIKOLAS

Mit seinem großen Tintenfaß.

Der sprach: »Ihr Kinder, hört mir zu,

Und laßt den Mohren hübsch in Ruh’!

Was kann denn dieser Mohr dafür,

Daß er so weiß nicht ist wie ihr?«

Die Buben aber folgten nicht,

Und lachten ihm ins Angesicht

Und lachten ärger als zuvor

Über den armen schwarzen Mohr.

comic page #14

Der Niklas wurde bös und wild,

Du siehst es hier auf diesem Bild!

Er packte gleich die Buben fest,

Beim Arm, beim Kopf, bei Rock und West’,

Den Wilhelm und den Ludewig,

Den Kaspar auch, der wehrte sich.

Er tunkt sie in die Tinte tief,

Wie auch der Kaspar: »Feuer!« rief.

Bis übern Kopf ins Tintenfaß

Tunkt sie der große Nikolas.

comic page #15

Du siehst sie hier, wie schwarz sie sind,

Viel schwärzer als das Mohrenkind!

Der Mohr voraus im Sonnenschein,

Die Tintenbuben hintendrein;

Und hätten sie nicht so gelacht,

Hätt’ Niklas sie nicht schwarz gemacht.

comic page #16a

Es zog der wilde Jägersmann

Sein grasgrün neues Röcklein an;

Nahm Ranzen, Pulverhorn und Flint’,

Und lief hinaus ins Feld geschwind.

Er trug die Brille auf der Nas’

Und wollte schießen tot den Has.

Das Häschen sitzt im Blätterhaus

Und lacht den blinden Jäger aus.

comic page #16b

Jetzt schien die Sonne gar zu sehr,

Da ward ihm sein Gewehr zu schwer.

Er legte sich ins grüne Gras;

Das alles sah der kleine Has.

Und als der Jäger schnarcht’ und schlief,

Der Has ganz heimlich zu ihm lief

Und nahm die Flint’ und auch die Brill’

Und schlich davon ganz leis’ und still.

comic page #17

Die Brille hat das Häschen jetzt

Sich selbst auf seine Nas’ gesetzt;

Und schießen will’s aus dem Gewehr.

Der Jäger aber fürcht’ sich sehr.

Er läuft davon und springt und schreit:

»Zu Hilf’, ihr Leut’! Zu Hilf’, ihr Leut’!«

comic page #18

Da kommt der wilde Jägersmann

Zuletzt beim tiefen Brünnchen an.

Er springt hinein. Die Not war groß;

Es schießt der Has die Flinte los.

Des Jägers Frau am Fenster saß

Und trank aus ihrer Kaffeetass’.

Die schoß das Häschen ganz entzwei;

Da rief die Frau: »O wei! O wei!«

Doch bei dem Brünnchen heimlich saß

Des Häschens Kind, der kleine Has.

Der hockte da im grünen Gras;

Dem floß der Kaffee auf die Nas’.

Er schrie: »Wer hat mich da verbrannt?«

Und hielt den Löffel in der Hand.

Die Geschichte vom Daumenlutscher

Inhaltsverzeichnis
comic page #19a

»KONRAD!« sprach die Frau Mama,

»Ich geh’ aus und du bleibst da.

Sei hübsch ordentlich und fromm,

Bis nach Haus ich wieder komm’.

Und vor allem, Konrad, hör’!

Lutsche nicht am Daumen mehr;

Denn der Schneider mit der Scher’

Kommt sonst ganz geschwind daher,

Und die Daumen schneidet er

Ab, als ob Papier es wär’.«

comic page #19b

Fort geht nun die Mutter, und

Wupp! den Daumen in den Mund.

comic page #20a

Bauz! da geht die Türe auf,

Und herein in schnellem Lauf

Springt der Schneider in die Stub’

Zu dem Daumen-Lutscher-Bub.

Weh! Jetzt geht es klipp und klapp

Mit der Scher’ die Daumen ab,

Mit der großen scharfen Scher’!

Hei! da schreit der Konrad sehr.

comic page #20b

Als die Mutter kommt nach Haus,

Sieht der Konrad traurig aus.

