werf ich das Netz aus, das du

zögernd beschwerst

mit von Steinen geschriebenen

Schatten.

 

Paul Celan

Ausgewählte Gedichte

Am 1. Januar 1947 schreibt The Times, dass die Briten sich nicht auf ihre Uhren verlassen können. Um ganz sicher zu sein, dass die Zeit das ist, wofür sie sich ausgebe, müssten sie BBC hören, die in Sonderberichten senden werde, wie viel Uhr es tatsächlich ist. Auf die elektrischen Uhren wirkten sich die häufigen Stromausfälle aus, aber auch die mechanischen Uhren müssten überprüft werden. Vielleicht liege es an der Kälte. Vielleicht werde es besser.

Über Großbritannien wurden im Krieg fast 50000 Tonnen Bomben abgeworfen. Über 4,5 Millionen Gebäude sind beschädigt. Kleinere Provinzstädte sind nahezu ausradiert, wie die schottische Hafenstadt, wo die Bombenangriffe sogar einen eigenen Namen erhalten haben: Clydebank Blitz.

Im österreichischen Wiener Neustadt standen einmal 40000 Gebäude. Davon sind jetzt noch 18 intakt. In Budapest ist die Hälfte der Häuser unbewohnbar. In Frankreich sind insgesamt 460000 Gebäude zerstört. In der Sowjetunion sind 1700 kleinere Städte und Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. In Deutschland sind rund 3,6 Millionen Wohnungen zerbombt, jeder fünfte Haushalt im Land. In Berlin ist die Hälfte der Wohnungen unbewohnbar. In ganz Deutschland sind über 18 Millionen Menschen obdachlos. Weitere 10 Millionen sind es in der Ukraine. Alle müssen sie

Menschenrechte gibt es nicht, kaum jemand kennt den Begriff Völkermord. Die Überlebenden haben gerade angefangen, ihre Toten zu zählen. Viele reisen nach Hause, ohne es zu finden, andere reisen überallhin, nur nicht dorthin, woher sie kommen.

Europas ländliche Gebiete sind geplündert, verheert und stehen nach Sabotageakten an Dämmen teilweise unter Wasser. Ackerland, Wälder, Bauernhöfe – das Leben der Menschen, Lebensmittel und Arbeit – alles ist unter Asche begraben, mit Lehm bedeckt.

Griechenland hat unter der deutschen Besatzung ein Drittel seines Waldes verloren. Über 1000 Dörfer wurden niedergebrannt. In Jugoslawien wurde mehr als die Hälfte des Viehs getötet, und die Plünderung von Getreide, Milch und Wolle hat die Wirtschaft ruiniert. Stalins und Hitlers Armeen haben nicht nur dort, wo sie vorgerückt sind, Verwüstungen hinterlassen, sie hatten überdies den Befehl, alles zu zerstören, was ihnen auf dem Rückzug in den Weg kommt. Die Taktik der verbrannten Erde sollte den gegnerischen Truppen nichts übrig lassen. Nach Heinrich Himmlers Worten musste erreicht werden, dass »kein Mensch, kein Vieh, kein Zentner Getreide, keine Eisenbahnschiene zurückbleibt […]. Der Gegner muss wirklich ein total verbranntes und zerstörtes Land vorfinden.«

Jetzt nach Kriegsende suchen alle nach Armbanduhren – sie stehlen, verstecken, vergessen oder verlieren sie. Die Zeit bleibt unklar. Wenn es in Berlin abends acht Uhr ist, dann ist es in Dresden sieben, in Bremen dagegen neun. In der russischen Zone herrscht russische Zeit, während die Briten in ihrem Teil Deutschlands die Sommerzeit einführen. Fragt jemand nach der Uhrzeit, antworten die meisten, sie sei verschwunden. Also die Uhr. Oder meinen sie tatsächlich die Zeit?

’Arab al-Zubayd

Hamdeh Jomá ist ein willensstarkes Mädchen, doch irgendwo gibt es eine Grenze. Und sie rückt näher.

Als der Mann mit dem magischen Kasten ins Dorf kommt, ruft er nach den Kindern. Die Kleinen sollen ihre Mütter um Graupen bitten, die Großen stehlen, und alle sollen kommen und sich den magischen Kasten anschauen, der, wie der Mann behauptet, Zucker frisst und Bonbons scheißt. Sie lachen und bezahlen ihn mit Bulgur, Linsen und Hafer. Er erzählt Geschichten und zeigt seine Bilder, die zu Historien werden, wenn er einen Stock in den Pappkasten steckt und dreht.

Hamdeh ist 16 Jahre alt und kann nicht genug kriegen von der Magie der bewegten Bilder. Sie stiehlt ihrer Mutter Brot, um den Mann zu bezahlen, nimmt einige Handvoll Linsen aus dem Vorrat. Ihr fällt ihr Onkel ein, der viele Hühner und fünf Hähne besitzt. Als der Onkel seinen Mittagsschlaf hält, schleicht sie sich bei ihm ein und stiehlt Eier – alles nur, um die bewegten Bilder wieder zu sehen, um etwas über Helden und Freiheitskämpfer zu hören, um zu spüren, wie die Welt sich weitet. Als sie mit den Eiern das Zelt des Onkels verlassen will, wacht er auf, packt sie und schlägt zu. Die Eier gehen zu Bruch, und Hamdeh schläft in dieser Nacht mit schmutziger Schürze in einer Höhle, um seinem Zorn zu entgehen. Doch der verraucht.

Washington

Im Oval Office des Weißen Hauses sitzt Präsident Truman und führt Tagebuch. Am 6. Januar wacht er früh auf und kann ein paar Stunden arbeiten, bevor er zum Bahnhof spaziert, um seine Familie abzuholen. Ein angenehmer Spaziergang von 35 Minuten, notiert er in seinem Tagebuch, er sei froh, dass Frau und Kind zurück sind. Es sei die Hölle, sich allein in dem großen weißen Gefängnis aufzuhalten. Nachts knackten und knarrten die Fußböden. Er brauche nicht viel Fantasie, um den alten James Buchanan voll Sorge über eine Welt jenseits seiner Kontrolle auf und ab wandern zu sehen. Tatsächlich aber bewege sich eine ganze Schar von Geistern unglückseliger Präsidenten im Treppenhaus auf und ab und klage über alles, was sie hätten besser machen sollen, und alles, was sie nicht geschafft haben. Einige seiner toten Vorgänger hielten sich fern, schreibt Truman in das blaue Tagebuch. Sie hätten schlicht keine Zeit, seien viel zu sehr damit beschäftigt, das Himmelreich zu kontrollieren und über die Hölle zu walten. Doch der Rest, diese geplagten armen Kerle von Präsidenten, die nicht zur Geltung gekommen seien, fänden keine Ruhe. Das Weiße Haus sei ein Höllenort.

London

Am 7. Januar wird gemeldet, dass fünfhundert Frauen der Londoner Verkehrsbetriebe ihren Arbeitsplatz verlassen müssen. Sie sollen nach Hause gehen. Während der kommenden Monate sollen sämtliche Schaffnerinnen der Londoner Busse

Malmö

Bewegung an der Grenze, Bäume wie schwarze Striche in weißer Landschaft, die Tatsache, dass Schritte auf gefrorenem Boden wenig Spuren hinterlassen. Die Welt ist voller Flüchtlinge, die fortwollen, hinaus. Manche Grenzen sind weniger bewacht als andere, die Wege sind schmal und verschlungen, die Ortsansässigen mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt.

Eine Grenze zwischen Deutschland und Dänemark. Eine zweite zwischen Dänemark und Schweden. Wassergrenzen, Landgrenzen, auf Karten gezogene Linien, in Wirklichkeit aber mit einem Stein markiert, einem Zaun, mit Tausenden trockener Grashalme, die rauschen, wenn der Wind darüberstreicht.

Viele fliehen vor dem, was sie erlebt haben. Andere fliehen vor den Konsequenzen ihrer Taten. Stille. Geheimniskrämerei. Verschlüsselte Nachrichten und niemals eine Nacht am selben Ort. Ein Strom von Männern bewegt sich von Deutschland nach Dänemark und weiter nach Schweden. Helfende Hände geben ihnen unterwegs Kost und Logis.

Per Engdahl möchte seinen Pass zurückhaben. Er wird abschlägig beschieden und bleibt in seinem Land eingesperrt, das er sowohl bewahren als auch so ausdehnen möchte, dass die Grenzen gesprengt würden. Die Vision eines Widerspruchs in sich, doch er wird hart arbeiten, um sie Wirklichkeit werden zu lassen. Die schwedische Geheimpolizei stuft ihn als Nazi ein, und nach einem Besuch bei Vidkun Quisling in Norwegen während des Kriegs und einer anschließenden Reise nach Finnland, wo er einige höchstrangige Vertreter der Wehrmacht traf, wurde sein Pass eingezogen.

Sie kommen aus ganz Europa. Die meisten haben in den SS-Divisionen an der Ostfront gekämpft, und dann sind da noch eine Unmenge Balten, die Gefahr laufen, an die Sowjetunion ausgeliefert zu werden. Alle brauchen sie Hilfe bei der Flucht vor den Folgen ihrer Kriegstaten, und der Mann ohne Pass nimmt sie auf.