Ohne Daumen steht er dort,

Die sind alle beide fort.

comic page #21a

Der KASPAR, der war kerngesund,

Ein dicker Bub und kugelrund,

Er hatte Backen rot und frisch;

Die Suppe aß er hübsch bei Tisch.

Doch einmal fing er an zu schrei’n:

»Ich esse keine Suppe! Nein!

Ich esse meine Suppe nicht!

Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!«

comic page #21b

Am nächsten Tag, – ja sieh nur her!

Da war er schon viel magerer.

Da fing er wieder an zu schrei’n:

»Ich esse keine Suppe! Nein!

Ich esse meine Suppe nicht!

Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!«

comic page #21c

Am dritten Tag, o weh und ach!

Wie ist der Kaspar dünn und schwach!

Doch als die Suppe kam herein,

Gleich fing er wieder an zu schrei’n:

»Ich esse keine Suppe! Nein!

Ich esse meine Suppe nicht!

Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!«

comic page #21d

Am vierten Tage endlich gar

Der Kaspar wie ein Fädchen war.

Er wog vielleicht ein halbes Lot –

Und war am fünften Tage tot.

Die Geschichte vom Zappel-Philipp

Inhaltsverzeichnis

»Ob der PHILIPP heute still

Wohl bei Tische sitzen will?«

Also sprach in ernstem Ton

Der Papa zu seinem Sohn,

Und die Mutter blickte stumm

Auf dem ganzen Tisch herum.

Doch der Philipp hörte nicht,

Was zu ihm der Vater spricht.

    Er gaukelt

    Und schaukelt,

    Er trappelt

    Und zappelt

Auf dem Stuhle hin und her.

»Philipp, das mißfällt mir sehr!«

comic page #22

Seht, ihr lieben Kinder, seht,

Wie’s dem Philipp weiter geht!

Oben steht es auf dem Bild.

Seht! Er schaukelt gar zu wild,

Bis der Stuhl nach hinten fällt;

Da ist nichts mehr, was ihn hält;

Nach dem Tischtuch greift er, schreit.

Doch was hilft’s? Zu gleicher Zeit

Fallen Teller, Flasch’ und Brot,

Vater ist in großer Not,

Und die Mutter blicket stumm

Auf dem ganzen Tisch herum.

comic page #23

Nun ist Philipp ganz versteckt,

Und der Tisch ist abgedeckt.

Was der Vater essen wollt’,

Unten auf der Erde rollt;

Suppe, Brot und alle Bissen,

Alles ist herabgerissen;

Suppenschüssel ist entzwei,

Und die Eltern stehn dabei.

Beide sind gar zornig sehr,

Haben nichts zu essen mehr.

comic page #24
comic page #25a

Wenn der HANS zur Schule ging,

Stets sein Blick am Himmel hing.

Nach den Dächern, Wolken, Schwalben

Schaut er aufwärts, allenthalben:

Vor die eignen Füße dicht,

Ja, da sah der Bursche nicht,

Also daß ein jeder ruft:

»Seht den Hans Guck-in-die-Luft!«

comic page #25b

Kam ein Hund daher gerannt;

Hänslein blickte unverwandt

In die Luft.

Niemand ruft:

»Hans! gib acht, der Hund ist nah!«

Was geschah?

Pauz! Perdauz! – da liegen zwei!

Hund und Hänschen nebenbei.

comic page #26a

Einst ging er an Ufers Rand

Mit der Mappe in der Hand.

Nach dem blauen Himmel hoch

Sah er, wo die Schwalbe flog,

Also daß er kerzengrad

Immer mehr zum Flusse trat.

    Und die Fischlein in der Reih’

    Sind erstaunt sehr, alle drei.

comic page #26b

Noch ein Schritt! und plumps! der Hans

Stürzt hinab kopfüber ganz! –

    Die drei Fischlein sehr erschreckt

    Haben sich sogleich versteckt.

comic page #27a

Doch zum Glück da kommen zwei

Männer aus der Näh’ herbei,

Und sie haben ihn mit Stangen

Aus dem Wasser aufgefangen.

comic page #27b

Seht! Nun steht er triefend naß!

Ei! das ist ein schlechter Spaß!