Per Engdahl ist der Führer der schwedischen Faschisten, doch den weißen Strom von Flüchtlingen, die seine Hilfe suchen, will er aus der Bewegung heraushalten, diskret und unter Codenamen. Deshalb spielt seine Wohnung in der Mäster Henriksgatan 2 in Malmö bei diesem Unternehmen eine zentrale Rolle. Der Empfang dort erhält ein literarisches Gepräge, da der Faschist, der auch Gedichte schreibt, als Code für Flüchtling, Versteck und Weitertransport Buchtitel benutzt – alles, um die schwedische Polizei zu täuschen.

Wie viele kommen? Das ist unklar. Was für Leute sind das? Das ist unbekannt. Doch unter den Tausenden weißer Männer auf der Flucht ist der eine oder andere, der mehr sein wird als ein Name, vielleicht sogar ein Freund. Wie Professor Johann von Leers, enger Mitarbeiter und Schützling von Propagandaminister Goebbels und einer der einflussreichsten Ideologen hinter der NS-Hasspropaganda. Ein willensstarker und engagierter Judenhasser in der NS-Führungsriege. Großer Name, große Beute. Von Leers wurde von amerikanischen Truppen gefangen genommen und in Darmstadt

Sicher ist, dass er sich Ende 1946 in die zehn Kilometer von der dänischen Grenze entfernte alte Handelsstadt Flensburg begibt. Dort wird er von einem freiwilligen dänischen SS-Mann, Vagner Kristensen, in Empfang genommen, der ihn die knapp zehn Kilometer ins dänische Padborg bringt.

»Wir führten die Flüchtlinge einen Pfad entlang, über einen Sumpf und dann über die Grenze.«

Der junge Kristensen mag Johann von Leers – sie werden in Kontakt bleiben – und eskortiert seinen neuen Freund weiter durch Dänemark bis nach Kopenhagen, wo ihn andere übernehmen und ein Boot über den Öresund organisieren.

»Sie mussten zu mir kommen, als ich nicht reisen konnte«, wird sich Engdahl später mit gewissem Stolz erinnern, sorgfältig darauf bedacht, keine Namen zu nennen.

Engdahl und Konsorten können etwa tausend Nazis auf der Flucht Arbeit verschaffen. Die Kockums-Werft und der Rechenmaschinenhersteller Addo nehmen gern Leute auf, unter der Bedingung, dass Engdahl in seiner Zeitung Vägen Framåt nichts darüber schreibt. Alle haben verstanden, worum es geht: Taten ja, aber kein Aufheben.

Per Engdahl: Dichter, Journalist, Faschistenführer. Die Polizei in Schweden betrachtet ihn als den eigentlichen Gründer des schwedischen Nazismus.

»Schon vor dem Krieg war er als derjenige schwedische Nazi bekannt, der im internationalen Nazismus die besten Verbindungen besaß. In Berlin und Rom war er Persona grata. […] Schon Ende 1945 nahm Engdahl Kontakt zu den

Rom

Nur wenige Tage bevor 1946 zu 1947 wird, kommen in der Viale Regina Elena in Rom fünf Männer zusammen. Ein Journalist, ein Archäologe, ein Wirtschaftsprüfer, ein Gewerkschaftsführer und ein Mann, der behauptet, Benito Mussolinis illegitimer Sohn zu sein. Gemeinsam gründen sie den Movimento Sociale Italiano, eine Bewegung, die auf denselben Ideen und Idealen fußt wie Mussolinis faschistische Partei. Der MSI gewinnt schnell eine große Zahl von Anhängern und einen ansehnlichen Kapitalzuwachs aus privaten Spenden. Schon nach einem Monat bilden sich in ganz Italien Ortsgruppen, und so kann die Bewegung mit ihrer Arbeit beginnen, die Demokratie anzugreifen und dem Kommunismus entgegenzuwirken. Nicht nur in Italien. Das Ziel ist auch ein neues Europa.

Die Falangisten in Spanien, die Peronisten in Argentinien, britische Faschisten unter Oswald Mosley, alte und neue Nazis, die sich unter der Führung von Karl-Heinz Priester illegal in Wiesbaden zusammenscharen. Und schließlich Per Engdahl in Schweden. Sie bleiben unter dem Radar, und während die Welt in eine andere Richtung blickt, werden sie aktiv. Schon jetzt entwickeln sie eine gut organisierte Kuriertätigkeit untereinander, um Pass-, Visa- und Währungsrestriktionen zu umgehen. Bald werden die Männer einander näherkommen, sogar zusammengehen. Die geballte Stille eines Pendels, bevor es zurückschwingt.

Am 19. Januar wird in Polen gewählt. In den vergangenen Wochen wurden jedoch eine halbe Million Menschen wegen Kollaboration mit den Nazis angeklagt und mit dem Entzug ihres Wahlrechts bestraft. Unmittelbar vor der Wahl werden über 80000 Mitglieder der antikommunistischen Partei Polskie Stronnictwo Ludowe verhaftet. Rund 100 von ihnen werden von der polnischen Geheimpolizei ermordet.

Folglich erringen die Kommunisten einen Erdrutschsieg.

Auf der Konferenz von Jalta 1945 stellte Stalin freie Wahlen in Polen in Aussicht, doch für das Mehrparteiensystem ist dies der Todestag.

Al-Mahmudiyya

Der Sohn eines ägyptischen Uhrmachers, Hassan al-Banna, möchte die Uhr gern nach dem Islam stellen. Er war einmal ein wissbegieriges Kind, eigensinnig und willensstark wie seine Mutter und aufgeschlossener als sein Vater. In der Werkstatt des Vaters, wo stumme Zifferblätter auf Zeiger warteten, Zahnrädchen in Schachteln glänzten und das bloße Geräusch einer reparierten Uhr Belohnung für die Mühen war, wurde die Zeit der Welt justiert. Das klare und regelmäßige Ticken stand dafür ein, dass sowohl der Gegenstand als auch die Zeit von der Unordnung zur Ordnung, vom Chaos zur Kontrolle überführt worden waren.

Außerhalb der väterlichen Werkstatt lag Ägypten mit seinen Weizenfeldern und den Männern, die sich unter den verächtlichen Blicken der Briten duckten. Ein unfreies Land. Und die Verse im Koran standen so dicht wie die Weizenähren auf den Feldern.

Auch der Junge erlernte das Handwerk. Der Aufenthalt in einem Raum voller Uhren macht einem die Zeit sowohl

Paris

Ein Flugzeug erhebt sich mit Simone de Beauvoir in Richtung New York. In dem Flieger mit 40 Sitzen sind nur zehn Passagiere, sodass sie sich bereits an Bord verloren vorkommt. Es ist, als ließe sie ihr Leben in Paris hinter sich. Etwas anderes, Neues wird sich auftun, und es wird aus ihr eine andere machen. Das Flugzeug ist in der Luft. Es ist der 25. Januar. Sie schreibt: »Ich bin nicht mehr irgendwo – ich bin anderswo. Wie spät ist es?«

New York

Es ist eine Zeit, in der es keine universellen Menschenrechte gibt. Doch hat die Menschheit etwas vermisst, von dessen Existenz sie gar nichts wusste? Haben die Religionen, die das Menschliche wie einen Splitter Gottes bewahren wollten, als Schutz ausgereicht?

Die Welt erhebt sich aus reichlich menschlicher Asche. Hier und jetzt, in den provisorischen Büros der Vereinten Nationen in der Flugzeugfabrik am Lake Success, sollen universelle Werte erarbeitet werden. Neue Gedanken, neue Prämissen der Menschlichkeit, eine neue Moral. Die Rechte eines Menschen sollen nicht davon abhängen, ob er Christ oder Buddhist ist, in eine reiche oder arme Familie geboren wurde, nicht von seinem Namen, seinem Geschlecht, seinem Geburtsland oder seiner Hautfarbe.

Um diese Arbeit zu lenken, tritt eine 60-jährige Frau in die Weltgeschichte ein. Kurz zuvor hat sie wegen Gefährdung des

Eleanor Roosevelt beraumt ihre erste Kommissionssitzung für den 27. Januar an. Es herrscht eine gewisse Euphorie. Nie wieder, sagen die Menschen in der Welt zueinander und zu sich selbst. Nie wieder, sagen die Mitglieder der Kommission zur Erarbeitung der Menschenrechte und begreifen das Ausmaß ihres Auftrags kaum.

Nie wieder. Die Wiederholungen dieser Worte sind so zahlreich wie die Fransen an einem Gebetsmantel, als gäbe es einen Gott.

Malmö

Der Januarwind weht durch die Stadt Malmö. Der zeitweilige Besucher, Herr von Leers, fällt durch seinen Hut auf. Er hat Jura studiert, sich seinen Lebensunterhalt als NS-Journalist verdient und ist der Waffen-SS beigetreten, woraufhin es nicht lange dauerte, bis Propagandaminister Joseph Goebbels auf seine Talente aufmerksam wurde und ihn als Chefideologen zu sich holte.

Unter dem Gesichtspunkt der Verbreitung von Hass hat Johann von Leers sich als Gewinn erwiesen. In seiner Schrift Juden sehen Dich an führt er namentlich einige Menschen auf, die er für Juden hält, bedeutende deutsche Politiker, Gelehrte

Jetzt besucht er also Malmö.