Wasser läuft dem armen Wicht

Aus den Haaren ins Gesicht,

Aus den Kleidern, von den Armen;

Und es friert ihn zum Erbarmen.

Doch die Fischlein alle drei,

Schwimmen hurtig gleich herbei;

Strecken’s Köpflein aus der Flut,

Lachen, daß man’s hören tut,

Lachen fort noch lange Zeit;

Und die Mappe schwimmt schon weit.

Die Geschichte vom fliegenden Robert

Inhaltsverzeichnis
comic page #28a

Wenn der Regen niederbraust,

Wenn der Sturm das Feld durchsaust,

Bleiben Mädchen oder Buben

Hübsch daheim in ihren Stuben. –

ROBERT aber dachte: ›Nein!

Das muß draußen herrlich sein!‹ –

Und im Felde patschet er

Mit dem Regenschirm umher.

comic page #28b

Hui, wie pfeift der Sturm und keucht,

Daß der Baum sich niederbeugt!

Seht! den Schirm erfaßt der Wind,

Und der Robert fliegt geschwind

Durch die Luft so hoch, so weit;

Niemand hört ihn, wenn er schreit.

An die Wolken stößt er schon,

Und der Hut fliegt auch davon.

comic page #28c

Schirm und Robert fliegen dort

Durch die Wolken immerfort.

Und der Hut fliegt weit voran,

Stößt zuletzt am Himmel an.

Wo der Wind sie hingetragen,

Ja! das weiß kein Mensch zu sagen.

comic page #32

Der Struwwelpeter

(Heinrich Hoffmann)
Inhaltsverzeichnis
Vorspruch
Die Geschichte vom bösen Friederich
Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug
Die Geschichte von den schwarzen Buben
Die Geschichte vom Daumenlutscher
Die Geschichte vom Zappel-Philipp
Die Geschichte vom fliegenden Robert

Peterchens Mondfahrt

(Gerdt von Bassewitz)
Inhaltsverzeichnis
Die Geschichte der Sumsemanns
In der Kinderstube
Der Flug nach der Sternenwiese
Die Sternenwiese
Die Schlittenfahrt auf der Milchstraße
Das Schloss der Nachtfee
Die Ankunft der Kinder im Schloss der Nachtfee
Der Ritt auf dem großen Bären
Die Weihnachtswiese
Das Osternest
Die Mondkanone
Der Kampf mit dem Mondmann
Das Beinchen
Wieder daheim

Die Geschichte der Sumsemanns

Inhaltsverzeichnis

»Sumsemann« hieß der dicke Maikäfer, der im Frühling auf einer Kastanie im Garten von Peterchens Eltern hauste, nicht weit von der großen Wiese mit den vielen Sternblumen. Er war verheiratet gewesen; aber seine Frau war nun tot. Ein Huhn hatte sie gefressen, als sie auf dem Hofe einherkrabbelte am Nachmittag, um einmal nachzusehen, was es da im Sonnenlicht zu schnabulieren gab. Für die Maikäfer ist es nämlich sehr gefährlich, am Tage spazierenzugehen. Wie die Menschen des Nachts schlafen müssen, so schlafen die Maikäfer am Tage.

Aber die kleine Frau Sumsemann war sehr neugierig und so brummte sie auch am Tage herum. Gerade hatte sie sich auf ein Salatblatt gesetzt und dachte: ›Willst mal probieren, wie das schmeckt!‹ ... Pick! - da hatte das Huhn sie aufgefressen.

Es war ein großer Schmerz für Herrn Sumsemann, den Maikäfer. Er weinte viele Blätter nass und ließ seine Beinchen schwarz lackieren. Die waren früher rot gewesen; aber es ist Sitte bei den Maikäfern, dass die Witwer schwarze Beine haben in der Trauerzeit. Und Herr Sumsemann hielt auf gute Sitte, denn er war der letzte Sohn einer sehr berühmten Familie.

Vor vielen hundert Jahren nämlich, als der Urahn der Familie Sumsemann sich gerade verheiratet hatte, geschah ein großes Unglück. Er war mit seiner kleinen Frau im Wald spazierengeflogen - an einem schönen Sonntagabend. Sie hatten viel gegessen und ruhten sich ein wenig auf einem Birkenzweiglein aus.