Wer kauft die Fahrkarte, wer holt ihn am Hafen ab, wer bringt ihn zu Per Engdahl?

Er bleibt einige Zeit, und die beiden Männer pflegen Umgang miteinander. Worüber haben sie wohl diskutiert, was haben sie gemeinsam, der schwedische Faschistenführer und Joseph Goebbels’ sprachgewandtester Judenhasser? Kann es sein, dass hier die Träume genährt, die Gedanken an eine neue Zukunft in Worte gefasst werden? Schält sich jetzt, in diesen ersten Tagen des Jahres, zusammen mit Johann von Leers, Per Engdahls Vision eines Nachkriegseuropas heraus?

Der Strom von SS-Soldaten, die die Fluchtroute Nord nehmen, reißt nicht ab. Per Engdahl sieht sich als Mittelpunkt einer Bewegung aus einzelnen Zellen, die einander nicht kennen, doch für ein gemeinsames Ziel arbeiten: jene Tapferen zu retten, denen Strafe und Auslieferung an feindliche Mächte drohen. Engdahl scheint von einem starken Mitgefühl für die SS-Männer getrieben zu sein, besonders für die Balten, die Gefahr laufen, an die Sowjetunion ausgeliefert zu werden: »Wir waren dabei. Wir wissen, worum es ging. Wir haben Menschen gesehen, die keinen wirklich sicheren Platz auf der Welt hatten, Menschen, denen man im Krieg ihre Heimatländer geraubt hat, die wie wilde Tiere gejagt werden …«

Er schreibt von Schiffen, die von Schweden nach Spanien oder Lateinamerika fahren, führt in seiner Autobiografie aber auch an, dass die meisten SS-Männer nach Westdeutschland gebracht würden, das als einigermaßen sicher einzuschätzen

Einige Jahre später wird Johann von Leers in Buenos Aires landen, einer der größeren Naziverbrecherkolonien. Präsident Perón nimmt diese Leute gern auf, nicht nur aus Sympathie mit ihren Ideen, sondern weil er aus den Fonds des »Dritten Reichs« für seine Bemühungen auch ordentlich bezahlt wird. Und Johann von Leers und Per Engdahl werden weiter an ihrem Traum bauen, jeder für sich und gemeinsam.

Paris

Christian wird am 12. Februar geboren, so kommt es ihm vor. Es ist der Tag D – wie in duftiger Traum, wie in de luxe, wie in Dior. Die erste Kollektion unter seinem eigenen Namen wird präsentiert.

Die Wendepunkte in seinem Leben bilden Wahrsagerinnen. Wie damals, als Christian, als Zigeuner verkleidet, daheim in Granville auf einem Basar, Glücksamulette verkaufte. Als es Zeit war, zusammenzupacken und nach Hause zu gehen, nahm die Hellseherin, die engagiert worden war, seine Hand und sagte ihm voraus, dass er an Frauen reich werden würde – eine unbegreifliche Prophezeiung für den 14-Jährigen und seine Eltern. Jetzt aber sagt der neugeborene Christian Dior glücklich: »In jedem Land gibt es schlanke Frauen und dicke Frauen, dunkle Frauen und blonde Frauen, Frauen mit diskretem Geschmack und Frauen, die gern herausfordern. Manche Frauen haben wunderbare Dekolletés, und andere versuchen ihre Schenkel zu verbergen. Einige sind zu lang. Andere sind zu kurz. Diese Welt ist zum Glück voller schöner Frauen, und ihre Gestalt und ihr Geschmack bilden eine unendliche Vielfalt.«

Erst wenige Monate zuvor hat er sein bureau des rêveries eröffnet und wählt seine Mitarbeiter mit großer Sorgfalt aus. Sie müssen nach Eleganz streben, ihn und seine Traumpro

Das dreigeschossige Haus Nummer 30 Avenue Montaigne in Paris mit seinem verzierten schmiedeeisernen Balkon und der glänzenden Drehtür aus Mahagoni und Glas wird jetzt zum Zuhause seines neugeborenen Ichs, ohne Vergangenheit, doch mit jeder erdenklichen Zukunft. Mit fieberhafter Disziplin arbeiten er und seine Kollegen dort zwischen Stoffmassen und Sitzpoufs.

Infolge eines neuen Gesetzes, das in Frankreich alle Bordelle verbietet, suchen viele Frauen Arbeit. Christian Dior inseriert in der Zeitung wegen Modellen und wird von Bewerberinnen überrannt. Er findet in der Menge nur eine: Marie-Thérèse. Die anderen – Noëlle, Paule, Yolande, Lucile und Tania – werden aus der Welt der Haute Couture geholt.

Sie sind alle sehr schlank, naturellement, deshalb fordert Christian sie auf, sich mit künstlichen Brüsten auszustaffieren. Denn heute ist heute, und es soll alles anders werden: Kurven, Korsetts, gepolsterte Hüften. Eine Taille, so schmal, dass ein Mann sie mit den Händen umfassen kann. The New Look.

Draußen laufen die Frauen in staatlich gebilligtem Gabardine herum, malen sich mangels Strümpfen die Beine braun an und imitieren zur Vervollständigung mit einem dunkleren senkrechten Strich eine Naht. Ihre Hüte sind groß, die Röcke kniekurz und die Haare, die über der Stirn zu einer Wulst frisiert werden und sich offen über den Rücken ringeln, lang – so radeln sie durch Paris, alle gleich in der aufgezwungenen Demokratie der Armut. Christian nennt sie Amazonen, und ihn schaudert angesichts ihrer viereckigen Silhouette, die so grobschlächtig ist wie eine Kriegsfotografie grobkörnig.

Die Welt ist von Armut geschlagen, mager und ängstlich, von Lebensmittel- und Kleiderkarten beherrscht. Christians ganzes Wesen revoltiert, will in Purpur und Taft ausbrechen, die Wirklichkeit im Licht eines frisch geschliffenen Diamanten lesen. Bald werden seine Visionen Wirklichkeit, in einer Seide, die bereits als Garn, niemals erst als fertig gewebter Stoff im richtigen Farbton eingefärbt wird.

Am 13. Februar ist er ein gemachter Mann. Eine Modenschau, ein Redaktionsschluss, ein Tag und eine Nacht – mehr ist nicht nötig. Die Frauen stehen Schlange, um in seinem Geschäft Maß nehmen zu lassen. Der Filmstar Olivia de Havilland kauft das Kostüm Passe-Partout aus marineblauer Wolle. Rita Hayworth bestellt zur Premiere des Films Gilda das Abendkleid Soirée. Selbst die Königin der Bohème, Juliette Gréco, möchte im Quartier Latin Dior tragen. Auch ganz normale Frauen werden verführt. Trotz des Mangels an Stoffen werden für die gewöhnlichen Geschäfte schnell Plagiate genäht, in Handarbeit Röcke verlängert und Mäntel so korrigiert, dass die Taille betont wird.

Blasse Meerwasserperlen, das gesammelte Licht, das sie reflektieren. Das Geräusch einer scharfen Schere, die durch Stoff schneidet. Révolution!

Die Briten haben genug. Von den Bomben und Terrorakten der Zionisten. Davon, die Araber bei Laune zu halten. Davon, dass in den vergangenen zwei Jahren in Palästina 80 Millionen Pfund vergeudet wurden und 100000 Engländer gezwungen sind, weit von zu Hause und ihrer Arbeit entfernt, dort präsent zu sein – alles nur »wegen eines sinnlosen, schmutzigen Kriegs gegen die Juden, um Palästina den Arabern oder Gott weiß wem zu übergeben«, wie Winston Churchill sagt.

Großbritannien, das dieses Gebiet einst zur Sicherung der Handelswege und seiner Kolonialherrschaft besetzt hat, will die Zukunft Palästinas nicht mehr als eine innerbritische Angelegenheit verstanden wissen, sondern erlegt die Verantwortung dafür dem Rest der Welt auf. Am 18. Februar, fünf Tage nach Christian Diors Traumfeuerwerk, geben die Briten bekannt, dass sie die Frage der Zukunft Palästinas ohne jegliche Empfehlung an die UN übergeben. Sie wollen weg von dem Elend, möglichst weit weg von der Verantwortung für eine Lösung.

Nur wenige Monate zuvor wollte die Arabische Liga schon den gleichen Vorschlag machen, nämlich das Problem an die UN zu übergeben, doch jetzt ruft das Vorgehen der Briten empörte Proteste hervor. Ägypten, Syrien, der Libanon, der Irak, Transjordanien und Saudi-Arabien vertreten untereinander zwar verschiedene Positionen, stehen in erster Linie aber alle unter dem Einfluss eines einzigen Mannes: Hajj Amin al-Husseini. Er ist der Führer der palästinensischen Araber und hat zwei hohe Ämter inne: Er ist Vorsitzender des Obersten Islamischen Rates und Großmufti von Jerusalem. Die Briten haben auch von ihm genug.

Die UN beschließen, ein Komitee aus Vertretern neutraler Staaten einzusetzen. Diese sollen das Problem lösen. Die

Die Zionisten fordern, dass das Komitee die Sammellager in Europa mit den Menschen, die den Völkermord überlebt haben, besuchen soll. Die arabischen Länder protestieren und meinen, das Komitee solle ausschließlich die Lage vor Ort, innerhalb der Grenzen des jetzigen Palästinas, studieren. In den Richtlinien der UN wird hingegen festgelegt, dass das Komitee arbeiten darf, wo immer es will, in Palästina oder an einem anderen geeigneten Ort.