Da sie aber sehr mit sich selbst beschäftigt waren, denn sie waren jung verheiratet, merkten sie nicht, dass ein böser Mann durch den Wald herbeikam; ein Holzdieb, der am Sonntag stehlen wollte. Der schwang plötzlich seine Axt und hieb die Birke um. Und so schrecklich schlug er zu, dass er dem Urgroßvater Sumsemann ein Beinchen mit abschlug. Fürchterlich war es!

Und sie fielen auf den Rücken und wurden ohnmächtig vor Angst. Nach einiger Zeit aber kamen sie zu sich von einem hellen Schein, der um sie leuchtete.

Da stand eine schöne Frau vor ihnen im Walde und sagte: »Der böse Mann ist bestraft für seinen Waldfrevel am Sonntag. Ich bin die Fee der Nacht und habe es vom Monde aus gesehen. Zur Strafe ist er nun mit dem Holz, das er umgeschlagen hat, auf den höchsten Mondberg verbannt. Dort muss er bleiben bis in alle Ewigkeit, Bäume abhauen und Ruten schleppen.«

Aber der Urgroßvater Sumsemann schrie und sagte: »Wo ist mein Beinchen, wo ist mein Beinchen, wo ist mein kleines sechstes Beinchen?«

Da erschrak die Fee.

»Ach«, sagte sie, »das tut mir sehr leid; es ist wohl an der Birke hängengeblieben und nun mit auf den Mond gekommen.«

»Oh, oh, mein Beinchen, mein kleines sechstes Beinchen!« schrie der arme Urgroßvater Sumsemann, und seine kleine Frau weinte schrecklich. Sie wusste, dass nun alle ihre Kinder nur fünf Beinchen haben würden statt sechs, denn es vererbt sich. Und das war schlimm. Als aber die Fee den großen Jammer sah, hatte sie Mitleid mit den Käfertierchen und sagte: »Ein Mensch ist zwar sehr viel mehr als ein Maikäfer, und deshalb kann ich die Strafe für den bösen Mann nicht aufheben; aber ich will erlauben, dass gute Menschen, wenn ihr sie findet, euch das Beinchen wiedergewinnen können. Wenn ihr zwei Kinder findet, die niemals ein Tierchen quälten, dann dürft ihr auf den Mond mit ihnen und das Beinchen wiederholen.«

Da waren die beiden etwas getröstet und flogen heim und trockneten ihre Tränen.

Diese Geschichte hatte sich bald unter allen Käfern herumgesprochen; alle Mücken, Grillen und Ameisen wussten es, sogar die Libellen und Schmetterlinge hatten davon gehört. Die Familie der Sumsemanns war berühmt geworden. Sie galt auf allen Wiesen und in allen Bäumen für ein sehr vornehmes Geschlecht. Aber die Sumsemänner und Frauen hatten viel Leid von ihrem Ruhm, denn immer wieder wurden sie totgeschlagen, wenn sie nachts in die Stuben kamen, um die Kinder zu bitten; oft von rohen und unverständigen Dienstmädchen, oft auch von den Kindern selbst. Dies war der große Fluch, der auf der Familie lastete. Und so kam es, dass zuletzt nur noch ein Sumsemann übrig war auf der Welt, der Witwer, dessen Frau von dem Huhn gefressen wurde, weil sie so neugierig am Tag herumflog, statt zu schlafen.

Er war ein sehr vorsichtiger Mann, hielt sich immer ein wenig abseits von den anderen Maikäfern, und besonders, seit seine Frau tot war, liebte er die Einsamkeit.