Vorsitzender wird der schwedische Jurist Emil Sandström, und nach einer ersten Sitzung in New York beschließen die Mitglieder des Komitees, im Sommer fünf Wochen in Palästina zu verbringen. Sie haben ein paar Monate Zeit. Dann soll der Konflikt gelöst sein.

Chicago

Simone de Beauvoir macht ständig Bemerkungen über das Aussehen anderer Frauen. »Sie ist sehr hässlich.« »Sie ist schön, aber dämlich.« »Sie ist die einzige Frau, die ich für intelligent genug halte, um mit ihr zu verkehren, aber sie ist hässlich.« So kommentiert sie ihre weiblichen Bekanntschaften im literarischen Paris. Jetzt hat sie ihr klar abgestecktes

»Meine Gegenwart ist eine geborgte Gegenwart. Auf diesen Gehsteigen ist kein Platz für mich, diese fremde Welt, in die ich überraschend gefallen bin, erwartete mich nicht, sie war voll ohne mich – sie ist ohne mich voll, es ist eine Welt, in der ich nicht bin: in meiner vollkommenen Abwesenheit begreife ich es.«

Eine Freundin hat gesagt, sie solle Nelson Algren besuchen, wenn sie nach Chicago komme. Simone de Beauvoir folgt ihrem Rat. Am 20. Februar begegnet sie dem Schriftsteller Algren zum ersten Mal. Er ist 38, sie ein Jahr älter.

An einem Abend zeigt er ihr seine Welt, die Gegend um die West Madison Avenue, das, was er die Unterwelt Chicagos nennt. Junggesellenabsteigen, Obdachlosenasyle, schäbige Bars. In der ersten Bar spielt eine kleine Band, Frauen ziehen sich aus und bewegen sich obszön unter einem Schild, das Tanzen verbietet. Hinkende, entstellte, betrunkene Menschen tanzen. Simone beobachtet und sagt: It is beautiful.

Nelson ist erstaunt, findet es sehr französisch, doch es gefällt ihm. »Bei uns«, sagt er, »sind Schön und Hässlich, Grotesk und Tragisch, Gut und Böse scharf voneinander geschieden; die Amerikaner lehnen die Idee ab, dass diese Extreme sich vermischen könnten.«

Die beiden gehen weiter zu einer Bar für Schwarze und zu noch einer Bar. Die Straßen sind leer, kalt, verschneit, verlassen. Auf dem Heimweg im Taxi küssen sie sich.

Am nächsten Tag wandern de Beauvoir und Algren durch das arme und schmutzige polnische Viertel, in dem er aufgewachsen ist und den größten Teil seines Erwachsenenlebens verbracht hat. Wieder ziehen sie von Bar zu Bar, frieren im beißend kalten Wind und wärmen sich mit Wodka auf. Sie

»Sie mussten mir das Telefon aus der Hand reißen.«

Auf der Fahrt nach Los Angeles beschließt sie, zurückzukommen.

Nelson Algren lebt in einer Bruchbude ohne Badezimmer und Kühlschrank in einer Straße voll stinkender Mülltonnen und herumfliegender Zeitungen. Simone de Beauvoir findet die Armut erfrischend. Das Einzige, was ihr Sorgen macht, ist der Schmerz. Wenn es jetzt schon wehtut, von ihm fortzufahren, wie wird es dann erst sein, wenn sie sich wiedersehen?

Simone richtet diese Frage an Nelson. Er schreibt zurück: Too bad for us if another separation will be difficult. Komm zurück.

Ismailia

Aufzulisten, was Hassan al-Banna verabscheut, ist einfach: sexuelle Freizügigkeit. Die Befreiung der Frau. Demokratie. Musik. Tanz. Gesang. Ausländischen Einfluss.

Früh schon ist es al-Bannas Ziel, Richtiges anzuordnen und Falsches zu verhindern. Mit ein paar Kameraden gründet er als Jugendlicher in der Stadt al-Mahmudiyya eine Gruppe, die es sich zur Aufgabe macht, durch Gebet und Wachsamkeit die Moral zu heben. Eines Tages wandert er am Nil entlang und entdeckt genau an der Stelle, wo die Mütter des Dorfes Wasser holen, eine Holzfigur in Gestalt einer nackten Frau. Ein paar Schiffsbauer der Hafenstadt haben sich einen Spaß daraus gemacht oder geübt, weibliche

Ist das wahr? Hat sich das zugetragen? Wie auch immer, es ist eine Geschichte, die für die Entwicklung des Islams als politischer Bewegung von entscheidender Bedeutung sein wird: die oft wiederholte Legende von dem jungen Mann, der sich weder fürchtet, die Wahrheit zu sagen, noch, die Älteren zu korrigieren.

Als 20-Jähriger wohnt al-Banna in einem Haus in der Stadt Ismailia. Dort leben unten die Juden, im ersten Stock wohnen Christen, und er und einige Freunde mieten die Räume ganz oben: eine Metapher für die Entwicklung der monotheistischen Religionen, resümiert er. Daraufhin gründet er die Muslimbruderschaft.

Die Niederlande

Keine Tulpen blühen, die Gärten sind geplündert, alles ist umgegraben. Was hätten die Leute auch tun sollen? Gekochte Tulpenzwiebeln sollen ungefähr wie Kastanien schmecken, mild und süßlich, wenn man allerdings mehr als vier isst, vergiftet man sich.

Man kann nicht von nationalen Kriegsnarben sprechen, eher von nationaler Lähmung. Es fahren kaum Züge, weil es an Lokomotiven mangelt. Die Nazis haben sie nach Rumänien gebracht. Außerdem haben sie große Teile des Telefonnetzes demontiert, sodass die Leute jetzt nur in provisorischen Netzen telefonieren können, jedenfalls wenn sie gut bezahlen. Wer am besten zahlt, wird als Erstes vermittelt. Die Holländer dürfen auch keine Zwiebeln mehr kaufen, zumindest nicht für den Privatgebrauch. Die Felder bepflanzen allein professionelle Züchter, da der gesamte Blumenvorrat des

Und das Wort Deutschland will niemand auch nur hören, so groß ist die Abscheu nach der Besetzung. 25000 Holländer deutscher Abstammung werden durch ein neues Gesetz zu Feinden der Nation abgestempelt und zur Ausweisung verurteilt, mögen sie auch Juden, Liberale oder Antifaschisten sein. Die Gewalt bewegt sich auf reichlich ausgetretenem Pfad. Die Hollanddeutschen bekommen eine Stunde Zeit, um zu packen, was sie tragen können, höchstens aber 50 Kilo, und werden vor ihrer Ausweisung dann in Polizeigewahrsam genommen oder in Gefangenenlager in der Nähe der deutschen Grenze transportiert. Ihre Wohnungen und Firmen konfisziert der Staat. Operation Schwarze Tulpe.

Erleichterung hinterher? Reinheit?

Ansbach, Süddeutschland, amerikanische Zone

Europa ist voller Kinder, deren Eltern erschossen, vergast, gefoltert wurden, verhungert oder erfroren sind. Die Kinder sind Übriggebliebene und Überlebende – weil ihnen Haare blondiert und falsche christliche Geburtsurkunden ausgestellt wurden, weil man sie in Klöster gebracht hat, weil sie im Aborthäuschen in Eimern gesessen haben, hinter Wänden, auf einem Dachboden oder unter einem Fußboden eingeschlossen waren, weil ihre Eltern sie in der Schlange nach hinten geschubst haben, als sie am Donaukai an der Reihe waren, erschossen zu werden.

Einige dieser Tausenden von Kindern sind in provisorischen Kinderheimen versammelt oder in Pflegefamilien untergebracht, andere treiben sich in lose zusammengesetzten Banden auf den Straßen und in den Ruinen herum. Und dann sind da noch diejenigen, die gemeinsam mit einem Elternteil durch den Krieg gekommen sind, so wie Joszéf.

In einem alten Sanatorium in Strüth, fünf Kilometer nordwestlich von Ansbach, richtet die UN-Flüchtlingsorganisation UNRRA in Zusammenarbeit mit der zionistischen Organisation Jewish Agency ein Kinderheim ein. Während die elternlosen Kinder aus Ost- und Mitteleuropa auf die Ausreiseerlaubnis nach Palästina warten, werden die niedrigen, lang gestreckten weißen Gebäude für etliche zum zeitweiligen Zuhause.

Hinter den Gebäuden liegt Ackerland, wo sie Gemüse anbauen können. Es gibt ein Hauptgebäude für das UN-Personal und ein Nebengebäude, in dem eine kleine Krankenstation eingerichtet werden kann. Hier sollen die mageren Kinder 3000 Kalorien am Tag erhalten sowie einen um Lektionen in Hebräisch und jüdischer Kultur ergänzten Schulunterricht.

Der erste Schwung ungarischer Kinder kommt mit der Kibbuzbewegung Hashomer Hatzair ins Lager in Strüth. Anfangs wollen ihre Leiter mit der UNRRA oder der angrenzenden Militärbasis nichts zu tun haben, sondern fordern, selbst für sich sorgen zu dürfen. Die UNUNRRA220