Da saß er in der Dämmerung, wenn er sich satt gegessen hatte, auf irgendeinem Zweiglein, geigte sehnsüchtige Liederchen an den Mond und die große Ballade vom sechsten Beinchen, das noch immer dort oben war. Manchmal spielte er sich auch ein lustiges Liedchen. Dazu tanzte er dann auf den großen Kastanienblättern herum. Das sah sehr komisch aus. Die anderen Maikäfer veranstalteten allabendlich ein großes Brummbaß- und Paukenkonzert unter dem Baum. Herr Sumsemann aber sagte regelmäßig ab, wenn sie ihn dazu einluden, und das ärgerte sie sehr. »Er ist hochnäsig«, sagten sie, »seit er nicht mehr den Brummbaß, sondern die Geige spielt.«

Aber es war nur Neid von ihnen. Sie hatten nämlich alle nur ihre Pauken und dicken Brummbässe; er aber hatte eine kleine silberne Geige, die funkelte wie das Mondlicht und hatte einen Ton, so fein wie die winzigen, singenden Mücken, die in der Sonne tanzen. Diese Geige war ein altes Familienerbstück. Einst hatte ein Herr Sumsemann der Grille Zirpedirp, die auf der Sternblumenwiese wohnte, das Leben gerettet, als sie zu hoch auf einen Baum gestiegen war und einen Schwindelanfall bekam. Zum Dank für diese mutige Tat hatte die Grille ihrem Lebensretter die silberne Geige geschenkt. Die erbte seither im Geschlechte der Sumsemanns immer der älteste Sohn, und sie wurde hoch in Ehren gehalten. So war nun der letzte Sumsemann auch der letzte Erbe. All dies machte ihn sehr stolz. Man kann es begreifen. Er führte ein bequemes Leben, war dick und vorsichtig und dachte immer daran, dass er sich nicht in Gefahr bringen dürfe. Nur manchmal, wenn der Abend gar so schön war, packte es ihn, und er wurde mutig. Dann trank er ein Vergißmeinnichtschnäpschen nach dem anderen zur Erinnerung an seine Frau - obwohl sie damit ganz gewiss nicht einverstanden gewesen wäre -, und in sehr angeregter Stimmung summte er in Zickzacklinien durch die Gärten. Er störte die Mücken bei ihrem Abendtanz und die Leuchtkäfer beim Versteckspielen. Er rempelte die Apfelblüten an, dass die kleinen Marienkäferkinderchen herauspurzelten, die da eben einschlafen wollten. Er zerriss der schieläugigen Spinne die Fangnetze und rannte ... bums! ... gegen alle Fenster, weil er nicht mehr genau unterscheiden konnte, ob ein Fenster offen oder geschlossen war. Es tat ihm aber nichts, denn er hatte einen sehr harten Schädel. »Hoppla!« sagte er meistens nur und flog weiter, von gewaltigem Tatendurst getrieben. ›Ein Ritter bin ich‹, so dachte er, ›und der letzte Sumsemann!‹

In der Kinderstube

Inhaltsverzeichnis

So war der letzte Sumsemann denn auch eines schönen Abends in das Schlafzimmer von Peterchen und Anneliese geraten, als die Kinder gerade von der dicken Minna zu Bett gebracht wurden.

Peterchen hatte natürlich sein Gebrumm gehört und wollte ihn greifen. Gut war nur, dass Minna die Jagd nicht erlaubte, denn sonst wäre Sumsemann vielleicht in eine schlimme Lage geraten. Sie war wahrscheinlich schwerhörig, denn sie hatte gar nichts gehört und glaubte, dass Peterchen ihr nur etwas vormachen wolle, um im Hemdchen noch so »ein bissel« im Zimmer herumzuturnen.

Der Schreck war dem edlen Sumsemann aber doch scheußlich in die Glieder gefahren, und, trotzdem er gerade heute besonders viele Vergißmeinnichtschnäpschen getrunken hatte, war all sein Mut fort. Er lag oben auf der Gardinenstange und stellte sich tot. Dies ist ein altes und bewährtes Mittel bei den Maikäfern, in großen Gefahren. Derweil aber passte er genau auf, was im Zimmer geschah. Die Minna ging fort, als sie die Kinder ins Bettchen gepackt hatte, und Peterchen unterhielt sich mit Anneliese natürlich gleich über den Maikäfer. Jetzt wurde es wieder gefährlich!

Der Sumsemann bekam oben auf der Gardinenstange kolossales Herzklopfen, als Peterchen plötzlich leise aufstand, um ihn zu suchen, weil Anneliese ein bissel Angst hatte.

›Wer weiß, es hätte ihm doch ans Leben gehen können; obwohl die Kinder ja sonst gut waren. Aber man darf sich auf die Gutmütigkeit der Menschen nicht verlassen.‹ Dies wusste er aus seiner Familiengeschichte.

Das Geschick war ihm aber günstig; denn, gerade als Peterchen an der Gardine war und die Gefahr am höchsten stieg, kam die Mutter herein. Husch! wurde der kleine Junge wieder ins Bettchen gesteckt; beide Kinder mussten die Hände falten und das Nachtgebet sprechen. Dann sang die Mutter ihnen noch ein Schlaflied. Und sie sang die berühmte Maikäferballade. Hier ist sie:

»War einst ein kleines Käferlein,

Summ - Summ - Summ -Hatte zwei braune Flügelein,

Summ - Summ - Summ - Und sechs Beinchen hatte es auch

Unter seinem schwarz-weißen Bauch,

Summ - Summ - Summ.

Saß auf einem grünen Baum,

Summ - Summ - Summ - Träumte einen schönen Traum,

Summ - Summ - Summ - Träumte von Sonne, Mond und Sternen

Und von fremden Länderfernen,

Summ - Summ - Summ.

Als der dunkle Abend kam,

Summ - Summ - Summ - Käferlein sein Ränzel nahm,

Summ - Summ - Summ - Wollt' auf die große Reise gehn

Und die weite Welt besehn,

Summ - Summ - Summ.

Flog über einen breiten Bach,

Summ - Summ - Summ - Verlor ein kleines Beinchen, ach!

Summ - Summ - Summ - Reiste nur noch mit fünf Beinen,

Tat so bitterlich drum weinen,

Summ - Summ - Summ.

Flog es nach dem Mond geschwind,

Summ - Summ - Summ - Kam ein großer Wirbelwind,

Summ - Summ - Summ - Brach ein Flügelchen entzwei;

Ach, das gab ein groß' Geschrei!

Summ - Summ - Summ.

Fiel in einen tiefen Wald,

Summ - Summ - Summ - Starb an seinem Kummer bald,

Summ - Summ - Summ - Musst' die Reis' ein Ende haben;

Sandmännchen hat es eingegraben,

Summ - Summ - Summ.«

›Seltsam!‹ Herr Sumsemann oben auf der Gardinenstange wunderte sich, dass die Menschen dies Lied auch kannten. Es war ihm aber ein neuer Beweis für die Berühmtheit der Maikäfer auf der weiten Welt, und dies beruhigte ihn sehr. Als die Kinder nun eingeschlafen waren und die Mutter aus dem Zimmer ging, fasste er neuen Mut. Ganz leise rappelte er sich auf und spazierte in der Stube herum.

Er besah und beschnüffelte alles. Eine Puppenstube, ein Schaukelpferdchen, ein Lämmchen, Soldaten und Bilderbücher waren da. Lauter langweilige Sachen!

In der Puppenstube war allerdings etwas Zucker; aber Zucker? Puh, den mochte er nicht! Er verstand gar nicht, wie man so was essen könnte. Dann waren noch zwei Körbchen mit Äpfel da. Die Mutter hatte sie den Kindern für morgen hingestellt, wenn sie recht brav ausgeschlafen hätten. Er schüttelte den Kopf. ›Wie konnte man nur Äpfel essen?!‹ Unbegreiflich war ihm das. Greuliche Bauchschmerzen hätte er bekommen. Er aß nur Salat; das war vornehm.›Komisch, was den Menschen alles gut schmeckt!‹ dachte er, und dabei musste er laut lachen. Da er aber so viel Vergißmeinnichtschnäpse getrunken hatte, geriet er plötzlich aus dem Gleichgewicht und purzelte auf den Rücken. Au!... das war eine außerordentlich fatale und unangenehme Lage für den dicken Sumsemann, denn jeder weiß, dass es für Maikäfer sehr schlimm ist, auf den Rücken zu fallen, weil sie sich dann gar nicht mehr recht aufrappeln können. Er angelte also mit seinen fünf Beinchen in der Luft herum und dachte: ›Ja, ja, das kommt von den Schnäpschen, die man zum Andenken an die tote Ehefrau trinkt!‹

Lebte sie noch, sie hätte ihm sicher eins ausgewischt für die vielen Schnäpschen. Er wiegte sich nach rechts und links wie ein kleines Boot, kreiselte herum wie eine Karussell und quälte sich sehr. Endlich geriet er in die Nähe eines Tischbeins, und daran konnte er sich stützen, so dass er wieder hochkam. Ganz schmutzig war sein schöner, brauner Rock geworden. Alle Knöpfe waren abgeplatzt, und eine lange Naht war aufgerissen. Gut, dass ihn seine Frau nicht mehr sehen konnte. Nun saß der Sumsemann eine Weile am Tisch und dachte nach, womit er sich die Zeit vertreiben könnte. Da er aber weiter nichts anzufangen wusste und über die traurige Stimmung hinwegkommen wollte, nahm er seine kleine Geige und spielte sich ein lustiges Maikäfertänzchen; dazu sang er:

»Eins, zwei, drei - eins, zwei, drei,

Fiel eine Biene in den Brei;

Plumsdibums,

Dideldumdei!

Alle Käfer sitzen drum herum,

Lachen sich schief,

Lachen sich krumm,

Brumm, brumm!

Vier, fünf, sechs - vier, fünf, sechs,

Macht eine Fliege einen Klecks;

Putschpitschpatsch,

Klickklackklecks!

Pfui, ruft jeder rechte Käfermann,

Seht sie an,

Was sie kann,

Heran, heran!

Sieben, acht, neun - sieben, acht, neun,

Tanzen alle kleinen Käferlein;

Ringelreih,

Dideldudeldei!

Um die dicke Linde mit Gesumm,

Rechts herum,

Links herum,

Brumm, brumm ! «

Dabei wurde er so fidel, dass er ganz vergaß, wo er war, und sehr erschrak, als Peterchen und Anneliese plötzlich laut auflachten, weil er gar so komisch herumsprang bei seinem Tanz. Er hatte sie nämlich mit seiner Musik aufgeweckt und gar nicht bemerkt, dass sie ihm schon eine ganze Weile zusahen. Eigentlich hatte er Angst und wollte sich schnell tot stellen, aber die Kinder lachten so vergnügt, dass er sich wieder ein Herz fasste. Er legte also seine Geige auf den Tisch, strich seine schöne, schwarz-weiße Weste glatt, richtete die kleinen Fühlhörnchen an seinem Kopf auf, machte eine Verbeugung und stellte sich vor: »Herr Sumsemann ! «

Die Kinder waren aus ihrem Bettchen geklettert, und da sie wussten, was sich gehört, machte Peterchen auch eine Verbeugung, Anneliese einen Knicks, und sie stellten sich ebenso vor. Nun aber waren sie schrecklich neugierig, beguckten und befühlten den Sumsemann überall, bewunderten die kleine silberne Geige und wollten alles wissen.

Dem dicken Maikäfer wurde ganz schwindlig von all den Fragen nach der Grille Zirpedirp und nach der toten Frau, die das Huhn gefressen hatte. Plötzlich hatte Peterchen auch entdeckt, dass ihm ein Beinchen fehlte. Der wusste nämlich ganz genau, wie viel Beinchen ein ordentlicher Maikäfer haben muss, und darum fragte er nun.

So war also wirklich der große Augenblick für den Letzten der Sumsemanns gekommen: Zwei gute Kinder fragten ihn nach seinem Beinchen. Viel hundert Jahre hatten seine Ahnen und Vorfahren dies ersehnt und waren totgeschlagen worden. Und jetzt - jetzt!!

Ihm wurde ganz grün vor den Augen, seine Flügel zitterten vor Aufregung, und beinahe wäre er auf den Rücken gefallen. Aber er beherrschte sich doch, so gut es ging, holte tief Luft, wischte sich mit einem grünen Lindenblättchen, das er immer als Taschentuch benutzte, den Schweiß von der Stirn, machte eine sehr geheimnisvolle Miene und sagte: »Ja, das ist eine sehr traurige und wunderbare Geschichte !«